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Reichsgräfin Gisela

Eugenie Marlitt: Reichsgräfin Gisela - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleReichsgräfin Gisela
authorEugenie Marlitt
year1996
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-23760-6
titleReichsgräfin Gisela
pages3-462
created20000608
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1869
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18

Das weiße Schloß beherbergte seit drei Tagen seinen durchlauchtigsten Gast. Jener üppige Glanz war zurückgekehrt, mit dem einst Prinz Heinrich die vergötterte Gräfin Völdern umgeben hatte. Der Fürst war in Begleitung mehrerer Kavaliere gekommen, und auch an Damen fehlte es nicht. Was die exklusiven Hofkreise in A. an jugendlichen Schönheiten besaßen, war eingeladen worden, selbst die leidende Fürstin, die ihren Gemahl nicht begleiten konnte, hatte als ganz besonderen Beweis ihrer Huld und Gnade für den Herrn des weißen Schlosses, »zur Erhöhung des Glanzes« ihre berühmt schöne und liebenswürdige Hofdame geschickt.

Nun sahen die alten Lindenalleen des Schloßgartens wieder rote Frauenlippen lächeln in jener strahlenden Lust, die vom überschäumenden Becher trinkt. In dem geheimnisvollen grünen Halbdunkel wiederholte sich das uralte Spiel des Suchens und Fliehens zwischen schönen, glänzenden Gestalten der Jugend, die hinter dem Fächer die verräterisch leuchtenden Augen und unter oberflächlichem Geplauder das stürmische Klopfen der Pulse verbargen.

Und des Prinzen Heinrich geliebte Orangen- und Myrtenbäume, die einst das keusche Weiß ihrer Blüten auf die üppigen Schultern und das gelbflimmernde Haar des »unseligen Weibes« geschüttelt hatten, sie standen auch jetzt in dem kleinen, von eisernen Kübelreifen eingeschnürten Fleckchen Erbe vor dem thüringischen Schlosse, das Haupt fremd in die herbe, harzige Waldluft hebend. Zu ihren Füßen rauschten seidene Schleppen; keine süßen italienischen Laute, wohl aber Wortpfeile, aus nichts entstehend und doch für einen Augenblick funkelnd und blitzend, flogen durch das dunkle Laub hin und wider – fürstlich vornehme Konversation, in die sich die weichen Klänge der Morgen- und Abendständchen mischten. Die Lichter des Himmels glitzerten in verlockenden Augen, in Brillanten und in den Fontänen wider; auf den Rasenflächen sprangen die isabellenfarbenen irischen Windspiele des fürstlichen Herrn, und hoch in den Lüften, von den alten Turmzinnen herab, flatterten Freudenfahnen.

Der Fürst hatte schon am zweiten Tag das Neuenfelder Hüttenwerk besichtigt. Das Anwesen mit seinen mächtigen dampfenden Schloten, seinen neuen Häusern und dem Menschenschwarm, der auf und ab wogte, sah doch zu imposant herüber und hatte bereits einen zu großen Weltruf, als daß es sich noch hätte totschweigen lassen.

Bei dieser Gelegenheit war auch der neue Besitzer dem Fürsten als Herr von Oliveira vorgestellt worden. Er hatte den hohen Herrn selbst durch alle Fabrikräume geführt, und der Fürst war bezaubert von dem schönen, vornehmen Mann, »der mit seinem interessanten Ernst die eleganten Umgangsformen des Kavaliers und Weltmannes so glücklich zu verbinden wußte«. Es war selbstverständlich, daß sich Herr von Oliveira nun auch im weißen Schlosse Seiner Durchlaucht vorstellte, und der Fürst selbst hatte ihm zu dem Zweck eine Stunde des nächstfolgenden Tages bezeichnet.

Es war zwei Uhr nachmittags. Die Sonne hing sengend über dem Neuenfelder Tal, aber unter den Ulmen, die ihre Äste über dem Gittertor des Arnsberger Schloßgartens verschränkten, war es kühl und schattig – kühl auch wehte es aus den schnurgeraden Alleen herüber, und fern plätscherten die erfrischenden Wasser der Springbrunnen. Wohlige Lüfte lockten da drinnen, und doch blieb der Portugiese mit fahlbleichem Gesicht, tief Atem schöpfend, vor dem Gitter stehen, und seine Hand sank jäh vom Türschloß herab, als habe es die ganze Glühhitze der Sonne eingezogen.

