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Reichsgräfin Gisela

Eugenie Marlitt: Reichsgräfin Gisela - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleReichsgräfin Gisela
authorEugenie Marlitt
year1996
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-23760-6
titleReichsgräfin Gisela
pages3-462
created20000608
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1869
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2

Er schlug denselben Weg ein wie die Pfarrerin – nach dem Dorfe Neuenfeld, das ungefähr einen Büchsenschuß weit vom Hüttenwerk lag. Aber der Weg war unterdessen ein sehr mühseliger geworden; der Sturm hatte fußhohe Schneewälle zusammengefegt und quer über die Landstraße geworfen, und der Flockenwirbel erfüllte die Luft so dicht und undurchdringlich, daß auch nicht eine Spur der Ebereschenbäume zu beiden Seiten der Straße sichtbar war.

Der alte Soldat stampfte mit Todesverachtung im förmlichen Sturmschritt vorwärts; ihm wurde wohl inmitten des Tumultes. Er schob die wohlbefestigte Mütze nach dem Hinterkopf zurück und ließ sich von dem kalten Schnee die Stirn bestäuben, hinter der die plötzlich wachgerüttelten alten, bösen Erinnerungen brannten. Das Knirschen und Krachen unter seinen Füßen erfüllte ihn mit einer fast kindischen Befriedigung; er trat noch einmal so fest auf und dachte an seinen Lebensweg, den er mit Mißbehagen und tiefem Widerwillen ging, da durfte er ja nie auftreten, wie er wollte, und wurde unter der Einlösung alter Verpflichtungen grau, verbittert und menschenfeindlich.

Neuenfeld, eines jener armseligen Gebirgsdörfer, wie der Thüringer Wald deren genug auf seinem Rücken trägt, lag in lautloser Stille vor ihm; es sah aus, als habe es sich geduldig und willenlos ergeben in die kleine Talsenkung hingestreckt, um sich nun bis an seine Schindeldächer einschneien und einsargen zu lassen. Am Tage erschienen die elenden, unregelmäßig durcheinander gestreuten Häuser mit den verwahrlosten Gärtchen an ihrer Seite nichts weniger als einladend; in diesem Augenblick jedoch, wo Schnee und Nacht die Lehmwände und grauen Schindeln deckten, fiel der matte Lichtschein der kleinen Fenster gastlich und anmutend in das Schneewetter draußen. Die Glasscheiben bedurften keiner Läden oder verhüllenden Vorhänge – das besorgte der wohlgeheizte Ofen, der ja tröstlicherweise selbst im ärmsten Hause nicht fehlt; er behauchte sie mit einer dicken Dunstschicht, und so konnte kein Nachbar bei dem anderen sehen, ob er seine Abendkartoffeln einfach in das Salzfaß tunke oder sich den Luxus einiger Lot Butter auf seinem ungedeckten Tisch erlaube.

Sievert durchmaß das Dorf mit verdoppeltem Eilschritt. Die erleuchteten Fenster erinnerten ihn, daß daheim das letzte Stümpfchen Licht auf dem Leuchter steckte; es hatte bereits sieben Uhr geschlagen, eine ziemliche Strecke Weges lag noch vor ihm, und die Bewohner des Waldhauses waren auf das Abendbrot angewiesen, das er im Korbe heimbrachte. Am Ende des Dorfes verließ er die Landstraße, die auf der Talsohle noch ein Stück fast schnurgerade in die weite Welt hineinlief, und betrat, links abbiegend, einen jener vernachlässigten Holzfahrwege, die nach einem aufweichenden Regen bodenlos, bei frosthartem, trockenen Wetter aber durch die fußtiefen Geleise geradezu halsbrechend werden.

Das Waldhaus führte seinen Namen mit Recht. Vor Jahrhunderten von einem Herrn von Zweiflingen lediglich zu Jagdzwecken erbaut, lag es wie verloren im Walde. Bewohnt hatten es seine Besitzer niemals; das eigentliche Haus bildete eine einzige ungeheure Halle, und nur die zwei ziemlich umfangreichen Türme, die zu beiden Seiten der Vorderfront emporstiegen, enthielten einige Gemächer, in denen ehemals die Teilnehmer an den großen Jagden übernachtet hatten. Nach dem Tode des Majors von Zweiflingen war dessen Witwe in eine kleine Stadt Thüringens übergesiedelt. Ihr ganzes Einkommen bestand in einer sehr schmalen Pfründe, die ihr infolge einer uralten Zweiflingenschen Stiftung zufiel – eine kleine Pension, die ihr der Minister, Baron Fleury, beim Fürsten von A. ausgewirkt, hatte sie zurückgewiesen. Den Luxus, irgendwelche Dienerschaft zu halten, schloß der kleine Etat selbstverständlich aus; Sievert mußte demnach selbst für seinen Unterhalt sorgen, und er konnte es; er hatte das von seinem Vater ererbte Bauerngütchen verkauft, und die Zinsen des Kapitals reichten vollkommen aus für seine geringen Bedürfnisse. Vor zwei Jahren nun war ein Rückenmarkleiden bei Frau von Zweiflingen zum Ausbruch gekommen; sie hatte sich damals bereits dem Tode nahe gewähnt und mit fieberhafter Heftigkeit verlangt, auf Zweiflingenschem Grund und Boden zu sterben. Unter unsäglichen Mühen war sie nach dem Waldhaus, dem letzten Rest ehemaligen glänzenden Besitztums, geschafft worden und erwartete hier in völliger Abgeschiedenheit die erlösende Stunde.

