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Reichsgräfin Gisela

Eugenie Marlitt: Reichsgräfin Gisela - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleReichsgräfin Gisela
authorEugenie Marlitt
year1996
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-23760-6
titleReichsgräfin Gisela
pages3-462
created20000608
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1869
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17

Die junge Gräfin betrat einen der Waldwege, die Sievert als in das Arnsberger Holz führend bezeichnet hatte... Mit einer immer wieder aufsteigenden Röte der Scham und Verlegenheit betrachtete sie ihre schlanke weiße Hand – sie war zum erstenmal von Männerlippen berührt worden...

Sie fühlte sich heftig abgestoßen, ja sie konnte sehr ungehalten werden, wenn irgend jemand den gefeiten Kreis, den sie durch ihre Zurückhaltung um ihre Person festhielt, eigenmächtig überschritt – bei jeder anderen Gelegenheit hätte sie sicher die berührte Hand ohne weiteres in das Wasser getaucht – das war unterblieben – nicht einmal der Gedanke an eine solche »Entsühnung« war ihr gekommen... Wo war überhaupt in diesem Augenblick der scharf grübelnde Verstand, mit dem sie sich gewöhnt hatte, alle Dinge ins Auge zu fassen?...

Sie schritt mit nachdenklich gesenkter Stirn dahin – nach den Wipfeln flog ihr Blick. Durch das Geäste strömte der kräftige Waldhauch, und wo der blaue Himmel hereinlugte in die goldengrüne Dämmerung, da zuckten auch glänzende Pfeile an den Stämmen nieder, um unten im kühlen, buntgefleckten Moos zu verlöschen.

War die hereinfließende Bläue da oben sonniger als sonst? Und hatten die Vögel, die über dem blonden Haupt des Mädchens kreisten, heute schönere Lieder in der Brust?

Es war dasselbe leuchtende, jubelnde Sommerleben, wie es seit Jahrtausenden wiederkehrt – und der Quell, der in diesem Augenblick doch aufsprang in der ahnungslosen, jungen Seele, er war auch alt, so alt eben die Liebe ist!...

»Ach, die schöne Welt! Man sieht sie anders, wenn man – gesund ist«, dachte die Wandelnde und legte die verschränkten Hände auf ihr klopfendes Herz.

Die Waldwiese war leer, als Gisela zurückkam. Nur der alte Lakai Braun war noch da. Er räumte das Geschirr in die Körbe und berichtete seiner Gebieterin, daß Seine Exzellenz infolge eines erhaltenen Telegramms mit den beiden Damen schleunigst nach dem weißen Schlosse zurückgekehrt sei.

Während er mit tiefgebogenem Rücken berichtete, betrachtete Gisela die alte Gestalt zum erstenmal mit prüfendem Blick. Sie wußte noch recht gut, daß er früher schwarzes Haar gehabt hatte; jetzt war es blendendweiß – er hatte sich allmählich unter ihren Augen verwandelt, ohne daß sie es je bemerkt hatte... Auch der Papa hatte viele weiße Fäden im Haupt- und Barthaar; sie dachte das völlig ungerührt, während die zwei silberglänzenden Streifen über den Augen und der Schnee auf dem Scheitel des Greises plötzlich eine Art von Mitgefühl in ihr hervorriefen.

»Lieber Braun, ich bitte Sie um ein Glas Milch!« sagte sie – wie klang das fremdartig von ihren Lippen – sie schrak unwillkürlich davor zusammen; sie hatte ja nie gebeten!...

Der alte Lakai fuhr bei den sanften Lauten empor und starrte seiner Herrin fassungslos ins Gesicht.

»Nun, ist alle Milch getrunken worden?« fragte sie gütig lächelnd.

Der Mann lief, so rasch seine alten Beine vermochten, nach dem improvisierten Büfett und brachte auf einem silbernen Teller die begehrte Erfrischung.

»Denken Sie doch, Braun, ich weiß nicht einmal, ob Sie Familie haben«, sagte die junge Dame und setzte das Glas an die Lippen. Sie war verlegener in dieser neuen Situation, als wenn sie das ungewohnte Parkett des Fürstenhofes betreten hätte; denn der alte Mann stand vor ihr, wie wenn er erwarte, jeden Augenblick Himmel und Erde einstürzen zu sehen.