Die fahle Blässe wich auch nicht von dem schönen, braunen Antlitz des Mannes, als die Torflügel kreischend hinter ihm zufielen, als sein Fuß einbog in die Allee, die direkt nach dem Schlosse führte... Flatterten die ruhelosen, abgeschiedenen Seelen unmenschlicher Schloßherren und sündiger Edelfrauen, mit denen der Volksglaube das weiße Schloß bevölkerte, auch bei hellem Tageslicht durch Gebüsch und Alleen? Der einsam dahinwandelnde Fremde sah seitwärts, als schreite ein Etwas neben ihm her, hoch und gewaltig, zu dem er aufblicken müsse – ein Etwas, das ihm schmerzhaft den Atem beklemme und seine Pulse fiebern mache...

Am Portal standen plaudernd mehrere Lakaien, sie stoben beim Erblicken des Portugiesen verstummend auseinander und verbeugten sich bis zur Erde; ein unbeschreibliches Gemisch von Verachtung und Sarkasmus zuckte um den Mund des Mannes. Einer der Diener flog ihm sofort voraus, um ihn anzumelden – er führte ihn nicht nach dem Fremdenflügel; die Herrschaften hatten sich eben vom Gabelfrühstück erhoben, das in den Gemächern der Baronin serviert worden war.

Die lange Zimmerreihe, die einst das Kind Gisela bewohnte, tat sich auf. In einem großen Salon räumten eben mehrere Diener den Frühstückstisch ab, der in Silber und Kristall blitzte. Die Füße des Portugiesen stießen an umhergestreute Champagnerpfropfen – er durfte demnach sicher voraussetzen, in angenehmer Stimmung empfangen zu werden.

Nun trat er in ein Zimmer, dessen Türen und Fenster mit violettem Plüsch behangen waren. Seine Augen glitten unwillkürlich in die Ofenecke – der Fremde, der Südamerikaner konnte doch unmöglich wissen, daß dort vorzeiten auf seidenen Kissen der einzige, zärtlich geliebte Freund der kleinen Gräfin Sturm, Puß, die weiße Angorakatze, ihr gehätscheltes Dasein verträumt hatte!... Jedenfalls war die eine der Fensternischen weit interessanter als die öde Ofenecke. Dort unter dem weißen Spitzenstreifen hervor, der die Plüschgardine besäumte, bog sich der braune Lockenkopf der berühmt schönen fürstlichen Hofdame; sie hatte sich mit einem anderen jungen Mädchen plaudernd in die Nische zurückgezogen, und über beide Gesichter flog eine helle Röte, als der Portugiese grüßend an ihnen vorüberschritt – vielleicht hatten die schönen Lippen eben noch von dem merkwürdigen Fremden geflüstert, der gleichsam im Sturme das hinter strengem Verschluß gehaltene Herz des Fürsten erobert hatte.

Der anmeldende Lakai kam aus dem anstoßenden Zimmer zurück und stellte sich mit einem tiefen Bückling seitwärts, um den Portugiesen eintreten zu lassen. Seltsam, da stand die hohe Gestalt mit dem majestätisch getragenen Haupt wie gebannt vor der Schwelle – auf der Stirn erschien ein grellroter Streifen. Diese merkwürdig gezeichnete Stirn, verbunden mit einem nervösen Aufzucken der Lippen, gab dem klassischen Profil für einen Moment ein fast diabolisches Gepräge... Da drin flutete ein zauberhaft grünes Licht und floß über weiße Marmorgruppen, und in einem Sessel lehnte die schöne Exzellenz im weißen Morgenkleide; ihr leicht und graziös aufgenommenes Haar fiel über das grüne Polster, und die schmalen Kinderhände spielten mechanisch mit einem prachtvollen Granatblütenbukett.

