Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Eugenie Marlitt >

Reichsgräfin Gisela

Eugenie Marlitt: Reichsgräfin Gisela - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleReichsgräfin Gisela
authorEugenie Marlitt
year1996
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-23760-6
titleReichsgräfin Gisela
pages3-462
created20000608
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1869
Schließen

Navigation:

12

Am anderen Tage waren die Jalousien vor den Fenstern der Gemächer, welche die Baronin Fleury bewohnte, fest geschlossen – die Dame litt an heftigen Nervenkopfschmerzen infolge der gestrigen Fahrt und Sonnenhitze. Sie ließ niemand vor sich; in den naheliegenden Korridors herrschte Totenstille, und daß nichts, nicht einmal das leise Geräusch einer knarrenden Sohle die Leidende störe, dafür sorgte schon der Minister, der, wie man sich erzählte, seine schöne Gemahlin noch ebenso abgöttisch liebte wie am Hochzeitstage.

In dem gegenüberliegenden Schloßflügel, der die Fremdenzimmer enthielt, ging es um so geräuschvoller zu. Am frühen Morgen schon kamen Handwerker aus A. in Begleitung eines großen Möbelwagens. Die seit Prinz Heinrichs Zeiten nicht erneuerten und deshalb sehr verblaßten seidenen Bett- und Fenstergardinen wurden abgenommen – man riß die veralteten Tapeten von den Wänden, um sie neu, und zwar in sehr kostbarer Weise zu ersetzen, vertauschte die unmodernen Kristallkronleuchter mit Bronzelüstern und schaffte die, wenn auch immer noch wertvollen, aber doch altmodisch gewordenen Möbel in entlegene Räume.

Seine Exzellenz leitete dies alles selbst mit peinlicher Sorgfalt und Genauigkeit – es handelte sich aber auch um nichts Geringeres als einen fürstlichen Besuch... In dem prachtvollen, von königsblauem Seidenstoff umrauschten Bette sollte der Landesherr schlafen, die aus Paris mitgebrachten herrlichen Spiegel sollten sein fürstliches Antlitz widerstrahlen, und die Statuetten und Gemälde, die halb ausgepackt umherstanden, seine verwöhnten Augen ergötzen.

Dem Fürsten waren auf seiner jüngsten Reise zufällig einige das Regiment seines Ministers in sehr greller Weise beleuchtende Zeitungen in die Hand gefallen – er war tief empört gewesen über diese »Schmähartikel« und das »Lügengewebe«, und um seinem so gehässig angegriffenen Liebling eine augenfällige Genugtuung vor aller Welt zu geben, hatte er sich als Gast auf dem Landsitz des Ministers angemeldet.

Das war eine Auszeichnung, deren sich auch nicht eine adlige Familie des Landes rühmen konnte – es mußte mithin alles geschehen, um durch möglichste Glanzentfaltung der seltenen Gnadenbezeigung würdig zu werden... Wie leicht wurde das Seiner Exzellenz – er brauchte ja nur in seinen französischen Säckel zu greifen!... Übrigens schüttelten die Schloßleute die Köpfe – er hatte bei seiner Ankunft außergewöhnlich heiter ausgesehen, und nun war er über Nacht mürrisch und über alle Begriffe übellaunig geworden – ein sorgfältiger Beobachter hätte sogar einen neuen Zug in dem sonst so streng beherrschten Gesicht finden können, den der geheimen Sorge... Mit der jungen Gräfin und Frau von Herbeck war er nur beim Diner zusammengekommen, und er, der sich sonst bei seinen Besuchen auf Greinsfeld und Arnsberg in Sorgfalt und Aufmerksamkeiten für sein krankes Stieftöchterchen förmlich erschöpfte, er hatte ihr zerstreut und einsilbig gegenübergesessen, während Frau von Herbeck an sich selbst die traurige Erfahrung machen mußte, daß die beißende Satire Seiner Exzellenz während des letzten Pariser Aufenthaltes bedeutend an Schärfe gewonnen hatte.