Allmählich stieg der Boden unter Sieverts Füßen aufwärts. Der alte Soldat watete bis über die Knöchel in dem zwischen den Furchen liegengebliebenen Schnee und hatte schwer zu kämpfen mit dem Sturm, der hier widerstandslos über den baumlosen Wiesenabhang hinpfiff. Aber schon brauste es schutzverheißend von droben herab – wohl heult der Sturm auf ein altes Schloß in einer ganz besonderen Tonart; allein nicht weniger ergreifend klingen seine Stimmen, wenn er die Waldwipfel schüttelt, wenn er jedes dürre, zusammengekrümmte Eichenblatt zu seinem Sprachrohr macht und die leblose Blätterleiche zwingt, klagend mitzusingen von toter Waldesherrlichkeit, von Lenzesliebe und Sommertraum, aber auch von alten, alten Zeiten, da das Trara aus dem Hifthorn des Knappen scholl und das goldige Haar der pirschenden Edeldame über dem Dickicht wehte.

Für Sievert klang auch noch anderes mit in dem Tosen, das jetzt über seinem Haupte hinzog. Die zürnenden Stimmen der alten gestrengen Herren von Zweiflingen – sie hatten hier geherrscht mit dem ganzen Gewicht feudaler Macht und Rechte, sie hatten oft unerbittlich grausam und blutig gerichtet über den Walddieb und Wilderer in ihrem Revier –, und jetzt mußte der alte Soldat auf dem nun fremden Grund und Boden die dürren Reiser auflesen, um den letzten Nachkommen des glänzenden Geschlechts eine warme Stube zu verschaffen; er war noch vor kurzem in dem Untergehölz, inmitten der scheelsehenden Bettelkinder des Dorfes, umhergekrochen und hatte von dem scharlachnen Teppich der Preiselbeeren ein paar Körbe voll eingeheimst, zur Erquickung der letzten Frau von Zweiflingen.

Der Alte pfiff leise zwischen den Zähnen, wie einer, der ein bitteres Auflachen verbeißen will. Plötzlich blieb er stehen – ein zornig knurrender Ton entschlüpfte seinen Lippen –, von fern flimmerte ein matter Lichtpunkt durch die Flocken, die in diesem Augenblick minder dicht niederfielen.

»Aha, da hängt wieder einmal die Decke nicht vor dem Fenster! Bei dem Wind!« murmelte er grimmig. »Das wird ja hübsch durch die Stube pfeifen!... Nun fehlt nur noch, daß sie auch den Ofen vergessen hat.«

Er lief vorwärts und lachte plötzlich auf – der Wind trug ihm einzelne volle Klavierakkorde entgegen.

»Nun ja, da haben wir's – sie rast wieder einmal –, konnte mir's schon denken!« grollte er weiterlaufend. Alle Selbstbetrachtungen waren im Nu verflogen vor dem Ärger, der sich des alten Soldaten bemächtigte. Was kümmerten ihn jetzt noch die wehklagenden und zürnenden Schatten der längst vermoderten Herren von Zweiflingen – er hörte nur die allmählich zur rauschenden Melodie werdenden Töne und sah den Lichtschein, der, unruhig hin und her flackernd, in der Tat aus einem unverhüllten Turmfenster fiel und dessen Eisenvergitterung in schwankenden, mattgezeichneten Umrissen auf die Schneedecke draußen warf.

