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Reichsgräfin Gisela

Eugenie Marlitt: Reichsgräfin Gisela - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleReichsgräfin Gisela
authorEugenie Marlitt
year1996
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-23760-6
titleReichsgräfin Gisela
pages3-462
created20000608
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1869
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25

Es war sieben Uhr abends, als der Wagen der jungen Gräfin Sturm durch den Arnsberger Schloßgarten rollte. Das Fest im Walde sollte allerdings erst nach acht Uhr beginnen, allein Frau von Herbeck hatte einige Zeilen von Seiner Exzellenz eigener Hand erhalten, die sie aufforderten, die Gräfin eine Stunde früher zu bringen.

Diese Zeilen, um die Gisela nichts wußte, waren wie ein linder, wundervoll erquickender Tau auf die fiebernden Lebensgeister der Gouvernante gefallen; sie waren im altgewohnten, vertraulichen Ton gehalten, und die schließliche Versicherung, daß man ihrer klugen Umsicht gegenüber der widerspenstigen gräflichen Waise jetzt mehr als je bedürfe, versetzte sie in den siebenten Himmel.

Seine Exzellenz machte also gute Miene zum bösen Spiel. Er fügte sich der verhaßten Notwendigkeit und machte die Gouvernante nicht verantwortlich dafür, was der tückische Zufall und die eigenmächtige Handlungsweise der störrischen Stieftochter verschuldet hatten. Nun kam es vor allem darauf an, die vernachlässigte Erziehung des jungen Mädchens, bei der man eine lebenslängliche Verborgenheit unerschütterlich im Auge gehabt hatte, geschickt zu verdecken, bis den Mängeln abgeholfen sein würde – diese Mission legte man vertrauensvoll auf ihre Schultern... Sie war offenbar dazu berufen, die junge Gräfin bei ihrem erstmaligen Erscheinen am Hofe zu begleiten – endlich nach langen Jahren der Verbannung sollte sie wieder Hofluft atmen! Entzückende Aussicht!

Freilich, ein bedenklicher Schatten fiel noch auf das gelobte Land – das war die Unlenksamkeit und sogenannte Indolenz ihrer Schülerin... Gisela saß in ihrem despektierlich schlichten Anzug so nachlässig in sich zusammengesunken neben ihr, daß sich die erbitterte Gouvernante sagen mußte, das junge Mädchen denke an alles mögliche, nur nicht an den hochwichtigen Moment, der ihr bevorstehe... Frau von Herbeck dachte an ihr eigenes erstes Erscheinen inmitten des Hofkreises, auch an verschiedene junge Damen, die sie bei diesem Debüt beobachtet – da hatte es stets fieberrote Wangen und todesängstliche, verzagte Augen gegeben. Giselas selbstbewußte Ruhe und Zuversicht empörte sie geradezu, und zahllose »voraussichtliche Schnitzer« tauchten wie drohende Gespenster vor ihr auf.

Nun fuhr der Wagen durch den Schloßgarten... Um die Beweisführung seiner ungeschmälerten Gnade, seines unwandelbaren Vertrauens für den Minister recht auffällig zu machen, hatte der Fürst alles, was noch an hoffähigen Leuten in A. aufzutreiben war, zu dem Fest im Arnsberger Wald eingeladen – es sollte das Tagesgespräch im Lande werden...

Frau von Herbecks Herz schwoll, sie vergaß ihrer Ängste, als sie den belebten Garten überblickte... Die buntfarbigen Toiletten lustwandelnder Damen schimmerten aus den Alleen und durch die Boskette herüber, und unter der Orangerie saßen verschiedene Gruppen plaudernder und rauchender Herren; man vertrieb sich die Zeit bis zum Beginn des Festes möglichst angenehm. Wo aber auch der Wagen vorüberkam, überall erfolgte ein erstauntes, fast erschrockenes Aufblicken nach der jugendlichen Erscheinung mit dem blond niederwallenden Haar und der fremd-gleichgültigen Haltung – ein zweiter Blick fuhr rasch musternd über die kleine, dicke Frau; dann flogen sofort die Hüte von den Köpfen der Herren, und die Damen schwenkten grüßend die Taschentücher. Das war eine Art von Triumphzug für Frau von Herbeck – »die lieben alten Bekannten« freuten sich sichtlich, sie wiederzusehen...

Der heute erhaltenen Weisung zufolge führte sie die junge Gräfin nach den Gemächern, die der Minister und seine Gemahlin bewohnten.

Während alle Gänge und Treppen des weißen Schlosses widerhallten von den Fußtritten eilig hin und her laufender Menschen, war es in dem Korridor, den die beiden Damen betraten, lautlos still. Die dunkelblauen Rouleaus hingen glatt vor den Fenstern; sie hielten die glühende Abendsonne, aber auch jeden eindringenden Luftzug zurück – das blaue Dämmerlicht und die schwülbrütende Stille hatten etwas Herzbeklemmendes.

Gisela huschte flüchtigen Fußes an den Türen vorüber, hinter denen sie den Mann mit den steinernen Zügen wußte... Das Verhältnis zwischen ihm und ihr hatte plötzlich eine völlig veränderte Gestalt angenommen; sie stand ihm in offener, erklärter Opposition gegenüber und wußte, daß jedes zwischen ihnen fallende Wort ein Funke war, der Stahl und Stein entsprang. Sie war auch fest entschlossen, den einmal betretenen Weg unerschrocken weiter zu wandeln, und doch blieb ihr jene echt mädchenhafte Scheu, die vor jedem harten Zusammenstoß zurückbebt... Sie fürchtete sich vor einem Alleinsein mit ihrem Stiefvater – das aber blieb ihr nicht erspart.

In dem Augenblick, als sie vorüberschlüpfen wollte, wurde die Tür des wohlbekannten Arbeitszimmers zurückgeschlagen – der Minister stand auf der Schwelle. Der bleichende blaue Schimmer floß über sein Gesicht und machte es gespensterhaft fahl. Er sagte kein Wort des Grußes; es schien, als vermeide er geflissentlich jeden Laut; aber er faßte sanft, wenn auch mit festem Drucke, die Hand der jungen Dame und zog sie über die Schwelle – seine Finger waren kalt wie Eis! Gisela schauderte, ihr war, als schliche die tödliche Kälte bis in ihr warmes, pochendes Herz hinein.

Ein Wink seiner Hand verabschiedete die verblüffte Gouvernante bis auf weiteres; dann fiel die Tür hinter Vater und Stieftochter geräuschlos ins Schloß.

