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Reichsgräfin Gisela

Eugenie Marlitt: Reichsgräfin Gisela - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleReichsgräfin Gisela
authorEugenie Marlitt
year1996
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-23760-6
titleReichsgräfin Gisela
pages3-462
created20000608
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1869
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6

Schloß Arnsberg lag nicht, wie die meisten alten Thüringer Schlösser, auf dem Berge. Irgendein adliger Nimrod des dreizehnten Jahrhunderts, dem am wohlsten unter Bären und Wölfen gewesen sein mochte, hatte inmitten der zu jenen Zeiten fast noch undurchdringlichen Talwildnis den gewaltigen Steinhaufen aufgeschichtet. Rauh, ohne jedweden architektonischen Schmuck, stiegen damals die klafterdicken Mauern empor, nur hier und da ein schmächtiges, unsymmetrisch hingestreutes Fenster freilassend, durch das der Waldesodem und das grüngefärbte Licht des Dickichts einschlüpfen konnten. Aber es galt nicht allein die andringenden Bestien des Waldes abzuwehren. Der Geist der Erfindung, der zu allen Zeiten gesonnen hat, wie die Frage über das Unrecht, über das Mein und Dein, über Herrschaft und Recht und Unterwerfung am blutigsten zu schlichten sei, und der in unserem waffengesegneten Jahrhundert im Zündnadelgewehr und Hinterlader gipfelt, er war auch damals zu fürchten in seinen Wurfgeschossen, seinen Steinkugeln und Bolzen, und deshalb umgürtete sich das Schloß im Tal mit hohen Ringmauern und breiten Wassergräben. Später, als die Zivilisation ihren Fuß auch in diese Wildnis setzte, als die Pflugschar den jungfräulichen Waldboden aufriß und das volle Sonnenlicht auf blaublühenden Flachsfeldern und wogenden Haferähren funkelte, da zogen sich die Raubtiere scheu zurück, so gut wie sich ihre bisherigen einzigen Verfolger, das alte, einer schrankenlosen Jagdlust frönende Geschlecht, Stück um Stück des usurpierten Waldgebietes entreißen lassen mußten von den eindringenden Menschenkindern, die so anmaßend waren, auf Gottes schöner Erde auch existieren zu wollen. Und selbst über den Horst des alten Nimrod wehte der Hauch einer neuen Zeit. Der Wassergraben versumpfte, die Steine, die allmählich von den Ringmauern losbröckelten, wurden nicht wieder eingesetzt, und die Ketten der Zugbrücke rosteten, denn es zog sie niemand mehr auf.

