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Reichsgräfin Gisela

Eugenie Marlitt: Reichsgräfin Gisela - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleReichsgräfin Gisela
authorEugenie Marlitt
year1996
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-23760-6
titleReichsgräfin Gisela
pages3-462
created20000608
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1869
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19

Himmel, was für ein Mann!« rief die Hofdame draußen im Korridor. »Da können sich unsere sämtlichen Herren nur verstecken!«

»Ich fürchte mich vor ihm«, sagte die zarte, blasse Blondine und legte stehenbleibend die gekreuzten schmalen Hände auf die Brust. »Der Mann kann nicht lächeln... Clemence, ihr alle seid blind! Das ist keiner von den Unseren, er bringt Unheil – ich fühle es!«

»Edle Kassandra, so viel wissen wir armen, blinden Sterblichen auch!« spottete die Hofdame. »Freilich stiftet er Unheil – er macht dem Volke zu viel weis; aber das gibt sich, laß ihn nur erst heimisch werden in unserem Kreise!... Es ist wahr, er kann nicht lächeln; was er sagt, das klingt unbeugsam und sieht aus wie ein Felsblock neben dem eleganten Konversationston unseres Durchlauchtigsten... Liebste Lucie, diesen Mund lächeln zu machen, den stolzen Sinn zu brechen, alle die gerahmten Vorsätze über den Haufen zu werfen, einzig durch die Liebe, das wäre eine Aufgabe, eine Wonne!«...

»Probier's nur und verbrenne dich!« entgegnete die Blondine und verschwand hinter der Tür ihres Zimmers, die Hofdame aber fuhr erglühend empor – die Baronin Fleury war unbemerkt auf dem weichen Teppich hinter ihnen hergegangen und maß jetzt die junge Dame vorüberschreitend mit einem langen, spöttisch mitleidigen Blick.

Die schöne Exzellenz war bereits zum Spaziergang gerüstet und betrat mit den Herren zugleich das Vestibül. Die Türen des Musiksalons standen weit offen, um die kühle Luft der Halle in den sonnenerhitzten Raum einströmen zu lassen. Es sah schwül aus da drinnen. Die purpurnen Vorhänge verbreiteten einen gleichmäßigen dunkelblutigen Schein, den nur dann leuchtende Reflexe durchzuckten, wenn draußen der Windhauch einzelne Blätter der Orangenbäume bewegte und dem Sonnenlicht eine Bresche öffnete. Diese Lichtpunkte glitten unheimlich geschäftig über den Plafond und die weißen, mit vergoldeten Ornamenten bedeckten Wände; es lag etwas Beseeltes in dem huschenden Spiel, etwas wie ein Aufleben musikalischer Reminiszenzen – unter ihnen flatterte vielleicht auch jenes Notturno von Chopin, das einst das Signal zu einem grausamen Verrat gewesen war.

Die Baronin trat rasch, mit ärgerlich gerunzelter Stirne in den Salon; sie war heute plötzlich von ihren gewohnten Morgenübungen abgerufen worden und hatte vergessen, den Flügel zu schließen.

»O nein, meine Gnädigste«, protestierte der Fürst, als sie den Deckel ergriff, »der Augenblick ist zu günstig für mich, der Flügel steht offen, und die Noten liegen auf dem Pult – o bitte, nur ein einziges Stück, Sie kennen ja meine Schwäche für Liszt und Chopin!«

Die Baronin lächelte, streifte aber sofort die Handschuhe ab, warf den Hut auf einen Stuhl und setzte sich an den Flügel. Sie legte das Notenblatt weg und griff präludierend in die Tasten. Das blendend schöne Weib war wie überschüttet von der roten Glut, und als die Saiten in stürmischer Gewalt unter den schlanken Händen erbrausten, während sie langsam die Wimpern hob und die lodernden Augen wie in trunkener Selbstvergessenheit durch das Zimmer schweifen ließ, da erinnerte dieser Kopf freilich nicht an das keusche Gebild der heiligen Cäcilie, wohl aber an jene trojanische Helena, deren Gestalt noch zu uns herüberdämmert voll bestrickenden Liebreizes, aber auch angestrahlt von der Glut, welche Dämonen schüren.

