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Reichsgräfin Gisela

Eugenie Marlitt: Reichsgräfin Gisela - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleReichsgräfin Gisela
authorEugenie Marlitt
year1996
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-23760-6
titleReichsgräfin Gisela
pages3-462
created20000608
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1869
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31

Der tageshell erleuchtete Vorsaal war leer. Die Dienerschaft war im Tanzsaal beschäftigt, aus dem die rauschende Ballmusik herniederscholl... Gisela schlüpfte ungesehen ins Freie. Die kleinen Kiesel zu ihren Füßen funkelten in dem Lichtstrom, der droben durch die Scheiben quoll und die Fensterkreuze in riesigen Formen über den Kiesplatz warf.

Rasch über den weiten hellen Platz eilend, bog die junge Dame in die nächste Allee ein – aber auch sofort fuhr sie mit einem lauten Aufschrei zurück – eine Gestalt trat hinter dem ersten Baum hervor.

»Ich bin es, Gräfin«, sagte der Portugiese in tiefen, bebenden Lauten.

Gisela, die angstvoll nach dem Schlosse zu geflohen war, kehrte zurück, während der Portugiese den Schatten der Allee verließ und heraus auf den Kiesplatz trat.

Das blendende Kerzenlicht der Kronleuchter floß hernieder über sein unbedecktem Haupt und ließ jeden Zug des schönen Gesichts scharf hervortreten – seine Augen aber brannten in freudiger Überraschung und unverhohlener Glut.

»Ich habe hier gewartet, um Sie in den Wagen steigen zu sehen«, sagte er – es klang, als werde diese gedämpfte Stimme erstickt durch das stürmische Klopfen des Herzens.

»Das Pfarrhaus ist nicht weit; bis dahin brauche ich keinen Wagen, und einer Bittenden ziemt es auch, zu Fuße zu kommen«, versetzte das junge Mädchen sanft, fast demütig. »Ich habe gebrochen mit der Welt, in der ich geboren und erzogen bin; ich lasse alles dort zurück« – sie deutete nach dem Schlosse –, »was noch vor wenigen Tagen mit dem Namen der Gräfin Sturm verkettet war: die gestohlene Erbschaft, den Geburtshochmut und alle jene sogenannten Vorrechte, die eine egoistische Kaste an sich gerissen hat... Oh, mein Herr, ich habe einen schaudernden Blick getan in jene Welt, die sich durch Mauern und Wälle hochmütig abschließt von der übrigen Menschheit! Ich bin bis dahin der kindischen Meinung gewesen, diese Mauern seien da, um das Reine vom Unreinen, die Tugend vom Verbrechen zu scheiden, und nun sehe ich, daß das Verbrechen draußen unter den Verachteten nicht heimischer sein kann, als hinter diesen Mauern. Ich mußte mich noch vor wenigen Augenblicken überzeugen, daß man, statt den Adel doppelt dafür zu strafen, weil er nicht adlig ist, selbst wieder zum Betrug greift, um die Flecken der Ehrlosigkeit vor dem richtenden Auge der Welt zu verdecken... Ich flüchte zu den Menschen, die wahrhaft Menschen sind – ich suche ein Asyl im Pfarrhause.«

»Darf ich Sie hinüberführen?« fragte er mit verschleierter Stimme.

Sie streckte ihm ohne Zögern die Rechte entgegen.

»Ja – an Ihrer Hand will ich in das neue Leben eintreten,« sagte sie mit einem strahlenden Lächeln.

Da stand er, genau wie am Abgrund der Steinbrüche – er ergriff die dargebotene Hand nicht.

»Gräfin, ich erinnere Sie an einen dunkeln Moment in Ihrer Kindheit, an jene Mißhandlung, infolge deren Sie krank und elend und um alles Glück der Kinderjahre betrogen wurden,« sagte er dumpf. »War es nicht dort« – er zeigte nach einer Stelle des Kiesplatzes, die von dem aus dem Vorsaal strömenden Lichtquell förmlich überschüttet wurde – »wo der Grausame, der Jähzornige den armen, kleinen Kindeskörper unbarmherzig schüttelte und von sich stieß?«

Giselas bleiche Wangen wurden noch weißer.

