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Regenbogen

Ludwig Hevesi: Regenbogen - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleRegenbogen
authorLudwig Hevesi
year1892
firstpub1892
publisherAdolf Bonz
addressStuttgart
titleRegenbogen
pages242
created20101103
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Schuhe von Mentone.

Ein Abenteuer.

1889.

Es sind etwa fünfzehn Jahre her. Ich war zum erstenmale in Mentone. Ich war von allem entzückt, sogar von den Trinkgeldern. Auch diese gingen ja ins Blaue, ganz wie das Meer und der Himmel. Die Lage schien mir unvergleichlich. Zwei Buchten und dazwischen eine Landzunge, 216 während doch die meisten Seestädte nur eine Bucht zwischen zwei Landzungen haben. Und ich wohnte bei Madame Bignon, deren Mann den berühmten Restaurant in Paris hat. Man ißt gut bei Bignon . . . in Paris.

Besonders aber war ich von Rumpelmayer bezaubert. Sogar seinen Namen fand ich recht italienisch. Manchmal saß ich in seinem Kiosk am Kai stundenlang und sah hinaus gen Süden, um vielleicht die Bergspitzen von Korsika zu erblicken. Ich erblickte sie zwar nicht, aber was that das? Mein Eis war mittlerweile doch zerflossen, so daß ich es nicht mehr zu essen brauchte, und das war schließlich die Hauptsache.

Übrigens vergaß ich am ersten Morgen nicht nur an die Bergspitzen von Korsika, sondern selbst an die des Himalaya, die doch bedeutend höher sind. Die Bedienung im Hotel hatte mir nämlich in früher Stunde ein paar Schuhe ins Zimmer gestellt, die mir viel zu klein waren. Ich dachte anfangs an den Salzgehalt der Seeluft, welche vielleicht Lederwaren so zusammenziehe. Aber auch die Form schien mir geändert, der Schnabel spitzer, die Hacken höher und gar am Rande vergoldet. 217 Das schien mir doch weniger die Wirkung der Seeluft, als eines Vergolders zu sein. Und diese neuen, schmalen, geschweiften Sohlen. Auf der einen las ich eingepreßt die Buchstaben LLON, auf der anderen die Buchstaben VARI. Merkwürdig. »Llonvari,« sagte ich mir, »Llonvari.« Nur in Wales und in Spanien giebt es Wörter, die gleich auf einmal mit zwei »L« anfangen. Ich schellte der Bedienung und fragte sie, was »Llonvari« bedeute. Die Bedienung riß die Augen auf und wußte es so wenig wie ich. Dann, als sie die Schuhsohlen sah, lachte sie hellauf und rief: »Mais monsieur, das heißt ja »Varillon,« . . . Varillon ist der berühmte Schuster in Paris. Ha ha, wie viele Schuhe von Llonvari . . . ha ha . . . von Varillon habe ich schon an dieser Riviera geputzt . . . ha ha!« Ich schämte mich leise. Man steht doch nicht gern vor einer Bedienung als schlechter Philolog da.

Übrigens gehörten die Schuhe einer Dame, die mit ihrem Gatten nebenan wohnte. Es hatte nur eine Verwechslung stattgefunden, die sofort berichtigt wurde.

Nach dem Dejeuner ging ich in den Garten, 218 um unter der einzigen Palme meine Cigarre zu rauchen. Wie ich mich nach dem Hause umwende, sehe ich auf der Brüstung der Terrasse senkrecht aufgestellt eine Schuhsohle, deren Gesichtszüge mir so bekannt vorkommen. Unwillkürlich trete ich näher und lese darauf: LLON. Eine Amerikanerin, denke ich mir; sie sitzt im heimischen Schaukelstuhl und zeigt der Sonne einen Teil der Firma ihres Schusters. Das kann Herrn Varillon nur angenehm sein. Nach Jules Verne ist auch die Sonne bewohnt und diese Herrschaften sollen wissen, wo man die guten Schuhe bezieht.

