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Reichsgräfin Gisela

Eugenie Marlitt: Reichsgräfin Gisela - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleReichsgräfin Gisela
authorEugenie Marlitt
year1996
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-23760-6
titleReichsgräfin Gisela
pages3-462
created20000608
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1869
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23

Gisela ritt in den Schloßgarten, sprang von Miß Saras Rücken und band sie an die nächste Linde. Von der Dienerschaft mußte noch kein einziger vom Jahrmarkt in A. zurückgekehrt sein, es war totenstill im ganzen weiten Garten. Nur durch das ferne Gebüsch in der Nähe des Schlosses leuchteten, hier und da auftauchend, ein helles Frauenkleid und der Strohhut eines Herrn – es schien der jungen Dame, als ob Frau von Herbeck in Begleitung des Arztes eilig auf und ab gehe.

Sie trat wieder vor das Tor und schritt die obere Dorfgasse hinab. Da standen zu beiden Seiten die neugebauten Häuser der Neuenfelder Hüttenarbeiter.

Noch nie hatten die Füße der jungen Dame dieses Pflaster betreten – fremdartiger kann sich der Besucher von Pompeji nicht angemutet fühlen, als die Herrin des Dorfes inmitten dieser Wohnstätten und des Lebens, das sich vor ihren Augen entwickelte.

Man hatte die Habseligkeiten aus den brennenden Häusern hierher gerettet... Welch ein armseliger Haufe! Und diesem wurmstichigen, verbrauchten Gerümpel, das sie nicht mit dem Fuß berühren mochte, gab man die hochtönende Bezeichnung: Eigentum!

Eine Gruppe wehklagender Frauen stand dabei. Sie rangen die Hände und erschöpften sich in Mutmaßungen, wie der Brand ausgekommen sein möge. Die Kinder dagegen hatten sichtlich große Freude an dem seltenen Ereignis und seinen Folgen. Es war doch zu wunderbar, daß Tische und Bänke auf einmal unter Gottes freiem Himmel standen, und das schmutzige Bettzeug erschien in der dumpfen Kammer sicher nicht so einladend, wie hier auf dem Pflaster; die kleinen Köpfe guckten seelenvergnügt aus dem improvisierten »Häuschen«, das sie sich zurechtgewühlt hatten.

Gisela schritt auf die Frauen zu. Sie verstummten erschrocken und stellten sich scheu und ehrerbietig zur Seite.

Wäre der Mond vom Himmel heruntergestiegen und durch die Straße gewandelt, es hätte sie vielleicht weniger befremdet, als die weiße Gestalt, die so plötzlich an sie heranschwebte; denn der Mond war ja ein so guter, alter Freund, dem sie von Kindesbeinen an ungescheut ins gemütliche Antlitz sehen durften – dieses vornehme Mädchengesicht jedoch kannten sie nur »bedeckt vom Schleier« und fern zu Roß oder Wagen an ihnen vorüberfliegend.

»Ist jemand beim Brande verletzt worden?« fragte die junge Dame gütig.

»Nein, gnädige Gräfin, bis jetzt – Gott sei Dank – niemand!« erscholl es von allen Lippen.

»Nur dem Weber seine Ziege ist mitverbrannt«, sagte eine alte Frau. »Dort unten steht er – er weint sich fast die Augen aus dem Kopf.«

»Und wir haben keine Unterkunft für die Nacht«, klagte eine andere. »Drei Familien können in den neuen Häusern untergebracht werden, mehr aber nicht – wir sind übrig und ich habe ein kleines Kind, das zahnt.«

»So kommt mit mir«, sagte Gisela. »Ich kann euch alle unterbringen.«

Die Frauen standen wie versteinert; sie sahen sich scheu untereinander an. Damit war doch unmöglich das Schloß gemeint! Denn dort konnten sie doch nirgends den Fuß hinsetzen, ohne vor »untertäniger« Angst zu vergehen! Und gar darin schlafen mit dem Kind, das Zähne kriegte und Tag und Nacht schrie! Bei jedem Tritt und Schritt hallte es ja in den vornehmen Hallen, Gängen und Sälen, daß man sich vor seiner eigenen unverschämten Stimme fürchtete... Und das mochte alles noch sein – aber die böse, böse gnädige Frau! Vor der versteckten sich selbst die Männer im Dorf!

