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Regenbogen

Ludwig Hevesi: Regenbogen - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleRegenbogen
authorLudwig Hevesi
year1892
firstpub1892
publisherAdolf Bonz
addressStuttgart
titleRegenbogen
pages242
created20101103
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Onkel aus Amerika.

1889.

Ein Onkel ist eine männliche Tante. Und Amerika ist ein Weltteil, den ich nicht mehr zu entdecken brauche. Heute weiß ich beides genau; aber lange, ehe ich eine Ahnung davon hatte, wußte ich, was ein Onkel aus Amerika ist.

So hießen sie nämlich allgemein den Schloßherrn auf Tannewitz, zu dessen Unterthanen wir gewissermaßen gehörten. Er war eine sonderbare Figur: noch ein halbmal so lang als nötig, aber das sollen ja alle Amerikaner thun. Er trug das Kinn rasiert und darunter einen langen weißen Bart, so daß er aussah, als hätte er immer eine 44 Serviette umgebunden. Und lange Zähne hatte er, aber die mußte er wohl haben, denn es hieß, er hätte sich in Amerika zehn Jahre lang nur von sauren Äpfeln genährt. Dann hätte er, so sagte man, auf einmal das Petroleum erfunden, was noch weit über das Schießpulver ginge. Und da wäre er fabelhaft reich geworden, und heimgekehrt, und hätte sich Schloß Tannewitz gekauft. Und als ich später lesen lernte, sagte mir meine Mutter, so oft ich das ABC nicht begriff: »Pfui, willst du auch so einer werden, wie der Onkel aus Amerika, der nicht einmal lesen kann?« Und da begriff ich geschwind alles, denn so einer wollte ich denn doch nicht werden.

In der That scheint der Schloßherr nicht sehr gelehrt gewesen zu sein. Fräulein Dorothea, die Tochter des Schulmeisters, mußte täglich auf das Schloß, um ihm vorzulesen, wie sie sagte. Um ihn lesen zu lehren, wie wir gelehrte Fibelschützen behaupteten. Es war aber beides nicht das Richtige, das erfuhr ich erst viel später. Durch meine Schwester Amalie, die es von ihrer Freundin Dorothea selbst haben wollte.

Dafür war der Onkel aus Amerika 45 unmenschlich reich. Unsere Köchin sagte, er hätte das geschmolzene Gold tonnenweise im Keller stehen, wie wir im Winter die geschmolzene Butter. Auch richtete er das Schloß danach ein. Es soll da alles aus Gold gewesen sein, sogar die silbernen Löffel. Er sollte persische Teppiche eigens aus Amerika bezogen haben, weil sie da teurer wären. Und gespeist wurde, wie unser Kindermädchen sagte, immer auf zerbrochenen Tellern, damit sie kein zweitesmal benutzt werden könnten. Darauf lachten alle Mägde, das muß also ein Scherz der Luise gewesen sein.

Und oftmals gab es Gastereien auf dem Schlosse. Da fanden sich adelige Herren und Damen aus der Umgebung ein, ja selbst aus der nahen Bezirksstadt. Darunter soll eine verwitwete Freifrau v. Stolzenthal, oder Stelzenberg, ich weiß es nicht mehr genau, zu öfterenmalen erschienen sein. Sie hätte, so erzählte mir meine Schwester Amalie, dem Onkel aus Amerika viel guten Rat gegeben bei der Einrichtung des Schlosses, und wäre überhaupt erst 38 bis 40 Jahre alt gewesen. Da hätte sich denn eines Tages, als der Onkel aus Amerika seinen Gästen die prächtig erneuerten Räumlichkeiten zeigte, folgendes begeben.

46 »A propos,« sagte die Baronin, denn sie sprach auch geläufig französisch, »à propos, lieber Brockmann« – so hieß nämlich der Schloßherr – »nun haben Sie beim Bau richtig an die Bibliothek vergessen.«

»Bibli . . .?« wiederholte er unsicher.

»Othek,« ergänzte sie.

»Was thut man denn in einer Bibliothek?« lachte Brockmann gutmütig.

