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Reichsgräfin Gisela

Eugenie Marlitt: Reichsgräfin Gisela - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleReichsgräfin Gisela
authorEugenie Marlitt
year1996
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-23760-6
titleReichsgräfin Gisela
pages3-462
created20000608
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1869
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15

Gisela schritt am Seeufer hin. Sie hielt den Strohhut in der rechten, während ihre linke Hand mechanisch das niedrige, elastische Ufergebüsch durch die Finger gleiten ließ. Der schwache Morgenwind, der das blonde Haar der jungen Dame leise hob, kräuselte auch die sonnenfunkelnde Wasserfläche – sie schien besät mit zahllosen flatternden und pickenden goldenen Vögeln.

Droben huschte der scheue, gelbglänzende Kirschpirol durch die Lüfte und flötete einzelne abgebrochene Kadenzen; auch ein erschrockener Frosch, der seinen fleckigen Leib auf einem der weißgebleichten Uferkiesel gesonnt hatte, plumpste klatschend ins Wasser – sonst war es lautlos ruhig auf dem See und in den Wipfeln, und nur die schwarze Hummel, den kleinen zottigen Pelz voll gelben Blütenstaubes, zog durch das hohe, geschonte Ufergras, und ihr monotones Surren und Summen machte die Waldstille noch traumhafter.

Die braunen Augen der jungen Dame blickten finster sie hielt Einkehr in sich selbst. Die einfache Pfarrersfrau hatte kräftig an dem Boden gerüttelt, auf dem sie bis jetzt selbstbewußt, mit festem Fuß gestanden... Sie hatte, so lange sie denken konnte, nur mit dem kalten erwägenden Verstande gelebt. War je einmal das Herz zum Durchbruch gekommen, dann hatten die drei Menschen, die sie eben auf der Waldwiese verlassen hatte, sofort den Schatten der Großmama heraufbeschworen, und mit dem Hinweis: »Es schickt sich nicht für dich!« war der Riegel vor die aufbrechende Gefühlswelt geschoben worden.

»Der Geist in Neuenfeld geht mit der Liebe zusammen, die das Christentum zu allererst predigt!« hatte die Pfarrerin gesagt – das war's... Nahezu achtzehn Jahre hatte das junge Mädchen gelebt und nie einen Menschen lieb gehabt! In ihrer Großmutter hatte sie zu allen Zeiten den Inbegriff der Erhabenheit verehrt, aber niemals war ihr als Kind das Verlangen gekommen, die kleinen Arme um den schönen weißen Hals der stolzen Frau zu legen – jetzt noch schlug ihr das Herz ängstlich bei dem Gedanken, wie wohl eine solche Zudringlichkeit würde aufgenommen worden sein... Und wie sie sie der Reihe nach musterte, mit denen sie ausschließlich ihr junges Leben verbringen mußte – Seine Exzellenz mit dem eiskalten Gesicht und undurchdringlichen Blick, die schöne Stiefmutter, die kleine, fette, fromme Frau, den Arzt, Lena –, da schauerte sie selbst unter der tödlichen Kälte und Feindseligkeit, mit denen sie ihnen stets und immer gegenübergestanden – und das wurde nie anders...!

Denkfaul und blind hatte sie sich selbst genannt, und das mit allem Recht... Sie hatte ihren Puß zärtlich geliebt, sie konnte eine schöne Blume inbrünstig an ihre Lippen drücken; nie aber war die Betrachtung in ihr aufgestiegen, daß es auch Menschen gäbe, die man so lieb haben könne?... Ganz von selbst, fast zu ihrem eigenen Erschrecken, war die unbekannte Knospe in ihrem Gemüt vor wenig Augenblicken gesprungen; sie hätte an das Herz der kraftvollen, mutigen Frau flüchten und sie bitten mögen: »Habe mich auch lieb!«

In Neuenfeld wartete die Liebe. Sie baute den Bedürftigen Häuser, gab ihnen geistige und leibliche Nahrung und machte ihr Leben sonnenlicht; sie nahm die Verwaisten schützend in ihre Arme und ersetzte ihnen Vater und Mutter; und der diese Liebeswerke auf deutschem Boden schuf, er war ein Fremder – und sie, die reiche Erbin, fuhr täglich an den elenden Baracken ihrer Greinsfelder Gutsangehörigen, an den zerlumpten, verwilderten Kindern vorüber, ungetrübt in der von Kindesbeinen an fest eingeprägten Überzeugung, daß es so und nicht anders sein müsse.