»Sonderbar!« flüsterte die Hofdame erstaunt ihrer Nachbarin zu, als der Portugiese endlich, wie infolge eines plötzlichen gewaltsamen Ruckes, hinter der Plüschportiere verschwunden war – »der Mann schauderte vor dem Seezimmer; ›er konnte nicht über die Schwelle kommen‹, wie die Thüringer Hexengläubigen sagen – ich habe es deutlich gesehen!«

»Das ist leicht zu erklären!« meinte die zarte, blasse Blondine. »Die gespensterhafter grüne Beleuchtung da drin macht mir stets Schwindel; ich finde die Idee der koketten Gräfin Völdern entsetzlich!«

Die schöne, in die Polster zurückgelehnte Frau wußte jedenfalls den Grund für dieses »Festzaubern an die Schwelle« am besten – sie lächelte, legte verwirrt ihr Bukett auf den Tisch und erhob sich unwillkürlich.

Der Eintritt des Portugiesen unterbrach ein eifriges Wortgefecht zwischen dem Fürsten, dem Minister, mehreren Herren des Gefolges und einigen Damen. Seine Durchlaucht stand vor einer der langen Wände des Zimmers und sprach lebhaft. Er begrüßte den Eingetretenen mit freundlichem Aufleuchten seiner kleinen grauen Augen und einem sehr gnädigen Handwinken.

»Mein lieber Herr von Oliveira«, sagte er in ritterlich liebenswürdiger Weise, »nicht allein das reizvolle Ungebundensein des Landlebens, bei dem ich gern einmal die strenge Etikette beiseite lege, sondern auch die Rücksicht für Sie selbst bestimmt mich, Ihnen die erste Audienz gerade hier zu erteilen... Aber hüten Sie sich! Das Zimmer übt einen gefährlichen Zauber, und hier« – er schwieg und zeigte bedeutungsvoll lächelnd auf die neben ihm stehende Damengruppe, zu der nun auch die Baronin getreten war.

»Durchlaucht, ich weiß, daß die Nixen ihre Getreuen zum Wassertode verurteilen, und bin gewarnt!« versetzte Oliveira.

Diese mit einem fast finsteren Ernst gegebene Antwort klang überraschend gegenüber der heiteren Stimmung des Fürsten, ja sie hatte die Wirkung eines Messerstichs für die Baronin – ihr schönes Haupt fuhr rasch herum; sie erblaßte, und scheu lauernd streiften ihre Augen den Portugiesen, allein sein Blick berührte sie nicht, nur das Profil war ihr zugewendet, und das sah aus wie in Stein gemeißelt.

»Das war so ernst gemeint, mein Herr«, sagte eine ältere Dame, welche der Portugiese bereits gestern beim Besuch des Hüttenwerkes als Gräfin Schliersen kennengelernt hatte, »daß ich mich fast versucht fühle, Ihnen den Fehdehandschuh hinzuwerfen, und zwar für meine kleinen Protegés dort« – sie lächelte und deutete mit dem schlanken weißen Finger nach der Hofdame und der ätherischen Blondine, die, angelockt durch den selten schönen Klang der fremden Männerstimme, auf die Schwelle getreten waren. Die zwei graziösen, leicht aufgebauten Mädchengestalten, im hellen, duftigen Morgenkleide und angehaucht von dem grünen Licht, hatten in diesem Augenblick etwas Unirdisches.

»Sie werden mir zugeben, mein Herr von Oliveira«, fuhr die Gräfin fort, »daß das Seezimmer durch diese Erscheinungen an Charakter gewinnt... Wie aber in aller Welt wollen Sie hinter den Kinderstirnen dort mörderische Absichten finden?«

»Ah bah!« meinte der Fürst heiter, »darüber läßt sich nicht streiten. Wer weiß, was für Erfahrungen Herr von Oliveira hinsichtlich böser Nixen an der Laguna des Patos oder am Mirimsee gemacht hat!... Ich gestatte Ihnen keine Kriegserklärung, beste Gräfin, würde Ihnen aber sehr verbunden sein, wenn Sie Herrn von Oliveira mit den Damen bekannt machen wollten.«

Nun schwirrten eine Menge glänzender Namen an dem Ohr des Portugiesen vorüber, und die reizenden Trägerinnen derselben, die ungeblendet und scheinbar zwanglos den Glanz auf der Menschheit Höhen umflatterten, gerieten fast in Verwirrung den dunkeln Augen gegenüber, die sich bei der Vorstellung so ernst und kühl, so völlig unberührt von irgendeinem äußeren Eindruck auf ihr Gesicht hefteten... Wie unfürstlich erschien Seine Durchlaucht mit der ängstlich gestreckten, militärischen Haltung und der spitzen, jäh zurücklaufenden, ausdruckslosen Stirne neben der machtvollen Erscheinung des Fremden, die fast aussah, als suche sie königliche Abkunft hinter möglichst leichten, ungezwungenen Bewegungen zu verbergen!

