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Reichsgräfin Gisela

Eugenie Marlitt: Reichsgräfin Gisela - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleReichsgräfin Gisela
authorEugenie Marlitt
year1996
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-23760-6
titleReichsgräfin Gisela
pages3-462
created20000608
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1869
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13

Frau von Herbeck lachte spöttisch auf und deutete nach dem Dickicht, von wo noch einmal der helle Sommeranzug des Portugiesen herüberschimmerte.

»Da geht er hin ohne Sang und Klang!« sagte sie. »Exzellenz haben sich nun selbst überzeugen können, was das weiße Schloß für eine saubere Nachbarschaft hat! Unverschämt!... Dies edle Portugiesenblut hält es nicht der Mühe wert, vor einer deutschen Dame den Rücken zu beugen!... Exzellenz, ich war außer mir über die Art und Weise, wie er Ihre Liebenswürdigkeit hinnahm!«

»Ich bezweifle sehr, daß es Hochmut war«, entgegnete die schöne Frau mit Achselzucken und einem flüchtigen, aber vielsagenden Lächeln.

Die zärtlichen Augen der Gouvernante glitzerten für einen Moment wahrhaft katzenartig – ihr Widersacher hatte einen mächtigen Verbündeten: die weibliche Eitelkeit.

»Aber sein Benehmen gegen unsere Gräfin – entschuldigen Exzellenz das auch?« fragte sie nach einem momentanen Stillschweigen erbittert. »Zuerst umfaßt er sie ohne Umstände und reißt sie auf die Seite –«

»Das hat mein Töchterchen sich selbst zuzuschreiben«, warf die Baronin lächelnd ein und strich mit dem Zeigefinger leicht über Giselas Wange. »Dieser heroische Versuch, den Hund zu retten, war ein wenig – kindisch, meine Kleine!«

»Und dann stößt er sie plötzlich von sich!« fuhr die Gouvernante mit erhöhter Stimme fort; »wollen Exzellenz auch in Abrede stellen, daß er sie mit Ingrimm, ja, ich sage nicht zu viel, mit einem wahren Haß von sich gestoßen hat?«

»Das leugne ich ganz und gar nicht, meine beste Frau von Herbeck – denn ich habe es mit eigenen Augen gesehen –, allein ich kann Ihre Schlagwörter, wie Haß und dergleichen, trotzdem nicht billigen. Warum in aller Welt soll denn dieser Mann die Gräfin hassen? Er kennt sie ja gar nicht!... So, wie ich die Sache ansehe, war es nichts als ein augenblicklicher, fast unbewußter Widerwille, mit dem er zurückwich – und sehen Sie, da berühren wir einen Punkt, den wir, mein Gemahl sowohl wie ich, Ihnen stets dringend ans Herz gelegt haben – es ist nun einmal für unser Kindchen unumgänglich nötig, daß eine einsame abgeschiedene Lebensweise festgehalten wird.«

Sie schob ihren reizenden, mit einem Stiefelchen von Goldkäferleder bekleideten Fuß vor und ließ die Augen wie in qualvoller Verlegenheit darauf ruhen.

»Es ist mir zu peinlich, dieses zarte Thema nochmals zu erörtern«, sagte sie endlich zu Gisela, »und doch muß es gesagt sein; um so mehr, als du, mein Kind, die größte Lust zeigst, dich zu emanzipieren... Viele Menschen, Männer und Frauen, haben eine Abneigung gegen alles, was ›Nervenzufälle‹ heißt – dein Übel ist leider bekannt, meine liebe Gisela – im Verkehr mit der Welt würden dich zahllose Rücksichtslosigkeiten verwunden – wir haben eben einen augenfälligen Beweis gehabt!«

Sie deutete nach der Richtung, wo der Portugiese verschwunden war.