Gisela ließ den Frauen nicht länger Zeit zum Überlegen.

»Nehmen Sie nur Ihr Kind, liebe Frau«, ermutigte sie das Weib, das gesprochen hatte, »und gehen Sie mit. Und wer ist noch obdachlos?«

»Ich«, sagte ein junges Mädchen schüchtern. »Unser Häuschen steht zwar noch, und die Männer sagen, es würde nun auch nicht abbrennen – die Neuenfelder Spritzen sind gerade noch zur rechten Zeit gekommen... 'neinziehen können wir freilich so bald nicht wieder, es wird zu sehr eingeweicht... Gnädige Gräfin, ich bin aber nicht allein; da ist der Großvater und die Eltern und Bruder und Schwester und die alte, blinde Muhme –«

Gisela lächelte – wie ein tröstender, erquickender Strahl ging es von diesem jungen, holdseligen Gesicht aus.

»Nun, die werden wir doch nicht draußen lassen«, sagte sie. »Holen Sie getrost Ihre ganze Familie – ich werde sogleich für eine Wohnung sorgen.«

Das junge Mädchen sprang fort; die Frau aber nahm ihr leidendes Kind auf den Arm, während zwei andere sich an ihren Rock hingen. Sie bat eine Nachbarin, ihrem Mann, der noch nicht von A. zurück war, zu sagen, wo sie sei, und folgte, wenn auch mit beklommenem Herzen, der jungen Gräfin nach dem Schloßgarten.

Gisela band ihr Pferd los, nahm es beim Zügel und betrat den Hauptweg, der nach dem Schloß führte.

Jetzt kam das helle Frauenkleid, wie vom Sturmwind getrieben, auf sie zugeflogen. Das junge Mädchen fühlte doch eine Art von Mitleiden für die kleine, fette Frau, die den Stempel des Entsetzens und der Angst auf dem erhitzten Gesicht trug.

Zuerst kam sie mit ausgebreiteten Armen gelaufen, wobei sich ihr großer Umhang wie ein Segel aufblähte, dann schlug sie die Hände zusammen und ließ sie gerungen wieder sinken.

»Nein, nein, liebe Gräfin – das war mehr als sich ertragen läßt!« rief sie mit halb erstickter Stimme. »Das Dorf brennt, unserer gottverlassenen Dienerschaft fällt es nicht ein, wieder nach Hause zu kommen, und Sie verschwinden für eine volle Stunde!... Ich leide oft und schwer unter Ihren Launen, füge mich aber stets willig – Liebe und Anhänglichkeit helfen einem über vieles hinweg –, aber der Streich, den Sie mir heute gespielt haben, war denn doch zu stark. Verzeihen Sie, aber das muß heraus!... Mir fallen nur für einen Moment die Augen zu, und diese augenblickliche Schwäche benutzen Sie, um ohne meine Erlaubnis das Schloß zu verlassen – nein, nein, es ist zu unverantwortlich!... Und nun weckt mich der Feuerlärm! Mein erster Gedanke gilt Ihnen – ich laufe durch Haus und Garten, laufe sogar hinunter in das brennende Dorf –, niemand hat Sie auch nur mit einem Auge gesehen – fragen Sie den Medizinalrat, was ich gelitten habe!«

Der Herr im Strohhut, der sie jetzt eingeholt hatte, bestätigte mit einem Kopfnicken, wobei er sich ehrfurchtsvoll vor der jungen Gräfin verbeugte. »Ganz außerordentlich, ganz außerordentlich hat sie gelitten, die arme Gnädige!« schnarrte er in tiefbedauerndem Ton.