Die Fassade des Waldhauses trat um einige Schritte hinter die Türme zurück; vor ihr hinlaufend und um eine Anzahl Stufen erhöht, verband eine Galerie die beiden Türme. Der unmittelbar vom Waldboden hinaufführenden Treppe gegenüber, die das Steingeländer der Galerie in seiner Mitte durchbrach, erhob sich eine ungeheure Doppeltür, die direkt in die große Halle führte. Bei Sieverts Hinaufsteigen floß der Laternenschein über zwei lebensgroße Steinfiguren, die auf der Brüstung zu beiden Seiten der Treppe standen, geschmeidige Jünglingsgestalten in Edelknabentracht. Das umlockte Haupt zurückgeworfen und mit hochgehobenem Arm das steinerne Horn an den Mund setzend, bliesen sie seit Jahrhunderten das Halali hinaus in den Wald... Was für eine Versammlung wäre das geworden, wenn der Ruf all die toten Schläfer geweckt hätte, die hier, trunken von Wein und Jagdlust, als Gebieter auf der Terrasse gestanden und in stolzer Unantastbarkeit ihr weites Waldrevier überschaut hatten, all die Vertreter so vieler Generationen, grundverschieden in Tracht, Sitten und Anschauungen, aber heute wie immer zweifellos einig in dem einen Gedanken: um jeden Preis das Heft in der Hand behalten, herrschen und abermals herrschen, nicht um Haarbreite abgehen von den verbrieften Vorrechten, wohl aber sie ausdehnen und erweitern, wo irgend die Gelegenheit sich bietet!

Das unerhebliche Geräusch des Aufschließens dröhnte verzehnfacht drin im Hause wieder, und als Sievert den Türflügel öffnete, da tat sich die Halle in ihrer kolossalen Tiefe auf wie ein unergründlicher Schlund. Sieverts erste Schritte galten dem Ofen; er schlug eine Tür zurück – die Kaminöffnung gähnte ihn in schwarzer Finsternis an.

»Richtig – kein Funken Feuer! 's ist eine Sünde und Schande!« zürnte er. Im Nu hatte er sich der mitgebrachten Sachen entledigt, und gleich darauf prasselte ein tüchtiges Feuer im Ofen.

Der Sturm fährt durch den Schornstein und jagt die Flammenzungen weit in die Halle herein. Dann fliegen jedesmal gelbrote Lichter über die gegenüberliegende Wand, und aus verwitterten Rahmen treten, dicht nebeneinander gereiht, lebensgroße Männergestalten. Sie alle sind im Jägerkleide und meist in Situationen gemalt, welche den Mut und das aristokratische Blut der Zweiflingen kennzeichnen sollen – der Kampf mit riesigen Ebern und Bären ist als Sujet am meisten vertreten. Über der Bilderreihe aber tauchen Hirschköpfe auf, die stolze Last seltener Geweihe tragend; weiße Tafeln mit schwarzer Inschrift besagen, wann und von wem jedes der edlen Tiere erlegt worden ist, und greifen dabei in eine so graue Vergangenheit zurück, daß ein altadliges Herz einen wahren Wonneschauer darüber empfinden könnte. Auch ein Orchester wird sichtbar; hier hatten einst die Trompeten geschmettert und mit lustigen Weisen die edlen Herren »ergötzet« beim üppigen Jagdschmause – jetzt klang ein leises Meckern von dorther, der Bretterverschlag unter der Tribüne war zum Ziegenstall degradiert worden.

Sievert stellte einen Dreifuß in das Feuer und einen Topf voll frischen Wassers darauf – es war die primitivste Kücheneinrichtung, die sich denken läßt –, dann steckte er eine der mitgebrachten Talgkerzen auf einen Messingleuchter. Während dieser Verrichtungen wich ein stereotypes grimmiges Lächeln nicht einen Augenblick von seinem Gesicht. Durch die Wand klang nämlich das Klavierspiel immer voller und rauschender. Der alte Soldat war offenbar kein Musikschwärmer, sonst hätte er doch wenigstens die unglaubliche Fingerfertigkeit und Sicherheit an dem Spiel bewundern müssen – diese perlenreinen Triller und Läufe konnten sich vor dem ausgesuchtesten Konzertpublikum hören lassen. Gleichwohl hatte der alte feindselige Kritiker nicht ganz unrecht mit der naiven Bezeichnung »Rasen«. Die brillante Tarantella wurde in schwindelnd schnellem Tempo genommen – die Töne sprühten, aber wie sogenannte kalte Funken, sie zündeten nicht und ließen den Zuhörer in Zweifel, ob in den flinken, aber automatenhaft gleichförmig herunterspielenden Fingern auch wirklich lebenswarmes Blut pulsiere.

