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Regenbogen

Ludwig Hevesi: Regenbogen - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleRegenbogen
authorLudwig Hevesi
year1892
firstpub1892
publisherAdolf Bonz
addressStuttgart
titleRegenbogen
pages242
created20101103
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Gardenia.

Auch eine solche Geschichte.

1890.

Redoutensaal. Ball der Elektriker. Siemens und Réaumur Arm in Arm. Leuchtende Blumen, blitzende Diamanten, funkelnde Augen. Walzerklänge mit Glühlicht. Champagnerschaum mit Damengeplauder. Langeweile hinter Ordenssternen, Herzklopfen hinter Spitzenfächern. Schultern und wieder Schultern. Schleppen und nochmals Schleppen. Blicke mit Widerhaken, Worte wie aus Revolvern geschossen. Geblendete Ohren, betäubte 160 Augen. Durcheinander. Realistische Phantasmagorie. Modernes Märchen.

Eine Königin aus einem Thron von Purpursammet. Nein, etwas ganz Ähnliches, aber ganz Verschiedenes. Einst weltgefeierte Diva, dann Gattin eines berühmten Welthauses, heute dessen Witwe. Baronin Hermannsthal, geborene Hortense Meyer. Eine Schönheit, ein Ruhm, eine Tugend. Eine Tugend, an die geglaubt wird . . .!

Fort aus diesem Gewühl frisierter Eleganzen und gekräuselter Komplimente! »Herr von Bolin, Ihren Arm!«

Fedor von Bolin, das anmutige Ungeheuer. Der liebenswürdige Menschenfresser. Der über alles geliebte und gefürchtete Schwerenöter dieser Saison. Die Hauptstadt zittert, wenn er sie nach Weihnachten betritt; sie weint, wenn er sie nach dem Derby verläßt. Die Hauptstadt ist ein Weib, wie andere Weiber.

Dort den Palmengang hinab ist es stiller. Mund und Ohr sind einander dort näher. Und Fedor von Bolin hat längst Hortensens Ohr gewonnen. Ein kleines, perlmutterweißes, seltsam 161 herzförmiges Ohr, in das man sich verliebt und das – vielleicht – wieder liebt.

Der Palmengang ist lang. An sein Ende gelangt, ist jenes kleine Ohr rosenrot. Nochmals den Weg zurück und es glüht in Feuer. Und immer herzförmiger erscheint es.

Was hat er ihr soeben gesagt? Die junge Witwe hemmt plötzlich den Schritt und steht ihm gegenüber. Sie sucht ihn mit dem Auge, als könnte sie ihm dadurch mit dem Ohr ausweichen.

»Warum haben Sie immer nur eine Gardenia im Knopfloch, Herr von Bolin?« Die harmlose Frage ist wieder ein Ausweichen, ein Ablenken.

»Weil . . .«

Er reicht ihr die weiße Blume. Hortense nimmt sie mit den Fingerspitzen und zieht ihren feinen Duft ein.

»Nun?« Sie steckt die Blume in eine der Brillantenspangen ihrer Brust.

»Weil . . . Ja sehen Sie, Baronin . . . Wenn Sie eine Perserin wären, brauchten Sie nicht zu fragen. Oder richtiger . . . ein Perser.«

Sie runzelt leicht die Stirne. Der Blick, den sie in seine Augen senkt, ist eigentümlich gemischt. Halb Trotz, halb Besorgnis vor . . . vor . . . Man kann ja doch nicht wissen, was die Perser . . .

»Nun?« wiederholt sie. Das sagt nichts und hat doch geantwortet. Es ist nicht kühn und sieht doch nicht feig aus.

»Bei den Persern bedeutet die Gardenia . . .,« sagt er langsam, nach Ausdrücken suchend. Dann bricht er plötzlich ab: »Madame, erlassen Sie mir die Antwort; ich bitte Sie darum.«

»Ah,« stößt sie kurz hervor. Ihr Fächer klappt sich zu und wieder auf. Sie legt zwei Finger auf seinen Arm und schlägt den Weg nach dem Saal ein.

Mit der anderen Hand löst sie die Gardenia wieder aus ihrer Busenspange und läßt sie fallen.

Herr von Bolin schweigt. Ein unmerkliches Lächeln spielt um seine Lippen.

