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Reichsgräfin Gisela

Eugenie Marlitt: Reichsgräfin Gisela - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleReichsgräfin Gisela
authorEugenie Marlitt
year1996
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-23760-6
titleReichsgräfin Gisela
pages3-462
created20000608
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1869
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3

Es war mit einemmal still geworden im Zimmer, Jutta wagte kein Wort der Erwiderung mehr. In dem Blick, den sie auf die Kranke heftete, lag doch etwas wie Scheu, Furcht und ein plötzlicher Schrecken über die eigene Kühnheit. Sie ging einigemal auf und ab; die kleinen Füße glitten unhörbar über die ausgetretenen Dielen, als versänken sie im weichsten Teppich – nur das verhängnisvolle Seidenkleid knisterte und rauschte beim Hinstreifen über die Möbel. Draußen aber flog der Sturm im jähen Aufbrausen um die alten Turmmauern. Die letzten Blätterreste der ächzenden Baumwipfel rasselten, im wilden Gemenge mit dem Flockenwirbel, gegen die Fensterscheiben, und droben in luftiger Höhe klatschten und knarrten die verwahrlosten Laden der Dachluken hilflos auf und zu.

In diesen allgemeinen Aufruhr mischte sich plötzlich der Ruf einer menschlichen Stimme.

Zur Sommerzeit lag das Waldhaus nicht so gänzlich vereinsamt, als man hätte denken sollen. Der Fahrweg, den Sievert anfänglich betreten, führte, ungefähr dreißig Schritte entfernt, an der Nordseite des Hauses vorüber. Er lief ziemlich gerade über den hier sehr flachen Bergrücken in der Richtung nach A. und vereinigte sich drunten wieder mit der Landstraße, die in weitem Bogen den Fuß des Berges umschrieb – er verkürzte die Strecke zwischen Neuenfeld und der Stadt um mindestens eine halbe Stunde. Dieser Umstand und die köstliche Waldeskühle machten, daß der Weg nicht allein von den Holzfuhrknechten benutzt wurde. Die Dorfleute gingen hin und wieder und kehrten auch öfter bei Sievert ein, um kleine Bestellungen für ihn in der Stadt zu besorgen. An heißen Tagen aber vermieden auch die Reisenden zu Wagen die staubige Landstraße und vergaßen auch die holprigen Geleise über dem Frieden und der grünen Dämmerung des Waldes. Diese Lebensader, die das Dickicht durchlief, wurde den Bewohnern des Waldhauses freilich nur bemerkbar durch herüberklingendes Lachen und Plaudern von Menschenstimmen, lustiges Peitschenknallen und bei trockenem Wetter durch das Rasseln der Räder – ebenso wußten die wenigsten, die da drüben vorüberzogen, um das Dasein des uralten Jagdschlößchens im Herzen des Waldes, denn ein wildverwachsenes Unterholz, überragt von dicht gescharten Buchenkronen, trennte das Haus von dem Fahrweg. Mit dem Eintritt des Winters jedoch verstummten die Laute eines lebendigeren Verkehrs vollständig. Nur die Dohlen, die, seit Jahrhunderten auf den Türmen nistend, ihre Geschlechtstafel getrost neben die verwitterte drunten in der Halle hängen durften, und die ihr angemaßtes Vorrecht im Walde zäher und hartnäckiger zu behaupten wußten, als die besiegelten Pergamentstreifen des Herrn von Zweiflingen es vermocht hatten – sie kreisten flügelklatschend über dem einsamen Hause, und ihr mißtönendes Geschrei war oft wochenlang die einzige Lebensäußerung, die von draußen her in das stille Turmzimmer drang.

Der vereinzelte Ruf einer Menschenstimme war demnach von überraschender Wirkung für die beiden Frauen. Die Blinde fuhr empor aus ihrem apathischen Hinbrüten, und Jutta öffnete rasch den Flügel des einen unverhüllten Fensters. Mit dem Windstoß, der ihr entgegenfuhr, drang auch deutlicher ein wiederholter Ruf herein, das laute Hallo einer Männerstimme; es klang von der nördlichen Seite des Hauses herüber und galt offenbar Sieverts erleuchteten Fenstern. Eine halbverwehte Antwort des alten Soldaten erfolgte, und nach einem kurzen Wortwechsel mit dem Fremden kam er aus seiner Stube und schritt nach der Haustür.

Jutta nahm das Licht und ging hinaus in die Halle in dem Augenblick, wo Sievert den schweren Türflügel zurückschlug und, auf die Galerie tretend, eine brennende Laterne in die undurchdringliche Finsternis hinaushielt.

Rasche, feste Schritte kamen über den schmalen Wiesenfleck, der sich vor dem Hause hinstreckte. Am Fuß der Treppe machten sie halt, und gleich darauf trippelten ein Paar leichte Füßchen die Stufen hinauf.