War es schon draußen im Korridor unheimlich schwül gewesen, so glaubte Gisela, in dem nicht sehr großen Zimmer, das sie wider Willen betreten hatte, ersticken zu müssen. Die Jalousien lagen dicht vor den Fenstern; durch die schmalen Spalten drang das Licht nur spärlich, es blieb gleichsam hinter den türkischen Gardinen hängen, in denen es hier und da eine große, orangefarbene Arabeske grell aufleuchten ließ.

Und jetzt schloß der Minister auch noch sorgfältig den letzten offenen Fensterflügel. Die Luft war erfüllt von jenem betäubenden Parfüm, das ihr Stiefvater sehr liebte, und das, so weit sie zurückdenken konnte, stets die Person Seiner Exzellenz umschwebt hatte – Gisela verabscheute diesen Geruch.

Sie blieb, während der Minister mit dem Schließen des Fensters beschäftigt war, regungslos an der Schwelle stehen; ihre Hand hatte unwillkürlich das Türschloß ergriffen, als gelte es, den Rückweg zu sichern... In dem ganzen ihr von Kindheit an verhaßten Zimmer war nur ein Gegenstand, auf dem ihr Auge haften mochte – das lebensgroße, in Öl gemalte Kniestück ihrer verstorbenen Mutter; es hing über dem Schreibtisch des Ministers. Der breite goldene Rahmen blinkte freilich nur matt durch das Halbdunkel, und die Linien der reizenden, hellen Gestalt mit den Feldblumen im Schoße und auf dem goldblonden, demütig gesenkten Lockenköpfchen zerflossen unter dem Schatten, dennoch suchte Giselas Blick die großen, grauen Taubenaugen, die so unschuldig und glückselig in die Welt hineinschienen, als sei der ganze Weg durch diese Welt voll jener harmloser Blüten, mit denen auch die schlanken Kinderhände gefüllt waren.

»Gisela, mein liebes Kind, ich habe mit dir zu reden«, sagte der Minister, vom Fenster zurücktretend. Sein Ton klang weich, zärtlich, aber auch trauervoll. Gisela kannte diesen verdächtigen Stimmenklang sehr gut – sie hatte ihn jedesmal hören müssen, wenn sie sich unsäglich elend und hinfällig fühlte, wenn der Medizinalrat mit Achselzucken und weisem Kopfschütteln und Frau von Herbeck händeringend an ihrem Bette standen; er vervollständigte auch jetzt nur den peinlich beklemmenden Eindruck, den ihr die ganze augenblickliche Situation machte.

Wahrscheinlich stand das sehr deutlich auf ihrem Gesicht geschrieben – der Minister blieb dicht vor ihr stehen und musterte einen Augenblick schweigend und stirnrunzelnd ihre fluchtbereite Haltung.

»Nur jetzt keine Torheit, Gisela!« warnte er, feierlich drohend den dünnen, bleichen Zeigefinger hebend. »Ich bin genötigt, an deinen Verstand, an deine Entschlossenheit, vor allem aber an dein Herz zu appellieren... Nach Verlauf von einer Stunde wirst du wissen, daß es überhaupt von jetzt ab ein Ende haben muß mit deinen Tollkühnheiten und Extravaganzen...«

Er lud sie mit einer Handbewegung ein, auf dem nächsten Sessel Platz zu nehmen... In demselben Augenblick aber flog die Portiere einer der Seitentüren auseinander, und die Stiefmutter stand im Zimmer, so plötzlich und unerwartet, als sei sie von den rosa Gazewolken, in denen ihre Gestalt förmlich schwamm, hereingetragen worden... Dieser Annahme widersprachen indessen Haltung und Gesichtsausdruck der schönen Frau energisch. Es sah aus, als wollten ihre Füße am liebsten den Zimmerteppich zerstampfen. Auf den Wangen brannte die Fieberröte, welche die Frau von Herbeck heute so schmerzlich an Gisela vermißte, und die dunklen Augen loderten in entfesselter Leidenschaft.

Sie trat mit gesenktem Kopf vor das junge Mädchen, und ihn langsam hebend, ließ sie den Blick messend von den Fußspitzen an bis hinauf zu dem blonden Scheitel ihrer Stieftochter gleiten... Gisela schrak zurück vor dem satanischen Ausdruck, der die Nasenflügel der Frau beben machte und ihre Lippen so fest aneinanderschloß, daß die purpurne Linie für einen Moment völlig verschwand.

»Ei sieh doch, da bist du ja!« sagte sie mit heiserer Stimme. »Also richtig durchgesetzt, mein Püppchen?... Und nächste Woche ist große Vorstellung bei Hofe? Nun, die Fürstin wird sich gratulieren, eine junge Hopfenstange mehr um sich zu haben!«

Der Minister, der eben im Begriff gewesen war, sich zu setzten, schnellte empor. Durch die offengebliebene Tür strömte volles Licht in das verdunkelte Zimmer – es wob eine Art Glorie um die Frau im rosa Gazekleide, aber es fiel auch auf die Züge ihres Gemahls – sie zeigten unverhohlenen Zorn und Bestürzung.

»Jutta, lasse dich nicht fortreißen!« sagte er zwischen den Zähnen. »Du weißt, daß ich in meinem Arbeitszimmer ein anderer bin als in deinen Salons und daß ich dir seit Anbeginn unserer Ehe ein plötzliches Eintreten untersagt habe.«

Sein Blick heftete sich finster auf den Anzug der trotzig schweigenden Frau.

»Übrigens muß ich fragen, warum schon in der Bühnentoilette?« fuhr er in etwas verändertem Tone fort. »Ist die Dame des Hauses, das voller Gäste steckt, gar nicht mehr nötig?« –

»Ich bin heute nicht Dame des Hauses, sondern Gast des Fürsten; die Gräfin Schliersen macht die Honneurs, mein Herr Gemahl!« versetzte sie schneidend. »Und mit meiner Toilette habe ich so früh begonnen, weil ihr Arrangement Zeit beansprucht und Mademoiselle Cecile über alle Begriffe langsam ist.«

Sie wandte Gisela verächtlich den Rücken und warf mit beiden Händen den silberdurchwobenen Schleier zurück, der ihr wie Mondschein vom Haupte floß. Ihre unvergleichliche Schönheit kam in diesem idealen Anzug voll zur Geltung – dafür schien aber ihr Gemahl vollständig unempfindlich zu sein. Seine Brauen falteten sich noch finsterer; er fuhr unwillig mit der Hand über die Augen, wie wenn sie unangenehm geblendet würden; und in der Tat, von der Erscheinung ging ein so buntfarbiges Sprühen und Blitzen aus, als habe sie den ganzen Sternenhimmel über sich hergestreut. Auf den Gazewogen lagen zwar nur einfache, unschuldige weiße Rosen, aber in jedem Kelch, auf den zartgebogenen milchweißen Blättern schaukelten Brillanten als Tautropfen; auch hier und da funkelten, als sei der Tau den Blumen entfallen, einzelne hingesäte Steine auf den rosigen Falten. Durch die schwarzen Locken der Dame wanden sich auch Blütenzweige, aber keine lebensfrischen – es waren aus Brillanten zusammengesetzte Fuchsien – aus ihren Kelchen fielen leuchtende Staubfäden auf die Stirn.