Sie sind im Saal. Der schwarze Schwarm umringt die Ballkönigin wieder. Welche Aufregung, daß die Verschwundene sich endlich wieder gefunden hat. Geschwätz, Geschwirr von faden Worten. Auf Händen getragen, in den Himmel erhoben sein, wie langweilig! Plötzlich sagt sie: »Ich habe eine Gardenia verloren.«

163 Allgemeines Entsetzen ob dieses Unglücks. Greise werden zu Jünglingen, alles stürzt fort, um die Blume zu suchen.

Herr von Bolin hat unterdessen die Hofrätin von Goldammer, eine Dame zwischen zwei oder gar drei Altern, unterhalten. Jetzt tritt er mit ihr zur Quadrille an. Sie strahlt. Sie fühlt sich um hundert Jahre jünger. Der Saal kann sich nicht fassen vor Erstaunen. Bolin eine Quadrille! Mit der Hofr . . . .!

Zehn Minuten vergehen. Er steht neben seiner Dame in der Reihe. Da wird er an der Schulter berührt. Er errät einen kostbaren Fächer in einer feinen Hand. Und wie ein melodischer Hauch zieht es durch sein Ohr: »Was bedeutet die Gardenia bei den Persern?«

Er wendet sich um:

»Baronin, Sie wollen es im Ernst wissen?«

Sie zaudert einen Augenblick, dann sagt sie entschlossen: »Ja.« Aber der Rand ihres Fächers hebt sich unwillkürlich bis zur Augenhöhe. Augen erröten nicht.

»Nun denn, Baronin . . . doch nein, es kann nicht Ihr Ernst sein. Bestehen Sie nicht darauf. 164 Es war unbesonnen von mir. Verzeihen Sie mir. Ich kann Ihnen das nicht sagen . . . Glauben Sie mir, ich am wenigsten.«

Eine Reihe kleiner Zähne beißt auf eine rote Unterlippe. Eine Wolke von schimmernden, flaumigen Dingen schwebt hinter der Kolonne davon.

Herr von Bolin schweigt. Ein unmerkliches Lächeln spielt um seine Lippen.

* * *

Sechs Wochen später.

Monte Carlo, Grand Hotel des Anglais. Palmengrün, Meeresblau, Sonnengold. Morgentoiletten. Englische Köpfe voll blonder Wickel und Wuckel. Schaukelstühle voll Spitzennegligés. Insulare Teints, die gelüftet werden. Morgenmusik, Morgencigaretten, Morgenzeitungen.

Morgenpost auf silbernen Tassen.

»Monsieur Fédor de Bolin, Monte Carlo, Grand Hotel des Anglais.« Goldrand. Zackenkrone über einem herzförmigen Ohr in Farben. Feste, aber ungeduldige Handschrift. Bouquet de... de... wo in aller Welt hat man diesen Wohlgeruch schon geatmet?

165 »Jean!« In Nizza wird Johann Jean gerufen und muß trachten französisch zu sprechen.

Der Kammerdiener erscheint. »Monsieur?«

»Gehen Sie in den englischen Laden dort und kaufen Sie ein silbernes Papiermesser.«

»Très-bien, monsieur!« Er geht.

»Jean!«

Er kehrt zurück. »Monsieur?«

166 »Mit Korallengriff.«

»Parfaitement, monsieur.«

Einen solchen Brief schneidet man mit einem solchen Messer auf. Drei andere, die auch sehr hübsch aussehen, wird er aufreißen . . . oder auch nicht.

Das schöne Messer kommt. Silber, Korallen. Aber lange bevor es da ist, hat er den Brief schon aufgerissen. Wozu auch solche Besonderheiten? Ist man denn ein Verliebter? Ein solcher Brief ist wie ein anderer. Brief ist Brief; Weib ist Weib. Bah!

Er versucht zu gähnen, aber es wird eine Art Schmunzeln daraus. »Jean, behalte das Messer. Es ist für dich.«

»Merci, monsieur!«

Das erste Mal in seinem Leben kennt sich Jean bei seinem Herrn nicht aus.