»Meine beiden Kutscher sind auf den Tod erkrankt«, sagte draußen eine tiefe Stimme von sehr angenehmem Klang, wenn sie auch im Unwillen und, wie es schien, infolge körperlicher Anstrengung bebte. »Ich war gezwungen, mit dem Postillon zu fahren, und weil der Mensch während des Sommers meist den Holzfahrweg benutzt hat, so ist er einfältig genug, auch in dieser entsetzlichen Nacht in den engen, bodenlosen Schacht einzubiegen. Der Sturm hat uns wiederholt die Laternenflammen ausgeblasen, und mein Wagen steht da drüben wie eingemauert. Ist nicht jemand da, der bei den Pferden bleiben möchte, bis der Postillon Vorspann geholt hat, und können wir einstweilen hier eintreten?«

Jutta trat rasch in den Bereich der Tür. Sie hielt die Hand schützend vor das flackernde Kerzenlicht; dadurch wurde der Strahl desselben doppelt kräftig auf das Gesicht und die Büste des jungen Mädchens geworfen, und wie sie so dastand, den blumengeschmückten Lockenkopf mit dem Ausdruck lächelnder Spannung vorgeneigt, während der Flammenschein des Kamins hinter ihr aufzuckte und die Bilder und Hirschköpfe als nebelhafte, fremdartige Gestalten von den Wänden herabdämmerten – da mußten wohl die in Sturm und Nacht draußen Stehenden unwillkürlich an eine jener wunderholden Erscheinungen denken, wie sie das Märchen in alten verzauberten Schlössern walten und weben läßt.

Bei Juttas Hervortreten erschien denn auch sofort ein kleines, ungefähr sechsjähriges Mädchen auf der Schwelle und sah mit neugierigem Erstaunen zu der jungen Dame empor; es war so winterlich vermummt, daß nur ein schmales Näschen und ein paar groß und weit aufgeschlagene Augen sichtbar wurden; aber diese Umhüllung erschien in allen Einzelheiten höchst elegant und von kostbarem Stoff. Das Kind trug einen ziemlich umfangreichen Gegenstand auf dem Arme, über den es sorgsam das Mäntelchen hielt... Und jetzt tauchte eine Männergestalt aus dem Dunkel empor – unter der dunkelglänzenden Pelzverbrämung der Mütze leuchtete förmlich die tiefe Blässe eines sehr vornehmen Gesichts. Die Hast, mit der der Herr plötzlich die Stufen heraufsprang, mochte möglicherweise auch dem Gefühl augenblicklicher Überraschung entspringen – dagegen zeigten die Züge bereits wieder eine vollkommene Gelassenheit, als er Jutta gegenüberstand. Er schob das Kind in die Halle und verbeugte sich leicht, mit der ganzen Ungezwungenheit des vollendeten Kavaliers, vor dem jungen Mädchen.

»Drüben im Wagen wartet eine Dame in leicht verzeihlicher Angst und Furcht auf meine Rückkehr«, sagte er mit einem kaum bemerkbaren Lächeln, das aber im Verein mit der überaus wohlklingenden Stimme einen eigentümlichen Zauber gewann. »Haben Sie die Güte, dies Kind einstweilen auf Treu und Glauben in Ihren Schutz zu nehmen, bis ich zurückkommen und mich in aller Form vorstellen kann.«

Statt aller Antwort legte Jutta mit einer anmutigen Bewegung den Arm um die Schultern der Kleinen und führte sie nach dem Wohnzimmer, während der Fremde in Sieverts Begleitung nach dem Fahrweg zurückkehrte.

»Mama, ich bringe einen Gast, ein allerliebstes kleines Mädchen!« rief die junge Dame fröhlich in der Tür – der Eindruck des vorhergegangenen peinlichen Auftrittes schien völlig verlöscht in ihrer Seele. Sie erzählte in raschen Worten das Ereignis im Walde.

»Nun, dann besorge heißen Tee!« sagte Frau von Zweiflingen und richtete sich auf. Ihre abgezehrten Hände streiften ordnend über die Falten des ärmlichen Kleides und betasteten Haar und Haube, ob auch alles in Ordnung sei. Trotz aller inneren Lostrennung von Welt und Leben lag doch noch etwas in ihr, das unbewußt fortlebte und sich in geeigneten Momenten geltend machte: das Festhalten an den äußeren Formen; und wie sie dort saß, den kranken Rücken gewaltsam aufrichtend und die bleichen Hände lässig, aber doch nicht ohne Grazie in dem Schoß gekreuzt, da suchte man freilich nicht das Original jener bestrickenden Mädchenerscheinung über dem Sofa in ihr; allein es ließ sich nicht verkennen, daß diese gebrechliche Gestalt einst in glänzenden Salons ganz an ihrem Platz gewesen sein mußte.

»Komm her und gib mir die Hand, mein Kind!« sagte sie und neigte den Kopf mit dem Ausdruck freundlicher Güte nach der Richtung, wo die kleine Fremde stehen geblieben war.