Der alte Soldat nahm die Kerze und öffnete die Türe, die in das Erdgeschoß des südlichen Turmes führte. Welche Gegensätze trennte diese Tür! Draußen die öde, leere Halle mit dem schauerlich widerhallenden Steinfußboden und dem Mangel an jeglichem Gerät, und hier ein Gemach, angefüllt mit einer wahrhaft kostbaren Möbeleinrichtung. Wir müssen sagen »angefüllt«, denn das Zimmer war ziemlich klein und umfaßte die vollständige Ausstattung eines ehemaligen großen Salons. Das war der letzte Rest alter Herrlichkeit, den die Witwe zu behaupten gewußt hatte. Im ersten Augenblick blendete diese unerwartete Pracht, aber bald wich die Überraschung einem Gefühl der Wehmut, des tiefen Mitleids. Diese geschnitzten Palisanderetageren und -tische, diese Sofas und Sessel mit dem aprikosenfarbenen Seidendamastbezug standen an Wänden, die eine uralte, brüchige Ledertapete bedeckte; die gepreßten, ehemals vergoldeten Arabesken in derselben hatten längst ein schmutziges Braun angenommen und traten um so widerwärtiger da hervor, wo sie mit der blinkenden Einfassung des deckenhohen Spiegels oder dem Goldrahmen eines Ölbildes in Berührung kamen; vor den Fenstern aber hingen bunte Zitzgardinen, und der riesige, dunkle Ofen ragte grob und ungeschlacht in die zierliche Ausstattung und nahm ihr den letzten Anschein von Harmonie.

Sievert zerdrückte den im letzten Stadium aufflackernden und qualmenden Lichtdocht zwischen den Fingern und stellte dafür die frische Kerze auf den Tisch.

Die Frau, die einsam, in sich zusammengesunken in einem Sessel kauerte, bemerkte den wohltuenden Wechsel nicht – denn sie war blind – »blind geweint hat sich die arme Frau!« sagten die Leute, und sie hatten wohl nicht unrecht. Auch sie erhöhte den peinlichen Eindruck, den das Zimmer in seinen Widersprüchen erweckte; sie war mehr als einfach gekleidet, ihr dunkles, baumwollenes Kleid breitete sich förmlich hohnvoll über die strahlenden Polster des Lehnstuhles.

»Sind Sie endlich da, Sievert?« sagte sie verdrießlich mit schwacher, aber scharfklingender Stimme. »Sie brauchen ja immer eine halbe Ewigkeit zu Ihren Ausgängen! Meine Tochter übt und hört mein Rufen nicht – ich habe mich fast heiser geschrien... Mich friert. Jedenfalls haben Sie den Ofen nicht gehörig versorgt, ehe Sie fortgegangen sind, und Jutta hat vergessen, das Fenster zu verhängen – Sie hätten auch daran denken können... Und was für schauderhafte Lichte bringen Sie jetzt immer ins Haus – das ist ja ein Geruch und ein Qualm –, nicht in unserer Domestikenstube hätte ich früher dergleichen gelitten!«

Der alte Diener ließ diese Vorwürfe ohne Widerrede über sich ergehen. Wachs- und Stearinlichte konnte die gnädige Frau nicht bezahlen, noch weniger aber das Öl, das die prachtvolle, aus dem Ruin gerettete Astrallampe verbrauchte. Er öffnete schweigend einen Schrank, nahm eine verblichene, rotseidene Steppdecke heraus und hängte sie vor das der Kranken am nächsten liegende Fenster.

Frau von Zweiflingen ergriff eines ihrer langen Haubenbänder und rollte es mechanisch zwischen den dünnen, wachsgelben Fingern auf und ab – es lag etwas nervös Aufgeregtes in dieser Bewegung.

»Sie haben einen abscheulichen Rauchgeruch in Ihren Kleidern mit hereingebracht, Sievert«, hob sie wieder an und richtete ihre erloschenen Augen nach dem Fenster, wo sie Sievert noch hantieren hörte. »Ich habe Sie im Verdacht, daß Sie nasses Holz brennen, wenn ich auch nicht begreife, wie Sie dazu kommen... Sie haben doch ohne Zweifel unser Winterholz im Sommer zur rechten Zeit einfahren lassen – denn Sie sind ja sehr praktisch –, liegt es denn nicht an einem trockenen Ort?«

Ein beißendes Lächeln glitt um Sieverts Lippen, als er das Wort »einfahren« hörte. Ja, auf diesen seinen Schultern hatte er heuer das Winterholz der gnädigen Frau »eingefahren«, und es mochte freilich mancher noch grüne Ast mit untergelaufen sein, der jetzt im Ofen zischte und die Nase der Dame beleidigte... Sievert hatte die Kasse der Frau von Zweiflingen unter seinen Händen, seit er bei ihr eingetreten war. Früher gelang es ihm, auszukommen und, wenn auch mit großer Mühe, den Anschein eines behaglichen Auskommens der Welt gegenüber aufrecht zu erhalten; aber jetzt kostete die Krankheit viel Geld. Daran dachte die Frau nicht im entferntesten; ebensowenig hatte sie eine Ahnung, daß das Abendbrot, welches sie heute essen sollte, wie auch das verabscheute Talglicht, aus Sieverts Tasche bezahlt seien – denn es war kein Groschen mehr im Hause.

