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Reichsgräfin Gisela

Eugenie Marlitt: Reichsgräfin Gisela - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleReichsgräfin Gisela
authorEugenie Marlitt
year1996
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-23760-6
titleReichsgräfin Gisela
pages3-462
created20000608
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1869
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20

Die Damen hatten anfänglich beabsichtigt, auf dem See zu fahren, allein der Fürst schritt, in Oliveiras Schilderungen versenkt, achtlos am Ufer hin und betrat den Weg nach der Waldwiese; die Damen folgten wie magnetisch angezogen durch die erzählende Stimme. Beim Eintritt in den Wald hatten sie die Hüte abgenommen; sie flochten sich Glockenblumen, rotblühende Feldnelken und den wilden Hopfen mit seinen halbentwickelten, glöckchenartigen Zapfen in das Haar... Wie taubenhaft unschuldig sahen sie aus in ihren fleckenlos weißen Gewändern, mit den jungen, frühlingsfrischen Gesichtern und den nickenden Waldblumenglocken. Und doch waren diese scheinbar kindlichen, unbefangenen Herzen bereits vortrefflich geschult und einexerziert nach dem feudalen Reglement, und zwischen ihnen und der übrigen, nicht hoffähigen Menschheit lag eine nie zu überbrückende Kluft voll Eis und tödlicher Kälte.

Auf der Waldwiese angekommen, legte die junge hübsche Frau eines Kavaliers eine kleine Girlande um den Strohhut ihres Gemahls; der Fürst bemerkte es und reichte lächelnd auch seinen Hut hin; das war das Signal zu einer allgemeinen Bekränzung. Die jüngeren Damen flatterten umher wie die Schmetterlinge und plünderten den Waldboden; es wurde viel gescherzt und gelacht; harmloser und naiver konnten sich auch die Dorfkinder nicht im frischen, grünen Wald umhertummeln als diese blumensuchenden Hochgeborenen.

Der Portugiese hatte dem Tumult den Rücken gewandt. Er stand mit rückwärts gekreuzten Händen vor der erzenen Büste des Prinzen Heinrich und studierte scheinbar mit großem Interesse die Züge des grün überlaufenen fürstlichen Kopfes. Was keine der Damen dem düsterernsten Manne gegenüber wagte, die Hofdame unternahm es. Sie trat geräuschlos an Oliveiras Seite und hielt ihm mit einem schalkhaft bittenden, wenngleich schüchternen Blick die schmale weiße, mit Blumen gefüllte Hand hin. Das wäre wohl ein Moment gewesen, um auf diesen strenggeschlossenen Mund ein Lächeln, in die dämonisch dunkeln Augen ein freundliches Aufleuchten zu zaubern – vergebens! – Das Bronzegesicht veränderte sich nicht; wohl aber nahm er mit einer tadellos ritterlichen Verbeugung den Hut vom Haupte und reichte ihn dem jungen Mädchen hin. Sie eilte zu dem Damenkreis zurück, und der Portugiese folgte ihr langsam. Die ganze Gruppe stand inmitten der Waldwiese. Die kleine Lichtung erschien von diesem Punkt aus wie ein Stern, dessen Strahlen als schmale Wege in den Wald hineinliefen – der Blick konnte nach allen Richtungen hin in die gründämmernden Laubgänge dringen.

Oliveiras Hut ging von Hand zu Hand, jede der Damen schmückte ihn mit einer Blume; zuletzt blieb er in den Händen der Baronin Fleury. Mit einem lächelnden Aufblick nach dem Portugiesen, der unfern von ihr stand, befestigte sie eine prachtvolle azurblaue Kampanula und war eben im Begriff, den Hut zurückzugeben, als sie plötzlich wie versteinert stehen blieb und aufhorchte. Augenblicklich verstummte auch das Geplauder und Summen aller Stimmen – man hörte die dumpfdröhnenden Hufschläge eines herangaloppierenden Pferdes... War es ein scheugewordenes Tier, das durch den Wald raste?... Es blieb kaum Zeit, diesen Gedanken auszudenken, als auch bereits das Pferd auf dem Greinsfelder Wege herbrauste. Von seinem Rücken flatterte, wie eine leichte Sommerwolke, ein weißes Damenkleid, und über den hochaufbäumenden Kopf des Tieres hinweg wehte gelöstes blondes Haar. Auf Roß und Reiterin fielen aus den Wipfeln goldene Lichter nieder, und diese funkelnden, ab und zu huschenden Flecken machten die jäh hervorstürzende Gesamterscheinung fast grauenhaft schön.

