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Reichsgräfin Gisela

Eugenie Marlitt: Reichsgräfin Gisela - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleReichsgräfin Gisela
authorEugenie Marlitt
year1996
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-23760-6
titleReichsgräfin Gisela
pages3-462
created20000608
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1869
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16

Nun stand Gisela doch wieder auf derselben Stelle, die sie vorhin fliehend verlassen hatte. Sie war den voranschreitenden Männern stillschweigend gefolgt, gleichsam magnetisch angezogen durch die Augen der Frau, die zurückgewendet während der ganzen Wegstrecke auf ihr und dem Kinde geruht hatten. Die Leidende war ins Haus getragen worden, und nun wartete die junge Dame unter ängstlichem Herzklopfen, bis jemand kommen und ihr den Kleinen abnehmen würde.

Wie vortrefflich hatte sie sich in ihre Rolle gefunden! Sie zeigte dem Kinde das Äffchen, den Papagei und trug es nach der Fontäne... Das junge Mädchen mit dem durchsichtig herabfließenden seeblauen Gewande, mit dem langwallenden blonden Haar stand in seiner hinreißenden Lieblichkeit neben der funkelnden Wassergarbe wie die Brunnennixe selbst – erst mit dieser Erscheinung vollendete sich der Märchenzauber, der um das alte Waldhaus webte und wehte.

Endlich trat der Portugiese wieder auf die Terrasse, und die Haushälterin folgte ihm. Die Frau hatte offenbar keine Ahnung, bei wem sich das Kind befand, das sie holen sollte, und sprang bei Giselas Anblick ganz erschrocken die Treppe herab. Sie knickste tief und ehrerbietig.

»Aber, gnädige Gräfin, das ist doch wahrhaftig kein Geschäft für Sie!... Der schwere, schmutzige, kleine Kerl!« rief sie in halbem Entsetzen und langte heftig nach dem Kinde. Aber da kam sie schlimm an. Der Kleine schlug beide Ärmchen um Giselas Hals und warf den Kopf abwehrend und schreiend zurück.

»Still, still, kleiner Schreihals!« beschwichtigte die gute, dicke Frau ängstlich. »Deine arme Mutter erschreckt sich!«

Alle Bemühungen, das Kind vom Arme der jungen Dame zu locken, scheiterten. Der Portugiese war inzwischen auch die Treppe herabgesprungen; ihn schien das Wehren und Sträuben des Knaben in eine seltsame Aufregung zu versetzen – seine Augen loderten und hafteten selbstvergessen in leidenschaftlicher Unruhe, ja mit einer Art von Ingrimm auf den kleinen Armen, die beharrlich und immer fester den zarten, weißen Hals umschlangen, während das Köpfchen sich tief in die blonden Haarmassen der jungen Dame wühlte.

Das südliche, jähzornige Naturell des Mannes kam plötzlich erschreckend zum Durchbruch; er stampfte leise mit dem Fuße auf und hob wiederholt die Rechte, als wolle er den kleinen Trotzkopf von dem jungen Mädchen fortschleudern und ihn wie einen Wurm zertreten.

Über Giselas Gesicht lief eine jähe Purpurröte; sie sah mit einem schweren Blick nach dem Hause – es war unverkennbar, sie kämpfte mit sich selbst. Bei der heftigen Bewegung des Portugiesen jedoch drückte sie den Knaben beruhigend an sich.

»Still, mein Kind – ich bringe dich zu deiner Mutter!« sagte sie mit entschlossener und doch so süß beschwichtigender Stimme und ging festen Schrittes über den Kiesplatz und die Treppe hinauf.

Sievert hatte den Auftritt von der Tür aus mit angesehen.

Als Gisela auf die Schwelle trat, blieb sie einen Moment vor ihm stehen. Sie hatte sich hoch und stolz aufgerichtet, aber in der Art und Weise, wie sie das schöne Haupt zu ihm hinneigte, kam die ganze kindliche Unschuld, das Jungfräuliche in ihrer Erscheinung hinreißend zum Ausdruck.

»Seien Sie unbesorgt«, redete sie ihn mit leise zuckenden Lippen an. »Wenn mir auch das Unheil auf dem Fuße folgt, wie Sie sagen – in dem Augenblick hat es gewiß keine Macht, denn ich gehe den Weg der Barmherzigkeit.«

Der alte Soldat schlug, vielleicht zum erstenmal in seinem Leben vor einem Menschen, die Augen nieder, während die junge Gräfin in die Halle trat.