»Soll ich diesen Anzug für das Zigeunerkostüm halten, in dem du heute erscheinen wolltest, Jutta?« fragte der Minister, nicht ohne eine beißende Beimischung in seiner Stimme, indem er auf das Kleid seiner Gemahlin zeigte.

»Die Zigeunerrolle habe ich der Sontheim überlassen, Euer Exzellenz – es gefällt mir besser, für heute Titania zu sein«, versetzte sie impertinent.

»Und war dazu eine solche Brillantenverschwendung nötig?« – Er war unverkennbar tief gereizt. – »Du kennst meine Abneigung gegen dieses Überladen mit Steinen –«

»Erst seit kurzem, mein Freund«, unterbrach sie ihn. »Und ich zerbreche mir vergebens den Kopf, was dich plötzlich zu einem solch entschiedenen Verächter des Schmuckes macht, dessen Glanz du einst bei jedem öffentlichen Erscheinen deiner Gemahlin für unentbehrlich gehalten hast... Übrigens, mag sich dein Geschmack verändert haben – was kümmert's mich! Ich liebe diese Steine bis zur Vergötterung. Ich werde mich mit ihnen schmücken, solange mein Haar schwarz ist und meine Augen leuchten können, oder besser, solange mir der Atem aus und ein geht!... Ich habe und ich halte sie und werde das Eigentumsrecht zu verteidigen wissen, selbst – wenn es sein müßte – mit Händen und Zähnen!«

Wie leuchteten diese kleinen weißen Zähne hinter der emporgezogenen Oberlippe der reizenden Titania!

»Auf Wiedersehen im Walde, schöne Gräfin Völdern!« rief sie mit einem halb wahnwitzigen Auflachen dem jungen Mädchen zu, dann flog sie, wie von einem Wirbelwind erfaßt, wieder über die Schwelle.

Der Minister sah ihr nach, bis der letzte rosige Schein der Gaze verschwunden und das flüchtige Klappern der kleinen Absätze hinter einer fernen Tür verklungen waren. Er schloß die Türe leise wieder, zog aber die Portiere nicht zusammen – Portieren sind vortreffliche Schlupfwinkel für Lauscher.

»Mama ist sehr aufgeregt,« sagte er scheinbar ruhig zu Gisela, die wie erstarrt und festgewurzelt noch auf derselben Stelle stand. »Die Furcht, daß ein plötzliches Hervorbrechen deiner Anfälle die heutige Festlichkeit unangenehm stören könnte, bringt sie ganz außer sich. Dabei quält sie die Angst, dein unvorbereitetes Erscheinen am Hofe könnte dich und uns, rücksichtlich deiner großen Unerfahrenheit in Welt und Leben, in endlose Verlegenheiten und Unannehmlichkeiten verwickeln... Sie hat ja keine Ahnung, die arglose Frau, daß diese Vorstellung bei Hofe nie stattfinden kann und wird. Diese Beruhigung aber darf ich ihr nicht einmal geben – sie muß aus deinem Munde kommen, Gisela!«

Er griff wieder nach ihren Händen und nahm sie zwischen die seinigen. Diese eisigen Finger zitterten, und als das junge Mädchen erstaunt forschend in das Gesicht des Stiefvaters sah, da wichen die Augäpfel unter den schlaffen Lidern seitwärts. Mit sanfter Gewalt zog er Gisela neben sich auf ein Sofa, sprang aber noch einmal auf, öffnete die Tür nach dem Korridor und überzeugte sich, daß derselbe menschenleer sei.

»Es handelt sich um ein Geheimnis,« sagte er zurückkehrend mit gedämpfter Stimme, »um ein Geheimnis, dem ich nur dies eine Mal Worte geben darf – sie sollen von meiner Lippe zu deinem Ohr gelangen, dann aber muß ihr Klang erlöschen für alle Zeiten... Armes Kind, ich hätte dir von Herzen gern noch ein Jahr der ungebundenen Freiheit gegönnt! Leider trägst du selbst die Schuld – dein unüberlegter Ritt gibt deinem Leben eine überraschend schnelle Wendung; ich bin gezwungen das auszusprechen, was ich am liebsten für immer und ewig verschwiegen hätte...«

Diese Einleitung war geheimnisvoll, dunkel wie die Nacht selbst, und wohl geeignet, ein unerfahrenes achtzehnjähriges Mädchen einzuschüchtern. Jener furchtsam Schrecken, der uns überrieselt angesichts einer Nachricht, die das Schlimme nicht direkt bringt, sondern es erst in unheimlicher, halbverwischter Ferne auftauchen läßt, er schlich auch lähmend durch die Glieder der jungen Dame; gleichwohl veränderte sich kein Zug des erblaßten Gesichts. Atemlos aufhorchend, die braunen Augen voll Mißtrauen, saß sie ihrem Stiefvater gegenüber – sie glaubte der trauervollen, einschmeichelnden Stimme nicht mehr, seit sie wußte, daß sie spitz und einschneidend werden konnte, wie ein scharfgeschliffener Dolch.

Er deutete nach dem Bild ihrer Mutter. Jetzt hatten sich ihre Augen bereits an das gedämpfte Licht des Zimmers gewöhnt; sie sah die Umrisse der Gegenstände kräftiger hervortreten; auch die helle Gestalt mit dem blumengeschmückten Haupt hob sich aus dem Schatten, die seelenvollen Augen lächelten nach ihr herüber, und man hätte meinen können, die gehobene blumengefüllte Hand wolle die blühenden Lieblinge der verwaisten Tochter zuwerfen.