Ich ging auf meine Stube und trat ans Fenster, um auf die Terrasse hinabzusehen. Da saß sie unter mir, groß und schlank, in einem weißen Morgengewand, mit weißem Pelzwerk besetzt. Auch ihr Gesicht war vom bleichsten Weiß, aber mit dem tiefsten Schwarz umrahmt. Sie sah aus, als wäre sie schon einmal begraben gewesen. Sie trug lange weiße Handschuhe und las ein dünnes Buch. Durch das Opernglas unterschied ich, daß es nur Tabellen enthielt. Langsam fuhr sie mit dem Zeigefinger die Blattseite herunter und machte dann mit ihrem Goldstift eine Randbemerkung.

219 Nachmittags sah ich sie in einer Viktoria fahren. Sie trug Farben, wie sie das Meer entschuldigt. Von ihren Brillanten fuhr hie und da ein Blitz weithin den Strand entlang. Neben ihr saß ein gelber Herr, in Schwarz gefaßt. Es giebt Länder, wo es Leute giebt, die vor ihrer Geburt das gelbe Fieber durchgemacht haben. Ich kannte einst einen Portugiesen, dem das zugestoßen war. Seine Mutter kam davon und schenkte ihm zwei Monate später das Leben. Und auch er war so gelb.

Das Paar schien mir unheimlich. Ich hatte das Gefühl, als müsse dieser Mann einen Revolver in der Tasche haben. Die Dame hatte ihren mohnroten spanischen Fächer zwischen sich und ihm ausgespannt. Sie fuhren spazieren, mit einer spanischen Wand zwischen sich.

Das müde, scheintote Antlitz der jungen Frau hob sich durchsichtig, wie das Profil eines Gespenstes, vom purpurnen Grunde ab. Es giebt Frauen, die neben ihren Männern so bleich werden. Und diese Männer straft niemand, das Volk steinigt sie nicht . . . Ich malte mir diese Ehe aus, wie einen Schauerroman. Viktor Hugo war damals noch gelesen. Ich malte mir den Gelben in den 220 schwärzesten Farben. Zuletzt erschoß ich ihn im Zweikampf, unter den Palmen von Bordighera, da wurde die weiße Frau plötzlich wieder rot . . . Es war ein spannender Roman.

—   —   —

Mehrere Tage sah ich die beiden nicht. Als sie wieder erschienen, hatte die Blässe der jungen Frau einen grünlichen Stich angenommen. Sie sah nun aus, als wäre sie schon zweimal begraben gewesen. Sie schien sehr erregt und fröstelte sichtlich. Wie eine Nachtwandlerin schwebte sie umher. Nicht einmal Brillanten legte sie an. Sie schien den Sinn für solchen Tand verloren zu haben.

Der gelbe Mann aber sah furchtbar aus. Die dicken schwarzen Büsche über seinen tief eingesunkenen Augen schienen mittlerweile zusammengewachsen. Er zerkaute seinen Schnurrbart und schlug mit dem Stocke mechanisch nach allen Gegenständen, die in sein Bereich kamen. Mir war, als trage er jetzt in jeder Tasche einen Revolver.

Nie hörte ich die beiden ein Wort wechseln. Nur in der Nacht ging es jenseits unserer Zwischenwand plötzlich laut her, sehr laut, und wurde dann wieder ganz still. Auf den leidenschaftlichsten Zank 221 folgte, jäh wie der Tod, stummes Schweigen. Er hat sie ermordet, dachte ich mir entsetzt und horchte. Ich wollte Leute rufen, ihr zu Hilfe eilen, . . . da hörte ich wieder ihre Stimme. Es war wie das Geklingel einer silbernen Glocke, wenn sie sprach.

Eines Tages waren sie wieder verschwunden.

—   —   —

Am anderen Morgen, zur Vermouth-Stunde, die ich mir in Südfrankreich angewöhnt hatte, saß ich bei Rumpelmayer. Es hatte die Nacht stark aus Süd geweht und die Brandung brach sich donnernd an der Quaderzeile des Strandes. Nur stellenweise lag unter der Kaimauer der Sand zu Tage.