Die nachfolgende Haushälterin öffnete eine Tür, die in das südliche Turmzimmer führte. Da lag auf einem Feldbett, in sauberen, weichen Hüllen das arme Weib und streckte seinem Kinde angstvoll die Hände entgegen – es hatte jedenfalls sein Schreien gehört. Gisela setzte den Kleinen aufs Bett; dabei wurde ihre Hand mit schwachem Druck festgehalten – die Leidende zog sie an ihre müden, bleichen Lippen. Welch ein schweres Opfer ihr, dem armen, verachteten Weibe in diesem Augenblick von der stolzen Hochgeborenen gebracht wurde, ahnte sie darum noch nicht.

Die junge Gräfin hatte von jener Sturmnacht, in der sie mit ihrem Stiefvater Zuflucht im Waldhause suchte, nur noch dunkle, unklare Vorstellungen – hatte man doch auch alles getan, die Erinnerung an den Vorfall in ihrer Seele zu unterdrücken. Sie erkannte das Zimmer nicht wieder; sie wußte nicht, daß sie in diesem Augenblick auf derselben Stelle stand, wo einst die unheimliche blinde Frau ihre kleine Hand ingrimmig von sich geschleudert hatte. Jener furchtbare Moment hatte mithin keine Gewalt mehr über sie. Gleichwohl fühlte sie das Herz von einer unerklärlichen Bangigkeit zusammengeschnürt.

Ihre Augen glitten scheu durch das Zimmer – es machte einen so düsteren, freudlosen Eindruck mit seinen tiefen, in klafterdicke Mauern eingebrochenen Fensternischen... Alte, abgenutzte Möbel, wie sie im weißen Schloß kaum die Bedientenstuben aufzuweisen hatten, standen an den Wänden, und darüber hingen verbliebene Pastellbilder in schwarzen Holzrahmen, Porträts mit schlichtem Ausdruck und in an anspruchsloser, bürgerlicher Kleidung... Hier hauste sicherlich der unheimliche alte Mann; dieser augenblicklichen Annahme widersprach jedoch eine sehr elegante goldene Uhr, die auf einer Kommode tickte, wie auch ein kleiner Tisch in einer der Fensternischen, der mit zierlichem Schreibgerät bedeckt war.

Über dem Kopfende des Bettes wallte ein dunkler Vorhang, und er war es hauptsächlich, der so geheimnisvoll beklemmend auf das junge Mädchengemüt wirkte. Er schien offenbar eher dazu bestimmt, profane Augen, als das verderbliche Sonnenlicht abzuwehren – bis in diese Ecke vermochte kein Strahl zu dringen... Bei den Bemühungen um die Kranke war ohne Zweifel unabsichtlich an der niederhängenden Schnur des Vorhanges gezogen worden, er zeigte sich in der Mitte geteilt – es war ein schmaler Spalt, aber er genügte gerade, um zwei Augen in die Welt sehen zu lassen – zwei melancholische, von dunkeln über der Nasenwurzel zusammenstoßenden Brauen beschattete Augen, bei denen der Beschauer unwillkürlich an ein tragisches Menschenschicksal denken mußte.

Gisela hatte dieses wunderschöne, schwermütige Männergesicht mit dem blond niederwallenden, vollen Bart vor langen Zeiten gesehen – »vielleicht in einem der bunten Heldensagenbücher, die sie als Kind so unbeschreiblich geliebt hatte«... Es lag etwas Unirdisches in dem Gesamtausdruck der Züge – entweder der Mann war nie auf Erden gewandelt, oder die Malerhand hatte in diesem Kopf eine Lebens- und Leidensgeschichte meisterhaft verklärt.

Dieses halbverhüllte Ölbild im Verein mit den Gerätschaften aus längstvergangener Zeit machten das düstere Zimmer zu einer Art von Reliquienschrein. Gisela meinte, mit der Luft auch den Hauch und Staub vertrockneter Blumenreste einzuatmen, ihr war, als müsse man hier in einsamen Stunden ein leises Geflüster aus dunkler Vergangenheit herüberhören können.