Die Baronin hatte wieder rote Lippen und ein unbefangenes Lächeln, und als ihr Name genannt wurde, berief sie sich auf die neuliche Begegnung im Walde. Ihre biegsame Stimme klang fast melancholisch, als sie des erschossenen Hundes gedachte – die schöne Exzellenz konnte auch barmherzig aussehen. Die vier schwarzen Augen begegneten sich; auf der Stirne des Fremden loderte der rote Streifen wie ein Feuermal jäh auf, und die Augen sprühten in wilder Glut – sie senkte die ihren erschauernd unter dem Ausbruch einer »so gewaltigen, nie gesehenen Leidenschaft, die keines Wortes fähig war«.

Die raffinierte Kokette von Geist verbirgt ihre Befriedigung über die ersten Anzeichen eines neuen Sieges beinahe noch sorgfältiger, als das junge, verschämte Mädchen seine erste Liebe... und so zog sich die schöne Exzellenz fast bescheiden mit ihrem Triumph hinter die jüngeren Damen zurück, die ihr bei allem jugendlichen Liebreiz doch nicht mehr gefährlich werden konnten.

»Und nun will ich Ihnen eine Dame vorführen«, sagte der Fürst zu dem Portugiesen, nachdem die Vorstellung beendet war. Er neigte das Haupt gegen ein Frauenporträt, das einzige an der Wand. »Sie ist und bleibt meine Protegé, obgleich diese wundervollen Formen längst die Erde deckt und mein fürstliches Haus eigentlich alle Ursache hat, mit ihr zu schmollen... Indes, sie war eben doch ein himmlisch schönes Weib, diese Gräfin Völdern!... Lorelei, entzückende Lorelei!«

Er hauchte einen Kuß auf Daumen und Zeigefinger der rechten Hand und warf ihn mit einer graziösen Bewegung nach dem Bilde.

Diese Frau hatte in der Tat wahrhaft genial die dämonische Gewalt ihrer äußeren Erscheinung aufzufassen gewußt. Der bestrickende Zauber der Wasserflut, ihr schmeichelnd geheimnisvoller Zug, hinter dem die Tücke lauert, der uns reizt, unwiderstehlich hinzieht und doch einen Angstschauer erweckt, er ging auch von dieser blendenden Gestalt aus – das Seezimmer und das Bild fanden ihren Ursprung in diesem Gedanken... Ja, das war die Lorelei! Himmel und Wasser lösten sich fern, fern in einem grünlichen Duft; die Wogen spülten an das einsame Weib heran, und mit ihnen verschmolzen die Spitzen der gelösten Haarwellen; es sah aus, als ströme der Geist, das schauerlich schöne, ergreifende Element der heranschwellenden Wasser, durch die goldenen Fäden und konzentriere sich in dem Frauenkörper, der auf dem muschelbesäten Strande im Vordergrunde ruhte.

»Ich habe vorhin ein wenig den Hausherrn im weißen Schlosse gespielt und das Bild hierher schaffen lassen«, sagte der Fürst. »Diese Gewalttat stößt auf energischen Widerspruch von seiten der Damen – sie meinen, an die drapierten Wände gehöre kein Bild... Mag ja sein, ich gehe von der Ansicht aus, die Schöpferin dieses verführerischen Zimmers solle und dürfe im Bild nicht fehlen, und so, wie es hier angebracht ist, wirkt es auch ganz originell.«

Er trat einige Schritte zurück und betrachtete das Arrangement mit prüfendem Auge. Man hatte das Bild aus dem Rahmen genommen; das festgezauberte Stück Himmel und Wasserfläche umrauschten die grünen Seidenfalten; Seine Durchlaucht hatte recht – gerade sie ließen die Gestalt des hingesunkenen Weibes, die ganze köstliche Perspektive des Hintergrundes gewaltig und in wahrhaft packender Wirkung hervortreten.