»Närrchen du«, begütigte sie, als sie sah, daß sich die Lippen der jungen Dame plötzlich wie infolge eines tödlichen Schreckens schneeweiß färbten. »Das wird dich doch nicht beunruhigen?... Hast du denn nicht uns, die wir dich auf den Händen tragen? Und hoffen wir denn nicht alle, daß es allmählich besser mit dir werden wird?«

Wie alle diplomatisch gewandten Menschen, die, wenn sie einen Pfeil mit Erfolg abgeschossen, das Thema sofort wechseln, brach auch sie das Gespräch ab. Sie befahl einem der Lakaien, den weggeworfenen Sonnenschirm zu suchen, und gestand den Damen lachend ein, daß sie sich »entsetzlich gefürchtet« habe.

»Kein Wunder!« sagte sie. »Ich habe das Waldhaus gesehen – es macht einem den Eindruck wie sein Herr selber; halb ist es der Wohnsitz eines Märchenprinzen und zur anderen großen Hälfte der eines nordischen Barbaren... Wer weiß, was der Mann für eine Vergangenheit hat – selbst sein Papagei schnaubt Rache.«

Sie schwieg. Es kamen Leute vom Waldhause her, die den Hund wegschafften und sorgfältig die Stelle säuberten, wo er gelegen. Sie faßten das tote Tier so schonend und behutsam an, als sei es ein verunglückter Menschenkörper.

»Den hat der Herr so lieb gehabt wie einen guten Kameraden«, sagte einer der Männer zu dem Lakaien, der dabei stand. »Er hat ihn einmal rausgebissen, wie er unter die Räuber gefallen ist – das verwindet der Herr sobald nicht – er kam kreideweiß nach Hause... Und der alte brummige Sievert heult gar; er hat sich in den paar Wochen so an den Hero gewöhnt!«

Die Damen standen unfern und hörten jedes Wort; bei Sieverts Namen aber wandte sich die Baronin verächtlich ab und schritt nach dem Frühstückstisch, wo sie sich niederließ. Sie nahm die Lorgnette vor die Augen und fixierte ihre Stieftochter, die mit Frau von Herbeck langsam herüberkam, während die Männer mit der Trage in den Wald zurückkehrten.

»Apropos, Gisela – laß dir eins sagen!« rief sie dem jungen Mädchen entgegen. »Nimm mir's nicht übel, aber du machst eine zu absonderliche Toilette, so über alle Begriffe einfach –«

Die junge Gräfin trug ein Kleid genau von demselben Schnitt wie das vorgestrige, nur war es von zartblauer Farbe. Ohne jedwede Verzierung, sah es fast aus wie ein Talar mit weiten, offenen Ärmeln, dessen Falten nur um die Taille mittels eines Gürtels zusammengezogen waren. Aber diese durchsichtigen Musselinspalten legten sich knapp um die zartgeformte Büste und ließen das rosige Weiß der Schultern durchscheinen; ein schwarzes Samtband nahm heute das blonde, offene Haar von der Stirne zurück. Das war freilich keine Pariser Toilette, aber das Mädchen sah aus wie eine Elfe.

»Ach, das ist ja immer Lenas Jammer, Exzellenz!« klagte die Gouvernante. »Ich sage schon lange kein Wort mehr –«

»Das dürfen Sie auch nicht, Frau von Herbeck!« unterbrach sie Gisela ernst. »Haben Sie nicht erst gestern einem unserer Küchenmädchen versichert, sie sei verstoßen vor Gottes Angesicht, weil der Eitelkeitsteufel in ihr stecke?«

Ein frivoles Lächeln kräuselte die Lippen der Baronin; die Gouvernante aber erglühte in der Erinnerung an jenen Moment abermals in heiligem Zorn.

»Und das mit allem Recht!« fuhr sie empor. »Hat sich doch das einfältige, gottvergessene Ding einen runden Strohhut gekauft, genau von der Form wie mein neuer!... Aber, liebste Gräfin, eine solche Parallele zu ziehen!... Es ist unverantwortlich! – Ja, ja, das ist wieder einmal eine Ihrer liebenswürdigen, kleinen Bosheiten!«

»Ich hatte gehofft, dich in dem reizenden Hausanzug zu sehen, den ich dir von Paris aus geschickt habe, mein Kind!« sagte die Baronin, unbekümmert um Frau von Herbecks Jammer.