»Was man da thut?« sagte die Baronin, »man pflegt da nach dem Speisen den Kaffee zu nehmen.«

Brockmann legte seinen dicken Finger an seine lange Nase. Der Nutzen einer Bibliothek leuchtete ihm sofort ein. Er ließ seinen Baumeister kommen und der baute ihm in drei Monaten eine Bibliothek, mit echten Eichenschränken rundherum. Nach dem nächsten Gastmahl wurde der Kaffee richtig schon in der Bibliothek aufgetragen. Der Kaffee war auch vortrefflich, aber dennoch glaubte Brockmann zu bemerken, daß die Gäste so seltsam lächelten. Nur die Baronin lächelte nicht, sondern sagte ihm beim Abschied unter vier Augen:

»Lieber Freund, die Bibliothek ist recht gut ausgefallen, aber die Hauptsache fehlt ja darin.«

47 »Sie glauben?« rief Brockmann erschrocken.

»Gewiß, die Bücher.«

»Bücher!« wiederholte er erstaunt. »Glauben Sie wirklich, daß in eine Bibliothek Bücher gehören?«

»Ohne Zweifel.«

»Ach ja,« rief er plötzlich, »das sind wohl die papierenen Dinger, die man beim Buchhändler kauft?«

»Sehr richtig, lieber Freund.«

»Ach Gott, drüben in unserem Ölbezirk giebt es nicht einmal einen Buchhändler; aber mir scheint, in New-York, wenn ich mich recht erinnere . . .«

Und er telegraphierte seinem Agenten in New-York um zehn Kisten Bücher.

Sechs Wochen später, als der Kaffee wieder in der Bibliothek serviert wurde, standen die eichenen Schränke vollgereiht mit englischen Büchern. Die Gäste spendeten Herrn Brockmann Lobsprüche wegen seiner schönen Büchersammlung.

»Sind Sie mit Ihrem Schüler zufrieden, Frau Baronin?« fragte er leise.

»Sehr, lieber Freund,« entgegnete sie ebenso.

Da erregte ein schwaches Gekicher seine 48 Aufmerksamkeit. Mehrere Gäste stöberten unter den Büchern herum und hatten entdeckt, daß kein einziger Band aufgeschnitten war.

»Aber lieber Freund,« kanzelte ihn die Baronin ab, »Bücher müssen ja aufgeschnitten sein.«

»Glauben Sie, Frau Baronin?«

»Ohne Zweifel. Eine ganze unaufgeschnittene Bibliothek, das ist ja lächerlich.«

»Aber . . . ich habe mein Lebtage kein Buch aufgeschnitten, ich verstehe mich nicht auf dieses Geschäft.«

»Nun gut, so lassen Sie das durch sonst jemanden besorgen.«

»Ich gestehe,« sagte Brockmann, offenbar ratlos, »ich habe niemanden, der englische Bücher aufschneiden kann, meine Leute können alle nur Deutsch.«

Jetzt mußte selbst die Baronin hell auflachen. Der Onkel aus Amerika rang mitten auf seinem Goldhaufen die Hände.

Hier hielt meine Schwester Amalie inne. Denn auch ihre Freundin Dorothea hätte an dieser Stelle eine Pause gemacht, und zwar eine von vollen zwei Jahren. Dann erst hätte sie sich entschlossen, ihr auch das Übrige zu erzählen. Und zwar:

49 Die Baronin empfahl den Schulmeister unseres Dorfes, als einen Mann, der durch seine Bildung völlig befähigt sei, die Brockmannsche Bibliothek aufzuschneiden. Der Schulmeister ging aber nur auf das Schloß, um sein Bedauern auszudrücken, 50 daß seine Berufsgeschäfte ihm keine Zeit übrig ließen, diesen ehrenvollen Auftrag auszuführen. Dagegen empfahl er seine Tochter Dorothea, welche als deutsche Erzieherin in England gelebt hätte und also der Sache ein volles Verständnis entgegenbrächte. Der Onkel aus Amerika ging freudig darauf ein, und am nächsten Morgen stellte sich Fräulein Dorothea auf dem Schlosse vor.