»O gnädige Gräfin, das wäre doch auch nicht der Mühe wert –« stotterte er.

»Ich möchte es aber gern wissen.«

»Nun ja, wenn gnädige Gräfin befehlen –« versetzte er ermutigter, und seine zusammengesunkene Gestalt richtete sich empor. »Ich habe Weib und Kind. Zwei meiner Kinder leben noch – vier liegen auf dem Gottesacker... Ich hatte auch ein Enkelchen – ein liebes, schönes Kind – gnädige Gräfin, das kleine Mädchen war meine ganze Freude –«

Dem alten Mann stürzte urplötzlich und unaufhaltsam ein Tränenstrom aus den Augen.

»Um Gottes willen, Braun!« rief das junge Mädchen bestürzt. Wie, diese Augen weinten?... Dieses alte, in seiner Dienstmiene versteinerte Gesicht konnte so herzbrechend vergrämt aussehen?

»Nein, nein, bleiben Sie!« gebot sie, als der Lakai, sichtlich entsetzt über das unzeitgemäße Hervorbrechen seines Schmerzes, sich entfernen wollte. »Ich will wissen, was Sie so tief betrübt!«

»Wir haben das Kind vor drei Wochen begraben«, entgegnete er mit zuckenden Lippen, indem er versuchte, die Haltung wiederzugewinnen.

Gisela erblaßte.

Wie hatte der alte Mann auf der Terrasse des Waldhauses gesagt? »Ihr Herz ist kieselhart! Sie ist gefühllos wie ein Stein gegen ihre Leute!« Der Unheimliche hat zum Verzweifeln recht gehabt!... Da war nun der unglückliche Mensch täglich in seiner bunten Livree vor ihr erschienen, tadellos in Miene und Haltung, unverändert auch an dem Tage, da der kleine Liebling daheim im Sarge gelegen hatte – immer des Winkes seiner Herrin gewärtig und jeder ihrer Launen sich unbedingt anbequemend; und währenddessen hatten unter den unterwürfig gesenkten Augenlidern der armen Maschine verhaltene Tränen gefunkelt, und das Herz war fast vergangen im Weh!... Privatleiden durften diese Leute nicht haben – dagegen erinnerte sich Gisela noch sehr gut, daß die Dienerschaft lange, lange Zeit die tiefe Trauer um ihre Großmama hatte zur Schau tragen müssen... Was gab den Hochgeborenen das Recht, andere Menschen in eine so unnatürliche Stellung zu zwingen?... Sie reichten ein Stück Brot von ihrer kalten, isolierten Höhe herab und verlangten dafür eine völlige Hingabe des ganzen Menschen; eine so grenzenlose Selbstverleugnung, deren sie selbst nicht fähig waren... Und sie hatte dies grausame Spiel des vollendeten Egoismus bisher mitgespielt, ja sie galt für eine der Schlimmsten!...

Was ihr Gemüt an Innigkeit besaß, das floß jetzt über ihre Lippen – sie suchte den alten Mann zu trösten... Aber der Sonnenschein in ihrer Seele war verflogen. Nun erst grübelte sie über die finsteren Anklagen des alten Soldaten, und während des ganzen Heimwegs suchte sie zu ergründen, mit welcher Verlorenen, deren »fluchwürdige Hände nun moderten«, er sie wohl verglichen habe!... Die Lösung des Rätsels lag ihr fern! Wie hätte sie die weißen, wundervollen Hände der hochseligen Großmama mit dem gestifteten Unheil, wie ihre erhabene Erscheinung mit der »Erbschleicherin« in Verbindung bringen können?

Verstimmt und verfinstert trat sie in das weiße Schloß.

Der Ameisenhaufen, der in Gestalt von Handwerkern, scheuernden und fegenden Mägden seit gestern eine sehr geräuschvolle Tätigkeit entwickelt hatte, schien jetzt in eine völlig fieberhafte Aufregung geraten zu sein. Das unruhige Hasten und Treiben beschränkte sich nicht allein mehr auf den Fremdenflügel; im Erdgeschoß zu beiden Seiten des Vorsaales standen die Flügeltüren weit offen und ließen die ganze lange Flucht der Zimmer übersehen, in denen Tapezierer, Gärtner und Dienstfrauen beschäftigt waren.