So war der erste Tag verstrichen. Nun lag ein prachtvoller Morgenhimmel über dem Thüringer Wald. Das junge Sonnengold und der leise vorüberziehende frische Morgenwind sogen die letzten Taureste von den Baumwipfeln; unten aber, im Waldesdunkel, auf den Erdbeerblättern und Farnkräutern rollten noch die hellen Tränentropfen der Nacht und klammerten sich an die kleinen Moose, um nicht in die schwarze durstige Erde zu versinken.

Das weiße Schloß lag glitzernd inmitten seiner Springbrunnen, Boskette und Alleen. Es hatte seine sämtlichen Jalousien aufgeschlagen – auch die vor den Fenstern der Baronin. Die Dame war vollkommen erholt und erfrischt aufgestanden und hatte befohlen, daß im Walde gefrühstückt werden solle. Nun wandelte sie allein durch den Schloßgarten; ihr Gemahl war im Fremdenflügel beschäftigt und wollte nachkommen, und Frau von Herbeck saß noch bei der Toilette, ohne sie aber sollte die junge Gräfin nach den vorgestern ganz besonders aufgefrischten Verhaltungsmaßregeln das Schloß nicht verlassen.

Die schöne Frau hatte eine Morgentoilette gemacht, die im Boulogner Hölzchen weit eher am Platz gewesen sein würde, als hier unter den ehrlichen deutschen Eichen und Buchen, zwischen deren einsamen Stämmen höchstens die verdutzten Augen eines beerensuchenden Kindes erschienen... Die Dame sah aus wie eine sechzehnjährige Schäferin eines Watteauschen Gemäldes, in dem hochgeschürzten Rock aus milchweißem, weich niederfallendem Stoff, den ein himbeerfarbener Streifen umsäumte. Tief in die Stirn gedrückt lag ein helles Strohhütchen auf dem blauschwarzen Haar, das nicht, wie ehemals, in prachtvollen Ringeln auf die Brust fiel – Pariser Zofenhände hatten diese wuchtigen Strähnen am Hinterkopf zu jenem abscheulichen Gebilde aufgenestelt, das die Welt »Chignon« nennt... Trotz dieser entstellenden Haartracht war es doch ein verführerisch schönes Weib, das leichten Fußes durch die taufrischen Gebüsche schritt.

Der Platz im Walde, wo gefrühstückt werden sollte, lag nicht weit vom See – ein schmaler Durchhau umfaßte ein Stück seines Spiegels und ließ es hinüberleuchten auf die engbegrenzte, von Buchen beschattete Waldwiese. Diese kleine Oase hatte Prinz Heinrich sehr geliebt – zierlich gemeißelte steinerne Tische und Bänke standen umher, und unter dem Lieblingsbaum des fürstlichen Herrn, einer prachtvollen Rotbuche, erhob sich auf einem Sockel von Sandstein seine lebensgroße, in Erz gegossene Büste... Auch hier lief die Grenze des Zweiflingenschen Forstes ziemlich nahe vorüber – einzeln eingestreute Weißbirken blinkten fernher durch das Unterholz und bezeichneten gleichsam die Scheidelinie, und bei stillem Wetter drang das Dohlengeschrei von den Türmen des Waldhauses herüber.

Die Baronin Fleury beschleunigte ihre Schritte, als sie in den Wald eintrat. Ihr schönes Gesicht zeigte nichts von jenem stillbehaglichen Genuß, den ein Spaziergang im morgenfrischen Wald gewährt – es lag vielmehr ein Ausdruck von Spannung und Neugier in den schwarzen Augen... Sie umschritt den See und betrat den Holzweg, an dessen Mündung die junge Gräfin vorgestern den Kahn angelegt hatte, während die Kinder sangen. Durch das Gebüsch schimmerte unfern das weiße Tuch, das die Lakaien über den Frühstückstisch gebreitet hatten, aber die Dame huschte mit einem scheuen Blick nach den hantierenden Dienern weiter auf dem Weg, der direkt in das alte Zweiflingensche Revier lief... Bis zu einer gewissen Stelle, die gleichsam den Knotenpunkt zweier sich abzweigender Pfade bildete, war sie auch früher gar manches Mal gewandert, weiter aber nicht – diese schmalen Schlangenlinien mündeten ja in der Nähe des Waldhauses. Die hochgestiegene letzte Zweiflingen gestattete weder ihrem Gedächtnis noch ihrer Umgebung, sie je an die Zeit des Mangels und der Erniedrigung zu erinnern, und aus dem Grunde hatte sie nie wieder die Schwelle des alten Jagdhauses betreten.