Ich sah den Wogen zu, wie sie hochgebäumt, mit flatternden Mähnen, in breiten Reihen zum Angriff heranstürmten. Neptuns Reiterscharen, die er aussendet, das Festland zu erobern. Auf dem Steinrande saßen etliche Fischer und deuteten hinab. Hinter ihnen standen andere und reckten die Hälse, um auch hinabzusehen. Burschen und Kinder sprangen gar unter Halloh in die Tiefe, auf den nassen Sand. Es war eine geräuschvolle Gruppe, die immer größer wurde.

222 »Ja freilich,« sagte Hyacinthe, der Kellner neben mir, »heute wird es Schuhe geben.«

»Schuhe?« wiederholte ich fragend.

»Bei Südwind giebt es die meisten Schuhe,« fuhr er fort. »Sie wissen ja . . .«

»Nichts weiß ich!« rief ich ungeduldig.

Er sah mich erstaunt an, als habe er plötzlich entdeckt, daß ich das Einmaleins nicht wisse. Dann rieb er sich ein wenig das frisch rasierte Kinn und wischte mit der Serviette nachdenklich über den benachbarten Tisch. Dann ging er nach der Thüre, nicht ohne im Vorbeigehen sämtliche Tische rechter Hand, wo er nämlich die Serviette hatte, abzufegen. Auf der Schwelle rief er einen Vorübergehenden französisch an:

»Was treiben denn die Leute da unten?«

»Eh, ça guette les souliers,« sagte dieser achselzuckend und ging weiter.

Dann kam ein italienischer Weinbauer vorbei. Auch den hielt er an und fragte ihn, aber italienisch:

»He, Gevatter, wißt Ihr vielleicht, wie die Stelle da unten an der Bucht heißt?«

»Wie sollt' ich nicht?« entgegnete der Mann, »spiaggia scarpe« (Strand der Schuhe).

223 Hyacinthe blieb auf der Schwelle stehen und sah nach den Wolken, ohne sich weiter um einen so ungebildeten Menschen, wie ich, zu kümmern.

Ich ging hinüber zu den Leuten und sah ihnen zu. Dicht am Fuße der Mauer standen zwei Schuhe neben einander. Ein mächtiger Holzschuh, wie die französischen Bauern sie weiter nach Westen tragen, und ein Halbschuh aus grobem Leder. Beide waren klumpvoll mit Seesand und der Lederschuh hatte seine Schwärze eingebüßt.

»Die sind während der Nacht angeschwemmt worden,« erklärte mir ein Fischer, unterbrach sich aber gleich: »Schau, Gigi hat wieder einen!«

Gigi war ein zehnjähriger Junge, der mit aufgestreiften blauen Beinkleidern im brandenden Schaum herumpatschte. Mit einem Stecken, der einen krummen Nagel trug, bohrte er eben einen schweren Gegenstand aus dem überschwemmten Sande heraus. Jauchzend schwang er ihn alsbald am Stocke und kam unter Klatsch und Platsch herangesprungen.

»Wirst du wohl schweigen!« brummte ihn ein Graubart an, der im Begriffe schien, sich nächstes Jahr wieder barbieren zu wollen. Gigi verstummte 224 und reichte ihm den Schuh hinauf. Er war jämmerlich zerweicht und mit einem Brei von Sand und Muschelschalen gefüllt, aus dem es grau niedertroff. »Das ist ein sardinischer,« murmelte der Alte, »ein Bergschuh mit runden Nägeln.«

»Ein Schiffer war der nicht, den das Meer aus ihm herausgeweicht hat,« bestätigte ein junger Matrose. »Gott geb' ihm die ewige Ruhe.«

»Heute bringen wir's auf ein halbes Dutzend,« meinte ein Dritter. »Aber den letzten da müßt Ihr mir lassen, meine Frau ist aus Sardinien gebürtig.« Die anderen hatten nichts dagegen, er nahm also mit der Linken den Schuh, während er mit der Rechten ein Kreuz schlug. »Lebt 225 wohl!« Ein paar Kinder folgten ihm triefend landeinwärts. Auch ich nahm, wie von ungefähr, denselben Weg. Wir bogen in ein Gäßchen, das zwischen Gartenmauern in holprigen Stufen bergauf klomm. Bald war der Mann mit dem Schuh durch ein Bretterthürchen in seine Vigna getreten. Ich blieb draußen stehen und blickte über den steinernen Zaun hinein. »Maria!« rief er ins Haus. Eine Frau mit dünnen weißen Zöpfen trat heraus. »Kennst du das?« fragte er, indem er ihr den Schuh hinhielt. – »Heilige Mutter!« schrie sie auf, »ein Schuh von Oristano!«