»Er war mir viel zu kurz und zu eng – ich bin gewachsen, Mama.«

Ein lauernder Blick aus den dunklen Augen der Stiefmutter fuhr über das Mädchengesicht.

»Er ist genau nach dem Maße gemacht, das Lena mir bei meiner Abreise eingehändigt hat«, sagte sie gedehnt und scharf zugleich, »und du willst mir doch nicht weismachen, Kindchen, daß du dich in den paar Monaten so gewaltig verändert habest?«

»Ich habe dir niemals etwas weismachen wollen, Mama, und deshalb muß ich dir auch bekennen, daß ich den Anzug nie getragen haben würde, selbst wenn er passend gewesen wäre; ich hasse alle schreienden Farben – das weißt du ja, Mama –, ich habe die rote Jacke Lena geschenkt.«

Die Baronin fuhr tief gereizt auf; aber sie faßte sich rasch.

»Nun, da wird sich ja das Kammerkätzchen recht wohl befinden in dem feinen Kaschmir!« meinte sie spöttisch lächelnd. »Und ich werde mich künftig hüten, ohne die allerhöchste Genehmigung meines Töchterchens zu wählen... Übrigens kann ich mir nicht helfen – ich betrachte die gesuchte Einfachheit bei solch kleinen Backfischchen, wie du eben eins bist, immer mit schwerem Mißtrauen: Es sieht mir aus wie ein ganz klein wenig – Heuchelei.«

Giselas Mundwinkel bogen sich leicht abwärts in einem leise verächtlichen Zug.

»Ich, heucheln? – Nein – dazu bin ich zu stolz!« sagte sie gelassen.

Diese seltene Ruhe in dem Wesen des jungen Mädchens ließ den, der sie beobachtete, fortwährend im Zweifel, ob sie angeborener Sanftmut oder einem überwiegend vorherrschenden Verstand entspringe.

»Ich bilde mir sehr viel darauf ein, Gottes Ebenbild zu sein«, sagte sie weiter. »,Mögen andere ihren Körper mit allen möglichen Modeartikeln behängen und verunstalten – ich tue es nicht!«

»Ah, meine liebe, kleine Bescheidenheit – da bist du also überzeugt, so am schönsten zu sein?« rief die Baronin. Sie maß die Stieftochter durch die Lorgnette von Kopf bis zu Füßen; ein wahrhaft satanischer Zug zuckte um ihren Mund.

»Ja«, antwortete Gisela unbefangen, ohne Zögern. »Mein Schönheitsgefühl sagt mir, daß wir die einfach edlen Linien festhalten sollen.«

Die Baronin lachte laut auf.

»Nun, Frau von Herbeck«, sagte sie mit beißender Ironie zu der Gouvernante, »dies Kind hat ja in seiner Einsamkeit recht interessante Studien gemacht – wir werden Ihnen sehr dankbar dafür sein!... Schade, mein Herz, daß du nicht hübscher bist!« fügte sie zu Gisela gewendet hinzu.

»Mein Gott, Exzellenz«, rief Frau von Herbeck erschrocken, »ich habe keine Ahnung, wie die Gräfin dazu kommt, sich plötzlich von einer so koketten Seite zu zeigen!... Nie, ich kann es beschwören, habe ich bemerkt, daß sie auch nur einmal in einen Spiegel sieht –«

Die Baronin winke ihr zu schweigen – der Minister kam eben vom See her.

Seine Exzellenz sah nichts weniger als morgenfrisch und gutgelaunt aus. Unter dem tief in die Stirne gedrückten Strohhut hervor fuhr sein Blick über die Damengruppe und blieb an der jungen Gräfin hängen. Sie stand noch – während des Gespräches hatte sie mechanisch einen etwas hochhängenden Zweig ergriffen und hielt ihn mit ausgestrecktem Arm fest –, der weite Ärmel hing flügelartig herab, es war eine charakteristische Stellung voll edler, keuscher Ruhe.