Heute aber wurde der Rubikon überschritten. Die Vögel, die im Dickicht brüteten, schwirrten aufgescheucht in die Baumkronen und schrien mit vorgestreckten Hälsen auf die Frauengestalt nieder, die geschmeidig zwischen den feuchten Zweigen hineilte, ohne daß ein Tautropfen ihr helles Gewand benetzte... Die Weißbirken lagen längst hinter ihr, und nun wurde allmählich der Weg breiter, die Bäume traten auseinander, und hinter dem Gebüsch, das schleierartig zerfloß, erschien das graue Gemäuer des Waldhauses.

Die Baronin trat hinter einen Strauch, bog die Zweige auseinander und sah hinüber – sie hatte die Fassade vor sich.

In A. war dies alte Schlößchen mit seinem neuen fremdartigen Bewohner das Tagesgespräch. Man erzählte sich Wunderdinge von den fabelhaften Reichtümern des Portugiesen... Dieser Herr von Oliveira – jene einfachen Leute konnten sich nun einmal keinen hervorragenden Menschen ohne das »von« oder einen Titel denken – hatte ja das schönste Haus in A. für eine Unsumme gemietet: Man wußte ganz genau, daß er den Winter in der Residenz zubringen und sich bei Hofe vorstellen lassen wolle, und wer so bevorzugt gewesen war, ihn einmal von fern zu sehen, der schwur, daß er dem schönsten Kavalier, den das Fürstentum je gesehen hatte, dem verstorbenen Major von Zweiflingen, an Ritterlichkeit und aristokratischer Würde in der äußeren Erscheinung völlig gleichzustellen sei – das Waldhaus aber sollte er in einen wahren Feensitz umgewandelt haben.

Das konnte die schöne Lauscherin nun zwar nicht finden, allein ein originelles Gepräge hatte der alte Bau jedenfalls erhalten.

Der schmale Wiesenfleck, der sich ehemals vor seiner Front hinstreckte, beschrieb jetzt einen weiten Bogen; er war mit Kies bestreut, nur in seiner Mitte dehnte sich ein geschorenes Rasenrund. Früher hatte hier ein Brunnen einfachster Art gestanden, ein Steintrog, in den das perlende frische Quellwasser aus hölzerner Röhre floß – jetzt lag auf der Grasfläche ein kolossales Granitbecken, aus dessen Mitte ein kräftiger Wasserstrahl hoch in die Lüfte stieg. Diese unmittelbar aus dem Herzen des Waldes emporschießende kristallhelle Säule mit ihrem buntfarbigen Aufsprühen, Rauschen und Plätschern inmitten der vielhundertjährigen Eichenwipfel hauchte einen wahren Märchenzauber in das Stück Waldeinsamkeit... Der unwillkürliche Gedanke an Verzauberung wurde befestigt durch das undurchdringliche Gespinst der Aristolochia, deren dünne, grüne, ins Unendliche wachsende Arme sich dämonisch gewaltsam des grauen Gemäuers bemächtigten. Da standen die zwei ins Horn stoßenden Edelknaben zu beiden Seiten der Treppe, wie die im hundertjährigen Schlaf erstarrten Gestalten des Märchens; die grünen Schlangen umstrickten die schlanken Glieder und ließen ihre riesigen Blätter von den steinernen Schultern flattern. Bis hinauf über die Turmzinnen krochen sie, um mutwillig in das uralte Dohlengeniste zu gucken, und streckten sich von dort aus begehrlich nach den Eichenwipfeln – es sah aus, als sollten allmählich Wald und Haus und der springende Wasserstrahl in eine grüne Dämmerung zusammengesponnen werden.