Die Damen stoben schreiend auseinander.

»Mein Gott!« stieß der Fürst hervor – der alte Herr taumelte förmlich zurück, die Baronin Fleury aber streckte wie sinnenverwirrt abwehrend die Arme aus.

»Kehre um, Gisela, ich beschwöre dich!« rief sie völlig fassungslos. »Ich kann dich nicht sehen!... Die Angst tötet mich!«

Allein da stand schon das Pferd, ein schöner Araber, wie festgemauert mitten in der Wiese; der Schaum floß vom Gebiß, und die Nüstern flogen – ein einziger Ruck seiner Herrin, die auf seinem nur mit einer leichten Decke gesattelten Rücken saß, hatte es zum Stehen gebracht.

»Greinsfeld brennt«, rief sie hinab, ohne das halbwahnwitzige Gebaren der Stiefmutter zu beachten – ihr schönes Gesicht war totenbleich.

»Das Schloß?« fragte der Portugiese – er war der einzige, der scheinbar seine Ruhe behauptete – alle anderen standen so gänzlich bestürzt und fassungslos, als habe eine gewaltige Faust die überraschende Erscheinung aus dem Erdboden gehoben.

»Nein – im Dorfe brennen mehrere Häuser zugleich!« antwortete das junge Mädchen mit halberstickter Stimme und warf die prachtvolle Haarsträhnen zurück, die ihm über den Busen gefallen waren.

»Und um deswillen machst du einen solchen tollen Ritt?... Wahnsinnige!« rief der Minister maßlos empört, während sich der Portugiese mit einer tiefen Verbeugung und einigen Worten von Seiner Durchlaucht verabschiedete und gleich darauf um Walde verschwand.

Fast schien es, als habe die Reiterin von allen Anwesenden nur diesen Mann bemerkt; bei seiner Frage hatte sich ein wahres Rosenlicht über ihr blasses, erschrecktes Gesicht ergossen, und mit dem Verschwinden der hohen Gestalt erlosch es sofort.

Jetzt kam aber auch Leben in die erstarrte Versammlung. Die Herren, unter ihnen die Gräfin Schliersen, umringten stürmisch Pferd und Reiterin; und wenn auch die jüngeren Damen infolge unliebsamer Überraschung und eines sehr erklärlichen Unbehagens sich fern hielten, so hingen doch alle diese schönen Augen mit wahrhaft verzehrender Spannung an dem Gesicht der jungen Einsiedlerin, die »der boshafte Zufall« so unvorbereitet und plötzlich mitten in den Hofkreis hineinwarf... Wie, die Erscheinung, die so ätherisch leicht da oben schwebte und doch mit so kühner und kräftiger Hand ihr Pferd beherrschte, sie sollte das verkrüppelte, gelbe Geschöpfchen sein, das nach Aussage der Stiefeltern in tiefster Einsamkeit eines langsamen Todes starb?... Vor diesen wundervollen, keuschen, braunen Mädchenaugen wollte sich einst die schöne Hofdame gefürchtet haben? Und hinter der leuchtenden, vom schönsten Blondhaar umflatterten Stirne sollte maßlose Bosheit brüten?

»Liebste Jutta, du hast uns einen reizenden Fastnachtsschabernack gespielt!« sagte die Gräfin Schliersen in ihrem beißendsten Ton zu der schönen Exzellenz. »Zu deiner Genugtuung will ich dir nur gestehen, daß ich überrascht bin, wie noch nie in meinem Leben... Deine schmerzliche Entrüstung über meine ›neugierigen Augen‹ war aber auch zu gelungen!«

Die Baronin erwiderte auf diese Bosheit kein Wort. Sie sah aus wie ein Geist mit ihren schneeweißen Lippen und Wangen, hatte aber die Fassung vollständig wiedergewonnen. Sie schlug die Augen vorwurfsvoll zu der Stieftochter auf.

»Mein Kind – Gott mag dir verzeihen, was du mir angetan hast!« sagte sie in weichen Tönen. »Diesen Augenblick verwinde ich nie!... Du weißt, daß es mir namenlose Angst macht, dich auf dem Pferde zu wissen! Du weißt, daß ich fortwährend für dein Leben zittere!... Was hattest du mir versprochen?«

Giselas Blick war einen Moment verschüchtert über alle die fremden Gesichter hingeglitten; jetzt aber sprühten die braunen Augen auf.

