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Reichsgräfin Gisela

Eugenie Marlitt: Reichsgräfin Gisela - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleReichsgräfin Gisela
authorEugenie Marlitt
year1996
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-23760-6
titleReichsgräfin Gisela
pages3-462
created20000608
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1869
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29

Der Zug setzte sich in Bewegung. Seine Exzellenz schritt mit Gisela dicht hinter dem Fürsten, der den Portugiesen an seine Seite gerufen hatte... Wer das Gesicht Seiner Durchlaucht kannte, der wußte, daß er, trotz der außerordentlichen Beherrschung seiner Züge, trotz des alltäglichen, fast inhaltslosen Geplauders, das er an Oliveira richtete, in heftiger Aufregung war. Er schritt, ganz entgegengesetzt seiner sonst streng gemessenen Art und Weise, sehr eilfertig und hastig nach dem weißen Schlosse – unheimlich still und gedrückt folgte ihm der Zug der Gäste – die Erzählung des merkwürdigen Fremden war wie ein erstarrendes Element auf die überschäumende Lust gefallen.

Es war übrigens die höchste Zeit gewesen, den Festplatz zu verlassen. Rasch aufeinander folgende Windstöße brausten über den See und warfen die im Fackellicht purpurn sprühenden Wellen so hoch an das seichte Ufer, daß die zarten, atlasbeschuhten Füßchen der Damen ängstlich zurückwichen. Soweit der rote Schein der Illumination über den Himmel hinflog, zeigte er eine schwarze, gärende Masse, die hier und da in jenen fahlweißen Spitzen und Kuppen gipfelte, die den Hagel in ihrem Schoß tragen. Man drängte sich eng aneinander, die wildaufflatternden Umhüllungen mühsam festhaltend. Eine Fackel nach der anderen erlosch in den jäh an- und abschwellenden Atemzügen des Gewittersturmes; aber dort strahlte ja bereits das weiße Schloß in seinem Lichtermeer wie ein aus Feuer geschnittener Würfel herüber – es galt noch ein kurzes, tapferes Ringen, und das schutz- und lustverheißende Dach war erreicht.

In der Tür des Vorsaales drehte sich der Minister noch einmal um und sah hinaus in die Nacht.

»Wir bekommen nichts von dem Wetter!« rief er in die Halle zurück. »Es fällt kein Tropfen mehr – der Sturm treibt alles nach A. zu... Wir hätten getrost im Walde bleiben können! Ich stehe dafür, in zehn Minuten ist alles vorüber!... Den Wagen der Gräfin Sturm!« herrschte er einem der Lakaien zu.

»Wollen Euer Durchlaucht die Gnade haben, für heute meine Tochter zu entlassen?« wandte er sich an den Fürsten, der eben im Begriffe stand die Treppe hinaufzusteigen. »Sie tanzt nicht, und mir würde es sehr lieb sein, sie nunmehr, nach den vielfachen freudigen Aufregungen und Eindrücken des heutigen Abends, in der beruhigenden Stille ihres Daheims zu wissen.«

»Sie werden doch die Gräfin nicht in das Wetter hinausschicken?« rief der Fürst überrascht und seltsam verlegen zugleich. Er blieb auf der untersten Treppenstufe stehen, sah aber Gisela nicht an, die ihm nahe stand.

»Ich kann Euer Durchlaucht versichern, daß wir, ehe der Wagen vorfährt, den schönsten Sternenhimmel haben werden«, versetzte der Minister lächelnd.

