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Reichsgräfin Gisela

Eugenie Marlitt: Reichsgräfin Gisela - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleReichsgräfin Gisela
authorEugenie Marlitt
year1996
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-23760-6
titleReichsgräfin Gisela
pages3-462
created20000608
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1869
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28

Ohne auf die beschwörenden Bitten der Gouvernante zu achten, die durchaus wissen wollte, was ihren »Liebling« so sehr erschreckt habe, setzte Gisela sich wieder auf die Bank.

... Nein, sie ging nicht!... Soviel hatte sie aus seinen dunkeln Reden verstanden, er wollte hier einen überlegenen Feind angreifen... Was er auch vorhatte, wer auch der Feind sein mochte, sie ließ den geliebten Mann nicht allein in einem Augenblicke, wo vielleicht alle diese Menschen dort drohend und feindselig ihm gegenüberstanden... Sie war ja nun auf den niederfahrenden Blitzstrahl vorbereitet, sie wollte ihn hinnehmen, ohne mit den Wimpern zu zucken; welche Schrecknisse er ihr auch zeigen mochte, nach den folternden Schmerzen, die sie jetzt erduldete, konnte nichts Schlimmeres kommen... Er wußte jetzt, wie er geliebt wurde, er hatte ihr ein Bekenntnis zugeflüstert, das ihr einen ganzen Himmel voll Glückseligkeit erschloß; und dennoch hatte er sich von ihr losgerissen um einer dunklen Macht willen, die ihre ewige Trennung heischte... Sie wollte dieser Macht ins Auge sehen; sie wollte wissen, ob es wirklich eine Gewalt auf Erden gebe, die zwei in innigster Liebe verbundene Herzen auseinanderreißen durfte.

Das lange, rauschende, endlos scheinende Musikstück schloß mit einigen schmetternden Akkorden. Man verließ die geplünderten Büfette; auch der Fürst erhob sich und schritt in Begleitung des Ministers über die Wiese.

»Mein Herr von Oliveira,« sagte er sehr heiter zu dem Portugiesen, der plötzlich in seiner Nähe zwischen zwei Eichen hervortrat, »Sie erscheinen sehr pünktlich; aber schelten muß ich Sie doch, daß Sie meinen vortrefflichen Champagner nicht besser zu würdigen wissen – ich habe Sie nicht unter meinen Gästen gesehen... Ist Ihnen übel?... Sie sehen bleich, fast möchte ich sagen erregt aus, wenn es nicht widersinnig wäre, sich einen Herkules, wie Sie, nervenerschüttert zu denken.«

Ein Windstoß fuhr in diesem Augenblick rauschend durch die Eichenblätter und bog die Flammen der Fackeln tief seitwärts.

»Ach, es scheint wahrhaftig Ernst zu werden!« rief der Fürst verdrießlich. »Ich werde Sie wohl bitten müssen, lieber Baron, mir für den Rest des Festes Ihren Saal einzuräumen; die jungen Leute dürfen doch nicht um ihren ›Tanz‹ kommen!«

Der Minister berief sofort einen Lakaien zu sich und schickte ihn mit den nötigen Befehlen nach dem weißen Schlosse.

»Ein halbes Stündchen Zeit wird uns ja wohl der Isegrim in den Lüften noch lassen«, meinte der Fürst lächelnd zu den Damen, die sich um ihn scharten. »Ich bin der Ansicht, daß die Erzählung des Herrn von Oliveira inmitten der Waldbäume und unter drohenden Wetterwolken weit mehr pikanten Reiz erhalten wird, als im wohlgeschützten Ballsaale – Sie haben das Wort, Herr von Oliveira!«

Der Fürst ließ sich unweit der Büste des Prinzen Heinrich nieder. Mit vielem Geräusch und abermals laut aufbrausender Fröhlichkeit wurden Stühle und Bänke herbeigetragen; ein weiter Kreis bildete sich um den Fürsten – noch einige Minuten schwirrten die Stimmen durcheinander, rauschten die Seidenroben und klapperten die zusammenrückenden Stühle – dann wurde es plötzlich so erwartungsvoll still, daß man das Knistern der Fackel hören konnte.

Der Portugiese hatte sich mit verschränkten Armen an die Rotbuche gelehnt, welche die Büste des Prinzen Heinrich beschattete. Die unruhigen Lichter spielten über sein Gesicht hin – es schien vollkommen unbewegt, wenn auch noch eine tiefe Blässe auf seinen braunen Wangen lag.