Das Schloß im Walde ging durch verschiedene Hände, und jeder neue Besitzer flickte und veränderte den alten Bau im Stil seiner Zeit, bis er schließlich den romantischen Charakter der Ritterburg völlig verloren und dafür das Gepräge eines modern behäbigen, wenn auch immerhin stolzen Landedelsitzes eingetauscht hatte. Die geschwärzten Mauern, denen man unter unsäglichen Mühen lange Fensterreihen abgerungen, bedeckte ein heller, leuchtender Kalkbewurf, um deswillen Schloß Arnsberg in der Umgegend meist »das weiße Schloß« genannt wurde. Sorgfältig gepflegter Samtrasen, mit Blumengruppen bestickt, lag jetzt da, wo einst das fahle, trügerische Grün der Algen geschwommen, wo die modrige Ausdünstung des stagnierenden Grabenwassers das reine Waldaroma verpestet hatte, und von den ehemaligen Befestigungswerken stand nur noch hier und da ein halbeingestürzter Turm oder ein kohlschwarzes Mauerstück, unter dem Schatten einer uralten Rüster oder Eiche und überwuchert von Kletterpflanzen, als schmückende Ruine des Schloßgartens. Drinnen aber hatte das alte Gemäuer seine interessante, mittelalterliche Physiognomie siegreicher zu behaupten gewußt. War auch die Zeit der Renaissance, vor allem aber der Rokokostil mit seinen vorherrschend krummen Linien ausschmückend tätig gewesen – das Rauhe, Schlichte und Herbe des ersten Gedankens, infolgedessen das Bauwerk entstanden war, hatten sie doch nicht ganz zu verwischen vermocht. Vielleicht war es dieser versteckte Zug des streng Einfachen, was auf die eigentümlichen Neigungen der kleinen, Putz- und Prunksucht verachtenden Gisela einen unbewußten, geheimen Reiz ausübte – das Kind blieb sehr gern in Arnsberg und verlangte nicht nach der Stadt zurück, obgleich es wie eine kleine verwunschene Prinzessin droben in den einsamen, verschneiten Bergen saß, nie mehr Gelegenheit hatte, in ein anderes kindliches Antlitz zu sehen und lediglich auf den Umgang mit Frau von Herbeck und Jutta angewiesen war. Freilich kam auch, trotz der tiefverschneiten Wege, Baron Fleury fast allwöchentlich auf einen Tag nach dem weißen Schlosse, um das Kind zu sehen. Die Welt pries die aufopfernde Zärtlichkeit und Hingabe, die Kleine selbst aber lächelte ihm nach der beschwerlichen Fahrt niemals entgegen. Und er widersprach ihr doch selten, ja es schien fast, als erfülle er ihre unvernünftigen Wünsche am liebsten. Er brachte kostbare Spielereien und Toilettengegenstände mit; freilich nahm er ihr dafür einen Teil der leidenschaftlich geliebten deutschen Lese- und Märchenbücher mit dem Bemerken, die Gräfin Sturm dürfe beileibe kein Bücherwurm werden. Auf die Mitteilung der Gouvernante hin verbot er sofort jedweden Verkehr mit dem Neuenfelder Pfarrhause. Er hielt ferner unerbittlich streng darauf, daß das Kind nie auch nur einen Augenblick ohne standesgemäße Begleitung sei, und doch wäre es so unbeschreiblich gern einmal allein durch die entlegenen Gänge des Schlosses, vor allem aber nach dem nie benutzten alten Saal gelaufen, der direkt an die Schloßkirche stieß – seine Wände waren bedeckt mit vortrefflichen, uralten Freskogemälden aus der biblischen Geschichte – »greuliches Zeug, das sie nicht sehen könne, ohne nachts schreckhaft davon zu träumen« – meinte Frau von Herbeck stets sich schüttelnd, indem sie ihre Begleitung dahin beharrlich verweigerte... Was aber den inneren Widerspruch der kleinen Gräfin am meisten herausforderte, das waren die ihr von dem Papa und der Gouvernante aufgezwungenen Klavierstunden bei Fräulein von Zweiflingen.

Während ihres ganzen jungen Lebens war Jutta nur einem einzigen Menschen begegnet, der ihrem unwiderstehlichen Liebreiz zu allen Zeiten einen unbestechlichen Ernst entgegengehalten hatte – es war der alte Sievert, jetzt aber, im engeren Verkehr mit Gisela, machte sie die Erfahrung zum zweitenmal. Es war interessant zu sehen, wie dieses häßliche, schwächliche Geschöpfchen der strahlend schönen jungen Dame im fortgesetzten, stillschweigenden Kampfe gegenüberstand. Der von Juttas Seite fast leidenschaftlich gezeigte Wunsch, die Zuneigung der kleinen Hochgeborenen zu gewinnen, scheiterte immer wieder an dem kalten, ungerührten Blick der klaren, rehbraunen Augen, und ließ sich das junge Mädchen ja einmal hinreißen, die zarte Hand liebkosend auf den Scheitel des Kindes zu legen, da wich der kleine Kopf entrüstet zurück und schüttelte das farblose Haar so energisch, als könne damit jede Spur der ungebetenen Berührung abgeworfen werden.

Frau von Herbeck ignorierte diese »Eigentümlichkeit« des »Engelchens« in ihrer lächelnden, das Unvermeidliche glatt übergehenden Weise, insgeheim aber versicherte sie Jutta, das sei der unausstehliche gräflich Völdernsche »Dickkopf«, den leider auch die hochselige Großmama besessen und der sie innerlich manchmal bis zur Wut bringe.