Oben im ersten Zimmer, das die junge Gräfin betrat, stand Lena mit hochglühenden Wangen inmitten ganzer Berge von Wäsche und Kleidern und packte verschiedene Koffer; ein Gärtnergehilfe zerstörte die Blumentische, um sie neu zu besetzen, und das Tageslicht fiel blendend durch die hohen Fenster, von denen man die seidenen Gardinen behufs des Abstäubens weggenommen hatte.

Ehe noch Lena ihrer erstaunt auf der Schwelle verharrenden Gebieterin berichten konnte, trat der Minister in Frau von Herbecks Begleitung aus einer Seitentür. Er war sehr erregt und hielt Bleistift und Notizbuch in den Händen, offenbar als Hilfsmittel in rasch eingetretenen, sich überstürzenden Geschäften.

»Ach, mein liebes Kind«, rief er der jungen Dame entgegen – er ließ plötzlich das förmliche, eiskalte »meine Tochter« fallen und war ganz und gar wieder der zärtlich schmeichelnde Papa von ehedem –, »mein Goldkindchen, in welch tödlicher Verlegenheit bin ich dir gegenüber!... Da telegraphiert mir der Fürst vor einer halben Stunde, daß er schon morgen abend in Arnsberg eintreffen werde, und zwar mit einem weit größeren Gefolge, als er mir anfänglich angezeigt hat!... Ich bin ganz außer mir, denn ich sehe mich gezwungen... ach Gott, wie peinlich ist mir doch die ganze Geschichte!« unterbrach er sich selber und fuhr, als wolle er die Widerwärtigkeit abwehren, mit der Hand durch die Luft.

Frau von Herbeck kam ihm bereitwillig und sehr geschickt zu Hilfe.

»Aber mein Gott, darüber sollten sich Exzellenz doch nicht so aufregen!« rief sie. »In solchen Dingen ist unsere Gräfin viel zu vernünftig!« Sie wandte sich an die junge Dame, indem sie auf Lena deutete. »Sie werden sich denken können, um was es sich handelt, liebe Gräfin!... Bitte, beruhigen Sie Exzellenz, den Papa, Sie sehen, wie außer sich er ist, Ihre Abwesenheit von Arnsberg für einige Tage wünschen zu müssen!... Das Schloß ist viel zu klein und zu eng für die vielen Menschen – nicht wahr, wir gehen der ganzen geräuschvollen Zeit während des fürstlichen Besuches aus dem Wege und fahren heute noch nach Greinsfeld?«

Gisela fühlte eine Art von Schrecken... warum wurde ihr plötzlich so weh ums Herz bei dem Gedanken, Arnsberg verlassen zu müssen? – Wie ein Nebelbild, ihr selbst fast unbewußt, glitt das Waldhaus pfeilschnell an ihrer Seele vorüber.

»Ich bin jeden Augenblick bereit zu gehen, Papa!« sagte sie trotzdem ruhig in ihrer gelassenen Weise.

»Du siehst ein, mein Kind, daß ich nur der dringenden Notwendigkeit nachgebe?« fragte der Minister schmeichelnd.

»Vollkommen, Papa!«

»Oh, wie dankbar bin ich dir, Gisela!... Aber nun setze auch deiner Freundlichkeit und Nachsicht die Krone auf und entschuldige Mama und mich, wenn wir dir heute nicht einmal ein Mittagessen anbieten. Mama sitzt mit Mademoiselle Cecile unter Toiletten vergraben und hält großen Rat; sie wird auf ihrem Zimmer essen, und mir bleibt heute nicht so viel Zeit, mich auch nur an den Eßtisch zu setzen... Ich habe deinen Koch sofort nach Greinsfeld geschickt – du findest bei deiner Ankunft allen Komfort, der in der Eile eben möglich zu machen ist.«

»Nun, dann bleibt nur noch der Wagen zu bestellen«, sagte das junge Mädchen. »Lena, wollen Sie so freundlich sein und hinuntergehen?«

Die Kammerjungfer erstarrte fast darüber, daß sie so »freundlich« sein solle; Frau von Herbeck aber blieb buchstäblich der Mund offen stehen, während sie einen vernichtenden Blick auf die Zofe schleuderte.