Der Mann im Waldhause mit der finsteren Stirne und den rätselhaften Augen hatte recht, wenn er sie verachtete, wenn er das durch die Gouvernante in ihrem Namen hochmütig gebotene winzige Scherflein mit dem Fuße fortgestoßen hatte.

Gisela blieb einen Moment wie atemlos stehen; eine Feuerflamme schlug über ihr Gesicht, und ihr Herz klopfte so stürmisch, daß sie meinte, es hören zu können... Sie dachte an jenen Augenblick, als er scheu vor ihr zurückgewichen war, um ihres vermeintlichen Gebrechens willen; sie dachte an die sprachlose Bewunderung, mit der sein Auge an dem schönen Gesicht der Stiefmutter gehangen hatte...

Sie schritt längst nicht mehr am Ufer hin – die tiefe Waldesnacht hatte sie umfangen. Der Pirol schwieg, und die surrenden Hummeln waren an den Blütenkelchen des sonnigen Ufers hängen geblieben. Weit, weit da drüben lag die kleine Lichtung mit dem silberschimmernden Frühstückstisch und den Menschen, die jedenfalls noch zu Gericht saßen über das unschickliche Benehmen der Gräfin Sturm.

Plötzlich hob das junge Mädchen den nachdenklich gesenkten Kopf und horchte – das Weinen eines kleinen Kindes drang, wenn auch aus ziemlich weiter Entfernung, zu ihr herüber. Es klang so verlassen und hilflos, so ununterbrochen, als fehle eine beschwichtigende Stimme gänzlich.

Gisela nahm ohne weiteres ihr Kleid zusammen und drang quer durch das Dickicht dem Schalle nach. Sie kam an den Holzweg, der von Neuenfeld nach A. führte – und da kauerte ein Weib mit geschlossenen Augen, in totenähnlichem Zustande, am Stamm einer Buche.

Es war eine jener armen sogenannten Porzellanfrauen, die jahraus, jahrein nach Brot gehen müssen. Sie kaufen den Ausschuß in den Porzellanfabriken hoch auf dem Thüringer Wald um ein Billiges und schleppen die Last oft viele Meilen weit ins Land hinab, um sie unten gegen kärglichen Gewinn wieder zu verhandeln. Den schweren Korb auf dem Rücken, das kleinste Kind auf dem Arm, und öfter auch noch ein größeres an der Hand, wandern die armen Kreuzträgerinnen mit wunden Füßen durch Wind und Wetter, elender noch als das Lasttier; denn sie leiden nicht allein – sie sehen ihre Kinder frieren und hungern...

Die Frau war offenbar aus Erschöpfung ohnmächtig geworden. Der Korb mit dem Geschirr stand neben ihr, und der kleine Schreihals, ein Bübchen von vielleicht acht Monaten, hockte auf ihrem Schoße. Die Augen des Kindes waren vom Weinen dick verschwollen, aber seine heiser geschriene Stimme schwieg sofort, als Gisela neben die Frau trat.

Die junge Dame sah mit angstvollen Augen auf die Bewußtlose und nahm bebend die kalten, schlaffen Hände zwischen die ihrigen... Hier sollte und mußte sie Hilfe schaffen – aber wie?... Da stand kein vielseitiger, gewandter Lakai in der Nähe, der pflichtschuldigst in allen möglichen Lagen Rat wissen mußte: Weit und breit war keine menschliche Stimme, kein Fußtritt zu hören, keine stärkende Essenz, nicht einmal ein Glas frischen Wassers stand der ratlosen jungen Dame zu Gebote. Dabei befand sie sich auf völlig fremdem Gebiete – ihre eigenmächtigen, einsamen Waldwanderungen hatten immer nur den See zum Ziel gehabt. Es half nicht, sie mußte nach der weitentlegenen Waldwiese zurücklaufen.

