Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Eugenie Marlitt >

Reichsgräfin Gisela

Eugenie Marlitt: Reichsgräfin Gisela - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleReichsgräfin Gisela
authorEugenie Marlitt
year1996
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-23760-6
titleReichsgräfin Gisela
pages3-462
created20000608
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1869
Schließen

Navigation:

14

Währenddessen war das Menschenkind, dessen Gewand hell durch das Dickicht schimmerte, auf die Wiese herausgetreten; es war das Töchterchen des Neuenfelder Pfarrers.

Gisela sah das Kind daherkommen; einen Augenblick überschlich sie dasselbe Gefühl, infolgedessen sie vorgestern, wenn auch nur während der Dauer eines Pulsschlages, überlegt hatte, wie sie wohl die Kinder im Kahn beseitigen könne: die Scheu, im Verkehr mit Niedrigerstehenden von Standesgenossen betroffen und von ihnen verurteilt zu werden – eine feige, erbärmliche Empfindung, welche die Menschenseele entwürdigt und die, seit die menschliche Gesellschaft durch selbsterfundene Schranken sich trennt und zersplittert, zahllose Tränen schwergekränkter und beleidigter Herzen verschuldet hat...

Aber auch jetzt siegte die ursprüngliche Charakteranlage über die Resultate der Erziehung bei der jungen Gräfin. Sie erhob sich rasch und streckte dem nun pflichtschuldigst vorschreitenden Lakai abwehrend die Hand entgegen.

»Das Kind darfst du mir nicht wegschicken, Papa«, sagte sie sehr entschieden zu dem Minister. »Es ist die Kleine, die vorgestern durch meine Schuld beinahe ertrunken wäre.«

Sie nahm das Kind, das auf sie zulief, bei der Hand und küßte es auf die Stirne. Das allerliebste Geschöpfchen hatte genau das Kindergesicht, wie es der Leser vor zwölf Jahren unter dem Christbaum des Neuenfelder Pfarrhauses in siebenfacher Wiederholung gesehen hatte – rund und rosig weiß wie die Apfelblüte, und mit einem Paar strahlender Blauaugen, die glückselig zu der jungen Gräfin aufsahen.

»Ich danke auch schön für die vielen, vielen Apfelsinen, die Sie mir geschenkt haben!« sagte die Kleine. »Ach, die riechen so gut!... Und meine blaue Orleansschürze hat die Mama ausgebügelt, und sie ist wieder wie neu!... Die Mama kommt auch – wir gehen nach Greinsfeld; ich bin vorausgelaufen und habe für die Muhme Röder Erdbeeren im Walde gesucht, aber Ihnen geb' ich sie doch viel lieber als der Muhme.«

Sie hob den Deckel von ihrem Körbchen, das voll duftender Erdbeeren war.

»Ah, liebe Gräfin – Ihr sauberer kleiner Schützling plaudert ja seltsame Dinge aus!« rief Frau von Herbeck erbittert herüber. »Ich werde die Südfrüchte für die Zukunft wieder unter meinen Verschluß nehmen; für das gottverlassene Neuenfelder Pfarrhaus sind sie doch wahrhaftig nicht gewachsen...«

Gisela, die bei dem Verrat der Kleinen ein wenig erschrocken nach der Gouvernante hinübergesehen hatte, wurde glühendrot; trotzdem richtete sie ihre Gestalt hoch auf und maß die kleine, fette, erboste Frau mit einem stolzen Blick.

