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Reichsgräfin Gisela

Eugenie Marlitt: Reichsgräfin Gisela - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleReichsgräfin Gisela
authorEugenie Marlitt
year1996
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-23760-6
titleReichsgräfin Gisela
pages3-462
created20000608
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1869
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24

»Alles unverändert, mein lieber Baron Fleury!« sagte plötzlich eine Stimme hinter dem Boskett, das sich vor dem Haupteingang des Schloßgartens hinzog... Das Pfeifen verstummte sofort, und der Stock mit dem ziselierten Knopf fiel zur Erde.

»Alles unverändert«, fuhr die Stimme fort, »und wenn jetzt die junge Gräfin Sturm auf dem Balkon dort erschiene, dann würde ich meinen, die letzten fünfzehn Jahre seien nur ein Traum gewesen.«

Der Medizinalrat hob geräuschlos seinen Stock wieder auf, fuhr eiligst abstaubend über seinen Rockkragen, tastete nach der Stirne, ob die blonden, künstlerisch verteilten Haarreste die gewohnte Linie beschrieben, und stellte sich neben Frau von Herbeck, die atemlos vor Überraschung und Aufregung zur Seite des Weges getreten war – hier mußte ja der Fürst vorüberkommen.

Und nach wenigen Augenblicken stand die schmächtige Gestalt des durchlauchtigsten Herrn in der Tat vor den zwei bis zur Erde sich Verbeugenden. »Ah, sieh da – eine alte Bekannte!« sagte der Fürst sehr gnädig und reichte der hocherglühenden Gouvernante die feinen Fingerspitzen. »Eine treu ausharrende Einsiedlerin!... Haben schwere Opfer bringen müssen, arme Frau! Aber das ist nun überstanden – wir werden Sie von nun an oft in A. sehen.«

Frau von Herbecks demütig gesenkte Wimpern hoben sich bei den letzten Worten Seiner Durchlaucht in einem seltsamen Gemisch von Freude, Angst und Schrecken – die schwimmenden Augen streiften verzagt über das Gesicht des Ministers – in welch eisiger Kälte waren diese Züge erstarrt! Die kleine Frau empfand abermals den Wunsch, sich in den Erdboden verkriechen zu dürfen.

»Sie haben einen heftigen Schrecken gehabt«, sagte der Fürst weiter; »der Brand im Dorfe konnte recht bedenklich werden; aber beruhigen Sie sich, es hat nichts mehr zu bedeuten. Ich komme eben vom Brandplatz.«

»Ach, Durchlaucht, das hätte sich überstehen lassen!... Ich kann viel weniger die Erregung über den tollkühnen Ritt meiner kleinen Gräfin verwinden!... Exzellenz, ich bin unschuldig!« wandte sie sich mit flehender Stimme an den Minister.

»Lassen Sie das jetzt!« sagte er mit einem ungeduldigen Handwinken. »Wo ist die Gräfin?«

»Hier, Papa!«

Das junge Mädchen trat aus dem Seitenweg.

War sie in den wenigen Tagen ihrer Verbannung noch gewachsen? Und was mußte in dieser Seele vorgegangen sein, daß auch der letzte Rest kindlicher Unterwürfigkeit von der Erscheinung abgestreift schien?... So, wie sie da aus dem Gebüsch hervortrat, war sie die gebietende Herrin des Schlosses. Die ganze anmutvolle Hoheit, mit der einst die Gräfin Völdern die Wirtin gemacht hatte, umfloß auch diese jugendliche Gestalt; nur das verführerische Lächeln fehlte – auf der Stirn des jungen Mädchens lag tiefer Ernst.

Der Minister wollte ihre Hand ergreifen, um dem Fürsten die Stieftochter in aller Form vorzuführen. Sie schien diese Absicht nicht zu verstehen – Seine Exzellenz begnügte sich demzufolge, die Vorstellung mittels einer zierlichen Handbewegung einzuleiten, und das »Meine Tochter!« klang so zärtlich innig von seinen Lippen, als sei das verknüpfende Band zwischen ihm und der gräflichen Waise nie fester gewesen als in diesem Augenblick.

Gisela verbeugte sich mit ungezwungener Grazie. Frau von Herbecks Blicke hingen in verzehrender Angst an dieser Verbeugung, sie war »lange, lange nicht tief genug!« Aber die Züge des Fürsten verloren das Gepräge herzlichen Wohlwollens und lebhafter Freude darum nicht.