»Gleich, liebe Frau!« antwortete die Kleine, die bis dahin die hinfällige alte Dame mit einer gewissen Scheu betrachtet hatte; »ich will nur erst Puß vom Arme tun.«

Sie schlug das Mäntelchen zurück – der schneeweiße Kopf einer Angorakatze kam zum Vorschein. Das Tier war bis an die Ohren in eine rotseidene wattierte Decke gewickelt und strebte augenscheinlich nach der goldenen Freiheit. Jutta half die weiche Hülle abwickeln, dann wurde Puß vorsichtig auf den Fußboden niedergelassen. Er reckte und streckte die Glieder, die offenbar unter dem Druck allzu großer Zärtlichkeit und Fürsorge gelitten hatten, machte einen Buckel und stieß ein klägliches Miau aus.

»Pfui, schäme dich, du bettelst, Puß?« schalt das kleine Mädchen vorwurfsvoll, warf aber trotz dieser beschämenden Zurechtweisung des Lieblings einen verlangenden Blick nach dem Milchtopf auf dem Tisch.

»Aha, Puß hat Milchappetit!« lachte Jutta. »Nun, er soll nachher bekommen, aber erst wollen wir dem Kind Kapuze und Mantel abnehmen.«

Sie griff nach der Umhüllung; allein die Kleine trat zurück und schob die Hände weg. »Ich will es selbst tun!« sagte sie mit sehr viel Entschiedenheit im Ton. »Ich leide das auch von Lena nicht – sie tut immer so, als sei ich eine Puppe.«

Damit nahm sie Kapuze und Mantel ab und legte beides auf Juttas Arm. Die Finger der jungen Dame glitten mit sichtbarem Wohlgefallen, aber auch mit einer Art von ehrfurchtsvoller Scheu über die Zobelverbrämung und den köstlichen echten Samt des Mantels – das Geschöpfchen da vor ihr mußte sehr vornehmer Leute Kind sein... Es war ein eigentümliches kleines Wesen. Hoch emporgeschossen, aber sehr schmal in den Schultern und von wahrhaft erschreckender Magerkeit, sah das flache, dünne Körperchen aus, als müsse es schon der Winterstoff des Kleides mittels seiner schweren Falten erdrücken. Das dicke, sehr helle, ja völlig farblose Haar war knabenhaft kurz zugestutzt und an den Schläfen weg einfach hinter das Ohr gestrichen. Diese unkleidsame, nüchterne Frisur verlieh dem fleischlosen Gesichtchen scharf hervortretende Ecken – für den ersten flüchtigen Blick also war die kleine Mädchenerscheinung in ihren Umrissen eine sehr häßliche; allein wer vergäße nicht über einem Paar tiefer, unschuldig blickender Kinderaugen die mangelhaften, eckigen Linien jugendlicher Magerkeit! Und es waren in der Tat sehr schöne, rehbraune Augen, die sich ernst und nachdenklich auf das verfallene Gesicht der alten blinden Frau hefteten, während eine zarte Kinderhand die Finger derselben leise berührte.

»Ah, da bist du ja, meine Kleine!« sagte Frau von Zweiflingen und zog das Händchen näher an sich. »Du hast wohl deinen Puß sehr lieb?«

»O ja, sehr lieb!« bestätigte das Kind. »Die Großmama hat ihn mir geschenkt, und deshalb ist er mir viel lieber als alles, was mir Papa gibt – er bringt mir auch immer nur Puppen, die ich nicht leiden kann.«

»Wie, ein so allerliebstes Spielzeug gefällt dir nicht?«

»Gar nicht – die Puppenaugen sind schrecklich, und das ewige Aus- und Anziehen langweilt mich – ich will nicht sein wie Lena, die mir auch immerfort neue Kleider bringt und mich quält – ich weiß es ganz genau, Lena ist sehr putzsüchtig.«

Frau von Zweiflingen wandte den Kopf mit einem bitteren Lächeln nach der Richtung, wo eben Juttas seidenes Kleid leise knisterte. Sie öffnete die achtlosen Augen weit, als solle und müsse sie in diesem Moment das Gesicht der Tochter sehen, das denn auch unter dem ausdruckslosen Blick der Mutter leicht errötete.

»Nun, da mag dir Puß freilich besser gefallen«, hob die Blinde nach einer kleinen Pause wieder an, »er wechselt seine Toilette niemals.«

Das Kind lächelte und sah dadurch plötzlich unbeschreiblich anziehend aus – die schmalen Wangen rundeten sich, und ein Zug sanfter Lieblichkeit verschonte den kleinen, blassen Mund.