»Ich hatte dir versprochen, nicht in deinen Gesichtskreis zu kommen, Mama«, versetzte sie. »Aber soll ich mich denn wirklich rechtfertigen, daß ich mein Versprechen nicht halten konnte, weil ich Hilfe für mein armes Dorf holen muß?... Unsere Leute sind auf dem Jahrmarkt in A.; nur der alte Braun, der nicht reiten kann, und der lahme, kranke Stallknecht Thieme sind zu Hause... Im Dorfe ist nicht ein einziger Mann – die Leute arbeiten ja fast alle in Neuenfeld –, Frauen und Kinder laufen schreiend und ratlos um die brennenden Häuser –«

Sie verstummte – das ganze Entsetzen, das sie auf ungesatteltem Pferd über Berg und Tal getrieben, kam wieder über sie, und wenn auch ihr Aufenthalt auf der Wiese sich kaum auf wenige Minuten erstreckte, diese Minuten waren doch verloren... Sie mußte weiter. Von all denen, die sie umstanden, rührte auch nicht einer Hand und Fuß; die vornehmen Herren schienen es nicht gehört oder bereits vergessen zu haben, daß es drüben hinter dem Wald brannte... Jener verächtliche Zug, der auch einst das schöne Gesicht der Gräfin Völdern charakterisiert hatte, bog ihre Mundwinkel herab. Ihr Blick flog über die Köpfe hinweg nach dem Neuenfelder Weg – man sah, sie war im Begriff, den Kreis, der sie umringte, ohne weiteres zu sprengen.

Wären nicht aller Augen beharrlich auf die Reiterin gerichtet gewesen, dann hätten diese Hofschranzen ein Schauspiel haben können, für sie vielleicht interessanter noch, als die »hereingeschneite Schönheit« auf dem Pferde. Der Minister, dieses Urbild eines Diplomaten, Seine Exzellenz mit der ehernen Stirne, an der alle Angriffe wirkungslos abprallten, der Mann mit den schlaffen Augenlidern, die sich hoben und senkten wie der Theatervorhang, um gerade nur das zu zeigen, was gesehen werden sollte – der gewaltige, gefürchtete Minister war augenblicklich schwächer als seine gewandte Gemahlin; er rang vergebens nach äußerer Ruhe und Fassung, er konnte weder die Blässe, noch den verzweifelten Grimm von seinen Zügen wegwischen.

Bei der Bewegung des jungen Mädchens griff er mit rauh zufassender Hand in die Zügel des Pferdes, und ein dämonisch wilder, furchtbar drohender Blick traf ihr Auge... Sie erbebte. Er hatte sie vorhin in bezug auf ihre Handlungsweise eine Wahnsinnige genannt; er hielt offenbar seine gräfliche Stieftochter in den Augen des Hofes für kompromittiert, weil sie um einiger elender, zusammenprasselnder Schindeldächer willen ihre Standeswürde und die strengen Gesetze der Etikette achtlos beiseite setzte; er wollte sie an einer weiteren »Tollheit« verhindern – was kümmerte ihn der verzweifelte Jammer da drüben in dem Nest, über dessen Wohl und Wehe die gehorsame Stieftochter früher mit denselben gleichgültigen Augen hinweggesehen hatte wie er?

Infolge dieser blitzschnell kreisenden Gedanken flammten die Augen der jungen Gräfin auf... Seine Exzellenz hatte die Kraft in diesen schmalen, weißen Händen unterschätzt – mit einem einzigen Ruck zog sie den Zügel gegen sich, das Pferd stieg kerzengerade in die Höhe, und die Umstehenden wichen erschrocken zurück.

»Papa, du wirst mir erlauben, nach Neuenfeld zu reiten«, sagte sie sehr energisch, wenn auch ohne alle Heftigkeit, und hob die Reitgerte, um das Tier anzutreiben – in demselben Augenblick krachte ein Schuß dumpf herüber.