In demselben Augenblick war es ihr, als höre sie das Plätschern eines Brunnens. Sie schritt sofort den Holzweg entlang und kam dem Geräusch immer näher. Rechts zweigte sich ein schmaler Weg durch das Unterholz ab; sie betrat ihn ohne Zögern, er führte sicher in Menschennähe.

Hinter ihr schrie das Kind jäh auf, als sie seinen Augen entschwunden war; sie beschleunigte angstvoll ihre Schritte und stand plötzlich der hochaufspringenden Fontäne des Waldhauses gegenüber. Sie fuhr heftig zusammen und trat unwillkürlich ins Gebüsch zurück.

In diesem grünumsponnenen, altertümlichen, grauen Hause, »halb der Wohnsitz eines Märchenprinzen und halb der eines nordischen Barbaren«, wie sich die schöne Stiefmutter ausgedrückt hatte, wohnte der Portugiese – er konnte jeden Augenblick dort in die weit offene Tür treten... Um alles mochte sie den zwei Augen nicht wieder begegnen, die vorgestern so finster und kalt strafend auf ihr geruht und heute wieder scheu, in Abneigung sich von ihr gewendet hatten...

Dort quoll das belebende Naß, das sie so angstvoll suchte, aber aus dem Murmeln und Plätschern schollen ihr dunkle, strenge, zurückschweifende Stimmen entgegen – jeder der funkelnden Tropfen schien kältend auf ihr Herz zu fallen. Sie schauerte in sich zusammen, und dennoch mußte sie das schützende Dickicht verlassen; das ferne klägliche Weinen des Kindes trieb sie unwiderstehlich vorwärts.

Sie verließ den Waldboden und erschrak aufs neue über den Kies, der unter ihren leichten Tritten knirschte... Totenstille herrschte um das Haus. Auf den Spiegelscheiben glitzerte die höher emporsteigende Sonne, und die losen Ranken der Aristolochia bewegten sich leise hin und her im schwachen Windhauch – kein Menschenantlitz ließ sich hinter dem Fenster sehen. Vielleicht war der Herr des Hauses in Neuenfeld – er sollte ja unermüdlich tätig sein. Irgendeiner von der Dienerschaft aber verstand sich ganz gewiß dazu, sie zu begleiten und dem armen Weibe beizustehen.

Ermutigt schritt sie bis an den Fuß der Treppe, die auf die Terrasse führte, doch mit einem leisen Aufschrei fuhr sie zurück; der Papagei, der sich bis dahin mäuschenstill verhalten hatte, stieß ein mißtönendes Krächzen aus, und der kleine Affe sprang zähnefletschend mit einem ungeheuren Satz von seinem Lieblingsplatz herab – es wurde unheimlich lebendig um das junge Mädchen her.

Ihr Schrei mußte im Hause gehört worden sein, ein alter Mann trat mit forschenden Augen aus der Halle, blieb aber bei Giselas Anblick, als sähe er ein Gespenst, wie festgewurzelt auf der Terrasse stehen.

Die junge Dame hatte wenig Gelegenheit gehabt, physiognomische Studien zu machen, allein das wußte sie sofort, der Mann dort stand ihr gegenüber wie ein ergrimmter Feind. Haß und schreckhafte Überraschung spiegelten sich auf dem dunkeln, harten Gesicht. Er streckte ihr abwehrend die großen, knochigen Hände entgegen und rief rauh hinab: »Was wollen Sie?... In dem Hause hier haben Sie gar nichts zu suchen! Es hat mit den Zweiflingen und dem Fleury nichts mehr zu schaffen!« – Er zeigte nach einem der schmalen Waldpfade zur linken Hand. »Dorthin führt der Weg ins Arnsberger Holz!« fügte er hinzu, als gehe er von dem Wahn aus, sie habe sich verirrt.