Die Fenster jedoch hatten sich der gefährlichen Umarmung entzogen – der neue Besitzer schien Luft und Licht zu lieben. Statt der erblindeten, in Blei gefaßten runden Glastafeln umschloß der steinerne Fensterrahmen jetzt große Spiegelscheiben; durch sie fiel das Licht von zwei Seiten in die Halle, deren beide sich gegenüberliegende Türen weit zurückgeschlagen waren.

Der schönen Frau kam auch nicht das leiseste Gefühl der Wehmut, als ihre Blicke über die mit Holztapeten bekleideten Wände hinglitten, die Jahrhunderte hindurch die Ahnenbilder der Zweiflingen auf ihrer Fläche getragen hatten; hatte sie doch mit froher Hast die Erlaubnis zum Verkauf des »alten Nestes« gegeben, und der Erlös – das ganze Erbteil der letzten Zweiflingen – war gerade hinreichend gewesen, zwei brillante Pariser Hoftoiletten zu bezahlen.

Auf den Steinfliesen der Halle lagen Tiger- und Bärenfelle; schwere, ziemlich derb gearbeitete Stühle und Tische von Eichenholz standen gruppenweise in der Mitte und in den vier Ecken, und an der Decke hing ein prachtvoller, aus Waffen zusammengesetzter Kronleuchter. Verweichlicht schien der neue Bewohner nicht zu sein; da sah man weder Polster noch Vorhänge, und auch nicht eine Spur jener zierlichen Nippes und Gerätschaften ohne Zweck, mit denen sich die jungen Herren unserer Tage umgeben – wohl aber bezeugten die am Boden liegenden Tierfelle und eine auserlesene Waffensammlung an der südlichen Wand, daß der Mann es liebe, seine Kraft im Kampfe mit den grimmigsten Feinden des Menschen zu erproben.

Auf der Terrasse stand ein gedeckter Tisch, und das sämtliche darauf befindliche Trinkgerät bestand aus gediegenem Silber, das erkannte das geübte und verwöhnte Auge der vornehmen Dame sofort. Der Herr des Hauses hatte ohne Zweifel hier gefrühstückt, in diesem Augenblick jedoch stand sein Stuhl leer, und diese Abwesenheit nutzte ein Papagei weidlich aus, indem er das liegengebliebene Weißbrot auf dem Tisch umherzerrte. Nach jedem Bissen, der ihm vortrefflich zu schmecken schien, schrie er aus Leibeskräften: »Rache ist süß!«, lief auch wohl bis an den Rand des Tisches, so weit seine Kette reichte, und belferte nach einem der steinernen Edelknaben, auf dessen Schulter ein allerliebstes Löwenäffchen kauerte – es saß bewegungslos und starrte melancholisch in den deutschen Wald hinein.

Plötzlich fuhr die lauschende Dame auf, und ein finsterer, gehässiger Zug entstellte die feinen Lippen – wie kam der widerwärtige Mensch hierher?... Mußten denn das Waldhaus und diese verhaßte Erscheinung immer und ewig miteinander verknüpft sein?...

Es war der alte Sievert, der aus der Halle trat. Auch ihn hatte die Baronin nicht wiedergesehen... Das war noch dasselbe dunkle Gesicht mit den harten, grob zugehauenen Zügen, das einst so frech gewesen war, der unwiderstehlichen Jutta von Zweiflingen stets und immer eine unerbittliche Strenge entgegenzuhalten – aber gealtert hatte der Mann nicht, und jetzt, wo ein Sonnenstrahl über seinen Kopf hinlief, sah man die helle, frische Röte einer gekräftigten Gesundheit auf seinen Wangen leuchten.