Der Fürst wendete sich lächelnd an den Portugiesen, während sein Blick noch an dem Gemälde hing.

»Nicht wahr, da begreift es sich leicht, daß ein Mann selbst in der Sterbestunde seine besten Vorsätze über diesen berückenden Augen vergessen konnte?« fragte er.

»Ich bin außerstande, mich in eine solche Lage zu versetzen, Durchlaucht, denn ich pflege meine Vorsätze durchzuführen«, antwortete Oliveira gelassen.

Die kleinen grauen Augen Seiner Durchlaucht erweiterten sich vor Überraschung – diese feste, ungeschminkte Sprache schlug rauh an das verwöhnte Ohr, sie wies förmlich den verfeinerten, mit leiser Frivolität angehauchten Ton des fürstlichen Herrn zurück. Indes, einem fremdländischen Sonderling, der über Millionen gebot und der in Südamerika Besitzungen hatte, an Umfang zweimal so groß wie das ganze souveräne Fürstentum – einem solchen Original durfte man schon etwas nachsehen; auch stand ja der Mann, bei aller stolzen Würde seiner Haltung, noch ehrerbietig dem älteren Herrn und Fürsten gegenüber. Die unliebsam Überraschung auf dem Gesicht Seiner Durchlaucht verwandelte sich diesen Erwägungen zufolge in ein schalkhaftes Lächeln.

»Da hören Sie es, meine Damen!« wandte er sich an seine schöne Umgebung. »Vielleicht machen Sie diese traurige Erfahrung zum erstenmal – die Macht der schönen Augen ist nicht so unbegrenzt, wie Sie denken mögen... Ich selbst bekenne mich nicht zu diesen unerbittlichen Herzen von Stahl und Eisen, ja, ich begreife sie nicht einmal, aber für mein fürstliches Haus wäre es hoch von Vorteil gewesen, wenn mein Onkel Heinrich auf dem ehernen Standpunkt unseres edlen Portugiesen gestanden hätte – was meinen Sie, Baron Fleury?«

Der Minister, der bis dahin schweigend, mit verschränkten Armen neben dem Fürsten gestanden hatte, verzog die Lippen.

»Durchlaucht, es ist weltbekannt und bedarf wohl keines Beweises mehr, daß sich die guten Vorsätze des Prinzen Heinrich in seiner Sterbestunde lediglich auf die Versöhnung der Herzen, aber durchaus nicht auf ein Umstoßen seiner testamentarischen Verfügungen bezogen haben«, versetzte er – eine schneidende Beimischung in seiner Stimme vermochte er nicht ganz zu unterdrücken. »Es ist ebenso weltbekannt, daß die Gräfin Völdern, einzig von einem unerklärlichen Ahnungsgefühl getrieben, in jener Nacht plötzlich den Maskenball verlassen hat, um eine Stunde darauf den fürstlichen Freund in ihren Armen verscheiden zu sehen. Wer möchte ihn ganz wegleugnen, jenen geheimnisvollen Zug der Sympathie, der in dem Augenblick, wo sich der Geist losringt von der Erde, noch einmal aufglüht und die verwandte Seele gebieterisch zu sich verlangt!... Und zum dritten ist es ebenso weltbekannt, daß der Prinz bis zum letzten Atemzug im vollen Besitz aller Geisteskräfte gewesen ist, daß die Gräfin während der letzten halben Stunde an seinem Bette gekniet hat und getreulich auf seine Idee, sich mit dem Hofe in A. aussöhnen zu wollen, eingegangen ist. Sie war ja nicht eine Sekunde allein mit ihm; Eschebach und Zweiflingen haben unerschütterlich bis zu seinem letzten Hauch neben dem Sterbebett des Prinzen gestanden. Er hat noch mit der Gräfin gesprochen, hat Ausdruck für den Schmerz der Trennung gefunden, aber seine Verfügungen hinsichtlich des Nachlasses hat er mit keiner Silbe berührt... Ich freilich war in dem Irrtum, als ich nach A. ritt – ich glaubte –«