Wie zu Stein erstarrt, blickte das junge Mädchen mit entsetzten Augen zu dem unheimlichen Mann auf. Eine dunkle Erinnerung aus ihrer Kinderzeit stieg in ihr empor – sie wurde in diesem Augenblick zum zweitenmal von der Schwelle des Waldhauses fortgewiesen... Eine unsägliche Furcht überschlich ihr Herz, aber das stolze Blut der Reichsgrafen Sturm und Völdern kreiste nicht umsonst in ihren Adern, es schoß ihr siedend nach dem Kopfe, und wenn sie auch am liebsten spornstreichs in den schützenden Wald zurückgeflüchtet wäre, so fand sie doch den Mut, die äußere Ruhe zu behaupten.

Sie maß den alten Mann mit einem stolzen Blick, und ihre Mundwinkel senkten sich genau in jener hochmütig verächtlichen Weise, mit der einst die Gräfin Völdern manchem Herzen den Todesstoß versetzt hatte.

»Ich habe nicht daran gedacht, dieses Haus zu betreten!« sagte sie schneidend und wandte ihm den Rücken. Sie wollte sich langsam entfernen – aber durfte sie gehen, ohne Hilfe mitzubringen... Es kostete sie eine unsägliche Überwindung, noch einmal zurück in das Gesicht des schrecklichen Mannes zu sehen. Aber sie tat es – die Lehre von der Liebe, die sie heute in ihr Herz aufgenommen hatte, ließ sich nicht wieder verlöschen.

»Ich lasse Ihre Herrschaft um ein Glas bitten, damit ich dort Wasser schöpfen kann!« sagte sie in demselben gebieterischen Ton, mit dem sie im weißen Schlosse zu befehlen gewohnt war, und deutete nach dem Springbrunnen.

»Holla, Frau Berger!« rief der Mann in das Haus zurück, ohne jedoch seine Stellung im mindesten zu verändern – er stand dort, als gelte es, die Schwelle mit dem feurigen Schwert zu hüten.

Eine stattliche Frau mit weißer Haube und Schürze, jedenfalls die Haushälterin, erschien im Hintergrund der Halle.

»Ein Trinkglas!« rief ihr der Alte zu.

Sie verschwand wieder.

»Was gibt es, Sievert?« fragte plötzlich in der Halle die Stimme des Portugiesen.

Der alte Soldat erschrak sichtlich – fast schien es, als hüte er die Tür so ängstlich wegen des Mannes da drinnen. Er streckte hastig und abwehrend die Hand gegen das Haus; aber da stand der Portugiese bereits auf der Schwelle.

Er sah bleich aus – »kreideweiß vor Schmerz um den erschossenen Hero« hatte vorhin der Diener auf der Waldwiese gesagt. Als jedoch seine Augen auf Gisela fielen, die noch, mit Stolz und Hochmut umgürtet, am Fuße der Treppe stand, da flog eine tiefe Glut über das braune männliche Gesicht. In diesem Moment der Überraschung zeigten seine Züge nichts weniger als Abscheu und Verachtung; das dunkle, menschenfeindliche Gepräge der Stirne freilich schien unverwischbar, aber die Augen leuchteten, wenn auch nur meteorartig, in einem eigentümlichen Glanze auf.

Unter diesem Blick verwandelte sich Giselas Haltung sofort. Sie verlor fast unbewußt den Schild des Trotzes und der Entrüstung und stand plötzlich wieder dort, wie sie gekommen war – als junges, scheues, hilfeheischendes Mädchen... Wie infolge einer Eingebung hob sie die Hände zu ihm empor.

Diese eine Bewegung brachte den alten Soldaten völlig außer sich.