»Wie töricht ist es doch, aus Rücksicht auf die Meinung anderer es zu verschweigen, wenn man recht handelt!« sagte sie. »Es war meine Pflicht, mich nach dem Befinden des Kindes erkundigen zu lassen und ihm für den Schreck eine kleine Freude zu machen!... Weil ich aber Ihren Haß gegen das Pfarrhaus kenne, war ich schwach genug, Ihnen den Schritt nicht mitzuteilen. Ich bin bestraft dafür, ich fühle mich zum erstenmal in meinem Leben tief gedemütigt, denn der Schein der Unwahrheit fällt auf mich! Ohne daß ich eigentlich Böses gewollt und getan habe, muß ich mich schämen!«

Abermals ergoß sich die Purpurröte über ihr Gesicht. – »Pfui, welch eine häßliche Empfindung!... Das soll mir eine Lehre sein, Frau von Herbeck! Ich werde diese feige Rücksicht fallen lassen und künftig vor aller Welt handeln, wie es meinem Verstand und Herzen gut und recht erscheint!«

Damit war der Gouvernante der Fehdehandschuh hingeworfen, aber sie nahm ihn nicht auf. Wortlos, mit bebenden Lippen richtete sie ihre wehmütig schwimmenden Augen hilfesuchend auf den Minister. Es blieb zweifelhaft, auf welche Seite er neigte; wohl zuckte ein feindseliger Blick unter den halbzugesunkenen Lidern hervor nach der aufrührerischen Stieftochter; allein im freien, offenen Walde waren leidenschaftliche Erörterungen nicht am Platze, um so weniger, als auch jetzt eine Frau auf der Wiese erschien.

Sie trat zwischen zwei Eichen hervor, hoch und gewaltig, das Urbild eines germanischen Weibes. Den runden Hut am Arm, ließ sie den starkgebauten Kopf mit der breiten Stirne und dem blonden, schlichten Scheitel von Luft und Sonnenschein umfließen.

Einen Moment stutzte sie, als sie die vornehme Gesellschaft um den Frühstückstisch sitzen sah, allein über die Wiese weg lief ja der schmal niedergetretene Weg, der Gemeingut war, und die scharfe Verwahrung Seiner Exzellenz gegen jegliche Störung hatte die Frau nicht hören können.

Sie schritt demzufolge rüstig vorwärts, die Pfarrerin von Neuenfeld.

Ein Zeitraum von über zwölf Jahren lag zwischen heute und jenem verhängnisvollen Weihnachtsabend in der Pfarre... Die mit jener Stunde auseinandergerissene Kluft zwischen Schloß und Pfarrhaus war seitens der tiefgereizten feudalen Partei unerbittlich offengehalten worden – auf der kleinen Waldwiese standen sich die drei Frauen zum erstenmal wieder gegenüber.

Zeit, Mühen und Sorgen hatten wohl einzelne feine Linien in das helle Gesicht der Pfarrerin gezeichnet, aber das Wangenrot war nicht verlöscht, und die edelkräftigen Bewegungen der Glieder hatten nichts eingebüßt an Elastizität und Heftigkeit – kein Wunder! War doch die gesunde Seele, die sie leitete und beherrschte, dieselbe geblieben! Am Charakter der Gesamterscheinung waren die zwölf Jahre ebenso spurlos hingeglitten, wie an jenem jungen schönen, frivolen Weibe, dessen schwarze, brennende Augen unersättlich begehrend in die Welt hineinleuchteten.

Das waren zwei Gestalten, die in der Frauenwelt zu allen Zeiten vertreten sein werden – jene dritte aber, die kleine, fette Frau dort mit den tiefgesenkten Mundwinkeln und den andächtig schwimmenden Augen, gehörte zu den Erscheinungen, die nur periodisch wiederkehren – ein Typus, der eben nur möglich ist, wenn Kirche und Politik zusammengehen.

Die eingefleischte Weltdame, die vierzig Jahre lang das Bibellesen lediglich als Privilegium beschränkter Frauen und der Armut angesehen, die den Choral als etwas »Überschwengliches« verachtet hatte und einen gewissen Höhepunkt der Tugend unausstehlich finden konnte, sie hatte einen wahren Harrassprung im äußeren Bekenntnis gemacht. – Dazu gehörte allerdings viel edle Dreistigkeit, aber die Freunde der »Erweckten« nennen das Inspiration.

Eine Frauenseele kann abirren, kann fallen, ohne ganz den Hort der Religion aus ihrer Brust zu verlieren – und dann ist auch sie nicht die Verlorene; aber ein Weib, das um äußerer Vorteile willen diesen Hort heuchelt, verfällt dem strengsten Richterspruch, denn es treibt frechen Handel mit dem Heiligsten!...

