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Regenbogen

Ludwig Hevesi: Regenbogen - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleRegenbogen
authorLudwig Hevesi
year1892
firstpub1892
publisherAdolf Bonz
addressStuttgart
titleRegenbogen
pages242
created20101103
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Buhu.

Eine schwarze Weihnachtshumoreske aus der Kinderstube.

1890.

Und wieder einmal hatte Onkel Joseph die ehrenvolle Aufgabe, die fünf kleinen Leute in der Kinderstube ein paar Stunden lang zu beschäftigen, während in der großen Wohnstube für sie der Christbaum gerüstet wurde. Denn diese fünffache Neugierde, die durch alle Fensterritzen schlüpfte und durch alle Schlüssellöcher kroch, wäre dabei überaus störend gewesen; aber freilich, es war auch nicht leicht, sie ohne Anwendung von Waffengewalt im Zaume zu halten. Glücklicherweise hustete Onkel 200 Joseph sehr stark und dies erleichterte ihm die Sache ungemein. Zur Behebung dieses Hustens war er nämlich im vorigen Winter nach Kairo gereist. Diese Stadt liegt in Ägypten und dieses Land gehört zu Afrika. Seitdem galt Onkel Joseph, obwohl er seinen Husten in Kairo nur verloren hatte, um ihn daheim sogleich wiederzufinden, für einen Afrikareisenden und konnte den Kindern gar nicht genug erzählen von dem schwarzen, schwarzen, pechkohlrabenschwarzen Weltteil da unten. Er hielt sich dabei vielleicht nicht ganz streng an die Wahrheit, aber das war von ihm auch nicht gut zu verlangen, denn »wer Teufel« – so sagte er – »kann so viel erleben, als er erzählen soll?«

Diesmal aber erzählte er lauter wahre Geschichten, und zwar aus dem Lande Buhu . . ., wo eben alles wahr ist. Buhu ist ein guter Name für ein schwarzes Land, denn man braucht den Kindern nur ein paarmal im tiefsten Tone vorzusagen: »Buhu! Buhu!« . . . so sind sie auch schon bezaubert, schreien ebenfalls: »Buhu! Buhu!« und wollen durchaus wissen, was es damit sei.

»Ja, Buhu,« begann also Onkel Joseph, nachdem sich die Fünf wie beim Photographen 201 um ihn geschart hatten, »Buhu ist ein Land in Zentralafrika.«

»Das ist gleich beim Zentralfriedhof, nicht wahr, Onkel Joseph?« fiel ihm der sechsjährige Otto ins Wort, der wegen seiner Frühklugheit auch Otto der Schlaue genannt wurde.

»Richtig, aber beim innerafrikanischen,« entgegnete Onkel Joseph. »O, ich habe auch diesen Friedhof gesehen, und denkt euch nur, Kinder, die Mohren sind dort so schwarz, daß selbst ihre Gerippe schwarz sind.«

»Onkel Joseph,« unterbrach ihn der achtjährige Konrad, in der Weltgeschichte als Konrad der Schlimme bekannt, »Onkel Joseph, ist dort auch der grüne Mohr, bei dem die Köchin unseren Zucker und Kaffee kauft, schwarz?«

»Natürlich, lieber Konrad,« rief der vielgestörte, aber geduldige Erzähler, »just der ist einer der schwärzesten. Die Buhu sind überhaupt die schwärzesten Menschen, die es giebt. Wenn zwei zugleich in einem Zimmer sind, muß man schon Licht anzünden. Sie sind so schwarz, daß ihr eigener Schatten neben ihnen ganz weiß aussieht. Wißt ihr, ich habe dort einmal versucht, einen 202 schlimmen Konrad mit dem schwarzen Mann zu schrecken, da hat er mich einfach ausgelacht. Und das Merkwürdige ist: je mehr sie sich waschen, desto schwärzer werden sie. Der Fußboden ist auch immer voller Tintenflecken, weil sie ganz schwarz spucken; es ist schon die reine Tinte, ich habe immer meine Briefe damit geschrieben.«

»Onkel Joseph, ist Papa dort auch schwarz?« fragte plötzlich, wie von einem Strahl der Erleuchtung getroffen, der fünfjährige Fritz, als König meistens Friedrich der Kleine genannt, damit er nicht etwa mit Friedrich dem Großen verwechselt werde.