»Dem fürstlichen Hause die Erbschaft zuzuwenden«, unterbrach und ergänzte der Fürst die erschöpfende Beweisführung. »Wie mögen Sie einen Scherz so tragisch nehmen, bester Fleury?... Würde ich wohl je der Gräfin den Zutritt an meinem Hof wieder gestattet haben, wenn ich nicht überzeugt gewesen wäre, daß nur ihre verführerischen Augen, nicht aber böswillige Einflüsterungen ihrerseits den Sieg über unsere Rechte davongetragen haben?... Ach was, lassen wir die alten unerquicklichen Geschichten ruhen!... Wie, Herr von Oliveira, beginnt der Zauber zu wirken? Sie haben während der ganzen vortrefflichen Verteidigungsrede Seiner Exzellenz die Sirene dort mit Ihren brennenden Augen fast verschlungen!«

Wäre der Fürst minder unbefangen in seiner Beobachtung gewesen, so hätte ihm auch der Farbenwechsel auf dem Bronzegesicht des Portugiesen nicht entgehen können! Alle Schattierungen zwischen der geisterhaften Blässe und der jähen Flammenglut der Empörung und des auflodernden Grimmes spielten, solange der Minister sprach, über die braunen Wangen des Mannes hin.

»Ich erliege allerdings in diesem Augenblick einem Zauber«, entgegnete er mit leicht bebender Stimme, »haben Durchlaucht nie gehört, wie sich die kleinen Vögel verhalten, wenn sie in den Bereich der Schlange geraten?... Sie erstarren vor der tödlichen Feindin, die unter den glatten schillernden Windungen ihres Leibes den teuflischen Verrat verbirgt.«

»O Gott, welch ein Vergleich!« rief die Gräfin Schliersen. »Mein Herr, Sie sind bereits verloren, Sie schmähen die Frau, weil – Sie unterliegen!«

Ein sardonischer Zug bebte um die Lippen des Portugiesen – er antwortete nicht.

»Hm, der Vergleich hat doch Grund und Boden«, sagte lächelnd der Fürst. »Herr von Oliveira will sich um keinen Preis besiegen lassen; ich kann es ihm darum nicht verdenken, wenn er seine Niederlage mit dem unerklärlichen Schlangenzauber des Weibes entschuldigt.« Er trat wieder an das Bild heran. »Ist es nicht ein wahrer Jammer, daß mit dieser Frau die ganze berühmte Schönheit der Völdern erlöschen mußte?... Oh, was macht denn das gelbe, verkrüppelte Geschöpfchen, die kleine Sturm?« wandte er sich an den Minister.

»Gisela lebt nach wie vor in Greinsfeld, hat den Veitstanz schlimmer als je und erfüllt uns mit der lebhaftesten Besorgnis«, entgegnete Seine Exzellenz. »Die Angst um dieses Kind ist der Schatten, der auf mein Leben fällt.«

»Gott, wie lange braucht das arme, unglückselige Wesen, um zu sterben!« rief die Gräfin Schliersen. »Dieses ganz erbärmliche, kleine Dasein ist für mich stets ein Rätsel gewesen... Wie kamen die bildschönen Eltern zu diesem Ausbund von Häßlichkeit?... Das heißt«, setzte sie nach einem kurzen Nachsinnen hinzu, »ich habe merkwürdigerweise trotz alledem in der kleinen, unschönen Physiognomie stets und immer wieder die Grundlinien jenes Kopfes finden müssen.« Sie zeigte nach dem Bild der Gräfin Völdern.

»Welche Idee!« rief der Fürst, förmlich beleidigt durch den Vergleich.

»Ich sage ja nur ›die Grundlinien‹, Durchlaucht! Im übrigen fehlt selbstverständlich gerade alles das, was einst die Völdern so bezaubernd machte. Das Kind hatte nur einen einzigen Reiz – ein Paar schöner, ausdrucksvoller Rehaugen –«

»Gott bewahre mich, Frau Gräfin!« fiel die Hofdame lebhaft, fast wie erschrocken ein. – »Diese Augen waren schrecklich!... Ich habe als siebenjähriges Kind viel mit der kleinen Gräfin Sturm verkehren müssen – Mama wünschte gerade diesen Umgang sehr lebhaft für mich.« Sie wandte sich schelmisch lächelnd an den Minister. »Exzellenz, damals bin ich immer mit entschiedenem Widerwillen die Treppe im Ministerhotel hinaufgestiegen. Ich ärgerte mich stets über die kleine Person, die ängstlich mit den Händen nach mir stieß, wenn ich ihr nahe kam. Sie haßte alles, was ich liebte, Eleganz, Kinderbälle und Puppenhochzeiten... Verzeihen Euer Exzellenz, aber sie war das boshafteste Geschöpf, das mir je vorgekommen ist!... Ich erinnere mich, daß sie eines Tages ein Paar entzückender, kleiner Brillantohrringe, die Sie eben von Paris mitgebracht hatten, an die Ohren ihrer Katze gehängt hatte.«