»Mama, das ist die liebe, schöne Gräfin, die schuld ist, daß ich ins Wasser gefallen bin!« rief das kleine Mädchen seiner Mutter entgegen.

Gisela lachte wie ein Kind, und auch aus den Augen der Pfarrerin strahlte der Humor und die Belustigung über ihr naives Töchterchen – aber sie blieb einen Moment wie angewurzelt vor der jungen Gräfin stehen. Wohl hatte sie das bleiche Gesichtchen des hochgeborenen Kindes zu verschiedenen Zeiten hinter den Glasscheiben des Wagens flüchtig an sich vorüberhuschen sehen – stets hatte sie gemeint, es sei das letzte Mal –, und nun hatte ein einziges Jahr die gebrechliche Hülle zu einer lieblichen Mädchenblume umgewandelt.

»Mein Gott, liebe Gräfin«, rief sie, »Sie sind ja die leibhaftige« – nein, und wenn auch die Ähnlichkeit zwischen Großmutter und Enkelin eine wahrhaft staunenerregende war, sie konnte unmöglich dieses jungfräulich holdselige Geschöpf, das so liebreich ihr Kind an der Hand hielt, mit jenem Weibe vergleichen, das einst als Gräfin Völdern in schrankenlosem Übermut, bar aller Zucht und Sitte, taub für die Klage der Notleidenden und unerbittlich und erbarmungslos über zertretene Herzen hinschreitend, auf Erden gewandelt war!

Die Pfarrerin hielt demnach inne und verbesserte sich, indem sie sagte: »Sie sehen ja aus wie die Gesundheit selbst!«

»Mein Kind, es ist Zeit, aufzubrechen!« rief die Baronin hinüber.

Giselas Augen verfinsterten sich – die Stimme der Stiefmutter ging ihr durch Mark und Bein. Die stattliche Frau da vor ihr mit den guten, treuherzigen Augen sollte ja mittels dieser schneidend hochmütigen Töne fortgescheucht werden.

»Ich nehme die Erdbeeren mit nach Hause, Röschen«, sagte sie zu dem Kinde, »und morgen kommst du selbst zu mir und holst das Körbchen, nicht wahr?«

»Im weißen Schlosse?« fragte die Kleine und schlug die unschuldigen Augen groß auf – sie schüttelte energisch das blonde Köpfchen. »Nein, dahin kann ich nicht kommen«, entgegnete sie sehr entschieden; »Bruder Fritz sagt, im weißen Schlosse hätten sie den Papa nicht lieb!«

Darauf ließ sich nichts erwidern, Frau von Herbeck haßte in der Tat den Mann, und Gisela kannte ihn nicht. Das Gesicht der Pfarrerin aber war plötzlich sehr ernst geworden, wenn auch ihr Blick noch mit unverkennbarer Innigkeit an der jungen Dame hing, deren Mund betroffen schwieg.

Sie nahm ihr Kind an die Hand, um ihren Weg fortzusetzen – die Damen da drüben zogen die Handschuhe an, und Frau von Herbeck ließ sich von einem der Lakaien mit großer Ostentation den Spitzenschal um die Schulter legen...

Und wenn auch die schöne, junge, hochgestellte Dame dort einst ihr Brot gegessen und unter ihrem Dache Schutz gefunden hatte, die einfache Frau war doch stolz und taktvoll genug, sie nicht mehr zu kennen, da die zwei schwarzen Augen alles andere, nur sie nicht zu sehen schienen.

Der schräglaufende Weg führte ziemlich hart am Frühstückstisch hin; die Pfarrerin neigte sich höflich im Vorüberschreiten; die Damen erwiderten den Gruß mit einem leichten Kopfnicken, und der Minister lüftete den Hut... Sei es nun, daß der Sonnenstrahl, der dabei auf seine Stirn fiel, das Steingesicht freundlich belebte, aber blickten die halbgeschlossenen Augen in der Tat nicht so streng und zurückweisend wie gewöhnlich – genug, die Frau blieb plötzlich wie angewurzelt vor ihm stehen.