Gisela knüpfte ganz unbefangen die Hutbänder unter dem Kinn und zog die Handschuhe wieder an, die sie beim Eintreten abgestreift hatte – das sah sehr eilfertig aus.

»Aber du gehst selbstverständlich erst noch zu Mama, nicht wahr, mein Kind?« fragte der Minister – er ignorierte die plötzliche humane Anwandlung der Stieftochter vollständig. »Denke doch, mein kleiner Liebling, der Fürst kann möglicherweise über acht Tage bleiben, und während der ganzen langen Zeit sind wir verurteilt, dich so nahe zu wissen, ohne dich auch nur ein einziges Mal sehen zu dürfen!«

»Es steht dir ja frei, eine Spazierfahrt nach Greinsfeld zu machen, Papa!« meinte das junge Mädchen gelassen. »Frau von Herbeck hat mir erzählt, daß der Fürst zu Großmamas Lebzeiten sehr oft in Greinsfeld gewesen ist.«

Die Lider fielen plötzlich tief über die Augen Seiner Exzellenz – seine Lippen aber verzogen sich zu einem spöttisch mitleidigen Lächeln.

»Liebchen, das ist wieder einmal die Idee eines Kinderkopfes!« sagte er. »Was soll Seine Durchlaucht im Hause eines siebzehnjährigen Backfischchens – verzeihe, meine Tochter –, das noch nicht bei Hofe vorgestellt ist –«

»Bei dieser Gelegenheit könnte es ja geschehen«, fiel Gisela leicht erregt ein. »Großmama, die unerbittlich streng auf das Festhalten unserer Standesvorrechte und der damit verbundenen Pflichten gehalten hat, würde sich sehr wundern, daß es überhaupt noch nicht geschehen ist – sie war noch nicht volle sechzehn Jahre, als man sie bei Hofe vorgestellt hat.«

Der Minister zuckte mit einer eigentümlichen Bewegung die Achseln; seine nähere Umgebung würde damit gewußt haben, daß Seiner Exzellenz die Geduld ausgegangen sei – er blieb jedoch scheinbar gelassen.

»Überlege dir selbst einmal, mein Kind, was für eine Rolle du mit sechzehn Jahren am Hofe zu A. gespielt haben würdest!« versetzte er kalt. »Übrigens muß ich dir gestehen, die Kühnheit überrascht mich einigermaßen, mit der du dich neben die Großmama zu stellen wagst! – Die brillante, hochgefeierte Gräfin von Völdern und du, meine Tochter!« Er hob die Lider – ein sehr ausdrucksvoller, wenn auch unheimlich lauernder Blick fuhr über das Mädchengesicht. »Was überhaupt für Hindernisse deiner Vorstellung bei Hofe entgegenstehen, kannst du selbst ja gar nicht ahnen!« fügte er mit großem Nachdruck hinzu. »Die Aufklärung kann und wird für dich nicht ausbleiben, allein –«

Ein Diener trat ein und meldete, daß die Anwesenheit Seiner Exzellenz im Fremdenflügel dringend nötig sei.

»Nun, da behüte dich Gott, Kindchen!« wandte sich der Minister eilfertig, aber mit völlig verändertem, zärtlich väterlichem Tone an Gisela. »Laß dir die Zeit in Greinsfeld nicht zu lang werden.«

Er hob den Hutrand der jungen Dame und wollte sie auf die Stirne küssen; sie wich heftig zurück, und die braunen Augen maßen ihn finster und sprühend.

»Närrchen du!« lächelte er und strich nichtsdestoweniger mit dem Zeigefinger liebkosend über die Wange – die spitzen weißen Zähne blitzten raubtierartig zwischen den einwärts gekrümmten Lippen, und aus den Augen hervor zuckte es wie ein Wetterleuchten.

Er entfernte sich, und Gisela ging mit Frau von Herbeck, um sich bei der schönen Stiefmutter zu verabschieden.

Die Baronin bewohnte gegenwärtig die Gemächer, welche die junge Gräfin als Kind innegehabt hatte, sie boten die schönste Aussicht im ganzen Schloß.