Die Herren traten geräuschlos in den Salon und verharrten an der Tür; der Portugiese dagegen hatte das Schloß verlassen. Er stand draußen unter den Orangenbäumen mit fest verschränkten Armen und schwer atmender Brust... Lief nicht eine unverwischbare Linie über diesen weiten Platz hinweg durch die Alleen und weiter, die sumpfigen Wiesen drüben jenseits der Mauer durchschneidend? Eine Linie, gerötet von edlem Herzblut, das weder der strömende Regen, noch die bleichenden Sonnenstrahlen wegzulöschen vermochten?... Da war er ja gewandelt, der mutmaßliche Brandstifter, und neben ihm die hehre, schweigende Gestalt mit dem zu Tode getroffenen Herzen in der Brust!... Scholl nicht durch die rauschenden Akkorde da drinnen der schrille Ton der Klingel, mittels dessen der Hochgeborene einst eine Meute elender Bedientenseelen auf das fliehende Brüderpaar hetzte?... Und dort starrte die schroffe Felsenkante in die Lüfte. Golden floß das Sonnenlicht an den Zacken nieder in die Ritzen und Spalten hinab, und da, wo das verwitternde Gestein seinen eigenen Staub aufspeicherte, kroch das Grün des Waldbodens mit schmeichelndem Fuß. Und wenn es den ganzen starren Block umwob, es konnte doch nicht die Fußstapfen dessen verwischen, der einst, die hereinbrechende Nacht über dem Haupte und in der Seele, dort oben seinen letzten, furchtbaren Kampf gekämpft hatte, während ihm unten die reißenden Wasser bereits das kühle Bett bereiteten, in dem plötzlich alles, alles, das wilde Weh, die Verzweiflung und die nicht zu besiegende Liebe verstummen sollten...

Ha, ha, ha, und die Frau in dem Zimmer mit den rotglühenden Vorhängen spielte eben wieder Chopin! Sie hatte die Treue gebrochen und einen Mord auf der Seele; aber das gerade machte sie pikant... Die Herren, die bewundernd um sie her standen, hatten ja alle, ehe sie sich standesgemäß verheiratet hatten, kleine Liaisons gehabt – lächerlich, wer dabei an Sünde denken wollte! Aber ein nicht zu sühnendes Verbrechen wäre es gewesen, aus einem solchen Spaß Ernst zu machen und bürgerliches Element in das blaue Blut zu mischen. Die letzte Zweiflingen hatte mit bewundernswertem Takt und Standesgefühl das Erniedrigende ihrer sogenannten Brautschaft begriffen und, vollkommen berechtigt, die Kette zerrissen, die sie hinabziehen wollte. Von dem, der darüber zugrunde ging, sagte man einfach, im Hinblick auf die Motte, die sich an das strahlende Licht wagt und elend verbrennt: »Warum war er so einfältig!«... Fluch, Fluch und ewigen Haß der ganzen Kaste, die Gottes Gebote und Absichten geradezu auf den Kopf stellt, die sich einen Thron baut aus zertrümmerten Menschenrechten und darüber hinaus in alle Welt ihr Banner flattern läßt mit dem hohnvollen Wahlspruch: »Mit Gott und Recht!«

Der Portugiese stieß ein dumpfes, heiseres Hohnlachen aus, seine Rechte krümmte sich zur Faust und zuckte hoch in die Luft, als wolle sie mit einem zerschmetternden Schlag wieder niederfallen, während die Kiesel zu den Füßen des empörten Mannes umherstoben – diese kleinen, abgerundeten Steine glänzten in der Sonne und rollten flink und lustig weiter... Waren nicht auch einstmals die blanken Kupferdreier der kleinen Gräfin Sturm hingerollt? Und hatte nicht eine unbarmherzige Faust den armen, gebrechlichen Kindskörper geschüttelt, in dem ein mißverstandenes, barmherziges kleines Herz schlug?... Aus dem grüngoldenen Halblicht, unter den Eichenwipfeln, umsprüht von den funkelnden Tropfen des Wasserstrahles, dämmerte ein Mädchenhaupt mit blond niederwallendem Haar empor, und die blaßroten, unschuldigen Lippen sagten lächelnd: »Die schlimme Zeit liegt hinter mir.«

Die gehobene Faust des Portugiesen sank schlaff nieder, und seine Linke legte sich über die Augen. Er hörte nicht, wie drin das Musikstück, in dem ein diabolischer Geist wühlte und sprühende Raketen aufwarf, geschlossen wurde; er sah und hörte nicht, daß Frauengestalten an ihn heranschwebten und die feinen Lackstiefel der Herren mit leisen Sohlen auf den Kies heraustraten... Eine leichte Hand klopfte schmeichelnd auf die Schulter des »Träumers«.