»Oh, er gefällt mir auch besser, weil er sehr vernünftig ist!« sagte sie. »Ich erzähle ihm alle hübschen Geschichten, die ich weiß und mir erdenke, und da liegt er vor mir auf dem Kissen und blinzelt mit den Augen und schnurrt, was er kann – das tut er immer, wenn ihm etwas gefällt... Papa lacht mich immer aus; aber es ist doch wahr – Puß kennt meinen Namen.«

»Ei, das ist ja ein merkwürdiges Tier!... Und wie heißest du denn, meine Kleine?«

»Gisela, wie meine tote Großmutter.«

Es fuhr wie ein gewaltiger Ruck durch die Glieder der Blinden.

»Deine tote Großmutter!« wiederholte sie und bog sich in atemloser Spannung aufhorchend vornüber. »Wer war deine Großmutter?«

»Die Frau Reichsgräfin Völdern«, antwortete das Kind fast feierlich – es hatte offenbar den Namen nie anders als im tiefsten Respekt aussprechen hören.

Frau von Zweiflingen schleuderte jählings die kleine Hand des Kindes, die sie bisher zärtlich in der ihrigen gehalten hatte, weit von sich wie ein giftiges Gewürm.

»Die Gräfin Völdern!« schrie sie auf. »Ha, ha, ha, die Enkelin der Gräfin Völdern unter meinem Dache!... Brennt die Spiritusflamme unter der Teemaschine, Jutta?«

»Ja, Mama«, antwortete das junge Mädchen tief erschrocken – es lag etwas wie Wahnwitz in der Stimme und den Gebärden der alten Frau.

»So lösch sie aus!« befahl sie rauh.

»Aber, Mama –«

»Lösch sie aus, sag' ich dir!« wiederholte die Blinde mit wilder Heftigkeit.

Jutta gehorchte. »Sie brennt nicht mehr«, sagte sie leise.

»Nun trage Salz und Brot hinaus.«

Diesmal folgte die junge Dame dem Geheiß ohne Widerrede.

Die kleine Gisela hatte sich anfänglich verschüchtert in eine Ecke geflüchtet, aber sehr bald wich der bestürzte Ausdruck ihres Gesichtchens dem des Trotzes und des Unwillens. Sie war nicht unartig gewesen, und man hatte sich unterstanden, sie zu strafen. In ihrer kindlichen Unschuld ahnte sie zwar nicht, daß die Befehle der Blinden eine förmliche Kriegserklärung enthielten, sie fühlte nur, daß sie ungebührlich behandelt werde – eine Erfahrung, die sie augenscheinlich zum erstenmal in ihrem jungen Leben machte.

»Du mußt warten, Puß, bis wir nach Arnsberg kommen«, sagte sie und nahm dem Tiere die Milch weg, die Jutta auf den Boden gestellt hatte. Dann griff sie nach Mantel und Kapuze und machte sich reisefertig. Eben war sie im Begriff, die Katze in die Decke zu hüllen, als Jutta wieder eintrat.

»Ich will lieber wieder hinausgehen und Papa bitten, daß ich mit Frau von Herbeck im Wagen bleiben darf!« rief das Kind der Eintretenden entgegen und warf einen trotzigen Blick nach der Blinden; allein diese schien plötzlich gar nicht mehr zu bemerken, was im Zimmer vorging. Noch strammer als zuvor in ihrer Haltung und den Kopf horchend nach der Tür gewendet, die in die Halle führt, saß die Gestalt dort unbeweglich, wie zu Erz erstarrt – desto lebendiger erschien das Gesicht. Vielleicht wäre der Mann, der in diesem Augenblick so fest und sicher durch die Halle schritt und in einem so vornehm gebietenden Ton zu Sievert sprach, doch nicht durch die Tür getreten, hätte er dies Frauenantlitz sehen können, in dessen harten, gespannten Zügen glühender Haß und eine unerbittliche Rachsucht gleichsam lauerten, um urplötzlich hervorzubrechen.

Die Tür wurde geöffnet. Zuerst erschien eine Dame auf der Schwelle, noch trug das volle, hübsche Gesicht die Spuren der Erregung, denn es war völlig blutlos; ebenso zeigte der derangierte Anzug, daß die sehr stattliche Gestalt nicht ungefährdet das Dickicht passiert hatte; allein sie verbeugte sich trotzdem mit einem verbindlichen Lächeln und der ganzen Sicherheit der Weltdame, als hätten ihre Füße nicht einen Moment den ebenen Boden des Salons verlassen.

Jutta begrüßte sie beklommen, mit einem angsterfüllten Blick nach der unheimlich schweigenden Gestalt im Lehnstuhl. Draußen tobte der eisige Schneesturm, aber zwischen den vier engen Turmwänden dünkte es plötzlich dem jungen Mädchen schwül, wie vor der Entladung dräuender Gewitterwolken. Durch die offene Tür sah sie, wie der mitgekommene Herr rasch seinen Mantel abstreifte und ihn Sievert übergab, der mit der Laterne neben ihm stand – nie war ihr das Gesicht des alten Soldaten so feindselig und verbissen erschienen wie jetzt. Trotz ihrer inneren Angst überkam sie ein unbeschreiblicher Ärger – wie konnte der alte Diener in seiner untergeordneten Stellung die Frechheit haben, der gebietenden, vornehmen Männergestalt gegenüber ein so impertinent unhöfliches Gesicht zu zeigen!