»Liebe Gräfin, Sie ahnen nicht, wie viel schöne Erinnerungen Ihre Erscheinung in mir weckt!« sagte er fast bewegt. »Ihre Großmama, die Gräfin Völdern, der Sie zum Verwechseln ähnlich geworden sind, war einst, wenn auch nur für wenige Jahre, die Seele meines Hofes. Wir alle werden die Zeit nie vergessen, da dieser funkensprühende Geist uns das Leben von einer ganz neuen Seite zeigte – damals vergaß man, daß das menschliche Dasein auch Schattenseiten habe... Die Gräfin Völdern war für uns eine beglückende Fee!« –

»Die ihre bittenden Untergebenen mit Hunden forthetzen ließ«, dachte Gisela, und ihr Herz wand und krümmte sich unter diesem Schluß, der sich ihr unerbittlich aufdrängte... Noch vor einer Viertelstunde würde sie der wortreiche Nachruf des Fürsten beglückt und stolz gemacht haben – jetzt klang er ihr wie der schneidendste Sarkasmus.

Sie fand nicht ein Wort der Erwiderung auf die schmeichelnde Anrede. Seiner Durchlaucht galt dieses Verstummen für »reizende Blödheit des einsamen Kindes«. Er half ihr rasch über die anscheinende Verlegenheit hinweg, indem er ihre Hand faßte und sie nach der prächtigen Linde führte, die nahe am Gittertor des Schloßgartens ihr uraltes, dickes Geäst über eine Gruppe eiserner Möbel breitete.

»Im Schloß will ich für dieses Mal nicht einkehren«, sagte er, sich niederlassend. »Die Zeit des Diners rückt heran, und wir dürfen die Damen in Arnsberg nicht warten lassen... Aber einen Augenblick muß ich unter dieser Linde ruhen... Wissen Sie noch, lieber Baron Fleury? – Hier saßen wir einst in den italienischen Nächten, welche die Gräfin so wundervoll in Szene zu setzen wußte... Da lag das Schloß dort drüben in feenhafter Beleuchtung. Der Garten, den Jugend und Schönheit reizend belebten, schwamm in einem Meer von Licht und Duft – welch eine berauschende Zeit war das!... Vorüber, vorüber!«

Man übersah von diesem Platze aus allerdings das imposante Schloß und einen großen Teil des herrlich angelegten Gartens. Seitwärts hinter dem Bronzegitter des Tores breitete sich aber auch das Talgelände aus, über diesen sonnigen Streifen ballten sich augenblicklich die Rauchwolken in unverminderter Dichtigkeit und ließen den weiterhin dämmernden Bergwald fast verschwinden.

Und wenn man auch alle weitere Gefahr für das heimgesuchte Dorf beseitigt hatte, Gisela begriff doch nicht, wie es dem alten, neben ihr sitzenden Herrn möglich war, angesichts einer solchen Wirklichkeit sich so schwermütig in die tote Vergangenheit zu versenken.

Vom Dorfe her kamen jetzt auch die Herren des Gefolges. Frau von Herbeck eilte nach dem Schloß, um Erfrischungen zu bestellen; aber als sie das erste schützende Gebüsch hinter sich wußte, da streckte sie in verzweifelter Angst die Hände gen Himmel – das Gesicht des Ministers verwandelte sich ja heute, sobald er sich auch nur einen Augenblick unbeobachtet glaubte, in wahrhaft entsetzlicher Weise – nie hatte sie Grimm und verhaltene Wut so unverhohlen in den steinernen Diplomatenzügen ausgeprägt gesehen.

Eben erhob sich Seine Exzellenz, um die Herren seiner Stieftochter vorzustellen, als ein dumpfes Krachen vom Brandplatz herüberscholl, dem ein gellendes Aufschreien vieler Stimmen folgte.

Der Fürst sprang auf – man trat in den Torweg.

»Das letzte brennende Haus ist zusammengestürzt, Durchlaucht. Dabei war keine Gefahr mehr«, beruhigte einer der Herren des Gefolges.

»Gehen Sie und bringen Sie sofort Nachricht!« befahl der Fürst.