»Die Furcht vor dem Wetter hält mich nicht zurück«, sagte Gisela ruhig und noch näher an den Fürsten herantretend. »Ich würde sofort und sehr gern das weiße Schloß verlassen; aber ich bin gezwungen, Euer Durchlaucht um die Gnade zu bitten, mir heute noch, und sei es auch nur für wenige Minuten, eine Audienz zu gewähren.«

»Was fällt dem Kind ein?« rief der Minister heiser auflachend. »Euer Durchlaucht, dieses hochwichtige Anliegen meines Töchterchens betrifft sicher die inneren Angelegenheiten ihrer Puppenstube – oder nein, sie hat ja in den letzten Tagen ihren Gesichtskreis um ein bedeutendes erweitert – irre ich nicht, so handelt es sich um deine Armen; wie, mein Kind? – Dazu hast du aber den Augenblick sehr unpassend gewählt, und wenn ich nicht als sehr geduldiger Papa deine große Unerfahrenheit in Betracht zöge, würde ich sehr zürnen!... Hat die Gräfin keine bequemere Kopfbedeckung, als diesen runden Hut, Frau von Herbeck?«

»Hier, nimm meinen Baschlik, Herzchen«, sagte die schöne Exzellenz, rasch hinzutretend. Sie riß die glänzend weiße Umhüllung von Kopf und Schultern und versuchte, dieselbe der Stieftochter umzuwerfen.

»Ich muß meine Bitte wiederholen,« wandte sich Gisela nochmals, jetzt aber mit auffallend vibrierender, flehender Stimme an den Fürsten, während sie mittels einer leichten Bewegung den Baschlik zurückwies. »Um einer Geringfügigkeit willen würde ich Euer Durchlaucht ganz gewiß nicht behelligen.«

Der Fürst überblickte flüchtig die Gesichter der aufhorchend Umherstehenden.

»Nun gut«, sagte er rasch; »bleiben Sie, Gräfin. Ich werde Sie jedenfalls heute noch sprechen, wenn auch nicht sofort – ich muß mich für einige Augenblicke zurückziehen –«

»Euer Durchlaucht –« warf der Minister mit halberstickter Stimme ein; er war unverkennbar bis zur Wut gereizt.

Der Fürst schnitt ihm die Rede ab. »Lassen Sie, mein lieber Fleury; ich meine, wir dürfen die kleine, liebenswürdige Bittstellerin nicht zum Widerspruch reizen... Und nun, viel Vergnügen«, wandte er sich huldvoll an seine anderen Gäste. »Amüsieren Sie sich nach Herzenslust, bis es mir vergönnt sein wird, in Ihrem Kreise wieder zu erscheinen... Hören Sie, meine Kapelle intoniert bereits!«

Er winkte mit scheinbarer Unbefangenheit dem Minister, ihm zu folgen, während er mit dem Portugiesen die Treppe hinaufstieg.

Aus den weitgeöffneten Flügeltüren der Säle flutete es tageshell; eine rauschende Polonaise erstickte den ersten, fernrollenden Donner, und die Gestalten, die eben noch schweigsam und ängstlich verhüllt durch die Nacht geflohen waren, schritten und schwebten wieder plaudernd mit ungeschmälerter Eleganz und in fleckenlos glänzendem Kostüm über das spiegelglatte Parkett.

Mittlerweile schritt Gisela nach dem Saal, der an die Schloßkirche stieß – das war gewissermaßen neutrales Gebiet, ein Raum, den niemand beanspruchte. Ein Diener brachte auf ihr Geheiß mit sehr erstauntem Gesicht eine große Kugellampe, die sich in dem weiten, schauerlich stillen Saal zu einem Fünkchen verkleinerte.

Die Baronin Fleury und Frau von Herbeck begleiteten die junge Gräfin. Beide boten alles auf, zu erfahren, aus welchem Grunde sie den Fürsten sprechen wolle. Sie war indes wieder einmal »über die Gebühr dickköpfig«, wie die Gouvernante mit ingrimmig zusammengebissenen Zähnen innerlich bemerkte, und als sich endlich auch die schöne Exzellenz überzeugte, daß nichts »herauszubringen« sei, und daß sich die störrige Stieftochter weder durch inständige Bitten, noch durch Drohungen bewegen ließ, dem Wunsch des Ministers zufolge nach Greinsfeld zurückzukehren, da verließ sie achselzuckend den Saal.