»Mein Herr, ich habe Ihnen gesagt, daß diese Erinnerung begraben sei mit –«

»Mit ihm, mit jenem Unglücklichen, der noch in derselben Nacht umgekommen ist, nicht wahr, Gräfin?« unterbrach er sie. »Er ist nicht ertrunken – sein Bruder rettete ihn, um unmittelbar darauf selbst in den Wellen unterzugehen!« – Jetzt hob er langsam seine Rechte. – »Das ist die Hand, die Sie gemißhandelt hat, Gräfin Sturm! Ich bin jener Bertold Ehrhardt, jener mutmaßliche Brandstifter, ›der vermessene Demokrat, der Seiner Exzellenz so schlimme Dinge gesagt hat‹ –«

Er hielt inne und stand vor ihr, atemlos, mit gesenkter Stirn, als erwarte er einen Richterspruch, der ihn zu Boden schmettern müsse.

»Mein Herr«, sagte das junge Mädchen tieferschüttert – nie wohl hatte die süße Stimme so hold tröstend und seelenvoll geklungen – »Sie haben mir neulich selbst gesagt: ›Wer weiß, vielleicht litt seine Seele tausend Schmerzen!‹ Und der Fürst machte Ihnen vorhin den Vorwurf, Sie haßten den Adel; Sie haben damals jedenfalls traurigen Grund genug gehabt, eine Vertreterin der verhaßten Kaste – wenn auch wohl in jenem Augenblick die unschuldigste – von sich zu stoßen.«

»Darf ich Ihnen den Grund mitteilen?« fragte er aufatmend.

Sie neigte bejahend das Haupt, und beide traten in die dunkle Allee zurück. Und er erzählte ihr mit schmerzlich vibrierender Stimme die Leidensgeschichte seines ertrunkenen Bruders und schilderte den namenlosen Jammer, mit dem er an der Seite des schmählich Verratenen durch das Schloß und seine Alleen geschritten war. Er zeigte dem lautlos schweigenden Mädchen den hoch in die dunkeln Lüfte hineinragenden Felsenvorsprung, auf dem einst das edelste Herz seinen letzten furchtbaren Kampf durchgerungen hatte... Die Nacht war sternenklar geworden – die gewaltigen Umrisse der weißen, nackten Felsenbrust dämmerten durch das Dunkel, und hoch über ihr funkelten die Millionen Silberflitter, mit denen die Nacht ihre Schleppe bestreut... Und er erzählte weiter, wie er flüchtig geworden, den bösen Rachedurst im Herzen, wie er aber auch in rastloser Tätigkeit Schätze um Schätze aufgespeichert habe, um seinem vergötterten Bruder ein würdiges Denkmal setzen zu können – ein Denkmal, bestehend im Ankauf des vernachlässigten Hüttenwerkes und in der Schöpfung der Neuenfelder Kolonie, wie sie jetzt bestehe... Und während er sprach, bald in leidenschaftlich aufbrausenden Tönen, halb mit dem halbverbissenen Ausdruck unsäglicher, jahrelang getragener und verschwiegener Leiden, schmetterten die Jubelakkorde aus dem Ballsaale herüber, und auf der seitwärts sich hinstreckenden, halbbeleuchteten Rasenfläche kreisten und jagten die Schatten der tanzenden Paare... Drüben aber zwischen den dämmernden Bosketten sprangen die Fontänen, geisterhaft angestrahlt von dem Feenglanz der Säle, und wenn die gellenden Trompeten für einen Augenblick schwiegen, da flüsterten und murmelten sie in die Erzählung hinein, als wüßten sie noch, wo jener tiefernste Mann mit der vom Tod bezeichneten Stirn zum letztenmal an ihnen vorübergeschritten war.