Ein Glück, daß die zehnjährige Helene das vorlaute Brüderchen durch Kuchen zur Ruhe brachte, denn seine Frage war nicht mit Ja oder Nein zu beantworten. Und Kuchen ist ja auch eine Antwort. Helene war überhaupt ein so hochgebildetes Mädchen, daß ihre Freundin Sophie sie deshalb schon einmal einen Blaustrumpf genannt hatte. Dies fiel ihr jetzt ein und sie konnte sich nicht enthalten zu fragen, ob es in Buhu auch Blaustrümpfe gebe.

»O gewiß,« erwiderte Onkel Joseph, »das 203 heißt, die betreffenden Buhudamen streichen sich die Beine bis übers Knie hinauf mit blauer Farbe an, denn eigentliche Strümpfe giebt es dort noch nicht . . . Aber im übrigen sind die Damen ebenfalls ganz schwarz, so daß sie z. B. sehr schwer erröten können; eine allein bringt's gar nicht zu stande, sondern zwei andere müssen ihr dabei helfen. Die schlimmen Kinder sind diejenigen, die nicht ordentlich schwarz sein wollen, sondern sich davon zurückhalten; diese werden jeden Morgen gewichst, wie bei uns die Stiefel. Einmal ist ein Kind mit blauen Augen geboren worden; das war ein so unerhörtes Verbrechen, daß der ungeschickte Storch, der es gebracht, zur Strafe geschlachtet wurde.«

»Armes Vieh!« rief der siebenjährige Hans unwillkürlich; nicht umsonst hieß er in den Geschichtsbüchern des Hauses Hans der Gutmütige.

»Der schwärzeste aber von allen wird zum König gewählt und heißt Buhu der Soundsovielte. Zu meiner Zeit herrschte gerade Buhu der Zehnte. Ach Gott, den werd' ich nicht so bald vergessen, denn der war ein böser Herr. Bei einem Haar hätte er mich aufgefressen, aber glücklicherweise hatte ich dieses Haar.«

204 »Ah, jetzt wird's interessant!« rief Konrad.

»Schweig doch, Konrad!« riefen mehrere Stimmen.

»Als ich nämlich die Grenze überschritt,« fuhr Onkel Joseph fort, »wurde ich von den Zollwächtern plötzlich verhaftet. Noch dazu als Schwärzer. Ihr wißt ja, Kinder, daß ich Jägerianer bin, denn des Menschen Wolle ist sein Himmelreich, und zwar bin ich es noch mehr als Professor Jäger selbst, denn ich trage sogar meinen wollenen Regenschirm und statt Baumwolle Schafwolle in den Ohren. Wolle aber darf in Buhu nicht eingeführt werden, denn die wächst dort auf den Köpfen der Leute. Zwei große Dampfkrempeleien in der Hauptstadt besorgen jede Woche die Durchkrempelung aller der Krausköpfe von Buhu, damit die Wolle gut gedeihe. In Europa nennt man dergleichen Monopol, dort heißt es Buhupol. Ich wurde also verhaftet und bekam einen Zwangspaß mit Trauerrand nach der Hauptstadt, die gleichfalls Buhu heißt. Die Reise dahin war freilich sehr interessant, immer schwärzer wurde das Land, über dem sich gerade ein schwarzer Regenbogen wölbte; schließlich war schon alles schwarz, sogar die 205 Steinkohlen. Ich durfte auf einem Rappen reiten, aber der war gewiß auch nur ein schwarzer Schimmel. Zu essen bekam ich den ganzen Tag nichts, als ein Stück Schwarzbrot, mit Pflaumenmus bestrichen; wenigstens hielt ich's dafür, bis ich beim Essen merkte, daß das schmierige Zeug schwarze Butter war. Der Käse ist aber auch schwarz und nur die Löcher drin sind weiß.«

»Onkel Joseph,« fiel hier Otto, ein großer Käsefreund, ein, der sich schon oft darüber geärgert hatte, daß man die Löcher im Käse nicht auch essen kann; »Onkel Joseph, warum sind im Käse Löcher?«