Frau von Herbeck kauerte sich, trotz der draußen herrschenden Hitze fröstelnd und tief aufseufzend, in einem der hochbeinigen Lehnstühle zusammen – nachts war dieser geliebte, heilige Saal denn doch zu spukhaft... Die junge Gräfin aber schritt ruhelos über das altersbraune, ächzende Getäfel des Fußbodens...

Draußen, hinter den unverhüllten Bogenfenstern gähnte die schwarze, tiefe Finsternis, von Zeit zu Zeit durchschnitten von einem grellen Blitz des in der Tat abziehenden Gewitters. Dann zitterte der gelbe Feuerschein über die nachtbedeckten Wände des Saales – die Gouvernante schloß stets entsetzt die Augen – es wollte lebendig werden unter diesen mächtig verkörperten Gestalten der Bibel. Sie schwebten zürnend auf die Heuchlerin zu, die frech nach der ihr Haupt umzuckenden Glorie griff, um Handel mit ihr zu treiben, und ihre eigene unkeusche, lasterhafte Seele hinter der sogenannten Gemeinschaft mit ihnen verbarg, die, um herrschen zu können, wozu sie ihr eigener kleiner, beschränkter Geist nicht berechtigte, das heilige Wort der Schrift zu einer Geißel machte, mit der sie der unbequemen Wahrheit, dem tiefforschenden und im freien Aufflug denkenden Menschengeist plump in das Gesicht zu schlagen versuchte...

Auch eine liebliche alttestamentliche Gestalt, das unschuldige Opfer heidnischer Begriffe, die schöne Tochter Jephthas, hob der feurige Finger des Blitzes aus dem Dunkel. Sie schwebte dort im weißen Gewande, wie eine ängstlich aufflatternde Taube, und schaute mit ihren todestraurigen Augen auf die unruhig Wandernde hernieder, die, fiebernde Angst in den Zügen, unablässig den Saal durchmaß.

Gisela schritt wohl auch hinaus in den halbdunkeln Gang und blieb wartend und lauschend an dessen Mündung stehen. Hier führte eine Treppe in das obere Stockwerk, nach den Gemächern der Stiefeltern – der Fürst war droben, er mußte auf seinem Rückweg nach dem Ballsaale hier wieder zurückkommen.

Der Fürst war in der Tat mit seinen zwei Begleitern hinaufgestiegen, um fern von Lauschern und dem störenden Geräusch des Ballsaales zu sein. Er trat in den Salon mit den violetten Plüschvorhängen und schloß die nach der langen Zimmerreihe führende Tür ab. An der Decke des anstoßenden Seezimmers brannte eine kleine Flamme in der schwebenden, milchweißen Lotusblume; sie goß einen bleichen Mondenschein über den grünen Meereszauber, die weißen Glieder der Wassergötter und das dämonisch schöne Bild der Gräfin Völdern.

Wie nach einer atemlosen Flucht blieb der Fürst mitten im Zimmer stehen und zog das Dokument hastig aus der Tasche. Jetzt durfte er sich zeigen, wie er war; er war in der heftigsten, fast nie gesehenen Aufregung. Er schlug das Blatt um und las mit gedämpfter Stimme. »Heinrich, Prinz zu A. – Hans von Zweiflingen, Major a. D. – Wolf von Eschebach

»Es ist kein Zweifel!« rief der Fürst aus. »Eschebach hat Ihnen eigenhändig dieses Schriftstück, dieses Testament übergeben, Herr von Oliveira?«

»Vor allem muß ich Euer Durchlaucht die Mitteilung machen, daß ich ein Deutscher bin«, sagte der Portugiese ruhig. »Mein Name ist Bertold Ehrhardt. Ich bin der zweite Sohn des ehemaligen fürstlichen Hüttenmeisters Ehrhardt in Neuenfeld –«

»Ha, ha, ha!« lachte der Minister im wilden Triumph auf. »Wußte ich doch, daß die ganze Geschichte auf einen Schwindel hinauslaufen würde!... Durchlaucht, da haben wir einen Demagogen vom reinsten Wasser wieder im Lande – er hat sich vor etwa zwölf Jahren durch die Flucht der gesetzlichen Strafe entzogen!«

Der Fürst trat mit finster gerunzelten Brauen und einer sehr ungnädigen Bewegung zurück.