Sie war das schönste Mädchen in unserem Dorfe. Deutlich erinnere ich mich noch an ihre goldblonden Zöpfe und ihren strammen Wuchs. Auch blaue Augen hatte sie, selbst bei Regenwetter. Und weiße Zähne, auch wenn sie nicht lachte. Als sie sich Herrn Brockmann vorstellte, sah dieser sie erstaunt an und sagte:

»Liebes Kind, Holz hacken und Felsen sprengen ist ein Leichtes, aber Bücher aufschneiden . . . Denken Sie doch, Bücher! Werden Sie mit Ihren zarten Händen dieser schweren Arbeit gewachsen sein?«

Sie beruhigte ihn lächelnd, aber er ging doch mit in die Bibliothek, um es selber zu sehen. Lange sah er ihr zu, wie sie mit dem breiten Messer rasch und doch behutsam durch die weißen, dicht bedruckten Bogen fuhr. Er rückte ihr den Lehnstuhl 51 näher an den Schreibtisch und holte ihr selbst einen Band nach dem anderen. Es schien ihm ganz erstaunlich, wie diese junge Person selbst die schwersten Bände mit der größten Leichtigkeit aufschnitt. Bände mit den längsten Titeln und sogar mit Illustrationen. Bände, voll mit langen Gedichten, schnitt sie auf, risch rasch, fast ohne hinzusehen, sozusagen auswendig. Es war unglaublich.

Abends rühmte er ihre Fähigkeiten der Baronin, bei der er zum Thee war. Aber das bekam ihm übel. Die Dame wurde sehr ärgerlich und sprach viel von Schicklichkeit und dergleichen. Er war sehr eingeschüchtert und mußte ihr versprechen, nur die unterste Reihe der Bücher aufschneiden zu lassen. In allen Bibliotheken wären nur diese aufgeschnitten, höher hinauf langte ja doch niemand. Es dauerte allerdings acht Tage, bis Dorothea in der ersten Reihe um den ganzen Saal herum war. Herr Brockmann hatte es nicht wieder gewagt, ihr dabei zuzusehen, der Riese hatte Angst vor der Baronin. Aber nun mußte er ja dem Mädchen sagen, daß es genug wäre und daß sie nicht mehr zu kommen brauchte.

Als er die Bibliothek betrat, hatte sie sich 52 eben an die zweite Reihe gemacht. Hm, brummte er in den Bart, ich bin ja schließlich reich genug, um auch die zweite Reihe aufschneiden zu lassen. Sonderbar, die Baronin kam ihm jetzt so abwesend vor, als hätte sie nie in seiner Bibliothek Kaffee getrunken. Dann schwankte er wieder und begann:

»Fräulein Dorothea.«

»Herr Brockmann?« entgegnete sie und sah ihn mit ihren zwei blauen Augen an.

Er schwieg wie betroffen.

Nach einer Weile sagte er mit seltsam tiefer Stimme: »Auch Marie hatte diese blauen Augen . . . Mein gutes Weib . . . Die treue Seele. Nur wenn sie mit mir das trockene Brot teilte, betrog sie mich, indem sie mir das größere Stück ließ. Ich grub damals Gold in Kalifornien. Eine seltene Frau. Sie las im Camp alles vor, was gelesen werden mußte. Sie hatte so die Stimme dazu. Eine Stimme wie ein Vogel. Ich mache mir nichts aus Büchern. Sind dummes Zeug, gut für Professoren und Pastoren. Aber ein Buch hatte sie, das war gut. »Digger's Paradise« hieß es. Da gab es gute Geschichten drin. Kurze.«

»Digger's Paradise?« fiel Fräulein Dorothea ein, »ei, ist es vielleicht dieses?«

53 Sie reichte ihm das Buch, das sie eben aufschnitt. Er warf einen Blick auf das Titelbild, das einen Goldgräber in voller Ausrüstung darstellte, und stieß einen rauhen Kehllaut aus.