»Nun, das finde ich weniger boshaft als originell!« lachte die Gräfin Schliersen. »Ich vermute, sie ist nicht ohne Geist, die Kleine... Apropos, wie wär's denn, wenn man auf eine Stunde hinüberführe nach Greinsfeld und ihr einen Besuch machte? – Der Gräfin Sturm gegenüber könnte man sich schon zu einer solchen Artigkeit herbeilassen, und der armen Herbeck wäre es auch zu gönnen, daß sie wieder einmal ein Gesicht aus der Welt zu sehen bekäme.«

Die Baronin Fleury hatte sich bis dahin völlig teilnahmslos verhalten. Bei der Frage des Fürsten nach ihrer Stieftochter hatte sie das Bukett ergriffen und ihr Gesicht in die geruchlosen Blüten gesenkt; jetzt aber fuhr sie empor.

»Um Gottes willen, Leontine, daran ist nicht zu denken!« rief sie abwehrend. »Mit diesem Besuch würde dem Medizinalrat ein Streich gespielt, den wir nie verantworten könnten! Er befürchtet gerade in diesen Tagen einen heftigen Ausbruch der Anfälle und bietet alles auf, um jede, auch die geringste Gemütsbewegung von der Patientin fernzuhalten... Und dann, du hast ja eben gehört, wie eigensinnig Gisela schon als Kind war. Sie hat ein, ich möchte sagen, galliges Temperament, das selbstverständlich bei dem einsamen Leben, zu dem sie verurteilt ist, nicht milder und liebevoller werden konnte. Die Herbeck leidet schwer unter dem maßlosen Eigensinn und den raffinierten kleinen Bosheiten, in denen sich ein solches durch und durch verbittertes Gemüt bekanntlich sehr gefällt!... Fern sei es von mir, Giselas Charakter verdächtigen zu wollen; im Gegenteil – ist ein Mensch geneigt, sie zu entschuldigen, so bin ich's – sie ist ja zu unglücklich!... Ich darf aber auch nicht zugeben, daß meine Gäste unter irgendeiner Unart in Greinsfeld zu leiden haben, und schließlich ist mir doch auch dieses Kind viel zu teuer, als daß ich es mit seinem abstoßenden Leiden neugierigen Augen – entschuldige, liebste Leontine – ausgesetzt sehen möchte.«

Die Gräfin Schliersen biß sich auf die Lippen; Seine Durchlaucht aber schien nach dem sehr scharfen Ton, mit dem die schöne Exzellenz geschlossen hatte, ein Aufeinanderplatzen der Geister zu befürchten. Er trat rasch zu Oliveira. In dem Augenblick, als der Name der jungen Gräfin Sturm zum erstenmal genannt worden war, hatte sich der Portugiese unbemerkt dem Fenster genähert; seine Augen schweiften unablässig über die Gegend, auch nicht ein einziges Mal wandte er den Kopf nach den Anwesenden zurück. Vermutlich langweilte er sich, und der Fürst mochte wohl fühlen, daß es nicht gerade sehr aufmerksam sei, in Gegenwart eines Fremden Verhältnisse zum Gegenstand der Unterhaltung zu machen, die auch nicht das allergeringste Interesse für ihn haben konnten.

»Sie fühlen Sehnsucht nach Ihrem kühlen, grünen Wald, nicht wahr, mein bester Herr von Oliveira?« fragte er gütig. »Auch mir wird es nachgerade ein wenig schwül hier... Gehen Sie, liebe Sontheim«, rief er der Hofdame zu, »und holen Sie Ihr bezauberndes, malvengeschmücktes Hütchen – wir gehen an den See!« Die Damen verließen schleunigst das Zimmer, während die Herren im Nebenzimmer ihre Hüte suchten.

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