»Du warst noch sehr jung, als sie starb – du hast sie nie gekannt,« sagte der Minister weich. »Und deshalb konnten wir uns bei deiner Erziehung auch weniger auf ihr Andenken, als auf das deiner Großmutter beziehen... Aber sie war ein Engel, sanft und fromm wie eine Taube – ich habe sie sehr geliebt!«

Ein ungläubiges Lächeln glitt flüchtig über das Gesicht des jungen Mädchens – er hatte den »Engel« sehr schnell vergessen über dem furienhaften Geschöpf, das dort eben zur Tür hinausgeflogen war. Das Bild hing unbeachtet in diesem Zimmer, das Seine Exzellenz nach jahrelanger Unterbrechung immer nur auf wenige Tage benützte, während im Ministerhotel zu A. die dämonisch schwarzen Augen der zweiten Gemahlin über seinem Schreibtisch funkelten.

»Sie ist bis jetzt einflußlos auf dein Leben gewesen«, fuhr er fort. »Von nun an aber wirst du einen Weg gehen, den sie dir selbst, kurz vor ihrem Tode, mit fester, sicherer Hand vorgezeichnet hat. Das darauf bezügliche Schriftstück liegt in A. – es soll in deine Hände gelangen, sobald ich nach der Stadt zurückkehren werde.«

Er hielt inne, als erwarte er irgendeinen unterbrechenden Ausruf, eine Frage seiner Stieftochter; allein sie schwieg beharrlich und erwartete scheinbar gelassen die weitere Entwicklung seiner Mitteilungen. Er sprang in sichtlicher Ungeduld auf und ging rasch einmal im Zimmer auf und ab.

»Du weißt, daß der größte Teil der Völdernschen Besitzungen vom Prinzen Heinrich herstammt?« fragte er, plötzlich stehen bleibend, in so kurzem, unumwundenem Ton, als gelte es, mittels eines einzigen Hiebes den dunklen Knoten durchzuhauen.

»Ja, Papa!« entgegnete Gisela, den Kopf neigend.

»Du weißt aber nicht, auf welche Weise sie in die Hände der Großmama gekommen sind?«

»Man hat nie mit mir darüber gesprochen; aber ich kann mir selbst sagen, daß sie die Güter gekauft haben wird«, versetzte sie vollkommen ruhig und harmlos.

Ein häßliches Lächeln zuckte um den Mund Seiner Exzellenz. Er setzte sich rasch wieder nieder, ergriff die schlanken Hände, die gefaltet auf den Knien der jungen Dame lagen, und zog sie vertraulich an sich heran.

»Komm einmal her, mein Kind«, flüsterte er, »ich habe dir etwas zu sagen, das voraussichtlich dein unschuldiges Gefühl für einen Augenblick erregen wird... Aber ich füge ausdrücklich hinzu, daß dergleichen Fälle zu Tausenden vorkommen und daß die Welt sie sehr – nachsichtig beurteilt... Du bist achtzehn Jahre alt; man kann und darf nicht immer Kind bleiben hinsichtlich gewisser Begriffe – die Großmama war die Freundin des Prinzen...«

»Das weiß ich, und so wie ich dieses Freundschaftsverhältnis beurteile, muß er sie verehrt haben wie eine Heilige!«

»Denke dir die Sache minder heilig, mein Kind –«

»O Papa, wiederhole das nicht!« unterbrach sie ihn in flehendem Ton. »Ich weiß es ja seit gestern, daß die Großmama – zu wenig Herz gehabt hat.«

»Zu wenig?«... Er bog sich lächelnd zurück – zahllose Linien und Runzeln gruben sich für einen Augenblick in das Steingesicht, es konnte überraschend ausdrucksvoll sein, sobald es frivol wurde. »Zu wenig?« wiederholte er nochmals. »Wie soll ich das verstehen, meine Kleine?«

»Sie war schlimm gegen die Notleidenden – sie hat gedroht, die Armen mit Hunden forthetzen zu lassen.«

Der Minister sprang abermals auf; diesmal jedoch in ausbrechendem Zorn. Sein Fuß stampfte den Boden, und auf den Lippen schien ihm eine Verwünschung zu schweben.

»Wer hat dir diese Schnacken in den Kopf gesetzt?« rief er grimmig. Er sah sich weit vom Ziel zurückgeschleudert – die unschuldige Kindesseele entfaltete ihre weißen Flügel, sie schwebte über ihm und machte es ihm schwer, den Schmutz seiner Erfahrungen, seines Weltwitzes auf ihr fleckenloses Gefieder zu schleudern.

»Nun denn«, sagte er nach einer kurzen Pause stirnrunzelnd, indem er sich mit einer ungeduldigen Bewegung wieder niederließ, »wenn du es durchaus so willst, die Großmama war also die Heilige des Prinzen. – Er liebte sie so abgöttisch, daß er in den Zeiten seiner höchsten Verehrung ein Testament verfaßte, in dem er seine Verwandten verstieß und – die Gräfin Völdern zur Universalerbin einsetzte.«

Jetzt kam eine lebhafte Bewegung in die Züge des jungen Mädchens – sie hob unterbrechend die Hand. – »Natürlich hat die Großmama gegen eine solche Ungerechtigkeit energisch protestiert!« sagte sie in atemloser Spannung, aber doch mit unerschütterlicher Zuversicht.

»O Kind, es kommt ganz anders, als du denkst!... Das muß ich dir übrigens sagen, die ganze Welt würde gelacht haben, wenn die Großmama in deinem Sinn gehandelt hätte. Gegen die Annahme einer halben Million protestiert man nicht so ohne weiteres, Liebchen!... In diesem Fall ist das Verhalten der Großmama, welche die Erbschaft ruhig annahm, nicht im entferntesten anzutasten – der Fehlende war Prinz Heinrich, nicht sie!... Dagegen kommen wir jetzt an einen Punkt, den auch ich nicht entschuldige –«

»Papa, ich möchte lieber sterben, als diesen Punkt hören«, fiel das junge Mädchen mit vollkommen klangloser Stimme ein. Sie saß da mit blutlosem Gesicht und zuckenden Lippen und lehnte den Kopf an das Sofapolster zurück.