Sie nahm hastig alles Geld, das sie bei sich trug, legte es auf das Bett der Kranken und forderte sie auf, nach ihrer Genesung sofort nach Arnsberg zu kommen – sie wolle für das Kind sorgen, dann verließ sie das Zimmer.

In der Halle schrak sie zusammen vor einem ausgestopften Tiger, der am Boden kauerte und, den Kopf auf die Vorderpfoten gelegt, tückisch nach ihr hinüberstierte; die zottigen Felle unter ihren Füßen, die gleißenden Waffen an den Wänden, auf denen das Sonnenlicht funkelte – das alles erschien ihr wildfremdartig wie der Herr des Hauses selber... Und dort in einer halboffnen, gegenüberliegenden Zimmertür stand der alte Mann mit finsteren Augen, in sichtlicher Spannung des Moments wartend, wo die Eingedrungene, »der das Unheil auf dem Fuße folgte«, das Haus verlassen würde.

Sie floh hinaus auf die Terrasse und legte draußen tief aufatmend die Hand auf ihr heftig klopfendes Herz.

»Sie haben sich gefürchtet in meinem Hause?« fragte die Stimme des Portugiesen neben ihr – er hatte, solange sie im Waldhause war, dasselbe nicht betreten.

»Ja«, flüsterte sie scheu weggewendet und schritt an ihm vorüber. »Ich fürchte mich vor dem alten Mann, und auch –« sie schwieg.

»Und auch vor mir, Gräfin«, vollendete er mit eigentümlich bedeckter Stimme.

»Ja, auch vor Ihnen«, bestätigte sie mutiger, indem sie sich langsam auf der obersten Treppenstufe nach ihm zurückwandte und mädchenhaft schüchtern, aber doch mit dem Ausdruck ernster Aufrichtigkeit in seine Augen sah.

Dann stieg sie die Stufen hinab und schritt über den Kiesplatz. Am Springbrunnen blieb sie einen Augenblick stehen, hielt ihre weißen Hände in den niederfallenden Sprühregen und legte sie an die klopfenden Schläfen.

»Rache ist süß!« schnarrte droben auf der Terrasse der Papagei und schwang sich auf seine Ringe. Die erschrockene junge Dame sah, wie der Portugiese, der ihr offenbar folgen wollte, einer Bildsäule gleich am Fuße der Treppe stehen blieb und zu dem Tier hinaufstarrte.

»Wer weiß, was der Mann für eine Vergangenheit hat – selbst sein Papagei schnaubt Rache!« hatte die schöne Stiefmutter gesagt. Und, in der Tat, in seiner Erscheinung lag, wenn auch nur augenblicklich, etwas Wildes, Ungebändigtes... Das war sicher ein Charakter, der nicht vergab, noch vergaß, der das Wort »Aug' um Aug, Zahn um Zahn« unerbittlich zur Geltung brachte und auf seinem Schilde trug!

Die Äußerung der Mama hatte sehr verdächtigend gelautet – seltsam – die junge Dame wußte, daß der Mann ihr ausgesprochener Widersacher war, und dennoch, in dem Augenblick, als er ihr sein edelschönes Antlitz wieder zuwandte, kam ihr ein Gefühl der Beschämung, fast ein stechendes Weh darüber, daß die zweideutige Bemerkung in ihrer Seele widergeklungen hatte.

Er stand mit wenigen Schritten neben ihr. Mittels einer leichten Bewegung seiner Hand fing auch er einige der niederfallenden Tropfen auf.

»Schönes, klares Wasser – nicht wahr, Gräfin?« fragte er. Vorhin war seine bedeckte Stimme weich und wohllautend gewesen; jetzt mit dem häßlichen Rachegeschrei des buntgefiederten Tieres war der finstere Geist wieder über ihn gekommen. »Was für Wunder stecken doch in solch einem köstlichen Waldquell«, fuhr er fort. »Die Gräfin Sturm läßt sich Stirne und Hände benetzen und – weggespült ist das Werk der Barmherzigkeit, die Berührung mit einer Welt, außerhalb der sie steht!... Sie kann getrost ins weiße Schloß zurückkehren und unter strenge Augen treten – es haftet nichts mehr an ihr!«

Gisela erblaßte und wich unwillkürlich einen Schritt von ihm zurück.