»Und nun, ich bitte Sie, liebste Gräfin, wie kommen Sie auf die Idee, in der glühenden Nachmittagsonne auszureiten?« examinierte die empörte Frau. »Wo ist der Hut?... Wie, ohne Handschuhe –«

»Glauben Sie denn, ich sei zu meinem Vergnügen fortgeritten und hätte mir Zeit genommen zu überlegen, welche Handschuhfarbe am besten zu meiner Toilette passe?« unterbrach sie das junge Mädchen ungeduldig. »Ich bin fort gewesen, um Löschmannschaft zu holen.«

Frau von Herbeck fuhr zurück und schlug abermals die Hände zusammen.

»Und wo waren Sie?« fragte sie atemlos und bebend.

»Ich wollte nach Neuenfeld, aber auf der Waldwiese traf ich Papa und Mama.«

Diese Antwort traf die Gouvernante wie ein Blitzstrahl, dennoch behielt sie so viel Geistesgegenwart, zu stammeln: »Waren die Exzellenzen allein?«

»Es mag wohl die ganze Hofgesellschaft gewesen sein, die auf der Wiese stand – was weiß ich!« entgegnete Gisela achselzuckend. »Den Fürsten erkannte ich –«

»Allmächtiger Gott, der Fürst hat Sie gesehen?« schrie die Gouvernante völlig fassungslos auf. »Das ist mein Tod, Medizinalrat!«

Sie war in der Tat blaß wie eine Leiche, aber auch der angerufene Medizinalrat hatte die Farbe gewechselt.

»Gnädige Gräfin,« stotterte er, »was haben Sie getan!... Das wird Seine Exzellenz, den Papa, ganz außerordentlich – betrübt haben!«

Gisela schwieg und sah einen Augenblick aufmerksam und nachdenklich vor sich hin.

»Wollen Sie mir nicht sagen, Frau von Herbeck, aus welchem Grunde der Fürst mich durchaus nicht sehen soll?« fragte sie plötzlich mit einem raschen Aufblick ihrer Augen und fixierte fest das Gesicht der kleinen, entsetzten Frau.

Diese direkte Frage gab der Gouvernante die Fassung zurück.

»Wie – Sie fragen noch?« rief sie. »Werden Sie sich denn gar nicht bewußt, in welchem Aufzuge Sie sind?... Ich kann mich in die Seele der Exzellenzen hineindenken – sie werden trostlos sein!... Ihr abenteuerliches Auftreten wird Ihnen bei Hofe sicher nie vergessen, Gräfin! Man wird flüstern und spötteln, so oft der Name Sturm genannt wird... Barmherziger Gott, und wie wird es mir armem Geschöpf ergehen!«

»Und mich schmerzt es ganz außerordentlich, gnädige Gräfin, mich immer wieder überzeugen zu müssen, daß meine treugemeinten ärztlichen Ratschläge in den Wind gesprochen sind!« fiel der Medizinalrat ein. »Wie soll ich es nur anfangen, Ihnen klar zu machen, daß das Damoklesschwert stündlich über Ihnen schwebt?... Wie leicht, wie leicht« – er hob den Zeigefinger – »konnte Sie einer Ihrer ominösen Anfälle angesichts des Hofes überrumpeln! Welch ein Skandal, gnädige Gräfin!«

Der Mann zitterte innerlich vor Ärger, das war nicht zu verkennen, wenn auch seine hervortretenden, verquollenen Augen mit einer gewissen Sanftmut und unterwürfigen Nachgiebigkeit am Boden hingen.

»Daß Sie nach aufregendem Ritt ohne Nervenschock vor mir stehen, erscheint mir ein Wunder Gottes,« hob er wieder an.