»Herzenskind, es stirbt sich nicht so leicht... Du wirst weiter leben, auch wenn du diesen dunklen Punkt kennst, und wenn ich dir raten soll, so suchst du ihn möglichst schnell wieder zu vergessen... Das Testament des Prinzen lag also bereits seit Jahren da, und sein Verhältnis zu deiner Großmama blieb ein ungetrübtes, bis sich plötzlich böswillige Einflüsterungen zwischen die beiden Menschen drängten – es geschah öfter, daß sie in Groll voneinander schieden... Da gab die Gräfin Völdern einen großen Maskenball in Greinsfeld; der Prinz war nicht erschienen – man hatte sich wieder einmal gezankt... Plötzlich gegen Mitternacht wird der Großmama gesagt, Prinz Heinrich liege im Sterben – wer ihr die Nachricht zugeflüstert hat, weiß bis heute niemand. – Sie stürzt aus dem Saal, wirft sich in einen Wagen und fährt nach Arnsberg – deine Mutter, damals ein siebzehnjähriges Mädchen, das den Prinzen geliebt hatte wie einen Vater, begleitete sie...«

Er schwieg einen Augenblick. Der gewiegte Diplomat zögerte doch unwillkürlich, ehe er den falschen Zug in dem entworfenen Bild weiter vertiefte. Er ergriff ein Fläschchen und hielt es an das Mädchengesicht, das mit gesunkenen Wimpern an dem Polster lehnte. Bei dieser Berührung fuhr Gisela, die Augen aufschlagend, empor – sie stieß seine Hand zurück.

»Mir ist nicht übel – erzähle weiter«, sagte sie heftig, aber mit ungewöhnlicher Energie. »Meinst du, es sei süß, auf der Folter zu liegen?« Ein herzzerreißender Blick brach aus den braunen Augen.

»Das Ende ist rasch erzählt, mein Kind«, fuhr er mit gedämpfter Stimme fort. »Aber ich muß dich dringend bitten, den Kopf oben zu behalten – du siehst sehr verstört aus!... Du wirst bedenken, wo du bist und daß gerade heute die Wände Ohren haben!... Der Prinz lag eben im Verscheiden, als die Gräfin Völdern atemlos an seinem Bett zusammenbrach; aber er hatte noch so viel Bewußtsein, sie hinwegzustoßen – er muß ihr bitter gegrollt haben... Auf dem Tisch lag ein zweites, eben vollendetes Testament, unterschrieben von der Hand des Sterbenden und von den Herren von Zweiflingen und Eschebach, die zugegen waren – es setzte das fürstliche Haus zu A. zum Universalerben ein... Ich selbst befand mich in jener verhängnisvollen Stunde auf dem Weg nach der Stadt, um den Fürsten zu einer Versöhnung an das Sterbebett zu holen... Der Prinz starb, eine Verwünschung gegen die Großmama auf den Lippen, und eine halbe Stunde darauf warf sie – im Einverständnis mit den Herren von Zweiflingen und Eschebach – das neue, eben vollendete Testament des Prinzen in die Kaminflamme und – trat die Erbschaft an!« –

Gisela stieß einen markerschütternden Schrei aus... Ehe es der Minister verhindern konnte, sprang sie empor, riß einen Fensterflügel auf und stieß die Jalousie zurück, so daß der letzte volle Strahl der Abendsonne purpurn über Parkett und Wände hinfloß.

»Nun wiederhole mir im hellen Tageslicht, daß meine Großmama eine Verworfene gewesen ist!« schrie sie auf – ihre weiche Stimme brach in einem gellenden Aufschluchzen.

Wie ein Tiger stürzte sich der Minister auf das Mädchen und riß es vom Fenster hinweg, während er die knöchernen Finger roh auf ihre Lippen preßte.

»Wahnwitzige, du bist des Todes, wenn du nicht schweigst!« stieß er zwischen den Zähnen hervor.

Der Minister zog Gisela unwiderstehlich nach dem Sofa zurück. Sie sank zwischen den Polstern zusammen und vergrub das Gesicht in den Händen... Einen Augenblick stand er schweigend vor ihr, dann ging er langsam nach dem Fenster und schloß es wieder. Seine Füße glitten unhörbar über den Teppich, den sie eben noch wütend gestampft hatten, und die Fäuste, die vorhin den zarten Mädchenkörper in grimmer Kraft geschüttelt, legten sich geschmeidig, in ihrer vollendeten Anmut und aristokratischen Schlankheit auf den Scheitel der Stieftochter – schneller kann das Raubtier seine Krallen nicht in das samtene Fell zurückziehen, als dieser Mann seine tierisch wilde Heftigkeit nach außen hin zu verdecken verstand.

»Kind, Kind, in dir steckt ein Dämon, der das friedfertigste Gemüt zur Wut reizen kann«, sagte er und zog ihr mit sanfter, behutsamer Berührung die Hände vom Gesicht. – »Kleine Unberechenbare!... Man wird förmlich überrumpelt und läßt sich im ersten Schrecken zu Ausdrücken hinreißen, von denen die Seele nichts weiß... Rief ich nicht eben, du seiest des Todes!« – Er lachte laut auf. – »Klassisch! Ein theatralischer Gemeinplatz, wie ihn der geharnischte Bühnenritter nicht wirksamer hinschleudern kann! Was einem nicht alles in der Herzensangst passiert!... Die aber habe ich eben gründlich durchgemacht, Gisela«, fuhr er sehr ernst fort. »Alle diese plaudernden lächelnden Menschen, die, Schmeichelei und Honigseim auf den Lippen, draußen das Schloß umkreisen, sie wären sofort zur lästernden, zeternden Meute geworden, wenn dein unvorsichtiger Ausruf ihr Ohr erreicht hätte... Dieses ganze erbärmliche Geschmeiß hat vor der glänzenden Gräfin Völdern im Staube gelegen; es hat seinerzeit von den Reichtümern der schönen Frau vortrefflich zu zehren verstanden. Nichtsdestoweniger ist gerade in diesem Kreise die geflüsterte Behauptung, die Völdernsche Erbschaft sei eigentlich ein Diebstahl gewesen, mit liebevollster Beharrlichkeit gepflegt worden.«

»Die Leute haben recht! Das Fürstenhaus ist auf die gemeinste Weise bestohlen worden!« sagte Gisela mit dumpfer, aber leidenschaftlich ausbrechender Stimme – es klang mehr wie ein Aufstöhnen.

»Sehr wahr, mein Kind, aber kein menschliches Ohr darf das jemals hören... Ich kenne bereits deine unumwundene, rücksichtslose Art, dich auszudrücken, ich bin ein Mann, kein zartempfindendes Mädchenherz, und deiner Großmama nicht einmal blutsverwandt – und dennoch berührt mich der harte, wenn auch immerhin gerechte Ausspruch aus deinem Munde wie ein Dolchstich. Ich würde nie diese Worte für das Vergehen gefunden haben.«

Er hielt lauernd inne. Seine beißende Zurechtweisung übte nicht die geringste Wirkung auf das schöne, bleiche Gesicht neben ihm; es lag etwas Unerbittliches in den Linien, die den kindlich geschwellten Mund fremdartig umzogen.