»Nun, fürchten Sie sich abermals, Gräfin?«

»Nein, mein Herr – in diesem Augenblick sind Sie nur feindselig, nicht jähzornig wie vorhin... Ich bebe nur vor der blinden Heftigkeit.«

»Sie haben mich jähzornig gesehen?« Es lag viel Betroffenheit in seinem Ton.

»Würde ich wohl je in das Haus dort getreten sein, wenn ich nicht für das hilflose, unvernünftige Geschöpfchen auf meinen Armen gezittert hätte?« fragte sie. Jetzt brach auch ihr tiefbeleidigter weiblicher Stolz in Blick und Stimme durch.

Die zwei verhängnisvollen Linien auf der Stirne des Portugiesen vertieften sich, seine Lippen aber zuckten spöttisch.

»Sie haben wirklich geglaubt, ich würde mich an dem armen, kleinen, eigensinnigen Tropf vergreifen?« sagte er.

»Ja, mein Herr«, entgegnete das junge Mädchen und sah trotz ihrer energischen Haltung, mit den weitaufgeschlagenen braunen Augen fast kindlich-unschuldig zu dem hohen, gewaltigen Mann empor. »Ich bin noch sehr unerfahren; ich verstehe gar nicht, in den Gesichtszügen anderer zu lesen, denn mein Leben ist ein sehr einsames –«

»Aber den Jähzorn im menschlichen Auge kennen Sie?«

»Ja – und ich weiß auch, daß die Hand keiner Leidenschaft so schnell gehorcht wie ihm.«

Sein Blick hing an ihrem Gesicht.

»Wie mag Ihnen dieses Stück Nachtseite der Menschenseele nahe gekommen sein!« murmelte er mehr wie für sich... Und in der Tat, sie stand da vor ihm mit der keuschen Stirne und den leidenschaftslosen Zügen wie eine jener Gestalten, denen die Maler den Palmzweig in die Hand drücken. »Und so wild und unbeherrscht wollen Sie auch mich gesehen haben?« fügte er nach einem augenblicklichen Schweigen hinzu.

Ein leises Erröten lief über ihr Gesicht. »Ich habe diese Ausdrücke nicht gebraucht«, versetzte sie, abermals scheu zurückweichend. »Aber ich mußte vorhin bei Ihren Augen denken, daß ich sie früher schon einmal gesehen habe.«

Wie von einem elektrischen Schlag getroffen wandte der Portugiese plötzlich sein Gesicht nach der entgegengesetzten Richtung, so daß die junge Dame nicht einmal die Linien seines Profils sehen konnte.

»Sie waren in Brasilien, Gräfin?... Denn wo sonst könnten Ihnen meine Augen begegnet sein?« fragte er in erzwungenen leichtem Ton, wobei er angelegentlich die niederfallenden Tropfen der Fontäne zu zählen schien.

Diese Art Nichtachtung von seiten eines Mannes, der in seiner ganzen majestätischen Erscheinung ihr so gewaltig imponierte, dessen Handlungsweise gegenüber den Menschen sie bewunderte, verletzte sie tief.

»Ich kann begreiflicherweise nur von einer Ähnlichkeit sprechen«, sagte sie kühl zurückhaltend, »von einer Ähnlichkeit, die vielleicht nur im augenblicklichen Ausdruck liegt... Ich wurde als Kind von einem Mann im heftigsten Jähzorn tätlich mißhandelt. An diesen Augenblick dachte ich, als ich mich vorhin – überwand und den Knaben in das Haus, unter den Schutz seiner Mutter trug.«

»Hatten Sie den Mann gereizt?«

»Nein, mein Herr – absichtlich gewiß nicht!... Ich war vor das weiße Schloß gelaufen, um meine neuen schönen Kupferdreier« – ein flüchtiges Lächeln glitt im Rückblick auf diesen opfermutigen Kindergedanken um ihre Lippen – »den Neuenfelder Armen als Unterstützung zu schicken... Der Mann, den ich vorher nie gesehen hatte, schleuderte mich weit hin, ich glaubte, er wolle mich töten. Er nannte mich ein häßliches, gebrechliches Menschenkind – und darin hatte er recht –, ich muß wohl ein sehr schwaches Geschöpf gewesen sein, denn der eine Augenblick des Schreckens und Entsetzens machte mich krank und elend für viele Jahre – er hat mich von allem Glück, allen Freuden der Kindheit ausgeschlossen.«

Wie ergreifend klang die leise Klage und Trauer in der kinderklaren Stimme des jungen Mädchens.