Der Herr trat auf die Schwelle. Er ergriff die Hand der kleinen Gisela, die ihm entgegenlief, und ohne zu beachten, daß das Kind einen dringenden Wunsch auf den Lippen hatte, schritt er in das Zimmer, um die verheißene Vorstellung mittels einer nachlässigen, leichten, aber sehr eleganten Bewegung in Szene zu setzen – allein die Blinde hatte sich plötzlich mit einem gewaltsamen Ruck in ihrem Lehnstuhl halb erhoben und streckte ihm abwehrend die Hand entgegen. Dieser durch die Krankheit so furchtbar entstellte Frauenkörper, dem die entfesselte Leidenschaft für Augenblicke den Anschein von Selbständigkeit zurückgab, hatte etwas wahrhaft Gespenstisches.

»Nicht einen Schritt weiter, Baron Fleury!« gebot sie. »Wissen Sie, über wessen Schwelle Sie gegangen sind, und muß ich Ihnen wirklich erst sagen, daß dies Haus keinen Raum für Sie hat?«

Welcher Modulation war diese heisere Stimme immer noch fähig! Die unsägliche Verachtung in den letzten Worten klang förmlich vernichtend. Der Angeredete blieb auch, sichtlich betroffen durch die Erscheinung, einen Augenblick wie angewurzelt stehen, allein dann ließ er die Hand des Kindes los und ging festen Schrittes auf die Kranke zu. Sie war unfähig, länger in der angenommenen Stellung zu verharren, und sank kraftlos zurück; der energische Ausdruck aber blieb sowohl in ihren Zügen als in der gebieterischen Handbewegung, mit der sie nach der Tür zeigte.

»Gehen Sie, gehen Sie!« rief sie heftig. »Sie brauchen ja nur vor die Tür zu treten, um auf höchsteigenem Grund und Boden zu stehen... Die freiherrlich Fleurysche Forstverwaltung würde es jedenfalls als Waldfrevel strafen, wollte ich auch nur über einen Grashalm neben den alten Mauern dieses Hauses verfügen – aber das Dach über meinem Haupte ist noch mein, unbestritten mein, und hier wenigstens habe ich die herzstärkende Genugtuung, Sie hinausweisen zu können!«

Baron Fleury wandte sich mit einer sehr ruhigen Bewegung nach der mitgekommenen Dame um, die sprachlos vor Erstaunen noch an der Tür stand.

»Führen Sie Gisela hinaus, Frau von Herbeck!« sagte er mit vollkommen unbewegter Stimme zu ihr. Diese völlige Gelassenheit erschien wahrhaft imponierend gegenüber der Leidenschaftlichkeit der Blinden. Das war aber auch ein Männerkopf, dem schon die Form es leicht machte, das Gepräge vornehmer Ruhe zu bewahren. Die ziemlich tief über die Augäpfel herabhängenden Lider verschleierten den Blick und machten ihn unergründlich, und die etwas gestreckte, leicht gebogene Nase saß fest, wie gemeißelt in dem Gesicht, das, wenn auch nicht gerade fleischig, doch das Spiel der einzelnen Muskeln nicht scharf hervortreten ließ.

Frau von Herbeck verließ schleunigst das Zimmer. Drüben klaffte Sieverts Tür, ein heller Lichtschein fiel heraus auf die Steinfliesen der Halle; Baron Fleury sah zu seiner Beruhigung, wie die Dame mit dem Kind in die kleine behagliche Stube trat und die Tür hinter sich schloß.

»Wer hat nach mir gefragt, als ich in Nacht und Elend gestoßen worden bin?« fuhr die Kranke in wilder Klage fort, nachdem die Schritte der Hinausgegangenen verhallt waren. »Wissen Sie, was es heißt, Baron Fleury, ein halbes Leben lang mit geschlossenem Mund zu dulden, ein ruhiges Gesicht zu zeigen, während das stolze, heiße Herz tausendfach den Martertod stirbt?... Wissen Sie, was es heißt, wenn eine freche Hand uns ein Kleinod stiehlt, an das sich jede Faser unseres innersten Lebens liebend klammert – wenn das geliebteste Auge sich tödlich kalt von uns abwendet, um glühend und verlangend auf einem tiefverhaßten Gesicht zu ruhen?... Wissen Sie, was es heißt, den ehemals stolzen, festen Geist eines Mannes Schritt für Schritt sinken zu sehen, ihn als Spielball in ehrlosen Händen zu wissen, während er uns für jeden Versuch, ihn zu retten, erbittert mißhandelt wie seinen grimmigsten Feind?... Das alles frage ich freilich vergebens – was weiß Baron Fleury von wahrer Hingebung und Tugend!« unterbrach sie sich selbst mit unsäglicher Bitterkeit und wandte das Gesicht weg von ihm, der bewegungslos neben ihr stand. Er hatte die Arme untergeschlagen und sah wieder auf die Blinde mit der Geduld und Nachsicht, oder auch der Überlegenheit des Stärkeren. Nicht ein Zug seines Gesichtes veränderte sich; die langen Lider lagen tief über den Augen, so daß sich die schwarzen Wimpern wie ein Schatten über die bleichen Wangen breiteten. Eine solche Stirne, wie sie dort unter dem dunkellockigen Haarstreifen leuchtete, so ehern und hoch getragen, hat nur das schuldlose Gewissen oder die vollendete Schurkerei.