Der alte Diener versicherte indes seiner Gebieterin, daß das Holz wohlverwahrt im nördlichen Turm liege, und schob alle Schuld auf den Sturm, der den Rauch in die Halle blase. Dabei nahm er gleichmütig eine Serviette, zwei Tassen und eine messingene Teekanne aus dem Schranke und arrangierte einen Teetisch vor dem Sofa.

In diesem Augenblick schloß das Klavierspiel im Nebenzimmer mit einem rauschenden Akkord. Frau von Zweiflingen seufzte erleichtert auf und preßte ihre Hände einen Moment gegen die Schläfe – für ihr zerrüttetes Nervensystem mußte die geräuschvolle Musik eine wahre Marter gewesen sein.

Die Tür des Nebenzimmers ging auf. Wenn statt der Gardinen plötzlich bestaubte Spinnweben die tiefen Fensternischen des Turmgemachs überhangen hätten, wenn die elegante Möbeleinrichtung in den Erdboden gesunken und statt des Teetisches eine Kunkel zur Seite der Frauengestalt im Sessel auferstanden wäre, dann hätte Prinzessin Dornröschens Erscheinen bei der mörderischen Frau Stubenpoesie nicht lieblicher verkörpert werden können als in diesem Augenblick. Dicht neben dem greulichen schwarzen Ofenungeheuer, im Rahmen der Türöffnung, erschien ein junges Mädchen. Diese kinderhaften Hände, die jetzt prüfend und ordnend durch die auf die Büste niederfallenden dunkeln Locken glitten, waren eben noch mit ungewöhnlicher Energie über die Tasten hingeflogen. Wie leicht mußte das so schwierige Klavierstück der jungen Spielerin geworden sein – auch nicht die leiseste Röte der Erregung lag auf dem Gesicht, das zwar blaß, aber frühlingsfrisch wie die Blüte des Kirschbaumes war. Es hatte nichts gemein mit jenem hippokratischen Frauenprofil, das so lebensmüde und mumienhaft braun auf dem gelben Seidenpolster lag – wohl aber wiederholten sich seine köstlichen Linien voll griechischer Schönheit immer und immer wieder in der langen Bilderreihe der Halle, und die schwarzen Augen, die da draußen in wilder Jagdlust funkelten oder in ihrem aristokratischen Bewußtsein kalt gleichgültig auf die Welt niedersahen, strahlten auch hier groß und weit geöffnet aus dem weißen Mädchengesicht. Um den Kontrast zwischen Mutter und Tochter noch schreiender zu machen und letztere in allem lediglich als Sproß der Zweiflingen zu kennzeichnen, die fast durchgängig in grünem, mit Goldstickerei bedecktem Samt prunkten, umrauschte die jugendliche Gestalt ein durchwirktes, blaßblaues Seidenkleid, um dessen viereckigen Halsausschnitt sich echte Spitzen in gelblicher Weiße kräuselten.

»Nun, Sievert«, sagte das junge Mädchen, in das Zimmer tretend, »kann man endlich heißes Wasser bekommen?« Ihre Augen fielen auf den Teetisch. »Wie, nur zwei Tassen?« rief sie. »Haben Sie vergessen, daß wir Besuch erwarten?«

»Der Besuch kann nicht kommen, weil der Herr Student krank geworden ist«, erwiderte Sievert kurz, während er die Teekanne noch einmal prüfend neben das Licht hielt, ob sie auch fleckenlos blinke.

Die junge Dame sah plötzlich aus, als seien ihre sämtlichen Lebenshoffnungen vor ihr ins Wasser gefallen – ein Zug der bittersten Enttäuschung flog um ihre Lippen.

»Oh, wie abscheulich!« klagte sie. »Darf man sich denn auch auf gar nichts mehr freuen?... Krank soll der junge Ehrhardt sein? Was fehlt ihm denn, wenn man fragen darf?« Eine Beimischung von Ironie und Unglauben trübte mißtönend die kinderklare Stimme des jungen Mädchens.

»Hm – der Student wird sich auf der Reise erkältet haben«, erwiderte Sievert trocken, indem er nach der Tür schritt.

»Nun meinetwegen denn – aber ich sehe nicht ein, weshalb da nun auch der Hüttenmeister zu Hause bleibt... Fürchtet er sich auch vor dem Schnupfen?« fragte die junge Dame.