»Nun, mein lieber Oliveira?« fragte der Minister.

Der Portugiese fuhr bei dem Klang dieser Stimme empor und wich zurück, als sei die Hand, die ihn berührt hatte, rotglühendes Eisen gewesen. Er stand plötzlich in seiner ganzen Majestät vor der »zutraulichen Exzellenz« und maß den schmächtigen Mann mit einem stolzen Blick von Kopf bis zu Füßen.

»Was wünschen Sie, Fleury?« fragte er zurück, den Namen ohne jedwede Titelverzierung schwerbetonend.

Die Wangen Seiner Exzellenz färbten sich mit einer aufflackernden Röte, und die plötzlich entschleierten Augen funkelten in maßloser Entrüstung; über die Gesichter der umstehenden Kavaliere aber glitt ein unverkennbarer Ausdruck von Schadenfreude. Sie sämtlich waren Kreaturen des Ministers; bei allem übermäßigen Dünkel auf ihre alten, aristokratischen Namen litten sie es doch stillschweigend, daß der allmächtige Minister ihre Standesattribute in seiner Anrede ignorierte, während sie die »Exzellenz« so ängstlich streng festhielten wie die »Durchlaucht« dem Fürsten gegenüber. Sie knirschten in den Zaum, und das Lächeln der Unbefangenheit wurde ihnen blutsauer, aber sie lächelten trotzdem – war doch Seine Exzellenz in solch zutraulichen Momenten guter Laune und manchem stillen Wunsch zugänglich... In diesem Augenblick aber hatte er seinen Meister gefunden – die Lehre war ihm zu gönnen.

Er machte ihnen übrigens nicht die Freude, seiner Verblüffung weiteren Ausdruck zu geben – Seine Exzellenz bemerkte ja nie eine Niederlage, die zu strafen augenblicklich nicht in seiner Macht lag; er hatte die Antwort nicht verstanden und reichte mit bewundernswürdiger Gelassenheit der sehr verlegenen Gräfin Schliersen den Arm.

Der Fürst, der, die Baronin Fleury führend, achtlos an der kleinen Szene vorübergegangen war, winkte Oliveira an seine Seite, und während die Gesellschaft langsam durch die schattigen Alleen wandelte, erzählte der Portugiese, von dem Fürsten mit ziemlich fühlbarer Neugierde befragt, von seiner brasilianischen Heimat. Alles lauschte schweigend, der Mann sprach zu interessant. Der erste Eindruck, nach dem dieser merkwürdige Fremde in steter Verneinung, ja, in unausgesetzter Kriegsbereitschaft anderen gegenüberstand, verschwand vollständig. Die Damen waren bezaubert von dem Klang seiner Stimme, und manchem Kavalier, der nichts besaß als seine Hofcharge und die damit verbundenen, ziemlich schmalen Einkünfte, schwindelte bei der Schilderung der großartigen Eisenbergwerke, die, durch einen regelrechten Betrieb ausgebeutet, dem Portugiesen kolossale Summen einbringen mußten.

Auf die Frage des Fürsten, weshalb er Brasilien verlassen und gerade Thüringen zu seinem Aufenthalte gewählt habe, schwieg Oliveira einen Augenblick, dann sagte er fest, mit einem ganz besonderen Nachdruck, wobei jedoch seine Stimme eigentümlich bedeckt klang, er werde den Grund Seiner Durchlaucht in einer besonderen Audienz mitteilen.

Der Minister sah überrascht auf; ein lauernder tief mißtrauischer Blick hing sekundenlang durchbohrend an dem Profil des Portugiesen, und obgleich der Fürst in diesem Augenblick die Audienz in Aussicht stellte, konnte doch jeder, der das Gesicht des Ministers nur einigermaßen kannte, sicher wissen, daß der Tag, der diese »besondere Audienz« bringen sollte, niemals kommen werde.