»Auch ich halte es für ein Wunder, für das ich dem lieben Gott inbrünstig danke«, unterbrach ihn die junge Dame, die bis dahin mit gerunzelter Stirn, allein sonst sehr gleichmütig die Vorwürfe über sich hatte ergehen lassen; »indes so sehr befremden sollte Sie es doch nicht mehr, Herr Medizinalrat, denn Sie sehen es seit einem halben Jahre täglich vor sich.«

Eine Kinderstimme wurde hinter den Sprechenden laut. Die Taglöhnerfrau hatte sich beim Erblicken der Gouvernante sofort hinter das nächste Boskett geflüchtet; sie mochte viel Mühe gehabt haben, unterdes die Kinder zu beschwichtigen, damit sie die »böse, böse gnädige Frau« nicht bemerke. In diesem Augenblick aber war ihr doch ein kleiner Knabe entwischt. Er stand breitspurig im Weg und versuchte mit einem kräftigen »Hott!« Miß Sara aus der Fassung zu bringen.

»Was soll das? Wie kommst du hierher, Junge?« fuhr Frau von Herbeck auf.

Jetzt trat die Mutter ängstlich hinter dem Gebüsch hervor.

»Die Frau ist abgebrannt!« erklärte Gisela.

»So? Das ist schlimm für Euch, Frau,« sagte die Gouvernante in etwas milderem Ton. »Es tut mit leid... Die Hand des Herrn ruht schwer auf Euch, aber leider – das wißt Ihr am besten – nicht allein als Prüfung und unverdientermaßen... Erinnert Euch nur, wie oft ich Euch gesagt habe, daß das Strafgericht Gottes nicht ausbleiben kann; ihr alle lebt zu gottlos in den Tag hinein und habt zum Beten niemals Zeit... Nun, ich will nichts weiter sagen, Ihr seid gestraft genug... Da geht nur einstweilen wieder hin – wir wollen sehen, was sich tun läßt.«

»Wohin soll sie den gehen, Frau von Herbeck?« fragte Gisela sehr ruhig, wenn auch ihre Wangen anfingen sich leise zu röten. »Sie hören, daß das Haus der Frau niedergebrannt ist, daß sie mithin kein Obdach hat.«

»Nun, mein Gott, wie soll ich denn wissen, wo sie unterkommt?« fragte Frau von Herbeck ungeduldig zurück. »Es gibt Häuser genug im Dorfe –«

»Aber nicht für fünf obdachlose Familien«, entgegnete die junge Dame – die schöne, schlanke Gestalt stand plötzlich in gebietender Hoheit der kleinen Frau gegenüber. »Die Frau bleibt vorläufig mit Mann und Kindern hier im Schlosse«, erklärte sie entschieden, »und sie nicht allein, es kommt auch noch eine zweite Familie... komm her, mein Junge!«

Sie ergriff mit der Linken das Händchen des kleinen Knaben und machte sich bereit, ihren Weg fortzusetzen.

»Gerechter Gott, welcher Wahnsinn!... Ich protestiere!« schrie Frau von Herbeck auf und vertrat mit ausgebreiteten Armen der jungen Herrin des Schlosses den Weg.

Bei dieser leidenschaftlichen Gebärde der Frau von Herbeck fuhr Miß Sara schnaubend zurück; sie stellte sich auf die Hinterbeine, dann stürmte sie im blinden Schrecken ziellos durch den Garten. Während aber Frau von Herbeck schreiend im nächsten Seitenweg verschwand und auch der Medizinalrat entsetzt zurückwich, ließ sich Gisela ein Stück Weges fortschleifen. Sie hielt die Zügel mit kraftvollen Händen; ihrer Geistesgegenwart und dem unausgesetzten schmeichelnden Zuruf ihrer weichen Stimme gelang es endlich, das erschreckte Tier zum Stehen zu bringen.

Der alte Braun, der wahrscheinlich Frau von Herbecks Schreien gehört hatte, kam vom Schlosse hergelaufen. Gisela übergab ihm das Pferd, trug ihm auf, die Beschließerin zu schicken und kehrte schleunigst zu ihren Schutzbefohlenen zurück.