»Glaube ja nicht«, fuhr er rascher fort, »daß ich damit das geschehene Unrecht entschuldigen will – weit entfernt – ich sage im Gegenteil: es muß gesühnt werden!«

»Es muß gesühnt werden«, wiederholte das junge Mädchen, »und zwar sofort!«

Sie wollte aufspringen, aber der Minister hatte bereits seine Arme um ihre Taille geschlungen und hielt sie fest.

»Willst du nicht die Freundlichkeit haben, mir mitzuteilen, wie du das anzufangen gedenkst?« fragte er, während sie angstvoll strebte, der verabscheuten Berührung zu entfliehen.

»Ich gehe zum Fürsten –«

»So – du gehst zum Fürsten und sagst: ›Durchlaucht, da stehe ich, die Enkelin der Gräfin Völdern, und klage. Ich klage meine Großmutter der Betrügerei an; sie war eine Verworfene, sie hat das fürstliche Haus bestohlen!... Was kümmert's mich, daß mit dieser Anklage der edelste Name im Lande, eine lange Reihe tadelloser Männer gebrandmarkt wird, die im Leben ihren Namen als das höchste Kleinod rein bewahrt haben! – Was kümmert's mich, daß diese Frau die Mutter meiner Mutter war und meine ersten Lebensjahre treu behütet hat! Ich will nur Sühne, augenblickliche Sühne, gleichviel, ob ich das haarsträubende Unrecht begehe, anzuklagen, wo ein toter Mund sich nicht mehr verteidigen kann!‹... Die Frau liegt still und stumm unter der Erde; sie muß die ganze furchtbare Last der Schuld bis in alle Ewigkeit auf sich wälzen lassen, während sie vielleicht bei Lebzeiten viele Milderungsgründe in die Waagschale hätte werfen können!... Nein, mein Kind«, fuhr er nach einer kurzen Pause mild fort, während der er vergebens sich bemüht hatte, das Mädchengesicht zu erforschen, das sich hinter den schmalen Fingern verbarg, »so rasch und rücksichtslos dürfen wir den Knoten nicht lösen, wenn wir uns nicht selbst der schwersten Sünde schuldig machen wollen! Es wird im Gegenteil noch so manches Jahr vergehen müssen, bis das erschlichene Erbe wieder in die rechtmäßigen Hände übergehen kann. Bis dahin gilt es, Opfer zu bringen. Sie werden übrigens nicht allein von dir, sondern auch von mir verlangt, und ich füge mich freudig... Arnsberg, das ich auf die rechtmäßige Weise für bare dreißigtausend Taler an mich gebracht habe, gehört auch in jene Erbschaftsmasse. Ich werde testamentarisch das Fürstenhaus als Erben des Gutes einsetzen und damit die Mama um ein bedeutendes Kapital dereinst verkürzen – du siehst, daß auch wir verurteilt sind, für den Namen Völdern und das Andenken deiner Großmutter zu leiden!«

Die junge Dame schwieg beharrlich. Ihr verhülltes Gesicht sank immer tiefer auf die Brust.

»Und so wie ich hat auch deine Mutter, deine gute, unschuldige Mutter gedacht – das Vergehen darf nur stillschweigend gesühnt werden«, sagte der Minister weiter. »Sie hat in jener Nacht, am Sterbebette des Prinzen kniend, das Unrecht mit ansehen müssen; sie ist durch das Leben gewandelt, das schlimme Geheimnis tief in der Brust. Nie hat sie gewagt, die Großmama an den Vorgang zu erinnern, sie war zu schüchtern; aber bei jedem Kind, das ihr der Tod nahm, hat sie sich schaudernd gesagt, das sei das gerechte Walten der Nemesis!... Kurz vor ihrem Hinscheiden habe ich aus ihrem eigenen Munde erfahren, was ihre lieben Augen oft so unsäglich traurig und schwermütig gemacht hat – ich darf dir wohl sagen, mein Kind, ich habe oft und schwer unter dieser stummen Klage gelitten –«

»Ich möchte das Ende wissen, Papa!« stieß Gisela hervor. Sie wollte tausendmal lieber die Stimme dieses Mannes drohend, zornig, schneidend vor Ingrimm, als in diesem vertraulich schmeichelnden Flüsterton hören.

»Also kurz und bündig, meine Tochter«, sagte er eiskalt. Er lehnte sich steif und vornehm in die Kissen zurück. »Wenn es dir so gefällt, werde ich einfach als Befragter berichten... Deine Mutter hat mich beauftragt, dir, als der einzigen Erbin des Völdernschen Besitztums, im neunzehnten Lebensjahre das Geheimnis mitzuteilen, gleichviel, ob die Großmama diesen Zeitpunkt erlebe oder nicht. Wenn ich um ein Jahr vorgreife, so trägst du selber die Schuld – es gilt, Torheiten deinerseits vorzubeugen... Deine Mutter hat ferner gewünscht, daß du in strengster Abgeschiedenheit erzogen werdest – jetzt wirst du wissen, daß nicht alleine deine Kränklichkeit den einsamen Aufenthalt in Greinsfeld nötig gemacht hat... Der letzte Wille deiner Mutter verlangt ein völlig entsagendes Leben von dir, Gisela – du wirst ihn ehren!... Der Gedanke, daß durch dich dereinst das schwere Unrecht ausgeglichen werden könnte, ohne daß der teure Name Völdern befleckt werde, hat ihr noch im letzten Augenblick ein Lächeln der Befriedigung abgerungen.«

Er zögerte; es wurde ihm jedenfalls nicht leicht, den Schwerpunkt der Mitteilungen in die geeignete Form zu kleiden.

»Wären wir in A.«, fuhr er etwas rascher fort, während er zwischen den Fingerspitzen die Enden seines Schnurrbartes drehte, »dann bedürfte es meiner Auseinandersetzungen nicht; ich gäbe dir die Papiere, die deine Mutter in meine Hand gelegt hat; sie enthalten alles, was mir jetzt Mühe und – Schmerz macht, auszusprechen... Deinem jungen Leben werden von nun an engere Grenzen gezogen als bisher – armes Kind!... Der vollständige Ertrag jener Güter, die du unrechtmäßigerweise besitzest, soll für die Armen im Lande verwendet werden; ich bin ausersehen, sie zu verwalten; dagegen habe ich die Verpflichtung, dir über Heller und Pfennig alljährlich Rechenschaft abzulegen. Bei deinem Eintritt in die Abgeschiedenheit sollst du mich scheinbar als deinen Erben bezeichnen; ich aber habe sodann in meinem Testament die fraglichen Güter als ›dankbarer Freund‹ dem Fürstenhaus zu hinterlassen.«

Die Hände des jungen Mädchens waren vom Gesicht niedergesunken. Sie wandte mechanisch langsam den Kopf, und die erloschenen Augen hefteten sich starr auf den Mund des Sprechenden, der ein leises nervöses Beben in den Winkeln nicht zu unterdrücken vermochte.