Jutta bewohnte zwei hübsch möblierte Räume am Ende der langen Zimmerreihe, welche die kleine Gräfin und ihre Gouvernante innehatten. Wie eine Pflanze, die urplötzlich ins rechte Licht versetzt wird, entfaltete sich die ganze Individualität der letzten stolzen Zweiflingen in der hocharistokratischen Atmosphäre des gräflichen Hauses. Der mit Silbergeschirr beladene Mittagstisch, die auf jeden Wink herbeieilenden Lakaien, die Ausfahrten auf den seidendamastenen Polstern des eleganten Wagens, das waren Dinge, die sie bisher hatte entbehren müssen und die sich doch ganz von selbst verstanden für den Abkömmling hochgebietender Vorfahren. Das Waldhaus lag drüben festverschlossen, wie begraben unter den eisstarren Wipfeln; hinter seinen Riegeln, im dumpfen, feuchten Turmzimmer moderte das zurückgelassene alte braune Wollkleid und mit ihm alle unglücklichen Erinnerungen der letzten Jahre; die junge Dame wies sie zurück wie unverschämte Bettler, wenn sie sich ihr ja einmal im Vergleich mit der Gegenwart aufdrängen wollten. Ebenso rasch war sie mit der Zurechtlegung des ihr ziemlich rätselhaft gebliebenen Auftrittes zwischen dem Minister und ihrer Mutter fertig geworden. Sie hatte ja schon an jenem Abend zur Seite des so leidenschaftlich angegriffenen Mannes gestanden und gelangte auch nachträglich sehr leicht zu der Überzeugung, daß ihre Mutter, fast bis zum Wahnwitz gereizt infolge ihrer furchtbaren körperlichen Leiden und verblendet durch böswillige Einflüsterungen anderer, dem Minister schweres Unrecht getan habe.

Diese Annahme blieb ihr auch vorläufig ungeschmälert. Der Hüttenmeister war allerdings für den ersten Augenblick tief erschrocken gewesen über Juttas unüberlegten Schritt, aber der Fehler war einmal geschehen und ließ sich, ohne Aufsehen zu erregen, nicht mehr ändern. Der junge Mann konnte der Geliebten nicht einmal den Vorwurf der Unüberlegtheit machen, denn er war ja nie eingeweiht worden in ihre Familienverhältnisse – um die unmittelbar vor Frau von Zweiflingens Tode stattgefundene heftige Szene wußte er nicht; Jutta, als alleinige Zeugin, hatte den Vorfall nie mit einem Worte berührt. Während der ersten Zeit ihres Aufenthalts im weißen Schlosse konnte der Hüttenmeister nicht persönlich mit ihr verkehren. Bertolds jugendkräftige Natur hatte in jener entscheidenden Krisis, die am Weihnachtsabend eingetreten war, gesiegt; er blieb dem Leben erhalten, wenn er auch alle Stadien der furchtbaren Krankheit durchmachen mußte. Während dieser Zeit wußte Jutta brieflich dem Verlobten das Unverfängliche und zugleich die Notwendigkeit ihres Schrittes sehr überzeugend darzustellen, und er hütete sich, durch unzeitige Aufklärung ihr die Unbefangenheit zu rauben, die sie zu dem nun einmal eingegangenen Verkehr mit Frau von Herbeck und der kleinen Gräfin nötig hatte. Später, als die Gefahr der Ansteckung vorüber war, ging er oft nach Arnsberg. Freilich erlebte er nicht, daß die Braut an sein Herz flüchtete, um dort ihren »starren, tränenlosen Schmerz« endlich auszuweinen – sie war mit sich allein fertig geworden. Eine schweigende, scheinbar verzagende Nonnengestalt hatte er durch den Wald in das Pfarrhaus geleitet, und im Schlosse trat ihm ein wahrhaft königliches Weib entgegen, eine Erscheinung, die urplötzlich die letzte beengende Knospenhülle abgestreift und gleichsam über Nacht jene anmutige Sicherheit angenommen hatte, die scheue und schüchterne Mädchenseelen meist erst nach jahrelangem Kampfe mit sich selbst erringen.