Und als der tieferregte Mann endlich schwieg, da nahmen zwei weiche, kleine Hände seine herunterhängende Rechte und hielten sie mit schüchternem Druck fest.

»Gräfin, Sie verabscheuen diese Hand nicht?«

»Nein – wie könnte ich?« stammelte sie mit halbgebrochener Stimme. »Trösten und beruhigen möchte ich Sie mit aller Überzeugungskraft, die einer menschlichen Stimme möglich ist –«

Er hielt ihre Hände fest und zog das Mädchen stürmisch hinaus auf den Rasenplatz. Der Kerzenschein fiel hell auf ihr Gesicht und ließ die halbverhaltenen Tränen in den braunen Augen funkeln.

»Erinnern Sie sich der Worte, die Sie mir heute nachgerufen haben, als ich meinte, für immer von Ihnen zu gehen?« stieß er in namenloser Aufregung hervor und preßte die schlanken, bebenden Hände an seine Brust.

Sie schwieg und strebte mit tiefgesenktem Kopf ihre Hände frei zu machen – sie wollte offenbar das von flammender Röte übergossene Antlitz hinter ihnen verbergen.

»Ich will mit Ihnen sterben, wenn es sein muß!« – flüsterte er ihr ins Ohr. – »War es nicht so?... Gisela, dieser Ruf galt dem Portugiesen mit dem hochtönenden Namen; der aber ist versunken für immer in dem Augenblick, da sich seine Mission erfüllt hat« – seine Stimme war klanglos, denn das Mädchen hatte jetzt, heftig den Kopf schüttelnd, in der Tat die Hände losgerungen. »Vor Ihnen steht der schlichte Deutsche mit dem einfachen Namen, den er nie wieder ablegen wird –«

»Und zu ihm sage ich« – unterbrach sie ihn mit fester Stimme und hob die Augen voll unsäglicher Liebe zu ihm empor – »nicht sterben will ich, Berthold Ehrhardt; aber leben, leben will ich für Sie!...«

Noch hielt der Mann an sich.

»Wissen Sie auch, was Sie da aussprechen, Gisela?... Nein, Sie können es unmöglich in seinem ganzen Umfang begreifen, denn Sie sind zu unerfahren in Welt und Leben! Ich will es Ihnen sagen... Sie geben mir mit diesen wenigen Worten das Recht, Sie einst in Wirklichkeit als mein ausschließliches Eigentum für Zeit und Ewigkeit in mein einsames Haus tragen zu dürfen... Und ich darf dabei eine meiner Schwächen nicht verhehlen – ich würde Sie unerbittlich festhalten in dieser Einsamkeit, aus Furcht, es könnte ein fremder Blick auf Sie fallen... Ich weiß es, ich würde ein grausamer Egoist sein, ich würde von Ihnen verlangen, nur für mich zu leben; ich würde nicht eins dieser goldenen Haare von fremder Hand berühren lassen; ich würde jeden Ihrer Pulsschläge mit eifersüchtigem Auge bewachen... Und für alles, was Sie zu ertragen hätten, bliebe Ihnen kein anderer Ersatz, als das Bewußtsein, einem einzigen Herzen das Paradies auf Erden zu erschließen, einem Manne –«

»Dem einzigen Manne, den ich liebe,« fiel sie ihm ins Wort. »Hörten Sie nicht, wie ich dem Fürsten erklärte, daß mir mein Lebensweg bereits klar und bestimmt vorgezeichnet sei? Es ist der Weg, den ich einzig und allein an Ihrer starken Hand gehen will... Schließen Sie mich ein in die Einsamkeit. Ich weiß nur ein Glück, das ich mir wünsche: Sie zu trösten und durch meine Liebe und Hingebung mit Ihrer traurigen Vergangenheit zu versöhnen... Nehmen Sie mich hin – ich bin Ihr Eigentum!«

Und er hatte sie bereits hingenommen. Er hielt sie mit dem rechten Arm umschlungen und drückte mit der zitternden linken Hand ihr Köpfchen an seine breite, gewaltige Brust, in leidenschaftlicher Glut, aber doch sanft und sacht, wie man ein zartes, gebrechliches Vögelchen liebkost.