»Sei nicht so kindisch, Jutta!« schalt Frau von Zweiflingen ärgerlich. »Wie kannst du verlangen, daß er den kranken Bruder allein lassen soll, den er seit zwei Jahren nicht gesehen hat, und ihn obendrein zum erstenmal im eigenen Hause beherbergt!«

»O Mama, das entschuldigst du auch?« rief Jutta und schlug in unwilligem Erstaunen die Hände zusammen. »Würde es dich nicht tief geschmerzt haben, wenn Papa dich um anderer willen hätte vernachlässigen wollen, und –«

»Schweig, Kind!« gebot Frau von Zweiflingen so rauh und heftig, daß die Tochter erschrocken verstummte. Die Kranke lehnte den Kopf kraftlos an die Stuhllehne und legte die Hand über die achtlosen Augen.

»Sei nicht böse, Mama«, hob das junge Mädchen nach einer Pause wieder an; »aber in dem Punkte kann ich mich nicht ändern – eine solche Rücksichtslosigkeit von seiten Theobalds macht mich sehr unglücklich! Ich habe nun eben einmal meine hohen Ideale und weiß, daß alle Damen aus dem Hause der Zweiflingen zu allen Zeiten hochgefeiert gewesen sind. Lies nur unsere Hauschronik; da wirst du finden, daß die edlen Herren in den Tod gegangen sind für die Dame ihres Herzens, und was waren ihnen Eltern und Geschwister, wenn es sich um das Wohl und die Freuden der Geliebten handelte! Nun ja, das waren eben auch adlige Gesinnungen!«

»Du Törin!« zürnte die kranke Frau. »Ist dieser bodenlose Unsinn das ganze Resultat meiner Erziehung?« Sie hielt inne, denn Sievert trat eben wieder in das Zimmer. In der einen Hand trug er ein Glas frisches Wasser und in der andern die mitgebrachte weiße Papiertüte, die er Jutta hinreichte. Sie schlug das Papier auseinander – auch nicht ein Zug des Gesichts veränderte sich beim Anblick der duftenden Liebesboten, die ihre unschuldigen Köpfchen furchtlos in die Winterzeit gewagt hatten, um die an Licht, Duft und Wärme verarmten Menschen erquickend zu trösten. Es ist reizend, wenn ein junges Mädchen die vom Geliebten gesandten Blumen leise und verstohlen an ihre Lippen drückt – diese Braut aber war wohl augenblicklich zu tief gekränkt; sie bog nicht einmal den Kopf nieder, um den süßen Duft einzuatmen; das Papier auf dem Tisch ausbreitend, warf sie das Bukett auseinander und zog nur die Tazetten heraus... Sievert stand noch da und hielt ihr das Glas hin; sie stieß es zurückweisend mit der Hand weg.

»Ach, dazu sind sie nicht abgeschnitten«, sagte sie verdrießlich. »Ich kann die trübe Lache in den Gläsern nicht ausstehen!« Sie trat an den Spiegel und steckte die Tazetten diademartig in ihre Locken, und zwar so anmutig und ungezwungen, als seien die weißen Blumensterne auf das dunkle Haar geschneit. Die unglückliche Mutter war in diesem Augenblick doppelt bedauernswürdig, daß sie ihr unvergleichlich schönes Kind nicht sehen konnte; vielleicht hätte sie über der Erscheinung den »bodenlosen Unsinn« vergessen, den die in innerer Befriedigung jetzt lächelnden Lippen vorhin so herb ausgesprochen – »sehr unglücklich« sah das Gesicht ganz gewiß nicht mehr aus.

Der alte Diener warf auch nicht einen Blick auf die geschmückte Gestalt vor dem Spiegel; aber ein böses Lächeln zog seine Mundwinkel herab, als er mit dem Glas zur Tür hinausging. Die Dichter besingen in zahllosen Variationen das vermutliche Wonnegefühl der Blumen bei ihrem Verscheiden im Haar oder an der Brust eines schönen Mädchens – der rauhe Soldat aber fluchte innerlich, daß er »die armen Dinger« so sorgsam durch Schnee und Wetter getragen, damit sie nun »elendiglich« hier umkommen sollten. Er brachte nach kurzer Zeit das Teewasser, Brot und Butter herein, und schob die kranke Frau im Lehnstuhl näher an den Tisch; dann zog er sich in seine im Erdgeschoß des nördlichen Turmes gelegene Stube zurück. Da kam, wie allabendlich, seine Erholungszeit. Er heizte den Ofen tüchtig, stopfte sich eine Pfeife und las – astronomische Werke.

Jutta schlug die feinen Spitzenmanschetten am Handgelenk zurück. Sie strich Butterbrote und bereitete den Tee.

»Ich weiß nicht, mein Kind«, sagte die Blinde, das Ohr aufmerksam nach ihrer Tochter hinneigend, »es rauscht heute bei jeder deiner Bewegungen wie schwere, starre Seide –«

Die junge Dame erschrak sichtlich; ein glühendes Rot färbte für einen Augenblick Gesicht und Hals, und unwillkürlich rückte sie einen Schritt weiter aus dem Bereich der Mutter.