Jenseits der Schloßgartenmauer blieb der Fürst unter den schattigen Ulmen stehen und betrachtete das Holzgerüst eines neuerbauten Hauses von ziemlich bedeutender Ausdehnung. Es lag, wenn auch nur in geringer Entfernung von Neuenfeld, doch ziemlich isoliert, gleichsam auf dem vorgestreckten Knie des gegenüberliegenden Berges und war wohl heute in seiner Aufstellung fertig geworden, denn ein Mann saß rittlings auf dem Firstbalken und befestigte die übliche Tanne, von deren Wipfel bunte Bänder flatterten.

»Es sieht aus wie ein Schlößchen«, meinte Seine Durchlaucht. »Soll ein Asyl für arme Kinder werden?« fragte er über die Schulter den Portugiesen.

»Ich baue es zu dem Zweck, Durchlaucht.«

»Hm... ich fürchte nur, sie werden nicht wieder heraus wollen, die kleinen Menschen, wenn sie einmal drin sind. Ich kann's ihnen auch nicht verdenken«, bemerkte einer der Kavaliere, die Gräfin Schliersen aber hob warnend den Zeigefinger.

»Nur nicht verwöhnen, bester Herr von Oliveira!« sagte sie. »Ich warne Sie lediglich aus Humanitätsrücksichten. Man macht diese Menschenklasse nur unglücklich, wenn man sie mit Ansprüchen erzieht, die sie in ihrer angeborenen Lebensstellung, über die sie doch nun einmal nicht hinaus können, notwendig aufgeben müssen.«

Die dunkeln Augen Oliveiras ruhten mit einem sarkastischen Ausdruck unabweisbar auf dem Gesicht der humanen Dame.

»Und weshalb sollen sie nicht über diese Lebensstellung, die da mit anderen Worten Not, Elend und Entbehrung heißt, hinaus können, meine Dame?« fragte er. »Haben sie nicht einen Kopf wie wir alle? Und werden sie diese Mitgift des Himmels nicht genau so brauchen lernen – ich sage nochmals, wie wir alle, meine Dame, wenn sie die richtige Erziehung und Anleitung erhalten? Schon dadurch allein sind sie vor dem Übel geschützt, dem Sie die Bezeichnung ›angebotene Lebensstellung‹ geben... Übrigens gehe ich auch noch ein wenig weiter – Neuenfeld hat Brot und ein heimatliches Dach für sie alle, wenn sie später nicht vorziehen sollten, sich selbst draußen in der Welt eine ehrenhafte Existenz zu suchen.«

Niemand erwiderte ein Wort auf diese unumwundene Erklärung. Der Fürst schritt langsam weiter, aber er hatte durchaus keinen Zug der Mißbilligung auf seinem schmalen Gesicht, wie ihn die Gräfin Schliersen vielleicht zu sehen gewünscht hätte. Sie war offenbar eine jener energischen Frauen, die gewohnt sind, sich maßgebend sprechen zu hören, und die ein Thema um so hartnäckiger festhalten, als sie mit demselben bereits eine Niederlage erlitten.

»Ohne Zweifel schweben Ihnen bei diesem Asyl unsere berühmten evangelischen Rettungshäuser vor?« wandte sie sich nach einer Pause, stehen bleibend, wieder an den Portugiesen.

»Nicht ganz«, entgegnete er gelassen. »Im Hauptprinzip kann ich nicht mit ihnen gehen, weil ich nicht an die verschiedenen Konfessionen rühren will. Ich habe da zum Beispiel gleich vier Judenkinder, die Waisen zweier sehr tüchtiger Arbeiter.«

Diese Antwort fuhr wie ein elektrischer Schlag durch die ganze Damengesellschaft. »Wie, Juden nehmen Sie auf?« klang es im Chor von all den schönen Lippen.

Zum erstenmal schwebte um den strengen, ernsten Mund des Mannes, »der nicht lächeln konnte«, ein leiser Zug der Belustigung.

»Halten Sie denn den Juden für so bevorzugt vom Himmel, daß er den Hunger weniger fühlt als der Christ?« fragte er.

Die Damen, über deren Gesichter sein durchdringender Blick hinglitt, schlugen unwillkürlich die Augen nieder.