Sie kam gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie die rasch erholte Frau von Herbeck scheltend nach dem Torweg zeigte, während der Medizinalrat den widerstrebenden Knaben grimmig bei der Schulter packte und sein kleines trotziges Gesicht dem Ausgang des Gartens zuwendete.

»Ihr bleibt!« rief Gisela und ergriff den Arm des Weibes, das sich eben mit den Kindern entfernen wollte... Sie war atemlos, nicht allein infolge des wilden Laufes, sondern auch vor Erbitterung. Nie hatte sie dieses Gefühl tiefer Entrüstung gekannt, das sich jetzt ihrer bemächtigte.

»Frau von Herbeck, auf wessen Grund und Boden stehen wir?« fragte sie, sichtlich nach äußerer Ruhe und Haltung ringend.

»Oh, liebe Gräfin, das will ich Ihnen mit Freuden deutlich machen!... Wir stehen auf dem Grund und Boden der alten Reichsgräfin Völdern... Dort unter dem Dach haben genug gekrönte Häupter als Gäste geschlafen; nie aber hat es Raum gehabt für Leute von obskurem Namen... Die Völdern haben sich niemals der Berührung mit dem Gemeinen schuldig gemacht – sie sind von jeher der Schrecken der Zudringlichen und Unverschämten gewesen... Und nun sollte dieser geheiligte Boden entweiht werden? Nie und nimmermehr! So lange ich meine Zunge rühren kann, werde ich protestieren!... Liebste Gräfin, ich will nicht allein auf die Rücksicht hinweisen, die Sie ihren erleuchten Vorfahren unerläßlich schuldig sind – denken Sie doch auch an Ihr eigenes Interesse! Wo bleibt der Respekt –«

»Ich will keinen Respekt, wie Sie ihn meinen – ich will Liebe.«

Die Gouvernante stieß ein höhnisches Gelächter aus.

»Liebe, Liebe? Von diesen da?« rief sie in ein impertinentes Kichern übergehend, indem sie auf die Taglöhnerfamilie zeigte. – »Ein unbezahlbarer Einfall! Den hätte die Großmama hören sollen!«

»Sie hat ihn gehört«, versetzte Gisela gelassen. »So lange ich denken kann, versichern Sie mir unausgesetzt, der Geist meiner Großmama sei mir nahe, sie richte mein Tun und Lassen – in diesem Augenblick wird sie zufrieden mit mir sein.«

»Glauben Sie? Da gilt es, einen schweren Irrtum aufzuklären. Für die majestätische Gräfin Völdern war diese Menschenklasse gar nicht auf der Welt, und kamen ihr je einmal dergleichen Zudringlichkeiten zu nahe, da war ich in der Lage zu hören, wie sie drohte, ›das Gesindel‹ mit Hunden forthetzen zu lassen.«

»Ja, ja, die hochselige Frau Gräfin machte nicht viel Federlesens,« bestätigte der Medizinalrat. »Sie hatte ein ganz außergewöhnlich entwickeltes aristokratisches Gefühl!«

Gisela war totenbleich geworden. Diese zwei Menschen da zerpflückten erbarmungslos den Heiligenschein, den sie eben noch mit glühendem Eifer verteidigt hatte... Wußte sie auch, daß die Großmama immer auf einsamer Höhe gestanden, von der es ihr liebeheischendes Kindesherz stets kalt angeweht hatte, so war sie doch nie im Zweifel gewesen, daß dieses zurückweisende Etwas einzig der Sittenstrenge und der Erhabenheit der stolzen Frauenseele entsprungen sei... Und nun sollte die Vergötterte unmenschlich gewesen sein!

Frau von Herbeck irrte schwer, wenn sie glaubte, mit ihren Enthüllungen das altgewohnte Fahrwasser wieder erlangt zu haben; sie hatte unvorsichtig genug den Zauber selbst gebrochen, dem die junge Seele bis dahin unterworfen gewesen war.

Die braunen Augen des jungen Mädchens sahen wohl erloschen, aber mit tiefem Ernst in das Gesicht der Gouvernante.