Ihre Exzellenz empfing die Besuchenden in ihrem Ankleidezimmer. Sie blieben einen Augenblick unschlüssig an der Türe stehen, denn es war in der Tat ein Rätsel, wie sie zu der Dame gelangen sollten. Mademoiselle Cecile, die sehr vergilbte französische Kammerfrau, hatte die Pariser Kiste ausgepackt, und endlos, wie die Übel aus der Pandorabüchse, waren Gazewogen und glitzernde Seidenstoffe hervorgequollen. Selbst das Parkett war bedeckt mit Kartons voll Blumen und mit Kästen, aus denen buntfarbige Stiefelchen ihre kleinen Absätze streckten.

Die Baronin stand vor dem Ankleidespiegel und hielt Anprobe, jedenfalls ein blutsaures Geschäft, denn der Kammerfrau, die mit flinken Händen ordnete und arrangierte, standen die hellen Schweißtropfen auf der Stirne... Der Pariser Schneider war offenbar mit hoher Intelligenz auf die Ideen der schönen Frau eingegangen – die Toilette versinnbildlichte den Wald, den frischen, grünen Wald in dem kleinen Kranz von Maiblumen, Erdbeerblüten und jungen Tannenspitzen, der an der Stirne der Dame lag, in dem schweren, mit eingewebten Eicheln bedeckten grünen Stoff, der in seinem Knistern an das ferne Rauschen der heiligen Eichen erinnerte. Weniger heilig und dem keuschen Hauch des deutschen Waldes entsprechend war die Form des Gewandes, das, ohne Ärmel, nur mittels einer schmalen grünen Spange auf den Schultern zusammengehalten wurde. Wohl traten die alabasterweißen, wundervollen Formen der Arme und des Nackens plastisch hervor – die Frau erschien hinreißend schön; aber es war doch gut, daß sie – keinen deutschen Namen mehr trug.

Die Damen konnten beim Eintreten das Gesicht der Baronin im Spiegel sehen – es strahlte im Triumph; gleichwohl zog sie weheklagend die Augenbrauen zusammen, und um den reizenden Mund glitt ein schmollender Zug, fast wie bei einem verzogenen eigensinnigen Kinde.

»Liebste Gisela, danke Gott, daß du nicht in meiner Lage bist!« rief sie, sich umwendend, dem jungen Mädchen entgegen. »Da sieh nur, wie ich mich plagen muß. Stundenlang martert diese Mademoiselle Cecile mich armes Geschöpf! Ich kann kaum noch auf den Füßen stehen!«

Die kleinen Füße waren jedenfalls nicht so treulos, wie ihre reizende Besitzerin verleumderischerweise behauptete; denn sie stand plötzlich leicht und sicher nur auf dem rechten, hob die Robe ein wenig empor und streckte den linken mit einem eleganten Schuh bekleideten Fuß graziös hervor.

»Sagen Sie, Frau von Herbeck«, meinte sie lächelnd, »ist die Toilette nicht herrlich?«

Die Askese der Gouvernante hatte mit ihrem »vortrefflichen Geschmack« nichts zu schaffen, und deshalb pries sie mit überfließenden Lippen und entzückten Augen das Meisterwerk des Pariser Schneiders.

Währenddessen hatten die Damen einen Weg ausfindig gemacht und standen jetzt vor der schönen Frau.

»Herzliebste Gisela, was sagst du nur dazu, daß wir so rücksichtslos sein müssen, dich nach Greinsfeld zu schicken?« fragte sie lebhaft.

Gisela antwortete nicht. Sie blickte durch das Fenster hinunter in den Garten; über ihr ganzes Gesicht flog jener zartrosige Hauch, der auch die weiße Rose verschämt aussehen macht; das junge Mädchen sah zum erstenmal einen jener modernen Damenanzüge, die den Zweck als Hülle völlig verlieren und fast nur noch den Eindruck eines eleganten Rahmens machen, der ein reizvolles, aber schamloses Bild umschließt.

Die schöne Stiefmutter mißverstand das Schweigen und die Verlegenheit der jungen Dame vollständig.

»Du bist beleidigt, liebes Herz«, sagte sie in bedauerndem Ton – eine Beimischung von Ärger klang aber auch mit; »allein können wir denn anders?... Wir werden ohnehin wie die Heringe zusammengepackt sein in diesem verwünschten Nest, das so weitläufig und großartig aussieht und doch so wenig Platz und Komfort bietet!«

Inzwischen hatte die Kammerfrau verschiedene Etuis geöffnet und begann den Kranz im Haar ihrer Gebieterin und die Bukette auf dem Kleid mit Diamanten buchstäblich zu bestreuen.