»Ah, sieh da – eine Opferpriesterin im Druidenhaine!« rief er sarkastisch hinüber, als er näher kam. »Phantastisch genug siehst du aus, meine Tochter!«

Für gewöhnlich begleitete er dergleichen Scherze mit einem feinen, satirischen Lächeln, das sein Gesicht sehr pikant und anziehend machte; augenblicklich aber erlosch es in einem Ausdruck von Verdrossenheit. Er küßte seiner Gemahlin die Hand und setzte sich neben sie.

Während Frau von Herbeck die Schokolade einschenkte, erzählte die Baronin ihrem Gemahl das Abenteuer mit dem Besitzer des Hüttenwerks; sie beschränkte ihre Mitteilung lediglich auf das Erschießen des Hundes und berührte Giselas Beteiligung dabei mit keinem Wort.

»Der Mann versteht es, sich mit einem romanhaften Nimbus zu umgeben«, meinte der Minister, indem er die dargebotene Schokolade zurückwies und sich eine Zigarre anbrannte. »Er scheint den Sonderling spielen zu wollen und läßt sich mit seinen Millionen suchen – nun, das wird aufhören, wenn der Fürst kommt; er will sich ja vorstellen lassen, wie man sagt, und dann werden wir ihn uns näher besehen.«

Er sah sehr zerstreut aus, als er das sagte – seine Gedanken waren offenbar nach einer anderen Seite hin lebhaft beschäftigt.

»Da hat mir doch der Tölpel von Tapezierer vorhin beim Aufstellen eine der neuen Vasen zerbrochen!« sagte er nach einer Pause, während die Damen schweigend frühstückten.

»O weh!« rief die Baronin. »Aber das sollte dich doch nicht so verstimmen, mein Freund! Der Schaden ist leicht wiedergutzumachen – das Ding hat höchstens fünfzig Taler gekostet!«

Der Minister schnellte die Asche von seiner Zigarre; in der Bewegung, mit der er sich wegwandte, lag viel heimliche Ungeduld.

»In dem Augenblick, als, ich das weiße Schloß verließ«, hob er nach einem kurzen Schweigen wieder an, »nahm Mademoiselle Cecile eine Kiste in Empfang, die dein Pariser Schneider geschickt hat, Jutta!«

»Oh, das ist mir eine sehr angenehme Neuigkeit!« rief die Dame. »Cecile hat schon gejammert, weil die Sachen so lange ausblieben, und ich selbst hatte Angst, wie ein Aschenputtel vor dem Fürsten erscheinen zu müssen!«

»Der Narr hat fünftausend Franc Wert angegeben«, bemerkte der Minister.

Die Baronin sah verwundert auf.

»Der Mann hat ganz recht«, sagte sie. »Ich habe für fünftausend Franc Bestellungen gemacht.«

»Aber, liebes Kind, wenn ich nicht irre, hast du ja eben so und so viele Toiletten im Werte von achttausend Franc aus Paris mitgebracht?«

»Allerdings, mein Freund«, lächelte sie, »und es waren nicht acht-, sondern zehntausend Franc – ich habe sie aus meiner Tasche bezahlt, und da vergißt es sich nicht so leicht... Übrigens bin ich sehr erstaunt, daß du dir nicht selbst sagst, wie es ein Ding der Unmöglichkeit für mich ist, Anzüge, die nur für A. bestimmt waren, hier auf dem Lande zu tragen – eine so grenzenlose Geschmacklosigkeit wirst du mir hoffentlich nicht zutrauen!«

Während dieser Auseinandersetzung brockte sie sich mit großer Gemütsruhe ein geröstetes Weißbrotschnittchen in die Schokolade. Ihr Blick schlüpfte einigemal seitwärts nach ihrem Gemahl, aber wenn auch die Lippen lächelten, ihre Augen, sonst so feurig und von wahrhaft dämonischer Gewalt, glitten mit einer eigentümlichen Starrheit über das Profil und die tiefgesenkten Lider des Mannes... Da war auch nicht der letzte Abglanz mehr von dem, was die Braut einst in der Schloßkapelle zu A. mit ihrem Ja besiegelt hatte.