In diesem Moment erhob sich auch Gisela; sie schritt unbemerkt am Saum des Waldes hin und blieb neben einem mit Geschirr beladenen Tisch stehen, auf dem noch der Kasten mit Oliveiras Juwelen stand... Obgleich sie lautlos unter den einen tiefen Schatten werfenden Ästen hingeglitten war – der Portugiese hatte sie doch gesehen. Er konnte eine tiefe Bewegung in seinen Zügen nicht ganz verbergen; ein heißer, angstvoll bittender Blick flog zu ihr hinüber. Sie lächelte ihm zu und stützte die Hand fest auf den Tisch – das süße Lächeln, die ganze Gestalt mit dem hochgetragenen Haupt waren beseelt von dem Gedanken: »Mag kommen, was da will! Ich bin stark und mutig und halte unerschütterlich zu dir, den ich liebe!«

Oliveira wandte sein Gesicht von ihr weg; dann hob er mit lauter, fester Stimme an. »Der vorige Besitzer des Papageien war ein Deutscher. Er hat mir die seltsame Geschichte mitgeteilt, und ihn will ich selbst reden lassen:

›Ich war Arzt bei Dom Enriquez, einem Mann von wunderlichem Charakter, der sich auf ein einsames Schloß zurückgezogen hatte und in glühendem Haß gegen seine Anverwandten schwelgte, weil sie ihn, wie er meinte, nicht verstanden... Nicht weit von diesem Schlosse lebte die Frau Marquise, ein Wunder von Schönheit, eine Aspasia an Geist und Anmut. Sie verstand die Wunderlichkeiten des Dom Enriquez vortrefflich und gab ihnen öffentlich und wiederholt die Bezeichnung, mit denen er sie insgeheim in den tiefsten Tiefen seiner Seele selbst belegte: die Originalität und die Genialität... Sie hatte wundervolles, bernsteingelbes Haar. Lächelnd und unvermerkt knüpfte sie die goldenen Fäden aneinander, und aus den millionenfachen wunderfeinen Fädchen und Knötchen wurde ein Netz, das Dom Enriquez weit strenger von der Welt schied, als die dicken Mauern seines einsamen Schlosses. Er konnte nicht mehr leben ohne die funkelnden, schwarzen Augen der schönen Freundin; und dafür, daß sie ihn so vortrefflich verstand, wußte er keine andere Belohnung, als daß er ihr all sein Hab und Gut zu Füßen legte – er verstieß testamentarisch seine ihn nicht verstehende Familie und machte das Wunder von Schönheit, die geistvolle Aspasia, zu seiner Universalerbin.‹«

Er hielt inne und wandte den Kopf rasch seitwärts – der Tisch mit dem Geschirr klirrte. Gisela hatte jetzt beide Hände auf die Platte gestemmt und starrte in tiefem Schrecken zu ihm hinüber; sobald aber sein Blick sie berührte, raffte sie sich auf und zwang die bebenden Lippen zu einem schwachen Lächeln.

»›Aber die schöne Aspasia hatte auch Abgründe in ihrer Seele, die sie nicht immer vollständig zu verbergen vermochte‹«, fuhr der Portugiese mit leicht vibrierender Stimme fort, »›und Dom Enriquez, der bei all seinen Eigentümlichkeiten ein durchaus edler, ehrlicher Charakter war, fand im Laufe der Zeit hie und da Gelegenheit, einen schauernden Blick hineinzuwerfen... Auf diese Erkenntnis folgten Zerwürfnisse, die oft bedenklich an den Grundfesten des Testaments rüttelten... Die Frau Marquise mißachtete trotzig diese bedrohlichen Anzeichen, sie vertraute ihrem hinreißenden Zauber, und dann – hatte sie manchen guten Freund in der Umgebung des Dom Enriquez.‹«

Der Blick des Erzählers glitt vollkommen ruhig über die gespannten Gesichter der lautlos aufhorchenden Menge – er glitt auch über die schlaffen Augenlider des Mannes, der neben dem Fürsten saß; sie hoben sich nur einen Moment, wie vom Blitz berührt, und ein teuflischer Strahl zuckte nach dem Portugiesen hinüber – dann sanken sie wieder, ohne daß sich auch nur ein Muskel seines Gesichts bewegte.