»Für eines aber wird Euer Exzellenz das Verständnis nicht fehlen!« fuhr Frau von Zweiflingen mit erhöhter Stimme in unbeschreiblicher Ironie fort. »Wissen Sie, wie es tut, wenn man auf der Sonnenhöhe der Gesellschaft, inmitten von Glanz und Fülle, nach jeder Richtung hin bevorrechtet, gelebt hat und plötzlich zu Armut und Entbehrung verurteilt wird?... Davon weiß das Geschlecht der Fleury ein Lied zu singen... Ha, ha, ha! Frankreich hat stets gemeint, Deutschland müsse nach seiner Pfeife tanzen – deshalb war es ohne Zweifel nur Konsequenz, wenn der geflüchtete Pair von Frankreich, Ihr Herr Vater, schließlich zur Geige griff und Deutschlands Jugend tanzen ließ, um – sein Leben zu fristen!«

Das traf – das war eine wunde Stelle in der erzgepanzerten Brust des Gegners. In die marmorglatte Fläche der Stirne gruben sich zwei tiefe finstere Falten, die verschränkten Arme lösten sich jählings, und wie unwillkürlich hob der Gereizte drohend die Rechte über dem Haupt der Blinden; aber in diesem Augenblick legten sich zwei heiße, weiche Hände beschwörend um seine Linke.

Jutta hatte sich bis dahin, starr vor Entsetzen, in eine dunkle Fensternische gedrückt. Der Mann dort mit der königlichen unanfechtbaren Haltung war der gefürchtete, allmächtige Minister des Landes. Sie hatte ihn nie gesehen, allein sie wußte, daß ein Federstrich seiner Hand, ein Wort aus seinem Munde genügte, über das Wohl und Wehe Tausender, wie über das des einzelnen unwiderruflich zu entscheiden; der konstitutionellen Staatseinrichtung zum Hohn regierte er mit der ganzen Rücksichtslosigkeit und Energie des Selbstherrschers – und ihn wagte die alte blinde Frau von ihrer Schwelle zu weisen, ihn überschüttete sie mit den bittersten Schmähungen, die er ruhig und hoheitsvoll hinnahm, solange sie ihm persönlich galten! Alle Gefühle des jungen Mädchens empörten sich gegen die Mutter; es fiel ihr nicht ein, zu erwägen, inwiefern die leidenschaftliche alte Frau in ihrem Rechte sein könne – für gewisse Naturen sind die Mächtigen stets in ihrem Recht, sie bekämpfen jede Auflehnung dagegen meist mit Erbitterung als das Unrecht, und daß die Naturen in der Mehrzahl sind, beweist uns die Weltgeschichte schlagend in der oft bis zur äußersten Grenze gehenden Duldsamkeit der Völker.

Diesem Zuge folgte denn auch die junge Dame, indem sie aus ihrer Ecke huschte und die Hand des beleidigten Mannes erfaßte. Welch ein verführerischer Zauber ergoß sich über die jugendliche Gestalt, als sie, das ideal schöne Haupt in den Nacken zurückgeworfen, angstvoll zu dem Geschmähten aufsah und seine Hand flehend gegen ihre Brust zog!... Die gehobene Rechte des Ministers sank bei dieser Berührung sofort nieder, er wandte den Kopf und hob die langen, schläfrigen Lider – welch ein Blick!... Er fiel wie ein Feuerregen in die Seele des jungen Mädchens. Diese glutvollen, für einen Moment völlig entschleierten Augen mit einem rätselhaften Ausdruck fest auf das erglühende Mädchengesicht geheftet, lächelte Baron Fleury und zog langsam die bebenden kleinen weißen Hände an seine Lippen.

Und daneben saß die blinde Mutter und erwartete in atemloser Spannung eine erbitterte Antwort, einen endlichen Ausbruch der Gereiztheit und mit ihm die Genugtuung, ihren Todfeind verwundet zu haben – umsonst, nicht ein Wort erfolgte; und er stand doch neben ihr, sie hörte, wie er sich bewegte, ja, sie hatte soeben mit Abscheu seinen über ihr Gesicht hinwehenden Atem gefühlt – dieses beharrliche, verächtliche Schweigen versetzte sie in eine unglaubliche Aufregung.