Mehrere Herren stoben dahin, als blase der Sturmwind hinter ihnen her.

Fast unmittelbar darauf kam ein Mann um die Ecke der obersten Dorfgasse gesprungen. Es war der Greinsfelder Schullehrer, der nach seiner in der Nähe des Schlosses gelegenen Wohnung lief.

»Was gibt es da drüben, Herr Wöllner?« fragte Frau von Herbeck, aus dem Tore tretend.

»Gnädige Frau, des Nickels Haus ist eingestürzt und hat einen Antichristen unter sich begraben«, antwortete der Mann fast feierlich, aber auch mit einer Art von fanatischer Wildheit. »Soviel ich gesehen habe, liegt der Amerikaner aus dem Waldhause drunter... Gnädige Frau, dort richtet der Herr in seinem gerechten Zorn! Alle Abgebrannten haben ihre Ziegen gerettet, nur dem Weber seine ist verbrannt – er hat auch die Eingabe unterschrieben, die um Belassung des Neuenfelder Pfarrers in seinem Amt bitten soll!«

»Alberner Schwätzer!« schalt der Minister verächtlich. Er und der Medizinalrat waren die einzigen, die neben der Gouvernante das Ende des Berichts abgewartet hatten.

Der Fürst schritt mit bleichem Gesicht nach der Dorfgasse – vor ihm her aber flog Gisela... Ein Aufschrei der Verzweiflung hatte sich auf ihre Lippen gedrängt, allein sie waren stumm geblieben – die Kehle hatte sich krampfhaft geschlossen... Aber die Füße trugen sie ja noch.

Was wollte sie dort?... Die Trümmer wegreißen, die auf seinem Gesicht lagen, mit ihrem eigenen Körper die Flammen ersticken, die ihn verzehren wollten!... Sterben, sterben, elend ersticken unter der grauen Last von Trümmern und glühender Asche sollte so viel Majestät und Herrlichkeit, so viel Tatkraft und mächtiger Wille, ein so zärtlich geliebtes Leben, das sie mit Augen und Händen, mit allen Kräften ihrer Seele behüten mochte.

Eine Säule schwarzen Qualms stieg an dem Orte des Unglücks kerzengerade gen Himmel. Gisela fühlte bei diesem Anblick ihre Füße treulos werden – es legte sich wie eine Wolke vor ihre Augen; sie wankte und schlug mechanisch die Arme um den nächsten Baum.

»Armes Kind!« rief der Fürst herzuspringend. »Wie mögen Sie aber auch hierher gehen? Das ist nichts für Sie!... Ich beschwöre Sie, kehren Sie mit mir zurück!«

Sie schüttelte den Kopf und rang nach Fassung.

Seine Durchlaucht sah sich ratlos um. Auch die Herren, die anfänglich mit ihm am Torweg stehen geblieben, waren bereits eiligen Schrittes in der Dorfgasse verschwunden. In diesem Augenblick aber schlugen ihre bekannten Stimmen wieder an sein Ohr, heitere Ausrufungen, denen lebhaftes Geplauder folgte. Und jetzt kamen sie zwischen den Häusern hervor; beim Erblicken des Fürsten deuteten sie hinter sich in die Gasse – da bog eben die hohe Gestalt des Portugiesen, inmitten der anderen Herren, um die Ecke.

»Mein Himmel, da sind Sie ja!« rief ihm der Fürst froh überrascht entgegen. »Welchen Schrecken haben Sie uns gemacht!«

Mit wenigen Schritten stand Oliveira neben dem Fürsten, aber auch vor dem jungen Mädchen, das jetzt auch den Kopf hilf- und haltlos an den Baum zurücklehnte... Der Mann war kein Stein – er hatte ein leidenschaftliches Herz in der Brust, das in diesem Moment aufschrie und gebieterisch seine Rechte verlangte... Er wußte nur zu gut, was diese hinsterbenden Augen erlöschen gemacht hatte – er las in dem herzzerreißenden Lächeln, das um die erblaßten Lippen glitt, die ganzen Qualen der letzten Minuten. – Vergangenheit und Zukunft, Pläne und Vorsätze, Welt und Leben verloren plötzlich alle Ansprüche an den Mann – er sah nur das bleiche Mädchengesicht.