»Exzellenz«, sagte sie bescheiden, aber ohne die geringste Furcht oder Befangenheit, das hörte man an ihrer festen, klangvollen Stimme –, »der Zufall führt mich da vorüber – ins weiße Schloß wär' ich nicht gekommen; aber hier im weiten Walde, wo die Luft uns allen gehört, kommt einem auch ein Wort leichter auf die Lippen... Sie dürfen ja nicht denken, daß ich um etwas bitten will – arm sind wir, aber arbeiten können wir auch alle – Gott sei Dank – rechtschaffen... Ich will nur fragen, weshalb mein Mann pensioniert worden ist?«...

»Das fragen Sie am besten Ihren Mann selbst, Frau Pfarrerin!« entgegnete der Minister spitz.

»Ei, Exzellenz, da gehe ich lieber gleich vor die rechte Schmiede und antworte mir selber!... Ich kann es meinem Manne unmöglich zumuten; denn wenn er der Wahrheit die Ehre geben will, da muß er sagen: ›Ich bin ein Mann, wie er sein soll – demütig vor Gott und furchtlos vor den Menschen, eifrig und streng in meiner Pflichterfüllung und goldtreu von Gemüt – und muß mich nun wundern über die verkehrte Welt, wo bestraft wird, wer nicht gesündigt hat‹ –«

»Hüten Sie Ihre Zunge, Frau!« fiel der Minister mit kalter Stimme ein und hob drohend den Zeigefinger – Frau von Herbeck aber kicherte boshaft auf – »eifrig und streng in der Pflichterfüllung!« wiederholte sie, wenn auch mehr wie für sich –, eine direkte Einmischung war doch zu sehr gegen die Etikette.

Das satanische Hohngelächter traf das Herz der Pfarrerin wie ein Messerstich; die rebellischen Blutwellen schossen ihr ins Gesicht und die blonden, starken Brauen falteten sich finster; allein diese Frau ließ sich niemals fortreißen.

»Gnädige Frau«, sagte sie, gelassen den Kopf nach der Dame umwendend, »Sie sollten nicht so lachen, ich mein' sonst wirklich, die Neuenfelder Leute haben recht, wenn sie sagen, Sie hauptsächlich hätten meinen Mann ums Amt gebracht – einer Frau steht das Verfolgen gar nicht schön an!«

Jetzt war es um die letzte Etikettenrücksicht der Gouvernante geschehen. Den andächtigen Augen stand im Dienst des Herrn noch weit mehr verächtlicher Grimm zu Gebot, als ehemals der feudalen Weltdame.

»Was liegt mir an Ihrer Meinung?« rief sie. »Denken Sie immerhin, was Sie wollen – das soll mich durchaus nicht abhalten, Nattern zu zertreten, wo ich sie treffe!«

»Sie vergessen sich, Frau von Herbeck!« rief der Minister. Er streckte ihr, Schweigen gebietend, die Hand entgegen.

»Liebe Frau, die langen Auseinandersetzungen sind gegen mein Prinzip«, wandte er sich mit der ganzen vernichtenden Kälte des gereizten Gewalthabers an die Pfarrerin zurück. »Ich hätte viel zu tun, wenn ich meine Maßregeln den Betreffenden stets in eigener Person erschöpfend motivieren wollte... So viel will ich Ihnen aber sagen, daß die gerühmte Pflichterfüllung sehr, sehr viel zu wünschen übriggelassen hat. Wir haben alles getan, den Mann aus seinem alten Schlendrian aufzurütteln – es war verlorene Mühe. Er hat sich jeder heilsamen Reform auf kirchlichem Gebiet mit eigensinnigem Starrsinn widersetzt – jetzt ist es freilich offenbar geworden, weshalb: Das Beobachten des Sternenhimmels war ihm interessanter als das gewissenhafte Studium der alten Kirchenväter; wir können aber keinen Pfarrer brauchen, der ein solches Steckenpferd reitet, liebe Frau –«

»Und der Pfarrer von Bodenbach, der von seinem Bienenstand weggeholt werden muß, wenn er predigen soll?« warf die Pfarrerin fragend ein, und ihr durchdringendes, kluges, blaues Auge wich nicht von dem Marmorgesicht Seiner Exzellenz.