»Hast du deine schwarzseidene Schürze vorgebunden?« forschte die blinde Frau weiter.

»Ja, Mama!« Diese Antwort klang halberstickt, aber sie erfolgte sofort.

»Merkwürdig – das Geräusch ist mir nie so aufgefallen. Hättest du über ein seidenes Kleid in deiner Garderobe zu verfügen, dann wollte ich darauf schwören, du machtest dir das lächerliche Vergnügen, im alten Waldhaus als Salondame zu paradieren... Was hast du für ein Kleid an?«

»Mein altes braunes Wollkleid, Mama.«

Das Examen war zu Ende, Jutta atmete erleichtert auf, sie klirrte beim Teetrinken mehr als nötig mit der Tasse, im übrigen aber hielt sie sich plötzlich steif und unbeweglich wie ein Wachsbild.

Die Kranke genoß so viel wie nichts. Ein dünnes Schnittchen des feinen Brotes, das Sievert um ihretwillen aus Schloß Arnsberg geholt hatte, zerbröckelte zwischen ihren Fingern, kaum einige Krumen kamen über ihre Lippen sie war offenbar dem letzten Stadium ihrer Krankheit sehr nahe.

»Du könntest mir etwas vorlesen, Jutta, wenn du mit deinem Abendbrot fertig bist«, sagte sie. »Der Sturm heult zu unheimlich!«

»Gern, Mama. Ich will die Sappho von Grillparzer holen. – Theobald hat sie mir gestern mitgebracht.«

Ein nervöses Aufzucken durchflog die Glieder der blinden Frau. »Nein, nein!« rief sie mit abwehrender Heftigkeit. »Weißt du, was diese Sappho ist? Ein unglückliches, verratenes Weib!... Ein Sturm der qualvollsten Seelenschmerzen geht durch dies Buch, schlimmer als der da draußen, und – ich will ihn ja doch vergessen!«

Die junge Dame erhob sich, um ein anderes Buch zu holen; dabei streifte sie unbewußt mit ihrem Kleid die herabhängende Rechte der Kranken – diese Hand erfaßte plötzlich die vorübergleitenden Rockfalten und hielt sie krampfhaft fest, während die Linke prüfend in fieberhafter Hast über den Stoff hinfuhr.

»Jutta, bist du wahnsinnig?« schrie sie auf.

Das junge Mädchen sank sofort neben dem Lehnstuhl nieder. »Ach, Mama, verzeihe mir!« flüsterte sie. Der Schrecken hatte ihre Lippen schneeweiß gefärbt.

»Leichtsinniges, liebloses Geschöpf du«, zürnte die Mutter und stieß die Hände zurück, die ihre Rechte erfaßten. »Hast du auch nicht einen Funken von Scham und Scheu empfunden, als du mein Heiligtum an dich rissest?... Mein Brautkleid, das ich gehütet habe wie einen Augapfel, als einzigen Zeugen einer himmlisch schönen Zeit – dieses Kleid, von dem du weißt, daß es mit mir gehen soll, wenn ich endlich erlöst sein werde von meinem Leiden, schleifst du zur Verhöhnung unserer ganzen armseligen Verhältnisse über die elenden Dielen des Waldhauses und führst damit eine Farce auf, wie sie sich lächerlicher und erbärmlicher nicht denken läßt?«

Jutta erhob sich rasch, mit einer zornigen Gebärde. In diesem Moment verflüchtigte sich auch die letzte Spur der Dornröschenlieblichkeit bei dem jungen Mädchen. Der zürnenden Mutter den Rücken halb zugewendet, war sie Zoll für Zoll die geharnischte Opposition. Ein impertinenter Zug flog um die leichtvibrierenden Nasenflügel, und höhnisch lächelnd richtete sie ihre sprühenden Augen auf ein Damenporträt, das über dem Sofa hing. Es war eine jugendliche Mädchengestalt mit einem Mulattenköpfchen. Vollkommen unregelmäßig in seinen Linien und von entschiedenem bronzefarbenem Teint, fesselte dies kleine magere Gesicht unwiderstehlich durch den pikanten, geistreichen Ausdruck der Züge und durch ein tiefes halbverschleiertes Augenpaar, in dem die Leidenschaft verstohlen glimmte. Die zarten, bräunlichen Schultern umfloß weiße Seidengaze, unter der schwerer Atlas schimmerte, und in den dicken, dunkeln Haarflechten steckte ein Granatblütenstrauß, den eine Brillantnadel festhielt.

Juttas Blicke hingen an der eleganten Toilette des Bildes.