Sie hatten nun viel zu reden über den Schuh von Oristano. Die alte Frau fuhr sich in die Haare und schlug sich an die Brust, als wäre sie eine nahe Verwandte von ihm. Dann, als sie mich erblickte, mäßigte sie ihre Trauer und sagte über die Mauer weg zu mir: »Ein ertrunkener Schuh, Signor; ach mein Gott! . . . . Es ist bei uns Sitte, die ertrunkenen Schuhe fromm zu bestatten, in unseren Weingärten. Die sie getragen, liegen ja ohnehin tief im Meer und kein Christentum reicht bis zu ihnen hinab. Heilige Mutter, wer mag diese getragen haben? Vielleicht gar, Gott bewahr' 226 ihn davor, der Matteo, mein Schwager, . . . einen solchen Fuß hat er gehabt, bei Gott, ja!«

Und sie begruben den ertrunkenen Schuh. In einer Ecke der obersten Terrasse höhlten sie eine Grube aus, legten ihn hinein und deckten ihn zu. Und sagten ein Vaterunser für den, der ihn getragen und nun barfuß im Meere lag.

»Das bringt dem Weingarten Glück, signor.« wandte sich die Alte wieder an mich, den Schürzenzipfel noch am Auge. »Darum haben wir auch hier über der spiaggia scarpe die schönsten Reben mit den süßesten Trauben. Es giebt keine süßeren zwischen Genua und Nizza.«

»Könnten denn die Küstenbewohner anderwärts nicht auch die Schuhe bei sich begraben?« fragte ich.

»Mein Gott, sie thäten es gern,« rief sie ganz freudig, »aber zu ihnen kommen ja keine Schuhe. Alles Mögliche sonst wirft das Meer bei ihnen aus, aber Schuhe nur bei uns drunten an der spiaggia

Ich mochte wohl ein sonderbares Gesicht zu dieser Enthüllung gemacht haben, denn ihr Mann kam ihr zu Hilfe: »So ist es, moissiou, obwohl 227 manche Fremde es nicht glauben wollen. Heute haben Sie es selbst mit angesehen. Fragen Sie nur unten am Kai, so lang er ist, an beiden Buchten, ob irgendwo ein Schuh ausgeworfen worden. Nein; soweit ein Menschengedächtnis reicht, nicht. Immer an der spiaggia, alles an der spiaggia. Dort unten, von der Landspitze bis hinüber zur Boje. Jenseits der Boje nicht mehr. Jedes Kind weiß es und so habe ich's schon von meinem Urgroßvater gehört, der hundert Jahr alt wurde.«

»Aber . . .« unterbrach ich ihn.

»Den Grund davon, meinen Sie, signor? . . . Ja, den weiß niemand. Nicht einmal der Pfarrer. Nur der Apotheker; der will ihn aber nicht sagen. An der Thatsache selbst zweifelt niemand. Am wenigsten bei Scirocco, denn er ist ein förmlicher Schuhlieferant für die spiaggia scarpe

Als ich in die Stadt hinunterkam, hörte ich von allen Seiten dasselbe. Auch Hyacinthe, dieser Skeptiker in weißer Schürze, bestätigte es in der Absinth-Stunde. Am Fuße der Strandmauer sah ich mit eigenen Augen bereits vier Schuhe verschiedenster Art stehen.