»Ja, ja, die Fleury haben die Macht des Wechsels in seiner ganzen Höhe und Tiefe durchgekostet!« hob sie nach einer momentanen Pause bitter auflachend wieder an. »Durch viele Generationen hindurch werden sie zu denen gezählt, die mittels aristokratischer Fußtritte und Peitschenhiebe das französische Volk allmählich zur Revolution getrieben haben... Und nach so viel Grausamkeit und unzerstörbarem Übermut feige Flucht über den Rhein! Und der letzte gerettete Rest des Vermögens, alle am Hofe zu Versailles gelernte Beredsamkeit wird aufgeboten, um das Nachbarvolk gegen die eigene Nation zu hetzen – fremde Hände sollten das Opfer knebeln und binden, damit es wieder geduldig und widerstandslos zu den Füßen der Herren liege – Schmach über diese edlen Patrioten!« –

»Bleiben Sie bei der Sache, gnädige Frau!« unterbrach der Minister die Sprechende mit kalter Ruhe. »Ich habe Ihnen Zeit und Muße gelassen, einen persönlichen Haß, den Sie gegen mich zu hegen scheinen, zu begründen – statt dessen verirren Sie sich auf das Gebiet kleinlicher Rache, indem Sie meine schuldlose Familie schmähen... Wollen Sie die Gewogenheit haben, mir zu erklären, was Sie berechtigt, eine solche Sprache gegen mich zu führen!«

»Gerechter Gott, er fragt auch noch!« schrie die Blinde auf. »Als ob es nicht seine Hand gewesen wäre, die geholfen hat, den Unglücklichen in den Abgrund hinabzustoßen!« Sie suchte sich zu bezwingen. Tief Atem schöpfend und den siechen Körper noch einmal gewaltsam aufrichtend, hob und senkte sie die ausgestreckte Rechte mit einer fast feierlichen Bewegung und fuhr fort: »Leugnen Sie denn, daß das Vermögen der Zweiflingen auf dem grünen Tisch zerschmolzen ist, dem Seine Exzellenz, der jetzige Minister, einst präsidierte!... Leugnen Sie, daß der Reitknecht des Baron Fleury heimlich jenem Verblendeten die Billetdoux der Gräfin Völdern überbrachte, wenn er, bewegt durch die inständigen Bitten und namenlosen Leiden seiner unglücklichen Frau, Miene machte, den Weg der Treulosigkeit und des Verderbens zu verlassen!... Leugnen Sie, daß er einen frühen Tod finden mußte, weil er die Ehre verloren und zu spät seine Verführer erkannte!... Leugnen Sie dies alles – Sie haben die Stirne dazu, und eine Anzahl feiger Seelen wird es dem allmächtigen Minister nachbeten; aber ich, ich klage Sie an mit meinem letzten Atemzug – und es gibt einen Gott im Himmel!«

Wohl waren die weißen Wangen des Ministers um einen Schein fahler geworden, aber das war auch das einzige Anzeichen innerer Bewegung. Die Lider lagen längst wieder über den Augen und machten sie glanzlos und undurchdringlich, mit der schlanken, feingegliederten Hand nachlässig über den glänzend schwarzen Kinnbart gleitend, machte er weit eher den Eindruck, als höre er den ermüdenden Bericht eines Bittstellers, nicht aber eine so furchtbare Anklage.

»Sie sind krank, gnädige Frau«, sagte er so mild, als spräche er zu einem Kinde, während sie erschöpft schwieg; »dieser Umstand entschuldigt Ihre maßlose Bitterkeit in meinen Augen vollständig – ich werde sie zu vergessen suchen... Es würde mir ein leichtes sein, Ihre Beschuldigungen sofort schlagend zu widerlegen und vieles, was da geschehen sein mag, auf die eigentliche Quelle, die schrankenloseste weibliche Eifersucht zurückzuführen« – bei den letzten, mit großem Nachdruck betonten Worten verschärfte sich seine sonore Stimme und wurde spitz wie ein Dolch –, »allein nichts wird mich vermögen, im Beisein dieser jungen Dame hier Dinge zu erörtern, die ihr kindliches Gefühl schwer verletzen dürften.«

Die Blinde stieß ein bitteres Hohngelächter aus.