»Seit wann aber, liebster Fleury, kontrollierst du meine Pariser Sendungen?« fragte sie scherzhaft weiter. »Das ist dir ja nie im Leben eingefallen!... Und dazu dies misanthropische Gesicht!... Ich will doch nicht hoffen, daß mit deinem neulichen Geburtstag die Grämlichkeit eingezogen ist?... O pfui, liebster Mann, nur nicht alt werden!«

Das alles klang neckend und wurde bezaubernd naiv, hingeworfen, aber es enthielt scharfe Dolchstöße für den weit über zwei Jahrzehnte älteren Mann, der seiner vergötterten jungen Frau gegenüber auf keinen Fall alt werden wollte.

Über sein unbewegliches Gesicht flackerte eine fahle Röte, und ein halbes Lächeln teilte seine Lippen.

»Ich bin ein wenig verstimmt«, gab er zu, »aber durchaus nicht über deine Pariser Lappalien, mein Kind – dort sitzt die Missetäterin!«

Er zeigte auf Gisela.

Diese hob die nachdenklich gesenkten Wimpern und sah ihren Stiefvater befremdet, doch fest und erwartungsvoll an. Sein scharfer Ton würde alle, die ihn näher kannten, erschreckt haben, auf dem Mädchengesicht aber zeigte sich keine Spur von Besorgnis oder Verlegenheit, und das reizte Seine Exzellenz offenbar noch mehr.

»Dein Arzt war eben bei mir, und da habe ich schöne Dinge hören müssen«, sagte er mit schwerer Betonung. »Du widersetzest dich seinen Anordnungen!«

»Ich bin gesund, seit ich seine Medikamente wegschütte.«

Der Minister fuhr empor – seine Augen öffneten sich weit und funkelten in maßlosem Zorn. »Wie, du wagst es –«

»Ja, Papa – es ist das eine Art Notwehr von meiner Seite. Der Mann hat mich zu allen Jahreszeiten im verschlossenen Wagen spazieren fahren lassen; er hat nie geduldet, daß ich auf meinen eigenen Füßen auch nur einmal durch den Schloßgarten gehen durfte – ein Trunk frischen Wassers war mir verboten wie tödliches Gift!... Als aber Lena vor einem halben Jahr zu kränkeln anfing, da verordnete er ihr vor allem frisches Wasser, Luft und Bewegung. Nun, Papa, nach frischem Wasser, Luft und Bewegung lechzte auch ich – und da der Medizinalrat auf alle meine Bitten nur ein mitleidiges Lächeln hatte, so half ich mir selber!«

»Begreifen Exzellenz nun die Schwierigkeit meiner jetzigen Stellung?« fragte Frau von Herbeck, die während Giselas Bekenntnissen ihre Schokolade hatte kalt werden lassen.

Der Minister war längst Herr seiner Aufregung geworden.

»Du hast dir auch ein Reitpferd angeschafft?« fragte er sehr gelassen, ohne die Bemerkung der Gouvernante zu beachten. Seine Zigarre, die er von allen Seiten betrachtete, schien ihn augenblicklich mehr zu interessieren als die Antwort seiner Stieftochter.

»Jawohl, Papa, von meinem Nadelgeld«, entgegnete das junge Mädchen. »Ich kann nicht gerade sagen, daß ich das Reiten der Damen sehr liebe – allein ich will stark und kräftig werden, und solch ein Ritt in der frischen Morgenluft stählt Muskeln und Nerven.«

»Und darf man wissen, weshalb Gräfin Sturm sich um jeden Preis zur Walküre ausbilden will?« examinierte der Minister weiter – das satirische, anziehende Lächeln umspielte seine Lippen.