Der Brief lautet:

»Mein Freund,

ich wäre kein Weib, wenn ich nicht neugierig wäre. Sie wären kein Mann, wenn Sie kein Ungeheuer wären. Was hat das gesollt, mit der Gardenia und den Persern? Seit jener 167 Nacht schlafe ich nicht. Ich schickte tags darauf zu Ihnen; Sie waren verreist. Mit Ihrer Gardenia und Ihren Persern. Aber ich bin klug und kenne den persischen Gesandten. Ich gab eine Soirée, um ihn einladen zu können. Da nahm ich ihn beiseite und fragte ihn: »Excellenz, was bedeutet bei den Persern eine Gardenia?« Issachar Khan sah mich erstaunt an, kratzte sich hinter den Ohren, dachte lange nach und sagte endlich: »Madame, ich bin untröstlich, aber ich bin ein rauher Kriegsmann und in der Blumensprache unserer Dichter wenig bewandert; ich weiß es nicht.« Ich sagte ihm etwas Höfliches, aber in ziemlich unhöflichem Tone. Ein guter Gedanke kam mir zu Hilfe. Issachar Khan ist ein alter Herr, was weiß der von so jungen, leichten Dingen. Ich werde seinen Gesandtschaftssekretär fragen! Ich gab sofort noch eine Soirée, so daß die Leute anfingen, mich nicht zu begreifen, und lud Ismail Effendi, den persischen Sekretär ein. Ich tanzte sogar mit ihm, und als ich ihn recht warm sah, rückte ich heraus: »Effendin, was bedeutet die Gardenia bei den Persern?« Ach! Er sah mich ganz sonderbar an, dachte nach und entschuldigte sich endlich: er 168 wäre schon in seinem zehnten Lebensjahre nach Paris gebracht und dort als Pariser erzogen worden, das galante Persisch hätte also für ihn undurchdringliche Geheimnisse. Ich sagte ihm etwas Unhöfliches, was sehr höflich klang, und werde ihn nie wieder einladen.

Nun denn, mein Freund, Sie sehen ein, daß Sie das Rätsel durchaus lösen müssen. Ich befehle Ihnen also hiemit – schriftlich ist man so kühn – mir unverweilt mitzuteilen, was bei den Persern eine Gardenia bedeutet.

Einstweilen in entschiedener Ungnade

Ihre Freundin oder Feindin, je nachdem,
H. de H.«
       

»Nachschrift: Erbitte die Antwort telegraphisch.«

Herr von Bolin lächelt. Er lächelt weit ausgesprochener, als auf dem elektrischen Ball. Er liest den Brief nochmals und murmelt einige Worte, die – zum Glück – niemand hört. Auch reibt er sich die Hände. Alle beide.

Dann sendet er folgendes Telegramm ab:

»Baronin Hermannsthal in X, Y-Straße. In bewußter Angelegenheit leider nichts zu 169 machen. Bin zu meinem herzlichsten Bedauern schlechterdings nicht in der Lage, Wunsch erfüllen zu können. Kenne auch keinen Herrn, der anders handeln würde. Auf Ehre. Reise sofort ab, um persönlich für Schaden zu haften.

F. von Bolin.«        

* * *

Vier Tage später.

Modernstes Herrenzimmer in X, Z-Straße. Indisch-pariserisch, mit Persisch-Altdeutsch gemischt. Wie aus einem Guß. Eingelegte Waffen, selbstgeschossener Eisbär. Junger Mahagonibaum im Kübel. Tätowierte Siamesin, ausgestopft. Venus von Dingsda, carrarische Bronze. Houghtysche Kraftmaschine.

In diesem Apparat, halb Webstuhl, halb eiserne Jungfrau, steht Fedor von Bolin und hebt soeben drei Zentner. Er trägt einen weißen englischen Flanellanzug, aber ohne Rock und Weste.

Zwölf Uhr. Johann – nicht mehr Jean – erscheint mit bedenklicher Miene. Schwarze Dame im blauen Salon. Dicht verschleiert! Hier ihre Karte. »H. v. H.« Sonst nichts.

170 Ein Sprung aus dem Apparat. Nur Löwen springen so . . . und zuweilen Fedor von Bolin. Johann versteht seinen Wink. Er legt ihm einen blauen persischen Chalat mit goldener Schärpe um und setzt ihm eine schwarze Persermütze auf. Dann öffnet er die Thür für seinen Herrn und schließt sie wieder.