»Hüten Sie sich, Herr!« rief Sievert und legte seine Hand ohne weiteres warnend und zurückhaltend auf den Arm des Portugiesen. »Das ist sie, wie sie leibt und lebt!... Es fehlt nur noch die kleine rote Schlange am Halse – sonst steht sie wieder da mit dem weißen Gesicht und den langen Haaren, die elende Erbschleicherin!... So hob sie auch die Hände, und – mein Herr war ein verlorener Mann!... Sie freilich modert, und ihre fluchwürdigen Hände können kein Unheil mehr anrichten, aber ihre Brut lebt fort!« – Er zeigte auf die junge Dame – wie eine der alttestamentlichen Gestalten, die den Fluch ihres Gottes herabbeschwören, stand der alte Mann mit dem finster dräuenden Gesicht auf der Terrasse. »Sie ist nicht um ein Haar heller«, fuhr er mit erhobener Stimme fort; »ihr Herz ist kieselhart! Sie ist gefühllos wie ein Stein gegen ihre Leute und fragt den Henker danach, ob die Menschen um sie her vor Hunger wie die Mücken umfallen!... In Greinsfeld und Arnsberg wird für die Armen gebetet, aber sie satt zu machen, fällt niemandem ein!... Herr, lassen Sie sie nicht über die Schwelle! Wo das Geschlecht seinen Fuß hinsetzt, da geht Unheil auf!«

Die junge Gräfin schlug die zitternden Hände vor das Gesicht und floh, aber schon nach wenigen Schritten fühlte sie sich zurückgehalten – der Portugiese stand vor ihr und nahm ihr die Hände sanft vom Gesicht.

Er schrak zurück vor dem mutlosen Mädchengesicht, das die Augen in Schmerz und Entsetzen zu ihm aufschlug. Vielleicht fühlte er für einen Augenblick Erbarmen; er hielt ihre Hände mit pressendem Druck fest und zog sie heftig gegen sich, als wolle er sie schützend an seine Brust nehmen; aber genau mit demselben scheuen Zurückweichen wie vorhin auf der Waldwiese, ließ er sie rasch wieder sinken.

»Sie hatten einen Wunsch, Gräfin; ich sah es an Ihrem Gesicht!« fragte er mit unsicherer Stimme. »Darf ich ihn nicht mehr hören?«

Gisela hüllte ängstlich die verabscheuten Hände in die Falten ihres Musselinkleides.

»Im Walde liegt eine arme Frau«, flüsterte sie tonlos. »Sie ist wahrscheinlich vor Erschöpfung umgesunken. Ich kam an dies Haus, um Hilfe für sie zu suchen.«

Dann schritt sie mit niedergeschlagenen Augen an ihm vorüber dem Walde zu... Sie war vernichtet – die Beschuldigungen des alten Mannes hatten sie wie Keulenschläge getroffen...

War das dieselbe junge Dame, die vorgestern mit stolzem Nachdruck alle ihre hohen Titel hergezählt und mit ihnen betont hatte, daß sie unter allen Umständen die Hochgeborene bleibe?... Wo war das stolze Blut der Reichsgrafen Sturm und Völdern, das ihr eben noch überwältigend nach den Schläfen gebraust war und ihrem Gesicht den Ausdruck hochmütiger Verachtung aufgeprägt hatte? – Seine Elemente bestanden aus Ehrbegier, Herrschsucht und Egoismus – es bäumte sich gegen jegliche äußere Verletzung seiner Vorrechte; aber der edlen Sprache des Gewissens gegenüber schwieg es und sank mit all seinem hohlen Phrasentum kläglich zusammen.

Die arme Frau war während Giselas Abwesenheit zum Bewußtsein gekommen; sie sah die zurückkehrende junge Dame mit vollem Verständnis an, aber sprechen konnte sie noch nicht und war außerstande, sich zu erheben. Den kleinen Jungen hatte es jedenfalls beschwichtigt, die Augen der Mutter offen zu sehen; er schrie nicht mehr, sondern streichelte lallend und unbeholfen mit den dicken Händchen das blasse Gesicht des Weibes.

Gisela hörte Männerschritte vom Waldhause herkommen – sie wußte, die Hilfe nahe, und nun wollte sie, ohne noch einmal den Kopf umzuwenden, weitergehen; denn bei aller Zerknirschung kam jetzt doch auch ein anderes Gefühl mächtig zum Durchbruch: der weibliche Stolz... Und wenn auch der Neuenfelder Wohltäter, der Menschenfreund, allen Grund hatte, sie zu verurteilen, er durfte doch nicht gestatten, daß sein Diener sie beleidigte... Aber er hatte die furchtbare Bedrohung des schrecklichen alten Mannes mit keiner Silbe gerügt – sie war offenbar zu sehr im Einklang mit seiner eigenen Anschauung gewesen, und obgleich ihn ein momentanes Bedauern überschlichen, er hatte doch die bittere Lehre für die hartherzige Gräfin Sturm ganz am Platze gefunden und sie in keiner Weise zu mildern gesucht.