Er löste ihre schmalen Hände von dem Baum, legte den Arm stützend um die zarte Gestalt und zog sie fest und innig an sich, als sei es nun auch für immer und ewig. Er sprach kein Wort, während der Fürst und sein Gefolge sich in bedauernden Redensarten erschöpften. Niemandem fiel die seltsame Situation auf, in der diese beiden Menschen sich befanden. Der hünenhafte Portugiese war ja mehr als jeder andere dazu berufen, Stütze der Schwachen zu sein – möglicherweise machte es sich sogar notwendig, daß er die halb ohnmächtige Dame auf seinen Armen nach dem Schloß zurücktrug. Zwischen den beiden jungen Leuten lag ja die weite Kluft völligen Fremdseins – man wußte, sie waren sich noch nicht einmal vorgestellt...

Mittlerweile waren der Minister, Frau von Herbeck und der Medizinalrat hinzugekommen; sie standen sprachlos vor der Gruppe.

»Ein Totgeglaubter ist, Gott sei Dank, wieder auferstanden,« sagte der Fürst. »Dafür haben wir hier einen Unfall zu beklagen – der armen Gräfin ist übel geworden.«

Der Medizinalrat nahm sofort das Handgelenk des jungen Mädchens zwischen die Finger.

»Nehmen Sie mir die Sorge vom Herzen, Herr Medizinalrat,« bat Seine Durchlaucht. »Es sind doch wohl nur die schnell vorübergehenden Folgen eines heftigen Schreckens?«

Der Medizinalrat knickte zusammen wie ein Taschenmesser – der Fürst würdigte ihn zum erstenmal einer Anrede.

»Ich hoffe es, Euer Durchlaucht, obschon man bei dem eigentümlichen Leiden der gnädigen Gräfin fast nie den Verlauf eines Anfalles mit Bestimmtheit voraussagen kann... Gestehen muß ich indes, daß es mich ganz außerordentlich schmerzt, durch diesen unglücklichen Zufall die mögliche Heilung meiner gnädigsten Patientin nunmehr wieder hinausgeschoben zu sehen.«

Jetzt trat das Blut wieder in die weißen Wangen und Lippen des jungen Mädchens zurück; aber es ergoß sich erschreckend stürmisch über Gesicht und Hals. Sie war empört über die zweideutige Zunge des Arztes, die auch diese Anwandlung von Ohnmacht mit ihrem früheren Leiden in Verbindung brachte... Warum sollte und mußte ihr immer und immer wieder die verhaßte Krankheit unerbittlich aufgezwungen werden? Und noch dazu diesen vielen Männeraugen gegenüber, die sie neugierig anstarrten.

»Ich danke Ihnen,« sagte sie mit leiser, inniger Stimme zu dem Portugiesen. »Ich will versuchen, allein zu gehen.«

Er trat sofort zurück, und sie ging schwankend einige Schritte. Frau von Herbeck wollte ihr die Hand reichen, allein sie wies sie zurück. Stolz, Empörung, aber auch das beseligende Gefühl, daß er unversehrt an ihrer Seite schreite, halfen ihr rascher über die augenblickliche Schwäche hinweg.

Der Fürst warf einen triumphierenden Blick auf den Arzt, als ihre Bewegungen mit jedem Schritt sicherer und elastischer wurden, und nachdem man glücklich den Schloßgarten erreicht hatte, nahm er froh aufatmend seinen früheren Platz wieder ein und zog die junge Dame neben sich nieder.

»Da sehen Sie den Verlauf des Anfalles, mein Herr Medizinalrat!« sagte er, augenscheinlich sehr heiter gestimmt. »Die braunen Augen unserer Gräfin haben allen Schmelz wieder, und morgen werde ich Ihre letzten Besorgnisse aus dem Felde schlagen... Aber nun sagen Sie mir ums Himmels willen, mein bester Herr von Oliveira, wie war es möglich, daß man uns eine so wahnwitzige Nachricht über Sie bringen konnte?«

Der Portugiese war der einzige, der sich nicht gesetzt hatte, er lehnte unfern an einem Baum... Mußte denn dieser merkwürdige Fremde stets aussehen, als protestiere er gegen jegliche Gemeinschaft mit denen dort?...