Welch eine Pracht funkelte auf dem blauen Samtpolster der geöffneten kleinen Kästchen! Es war eine wahrhaft kolossale Menge der auserlesensten Brillanten, zu deren Anhäufung jedenfalls mehrere Generationen einer Familie und fabelhafte Geldsummen gehört hatten.

»Ah, Großmamas Brillanten!« rief Gisela überrascht, aber doch unbefangen, beim Anblick der Steine.

Unmittelbar nach diesem Ausruf stieß die Baronin einen leisen, halbunterdrückten Schrei aus, zog die Schultern in die Höhe und schauerte in sich zusammen wie die berührte Mimose. Sie stampfte leicht mit dem Fuße auf.

»Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, Mademoiselle Cecile, daß Sie mir nicht mit den Fingern an die Schultern kommen sollen?« fuhr sie die Kammerfrau an. »Ihre Hände sind geradezu froschartig – ich verabscheue sie!... Eine perfekte Kammerfrau muß ihre Dame anziehen können, ohne daß sie es merkt – begreifen Sie das noch immer nicht?«

Wie um der unglücklichen gescholtenen Zofe zu Hilfe zu kommen und die erzürnte Frau auf ein anderes Thema zu lenken, griff Gisela nach einem Armband und legte es um das Handgelenk – sie erreichte ihren Zweck vollkommen – die Dame hatte auch während ihres Zornausbruches jedenfalls nicht einen Moment die Stieftochter und die großmütterlichen Brillanten aus den Augen verloren, denn jetzt verfolgte sie mit einem wahrhaft verzehrenden, tigerartigen Blick die Handbewegung des jungen Mädchens.

»Liebes Kind, das macht mir Herzklopfen!« sagte sie mit nervös bebender Stimme und griff ohne weiteres nach dem Armband. »Du magst nun streiten wie du willst, deine Hände haben leider einmal eine krankhafte Unsicherheit – du bist imstande, das Armband fallen zu lassen und verdirbst mir den Schmuck!«

Gisela heftete die ruhigen braunen Augen erstaunt auf ihre Stiefmutter.

»Ei, liebe Mama«, sagte sie lächelnd und legte die Linke wie verteidigend auf das Armband, »wenn Papa dir die Diamanten zur Anprobe anvertraut hat, so habe ich wohl auch ein wenig das Recht, sie einmal in die Hand zu nehmen!... Übrigens begreife ich nicht recht, was die Steine hier sollen. Wie oft habe ich Papa um das Medaillon gebeten, das Großmama an einem Samtband trug; es enthielt das Bild meiner seligen Mama. Er hat es mir stets streng verweigert, weil nach Großmamas Testament der gesamte Schmuck unter Verschluß bleiben sollte, bis ich mündig sei.«

»Ganz recht, mein Schatz«, entgegnete die Dame langsam, mit schwerer, hohnvoller Betonung – ein wahrhaft dämonischer Ausdruck lag auf dem Gesicht mit den lodernden, dunkeln Augen. »Diese Testamentsklausel hat Kraft für dich, nicht aber für mich – und deshalb, Kind, wirst du mir schon erlauben müssen, das Armband an seinen Ort zu legen, lediglich damit der Letzte Wille der Gräfin Völdern nicht geschädigt werde.«

Die betroffene junge Dame ließ sich widerstandslos den Schmuck vom Arme nehmen; sie war ja so unerfahren, und ihre Rechte hinsichtlich des Mein und Dein hatten sie bisher sehr wenig interessiert. Sie hatte demzufolge augenblicklich keinen Maßstab für die Handlungsweise ihrer Stiefmutter; der beste Helfershelfer für Ihre Exzellenz aber war die unbesiegliche Abneigung der Stieftochter gegen die schweren, kältenden Steine, sie war froh, als sie ihre Haut nicht mehr berührten.