Er schalt den Papagei und klopfte ihn mit einem silbernen Löffel auf den Rücken, worauf sich das Tier schreiend aus dem Staube machte und schleunigst auf seinen Ring zurückkletterte. Der alte Soldat räumte das Geschirr zusammen, nahm einige auf den Stühlen umherliegende aufgeschlagene Bücher, um sie sorgfältig auf dem Tisch zu ordnen, rückte einen Zigarrenkasten daneben und trat dann, die Platte mit dem Silber auf dem Arm, in die Halle zurück.

Dieser Anblick genügte, um der schönen Frau sofort eine Flut verhaßter Erinnerungen aufzudrängen... Der schreckliche Mensch dort hatte sie einst gezwungen, hier und da den schwarzen Kochtopf in die Hand zu nehmen, in die Hand, die jetzt den Ehering des mächtigsten Mannes im Lande trug – der Gedanke, daß diese weißen Finger ein Verbrechen begangen hätten, hätte die Dame nicht mehr aufregen können, als die Erinnerung an die schändenden Rußflecken... Ferner hatte sie recht gut gewußt, daß der alte Soldat zu Ende des Quartals stets den Unterhalt für sie und ihre Mutter aus seiner Tasche bestritten hatte – die Baronin Fleury, Exzellenz, hatte somit Bettelbrot gegessen; und dort in dem Turmzimmer. war die alte, blinde, eigensinnige Frau gestorben mit den furchtbarsten Anklagen auf den Lippen gegen den, dessen Namen die Tochter jetzt führte; auf jener Terrasse aber hatte einst in einer lauen Sommernacht ein Mann gestanden, der hohe, schöne Mann mit dem prächtigen blonden Vollbart, dem schweigsamen Mund und melancholischen Gesicht, und an seine Brust hatte sich ein junges Mädchen geschmiegt, auf seinen ungestümen Herzschlag lauschend; über die Waldwipfel aber war der Mond gekommen, groß und voll, und das junge Mädchen hatte geschworen, geschworen – die Frau hinter dem Strauch fuhr in die Höhe wie von Furien aufgejagt – fort, fort!... Welcher dämonisch-heimtückische Zug hatte sie hierher geführt!...

Ihr verfinstertes Gesicht war totenbleich geworden, aber nicht unter den Schmerzen furchtloser Reue – das war Grimm, unauslöschlicher Haß, mit dem die schwarzen Augen noch einmal zurückblickten nach dem unseligen Hause, das die letzte Zweiflingen so »entwürdigt, kindisch und töricht« gesehen hatte – und doch haftete ihr flüchtiger Fuß plötzlich wieder am Boden, denn aus der Halle trat in diesem Augenblick auch eine Männergestalt.

Unser Pygmäengeschlecht steht heutigentags voll ungläubiger Verwunderung in den alten Rüstkammern und sinnt, was das wohl für Gestalten gewesen sind, die einst unter dieser Wehr- und Waffenlast sich so gewandt und unbeschwert bewegt hatten, als schritten sie leichtbeschuht über die Fliesen des Bankettsaales – dort stand eine solche Reckenerscheinung. Dieses schöne braune Gesicht würde sicher unter dem wuchtigsten Helm trotzig gelächelt haben, und die mächtige, kraftvolle Gestalt mit der breiten Brust und dem stolzgetragenen Haupte, die nach Frau von Herbecks Aussage »wie ein Gott« zu Pferde sitzen sollte, hätte wohl auch im klirrenden Eisenpanzer die südliche Geschmeidigkeit der Bewegungen nicht verleugnet.