»By Jingo, das ist's! Aber wie ist es nur möglich, daß Sie es gleich erkannten, Miß Dorothy?«

Sie lachte. »Hier auf dem Titelblatt steht es ja groß gedruckt: Digger's Paradise.«

Er sah sie groß an, vielleicht schien ihm diese Erklärung ungenügend. Dann betrachtete er das Bild zärtlich, als wäre es das Bildnis seiner Marie . . .

»Ein wilder Büffel hat sie zertreten,« sagte er nach einer Weile, aus seinem Sinnen heraus. Und wieder nach einer Weile, plötzlich, indem er ihr das Buch zurückgab: »Sehen Sie doch nach, Miß Dorothy, bitte, ob auch Seite 183 darin ist. Ich erinnere mich genau, daß es Seite 183 war.«

Sie blätterte einen Augenblick. »Gewiß, da ist Seite 183.«

»In der That? Aber das kann doch nicht dasselbe Buch sein, das Buch meiner Marie.«

Er schien der Ansicht zu sein, daß jedes Buch nur in einem Exemplar gedruckt werde.

54 »Also Seite 183 ist wirklich darin?«

»Hier, hier, Herr Brockmann.«

»Und darauf steht die Geschichte von des Bahnwärters Jim?«

»Hier steht sie, Herr Brockmann.«

»Ach, Miß Dorothy, bitte, wenn Sie mir das vorlesen könnten! Können Sie?«

»Gewiß, Herr Brockmann.«

»Ach, wie werde ich Ihnen danken, Miß Dorothy! Aber bitte, nicht hier in dieser großen Bibliothek, in diesem Bahnhof von Omaha . . . Bitte, folgen Sie mir.«

Er nahm sie an der Hand und führte sie hinaus, einen langen Gang hinab, dann einen rechts und einen links, und dann in ein kleinwinziges Gemach. Überrascht sah sie sich da um.

Mitten in diesem Palast stand sie plötzlich in einer kalifornischen Goldgräberhütte. Nichts fehlte darin, von den abgenützten Pistolen an der Wand bis zum rußigen Kessel auf dem Herde.

»Hier, Miß Dorothy; sitzen Sie im Sessel meiner Marie.«

Es war ein alter lederner Lehnstuhl, ein recht ausgesessener.

55 »Und nun einen Augenblick, ich zünde nur das Feuer an.«

Bald loderte die Flamme auf dem Herde.

»Und nun den Theekessel. Hier, Miß Dorothy, Sie sollen aus der Tasse meiner Marie trinken. Seit ihrem Tode hat niemand daraus getrunken.«

Fräulein Dorothea saß daß, und er sah ihr aufmerksam zu, wie sie den Thee schlürfte. Er hatte die Ellbogen auf seine Kniee gestemmt und das Kinn zwischen seine Fäuste gelegt und ließ 56 kein Auge von ihr. Und dann, zwischen einem Schluck und dem andern, las sie ihm die kurze Geschichte von des Bahnwärters Jim.

Wie Jim, ein Knabe von fünf Jahren, oben auf dem Rande des tiefen Einschnittes spielt, während unten ein Zug vorbeirollt. Ein furchtbar langer Zug, achtzig Wagen mit zwei Maschinen. Jim sieht sich um, strauchelt, fällt, rollt die steile Böschung hinab. Kein Aufhalten möglich. Immer schneller rollt er, gerade auf den Zug los . . . und dieser Zug fährt so langsam, so tötlich langsam. Vater und Mutter stehen oben und ringen die Hände. »Fahr zu! Fahr zu!« schreien sie den Maschinisten nach, aus Leibeskräften, aber die können sie nicht hören. Der Zug fährt, wie er fährt. Und Jim kollert immer weiter, unaufhaltsam. Hilf Himmel, der Zug geht zu Ende. Der letzte Wagen naht. Wenn jene Schurken dort vorn auf den Maschinen nur um einen Atemzug mehr Dampf geben wollten! Aber nein, nein, nein! Jetzt ist der Knabe ganz unten, die Wucht des Falles wirft ihn im Bogen über den schmalen Graben weg, mitten auf den Bahnkörper. Knapp hinter den letzten Wagen, der eben vorbeigesaust ist. Der Vater jauchzt auf, Jim 57 ist gerettet. Die Mutter liegt ohnmächtig neben ihm. Nutzanwendung: »Jener Zug war der Schnellzug von San Francisco nach Ogden. Wäre es ein Bummelzug gewesen, so kollerte Jim unfehlbar unter die Wagen und war verloren. Es ist also im höchsten Grade wünschenswert, die Schnellzüge auf dieser Linie zu vermehren und überhaupt schneller zu fahren.«