»Aha, der erste Warnschuß in Neuenfeld«, rief der Fürst. »Herr von Oliveira muß geflogen sein!... Beruhigen Sie sich, schöne Gräfin Völdern!« wandte er sich an Gisela. »Sie brauchen nicht weiter zu reiten. Glauben Sie denn, ich würde so ruhig geblieben sein, wenn ich nicht gewußt hätte, daß dort« – er deutete nach der Neuenfelder Richtung – »bereits alle Vorkehrungen zur schleunigen Hilfe getroffen würden?«

Jetzt erst bemerkte Gisela den alten Herrn, die schmächtigste, unscheinbarste Gestalt unter den Versammelten. Er hatte sie mit dem Namen ihrer Großmutter angeredet; das klang sonderbar, fast wie verwirrt – sie wußte ja nicht, daß er in ihr die unvergleichlichen Formen seiner »Protegé« wiedererstanden sah – indes, was er sagte, klang so gütig beruhigend, und das wohlbekannte, schmale Gesicht mit den kleinen grauen Augen – dieser fürstliche Kopf, mit dem Frau von Herbeck einen wahren Kultus trieb, hing photographiert, lithographiert und in Öl gemalt in allen Zimmern der Gouvernante – das Gesicht erschien so harmlos und freundlich neben den unheimlichen verwandelten Zügen des Stiefvaters, daß sie plötzlich die aufquellende Bitterkeit in ihrem Herzen weichen fühlte.

Sie neigte sich mit einem unnachahmlichen Gemisch von mädchenhaft-herber Zurückhaltung und graziöser Geschmeidigkeit tief vom Pferde und sagte mit kindlichem Lächeln: »Ich bin Euer Durchlaucht sehr dankbar für diese Beruhigung –«

Sie wollte offenbar noch einige Worte hinzufügen, allein der Minister hatte abermals den Zügel erfaßt, diesmal jedoch mit wahrhaft eisernem Griff; jetzt war er vollkommen Herr seiner Aufregung geworden, ja, er brachte sogar ein bedeutungsvoll mitleidiges und zugleich entschuldigendes Lächeln fertig, mit dem er nach dem Fürsten hinsah, während er das Pferd rasch wendete und den Kopf des Tieres dem Greinsfelder Weg zukehrte.

Er deutete gebieterisch nach dem Laubgang.

»Du wirst jetzt ohne Aufenthalt nach Greinsfeld zurückkehren, meine Tochter«, sagte er mit jener eiskalten, geschärften Stimme, die jedes Wort zu einem eisernen Gebot machte. »Ich hoffe heute noch Zeit und Gelegenheit zu finden, mich mit dir über einen Schritt zu verständigen, der schwerlich seinesgleichen in den Annalen der Häuser Sturm und Völdern finden dürfte.«

Das stolze Blut der Reichsgrafen Sturm und Völdern, an das er soeben appellierte, stieg in das Gesicht des jungen Mädchens; Gisela richtete sich hoch empor, allein ihre Lippen preßten sich fest aufeinander – sie wollte ja niemals heftig werden. Es war auch nicht nötig; das leichte, ausdrucksvolle Achselzucken, mit dem sie sich auf dem Pferd zurücksetzte, wies die beißende Bemerkung Seiner Exzellenz beschämender und treffender zurück, als es vielleicht ein rasches gereiztes Wort getan hätte.

»Aber mein bester Fleury –« rief der Fürst in lebhaft bedauerndem Ton.

»Durchlaucht«, unterbrach ihn der Minister mit verbindlicher Haltung und fast demütig niedergeschlagenen Lidern, aber auch mit einem Nachdruck, den Seine Durchlaucht als unbeugsam nur allzu gut kannte, – »ich handle in diesem Augenblicke als Vertreter meiner Schwiegermutter, der Gräfin Völdern. Sie würde ihrer Enkelin dies phantastische, zigeunerhafte Auftreten niemals vergeben haben... Ich kenne leider den abenteuerlichen Hang meiner Tochter sehr gut, und wenn ich außerstande war, diese peinliche Situation zu verhüten, so will ich mich wenigstens nicht der Taktlosigkeit schuldig machen, den Skandal, der mir sehr bei den Haaren herbeigezogen erscheint, verlängert zu haben.«

Jedes andere junge Mädchen würde höchstwahrscheinlich diesen zermalmenden Worten gegenüber in Tränen der Hilflosigkeit ausgebrochen sein; die braunen, in diesem Moment zu Schwarz sich verdunkelnden Augen feuchteten sich nicht. Mit jenem tief forschenden Ausdruck, der leidenschaftlich nach dem wahren Ursprung einer Handlung in der Seele anderer sucht, heftete sich ihr Blick fest und durchdringend auf das Gesicht des Mannes, der sie als elendes, hinsterbendes Kind mit einer Art von Vergötterung auf den Händen getragen und verzogen hatte, und der nun seit wenigen Tagen urplötzlich, ohne irgendwelchen erklärlichen Übergang, eine so tödliche Kälte und Rücksichtslosigkeit ihr gegenüber entwickelte.