»O welche Zartheit!« rief sie. »Ich mache Ihnen mein Kompliment für diese brillante diplomatische Wendung!« fügte sie schneidend hinzu. »Übrigens sprechen Sie ohne Scheu – was Sie auch vorbringen mögen, es wird immer geeignet sein, häßliche Schlaglichter auf jene Sphäre zu werfen, die eben diese junge Dame hier in ihren kindischen Träumen ›das Paradies‹ zu nennen pflegt... ein Paradies – diese trügerische Decke über bodenlosen Abgründen!... Mit dem letzten Rest von Energie und Kraft, der meiner gebrochenen Seele geblieben ist, habe ich dies Kind dem Boden, dem es durch die Geburt angehört, entfremdet, ja entrissen, in treuer Fürsorge um sein Glück, aber auch – aus Rache für mich!... Die letzte Zweiflingen tritt in bürgerliche Verhältnisse, wo ich weiß, daß man sie auf Händen trägt, aber die Welt wird auch sagen: ›Da seht, welch elender Scheinen der Nimbus des Namens ist, wenn der Besitz fehlt!‹ – ein willkommener Beleg für die moderne Anschauungsweise, die einen Stein nach dem anderen aus dem Fundament der Aristokratie reißt!«

Sie brach zusammen.

»Und nun entfernen Sie sich!« gebot sie mit erlöschender Stimme. »Es würde der bitterste Schluß meines zertretenen Lebens sein, wenn ich verurteilt wäre – in Ihrer Gegenwart zu sterben!«

Einen Moment noch blieb der Minister zögernd stehen; allein es breitete sich ein Etwas über das aschfarbene Gesicht der Kranken, das, wenn auch oft in seinen Anfängen noch unverstanden, doch der Umgebung eine unwillkürliche Scheu einflößt: das Siegel des Todes!... Während Jutta, einen gewöhnlichen Krampfanfall der Leidenden voraussetzend, mit zitternden Händen Medizin in einen Löffel goß, schritt Baron Fleury geräuschlos nach der Tür. Auf der Schwelle blieb er stehen und wandte den Kopf zurück nach dem jungen Mädchen – noch einmal begegneten sich die vier Augen –, Jutta ließ erbebend den Löffel sinken, und die dunkeln Arzneitropfen ergossen sich über das weiße Tischtuch... Der Mann dort an der Tür lächelte und verschwand. Auch draußen über die hallenden Steinfliesen glitt sein erst so fest und gebieterisch auftretender Fuß fast unhörbar. Er schritt nicht nach der Haustür, über deren Schwelle die Herrin des Waldhauses unerbittlich ihn verwiesen hatte – der Sturm heulte grimmiger als je da draußen und rüttelte an den eichenen Bohlen der Tür, als verlange er ein heraustretendes Opfer, um es zerschmetternd gegen die Stämme der Waldbäume schleudern zu können... Der Minister wartete in Sieverts wohlgeheizter Stube, bis der alte Soldat, der bei den Pferden geblieben war, zurückkehrte. Mit ihm kamen einige Lakaien aus Arnsberg; sie trugen große Laternen, um vorausschreitend die schmale, gefahrvolle Waldstraße zu erhellen: Mittels frischer Pferde hatte man den Wagen bereits aus den Geleisen gehoben – und fünf Minuten später lag das ungastliche Haus wieder einsam und verlassen inmitten der brausenden Waldwipfel...

Noch vor Mitternacht schritten zwei Boten durch den beschneiten, aber nun totenstillen Wald nach dem Orte Greinsfeld, um den dortigen Arzt zu holen – ein Arbeiter vom Hüttenwerk und Sievert. In der Hüttenmeisterwohnung tobte der junge Bertold Ehrhardt in rasenden Fieberphantasien – er wehrte unter Verwünschungen unausgesetzt die weißen, bittend gefalteten Hände der Gräfin Völdern von sich ab, die er vor sich auf dem Boden liegen sah mit dem lang nachschleppenden gelben Haar und dem feinen Blutbächlein, das von der Schläfe herab über den schneeigen Hals und Busen rieselte. Im Waldhause aber lag eine, für die der Gang durch den Wald umsonst gemacht wurde. Sie kämpfte den letzten schweren Kampf fast mühelos. Die erkälteten Hände lagen unbeweglich im Schoße; in immer längeren Zwischenräumen säuselte ein fast unhörbarer Atemzug über die Lippen, und die halb zugesunkenen Lider zuckten und zitterten im letzten leisen Krampf – um den Mund aber zog sich bereits jenes stille Lächeln, das wir so gern als das Merkmal süßen Ausruhens und innigster Befriedigung bezeichnen... Wo war die Seele, die vor wenigen Stunden noch mit allen ihren Wunden, und noch einmal auf den Gipfel emporbrausender Leidenschaft sich erhebend, aus den nun gebrochenen Augen gefunkelt hatte?...

Jutta lag am Boden und preßte die Stirne auf das Knie der Sterbenden. In den dunkeln Locken hingen noch die Tazetten, die welkend ihre weißen Blätter falteten, und die prachtvolle blaue Seidenrobe floß über die groben Dielen – sie mahnte mit jedem leisen Knistern und Rauschen grausam an den letzten Schmerz, den die Tochter dem mütterlichen Herzen zugefügt hatte und der sich nicht mehr abbitten, nicht mehr sühnen ließ.

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