»Wie – Sie haben sich unter falschem Namen in meine Nähe einzuschleichen gewußt?« rief er unwillig.

»Ich bin in der Tat Herr von Oliveira, Herr einer Besitzung, die diesen Namen führt und mir verleiht – in Brasilien gilt er für meine Persönlichkeit so gut wie mein Familienname«, entgegnete der Portugiese unerschütterlich. »Wäre ich nach Deutschland zurückgekehrt, lediglich im eigenen Interesse, dann würde nichts in der Welt mich vermocht haben, den lieben, ehrlichen deutschen Namen auch nur für eine Sekunde abzulegen... Aber ich hatte eine Mission zu erfüllen, welche die größte Vorsicht erheischte... Ich mußte mit Euer Durchlaucht in unmittelbaren längeren Verkehr treten und wußte doch, daß die strenge Handhabung der Etikette am Hofe zu A. einem Bürgerlichen diesen Verkehr nie gestatten würde –«

»Und wie sehr diese chinesische Mauer um die Person unseres allerhöchsten Herrn am Platze ist, beweisen Sie in diesem Augenblick schlagend, mein sehr vortrefflicher Herr Ehrhardt!« fiel der Minister mit satanischem Hohn ein. »Es würde Ihnen in der Tat nie gelungen sein, den Fürsten mit diesem Schwindel« – er zeigte auf das Testament in der Hand des Fürsten – »zu täuschen, wenn Sie Ihren ›lieben, ehrlichen deutschen Namen‹ beibehalten hätten... Durchlaucht,« wandte er sich achselzuckend an seinen fürstlichen Herrn, »wünscht irgendeiner Ihrer Getreuen die Besitzungen und Einkünfte des fürstlichen Hauses zu vergrößern, so bin ich's – mein ganzes bisheriges Wirken mag für mich sprechen –, aber ich müßte mich selbst mit Blindheit schlagen, ich beginge die schreiendste Unterlassungssünde, wenn ich nicht das erbärmliche Machwerk in Ihren Händen für eine Fälschung erklärte!... Mein Herr Ehrhardt, mein sehr verehrter Herr Demokrat, ich durchschaue Ihre und Ihrer löblichen Partei Absicht nur allzu gut! Mit diesem Testament suchen Sie der Schar, die den Thron ihres Herrn in unwandelbarer Treue umsteht, der Aristokratie einen Schlag in das Gesicht zu versetzen – aber hüten Sie sich. Ich stehe da und gebe den Schlag zurück!«

Wohl flammte der verhängnisvolle Streifen auf der Stirn des Portugiesen wie ein Feuermal auf, wohl zuckte es in der geballten Rechten, als wolle sie schmetternd niederfallen; aber Bertold Ehrhardt war nicht mehr jener heißblütige Student, den einst nur der tiefernste, heißgeliebte Bruder in die Schranken der Selbstbeherrschung zurückzuführen vermochte, er war in diesem Augenblick das erhabene Bild mächtiger Willenskraft und moralischer Stärke – die gehobene Rechte sank, und sein flammender Blick glitt ernst messend an der schmächtigen Gestalt des Ministers nieder.

»Seine Durchlaucht wird im Laufe meiner Mitteilungen erfahren, warum ich jedwede Genugtuung Ihrerseits verschmähe«, sagte er gelassen.

»Unverschämter –« fuhr der Minister auf.