Der Portugiese hatte ihr längst wieder sein Gesicht zugewendet. Auf seiner Stirne lag beharrlich ein dunkelroter Streifen – innere Bewegung schien alles Blut auf diese eine Stelle zusammenzudrängen.

»Kein Wunder dann, daß der Augenblick so unverwischbar in Ihrer Seele hängengeblieben ist!« sagte er mit bedeckter Stimme. Es kam ihr vor, als bebten seine Lippen, als er fragte: »Aber wissen Sie auch genau, daß der Mann lediglich im Zorn handelte?... Wer weiß, vielleicht litt seine Seele tausend Schmerzen.«

Gisela senkte nachdenklich die Stirne.

»Wer weiß es«, wiederholte sie betroffen. »Man hat mir erzählt, er sei ein bösartiger Mensch gewesen, ein Mensch, der sich nicht gescheut haben würde, uns das Haus über dem Kopfe anzuzünden – so behauptet Frau von Herbeck... Er soll auch dem Papa sehr schlimme Dinge gesagt haben –«

»Der Vermessene!« unterbrach sie der Portugiese heiser auflachend. »Ich hoffe doch, Seine Exzellenz, der Minister, wird bei seiner entschiedenen Vorliebe für die gesetzliche Ordnung nicht einen Augenblick gezögert haben, jenen Menschen auf die nachdrückliche Weise zur Rechenschaft zu ziehen?«

Die junge Gräfin sah erstaunt empor; ein wahrhaft dämonischer Zug entstellte seinen schön geschwungenen Mund – sie sah zum erstenmal die weißen, festen Zähne hinter den höhnisch geschürzten Lippen.

»Nun, Gräfin«, fuhr er fort, »wurde er nicht vor strenge Richter gestellt?... Man weiß ja, daß sie hierzulande mit den Ohren Seiner Exzellenz hören und mit seiner Zunge sprechen – lauter brave, wackere Leute, die ihre Stellung mit beneidenswerter Kraft begreifen!... Wie, sitzt er noch in Ketten und Banden, der freche Attentäter, der mutmaßliche Brandstifter –«

»O mein Herr, nicht ein Wort weiter über ihn! Ich kann es nicht hören!« unterbrach ihn das junge Mädchen und streckte ihm abwehrend die Rechte entgegen. »Sie haben eben selbst in Zweifel gezogen, ob er allein der Schuldige war!« – Ein leises Beben lief durch ihre Glieder. – »Der Unglückliche ist noch in derselben Nacht ertrunken.«

»Er ist ertrunken«, wiederholte der Portugiese mit sinkender Stimme. Der rote Streifen auf seiner Stirne schien plötzlich wie weggelöscht; selbst die Lippen erschienen bleich. »Wie, Gräfin, Sie fühlen Mitleid für ihn?«

»Ein tiefes.«

»Sie haben nie gewünscht, ihn bestraft zu sehen?«

»Niemals.«

»Aber er hat Ihnen das Glück, die Freuden der Kindheit geraubt – Sie wären in der Tat imstande, das zu verzeihen?«

»Die schlimme Zeit liegt hinter mir«, sagte sie mit einem sanften Lächeln – es flog wie ein Schein der Verklärung über ihr Gesicht. »Ich habe seit meinen Kinderjahren nie mehr über jenes Ereignis gesprochen, und wenn ich's heute tat, so geschah es nur, um meine Furcht und meine Besorgnis um meinen kleinen Schützling zu erklären.«

Sie wußte nicht, wie ihr geschah – sie fühlte ihre Hand ergriffen und von zwei heißen, zuckenden Lippen berührt – dann stand sie plötzlich allein neben dem rauschenden Wasserstrahl. Der Portugiese kehrte mit raschen Schritten, ohne sich auch nur einmal umzuwenden, in das Waldhaus zurück.

Fast unmittelbar darauf erschien der alte Soldat auf der Terrasse und trug den Papagei hinein in das Haus. Gisela sah, wie er die ganze Länge der Halle durchschritt und dieselbe durch die entgegengesetzte Seite wieder verließ. Er schaffte das schreiende Tier offenbar in ein Hintergebäude – wahrscheinlich aus Rücksicht für die leidende Frau.

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