Unten war unterdes der Wagen vorgefahren. Frau von Herbeck, die stumm, aber in der peinvollsten Verlegenheit der kleinen Szene beigewohnt hatte, atmete tief auf, als sich die junge Gräfin mittels einer sehr förmlichen Verbeugung von ihrer Stiefmutter verabschiedete. Sie selbst empfahl sich wortreich und sichtlich erleichtert bei Ihrer Exzellenz, während Gisela nach der Tür schritt.

»Apropos, nur noch eins, Herzenskind!« rief die Baronin bittend dem jungen Mädchen nach.

Gisela wandte sich in der Tür um und blieb stehen, sie schien durchaus keine Lust zu haben, sich noch einmal durch den bunten Kram und Tand zu winden, über den ihr Blick sarkastisch hinstreifte. Das Licht eines Eckfensters strömte voll über ihre Gestalt; die ganze herbe Jungfräulichkeit, aber auch die entschiedene Verwahrung gegen jegliche Gemeinschaft mit der üppigen Stiefmutter lag in ihrer Haltung. Die schöne Frau ließ sich jedoch nicht abschrecken – sie stand ja auf dem erhabenen Piedestal der Muttersorgen und Mutterpflichten.

»Seit ich weiß, daß du reitest, verzehrt mich die Angst!« rief sie hinüber. »Nicht wahr, du versprichst mir, kein Pferd zu besteigen, solange du in Greinsfeld bist?«

»Nein, Mama, das Versprechen gebe ich dir nicht; ich würde es nicht halten können.«

Die Baronin biß sich auf die Lippen. »Kind, du bist grausam!« sagte sie schmollend. »Nun muß ich auch noch bei all den Strapazen, die mir bevorstehen, in der Angst leben, daß du über Berg und Tal jagst und eines schönen Tages den Hals bricht!«

»Ich reite nicht so wild und unbesonnen, Mama, und Sara ist ein frommes Tier!«

»Das will ich ja ganz gern glauben, aber es beruhigt mich noch lange nicht... Wenn ich zum Beispiel an das unebene Terrain zwischen Greinsfeld und Arnsberg denke, da schaudert mir die Haut! Ich, für meine Person, habe es dem Papa stets verweigert, ihn dort zu Pferde zu begleiten.«

Auf dem Gesicht der Gouvernante erschien ein häßliches zweideutiges Lächeln.

»Beruhigen sich Eure Exzellenz!« sagte sie mit einem verständnisvollen Blick. »Unsere liebe Gräfin wird sicher ein anderes Terrain für ihre Spazierritte wählen; ich glaube nicht, daß sie sich besonders auf die Gegend zwischen Greinsfeld und Arnsberg versteift. Auch auf unseren Ausfahrten vermeiden wir, wenn wir nicht gerade nach Arnsberg wollen, den Weg fast immer – er ist zu holprig, wie Exzellenz ganz richtig sagen.«

Die Baronin nickte ihr huldvoll und dankbar zu.

»Nun, wenigstens ein Trost!« seufzte sie auf. »Wenn mir auch die Angst bleibt, so habe ich doch die Beruhigung, dich nicht auf dem Pferde sehen zu müssen, du böser, kleiner Trotzkopf!... Du versprichst mir fest, daß du auf deinen Morgenritten nicht in meinen Gesichtskreis kommen willst, nicht wahr, liebste Gisela?«

Das junge Mädchen bejahte mit sichtlicher Ungeduld. Diese Zärtlichkeit, die auch nicht einen Funken von Sympathie in ihr zu erwecken vermochte, bedruckte sie wie ein Alp, den sie um jeden Preis abschütteln wollte.

»Nun, so geh mit Gott, mein Kind!« rief die schöne Stiefmutter und wandte ihr Gesicht wieder dem Spiegel zu.

Gisela verschwand, und Frau von Herbeck folgte ihr nach einer tiefen Verbeugung gegen die Exzellenz am Spiegel.

Die Tür fiel ins Schloß, und die Dame sank, wie zu Tode ermattet, auf einem Sessel in sich zusammen, während sie die Hand über die Augen legte. Daß die kleinen Pariser Maiblumen und Erdbeerblüten auf dem Kleid bei der heftigen, rücksichtslosen Bewegung alle Frische einbüßen mußten, kümmerte die Hingesunkene nicht – ein nie dagewesener Moment!