»Baron Fleury, ich bitte dringend um Mäßigung!« rief der Fürst und streckte ihm gebietend die Hand entgegen. – »Lassen Sie den Mann reden – ich will mich selbst überzeugen, ob wirklich die Umsturzpartei, der Haß –«

»Die sogenannte Umsturzpartei in Euer Durchlaucht Lande hat mit dieser Angelegenheit nichts zu schaffen«, warf der Portugiese ein – »wenn aber Euer Durchlaucht von Haß sprechen, so kann und darf ich nicht leugnen meinen tiefen, unauslöschlichen Haß gegen diesen Mann!« Er zeigte auf den Minister, der abermals verächtlich auflachte. »Ja, ja, lachen Sie!« fuhr der Portugiese fort. »Dieses Hohngelächter hat mich begleitet, als ich aus dem Vaterlande floh; es hat in meinen Ohren gegellt, wohin ich auch meinen flüchtigen Fuß setzen mochte, im lauten Geräusch der Städte und in der tiefen Stille der Einöden!... Wohl kam ich mit heißen Rachegedanken über das Meer zurück – die glühende Sonne des Südens, aber auch die Mitteilungen eines schwer hintergangenen Mannes hatten sie allmählich zum lodernden Brand angefacht. Das Blatt dort« – er zeigte nach dem Testament – »sollte auch Zeugnis ablegen gegen den Mann, der meinem armen Bruder sein Kleinod hohnlachend entrissen, der das Maß des Elends über zwei unschuldige Menschen ausgeschüttet hat, weil ihm nach des Urias Weib gelüstete – ich sage es noch einmal, ich bin zurückgekommen, einzig und allein, um zu rächen!... Diese Stimme ist erstickt in meiner Brust – eine edle Stimme, ein unschuldiges Geschöpf hat mich zu überzeugen gewußt, daß sie unrein sei... Wenn ich jetzt noch meine Mission beharrlich durchführe, das heißt mit anderen Worten, wenn ich Sie stürze von dem Gipfel Ihrer absolutistischen Herrschaft, so geschieht es einzig, um eine Geißel meines unglücklichen Vaterlandes zu vernichten.«

Der Fürst stand wie vom Donner gerührt vor dieser unglaublichen Kühnheit; der Minister aber machte eine tigerartig rasche Bewegung nach der Klingel, als stehe er in seinem Bureau und draußen vor der Tür die Häscher.

Ein kaltes Lächeln glitt bei diesem Anblick um die Lippen des Portugiesen. Er zog abermals ein Papier, ein kleines vergilbtes, zerknittertes Blättchen, hervor – es bebte auf und nieder – man sah, die Hand zitterte noch, die einen Beweis nach dem anderen für eine schwere Schuld beibrachte.

»Euer Durchlaucht,« wandte er sich mit bedeckter Stimme an den fürstlichen Herrn – »in der Nacht, da Prinz Heinrich im Sterben lag, ritt ein Mann nach A., um den Fürsten an das Lager des Verscheidenden, behufs einer Versöhnung, zu holen... Greinsfeld lag zwar abseits, aber der Reiter verließ doch die Chaussee nach A. und ritt hinüber nach dem Schlosse, wo ein großer Maskenball abgehalten wurde. Bald darauf trat ein Domino an die Gräfin Völdern heran und drückte ihr diesen Zettel in die Hand; er entfiel später dem Busen der Gräfin, als sie am Bett des Prinzen niederstürzte – Herr von Eschebach hob ihn auf und nahm ihn in Verwahrung –«

In diesem Augenblicke stürzte der Minister, bar aller Fassung, auf den Portugiesen zu und suchte ihm das Papier zu entreißen, allein an diese gigantische Kraft durfte er sich nicht heranwagen – ohne zu wanken, mit einer einzigen Bewegung schleuderte der gewaltige Mann den heimtückischen Angreifer weit von sich und überreichte dem Fürsten den Zettel.

»Prinz Heinrich liegt im Sterben«, – las dieser mit wankender Stimme – »will sich mit dem fürstlichen Haus versöhnen, eilen Sie – sonst alles verloren – Fleury.«

»Schuft!« stieß der Fürst hervor und schleuderte dem Minister den Zettel vor die Füße.

Aber noch gab sich der Mann mit der ehernen Stirn nicht verloren. Er war bereits wieder Herr über sich selbst; er hob das Papier auf und überlas es – freilich hatte diese Stimme voll Aufregung etwas Lallendes.