Die Sonne stand schon nahe dem Sehkreis 228 und ein blendender Glanz lag auf dem Meere. Der Wind hatte sich seit Mittag gelegt und der Wogendonner sich zu Wellengeplätscher ersänftigt. Gleich zarten Spitzenschleiern schmiegten sich die Schaumsäume der zerstiebenden Gewässer die Sanddüne hinan, wo sie zu verduften schienen. Ich stand im Hauche des Meeres, der wie leise Seufzer um meine Ohren wehte. Waren es die letzten Atemzüge derer, die einst in jenen Schuhen gestanden? Mußten auch sie, unerklärlicherweise, gerade diese kurze Uferstrecke suchen, mitten in der meilenweiten Linie zwischen Ost und West?

Ich setzte mich auf einen Zeltstuhl und verträumte mich über dem Geheimnis. Da weckten mich laute Rufe. Das Wort »Vergoldet« erregte meine Aufmerksamkeit besonders. Ich eilte auf die Gruppe los und sah einen Schuh von Hand zu Hand gehen. Einer riß ihn dem andern weg. Einen kleinen, spitzen Schuh mit hohen Hacken, deren Rand vergoldet war, als sei er über das glühende Meer dahergeschritten, ganz allein, im flüssigen Golde.

»Laßt sehen! laßt sehen!« schrie ich außer mir. »Ich kenne den Schuh da! Es muß eine Inschrift auf der Sohle stehen, die Buchstaben: LLON.«

»Ja, da sind Buchstaben,« riefen die Fischer und begannen zu buchstabieren: V . . . A . . .«

»R . . . I!« ergänzte ich wütend. Ich hatte mich schon wieder in den Hälften der Inschrift vergriffen. In einem solchen Augenblick, wo mir das Herz bis in den Hals hinauf klopfte. Mit Gewalt wand ich ihnen den Schuh aus den Händen. Ich erzählte ihnen etwas, ich weiß nicht 230 was, von einer Verwandten, nur damit sie mir den Schuh ließen.

Ich wickelte ihn in eine Zeitung und eilte ins Hotel zurück. Unterwegs war ich in einem Fieber. Auf dem sonnigen Pflaster vor mir her gaukelte das Blendwerk eines bleichen Gespensterwesens. Ich schaute in den blauen Himmel hinein, um das Phantom nicht zu sehen, aber da schwebte es über mir, wie ein silbernes Flaumengewölk. An den weißen Wänden der Häuser tanzte es noch weißer dahin . . . Die Unglückliche! . . . Die unseligste Frau! . . . Also doch ihm zum Opfer gefallen! Ich hatte es wohl geahnt. Warum war jener Traum nicht Wahrheit gewesen, als er unter den Palmen erschossen lag, der gelbe Teufel? O, dieser Vampyr! Dieser Oger! . . . Im Meer also! Im tiefen Meer! Ja, dort ist Ruhe . . .

Au der Hausthür traf ich niemanden, auch auf der Treppe nicht. Alles war mit der Table d'hote beschäftigt. Ich stürmte hinauf, an meiner Thür vorbei, an die ihrige. Ich riß sie auf und . . .

Sie stand vor mir. Sie selbst, die bleiche Frau, die totenbleiche, die ertrunkene. Sie, sie, deren Schuh ich da in der Hand hielt, aus dem 231 Meere aufgefischt, die Botschaft ihres Todes. Im Purpurlicht der Abendsonne stand sie da, noch immer bleich, aber wie blasse Rosen. Die schwarzen Strähnen schlüpften ihr wie Schlangen um die Schultern her, ringelten sich um Hals und Arme. Ein weißes, weiches Gewand umfloß ihre schlanke Form.

War es ihr Geist? Mit einer krampfhaften Bewegung griff ich nach der Erscheinung. Ich erwartete mit Sicherheit, daß meine Hand mitten durch das Gebilde hindurchfahren werde. Aber das Gespenst hielt stand, in meinen beiden Armen, an meine Brust gepreßt. Ich war verwirrt, es kam mir vor, daß man einen Geist auch küssen dürfe. Ich küßte ihn also, mit einer Art Grimm, auf den Mund . . . Erst da fand die bleiche Frau ein Wort:

»Well?« sagte sie verwundert, im Frageton.