»›Die Frau Marquise gab einst ein glänzendes Fest in ihrem Schlosse‹«, erzählte Oliveira weiter, »›Dom Enriquez war nicht zugegen; wohl aber wurde der schönen Aspasia, während sie wie eine Fee im prachtvollen Maskenkostüm durch ihre Säle rauschte, kurz vor Mitternacht zugeraunt, der ferne Freund liege im Verscheiden. Halb sinnlos vor Angst und Schrecken warf sie sich in einen Wagen und fuhr allein, die Pferde mit eigener Hand lenkend, in die grausigste Sturmnacht hinein, um eine halbe Million zu retten.‹« –

»Sie war allein, mein Herr?« rief Gisela mit halberstickter Stimme und streckte dem Portugiesen unterbrechend die Hand entgegen.

»Sie war allein.«

»Hatte sie keine Tochter, die sie begleitete?«

»Die Tochter blieb auf dem Maskenball zurück«, sagte plötzlich eine tiefe, harte Stimme dumpf, halblaut hinter ihr – der alte Soldat stand im Gebüsch und hob in scheinbar harmloser Geschäftigkeit, aber mit triumphierend lodernden Augen den Juwelenkasten vom Tisch, um ihn fortzutragen.

Gleichzeitig fühlte Gisela ihre Hand ergriffen – fünf eisige Finger umklammerten sie mit schmerzlichem Druck; der Minister stand neben ihr.

»Was soll das heißen, mein Kind, daß du das reizende Märchen des Herrn dort unterbrichst?... Kannst du die Gewohnheiten der Kinderstube durchaus nicht abschütteln?« schalt er mit lauter Stimme; aber diese Stimme hatte einen schauerlichen Klang, es war, als konzentrierte der Mann noch einmal allen Übermut, allen Trotz, alle die gefährlichen Eigenschaften, mit denen er bisher eisern geherrscht hatte, in diesen Lauten... Er hatte, wenn auch vielleicht nur mit halbem Ohr, die nicht laut gesprochene Antwort des alten Soldaten aufgefangen. Er rügte sie mit keinem Wort, wohl aber deutete er gebieterisch nach der Richtung des Waldhauses – der alte Mann entfernte sich hohnlächelnd.

Der Minister hielt die Hand seiner Stieftochter fest und zwang sie, ihm zu folgen. Er warf, indem er mit ihr über die Wiese schritt, einen lächelnden, bedeutungsvollen Blick auf den betroffenen schweigenden Kreis, als wolle er sagen: »Da seht ihr nun, was für ein exaltiertes, unberechenbares Geschöpf sie ist.«

»Den Schluß, den Schluß, Herr von Oliveira!« rief die Gräfin Schliersen dringend, während Seine Exzellenz das junge Mädchen zwischen sich und seine Gemahlin setzte. »Ich habe bereits einen Regentropfen auf der Hand gespürt; sind wir erst im Ballsaale, dann ist das jedenfalls pikante Ende Ihres – Märchens für uns verloren.«

Aus den Zügen des Fürsten war allmählich der harmlose Ausdruck verschwunden. Seine Augen sahen forschend und mißtrauisch nach dem Manne hinüber, der, dort an der Buche lehnend, so ruhig, aber auch so entschlossen die Arme über der Brust kreuzte und den flammenden Blick fest auf das durchlauchtigste Antlitz gerichtet hielt – er schien ihm unheimlich zu werden... Wie alle schwachen Charaktere, denen der Zufall eine hohe Lebensstellung eingeräumt hatte, war er sehr geneigt, das entschiedene, sichere Auftreten fester Männlichkeit als Mangel an Willfährigkeit zu beargwöhnen, und in dem Punkte vertrug er nichts. Zudem hatte das, was der Mann erzählte, eine verzweifelte Ähnlichkeit mit einer alten dunklen, halbverschollenen Geschichte, die er um des Ministers willen nicht gern vor all diesen sehr wißbegierigen Ohren aufgerührt sehen mochte. Ohne eigentliche Begründung aber konnte er die lebhaft verlangte Pointe der Geschichte nicht unterdrücken: Er winkte deshalb ziemlich eilfertig und mit einer nicht gar gnädigen Handbewegung dem Portugiesen, die Erzählung zu beenden.