»Wollen Euer Durchlaucht wirklich einen treuen Diener Ihres Hauses auf eine solch elende Denunziation hin verurteilen?« fragte er, mit der Oberfläche der linken Hand auf das Papier schlagend. »Ich habe den Zettel nicht geschrieben! Er ist gefälscht – ich schwöre es – gefälscht –«

»Gefälscht, wie die gräflich Völdernschen Familiendiamanten, die Ihre Frau Gemahlin trägt?« fragte der Portugiese ruhig.

Drüben ihm Nebenzimmer wurde ein Poltern laut – dann hörte man fern eine Tür schmetternd ins Schloß werfen.

Der schlimmste Zeuge gegen den Minister war sein Gesicht – es war entstellt bis zur Unkenntlichkeit; dennoch wehrte er sich mit der Verzweiflung eines Ertrinkenden.

»Überzeugen sich Euer Durchlaucht noch immer nicht, daß Sie es mit einem Ehrlosen zu tun haben?« stammelte er. »Gehören meine Privat- und Familienverhältnisse, die er mit einer solchen unglaublichen Frechheit zu besudeln sucht, vor dieses Forum?«

Der Fürst wandte sich ab; es mochte ihm unerträglich peinlich sein, in das fieberhaft zuckende Antlitz seines langjährigen Günstlings und Beherrschers zu sehen, der, völlig verlassen von Geist, Witz und einer beispiellosen Zuversicht, auf so klägliche Weise nach einem letzten Halt griff.

»Bleiben Sie bei der Sache, Exzellenz!« sagte der Portugiese unerschüttert. »Es fällt mir nicht ein, Ihre Privat- und Familienverhältnisse zu berühren, obwohl ich nicht leugnen kann und darf, daß ich auch auf diesem Gebiete nicht fremd bin.«

»Ach, es hat Sie interessiert, die Tiefe meines Portemonnaies und die Länge meiner Wäschezettel kennen zu lernen?« Der Minister versuchte noch einmal mit diesen Worten seinen gewohnten hohnvollen, sarkastischen Ton anzuschlagen – er klang von den angstbleichen, bebenden Lippen nur um so widerlicher. Der Portugiese ignorierte den beißenden Einwurf vollständig.

»Sie haben in Herrn von Eschebach einen unversöhnlichen Feind gehabt«, fuhr er gelassen fort. »Ihn hat das begangene Unrecht aus der Heimat fortgetrieben; er ist trotz seiner erworbenen Reichtümer ein armer, unglücklicher, einsamer Mann geblieben und hat auf fremder Erde sterben müssen. Auch an Herrn von Zweiflingen haben sich Verrat und Treuebruch schwer gerächt – er ist schmählich untergegangen... Nur Sie, der das Signal zu einem abscheulichen Betrug gegeben, der Sie, als getreuer Helfershelfer der Gräfin Völdern, den ersten Knoten des Netzes geschlungen haben, in das die zwei Betörten gelockt worden sind – Sie haben sich mit beiden Füßen auf Ihr Verbrechen gestellt, um von da aus, Staffel für Staffel, nach Ehren, Ansehen und unumschränkter, schändlich mißbrauchter Macht emporzusteigen... Noch einmal hoffte der Einsame in Südamerika, den seine glühende Liebe für die Tochter jenes ränkevollen Weibes bis in den Tod begleitet hat, auf Glück – es war damals, als Graf Sturm heimging. Herr von Eschebach wollte nach Deutschland zurückkehren; aber da stand bereits Seine Exzellenz der allmächtige Minister wieder, streckte seine Hand aus und führte die schöne Witwe heim.«

»Aha – da kommt des Pudels Kern!« rief der Minister mit hohlem, klanglosem Auflachen. »Mein Glücksstern hat den scheelen Neid, die im Finstern schleichende Bosheit gegen mich herausgefordert!«