Er stand auf und klopfte die Frau mit einem impertinenten Lächeln auf die Schulter.

»Ei, meine liebe Frau Pfarrerin«, sagte er, »der Pfarrer von Bodenbach hat stündlich das Bild der Kirche in seinem Bienenstand vor Augen – die einmal gegebenen Satzungen werden herrschen, solange es eben Bienen gibt, und Königin wie Arbeiter unterwerfen sich widerspruchslos allen ihren Forderungen... Ich kann Ihnen versichern, der Pfarrer von Bodenbach ist der wackerste Seelsorger weit und breit, er bleibt – bei seinem Leisten!«

»O du grundgütiger Gott, also ist's doch wahr!« rief die Pfarrerin und schlug die Hände zusammen. »Weil es da droben in den Sternen nicht ganz so aussieht, wie es die Heilige Schrift besagt, so sollen nun auch die Menschen nicht mehr hinaufsehen! Sie sollen denken, der große, allmächtige Gott mache sich die Kurzweil, am Abend bunte Lichterchen am Himmel lediglich für seine kleinen Erdenwürmer anzuzünden! Sie sollen sich auf einmal einbleuen, weiß sei schwarz und zweimal zwei fünf!... Und wenn sie alles tun wollten, hat es etwas zu schaffen mit der Lehre unseres Herrn und Heilands? Schlagen Sie der Lehre von Gottes Allmacht und Weisheit nicht selbst ins Gesicht, wenn Sie seine Werte verkleinern und mangelhaft machen, nur um des Buchstabenglaubens willen?«

Sie schöpfte tief Atem, dann fuhr sie fort: »Wird die Bibel nicht der lebendige Quell des Trostes und Segens für alle Zeiten bleiben, wenn ihr auch hier und da menschliche Irrtümer ankleben?... Wer auch nur ein einziges Mal im Kummer nach ihr gegriffen hat, der weiß, daß sie ewig ist. Die also um des angefochtenen Buchstabens willen für die zittern, die kennen ihren Geist nicht!... Exzellenz, ich bin eine schlichte Frau, aber so viel hab' ich stets begriffen, daß sich das Gleichnis vom Hirten und der Herde nur auf die Zusammengehörigkeit in der christlichen Liebe bezieht – niemals aber auf den Stock des Hirten und auf den Pferch, in dem die Schafe zusammengehalten werden sollen... Und in dem Sinne steht mein Mann auf der Kanzel und in seiner Gemeinde, und sie haben ihn alle herzlich lieb; die Kirche ist immer gefüllt, und wenn er auf Gottes Wunderwerke zu reden kommt, die er selbst erforscht in der tiefen, stillen Nacht, da kann man eine Stecknadel fallen hören in der ganzen weiten Kirche –«

Bis dahin hatten alle die Frau schweigend gewähren lassen, jetzt aber lachte Frau von Herbeck laut auf.

»Und bei diesen Forschungen in der tiefen, stillen Nacht hilft ihm der alte Knasterbart, der Freigeist, der Sievert! Schöne Gesellschaft für einen Diener des Herrn!« rief sie mit wildem Triumph. »Exzellenz, die Frau hat sich selbst gerichtet – sie ist Rationalistin durch und durch!«

»Den alten Sievert dürfen Sie mir nicht antasten, gnädige Frau!« entgegnete die Pfarrerin stirnrunzelnd und hob abwehrend die Hand gegen die Dame – den boshaften Angriff auf sie selbst ignorierte sie völlig. »Das ist ein braver Mann, der sich sein Leben lang aufgeopfert hat für andere; er hat somit mehr Religion im Herzen als manche, die sie auf der Stirne und auf den Lippen tragen!... Kennt ihn eine, so bin ich's – er hat in meinem Hause gelebt, seit der wackere Hüttenmeister verunglückt ist. Damals kam er wie wahnsinnig vor Schmerz und suchte und fand Trost in der Pfarre. Und jetzt noch, nach elf Jahren, wo niemand mehr an das schreckliche Unglück denkt –«