»Frau von Herbeck, Sie nannten vorhin den Brand im Dorfe ein Strafgericht Gottes«, sagte sie. »Das Haus dort aber steht noch« – sie zeigte nach dem Schlosse –, »in dem Jahrhunderte hindurch ein so grausames Unrecht geschehen ist. Der liebe Gott hat es anders gemeint, als Sie sagen – er hat nicht strafen, sondern segnen wollen. Die elenden Häuser mußten niederbrennen, damit es endlich besser werden konnte für die armen Unterdrückten!«

Die Beschließerin kam eilig vom Schlosse her.

»Schließen Sie sogleich die Räume im Erdgeschoß des linken Flügels auf!« befahl Gisela.

»Mein Gott, gnädige Gräfin, wollen Sie trotz aller Vorstellungen Ernst machen?« rief der Medizinalrat – der würdige Vermittler zwischen Leben und Tod zitterte innerlich vor Zorn, aber er beherrschte sich doch, während Frau von Herbeck, sprachlos vor Erbitterung, unverhohlen an ihrem Taschentuch riß und zerrte. »So hören Sie wenigstens auf einen vernünftigen Rat!« beschwor er die junge Dame. »Bringen Sie die Leute nicht ins Schloß selbst – das geht ein für allemal nicht! Ich schlage Ihnen den Pavillon dort drüben vor – er ist geräumig –«

»Sie haben wohl vergessen«, fiel ihm Gisela empört ins Wort, »daß Sie sich gestern erst weigerten, auch nur für einige Augenblicke in diesen Pavillon einzutreten, weil die feuchte Luft äußerst nachteilig auf Ihr rheumatisches Leiden wirke? Sie sagten, der Raum sei höchst ungesund.«

»Ja, das Wasser läuft von den Wänden,« bestätigte die Beschließerin, unbekümmert um den Basiliskenblick des Doktors. »Auf den Möbeln sitzt der dicke Moder.«

Ohne noch ein einziges Wort zu verlieren, wandte sich die junge Gräfin ab von den zwei Menschen, deren öde Seelen sich plötzlich in ihrer ganzen Nichtswürdigkeit enthüllten.

»Kommen Sie, liebe Frau, Sie sollen für Ihr leidendes Kind ein sonniges Zimmer haben,« sagte sie zu dem armen Weibe, das an allen Gliedern bebend neben ihr stand. Sie ergriff die Hände der beiden größeren Kinder, die sich ängstlich an den Rock der Mutter gehangen hatten, und schritt mit ihnen nach dem Schlosse.

Die Beschließerin lief voraus.

»Frau Kurz, ich rate Ihnen wohlmeinend, erst den bestimmten Befehl Seiner Exzellenz abzuwarten!« rief ihr die Gouvernante mit erstickter Stimme nach; allein das wackere Weib ließ sich nicht irre machen – die »böse, böse gnädige Frau« hatte lange genug geherrscht und die Geißel geschwungen, es war hohe Zeit, daß die eigentliche Herrin von Greinsfeld die Zügel ergriff.

»Gott, Gott, welche Szenen erwarten mich!« stöhnte die Gouvernante und fuhr mit beiden Händen nach dem Kopfe. »Nun wird er wieder sagen: ›Sie sind alt geworden, Frau von Herbeck!‹... Wenn ich nur an diese impertinente Stimme denke, da zittern mir alle Nerven – ich möchte mich am liebsten gleich im Erdboden verkriechen! Und Sie werden auch nicht leer ausgehen, Medizinalrat, darauf verlassen Sie sich!«

Der Medizinalrat sagte keine Silbe. Er legte den prächtigen, ziselierten Stockknopf an die gespitzten Lippen und pfiff mechanisch, aber fast unhörbar: »Schier dreißig Jahre bist du alt!« vor sich hin – das tat er immer, wenn er ›ganz außerordentlich‹ ergrimmt war.

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