Die Kammerfrau schlug stillschweigend die Hände zusammen, aber bei aller Aufregung huschte doch ihr Blick schadenfroh und boshaft nach der gestrengen Herrin hinüber... Das war freilich herzbrechend genug!... Wie oft hatte sie diese wundervollen Steine in das nachtschwarze Haar der schönen Frau versenkt und den stolzen Nacken, den sie selbst nie berühren durfte, mit ihnen geschmückt!... Vor zwei Jahren war die reizende deutsche Exzellenz, buchstäblich besät mit Brillanten, auf einem Pariser Balle erschienen; seit jenem erhabenen, unvergeßlichen Augenblick hieß sie in der vornehmen Welt »die Diamantenfee«.

Welche Triumphe, wie viel himmlisch-schöne Stunden knüpften sich an diese glitzernden Schätze! Sie hatten den Sieg der Schönheit unzähligemal mitgefeiert! Ihr Funkeln erinnerte an so manche Träne im glühenden Auge Besiegter, welche die verlockende Diamantensirene durch alle Stadien der Leidenschaft geführt hatte, um sie dann hohnlachend mit dem Fuße fortzustoßen!...

Und nun sollte sie es hingeben, das glänzende Rüstzeug der Koketterie, ohne das sie nicht leben konnte und wollte, sie sollte es hingeben an eine andere, jüngere!

Einen Schleier über die Kämpfe in der Seele einer Frau, die mit bunten Steinen um ihrer Seele Seligkeit würfelt!...

Währenddessen verließ die junge Gräfin Sturm das weiße Schloß. Alle die großartigen Vorbereitungen zu glänzenden Festen, die sie hinter sich ließ, berührten sie nicht – sie empfand keinerlei Bedauern... Was lag ihr daran, den Fürsten von Angesicht zu sehen? Allerdings hatte sie eine unbegrenzte Verehrung für seine erhabene Lebensstellung; die war ihr ja von ihrem ersten Gedanken an fast noch sorgfältiger eingeprägt worden als die Gottesverehrung; aber sie war auch weit entfernt von dem Kinderglauben der großen Menge, der einen ganz besonderen Stempel auf dem Gesicht der Herren von Gottes Gnaden sehen will.

Ja, sie hatte den Wunsch, dem Fürsten vorgestellt zu werden; aber nur aus Rücksicht auf die Traditionen der alten Geschlechter Sturm und Völdern! Ihre Ahnen waren seit Jahrhunderten in den Festsälen der Höfe erschienen; sie hatten den Thron umstanden, erlaucht durch die Geburt und durch die Auszeichnung von seiten der Herrscher! Und diesen Glanz, diese Rechte sollte und mußte die letzte Sturm auch bis zum letzten Atemzug aufrechterhalten – das war eine heilige Pflicht!... War es wirklich nur der Gedanke an diese Pflicht, infolgedessen sie heute dem Papa den Wunsch nahegelegt hatte?... Eine tiefe Glut schoß in ihr Gesicht – sie hatte ein Geheimnis vor sich selbst, sie flüchtete angstvoll vor den Ausplaudereien ihrer Seele in die Außenwelt...

Ihre Hand griff in das Grün der Eichen, unter denen der Wagen langsam hinfuhr, aber wie die schlanken, zackigen Blätterzungen durch ihre bebenden, weißen Finger glitten, da stand es doch wieder da im zitternden Sonnenglanz, inmitten der uralten Eichen, die mit dem funkelnden Wasserstrahl um die Wette flüsterten – das alte, graue, grünumsponnene Waldhaus... Und die prächtige Gestalt des Portugiesen schritt majestätisch die Stufen herab... Der alte Mann in der Haustüre sah ihm nach, auch das Äffchen auf der Schulter des Edelknaben, und der Papagei schnarrte.

Er ging in das weiße Schloß, der Portugiese mit der geheimnisvollen, weißen Stirn und den heißen, zuckenden Lippen. Er wurde dem Fürsten vorgestellt, und um den wunderbaren Fremdling her standen die eingeladenen Damen vom Hofe zu A. und die schöne Stiefmutter im waldgrünen Kleide, mit dem Strang von Maiblumen und Erdbeerblüten über den strahlenden schwarzen Augen...

Die Hände des jungen Mädchens sanken plötzlich in den Schoß zurück, und einzelne abgerissene Eichenblätter rieselten auf den Waldboden nieder...

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