Sie hatte zu Ende gelesen und war von der Geschichte sichtlich aufgeregt. Herr Brockmann fuhr sich mit dem Ärmel über die Augen und stieß ein kurzes Lachen aus.

»Sie müssen wissen, Miß Dorothy,« sagte er dann, gleichsam entschuldigend, »jener Bahnwärter war ich . . . und Jim war mein Sohn.«

»Oh,« sagte Fräulein Dorothea gerührt. Sie wollte noch einiges hinzufügen, aber es gelang nicht gleich.

»So ist das Leben,« sagte Herr Brockmann, »drei Jahre später raubten die Modocs den armen Jungen, wir haben nie wieder von ihm gehört . . . Das Jahr darauf kam jener wilde Büffel . . . und ich war ein einsamer Mann.«

Es war dunkel geworden, nur die Flamme 58 des Herdes erhellte die Hütte. Der einsame Mann schwieg lange, auch das Mädchen. Nur ein leises, schnurrendes Geräusch war hörbar, wie von einem Spinnrad; das war aber das Papiermesser, das sachte durch die Bogen von »Digger's Paradise« fuhr und seine Blätter von einander löste. Und ein Sumsen war in der Luft, wie von einer Mücke; aber das war nur der Theekessel.

Nach einer Weile stand der Mann auf und holte eine kleine eingerahmte Photographie von der Wand herab. Er zeigte sie dem Mädchen, ohne ein Wort zu sprechen, im flackernden Scheine des Herdfeuers. Nur eine graue Schattengestalt war noch von dem Bildnis geblieben. Dann hängte er es ebenso still wieder an den Nagel. Er schien ganz ruhig, als er ihr dann sagte:

»Ich hätte gedacht, Sie hießen auch Marie; Sie sahen ihr so ähnlich, als Sie da saßen in Mariens Lehnstuhl und mir mit Mariens heller Stimme die Geschichte von unserem armen Jim vorlasen. Ich halte nichts von Büchern, Miß Dorothy. Habe nie eins gelesen. Das ist für Stubenhocker. Aber »Digger's Paradise« ist ein gutes Buch. Es stehen lauter wahre Geschichten drin, wie in der Bibel.«

59 Man klopfte an die Thüre. Herr Brockmann hatte ganz vergessen, daß er Gäste geladen. Man suchte ihn schon seit einer halben Stunde überall im Hause. Er brummte etwas Unwirsches wegen der Störung und reichte dem Mädchen die Hand. Er wandte die ihrige in seiner schweren Tatze hin und her. Dann ließ er Dorothea hinausgehen, folgte ihr und zog den Schlüssel der Hüttenthüre ab. Nachdenklich schritt er neben ihr durch die Gänge. An der Thüre der Bibliothek trennten sie sich.

»Gute Nacht, Marie,« sagte er mit verhaltener Stimme.

So weit erzählte mir meine Schwester Amalie, was ihr Fräulein Dorothea erzählt hatte. Oder vielmehr Frau Brockmann aus Tannewitz. Denn der Onkel aus Amerika hat sie bald darauf geheiratet, und die Leute nannten sie nun unter sich die Tante aus Amerika. Aber sie war sehr beliebt in der Gegend; nur die Freifrau von Stolzenthal, oder Stelzenberg, soll sie nicht geliebt haben.

Jetzt sind die Leute alle tot. 60 61 62 63

 

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