Jetzt schwoll das Herz des jungen Mädchens in Bitterkeit, und von diesem Gefühl überwältigt, verließ es die Unglückliche in dem Augenblick, als der Portugiese in Sieverts Begleitung herzutrat. Der alte Soldat trug verschiedene Erquickungen auf einer Platte, aber kaum hatte das Kind das alte, finstere, bärtige Gesicht erblickt, als es auch gellend aufschrie und zitternd vor Furcht das Köpfchen an die Brust seiner Mutter drückte.

Gisela blieb erschrocken stehen – die Augen des hilflosen Weibes ruhten angstvoll auf ihr; sie verstand die stumme Bitte sofort und kehrte zurück. Einige Erdbeeren, die am Wege standen, pflückte sie und hielt sie dem Kinde hin, es lachte unter Tränen und ließ sich gutwillig von ihr auf den Arm nehmen... Dieser eine Augenblick entsühnte ihre ganze liebeleere Vergangenheit, ohne daß sie es wußte – sie gab das tiefbefriedigende Recht der Wiedervergeltung auf, gegenüber dem Mitleiden, der Barmherzigkeit.

Der Portugiese schien es anders aufzufassen; er griff rasch nach dem Kind, um es von ihrem Arm zu nehmen. Seine dunkeln Augen hefteten sich durchdringend auf ihr Gesicht.

»Das schickt sich nicht für Sie, Gräfin Sturm«, sagte er – wie schneidend klang die so oft gehörte Redensart aus diesem Munde! »Sie halten Ihr Wort schlecht!« fuhr er fort. »Ich hörte, wie Sie vorgestern versprachen, sich nie mehr in der Weise vergessen zu wollen... Sie sind auf dem gefährlichen Wege der Verheimlichung; denn Sie können doch unmöglich im weißen Schlosse erzählen, daß Sie das Kind auf dem Arme gehabt haben!«

Er erinnerte sie an jenen schwachen Moment, wo sie sich der kleinen unschuldigen Gesellschaft im Kahne geschämt und mit ihrem Versprechen zugegeben hatte, daß sie die lieblosen Gesinnungen ihrer Standesgenossen teile. Er war ungesehener Zeuge gewesen; in der rücksichtslosen Art und Weise aber, wie er sie darauf zurückführte, trat seine ganze, von Frau von Herbeck betonte Feindseligkeit zutage, und das reizte die eben erst beschwichtigte Mädchenseele abermals zum Trotz.

»Ich werde meine Handlungen zu verantworten wissen!« entgegnete sie stolz und legte nun auch ihren linken Arm fest um das Kind.

Er trat zurück und beugte sich wieder über die Frau. Seine Bemühungen blieben ohne Erfolg; er flößte ihr wiederholt Madeira ein und rieb ihr Hände und Schläfen mit einer starken Essenz, aber sie hatte jedenfalls zu lange Mangel gelitten – sie war unfähig, sich aufzurichten und konnte noch immer vor Schwäche nicht sprechen.

Langes Besinnen schien nicht Sache dieses Mannes zu sein; er hob plötzlich die Leidende vom Boden auf und trug sie auf seinen Händen nach dem Waldhause.

Wie gewaltig und doch wie leicht die majestätische Gestalt dahinschritt! Welch ein Unterschied zwischen ihm, der das Elend mit starkem Arm stützte und es barmherzig an seine Brust nahm, und dem Manne im weißen Schlosse!... Seine Exzellenz sprengte ganze Salven luftreinigender Essenzen um sich her, wenn je einmal ein »Individuum« mit dem Stempel der Dürftigkeit in seine Nähe geraten war.

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