Heute konnte die Baronin den Fremden mit mehr Ruhe und Muße beobachten; ein breitrandiger Pflanzerhut hatte vorgestern sein Gesicht halb beschattet; nun sah sie tiefgebräunte Züge mit der tadellosen Linie des Römerprofils, kein Bart verdeckte die klassische Rundung des Kinnes und der Wangen. Die braune Haut verdankte er offenbar mehr der Einwirkung des tropischen Himmels und seinen mutmaßlichen Strapazen und Streifzügen unter demselben, als seiner südlichen Abkunft; denn die Stirne, die der Hut beschützt hatte, war bleich wie Alabaster, aber seltsam – sie leuchtete förmlich, und doch gab gerade sie dem jungen Gesicht – der Mann mochte vielleicht dreißig Jahre zählen – den Ausdruck eines gereiften, finsteren Ernstes, ja, die zwei einschneidenden Furchen zwischen den stark entwickelten Brauen trugen entschieden das Gepräge des tiefsten Mißtrauens, einer förmlichen feindseligen Abneigung gegenüber dem gesamten Menschengeschlecht.

Mit einer eigentümlich sanften Bewegung, die an dieser hünenhaften Erscheinung doppelt auffiel, streckte der Portugiese seinen linken Arm aus; das Äffchen sprang hinüber und legte die kleinen Arme mit der Zärtlichkeit eines Kindes um den Hals seines Herrn – der lauschenden Dame kam plötzlich die rätselhafte Empfindung, als müsse sie das unschöne Tier von ihm wegschleudern... Hatte dieser heiß und jäh aufsteigende Gedanke die Eigenschaft eines fortspringenden elektrischen Funkens?... Der Portugiese schüttelte in diesem Augenblick das kleine Geschöpfchen ziemlich unsanft ab, trat an die Treppenstufe und sah gespannt und aufmerksam nach der Richtung, wo die Baronin stand – sie erkannte jedoch sofort, daß der Blick nicht ihr galt.

Schon einmal war der Neufundländer, der vorgestern dem Töchterchen des Neuenfelder Pfarrers das Leben gerettet hatte, an ihrem Versteck vorübergekommen – das Tier war rasch mit keuchendem Atem gelaufen, hatte, als werde es gejagt, den ganzen Kiesplatz durchmessen und war dann hinter dem Waldhause verschwunden – jetzt kam es wieder.

»Hero, hierher!« rief sein Herr hinüber.

Der Hund lief weiter, als habe er auch nicht einen Laut gehört; er beschrieb in seinem Lauf abermals den weiten Bogen um das Haus.

Der Mann dort war jedenfalls furchtbar jähzornig und heftig – seine braunen Wangen waren bleich geworden vor Grimm –, er sprang die Stufen herab und erwartete das laut keuchende Tier, das eben in gestrecktem Lauf wieder hinter dem Haus vorkam – ein erneuter drohender Zuruf blieb ebenso erfolglos wie der erste.

Mit zwei Sätzen sprang der Portugiese auf die Terrasse zurück, verschwand im Hause und kam sofort mit einer Pistole in der Hand wieder heraus.

Das widerspenstige Tier schien zu ahnen, daß ihm Gefahr drohe – dahinrasend, so daß sein Leib fast die Erde berührte, verließ es den Kiesplatz und bog in einen der Waldwege ein, die nach dem See führten – sein Herr, der es noch im Verschwinden sah, sprang ihm nach.

Nun floh aber auch die entsetzte Frau... Sie lief auf dem Wege zurück, den sie gekommen war; den Sonnenschirm fortwerfend, hielt sie beide Hände auf die Ohren, um den Schuß aus der Waffe des erzürnten Mannes nicht zu hören...

Der Weg, den der Hund eingeschlagen hatte, beschrieb weit mehr Schlangenwindungen als der, auf dem die Baronin flüchtete, und doch, als sie atemlos die Waldwiese erreichte, umkreiste das Tier dieselbe bereits ebenso wie den Kiesplatz – wohl streckte es die Zunge lechzend aus dem Rachen, allein die flüchtigen Füße zeigten keine Spur von Ermattung, es sah aus, als werde es von einer unsichtbaren Macht vorwärts geschleudert.

Die Lakaien hatten sich schützend vor den vollständig gedeckten Frühstückstisch gestellt, der jeden Augenblick in Gefahr war, umgerissen zu werden, aber keiner von ihnen wagte, sich an dem riesigen Tier zu vergreifen oder es fortzuscheuchen.