»Und wie heißt die Abgeschiedenheit, in die ich eintreten soll?« fragte sie, jedes Wort schwer betonend.

»Das Kloster, meine liebe Gisela!... Du sollst auch für die Seele deiner Großmutter beten und sie von ihrer schweren Schuld erlösen.«

Jetzt schrie sie nicht auf – ein irres Lächeln flog über ihr Gesicht.

»Wie, ins Kloster will man mich stecken? Zwischen vier enge hohe Mauern? Mich, die ich im grünen Wald aufgewachsen bin?« stöhnte sie. »Ich soll, solange ich lebe, nur das eingeschlossene Stückchen Himmel über mir sehen? Ich soll ein ganzes Leben lang Tag und Nacht Gebete hersagen, immer dieselben Worte, die schon in den ersten Tagen eine sinnlose Plapperei werden? Ich soll mich zwingen, nicht mehr Gottes Ebenbild zu sein, sondern eine stumpfe Maschine, der man das Herz ausgerissen und den Geist zertreten hat?... Nein, nein, nein!...«

Sie sprang auf und steckte ihrem Stiefvater gebieterisch den Arm entgegen.

»Wenn du wußtest, was mir bevorstand, dann mußte auch von meinem ersten Denken an alles geschehen, mich mit meiner furchtbaren Zukunft vertraut zu machen; so aber habt ihr mich meinen eigenen Gedanken und Schlüssen überlassen, und ich will dir sagen, wie ich über das Kloster denke!... Hat sich je der Mensch von Gott und der klaren Vernunft weit verirrt, so ist es in dem Augenblick gewesen, da er das Kloster erfunden hat! Es ist Wahnsinn, eine Anzahl Menschen in ein Haus zusammenzustecken, um Gott zu dienen!... Sie dienen ihm nicht, sie verdrehen seine Absichten, denn sie lassen die Kräfte in Nichtstun verwelken, die ihnen zur Arbeit gegeben sind. Sie schlagen das Pfund tot, das er ihnen hinter die Stirn gelegt hat, und je weniger sie denken, desto hochmütiger sind sie und halten ihre Stumpfheit für Heiligkeit. Sie arbeiten nicht, sie denken nicht, sie nehmen von der Welt und geben ihr nichts zurück – sie sind ein isolierter, unnützer, träger Menschenhaufen, der sich von den Arbeitsamen füttern läßt...«

Der Minister stand auf; sein Gesicht war fahl wie das einer Leiche. Er ergriff den Arm des jungen Mädchens und bog ihn nieder.

»Besinne dich, Gisela, und bedenke, was du lästerst! Es sind geheiligte Institutionen –«

»Wer hat sie geheiligt? Die Menschen selbst... Gott hat nicht gesagt, als er den Menschen schuf: Verstecke dich hinter Steinen und verachte alles, was ich der Welt Schönes und Herrliches gegeben habe.«

»Schlimm für dich, mein Kind, daß du in dein neues Leben eine solche Philosophie mitbringst!« sagte der Minister achselzuckend. Er stand mit verschränkten Armen vor ihr. Einen Moment maßen sich die vier Augen, als wolle jedes die Kraft des anderen angesichts des ausbrechenden Sturmes prüfen.

»Ich werde nie in dieses neue Leben eintreten, Papa!« Diese Erklärung, die der blasse Mund des jungen Mädchens so entschieden und unumwunden hinwarf, entzündete eine wilde Flamme in den weitgeöffneten Augen Seiner Exzellenz.

»Du wärst in der Tat so entartet, den Wunsch und Willen deiner sterbenden Mutter zu mißachten?« fuhr er auf.

Gisela trat vor das Bild ihrer Mutter.

»Ich habe sie nicht gekannt, und doch weiß ich, wie sie gewesen ist«, sagte sie. Ihre Lippen zuckten und ihr ganzer Körper fieberte, aber die Stimme klang fest und sanft. »Sie ist mit ihren kleinen Füßen über die Wiesen gelaufen und hat Blumen gesucht, so viel, so viel, daß die Hände sie nicht mehr fassen konnten. Sie hat zum blauen Himmel aufgejubelt und hat alles geliebt, den Sonnenschein, die Blumen, die ganze weite Welt und die Menschen, die drin sind! Hätte man sie in ein finsteres, kaltes Haus gesteckt, sie würde mit den Händen verzweifelnd gegen die Mauern geschlagen haben, um sich zu befreien... Und diese glückseligen Augen sollten mit dem finstern Wunsche auf mir geruht haben, das arme, kleine, unschuldige Leben dereinst lebendig eingemauert zu wissen?«

»Du siehst sie hier als Braut, Gisela! Da ist freilich das Gesicht noch sonnig – ihr späteres Leben war sehr ernst und wohl geeignet, sie Maßregeln für den Lebensgang ihres Kindes ergreifen zu lassen –«

»Durfte sie das?... Ist wirklich den Eltern die Macht verliehen, in den Jahren, wo ihr Kind die Augen kaum für die Welt geöffnet hat, wo sie seine Seele noch gar nicht kennen, zu sagen: ›Wir verurteilen dich zu lebenslänglichem Kerker!‹? Ist es nicht der grausamste Egoismus, ein völlig schuldloses Geschöpf die Sünden seiner Vorfahren abbüßen zu lassen?«

Sie strich sich mit beiden Händen über die Stirn, hinter der es klopfte und hämmerte. »Aber es soll so sein, wie meine Mutter wünscht,« sagte sie. »Ich will schweigen und das schlimme Geheimnis wie sie weiterschleppen – die veruntreuten Güter sollen einst durch ›Erbschaft‹ wieder an das fürstliche Haus zurückfallen... Ich will einsam leben, wenn auch nicht im Kloster...«

Der Minister, dessen Züge sich anfänglich geglättet hatten, prallte förmlich bei diesem Schlusse zurück.

»Wie?« stieß er hervor.