»Aber liebes Kind, was sollte denn sonst darin sein? Es kann ja nichts anderes drin sein!« rief der ununterbrochen Unterbrochene beinahe ungeduldig. Dann sammelte er sich wieder und fuhr fort: »Die Stadt Buhu liegt in einem Wald von lauter Ebenbäumen, von denen das Ebenholz kommt. In diesem Wald wimmelt's von Millionen schwarzer Bienen, die aber keinen Honig, sondern Bärenzucker machen. Gerne hätte ich da ein wenig genascht, aber meine schwarzen Wächter trieben mich grausam vorwärts und warfen mich in einen schwarzen, fensterlosen Kerker. Es war ein 206 schauerlicher Ort, voll Gewürms jeder Art; darunter befand sich auch eine Plapperschlange (mit P) und das war meine einzige Unterhaltung. Ob sie schwarz war, konnte ich natürlich nicht sehen, aber wir wollen es hoffen. Es vergingen mehrere Tage, ohne daß ich zu essen bekam. Also verhungern soll ich! dacht' ich mir. Nun, es ist schließlich gleichviel, ob man in dieses oder jenes Gras beißt, und da wollte ich eben damit anfangen, als man mich plötzlich zu füttern begann. Auf welche Weise, das erratet ihr schwerlich. Herein kam niemand, Fenster hatte der Kerker auch nicht, die Thür aber war verschlossen. Man fütterte mich durch das Schlüsselloch. Und zwar mit lauter Makkaroni, denn eine andere Speise geht ja durch kein Schlüsselloch. Mit langen, schwarzen Makkaroni wurde ich also etwa acht Tage lang genährt. Auch etwas Schwarzmilch wurde mir durch einen dünnen Rohrhalm eingeflößt.«

Atemlos hing alles an Onkel Josephs Munde. Er aber fuhr fort:

»Da plötzlich ging eines Tages die Thür auf. Mau führte mich vor König Buhu den Zehnten. Er saß mitten auf dem Markt, auf einem Thron 207 von schwarzem Elfenbein. Um ihn her seine dreihundert Frauen und seine zehn Mütter, denn weniger Mütter hat ein Buhukönig niemals. Was mich aber noch mehr überraschte, war das Aussehen der Stadt. Während ich im Kerker saß, war nämlich der Winter eingetreten. Es hatte heftig geschneit, . . . schwarzen Schnee! Alles war dick bedeckt mit schwarzem Schnee. Die Buben warfen sich mit schwarzen Schneebällen und ringsum standen bereits mehrere große schwarze Schneemänner.«

Ein »Ah!« des Staunens ging durch die Zuhörerschaft. Das war denn doch etwas ganz Neues. Aber sie wurden geschwind wieder still, denn Onkel Joseph hub wieder an:

»König Buhu war gerade beim Speisen und sein Hofstaat huldigte ihm dabei, indem alle von Zeit zu Zeit, auf ein Zeichen des Ceremonienmeisters, im Chorus riefen: »König Buhu, deine Schwärze ist sehr groß!« Sie meinten aber damit seine Weisheit, denn daß Weisheit und Weißheit zweierlei sind, wissen ja jene ungebildeten Mohren nicht. Die Mahlzeit des Königs war aber auch sonderbar. Da gab es weiche Eier mit so dünner 208 Schale, wie das dünnste Seidenpapier. Ihr könnt euch denken, wie vorsichtig die von den Hühnern gelegt werden müssen, um nicht zu zerbrechen. Und wenn ein Aufwärter eines beim Auftragen zerbrach, wurde er sofort mit einem haarscharfen Schilfblatt geköpft. Noch merkwürdiger waren jedoch die Braten. Da sah ich z. B. ein gebratenes Gluckfohlen. Denn so wie wir Gluckhennen haben, haben die Buhu Gluckstuten, welche genau so mit ihren Fohlen umhergaloppieren und sie gluckend rufen. Ferner aß er die feinste Speise, die es dort giebt, nämlich Krammetsfrösche. Die sind auch sehr selten und so teuer, daß die ärmeren Leute sie gefälscht essen, indem sie gewöhnliche schwarze Frösche verschlingen und dazu einen schwarzen Wachholderschnaps trinken. Und ebenso merkwürdig war eine Art Käse beim Nachtisch. Was für einer, denkt ihr, war es? . . . Mäusekäse! Die Buhu haben nämlich eine Art schwarzer Mäuse, die sie züchten und melken. Der Käse aus ihrer Milch soll köstlich schmecken.«

»Pfui!« rief Helene, während die Knaben sämtlich mit den Lippen schmatzten.