Oliveira trat vom Baume weg; seine breite Brust dehnte sich unter einem tiefen Atemholen; ein erneuter Windstoß kam daher und hob die schwarzen Lockenringel auf seiner finsteren Stirn.

»Hier beginnt die Selbstanklage des Mannes, den ich erzählen lasse – er hat schwer gefehlt, aber auch gelitten«, fuhr er mit erhöhter Stimme fort. »›In jener Nacht, da der Tod so jäh und unerwartet an Dom Enriquez herantrat, standen der Visconde, ein schöner, stolzer, tapferer Mann, und ich allein an seinem Bett‹ – so lautet die weitere Mitteilung des deutschen Arztes. ›Der Sterbende benutzte die ihm vergönnte kurze Frist, um sein Testament umzustoßen – er diktierte uns ein neues. Wir schrieben beide nach, um ganz sicher zu gehen – sein heiseres, oft von Röcheln unterbrochenes Flüstern war schwer verständlich... Er ernannte den Chef seines Hauses zu seinem Universalerben, die Frau Marquise aber hatte das Nachsehen; sie erhielt nicht einen Fußbreit Landes, nicht ein Goldstück seines Besitztums... Der Sterbende unterschrieb das Schriftstück des Visconde als das vollständigste und klarste, und wir beide unterzeichneten als Zeugen... Er legte befriedigt das Haupt auf das Kissen zurück, um zu sterben; da wurde die Tür des Vorzimmers aufgerissen, dann kamen schleppende Seidengewänder näher; wir kannten diese Schritte nur allzu gut! Der Visconde eilte hinaus, um die Türe zu verteidigen, und ich – verbarg schleunigst das gültige Testament in meiner Brusttasche... Draußen sank die schöne Aspasia vor dem Wächter der Türe nieder und schlang ihre weißen Arme um seine Knie. Das gelbe Haar, das ihr der Sturm auseinandergerissen hatte, schleifte lang auf dem Boden; an der Seite des Gesichts aber floß es schmal und rot nieder und ringelte sich über den weißen Hals hin wie eine kleine Schlange – ein Stein aus niederstürzendem Mauerwerk hatte ihr Stirn gestreift – sie blutete... Der Visconde vergaß seine Pflicht und Ehre über der rührenden Hilflosigkeit der Bittenden – die Tür flog auf, und die Marquise stürzte an dem Sterbebette nieder... Dom Enriquez verwünschte sie mit seinem letzten Atemzuge, er ging hinüber mit der Gewißheit, sein Unrecht ausgelöscht zu haben; aber die schöne Aspasia mit dem vor Angst zu Wachs erblichenen Gesicht war doch sein und unser Meister... Die buntschillernde Schlange umstrickte in weichen, schmeichelnden Windungen den stolzen, ritterlichen Mann, den Hauptzeugen – er erlag dem Dämon. Er trat plötzlich in eine Fensternische, wandte dem Zimmer mit allem, was darin war, beharrlich den Rücken und sah unverwandt und angelegentlich hinaus in das nächtliche Sturmgebraus. Dann züngelte die Schlange an mich heran und zischte mir leise zu, daß ihr einziges Kind, der Abgott meines Herzens, mein sei, wenn ich geschehen lasse, daß sie das auf dem Tische liegende Schriftstück lese – ich wandte das Gesicht weg; sie ergriff das Exemplar des Testaments, das ich nachgeschrieben hatte. Mit halblauter Stimme, bebend vor Ingrimm, überlas sie die ersten Paragraphen, die sie in deutlichster Form verstießen – sie wandte das Blatt nicht um – somit entging ihr das Fehlen der Unterschrift. Grell auflachend, ballte sie plötzlich das Papier in den Händen zu einem gestaltlosen Klumpen und schleuderte ihn in die Kaminflamme... Erst nachdem die Frau Marquise kraft des ersten Testaments ihre Erbschaft angetreten, hatte sie die Gnade, mir achselzuckend und satanisch lächelnd die Mitteilung zu machen, daß sie bereits wenige Sekunden vor ihrer tollen Fahrt nach dem Sterbelager des Dom Enriquez ihre Tochter mit einem Ebenbürtigen verlobt habe. Ich konnte sie nicht mehr verraten, ohne den Kopf selbst in die Schlinge zu stecken.‹«...