»Wahrscheinlich hielt der Überbringer diesen Abschluß des Dramas für sehr pikant«, entgegnete er mit einem leisen Zug der Belustigung, der, weit entfernt ein Lächeln zu sein, doch das düster verschlossene Gesicht erhellte. »Er hat gar nicht abgewartet, ob sich der Vorhang von Rauch und Qualm noch einmal heben werde, und so wurde ich zum sterbenden Helden des Stückes.«

Man lachte.

»Wie man mir erzählt hat,« berichtete einer der Herren, da der Portugiese durchaus keine Lust zu haben schien, den Hergang mitzuteilen, »ist der Eigentümer des letzten brennenden Hauses gerade in dem Augenblick, als es dem Zusammenbrechen nahe war, aus A. zurückgekehrt. Er ist wie ein Wahnsinniger nach der Tür gestürzt, um noch etwas zu retten; Herr von Oliveira aber hat es für angemessen gefunden, ihn zurückzuhalten, und da der Mann in dem Kampfe eine bärenhafte Kraft entwickelt hat, so sind beide in die gefährliche Nähe des Hauses geraten. Es ist zusammengestürzt, und einige Augenblicke lang hat man allerdings geglaubt, die Ringenden seien von den Trümmern verschüttet worden... Durchlaucht, der Mann hat sein Barvermögen retten wollen, das in irgendeinem Versteck des Hauses verborgen ist – bare neun Taler!«

Es wurde wieder gelacht, und nun begann eine allgemeine lebhafte Unterhaltung. Der alte Braun kam und reichte Eis herum.

Währenddessen hatte der Portugiese den Baum verlassen und war in die Nähe des Tores getreten; er wies die Erfrischung zurück, die ihm der Lakai bot... War er so tief versunken in dem Verfolgen der kämpfenden Wolkengebilde am Himmel, daß er zusammenschrak, als eine weiche, bittende Stimme an sein Ohr schlug?

Gisela stand neben ihm. Sie hatte dem alten Braun den Präsentierteller abgenommen und bot ihn dem Portugiesen nochmals hin.

»Mein Herr«, sagte sie schüchtern, »wollen Sie nicht mit mir unter die Linde zurückkehren?«

»Sehen Sie mich an, ob ich es wagen kann, dem gefeiten Kreis dort nahe zu kommen!« entgegnete er ironisch, indem er auf seinen Rock deutete – er war noch mit einer dicken Staub- und Aschenschicht bedeckt. »Ich werde im Gegenteil diesen unbewachten Augenblick benutzen, um mich zurückzuziehen.«

Sie hob die Augen bittend zu ihm empor.

»Nun, dann verschmähen Sie wenigstens diese kleine Erfrischung nicht! Ich bin so stolz, Ihnen auf meinem Grund und Boden etwas bieten zu dürfen!«

Wie klang das demütig und unterwürfig von den Lippen, die einst so leicht jenen wegwerfenden Zug annehmen konnten, der auch des Gesicht der hochmütigen Gräfin Völdern gekennzeichnet hatte!

Ein leichtes Erbleichen überflog die Wangen des Portugiesen; aber er lächelte.

»Haben Sie vergessen, daß ich Ihnen mit den Waffen in der Hand gegenüberstehe?... Ich verwirke das Recht der Feindseligkeit in dem Augenblick, da ich die Gastfreundschaft annehme.«

Er sagte das scherzend, und doch lag in Ton und Lächeln eine schmerzliche Beklommenheit.

»Herr von Oliveira hat ganz recht, wenn er kein Eis annimmt,« sagte der Minister hinzutretend, »er kam sehr erhitzt vom Brandplatze... Du aber solltest deine Pflichten als Dame des Hauses nicht so übertrieben auffassen, mein Kind!« – Er nahm ihr mit einem finsteren Blick den Präsentierteller aus den Händen und übergab ihn dem herbeieilenden Lakaien. – »Übrigens, wie ich bereits im Dorfe hörte, gefällst du dir ja heute in der Rolle der heiligen Landgräfin Elisabeth... Schloß Greinsfeld ist avanciert zur Herberge der Obdachlosen und Bettler!«

»O, lassen Sie doch der Jugend ihre Ideale!« rief der Fürst herüber, indem er sich erhob. »Mein lieber Baron Fleury, wir wissen ja am besten, daß man sie selten mit in das höhere Alter hinübernimmt!... Sorgen Sie getrost für Ihre Schützlinge, meine liebe kleine Gräfin! Auch ich werde nicht ermangeln, mein Scherflein beizutragen... Und nun, ehe ich gehe, eine herzliche Bitte!... Ich kehre übermorgen nach A. zurück, werde mir aber morgen erst noch die Freude machen, ein kleines Fest im Walde zu veranstalten, wollen Sie als mein Gast kommen?«

»Ja, Durchlaucht, von Herzen gern,« entgegnete sie ohne Zögern.