»Jene zwei israelitischen Männer sind mit der heißen, dringenden Bitte auf den Lippen gestorben, daß ihre Hinterlassenen dem Glauben ihrer Väter nicht entfremdet werden möchten«, setzte er tiefernst hinzu. »Ich ehre diesen letzten Willen und werde nicht dulden, daß man den Kindern einen anderen Glauben aufzwingt.«

»O mein Gott«, rief die Gräfin Schliersen empört, »liegt denn diese nicht genug zu verurteilende Toleranz in der Luft des Neuenfelder Tales?... Da drüben predigt ein protestantischer Geistlicher unausgesetzt: ›Liebet euch untereinander‹, und fragt viel danach, ob er zu Türken, Helden und Juden spricht – und Sie?... Ach, verzeihen Sie – ich vergaß – als Portugiese sind Sie ja jedenfalls Katholik?«

Abermals leuchteten die Augen des Mannes in einer Art von spöttischer Heiterkeit auf.

»Ah, Sie wünschen mein Glaubensbekenntnis, Frau Gräfin?« fragte er. »Nun denn, ich glaube fest und unerschütterlich an einen alliebenden Gott, an die Unsterblichkeit meiner Seele und an meinen Beruf als Mensch, der mir die Pflicht auferlegt, mich der Mitwelt so nützlich zu machen, wie nur irgend in meiner Macht liegt... Und was jenen protestantischen Geistlichen da drüben betrifft, so möchte ich Sie doch bitten, ein wenig vorsichtiger in Ihrem Urteil zu sein – der Mann ist ein tadelloser Christ!«

»Davon haben wir uns nicht überzeugen können«, warf der Minister mit gleichgültiger, aber scharf zugespitzter Stimme ein. Seine Lider lagen tief über den Augen und gaben der Physiognomie etwas unbeschreiblich Verächtliches. »Er ist ein erbärmlicher Prediger und gibt den gläubigen und heilsbedürftigen Seelen durch seinen saloppen Vortrag unausgesetzt Ärgernis... Wir haben uns veranlaßt gesehen, ihn von der Kanzel zu entfernen.«

Die so völlig herz- und seelenlose Stimme, deren Klang darauf berechnet war, zu reizen, verfehlte ihre Wirkung nicht; die Wangen des Portugiesen erröteten, und seine vornehm kühle Haltung schien ihm für einen Augenblick treulos zu werden, aber er bezwang sich.

»Das weiß ich«, sagte er anscheinend gelassen. »Exzellenz werden nach bestem Ermessen gehandelt haben... Trotzdem möchte ich mich an die Gnade des Durchlauchtigsten Fürsten wenden und bitten, daß dieser Fall noch einmal in Erwägung gezogen würde... Bei näherer Beleuchtung dürften sich diese gläubigen und heilsbedürftigen Seelen lediglich auf eine herrschsüchtige Frau und einige wegen Untreue und Arbeitsscheu aus dem Hüttenwerk entlassene Arbeiter beschränken –«

»Ein andermal, ein andermal, lieber Herr von Oliveira!« unterbrach ihn der Fürst heftig abwehrend; seine matten Augen streiften scheu und ängstlich das Gesicht des Ministers, auf dem sich jetzt der tiefste Ingrimm unverhohlen spiegelte. »Ich bin hier, um mich zu erholen, und muß Sie dringend bitten, nichts Geschäftliches zu berühren – erzählen Sie uns lieber von Ihrem wundervollen Brasilien.«

Der Portugiese trat wieder an die Seite des Fürsten.

»Ihr Vorgehen gegen diese im alten Schlendrian versunkenen, unverbesserlichen Geistlichen ist eine Ihrer vortrefflichsten Maßregeln, Exzellenz – sie wird in den Annalen unseres Landes glänzen!« sagte die Gräfin Schliersen zu dem Minister.

Diese Frau mußte doch das letzte Wort haben, und es war lediglich für die Ohren des Portugiesen bestimmt. Der Mann stand mit beiden Füßen in einem aufgescheuchten Wespennest, und der gereizte Schwarm tobte um sein Haupt; allein dieses Haupt mit dem Ausdruck tödlichster Verachtung in den Zügen saß majestätischer als je auf den Schultern. Mit leise durchklingendem Spott erzählte er dem Landesherrn von den herrlichen Schmetterlingen und den berühmten, kostbaren Holzarten Brasiliens, von den Topasen und Amethysten, die auf seinem eigenen Grund und Boden in bedeutender Menge gefunden wurden; und damit war man wieder im alten Fahrgeleise der harmlosen Konversation, wie sie die einzig schickliche war auf diesem heiklen Boden, der das Kräutlein »Rühr mich nicht an« so üppig wuchern und gedeihen ließ.

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