»Aber ich hatte nicht lange Zeit, solche Studien 209 zu machen, denn König Buhu winkte seinem Koch, der mit einem langen Messer an mich herantrat, um mir ein Beefsteak aus dem lebendigen Leibe zu schneiden. Nun galt es Mut und Gewandtheit. Wenn mir nicht etwas Rettendes einfiel, war ich ein toter Mann, ja ein gefressener. Und mir fiel etwas ein. Der Koch war natürlich, wie alle anderen Mohrenkerle, barfuß, ich aber hatte Stiefel an. Das rettete mich. Denn wie er neben mich hintrat, klaps! trat ich ihm heftig auf den Fuß. Er schrie auf und ließ das Messer fallen. Als er es wieder aufheben wollte, trat ich ihm auf beide Füße, so recht mit meinen harten Absätzen. Er heulte vor Schmerz, umklammerte mich aber doch und begann Leib an Leib mit mir 210 zu ringen. Nun, dabei ist ein Gestiefelter immer im Vorteil gegen einen Barfüßigen. In zehn Sekunden hinkte der Koch, zusammengeklappt wie ein Taschenmesser, hinweg, ich aber rannte spornstreichs davon. Ein paar Mohren versperrten mir wohl den Weg, aber klaps! klaps! trat ich ihnen auf die nackten Füße, da stoben sie schreiend beiseite.«

Die kleine Gesellschaft atmete tief auf über Onkel Josephs glückliche Rettung, dieser aber erzählte weiter:

»Wie ein gehetzter Hirsch lief ich der Nase nach. Hinaus aus der Stadt, quer durch den Wald, schnurstracks durch die Wüste fort, die aus lauter schwarzem Streusand bestand. Endlich hatte ich keinen Atem mehr und sank am Fuße eines Felsens bewußtlos nieder. Ein Geräusch brachte mich wieder zu Sinnen. Es war das nahe Gebrüll eines Löwen. Immer näher kam es, immer näher. Ich wollte aufspringen und mein Leben teuer verkaufen, aber ich konnte mich nicht rühren. Und nun stand der Löwe vor mir, mit einem riesigen Satz den Hügel herauf. Brüllend riß er den ungeheuren Rachen voll spitzer Zähne auf und schnappte nach meiner Schulter. Ich schloß die Augen und empfahl meine Seele Gott. . . . Aber 211 ich fühlte keinen Biß. Überhaupt keine Berührung. Lange wagte ich die Augen nicht zu öffnen. Als ich es endlich that, sah ich den Löwen mit gewaltigen Sätzen durch die Ebene davonjagen; nur hie und da warf er einen scheuen Blick nach mir zurück. Ich war gerettet. Durch welches Wunder, das fiel mir erst später ein. Ich hatte einmal in einer Naturgeschichte gelesen, daß es auch unter den Löwen Vegetarianer giebt. Das heißt, diese nähren sich nicht etwa von Pflanzen, sondern von Pflanzenfressern, von Vegetarianern, was ja viele wilde Völker auch sind, weil sie selten Fleisch kriegen. Nun bin ich aber gottlob kein Vegetarianer, sondern esse gerne Braten, und da ließ mich jener Löwe mit Abscheu stehen. Und so wurde ich . . .«

In diesem Augenblick aber mußte Onkel Joseph aufhören, denn die Thüre der Weihnachtsstube ging weit auf, blendender Lichterglanz drang herein, . . . es war heiliger Abend.

Onkel Joseph hatte das Seinige gethan und erhielt dafür vom Christkind unter anderem ein Paar warme Filzschuhe, für seine nächste Reise nach Zentralafrika. 212 213 214 215

 

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