»Das ist's aber nicht allein, was ich wünsche«, fuhr der Fürst lächelnd fort. »Ich sehe ein, daß ich Ihrem allzu ängstlichen und zärtlichen Papa zu Hilfe kommen muß; er läßt Sie möglicherweise noch jahrelang in der Einsamkeit schmachten, aus unbegründeter Angst vor der Wiederkehr Ihres Leidens... Ich setze deshalb Ihre Vorstellung bei Hofe für die nächste Woche fest und freue mich kindisch auf das Erstaunen der Fürstin, wenn sie plötzlich die wiedererstandene Gräfin Völdern vor sich sieht.«

Der Minister verhielt sich vollkommen ruhig und schweigend bei dieser Eröffnung. Die Lider lagen tief über den Augen, und kein Muskel des Gesichts bewegte sich.

Dagegen fuhr der Medizinalrat empor, als habe ihn eine elektrische Batterie getroffen.

»Halten Euer Durchlaucht zu Gnaden, aber diese allergnädigsten Maßregeln erschrecken mich ganz außerordentlich!« stammelte er. »Meine heilige Pflicht als Arzt –«

»Ah bah, Herr Medizinalrat«, unterbrach ihn der Fürst, und seine Augen blickten ziemlich ungnädig. »Mir scheint, Sie überschätzen den Umfang Ihrer Pflichten... Ich möchte Ihnen fast zürnen, daß Sie Seine Exzellenz so ganz und gar nicht zu ermutigen verstehen!«

Der Medizinalrat brach zusammen und zog sich in tiefster Zerknirschung zurück... Fürstliche Ungnade! O Donnerwort!...

Frau von Herbeck stand erstarrt vor dieser Niederlage. Sie hatte anfänglich, nach einem Blick auf das Gesicht Seiner Exzellenz, sehr resolut und kampffertig ausgesehen – das war vorbei. Dennoch fand sie den Mut zu einer schüchternen Einwendung.

»Ich habe nur ein Bedenken, Durchlaucht«, wagte sie einzuwerfen. »Die Gräfin besitzt nicht eine einzige Toilette –«

»Lassen Sie das!« unterbrach sie der Minister finster. »Seine Durchlaucht haben befohlen, und das genügt, sofort jedes Bedenken fallen zu lassen... Für die Toilette wird die Baronin Sorge tragen.«

Gisela fuhr bei dieser Versicherung zurück.

»Nein, Papa – ich danke!« rief sie erregt. »Durchlaucht«, wandte sie sich mit einem lieblichen Lächeln an den Fürsten, »darf ich nicht im weißen Musselinkleid kommen?«

»Versteht sich! – Kommen Sie, wie Sie da vor mir stehen! Wir sind ja nicht am Hofe zu A... Und nun auf Wiedersehen!«

Die Wagen hielten bereits am Tor. Man hatte auch das Pferd des Portugiesen gebracht.

Nach wenigen Minuten lag der Greinsfelder Schloßgarten wieder im tiefsten Schweigen. Gisela aber stand noch lange unter der Linde und verfolgte die Staubwolken, welche die Wagen aufwirbelten... Durch ihre Seele zogen Wonnen und Schmerzen... Bis in alle Ewigkeit konnte sie den Blick nicht vergessen, mit dem er sie an seine Brust gezogen hatte... Und doch, und doch wollte er die Waffen gegen sie erheben!... –

Mittlerweile lief Frau von Herbeck wie wahnwitzig im Schlosse umher – ihre sämtlichen Roben waren zum Verzweifeln unmodern. Dazu hing ein furchtbares Gewitter in den Lüften, das sich unausbleiblich auch über ihrem Haupte entladen mußte... Auch bei den heftigsten Gemütsbewegungen hatte sie ja das Gesicht Seiner Exzellenz noch nie »grünlich« gesehen...

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