Jutta entwickelte sehr viel Geist und jene meisterhafte Art, Konversation zu machen, die selbst die oberflächlichsten Plaudereien pikant und anziehend erscheinen läßt. Dabei schwebte häufig ein völlig neues, verführerisches Lächeln um ihre Lippen – es hätte dem Hüttenmeister auffallen müssen, daß er alle diese Eigentümlichkeiten früher nicht gesehen, oder mehr noch, daß nicht er es gewesen, der sie zu erwecken vermocht hatte; allein sein eigenes goldtreues Gemüt, sein blindes Vertrauen auf Juttas Charakter und hingebende Liebe ließen nie auch nur eine Spur von Verdacht in ihm aufkommen. Er gab sich arglos dem neuen Zauber hin, und wenn auch das junge Mädchen jetzt weit zurückhaltender war als sonst, wenn sie ihn nicht mehr mit der lebhaften stürmischen Freude empfing wie ehemals im Waldhause – so entsprang dies einzig und allein der Scheu vor der neuen Umgebung, eine Auffassung, die offenbar auch Frau von Herbeck teilte, denn sie bemühte sich, durch verdoppelte Liebenswürdigkeit Juttas verändertes Wesen zu verdecken – diese »durch und durch respektable, prächtige« Frau von Herbeck! –

So war der Winter verflossen, ein so strenger und weißer Winter, wie er den Thüringer Wald seit langen Jahren nicht heimgesucht hatte. Das erste lustige Flockengewimmel, das die Pfarrerin von Neuenfeld so freudig begrüßt hatte, war der Vorläufer eines ungeheuren Schneefalles gewesen. Vorzüglich droben in den höchsten Gebirgsregionen hatte es monatelang so unermüdlich und fortgesetzt geschneit, daß die Häuser Tag für Tag tiefer einsanken in ihr weißes Grab, bis schließlich nur noch hier und da die schornsteingekrönte Holzfirst wie eine graue Linie auf dem flimmernden Weiß lag; niedrigere Hütten aber ließen nicht einmal diese Spur ihres Daseins auf der Oberfläche zurück. Die Bewohner stiegen durch den Rauchfang aus und ein, und es kam vor, daß Wanderer, die in der unkenntlich gewordenen Gegend den Weg verloren hatten, zu ihrem Entsetzen urplötzlich versanken und mit Blitzesschnelle in einen engen Schacht einfuhren, um sich drunten auf der Herdplatte, inmitten sehr erschrockener Gesichter, wiederzufinden.

Warm war's da unten in der tiefen Finsternis, die der knisternde Kienspan oder das qualmende Öllämpchen matt durchleuchteten – an Feuerung fehlte es nicht; aber der Topf, der im Ofen brodelte, enthielt kaum die Hälfte der gewohnten täglichen Mahlzeiten, ja, öfter noch stand er feiernd auf dem Küchenbrett, und die eingesargten Leute gingen hungrig zu Bette. Der im vergangenen Herbst so kärglich eingeheimste Kartoffelvorrat ging rasch zu Ende, und wehe dem armen Waldbewohner, wenn ihm diese Quelle versiegt! Die Kartoffel vertritt bei ihm Fleisch und Brot; er ißt sie gebraten oder in der Pfanne gebacken zu feinem dünnen, elenden Kaffee, mit dem die erquickende Mokkabohne gewöhnlich nur noch den Namen gemein hat. Damit sättigt er sich oft monatelang, und eine einzige Mißernte läßt sofort das Gespenst der Hungersnot auftauchen.

Nun klangen die Osterglocken durch die weißen Täler, und als ob er nur auf diese ersten Frühlingsstimmen gewartet hätte, flog ein warmer Tauwind auf und streifte hin über die hochgetürmten Schneezinnen der Berggipfel, über die Tausende zackengeschmückter Eispyramiden, die der Fichtenwald hoch hinauf nach den Wolken reckte. Das ist bei hohem Schneefall stets eine verhängnisvolle Zeit für einzelne Täler des Thüringer Waldes... Es tropft leise, leise von den glitzernden Eisnadeln herab auf die Schneedecke, die außen wie ein blanker Schild noch trotzig und scheinbar siegreich die Strahlen der heiteren Märzsonne zurückwirft, während unter ihr bereits kleine Wasseradern pulsieren. Das geräuschlose Durchsickern verwandelt sich allmählich zu Rinnen und Rieseln, zu tausendfältigen schmalen Bächlein, die gnomenhaft wühlend taleinwärts streben. Die häuserhohe Schneeschicht sinkt ein, ihre marmorglatte, zu körnigem Eis erhärtete Oberfläche zerbirst, und aus allen Spalten steigen gurgelnd und brodelnd die unterirdischen, schmutziggelben Wasser... Nun dringt auch das Tageslicht wieder durch die Hüttenfenster, aber mit bange klopfendem Herzen sehen die Bewohner den schäumenden Wasserschwall von den Bergen stürzen. Wohl mündet er anfänglich in den kleinen Fluß, der über die Talsohle hinrauscht und friedlich die Mühlen treibt – eine kurze Zeit wälzen sich die trüben, losgerissene Felsstücke und entwurzelte Bäume mitschleppenden Wogen in dem schmalen Bett, allein sie schwellen und steigen beharrlich.