Ein Gemurmel flog durch den Kreis. Der Portugiese schritt auf den Fürsten zu.

»Das eigentliche gültige Testament des Dom Enriquez aber wanderte mit dem ruhelosen Mann, der auf die Eröffnung der Frau Marquise nicht ein Wort der Erwiderung gefunden hatte, in die Welt hinaus«, sagte er mit feierlicher Stimme. Er griff in die Brusttasche und nahm ein Papier hervor. »Er hat es kurz vor seinem Tode in meine Hände niedergelegt. Wollen sich Euer Durchlaucht überzeugen, daß es tadellos in seiner Abfassung ist?«

Mit einer tiefen Verbeugung reichte er dem Fürsten das Papier hin.

Aller Augen hingen in atemloser Spannung an dem fürstlichen Antlitz. Niemand sah, wie der Minister bei dieser überraschenden Wendung mit leichenhaften Wangen anfänglich zurücktaumelte, dann aber sich halb von seinem Sitze erhob und mit vollkommener Hintansetzung des Schicklichen über die Schulter seines fürstlichen Herrn hinweg in das Blatt stierte, das dieser langsam, mit befangenem Zögern entfaltete.

»Ha, ha, ha, mein Herr von Oliveira«, rief Seine Exzellenz heiser auflachend, »Sie gehen in der Mystifizierung Ihrer aufmerksamen Zuhörer wirklich so weit, selbst eine schriftliche Beglaubigung Ihrer allerliebsten kleinen Erzählung zu bringen?«

Auch dieser impertinente Ausruf wurde nicht weiter beachtet. Der auserwählte Kreis der Hoffähigen hatte ja das selten interessante Schauspiel, den Fürsten völlig fassungslos zu sehen. Er hielt das geöffnete Papier einen Augenblick in den leicht bebenden Händen, als traue er seinen Augen nicht. Sein Antlitz wurde dunkelrot vor Bestürzung – er überflog die erste Seite, dann wandte er das Blatt und suchte die Unterschrift.

Wenn indes die lauschende Menge erwartete, nun auch die Namen des Dokuments von den Lippen zu hören, die wie nach Atem ringend sich öffneten, dann irrten sie sich – der Fürst war nicht umsonst langjähriger Schüler seines diplomatisch gewiegten Ministers gewesen – die Lippen schlossen sich wieder. Er legte sekundenlang die Rechte über die Augen, dann richtete er sich auf, als erwache er aus einem Traume, legte das Papier mit fieberhafter Hast zusammen und schob es in die Tasche.

»Sehr hübsch, sehr interessant, Herr von Oliveira!« sagte er in eigentümlich bedeckten Tönen. »Ich werde noch einmal darauf zurückkommen – gelegentlich!... Aber wahrhaftig«, rief er aufspringend, »Sie haben recht, liebe Schliersen, es fängt an zu regnen!... Eilen wir, unter das sichere Dach zu kommen! Hören Sie, meine Damen, wie es in den Wipfeln saust und braust?... Schnell, schnell!... Fackeln voran!«

Es sah aus, als werde in eiliger Hast ein Zigeunerlager abgebrochen. Alles rannte durcheinander; die Damen suchten nach ihren Mänteln, die Herren nach ihren Hüten... Außer Seiner Durchlaucht und der Gräfin Schliersen spürte zwar noch niemand auch nur einen der angeblichen Regentropfen; dennoch traf man alle Vorkehrungen, die gefährdeten Toiletten in Sicherheit zu bringen.

Während des allgemeinen Tumults versuchte Gisela wieder in die Nähe des Fürsten zu kommen, der scheinbar harmlos plaudernd mit der Gräfin Schliersen noch einen Augenblick inmitten der Wiese verweilte. Seine Augen hatten nach dem Durchlesen des Dokuments das Gesicht der jungen Gräfin gestreift; sie verhehlte sich nicht, daß der Blick mißtrauisch forschend und vorwurfsvoll gewesen sei – hatte sie doch durch ihr leidenschaftliches Hervortreten und ihre Frage verraten, daß sie um das Geheimnis wisse... Ihr Gesicht brannte in einer dunklen Fieberhitze; sie war in einer unbeschreiblichen Aufregung... Hätte die schöne Stiefmutter nicht selbst unter dem beklemmenden Bann eines zwar unbestimmten, aber nichtsdestoweniger bänglichen Vorgefühles kommender schlimmer Ereignisse gelegen, sie wäre der Welt gegenüber um einen Beleg für die nervöse Reizbarkeit ihrer Tochter reicher gewesen; so aber raffte sie in ängstlicher Hast ihre Gazewogen zusammen, und auch ihre Augen suchten unablässig nur den Fürsten, als könne sich auf seinem Gesicht lesen lassen, was das verhängnisvolle, auf seiner Brust verborgene Papier enthalte.