»Rufst du mich, Amanda?« fragte eine männliche Stimme im Nebenzimmer, »ich bin gleich fertig.«

Es war in der That die höchste Zeit, meine Versuche über den Aggregatszustand der Geister zu beschließen und das Versuchsobjekt freizugeben. 232 Die Nebenthür ging auf und der gelbe Mann erschien.

Ich war in einiger Verlegenheit. Ich glaube, ich lud ihn ein, Platz zu nehmen. Vielleicht habe ich ihn auch gefragt, ob seine Gelbsucht schon gewichen sei. Oder wann er denn eigentlich seine Frau umbringen werde. Was weiß ich?

Übrigens konnte ich nicht umhin, die Bemerkung zu machen, daß er jetzt gar nicht so menschenfresserisch aussah und eine weit geringere Anzahl von Revolvern in der Tasche zu haben schien, als die Tage her. Auch die wenigen waren vielleicht nicht geladen.

Nach einigen Augenblicken war ich indes so weit gefaßt, daß ich mich höflich ausdrücken konnte. Ich that dies, indem ich den Schuh aus der 233 Zeitung wickelte und ihn mit einer Verbeugung der Dame reichte.

Sie schrie auf, wie jener Tyrann von jener griechischen Insel, der seinen ins Meer geworfenen Ring im Magen eines Fisches wiederfand. Sie traute ihren Augen nicht. Unter einer Reihe von kleinen Schreien und abgerissenen Worten der Überraschung reichte sie den Schuh ihrem Manne, nahm ihn wieder zurück, trat auf den Balkon, um ihn genau zu sehen. Schließlich streifte sie einen Pantoffel ab und zog den feuchten Schuh an. Kein Zweifel möglich, es war ihr Schuh.

»Wo haben Sie ihn her?« rief sie mit fliegendem Atem. Sie sah mich irr an, wie einen Hexenmeister.

»Von der spiaggia scarpe,« entgegnete ich, »wo die Schuhe der Ertrunkenen landen, diese Schifflein aus dem Jenseits.«

Da brach der gelbe Mann in ein Gelächter aus, von dem seine dicke Uhrkette rasselte.

»Nun, ertrunken bin ich eigentlich nicht,« lächelte die blasse Frau. »Nicht ganz.«

»Im Gegenteil, sie ist jetzt so recht über Wasser,« lachte der Gelbe weiter. »Und ich auch, 234 mein Herr. Wir sind wieder ganz flott jetzt, fürchterlich flott, sag' ich Ihnen. Haben Sie jemals eine Bank gesprengt, mein Herr?«

Ich fuhr in die Höhe. »Nicht, daß ich wüßte. Ich spiele überhaupt nicht.«

»Glücklicher Mensch,« hauchte die Bleiche mehr, als sie es sagte. Sie setzte sich auf den Sessel neben mich. »Ich liebe die Menschen, die nicht spielen.«

Der Gelbe schlug eine helle Lache auf. »Aber noch mehr die Menschen, die glücklich spielen . . . hoffentlich.«

Sie schwieg, was er nicht zu beachten schien, denn er fuhr in glänzender Laune fort: »Kennen Sie das Glück, mein Herr? Das rollende Glück, das dem Unglück so ähnlich sieht, wie eine Kugel der anderen? Vorige Woche waren diese Brillanten« – er machte einen mißlungenen Versuch, seine Frau auf ein Ohrläppchen zu küssen – »verpfändet . . .«

»Als ich Sie ohne Schmuck sah, Madame?« fragte ich etwas unnötig darein.

»Ganz richtig,« antwortete er für sie, »und gestern habe ich in Monte Carlo die Bank gesprengt . . . und heute wieder.«