»Du tust, als hätte ich ein Kriminalverbrechen begangen, Mama«, sagte sie kalt. »Ich habe das Kleid nicht an mich gerissen, sondern mir nur erlaubt, es für einige Stunden zu leihen. Die paar Nähte, die ich verändern mußte, sind im Nu wieder aufgetrennt; im übrigen ist es unversehrt... Theobald wollte uns heute abend seinen Bruder vorstellen; es ist wohl sehr natürlich, daß ich dem neuen Verwandten wenigstens einen anständigen Eindruck machen wollte. Mein braunes Wollkleid ist lächerlich unmodern und hat Flicken, die sich nicht gut mehr verbergen lassen – du erlaubst ja nie, daß Theobald mir dergleichen schenkt... Mama, du hast vergessen, daß du auch einmal jung gewesen bist; oder vielmehr, du kannst nicht begreifen, wie ich fühle und leide, denn deine Jugend war ja so ganz anders!... Wenn ich dort dein Bild ansehe und den weißen Atlas mit meiner brillantesten Toilette, eben dem kostbaren braunen Wollkleide, vergleiche, dann frage ich: Warum bin ich ausgestoßen aus dem Paradiese, in dem du, Mama, leben und glänzen durftest?«

Die Blinde stöhnte und schlug die Hände vor das Gesicht. »Ich bin auch jung und von edlem Geschlecht!« fuhr die Tochter unerbittlich fort. »Ich fühle auch den Beruf in mir, oben zu stehen und mit den Großen zu verkehren, und muß elend in einem dunkeln Winkel verkümmern!«

War es Frau von Zweiflingens Absicht gewesen, ihr Kind, frei von Eitelkeit und Weltlust, für eine anspruchslose, bescheidene Lebensstellung zu erziehen, dann hatte sie unklugerweise einen beredten Gegner außer acht gelassen, der unausgesetzt und energisch ihren Bestrebungen entgegenwirkte – es war der Spiegel. Wenn auch die dürftige Talgkerze kaum ein halbes Dämmerlicht im Zimmer verbreitete, so daß nur das weiße Licht des jungen Mädchens, die bleichen Blumensterne in ihrem Haar und hier und da ein Streifen der hellen Seidenrobe aufleuchteten – das deckenhohe Glas warf doch eine Erscheinung zurück, die in ihrem stolzen Gesamtausdruck, in dem verführerischen Reiz ihrer tadellosen Formen durchaus nicht mit der einsamen und harmlos verblühenden Waldanemone verglichen werden durfte.

»Von dem ganzen großen Familienvermögen ist nicht ein Groschen für mich verblieben«, sprach Jutta beharrlich weiter, während die blinde Frau, das Gesicht in den Händen vergraben, bewegungslos schwieg. »Du sagst, Papa habe es durch Unglücksfälle und falsche Freunde verloren – gut, das ist nicht zu ändern; aber dann mußten von deiner und Papas Seite Schritte geschehen, mich wenigstens standesgemäß zu versorgen... Vor einigen Tagen las ich, daß die Töchter verarmter Adelsfamilien meist als Hofdamen untergebracht werden – das hat mich sehr aufgeregt, Mama; ich muß fortwährend darüber nachdenken, weshalb du mir den einzigen Weg zu einem glänzenden Leben verschlossen hast.«

»So – das wäre also dein unumwundenes Glaubensbekenntnis, Jutta!« sagte die Blinde tonlos; ihre Hände sanken langsam in den Schoß. Die leidenschaftlich hervorbrechende Heftigkeit der Frau war plötzlich wie erloschen, wie vernichtet unter einem ungeahnten moralischen Schlag. »Und ich habe gewähnt, das Blut durch die Erziehung bekämpfen zu können! Alle Eigenschaften unserer Kaste, da sind sie ja: die Genußsucht, der Hochmut, der Trieb, es den Höchsten gleich zu tun – und reichen die eigenen Mittel nicht aus, nun so schraubt man den Stolz um so und so viel Grad tiefer und mischt sich wenigstens unter den dienenden Troß, um sich von der Gnadensonne beglänzen zu lassen... Ich wollte dich nicht in jener Sphäre wissen, die du das Paradies, nennst, hörst du?« fuhr sie heftiger fort, indem sie sich mit den Händen auf die Seitenlehnen des Stuhles stützte und so ihre halbgelähmte Gestalt höher aufrichtete; »eher würde ich dich eigenhändig hier im alten Waldhause vermauern!... Das mag dir vorläufig genügen. Später, wenn du gereift und nicht mehr so kindisch unverständig sein wirst, und wenn ich nicht mehr bin, soll Theobald dir meine Gründe sagen!« Sie lehnte sich erschöpft zurück und ließ die Lider über die Augen sinken.

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