»H. v. H.« sitzt in einem kleinen blauen Fauteuil. Sie hat den Schleier erhoben und beide Hände tief im kleinen schwarzen Muff.

»Hortense!« ruft er. »Ist es möglich? Sie bei mir? Aber ich träume ja! Nein, ich träume nicht! Welches Glück! . . . Wie? Sie reichen mir nicht die Hand?«

Er stürzt auf sie zu, will ihre Hand fassen, will . . .

Aber starr wie eine Bildsäule sitzt sie da. Ihr Antlitz ist Marmor, ihr Blick Stahl.

»Was bedeutet bei den Persern die Gardenia?« fragt sie streng.

»Aber,« stottert er, »aber, teuerste Hortense . . .«

»Was bedeutet bei den Persern die Gardenia?« wiederholt sie mit der Klagestimme eines verhätschelten Kindes. »Ach, bitte, bitte, Herr von 171 Bolin!« Und dabei fahren ihre beiden Hände unwillkürlich aus dem Muff heraus und schlagen die Fingerspitzen aneinander, wie flehende Kinderhände.

Da liegt er vor ihr auf den Knieen . . .

Nein, nur vor dem kleinen blauen Fauteuil. Wie eine Schlange ist sie blitzschnell hinter dieses trauliche Möbel geglitten. Dort steht sie aufrecht, die Hände auf die Lehne gestützt, und lacht auf ihn herab.

»Vor allem, was bedeutet bei den Persern die Gardenia?«

»Aber, teuerste Hortense, ich kann es Ihnen durchaus nicht sagen! Ich weiß es ja gar nicht! Und der persische Gesandte und Ismail Effendi wissen es auch nicht, weil die Perser es selber nicht wissen . . . Und weil es bei ihnen überhaupt keine Gardenia giebt. Und . . .«

Der blaue Fauteuil fliegt zur Seite und Fedor breitet die Arme aus, um die Geliebte zu umschlingen. Aber sie tritt zurück und setzt ein silbernes Pfeifchen an den Mund.

»Ein Pfiff,« sagt sie, »und Justine tritt ein, meine gute alte Theatermutter von ehedem. Ich 172 habe sie zu dieser . . . nicht unbedenklichen Expedition eigens mitgenommen. Stehen Sie auf, mein Freund! H. v. H. ist wohl neugierig, über die Maßen neugierig, und Sie wissen das, . . . und H. v. H. schätzt Sie auch . . . und das scheinen Sie gleichfalls zu wissen, aber Ihre höllische Mystifikation mit der Gardenia . . . Ungeheuer, das Sie sind! . . . Sie scheinen von Ihrem Anschlag zu viel Früchte erwartet zu haben . . .«

»Und wenn ich an deine Justine nicht glaube?« ruft Fedor rauh und preßt sie glühend in seine Arme.

Ein feiner, silberner Pfiff, . . . die Thür geht auf und etwas Weibliches hüstelt so recht duennenhaft hinter dem unternehmenden Perser.

Fedor ist wieder Herr von Bolin, Hortense wieder die 173 Baronin Hermannsthal. Denn Justine ist Justine. Unleugbar.

Herr von Bolin bleibt jedoch auf den Knieen liegen und sucht eifrig auf dem Teppich umher. »Sonderbar!« ruft er, »ich kann sie nicht finden. Wo mag sie nur hingefallen sein . . . diese Gardenia?«

»Lassen Sie nur, Herr von Bolin. Bitte, liebe Justine, Sie werden die kleine Blume leichter finden.«

Aber auch Justine findet sie nicht, obgleich sie den ganzen Teppich absucht. Die Herrschaften stören sie dabei nicht, denn sie müssen mittlerweile im Nebenzimmer, auf dem Königstigerfell des Divans, den Kasus weiter erörtern. Wohlgemerkt, bei offener Thür!

* * *

Baronin Hortense scheint Herrn von Bolin mit der Zeit seinen schlauen Kniff verziehen zu haben.

Auch Herr von Bolin scheint nicht unversöhnlich gewesen zu sein, weil er nicht ganz und gar Recht behalten.

174 Wenigstens haben sie sich bald darauf geheiratet und Herr von Bolin glaubt noch immer ebenso fest an die Tugend, wie an die Neugier seiner Frau. Von den anderen spricht er nicht. 175 176 177

 

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