Sie saß nicht da droben wie eine Angeklagte – weit eher als Verurteilende; an dem ruhigen Schweigen ihrer Lippen, die sich in den Winkeln verächtlich senkten, zersplitterten die Waffen ihres Verleumders.

Mit einer stolzen Gebärde warf sie das Haar nach den Schultern zurück; dann neigte sie sich grüßend nach allen Seiten, während sie mit der Reitgerte das Pferd leicht berührte. Es flog wie ein Pfeil in den Laubgang zurück, und nach wenigen Augenblicken verschlang die grüne Waldesdämmerung die schwebende weiße Gestalt und das flatternde Goldhaar der Reiterin...

Einen Augenblick starrten die Anwesenden auf der Wiese schweigend Gisela nach, dann aber schwirrten die Stimmen aufgeregt durcheinander.

Der Fürst sandte zuvörderst einen der Herren nach mehreren Wagen in das weiße Schloß; er wollte, begleitet vom Minister und den Herren seines Gefolges, in höchsteigener Person den Schauplatz des Brandunglücks besichtigen – der alte Herr entwickelte plötzlich sehr viel Hast und Lebendigkeit.

»Aber, mein lieber Baron Fleury, waren Sie nicht ein wenig zu hart und grausam gegen Ihre reizende Pflegebefohlene?« sagte er vorwurfsvoll zu dem Minister, während er sich anschickte, die Wiese zu verlassen, um nach dem Greinsfelder Fahrweg zu gehen, wo er einsteigen wollte.

Ein kaltes Lächeln zuckte flüchtig über das Gesicht Seiner Exzellenz.

»Durchlaucht, in meiner öffentlichen Stellung bin ich gewohnt, im ehernen Panzer einherzuschreiten – ich wäre ja längst eine Leiche, wenn ich nicht die Pfeile der Verurteilten an mir abprallen ließe«, entgegnete er leicht scherzend. »Sehr viel anders organisiert bin ich dagegen als Privatmann«, fügte er ernster hinzu. »Ein Vorwurf, noch dazu aus dem Munde Euer Durchlaucht, schmerzt mich – ich leugne es nicht... Ich habe in diesem Augenblick die niederschlagende Bemerkung gemacht, daß ich lediglich aus Liebe und Verblendung ein sehr fahrlässiger Pflegevater gewesen bin –«

»Klage dich nicht allein an, mein Freund«, unterbrach ihn seine Gemahlin mit süß beschwichtigender Stimme; »auch ich trage viel Schuld. Solange wir Gisela mit ihren Extravaganzen hinter den Arnsberger und Greinsfelder Schloßgartenmauern wußten, waren wir schwach genug, die grenzenloseste Nachsicht zu üben – ich habe gerade deshalb manch harten Strauß mit der Herbeck gehabt, die mehr Strenge angewendet wissen wollte.«

»Aber ich kann mit dem besten Willen diese himmelschreiende Extravaganz nicht einsehen«, meinte die Gräfin Schliersen sehr gleichmütig. »Ein etwas tollkühner Ritt – weiter nichts!... Im übrigen hatte die reizende Kleine augenscheinlich keine Ahnung von unserer Anwesenheit auf der Wiese –«

»Wenn ich dir aber sage, liebste Leontine, daß sie imstande ist, sich, so wie wir sie eben gesehen haben, auf dem Marktplatz von A. vor all dem Volke zu zeigen!« fiel ihr die schöne Exzellenz ins Wort. »Sie springt von einem Extrem in das andere, leider – ich muß es abermals aussprechen – sehr oft in der Absicht, kleine Bosheiten gegenüber der Herbeck auszuüben... Sie besteht zum Beispiel heute darauf, in die Gesellschaft eintreten zu wollen – mein Gott, bei ihrer Krankheit ist ja das geradezu eine Lächerlichkeit – und eine Stunde später –«

»Spricht sie womöglich den unerschütterlichen Entschluß aus, ins – Kloster zu gehen«, unterbrach und ergänzte der Minister die Schilderung. Das sollte scherzhaft klingen, und doch legte er, fast wie unwillkürlich, einen ganz eigentümlichen Nachdruck auf diesen Ausspruch.