Immer breiter und vielfältiger quellen die mißfarbenen Bänder droben aus dem Walddickicht; die Frühlingssonne sieht das Verderben mit ihnen herabstürzen und saugt lächelnd ihren glühenden Kuß immer fester an das Talgelände – sie will Blumen wecken und schreitet dabei unerbittlich über Menschenwerke und Menschenwohlfahrt. Der Boden schluckt den geronnenen Schnee nicht mehr, es quillt und wogt nun auch auf Ackerland und Wiesengründen, der Fluß schwillt über – und nun möge sich Gott erbarmen! – »Wassersnot auf dem Walde!« rufen bestürzt die Bewohner der Niederungen, wenn die von droben herabtosenden hochangeschwollenen Flüsse Häusertrümmer und Gerätschaften auf ihrem Rücken mitbringen.

Die Neuenfelder Gegend war diesen Gefahren weniger ausgesetzt, sie erstreckte sich nicht bis in jene unheimlichen Regionen. Der kleine Fluß jedoch, der so anmutig das Tal durchschnitt und im Sommer oft allzu sanftmütig und unschuldig über das Wehr hinabfloß, war zur Frühlingszeit ein heimtückisches, mit den Hochfluten der oberen Berge zusammenhängendes Gewässer. Er trat dann auch leicht über die steilen Ufer und nahm mit, was sich an Mühlen, Brücken und Stegen irgend losreißen ließ.

Am dritten Osterfeiertag nachmittags wanderte der Hüttenmeister in Begleitung des Studenten nach Schloß Arnsberg. Bertold war völlig wiederhergestellt und sollte in den nächsten Tagen nach der Universität zurückkehren. Er hatte es bis dahin beharrlich verweigert, sich der Braut des Bruders vorstellen zu lassen. Niemand wußte, daß dies junge, feurige Gemüt alle Qualen tödlicher Eifersucht durchlitt, daß es eine Art von Haß in sich trug gegen das Wesen, das den ernsten, abgöttisch geliebten Bruder berückt hatte und seine ganze Seele erfüllte. Dabei war ihm Juttas adlige Abkunft stets ein Gegenstand des Mißtrauens gewesen, und dieser Argwohn erhielt reichliche Nahrung durch die Übersiedlung der jungen Dame nach dem weißen Schlosse. Er ahnte in Sievert einen Verbündeten, und wenn auch der Alte in Rücksicht auf den Hüttenmeister und gestützt auf die Erfahrung, daß seine Warnungen stets Öl ins Feuer gegossen, hartnäckig schwieg, so gab es doch Momente, wo sein unauslöschlicher Groll rückhaltlos durchdrang und in dem Studenten die Besorgnis, sein Bruder könne unglücklich werden, bis zur namenlosen Angst steigerte.

Er schritt jetzt schweigend neben dem Hüttenmeister her, der endlich, um der vermeintlichen Schüchternheit des jungen Menschen zu Hilfe zu kommen, einen Machtspruch getan und ihn zu einem Besuch bei Jutta gezwungen hatte.

War der Kontrast zwischen den beiden Brüdern schon früher ein auffallender gewesen, so ließen sie sich jetzt, wo Bertolds Erscheinung noch sehr unvorteilhafte Spuren der überstandenen Krankheit trug, in gar keiner Weise mehr vergleichen. Die überschlanke Gestalt des Studenten bog sich immer noch ziemlich matt und haltlos vornüber. Sein mageres, scharfgeschnittenes Gesicht mit der durchsichtigen Blässe und den sehr groß gewordenen dunklen Augen erschien fast gespenstisch, und das schmucke Cereviskäppchen, das früher keck über einer wahrhaft prächtigen Lockenfülle geschwebt hatte, saß jetzt fast trübselig auf dünn gewordenen spärlichen Haarringeln – im Vergleich zu der tadellos schönen Männergestalt des Hüttenmeisters sah der junge Mann verkommen, ja beinahe häßlich aus.