Das Gesicht der Baronin überflog eine flüchtige Blässe, und der Löffel, mit dem ihre Hand mechanisch gespielt hatte, fiel klirrend auf die Tasse zurück; die schwarzen, funkelnden Augen aber hefteten sich drohend auf die Sprecherin – der Minister kam ihr zu Hilfe.

»Gute Frau, Sie haben vorhin gesprochen wie ein Buch!« unterbrach er, als habe er gar kein Verständnis für ihre letzten Worte, mit beißender Ironie die Pfarrerin. »Es tut mir leid um die verlorene Mühe«, fuhr er fort, »aber ich kann gar nichts tun und muß der Sache ihren Lauf lassen!«

»Ich verlange auch nichts, Exzellenz, gar nichts!« antwortete sie, indem sie das Händchen ihres Kindes wieder fest in die ihre nahm. »Es wird uns allen zwar sehr schwer ankommen, den Stab weiter zu setzen und fortzugehen aus dem Neuenfelder Tal, wo wir einundzwanzig Jahre lang Glück und Unglück, Freud und Leid mit vielen guten Menschen redlich getragen haben –«

»Nein, Sie sollen nicht fortgehen!« rief Gisela und trat neben die Frau. Ihre braunen Augen brannten, sie erschienen in diesem Moment fast dunkler als die schönen schwarzen der Stiefmutter, die sich in wortlosem Grimm starr auf ihr Gesicht hefteten. – »Kommen Sie zu mir nach Greinsfeld!« sagte sie fest.

»Gräfin!« rief Frau von Herbeck und sank, die Hände zusammenschlagend, an die Stuhllehne zurück.

»Seien Sie ohne Sorge, gnädige Frau«, fand die Pfarrerin mildlächelnd zu der entsetzten Gouvernante, während sie Giselas dargebotene Hand herzlich drückte. »Ich nehm' es nicht an, schon um der Gräfin selbst willen nicht!... Gott segne ihr gutes Herz! Sie soll nie eine trübe Stunde haben, am allerwenigsten aber um meinetwillen!... Aber Ihnen, Frau von Herbeck, sage ich noch eins«, fügte sie tiefernst hinzu und hob fast feierlich den Zeigefinger. »Der Mann geht, den Sie ›wie eine Natter zertreten‹ haben. Sein Beruf ist ihm genommen worden, und das trifft ihn tausendmal härter, als wenn er Mangel leiden müßte... Es ist eben eine Zeit, wo Sie alles wagen können, denn Sie werden beschützt!... Aber glauben Sie ja nicht, weil Sie jetzt die Wahrheit unter den Füßen haben, daß es auch so bleibt!... Sehen Sie sich Neuenfeld an! Da wächst der Geist, den Sie mit niedertreten wollen, mit jeder Stunde! Und wenn Sie mit Keulen draufschlagen, Sie bringen ihn nicht unter, er verschlingt Sie doch zuletzt, denn er hat das ewige Leben – er geht ja mit der Liebe zusammen, die das Christentum zu allererst predigt... Setzen Sie immerhin den alten Teufel mit seiner Hölle wieder ein, stellen Sie ihn vermessen dem lieben Gott gegenüber, bauen Sie ihm einen Thron, höher als den, auf dem der Allmächtige sitzt – es hilft Ihnen alles nichts – Sie machen eine Leiche nicht wieder lebendig!«

Sie verbeugte sich gegen die Minister und die junge Gräfin und ging.

Seine Exzellenz sah ihr sprachlos nach, diese Kühnheit überstieg alle Grenzen; und er hatte nicht einmal Gelegenheit, die Frau zu strafen – er konnte ihren Mann doch nicht zweimal pensionieren... Das sah einer Niederlage sehr ähnlich; in solchen Fällen aber hatte Seine Exzellenz nie anders gewollt. Er setzte sich demnach sehr gelassen nieder und zündete seine erloschene Zigarre aufs neue an.