Alle Damen lachten – nur die Gräfin Schliersen verzog keine Miene. Sie hatte jenen starren Ausdruck von Konsequenz und Hartnäckigkeit im Gesicht, den die geschmeidigen Hofleute entsetzlich fürchteten – er war stets der Vorläufer großer Verlegenheiten für sie.

»Du betontest eben wieder das Leiden deiner Stieftochter, Jutta«, sagte sie, den Gegenstand des Gesprächs beharrlich festhaltend. »Sage mir einmal aufrichtig, glaubst du denn in der Tat, lediglich auf den vagen Ausspruch des Arztes hin, daß dieses schöne Geschöpf mit dem lebensfrischen Teint und den urgesunden, kräftigen Bewegungen in seinen früheren Zustand zurückfallen könne?«

Die dunklen Augen der schönen Exzellenz richteten sich unverhohlen in wahrhaft verzehrendem Haß auf das kaltlächelnde Gesicht der unerbittlichen Fragerin.

»In den früheren Zustand zurückfallen?« wiederholte sie. »Ei, meine gute Leontine, wenn es nur das wäre, da wollte ich mich gern beruhigen, aber leider war Gisela noch nie hergestellt.«

»Davon habe ich mich überzeugt«, rief sehr eifrig die Hofdame. »Die Gräfin zuckt mit dem rechten Arm noch genau so krampfhaft wie damals, als ich mich so entsetzlich vor ihr fürchtete.«

»Die unheimliche Bewegung hat mich auch erschreckt«, versicherte die blasse, ätherische Blondine, und sämtliche jungen Damen bestätigten wie aus einem Munde die traurige Wahrnehmung.

»Meine Damen«, sagte die Gräfin Schliersen und neigte das Haupt graziös, aber mit unbeschreiblicher Ironie nach den Damen hin, »Sie mögen recht haben. Dagegen werden Sie mir gewiß nicht bestreiten wollen, daß die junge Gräfin sehr elegant und sicher zu Pferde saß, während die armen, kleinen, zuckenden Hände das feurige Tier vortrefflich zu beherrschen verstanden – das Handhaben des Ballfächers erfordert bei weitem nicht diesen Kraftaufwand... Ich bin sicher, die reizenden Füßchen, die unter dem weißen Kleid hervorsahen, können auch ganz allerliebst tanzen!... Meinen Sie nicht auch, daß die eben entdeckte Schönheit eine prachtvolle Akquisition für unsere Hofbälle sein würde?« Sie verzichtete auf eine Antwort der Damen, die unter ihrem klugen, satirischen Blick wie die Päonien erglühten, und wandte sich an den Fürsten, der ohne Aufenthalt weiter schritt.

»Darf ich mir eine Ehrenerklärung für mein künstlerisches Auge ausbitten, Durchlaucht?« fragte sie scherzend. »Ich erhielt vor kaum einer Stunde einen sehr ungnädigen Blick, weil ich mich unterfing, in dem häßlichen Kinderkopf der kleinen Sturm die Grundlinien eines berühmt schönen Gesichts wiederzufinden... Wie, war es nicht in jedem Zug, in jeder Bewegung die stolze Gräfin Völdern, die wir eben in den Wald zurücksprengen sahen?«

»Ich bekenne mich überwunden«, entgegnete der Fürst. »Die schöne Amazone stellt meine Protegé sogar in den Schatten – sie hat zwei Reize mehr: die Jugend und den Zauber der Unschuld.«

Ein leiser Wehruf der Baronin Fleury unterbrach das Gespräch. Die schöne Exzellenz hatte hastig und unvorsichtig in einen wilden Rosenbusch gegriffen – ein spitzer Dorn war tief in die weiche, weiße Hand gedrungen, das Blut quoll durch das dünne Batisttaschentuch, und das war ein so bedauerlicher Unfall für alle die jungen, weichen Mädchenherzen, daß sie nicht begriffen, wie Seine Durchlaucht den Brand hinter dem Walde wichtiger finden und sie gerade in diesem Augenblick verlassen konnte, noch dazu in Begleitung sämtlicher Herren.

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