In dem Flußbett, neben dem die beiden eine kurze Strecke hingingen, tobte eine lehmfarbene Wassermasse; das Ufergebüsch war zum größten Teil verschwunden, und nur noch die oberen Zweige der elastischen Weide ragten wildgepeitscht aus dem Schwalle. Das Wasser stieg von Stunde zu Stunde... Auf der Jochbrücke, die ein Stück oberhalb des Wehres über den Fluß führte, blieb der Hüttenmeister einen Augenblick stehen und verfolgte tiefbesorgt die Gegenstände, die in rasender Geschwindigkeit heranschwammen – es waren bis jetzt nur Baumstämme und weggeschwemmtes Scheitholz, die mit wuchtigen Stößen gegen die Brückenpfähle fuhren und das altersmorsche Bauwerk in allen Fugen krachen ließen.

Wie anders war die Szenerie hinter dem altmodischen, eisernen Gittertor des Arnsberger Schloßgartens!... Wo der Schnee den warmen Sonnenstrahlen nicht hatte welchen wollen, war er durch Menschenhände weggeräumt worden. In den langen Lindenalleen leuchtete der trockene, weißgebleichte Kies, die violetten Sterne der Leberblümchen und die gelben Krokuskelche guckten aus dem schwarzen Erdreich der Rondells, und über den weiten Rasenflächen lag der erste wunderfeine Anhauch der hervorkeimenden Grasspitzen. Hinter der Glaswand des großartigen Treibhauses aber dufteten und schimmerten alle Blütenformen und -farben, vom dunkeläugigen Veilchen an bis hinauf zur formenschönen, aristokratischen, aber seelenlosen Kamelie.

Der Hüttenmeister bemerkte nicht, wie sich der Blick des Studenten verfinsterte, als das weiße Schloß hinter den blätterlosen Baumgruppen aufleuchtete – und es sah doch so gastlich aus; es hatte seine sämtlichen Fensterläden aufgeschlagen, alle Balkontüren standen weit offen, Lehnstühle und Taburetts waren in ihr Bereich gerückt, und in die sonnengesättigten Lüfte hinaus kreischten Papageien und andere buntschimmernde Vertreter einer exotischen Tierwelt, die auf ihrem Ring balancierend oder auch in der engen Haft des Messingkäfigs auf den Balkons standen.

Im Hof, der, inmitten der drei Schloßhügel liegend, durch ein schwarzes Eisengitter vom Garten geschieden wurde, herrschte reges Leben. Der Minister war gestern angekommen und wollte heute noch nach A. zurück, wo für den Abend großer Hofball angesagt war. Wahrscheinlich stand der Moment der Abfahrt nahe bevor; die Stallbedienung schob verschiedene Wagen aus den Remisen und lief geschäftig von einer Tür in die andere. Im vollkommenen Gegensatz zu diesem Treiben lungerten zwei Lakaien in dem Portal, das nach dem Vestibül führte. Offenbar beim Mittagstisch servierend – sie hatten Servietten über die rechte Schulter geschlagen –, ließen sie sich während der Pause zwischen zwei Gängen von der Sonne bescheinen. Sie lehnten die Rücken gegen die Türeinfassung und streckten die in Kniehosen und weißen Strümpfen steckenden Beine lang hin. Keiner hielt es für nötig, seine nachlässige Stellung zu verändern, ja auch nur die unverschämt vorgeschobenen Fußspitzen ein wenig zurückzuziehen, als die beiden jungen Leute über die Schwelle schritten. Der Student maß ihre stupid hochmütigen Gesichter mit einem funkelnden Blick und schlug sich mittels einer heftigen Bewegung das Käppchen fester auf den Kopf.

Droben an der Tür, die einen Korridor verschloß, blieb der Hüttenmeister einen Augenblick stehen, ehe er die Hand auf den Drücker legte.