235 Mir wurde unheimlich zwischen den beiden. Ich rückte an meinem Sessel.

»Bleiben Sie nur!« rief er lustig. »Nur das Unglück ist ansteckend. Ich habe eine Million gewonnen, das kann Ihnen unmöglich schaden. Wissen Sie, was das heißt, mein Herr, eine Serie von vierzehn Rouge? Und dann plötzlich, wie auf Diktando, in eine Serie von vierzehn Noir hinüberspringen. Niemand wagte mir zu folgen, nicht im Rouge und noch weniger im Noir. Wissen Sie, was es heißt, im Roulette dreimal hintereinander die 35 treffen? Als die Kugel das dritte Mal auf 35 stehen blieb, fiel dem alten Croupier die Harke aus der Hand und er leerte sein Glas Wasser auf einen Zug . . . . Doch ich will Ihnen das beim Souper ausführlich erzählen. Sie machen uns doch das Vergnügen, mit uns zu essen? Sie sind vom Schicksal dazu bestimmt, es hat Ihnen die Einladung meiner Frau gebracht in Form ihres Schuhes. Sehen Sie, das ist ein Zauberschuh. Die Spieler wissen es längst, daß nichts das Glück so sicher zwingt, als das Opfer eines Schuhes. Aber der richtige Schuh muß es sein! Diesmal hatten wir den richtigen getroffen. 236 Wie viele Tausende fahren mit dem Dampfer nach Monte Carlo und werfen einen Schuh ins Meer in dem Augenblick, da sie das Kasino von fern erblicken. Aber wie Wenige treffen den rechten! Das ist das Glück des Glückes, mein Herr. Schon die alten Ägypter haben das gewußt, aber es war ein Priestergeheimnis. Und die eleusinischen Mysterien arbeiteten viel mit diesem Schuh. Denn es ist alles nicht wahr, was die Gelehrten von Eleusis faseln . . ., Hazard wurde dort gespielt, ein Kasino war es. Sehen Sie mich nicht so erstaunt an. Ein amerikanischer Archäolog hat ein Buch darüber geschrieben. Übrigens, braucht es eines besseren Beweises?«

Er kniete vor seiner Frau nieder und riß ihr den Schuh vom Fuße. Er stellte ihn auf den Tisch und eilte ins Nebenzimmer. Spornstreichs kam er zurück mit zwei großen Ledertaschen, die er zitternd über dem Schuh ausleerte. Ein Berg von Bankbillets und Gold türmte sich über das niedliche Ding, unter Geraschel und Geklapper. Goldstücke sprangen auf den Stühlen umher und rollten das Zimmer entlang. Blaue Noten bäumten sich knisternd im Luftzug der offenen 237 Balkonthüre und flatterten auf den Teppich nieder. Es war die Hochflut Mammons, wie sie eintritt zwischen Ebbe und . . . wiederum Ebbe.

Der gelbe Mann aber stand hinter dem Berge und stemmte seine gelbe Faust mitten in den Schatz hinein. Seine Augen loderten und er lachte grell auf.

Mir schauderte. Ich empfahl mich, bis auf weiteres. Die blasse Frau reichte mir ihre durchsichtige Hand, deren Druck ich noch jetzt zu fühlen glaube. Der gelbe Mann begleitete mich bis vor die Thüre.

»Sie versteht mich nicht,« wisperte er mir ins Ohr, mit plötzlich verändertem Antlitz. »Sie haßt das Spiel und zehrt sich darin auf. Ich lebe darin, wie der Salamander im Feuer. Auf später also, nicht wahr?«

—   —   —

Es war Abend geworden. Jenseits des grauen Meeres lag ein blutroter Streifen in der Luft, bis über Monte Carlo hinaus. Mich fröstelte und ich knöpfte mich bis ans Kinn ein. Ich wollte durch einen raschen Gang warm werden. Vor mir in der Ferne sah ich zwei glühende Punkte, einen roten und einen grünen. Nur bis dorthin 238 wollte ich laufen und dann zurück. Als ich hinkam, sah ich, daß es die zwei herkömmlichen bocaux in den Schaufenstern eines Apothekers waren. Die mächtigen Glaskugeln, mit gefärbter Flüssigkeit gefüllt, hinter denen abends eine Gasflamme angezündet wird.