»Ich gehe mit Ihnen, wohin Sie wollen,« flüsterte sie, während die heißen, zuckenden Lippen, die sie schon einmal auf der Hand gefühlt hatte, die leuchtende Mädchenstirn berührten. »Ich gehe mit Ihnen auch dahin, wo Sie mit den Tigern kämpfen –«

»Nein, nein!« stammelte er. »Wie möchte ich meine weiße Blume, meine zarte, schlanke Birke dem kühlen, deutschen Wald entreißen?... Ach, Gisela, du bist unwiderruflich mein!« rief er in ausbrechendem Jubel. – »Und nun sollen auch nicht einmal deine kleinen Füße den Boden mehr berühren, dem ich dich für immer entführe!«

Er hob sie plötzlich mit gewaltigen Armen empor, drückte sie fest an seine heftig atmende Brust und stürmte mit ihr durch die Alleen zum Schloßtor hinaus, dessen Flügel schmetternd hinter ihnen wieder zufielen.

Bald darauf stand Gisela allein an der Tür des Pfarrhauses, während der Portugiese seitwärts verharrte und das Mädchen mit seinen Augen behütete, bis es Einlaß gefunden habe.

Es war bereits späte Nachtzeit; aber im Wohnzimmer der Pfarre brannte noch Licht. Gisela klopfte, und fast unmittelbar darauf wurde die Haustür geöffnet. Die junge Dame winkte noch einmal mit der Hand in das Dunkel zurück, dann trat sie in die Haustür und stand vor der Pfarrerin, die, eine Lampe in der Hand, wie versteinert in das Gesicht des späten Gastes blickte.

»Frau Pfarrerin,« sagte die junge Gräfin sanft bittend und ergriff die Hand der Frau, »Sie haben auf der Waldwiese von der Liebe gesprochen, die das Christentum zu allererst predige – an diese Liebe wende ich mich und bitte Sie inständig um ein Asyl in Ihrem Hause.«

Die Pfarrerin setzte die Lampe rasch auf einen niedrigen Schrank, der in dem Hausflur stand, nahm beide Hände des jungen Mädchens zwischen die ihrigen und sah ihr mit ihrem scharfen, klugen Blick tief in die Augen.

»Das soll Ihnen werden, liebe Gräfin«, sagte sie fest und kräftig beteuernd. »Sie sollen in meinem Haus und in meinem Herzen einen Platz finden wie mein eigen Kind... Aber was muß geschehen sein, daß –«

»Es ist schweres Unrecht geschehen, Frau Pfarrerin«, unterbrach sie Gisela. »Lang verschwiegene Sünden und Verbrechen sind an das Tageslicht gekommen... ich weiß jetzt, daß ich während meines ganzen jungen Lebens mit beiden Füßen auf einem Abgrunde voll Verderbnis und heimtückischer Anschläge gestanden habe... Ich will reine Luft atmen, ich will das Schlimme, das mir noch anhaftet aus meinem bisherigen Leben, hier abstreifen – Sie haben ein großes Herz voll warmer, mütterlicher Liebe und einen starken, furchtlosen Geist – ich weiß es und habe Sie lieb gehabt, seit ich Sie so mutig vor dem Minister stehen sah... Sie sollen mich belehren und leiten und vorbereiten zu einem hohen, heiligen Beruf... Muß ich Ihnen erst alle die schauerlichen Entdeckungen mitteilen, um derentwillen ich das weiße Schloß verlassen habe, um es nie wieder zu betreten?«