Fast mit der Baronin zugleich, nur von einer anderen Seite, trat der Portugiese aus dem Walde, und in demselben Augenblick kam auch Gisela in Frau von Herbecks Begleitung vom See her – die schöne Frau stürzte auf die beiden Damen zu.

»Er ist ein Wüterich!... Er will den Hund erschießen, weil er ihm nicht gehorcht!« flüsterte sie mit bebender Stimme und deutete nach dem Mann, der mit bleichem Gesicht dort stand – trotz der inneren Erregung hob er mit einer ruhigen beherrschten Bewegung den Arm. –

»O mein Herr, der Hund hat einem Kinde das Leben gerettet!« rief Gisela – sie flog über die Wiese und warf sich zwischen den heranrasenden Hund und seinen tief erbitterten Herrn; sie fühlte sich plötzlich von einem Arm umfaßt und hinweggerissen, zugleich krachte ein Schuß, und das prächtige Tier brach dicht vor ihren Füßen zusammen. Das junge Mädchen, das nie auch nur die leiseste Berührung einer anderen Hand duldete und infolge dieser seltsamen Scheu selbst Lenas Dienstleistungen beharrlich zurückwies, es wurde jäh an ein heftig klopfendes Herz gepreßt; sie fühlte den Atem eines Menschen über ihre Stirne hinstreichen – entsetzt schlug sie die Augen auf – sie sah in das tief herabgebeugte Gesicht des Portugiesen, dessen dunkle Augen mit einem rätselhaften Ausdruck auf ihr ruhten... Die gräfliche Waise hatte in ihrem Leben unzähligemal die Besorgnis um ihren leidenden Zustand aussprechen hören, immer dieselben Phrasen, die ihr gesundes Gefühl abstießen und sie schließlich zu einem fast rauhen Widerspruch herausforderten; ein Blick voll wirklicher zärtlicher Angst aber läßt sich nicht heucheln, ihn hatte sie nie kennengelernt, und deshalb begegneten ihre Augen verständnislos denen des Portugiesen...

Dagegen begriff sie sofort, daß er sie nur hinweggerissen hatte, weil sie ihm im Wege war, und daß Frau von Herbecks Ausspruch: »Er suche etwas darin, sie zu beleidigen«, begründet sei – denn er zog urplötzlich seinen Arm an sich und trat jäh zurück, als habe er den kalten Leib einer Schlange berührt.

Dies alles hatte sich in wenige Augenblicke zusammengedrängt. Der Portugiese warf die Pistole von sich und bog sich über den Hund, der, unmittelbar ins Herz geschossen, ohne Laut verendete... Wie tief gruben sich in dem Moment die verhängnisvollen Linien in die weiße Stirne des Mannes, aber im Verein mit den fest aufeinander gepreßten Lippen machten sie nur den Eindruck eines finsteren Schmerzes.

Er sah nicht auf, als jetzt auch die Baronin und Frau von Herbeck herübereilten.

»Aber, teuerste Gräfin, wie unvorsichtig! Welchen Schrecken haben Sie uns gemacht; mir zittern alle Glieder vor Aufregung!« rief die Gouvernante mit fliegendem Atem und breitete die Arme aus, als wolle sie das junge Mädchen schützend an ihre Brust ziehen; ein finsterer Blick aus den braunen Augen machte jedoch die gehobenen Arme sofort sinken. Ihr emphatischer Ausruf war verunglückt – es schien sich niemand dafür zu interessieren, daß sie sich erregt hatte. Sie trat dicht an den Hund heran.

»Armes Tier – daß es hat sterben müssen!« sagte sie mitleidig; aber diese Frau verstand sich meisterhaft auf die Modulation ihrer Stimme – der Vorwurf in diesen Tönen klang förmlich beleidigend.

Der Portugiese richtete sich empor und sah auf die Gouvernante nieder – sie meinte, unter diesem Blick versteinern zu müssen.