Frau von Herbeck, deren bleichgewordene Lippen im tiefsten Zorn bebten, warf ihm einen heimlichen Blick voll Gift und Galle zu – in diesem Augenblick war doch die berühmte diplomatische Ruhe wahrhaftig nicht am Platze!

»Ein unverschämtes Weib!« stieß die Baronin heftig hervor. »Und das wirst du ungestraft hingehen lassen, Fleury?«

»Ei was – laß sie laufen!« entgegnete er verächtlich.

Er lehnte sich behaglich zurück und ließ einige blaue Duftringel seinen Lippen entschweben, während er mit einem Blick seine Stieftochter vom Kopf bis zu Füßen musterte – sie stand noch mit allen Zeichen tiefster Erregung vor ihm.

»Nun, meine Tochter«, sagte er ironisch lächelnd, »du warst ja eben im Begriff, dein altes Greinsfelder Patronatsrecht zum Besten des fortgeschickten Pfarrers aufzufrischen!... Toleranz ist eine schöne Sache, aber neu und pikant wäre es doch, wenn sich die katholische Gräfin Sturm von einem protestantischen Geistlichen die Messe lesen ließe!«

Gisela hielt die gefalteten Hände fest gegen die Brust gedrückt, als wolle sie das Klopfen ihres Herzens beschwichtigen.

»Das ist mir nicht eingefallen, Papa!« entgegnete sie mit gepreßter Stimme. »Ich wollte den armen Vertriebenen eine Heimat geben und ihr Leben sorgenfrei machen!«

»Sehr großmütig, meine Tochter«, spottete der Minister, »wenn auch ein wenig taktlos, da ich es bin, der sie ›vertrieben‹ hat, wie du beliebst, dich auszudrücken.«

»O liebe Gräfin, haben Sie sich wirklich durch das Lügengewebe betören lassen?« rief Frau von Herbeck.

Bei diesen Tönen voll Hohn und Haß brach die mühsam behauptete Fassung des jungen Mädchens zusammen.

»Das Lügengewebe?« wiederholte sie, und ihre Augen flammten. »Die Frau sprach die Wahrheit!« fuhr sie entschieden fort. »Da war auch nicht ein Wort, das mich nicht bis ins innerste Herz getroffen hätte!... Wie kindisch lenksam und unerfahren bin ich bis jetzt gewesen! Ich habe Menschen und Dinge mit Ihren Augen angesehen, Frau von Herbeck – ich war denkfaul und blind! Das ist ein bitterer Vorwurf, den ich mir machen muß –«

Sie schwieg plötzlich, ihre Lippen legten sich fest aufeinander. Sie hatte einen tiefen Abscheu vor aller aufbrausenden Heftigkeit, und jetzt strömten ihr die Worte über die Lippen, ihr Klang fiel zündend auf ihr Herz zurück und riß sie fort – das durfte nicht sein. Sie preßte einen Moment die schmalen Hände gegen die Schläfe, dann ergriff sie ihren Hut.

»Papa, ich fühle, daß ich aufgeregt bin«, sagte sie mit ihrer süßen Stimme, in der bereits der sanfte Klang wieder vorherrschte. »Darf ich mich ein wenig in den Wald zurückziehen?«

Der Minister schien mit der »gereizten« Stieftochter dieselbe Nachsicht zu haben wie einst mit dem kranken Kind. Er hatte sie mit keinem Wort, keiner Bewegung unterbrochen, und jetzt winkte er ihr väterlich und gütig gewährend mit der Hand.

Sie schritt über die Wiese in den Wald hinein.

»Sie sind alt geworden, Frau von Herbeck!« sagte Seine Exzellenz beißend und schonungslos zu der erbleichenden Gouvernante, als das blaue Kleid hinter dem Gebüsch verschwunden war. »Da machen sich andere Zügel nötig!«...

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.