»Ach was, liebe Gräfin, das brauche ich nicht zu wissen, müßte auch lügen, wenn ich sagen wollte, ich guckte gern hinter die Ränke und Schwänke der hohen Herren – man kommt selten mit heiler Haut und Seele wieder davon... Mir genügt, daß Sie Schutz in meinem Hause suchen... Armes Kindchen, es muß schon hageldick gekommen sein, um solch ein unschuldiges Gemüt aus seiner Harmlosigkeit aufzurütteln!... Und nun kommen Sie« – sie schlang ihren Arm um Giselas Schulter, während der Humor aus ihren klaren, blauen Augen sprühte –, »freilich habe ich ein großes mütterliches Herz; stecken doch acht liebe Blondköpfchen drin, und wo sie hausen, da findet sich auch ein trauliches Plätzchen für Sie... Macht die Tür weit auf, ihr Mädchen!« rief sie mit strahlendem Gesicht nach der Wohnstube hinüber, wo die Tür ein wenig klaffte und hier und da ein neugierig herauslauschendes Näschen und ein blonder Scheitel sichtbar wurden. – »Es ist so etwas wie das Christkindchen über Nacht in unser Haus gekommen... Ihr habt es immer schon von fern gern gehabt, nun dürft ihr's euch auch in der Nähe besehen!«

Die Tür wurde weit zurückgeschlagen – an der Schwelle standen schüchtern und verschämt drei Mädchengestalten – aus den »kleinen, wilden Panduren« waren schöne, kräftige Blondinen geworden.

»Das ist meine Älteste«, sagte die Pfarrerin nicht ohne mütterlichen Stolz und deutete auf die mittlere der drei Gestalten, ein hochgewachsenes Mädchen mit ernsten, nachdenklichen Zügen. »Dem Vater seine kleine Gelehrte, sein Famulus bei seinen astronomischen Studien. Sie hat viel lernen müssen, weit mehr als diese zwei wilden Hummeln da, und hat auch einen hohen, heiligen Beruf vor sich – sie wird Vorsteherin und Pflegerin im Neuenfelder Erziehungshause – gelt, meine Alte?« Sie strich über das dicke, schlicht zurückgeschlagene Haar der Tochter, und diese ergriff die liebkosende mütterliche Hand und küßte sie.

»Und das sind unsere zwei Hauskobolde«, fuhr die Pfarrerin fort, die beiden Mädchen vorstellend, die zu Seiten der älteren Schwester standen, wie die strotzenden Knospen um die voll aufblühende Rose. »Sie haben nichts als Schnurren und Schnaken im Kopf, finden des Lachens und Kicherns kein Ende, und wenn ich's litte, da spielten sie am liebsten noch mit der Puppe.«

Die Mädchen lachten lustig auf, während aus den Augen der Pfarrerin die Mutterlust strahlte.

»Wollt ihr meine Schwestern sein?« fragte Gisela und bot ihnen die Hand.

Ein schüchternes »Ja« kam von allen Lippen, aber der Händedruck wurde herzlich erwidert.

»Und nun hurtig, hurtig, macht das Eckstübchen zurecht!« gebot die Mutter.

Die Mädchen ergriffen einen Schlüsselbund und flogen zur Tür hinaus.

»Sie sind heute außer Rand und Band«, lachte die Pfarrerin. »Da sehen Sie – morgen gibt es eine Überraschung! Mein Mann feiert seinen zweiundfünfzigsten Geburtstag: deshalb sind wir, ganz gegen die strenge Hausordnung, auch noch nicht zu Bett.«

Nahe an einem der Fenster stand ein weißgedeckter Tisch; er war mit Girlanden besteckt; auf seiner Platte lag inmitten verschiedener gestickter und gehäkelter Kleinigkeiten ein sehr wertvolles astronomisches Werk.

»Das haben meine Mädchen mit Handarbeiten verdient«, sagte die Pfarrerin, auf die Bücher zeigend. »Und die hat unser Wildfang, das Röschen, mit seinen kleinen widerspenstigen Fingern gestrickt,« fügte sie laut auflachend hinzu und ließ ein Paar großer, derber Strümpfe in der Luft baumeln. »Das hat manche heiße Stunde gekostet! Aber nun ist sie glücklich, und selbst in ihr Gebet heute abend schlichen sich die glücklich fertig gebrachten ›himmellangen‹ Strümpfe ein.«

Sie öffnete geräuschlos eine Tür und ließ das Lampenlicht in den dunklen Raum fallen.