»Glauben Sie denn, meine Dame, ich habe das Tier zu meinem Vergnügen niedergeschossen?« fragte er mit einem seltsamen Gemisch von Zürnen, Sarkasmus und Schmerz – der Mann sprach ein schönes, reines Deutsch.

Er streckte einem der hinzugetretenen Lakaien, der sich niederbog, um das Fell des Tieres zu streicheln, abwehrend die Hand entgegen.

»Seien Sie vorsichtig – der Hund war toll!« warnte er.

Jetzt schnellte Frau von Herbeck mit einem lauten Aufschrei zurück – ihr Fuß hatte fast die Schnauze des toten Tieres berührt. Die Baronin dagegen trat furchtlos näher; sie hatte sich bis dahin mehr seitwärts gehalten.

»Dann haben wir ja alle Ursache, Ihnen für die Errettung aus großer Gefahr zu danken, mein Herr!« sagte sie – nur dieser Frauenmund konnte so hinreißend und zugleich so vornehm unnahbar lächeln –, »ich wohl ganz besonders«, fuhr sie fort; »denn ich ging eben noch mutterseelenallein im Walde spazieren.«

Es waren nur wenige nichtssagende Worte, die diese roten Lippen aussprachen, und doch schienen sie den Eindruck eines tiefsinnigen, schwer zu begreifenden Orakels zu machen – denn der Fremde stand, Auge in Auge, wortlos vor der schönen Frau. Sie kannte genau den Zauber ihrer blendenden Erscheinung, ihrer bestrickenden Stimme, allein diese blitzähnliche Wirkung war ihr neu... Der Mann rang offenbar mit sich selbst, um den Eindruck zu bekämpfen – vergebens, nicht einmal eine linkische Verbeugung brachte die so elegante, ritterlich gewandte Gestalt fertig.

Die Baronin lächelte und wandte sich ab; ihre Augen fielen auf die junge Gräfin, die mit fest aufeinander gepreßten Lippen die seltsame Bewegung beobachtete.

»Kind, wie siehst du aus?« rief sie erschrocken – ihre Besorgnis ließ sie offenbar alles um sie her vergessen. – »Jetzt werde ich auch wie Frau von Herbeck schelten müssen!... Es war unverantwortlich von dir, hierher zu laufen, wo dir der Schuß und der schreckliche Anblick die Nerven erschüttern mußten!... Wie magst du nur daran denken, jemals gesund zu werden, bei der Unachtsamkeit, mit der du dein Leiden behandelst?«

Dies alles sollte der Ausdruck zärtlicher Sorge sein, und doch – wie unpassend klangen die Vorwürfe, die ebensogut an ein zehnjähriges Kind gerichtet sein konnten, dem Mädchen gegenüber, das so jungfräulich und so stolz dort stand!... Über ein heißes Erröten, das über ihr weißes Gesicht bis an das mattblinkende Haar hinauflief, hatte sie keine Macht, wohl aber über ihre Lippen, die nicht ein Wort erwiderten. Sie hatte eine eigentümliche Art zu schweigen – das war weder das Verstummen blöder Verlegenheit noch eines trotzigen Verstocktseins –, so mild und ausdrucksvoll schweigt die geistige Überlegenheit, die jedes unnütze Wort geflissentlich vermeidet. Frau von Herbeck nannte das »den gräflich Völdernschen Dickkopf in ausgeprägtester Form«, eine Auffassung, die sie auch jetzt veranschaulichte durch maliziös zugespitzte Lippen und ein mißbilligendes Kopfschütteln.

Niemand beobachtete den raschen Blick, den der Fremde bei dem besorgten Ausruf der Baronin auf Gisela warf – wer ihn aber gesehen hätte, wie er unter den tiefgefalteten Brauen hervor die hohe, unnahbar stolze Mädchenerscheinung streifte, der würde für jenes junge Wesen gezittert haben, das unbewußt der Gegenstand einer wahrhaft fanatischen Erbitterung war...

Der Portugiese trat geräuschlos in das Gebüsch zurück und war verschwunden, als die Damen sich wieder nach ihm umwandten.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.