»Der Ertrag der Besitzungen soll bis zu meinem Ende an die Armen des Landes verteilt werden, aber durch mich selbst«, unterbrach sie ihn gelassen. »Ich will auch, so viel ich vermag, die Seele meiner Großmutter von ihrer Schuld erlösen, wenn auch nicht durch das Beten des Rosenkranzes... Papa, ich weiß, daß ich Gott nicht besser dienen kann, als wenn ich für die Menschen lebe, wenn ich alle Kräfte –«

Ein gellendes Auflachen unterbrach sie – es hallte grausig von den Wänden wider.

»O edle Landgräfin von Thüringen, ich sehe schon, wie sie in das Greinsfelder Schloß einziehen, die Bettler und Krüppel! Ich sehe, wie du zum Nutzen und Frommen der darbenden und leidenden Menschheit dünne Armensuppe kochst und lange wollene Strümpfe strickst! Ich sehe auch, wie du heldenmütig den Entschluß festhältst, vor den Augen der spöttelnden Welt als alternde Jungfrau einher zu wandeln!... Aber da klopft eines schönen Tages ein edler Ritter an die Herberge der Elenden, und – vergessen ist der ›Gott wohlgefällige Dienst‹, vergessen der letzte Wille der Mutter! Die Armen zerstreuen sich nach allen vier Winden, der neue Gebieter von Greinsfeld erhält als Mitgift seiner Gemahlin den erschlichenen Nachlaß des Prinzen Heinrich, und – das fürstliche Haus in A. wischt sich den Mund!... Einfältiges Geschöpf«, fuhr er grimmig fort – es klang wie das Knurren des tiefgereizten Raubtieres – »Meinst du, weil ich dir in unbegreiflicher Geduld und Langmut Zeit lasse, deine Mädchenweisheit auszukramen, ich beuge mich nun auch pflichtschuldigst deinem geistreichen Endbeschluß?... Du wagst wirklich zu denken, dein eigener Wille käme in Betracht, wenn ich dir gegenüberstehe mit einem unumstößlichen Gebot?... Du hast nichts zu denken, zu fühlen, zu wünschen – du hast einfach zu gehorchen; du hast einen einzigen Weg vor dir, und weigerst du dich, ihn zu gehen, so werde ich dich führen – hast du mich verstanden?«

»Ja, Papa, ich habe dich verstanden, aber ich fürchte mich nicht; – du hast nicht die Macht, mich zu zwingen!«

Er hob in sprachlosem Grimm den Arm. Das junge Mädchen wich vor dieser drohenden Bewegung nicht um einen Schritt zurück. »Du wirst es nicht noch einmal wagen, mich zu berühren!« sagte sie mit flammenden Augen, aber ruhiger unerschütterter Stimme.

In demselben Augenblick wurde draußen geklopft – in der geräuschlos geöffneten Tür erschien ein Lakai.

»Seine Durchlaucht der Fürst!« meldete er mit einem tiefen Bückling.

Der Minister stieß einen halblauten Fluch aus. Dennoch trat er sofort bewillkommnend an die Schwelle, während der Lakai die Tür weit zurückschlug.

»Aber, mein lieber Fleury, was soll ich denken?« rief der Fürst, in das Zimmer tretend; sein Ton klang scherzend, allein auf der Stirn lag eine Wolke, und die grauen Augen konnten die Anzeichen des Mißmuts nicht verbergen. »Haben Sie ganz vergessen, daß drüben im Walde die ganze schöne Welt von A. darauf brennt, Sie zu verherrlichen? Das weiße Schloß ist bereits menschenleer, und Sie lassen warten?... Dazu meldet man mir vor einer Stunde, unsere schöne Gräfin sei angekommen; ich aber sehe keinen Schatten von ihr, während Sie doch wissen, daß sie an meinem Arm zum erstenmal in die Welt eintreten soll!«

Gisela, die bis dahin im verdunkelten Hintergrund gestanden hatte, trat vor und verbeugte sich.

»Ah, da sind Sie ja!« rief der Fürst erfreut und streckte ihr beide Hände entgegen. »Mein bester Fleury, ich könnte wirklich böse werden! Frau von Herbeck« – er wandte sich nach der offenen Tür zurück; draußen im Korridor stand in schüchtern wartender Haltung die Gouvernante – »Frau von Herbeck sagt mir, daß die Gräfin bereits seit einer vollen Stunde hinter dieser Tür verschwunden sei –«

»Durchlaucht, ich hatte meiner Tochter wichtige Mitteilungen zu machen«, unterbrach ihn der Minister. Vielleicht stand er dem Fürsten zum erstenmal nicht in der unterwürfigen Diplomatenhaltung gegenüber – der Blick des fürstlichen Herrn fuhr erstaunt über das Gesicht, das seine gewohnte steinerne Ruhe verloren hatte und rückhaltlos eine tiefe Gereiztheit widerspiegelte.

»Mein lieber Freund, Sie werden doch nicht denken, daß ich taktlos in Ihre Familienangelegenheiten eindringen will!« rief er verlegen. »Ich ziehe mich sofort zurück –«

»Ich bin zu Ende, Durchlaucht«, entgegnete der Minister. »Gisela, fühlst du dich wohl und stark genug?« – Ein drohender Blick bohrte sich in das Gesicht des jungen Mädchens.

Frau von Herbeck hatte für dergleichen Blicke ein bewunderungswürdiges Verständnis.

»Exzellenz, wenn ich raten darf, so kehrt die Gräfin ohne weiteres nach Greinsfeld zurück«, sagte sie, plötzlich hinzutretend. »Sie sieht schrecklich aus –«

»Kein Wunder!« rief der Fürst unwillig. »In diesem Zimmer herrscht eine Luft zum Ersticken. Wie Sie eine volle Stunde hier ausgehalten haben, ist mir unbegreiflich, mein Kind!«

Er reichte Gisela den Arm. Sie wich scheu zurück, und ihre Augen irrten am Boden. Sie sollte unbefangen mit ihm verkehren, der so schmählich hintergangen worden war?... Sie war Mitwisserin des abscheulichen Verbrechens und mußte schweigend mitspielen in der Komödie. Ihre ganze Seele geriet in einen unbeschreiblichen Aufruhr.

»Die Waldluft wird Sie sofort herstellen,« sagte der alte Herr gütig und ermutigend, indem er ihre bebende Hand ergriff und sie auf seinen Arm legte.

»Ich bin nicht krank, Durchlaucht,« entgegnete sie fest, wenn auch mit schwacher Stimme, und folgte ihm hinaus in den Korridor, während der Minister, nach seinem Hut greifend, eine reizende Porzellanstatuette umstieß – sie zerschmetterte auf dem Fußboden in tausend Scherben.

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