»Da liegt sie – mein Nesthäkchen«, flüsterte sie – wie bebte und schmolz diese kräftige Stimme in weicher Zärtlichkeit! – »Was nur das kleine Ding morgen sagen wird, wenn sie ihre liebe Gräfin im Pfarrhause sieht!« meinte sie leise in sich hineinlachend.

Das blonde Köpfchen des Kindes ruhte im süßen, tiefen Schlaf auf dem Kissen, und die langen Zöpfe fielen auf den Bettrand hinab.

Eine himmlische Ruhe überkam das junge Mädchen in diesem Hause... Eben noch mit Grausen in den plötzlich geöffneten Abgrund der Verworfenheit blickend, über den sie blinden Auges so lange hingewandelt war, erschien ihr diese Häuslichkeit wie ein Tempel, ruhend auf den Säulen wahrer Tugend und durchweht von echt gottseligem Frieden.

Und die stattliche, kräftige Frau, die da neben ihr stand, dieses Bild der Standhaftigkeit und unerschrockenen Gesinnungstreue, mit wie viel feinem Takt versuchte sie die sichtbare Aufregung der Geflüchteten zu dämpfen, sie abzuziehen von den Ereignissen, die sie fortgetrieben hatten aus dem sogenannten Vaterhause, indem sie sie in die harmlosen Freuden ihrer Häuslichkeit ohne weiteres einführte!... Es fiel ihr nicht ein, sich zu fragen: was werden die »hohen Herren« dazu meinen, daß du eine ihresgleichen in ihrer Abtrünnigkeit bestärkst? Wird dir der Schutz, den du ihr gewährst, nicht teuer zu stehen kommen? Sie wollte im Augenblick nicht einmal wissen, zu welch hohem und heiligem Beruf sie die junge Gräfin vorbereiten solle – das mußte sich ja alles finden! Sie forschte nicht, sie fragte nicht, sie wollte nur eins fürs erste: beruhigen und das in sie gesetzte Vertrauen rechtfertigen.

Welches Gottvertrauen aber, welche moralische Stärke mußte der ganzen Familie innewohnen!... Binnen kurzem sollte sie aus diesem Hause vertrieben werden – es war ein tiefschmerzliches Ereignis, das sie betroffen, und doch hatte es das glückliche Zusammenleben nicht zu stören, die harmlosen Familienfreuden nicht zu verscheuchen vermocht.

Nach zwölf Jahren zum erstenmal wieder stieg Gisela an der Hand der Pfarrerin die Treppe hinauf, welche die stolze Jutta von Zweiflingen an jenem verhängnisvollen Weihnachtsabend auf Nimmerwiederkehr hinabgeschritten war... Das junge Mädchen hatte noch eine dunkle Erinnerung an jenen Vorfall; sie erkannte auch den großen Vorsaal wieder, der damals so naß gewesen war und wo ihr die großen, harten Sandbrocken um die ängstlich ausweichenden, feinbeschuhten Füßchen gekollert waren.

Und da tat sich das Eckstübchen mit seinen zwei Fenstern und dem lustig trommelnden Windöfchen vor ihr auf! – das Eckstübchen, das Frau von Herbeck einen unwürdigen Kerker für »die herrliche Jutta« genannt und in dem die stolze Zweiflingen den ersten Träumen des Verrates und der Treulosigkeit sich hingegeben hatte...

Die prachtvollen Palisandermöbel mit dem aprikosenfarbenen Seidendamastbezug standen freilich nicht mehr an den Wänden, und das Mädchenporträt im weißen Atlasgewande mit dem Granatblütenstrauß im Haar hing jetzt im Ministerhotel zu A. und beschloß neben dem Bild des letzten, schönen, unglücklichen Zweiflingen die lange, stolze Ahnenreihe der schönen Exzellenz.