»Nein, wenn das so fortgeht, da kann unsereins wirklich nicht mehr bleiben!« sagte drinnen eine weibliche Stimme, fast erstickt vor Ärger. »Na, die hochselige Gräfin sollte nur mal kommen und den Skandal mit ansehen!... Vom Tische fortgeschickt! Hat man so was schon erlebt? – Die kleine Gräfin Sturm vom Tische fortgeschickt, weil sie nicht um Verzeihung bitten will – und wen, frage ich?... Hören Sie, Charlotte, ich weiß noch recht gut, wie sie am Weihnachtsabend ankam in der gnädigen Frau ihrem blauen Samtmantel, weil sie selber nicht einmal ein Mäntelchen auf dem Leibe hatte – unsereins hätte sich zu Tode geschämt, so anzukommen... Die eingebildete Person! Bei ihrer Mutter hat sie Hunger und Kummer leiden müssen... Mir hat der Forstgehilfe Müller selbst erzählt, daß er gar manches Mal ein Auge zugedrückt hätte, wenn der alte Sievert Holz mitgenommen –«

In diesem Augenblick stieß der Hüttenmeister, flammendrot im Gesicht, die Tür auf. Lena, die hübsche Kammerjungfer der kleinen Gräfin, fuhr erschrocken zurück und schrie laut auf, wobei ihr die danebenstehende Kollegin sekundierte. Allein die kleine Dame hatte sich im Umgang mit Hofleuten gebildet und verlor lieber ein Stückchen persönlicher Ehre als ihren guten Ruf hinsichtlich der Formgewandtheit; demgemäß hatte sie sich sofort wieder gefaßt. Anmutig lächelnd legte sie die kleine, beringte Hand kokett auf ihr erschrockenes Herz, schritt aber dabei nach einer Tür zurück, deren einen Flügel sie einladend öffnete.

»Bitte, treten Sie einstweilen ein, Herr Hüttenmeister!« sagte sie freundlich. »Fräulein von Zweiflingen ist noch bei Tische – es wird heute drunten im weißen Zimmer bei Seiner Exzellenz diniert.«

Der junge Mann war schweigend an ihr vorübergeschritten – auf der Schwelle aber wich er überrascht zurück; der geöffnete Türflügel war breit genug, um auch dem nachfolgenden Studenten einen Einblick in das Zimmer zu gewähren... Das Tageslicht, das draußen so golden auf Berg und Tal lag, schwamm grün, gleichsam als smaradgner Duft da drinnen – es drang durch grüne seidene Gardinen. Mit solch grünem Zauber umspinnt die Sage den Meeresboden – ein dichterischer Gedanke, den üppige Phantasie und ein raffinierter Geschmack der Ausschmückung dieses Zimmers zugrunde gelegt hatte. Der strahlende Seidenstoff der Vorhänge rauschte auch über Türen und Wände und lag auf den schwellenden Polstern der muschelförmig geschweiften Sessel und Sofas, deren Umrisse eine schmale, mit Perlmutter ausgelegte Holzeinfassung bezeichnete... Bleiche Marmorgestalten, Nereiden und schilfumrankte Tritonen, hoben sich aus der Wanddraperie, und das grüne Licht spielte hin über die weißen Leiber, wie die leichte Schaumwelle des Meeres. Auf dem Fußboden lag ein dunkler Smyrnateppich, bedeckt mit Seelilien und langen Schilfblättern; Gruppen von Korallen und Muscheln rafften die Vorhänge und Portieren zurück, und an der Decke schwebte als Ampel eine riesige Lotosblume aus weißem Milchglas.

»Treten Sie nur näher, Herr Hüttenmeister!« wiederholte die Kammerjungfer – ihr freundliches Lächeln wandelte sich zu einem unsäglich boshaften; sie schien sich an dem Befremden des jungen Mannes zu weiden. »Es ist ja ganz gewiß Fräulein von Zweiflingens Zimmer – nur ein klein bißchen verändert... Exzellenz haben gestern gefunden, daß die Motten in den wolldamastenen Möbeln seien, und da ist die Einrichtung aus dem Lieblingszimmer der hochseligen Frau Gräfin Völdern heraufgeschafft worden.«

Die schlanke, geschmeidige Gestalt des unseligen Weibes hatte einst auf diesen Polstern geruht – über ihr Nixenhaupt mit dem strahlenden goldblonden Haar und den verlockenden Augen war der grüne Meereszauber hingeflossen...

Der Student warf einen forschenden Blick auf das Gesicht seines Bruders – war es einzig und allein die Wirkung des bleichenden Lichtes da drinnen, unter der mit einemmal die Züge des Hüttenmeisters so statuenhaft starr und marmorweiß erschienen?... Er trat mechanisch auf die Schwelle, und der Student folgte ihm.

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