»Gisela, du wirst die Freundlichkeit haben, an meinem Arm nach dem Schlosse zurückzukehren,« sagte plötzlich die unterdrückte, heisere, aber dennoch scharf und kurz befehlende Stimme des Ministers dicht neben dem jungen Mädchen. »Du siehst mir aus, als stündest du eben wieder einmal im Begriffe, einen deiner tollen Streiche auszuführen!... Nicht einen Laut, wenn ich bitten darf!... Wir sollen das Opfer einer schlau angelegten Intrige werden; aber noch ist nichts verloren – ich bin noch da!«

Ein Blick der tiefsten Verachtung, eines grenzenlosen Abscheues aus den braunen Augen traf den Mann mit der frechen Stirn, der eben als schamloser Lügner vor seiner Stieftochter entlarvt worden war und es trotzdem wagte, ihr gegenüber von schlauen Intrigen anderer zu sprechen... Das Verbrechen war dem Fürsten verraten; er kam durch eine wunderbare Fügung in Besitz des ihm rechtmäßig zustehenden Erbes, und nun sollte sie es schweigend geschehen lassen, daß die sonnenklare Wahrheit mittels heimtückischer Ränke und einer unglaublichen Frechheit unterdrückt wurde? Ja, sie sollte sogar in Gemeinschaft mit ihm, der sie selbst so unverantwortlich hintergangen hatte, das schauerliche Geheimnis ihr Leben lang behüten und durch, wer weiß wie viele, lange Jahre hindurch das Fürstenhaus um die Einkünfte der Güter betrügen?... Auch nicht einmal mehr kam ihr das Gefühl des Erbarmens, der Pietät für die herzlose, ränkevolle Frau, der kein Mittel zu schlecht gewesen war, sich zu bereichern. Sie sah nur mit Schaudern und Entsetzen in den tiefen Abgrund, der sie bis in alle Ewigkeit von ihrer Großmutter schied... Die eigentlichen Motive, um derentwillen ihr Stiefvater sie zur Mitwisserin des Geheimnisses gemacht hatte, durchschaute zwar ihr reiner, völlig ungeübter Blick noch immer nicht, aber klar wurde ihr doch, daß dieser Mann mit der bodenlos verdorbenen Seele sicher nicht um der edlen Absicht willen, den Namen Völdern fleckenlos zu erhalten, alle Hebel seines raffinierten Geistes in Bewegung setzte.

Nicht eine Silbe antwortete sie auf sein Geflüster, das mit den letzten Worten einen vertraulichen Anstrich angenommen hatte; aber sie wandte das Gesicht von ihm mit jenem Grausen, das uns angesichts eines giftigen Reptils erfaßt. Ihre verachtungsvolle Zurückweisung schützte sie indes nicht vor der aufgedrungenen Begleitung. Der Minister ergriff ohne weiteres ihren Arm, legte ihn in den seinen und hielt ihn mit der Linken so gewaltsam fest, daß sie sich nicht befreien konnte, ohne peinliches Aufsehen zu erregen. Und jetzt eilte Frau von Herbeck herbei; sie drängte sich so energisch und bewachend an die andere Seite des jungen Mädchens, als habe sie Gendarmenpflichten. Die kleine, fette Frau hatte die Gemütsbewegung über Giselas »unschickliches, vollständig unmotiviertes Hervortreten« während der Erzählung des Portugiesen noch nicht überwunden: sie behauptete, noch an allen Gliedern zu zittern, und versicherte Seiner Exzellenz wiederholt mit wehmütiger Betonung, nichts sehnlicher zu wünschen, als daheim im lieben, stillen Greinsfeld zu sein, wo doch »der nun einmal unvermeidliche ewige Skandal« wenigstens hinter den vier Mauern bleibe.

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