Dafür sahen nun die kräftigen Züge Luthers von der helltapezierten Wand des Stübchens nieder, und wenn auch nur wenige altmodische Möbel umherstanden, so waren sie doch sauber und einladend. Auf Tisch und Kommode lagen Servietten und bunte Decken, und das Bett in der Ecke, so ein echtes, hochaufschwellendes Thüringer Pfarrhausbett, leuchtete in blendender Frische.

Gisela trat an eins der Eckfenster und öffnete es, während die Pfarrerin noch einmal hinausging... Die wonniglaue Nachtluft zog herein und flüsterte in dem Laub des Birnbaumes, der mit seinem längsten Ast an die Scheiben klopfte.

Mit dem Nachtwind flogen einzelne verlorene Trompetenstöße herüber – dort drüben tanzten sie noch und wußten nicht, daß unter ihren Füßen ein Pulverfaß lag, daß mit jeder Sekunde der Funke näher heranflog, der jählings die ganze stolze und jubelnde Herrlichkeit zerstörend in die Luft schleudern würde.

Das junge Mädchen bog sich weit hinaus und sah nach der dunklen, bergaufsteigenden Masse, deren gewaltige, kühngeschwungene Umrisse sich dämmernd vom strahlenden Nachthimmel abhoben – es war das Stück Bergwald, das das altersgraue, grünumsponnene Waldhaus in sich einschloß.

Der majestätische Mann, an dessen Herzen sie geruht, hatte ihr beim Scheiden zugeflüstert, er werde sein Haus heute nacht nicht mehr betreten – es sei zu eng für sein Glück. Er wolle auf der Wiese vor dem Waldhause auf und ab wandeln, und die Fontäne solle ihm vorplaudern von dem Mädchen im blauen Gewande, mit dem blonden Haar, das vor noch ganz kurzer Zeit als unnahbare Gräfin Sturm neben ihr gestanden und die weißen Hände in ihren silbernen Sprühregen gehalten habe... Er wolle dort geflissentlich noch einmal alle Schmerzen der Entsagung, die er durchlitten, an sich vorüberziehen lassen, um dann der Morgensonne doppelt entgegenzujubeln, die ihm die Stunde bringe, in der er sein Glück wieder in die Arme nehmen dürfe...

Die Pfarrerin trat wieder ein und brachte das Glas Wasser, das sie mit Himbeersaft gemischt hatte.

»Ach was – jetzt sehen wir nicht mehr nach dem weißen Schlosse hinüber!« schalt sie und schloß ohne weiteres das Fenster. »Jetzt muß das Kindchen schlafen, vorher aber diesen guten, frischen Himbeersaft trinken, der verscheucht alle bösen Träume, und morgen – morgen ist alles wieder gut!«

Diese einfachen Worte, die nur eine Mutterstimme so süß beschwichtigend aussprechen kann, fielen wie erlösend auf das heißklopfende Herz des jungen Mädchens. Sie warf sich ungestüm an die Brust der großen, starken Frau, schlang die Arme um ihren Hals und brach in einen Tränenstrom aus.

»Nun, nun, Herzchen,« beruhigte die Pfarrerin. »Freilich, schaden kann's nicht – weinen Sie sich nur recht von Herzen aus, das wischt alle schlimmen Eindrücke weg... Aber dann sind Sie mir guten Mutes – das bitte ich mir aus!... Sie sind ja bei Pfarrers, und da darf Ihnen kein Härchen gekrümmt werden, und wenn zehn Exzellenzen kommen und drohen sollten.«

Die gute, prächtige Frau!... Sie hatte einen klaren, durchdringenden Verstand und ein scharfes, kluges Auge; aber das erkannte sie doch nicht, daß die Tränen des tieferregten Mädchens – die ersten Wonnetränen der jungen Braut waren...

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