Da fiel mir jener Apotheker ein, der angeblich um die Schuhe von Mentone wissen sollte. Ich trat ein und wandte mich an den alten Bourgeois, der hinter dem Pulte stand. Ich muß gestehen, ich ging sehr diplomatisch zu Werke. Vor allem kaufte ich eine Flasche Pinaudsches Eau de 239 Quinine, was ihm ein gewisses Interesse für mich einzuflößen schien. Dann sagte ich wie von ungefähr:

»Heute wieder viele Schuhe auf der spiaggia gelandet.«

Er streifte mich mit einem mißtrauischen Seitenblick und sagte gedehnt. »Schuhe? Ja, . . . Ja wohl, an Schuhen fehlt es nicht in Mentone. Ist vielleicht noch etwas gefällig, mein Herr?«

»Allerdings,« entgegnete ich gähnend, gleichsam vor Gemütsruhe, »eine Flasche Eau de Botot, wenn's beliebt.« Und als ich meinen Botot neben meinem Pinaud stehen hatte: »Merkwürdig, daß die hiesige Bevölkerung noch immer nicht dahinter gekommen ist, woher die vielen Schuhe stammen.«

»Hm, ja,« räusperte er sich, »die Bevölkerung . . . Es wird schon einige geben, die es wissen. Aber das sind vermutlich Christen und wollen offenbar den Aberglauben nicht noch weiter verbreiten.«

»Und mit Recht; auch ich bewahre lieber solche Geheimnisse. Wer sie nicht kennt, braucht sie nicht zu kennen. Doch ich vergesse, . . . da ich einmal in einer Apotheke bin, . . . mein alter Katarrh verlangt wieder eine Flasche Eau de Guyot.«

240 Dieses Wasser ist bekanntlich sehr heilsam. Es half auch mir zusehends, denn der Apotheker dämpfte die Stimme und fuhr geheimnisvoll fort:

»Da Sie so diskret sind, und ein Fremder, kann ich Ihnen ja wohl so viel sagen, daß die Schuhgeschichte mit dem Spiel in Monte Carlo zusammenhängt.«

»Wem sagen Sie das?« versetzte ich mit geheucheltem Erstaunen. »Auch von mir muß einst ein Schuh an die spiaggia scarpe geschwommen sein. Vor Jahren; jetzt spiele ich längst nicht mehr.«

»Ach, Sie kennen also das Geheimnis? . . . Apropos, haben Sie schon einmal 241 die Guyotschen Pastillen versucht? Nicht das Wasser, sondern die Kapseln. Ich wäre wirklich neugierig, welches von beiden Ihnen besser dienen wird.«

»In der That, das muß ich einmal versuchen. Bitte, packen Sie mir so eine Schachtel dazu.« Und während er das Paket schnürte, fuhr ich fort: »Ich glaube auch zu wissen, was der Grund ist, daß jene Schuhe just an die spiaggia getrieben werden und nie an die Küste nebenan.«

»Ich weiß es auch,« rief er blinzelnd, »das hat ja die sardinische Marineverwaltung vor einem halben Jahrhundert durch Versuche herausgebracht. In einer Tiefe von etwa sechs Schuh hat das Meer eine starke Strömung, die von weither genau nach der spiaggia geht. Es scheint eine vulkanische Erscheinung zu sein, die auf Erwärmung des Meeresgrundes beruht, so daß das kalte Wasser das wärmere verdrängt.«

»Das ist ja genau, was ich darüber weiß,« stimmte ich bei. Ich hatte keine Ahnung davon gehabt.

—   —   —

Als ich ins Hotel zurückging, zogen mir diese 242 seltsamen Zusammenhänge durch den Sinn. Ich fühlte mich verdüstert und schwankte plötzlich, ob ich auch mit dem Gelben zu Nacht essen und nicht lieber ablehnen sollte. Da fiel mir das letzte Wort ein, das er mir ins Ohr geflüstert: »Sie versteht mich nicht.« Diese elegische Klage erschien mir jetzt so tragikomisch, daß ich hell auflachen mußte.

Ein unverstandener Mann also!

Armer Menschenfresser. Bemitleidenswerter Vampyr, der unverstanden durch die Welt gehen muß! Ein bitteres Geschick in der That. Und ich lachte noch fort, als ich in den kleinen Speisesaal trat, wo der Gelbe und die Weiße mich erwarteten.

 


 

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