»Exzellenz, sagen Sie lieber, die Entrüstung darüber, daß das Böse so viele Jahre lang triumphieren durfte!« sagte der Portugiese mit starkem Nachdruck und sprühenden Augen. »Seit jenem Augenblicke hat Herr von Eschebach Sie allerdings verfolgt, wie der Jäger das einmal aufgespürte Wild. Er hatte über Millionen zu gebieten – sie haben ihm tausend Wege erschlossen, Sie in Ihrem geheimsten Tun und Treiben zu belauschen – er hat Ihre intimsten Beziehungen in Paris und in den Bädern, den Spielhöllen, gekannt, und wenige Tage vor seinem Tode bin auch ich zur Kenntnis aller dieser Einzelheiten gekommen. Doch das sind in der Tat Ihre Privatangelegenheiten, und sie gehören nicht hierher... Dagegen ist es mitnichten Ihre Privatsache, wenn Sie das Besitztum Ihrer Mündel veruntreuen, wenn Sie die ihr gehörigen Juwelen, für achtzigtausend Taler verkaufen und einen wertlosen, imitierten Schmuck dafür eintauschen... Es ist ferner ebensowenig Ihre Privatsache allein, daß Sie hier auf unrechtmäßig erworbenem Boden stehen – Sie haben das weiße Schloß nie gekauft – es war der Preis für Ihren Verrat am Fürstenhause!«...

»Teufel!« schrie der Minister auf. »Sie plündern mich bis aufs nackte Leben!« Er fuhr mit beiden Händen nach dem Kopfe. »Ha, ha, ha! Und lebe ich denn wirklich noch?... Ist es wahr, daß der erste beste Glücksritter daherkommen und mir vor Euer Durchlaucht Augen die nichtswürdigsten Verleumdungen ungestraft in das Gesicht schleudern darf?«

»Widerlegen Sie diese Verleumdungen, Baron Fleury!« sagte der Fürst mit scheinbar äußerer Ruhe.

»Euer Durchlaucht verlangen in der Tat von mir, daß ich mich herbeilasse, die Anklagen dieses Abenteurers zu entkräften?... Es fällt mir nicht ein! Ich stoße sie verächtlich mit dem Fuße weg, wie einen Stein, den man mir in den Weg geworfen hat!« rief der Minister mit heiserer, aber ziemlich fester Stimme; seine Frechheit und Zuversicht wuchsen wieder; es hatte etwas wie ein schmerzliches Bedauern in des Fürsten Ton mitgeklungen. »Durchlaucht, ich setze den Fall – ich sage nur – gesetzt, es träfe mich in Wirklichkeit hier und da ein Vorwurf – liegen nicht in der anderen Waagschale so viele Verdienste um das Fürstenhaus, daß ein längst verjährtes Unrecht darüber vergessen werden könnte?... Sollte es nicht schwer in das Gewicht fallen, daß ich den Glanz der Dynastie zu mehren verstanden habe, wie keiner meiner Vorgänger? Daß ich wie ein Schild vor ihr stehe und den Steinhagel auffange, den die Schlechtgesinnten, die Demokratie, nach den Traditionen Ihres edlen Hauses schleudert? Daß ich dem Zeitgeist nie gestatte, auch nur mit einem Finger an die geheiligten Rechte des Herrschers zu rühren?... Ich bin Euer Durchlaucht getreuester, uneigennützigster Ratgeber in den Beziehungen zu Ihrem Lande wie in den intimen Angelegenheiten der fürstlichen Familie –«

»Sie sind es nicht mehr«, unterbrach ihn der Fürst mit schwerer Betonung.

»Durchlaucht –«

Der Fürst wandte ihm den Rücken, trat in die Fensternische und trommelte mit den Fingern heftig auf die Scheiben.

»Bringen Sie mir Gegenbeweise, Baron Fleury!« rief er in das Zimmer zurück, ohne sich umzuwenden.

»Ich werde nicht verfehlen, Euer Durchlaucht«, stammelte der Minister, buchstäblich zusammenbrechend. Er griff mit unsicher tappender Hand nach dem Türschloß und taumelte hinaus in den Korridor.

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