Giselas schöne braune Augen sprühten auf.

»Weshalb?« wiederholte sie. »Weil gesund sein ›leben‹ heißt – weil es mich beleidigt und verletzt, ewig der Gegenstand des allgemeinen Mitleids zu sein – weil ich die letzte Sturm bin! Ich will nicht, daß dies hohe Geschlecht in einem elenden, gebrechlichen Geschöpf endet... Wenn ich in die Welt eintrete –«

Die Baronin hatte bis dahin Frage und Antwort spöttisch lächelnd, doch vollkommen ruhig mit angehört – in diesem Augenblick aber überflammte eine Scharlachröte ihr Gesicht.

»Ah – du willst zu Hofe gehen?« unterbrach sie das junge Mädchen.

»Sicher, Mama«, antwortete Gisela ohne Zögern. »Ich muß ja schon um der Großmama willen – sie ist ja auch zu Hofe gegangen... Ich sehe sie noch, wenn sie, mit Brillanten bedeckt, abends in mein Zimmer kam, um mir adieu zu sagen... Aber ich habe auch einmal gesehen, wie ihr das Diadem einen tiefen, roten Streifen in die Stirne gedrückt hatte – ich habe einen wahren Abscheu vor den kalten, schweren Steinen, und es macht mir angst, zu denken, meine Stellung könnte mich einmal zwingen, Großmamas Brillanten zu tragen.«

Sie fuhr unwillkürlich mit beiden Händen nach dem warmen weißen Halse, als fühle sie dort bereits das eiskalte, gleitende Diamantkollier.

So sehr auch der Minister seine Züge in der Gewalt hatte, über ein Erbleichen, das bei Erwähnung der Brillanten seine Wangen bedeckte, vermochte er doch nicht zu gebieten. Er schleuderte seine Zigarre als unbrauchbar weithin über die Wiese und beschäftigte sich angelegentlich damit, eine bessere in seinem Etui zu suchen.

Das schöne Gesicht seiner Gemahlin aber versteinerte förmlich in dem Ausdruck finsteren Nachsinnens. Sie rührte unablässig mit dem Löffel in der Schokolade – diese strahlenden Augen senkten sich sonst nie – innere Beschaulichkeit war nicht Sache Ihrer Exzellenz – jetzt aber breiteten sich die langen Wimpern wie ein unheimlicher Schatten über die weißen Wangen.

Als ob er nicht eine Silbe von dem Wortwechsel der beiden Damen gehört habe, sagte der Minister nach einer Pause ganz in dem gütig nachgiebigen Tone, den er früher dem kranken Kinde gegenüber stets festgehalten hatte: »Ich sehe schon, daß ich unserem guten alten Medizinalrat werde den Laufpaß geben müssen – er imponiert seiner kleinen eigensinnigen Patientin nicht mehr – und dich zu irgend etwas zwingen zu wollen, kann mir nicht einfallen, Gisela... Vielleicht gefällt dir Doktor Arndt in A.; ich werde ihn kommen lassen, denn, Kind – so himmelstürmende Begriffe du auch von deinem Gesundheitszustand hast – du bist noch lange nicht hergestellt, im Gegenteil, der Medizinalrat prophezeit für die allernächste Zeit einen um so heftigeren Ausbruch deiner Anfälle als –«

Er hielt inne und blickte mit gerunzelter Stirne nach der entgegengesetzten Seite des Waldes.

»Sehen Sie doch dort einmal hinüber – ich glaube, es kommen Leute«, sagte er zu einem herbeigerufenen Lakai.

»Exzellenz, der nächste Fußweg nach Greinsfeld geht hier vorüber«, wagte der Mann vorzustellen.

»Sehr weise bemerkt, lieber Braun – so viel weiß ich auch, will aber nicht, daß die Leute vorbeigehen, wenn ich da bin; es führen noch andere Wege nach Greinsfeld«, sagte der Minister scharf.

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