Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernst Willkomm >

Reeder und Matrose

Ernst Willkomm: Reeder und Matrose - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleReeder und Matrose
authorErnst Willkomm
firstpub1857
year1926
publisherLeuchtfeuer-Verlag
addressHamburg
titleReeder und Matrose
pages3-13
created20050628
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

9

Heidenfrei wurde gegen anderthalb Stunden von einer Menge Menschen in Anspruch genommen, mit denen allen er freundliche Worte wechselte. Dazwischen hatte er wieder Befehle an Leute zu erteilen, die speziell in seinem Dienst standen. Fonds- und Wechselmakler kamen in gewohnter Weise vor, um anzufragen, ob Heidenfrei ihnen Aufträge zu erteilen habe. Mit diesen wichtigen Herren unterhielt sich der Prinzipal länger, da es sich im Gespräche mit so gewandten Geschäftsleuten um kommerzielle Fragen von Bedeutung handelte, und aus den eingegangenen Erkundigungen die Stimmung der Börse für den einen oder andern Artikel sich erforschen ließ.

Endlich leerte sich das Zimmer und Heidenfrei fand Muße, mit Ruhe an seine Arbeit zu gehen. Lange jedoch sollte er auch jetzt nicht ungestört bleiben, denn der Quartiersmann Behnke, der schon vom frühen Morgen an im Dienst des Reeders tätig gewesen war und mit seinen Leuten ein tüchtig Stück Arbeit beseitigt hatte, trat jetzt, nach gehaltenem Frühstück, in das Kontor, begleitet von einem jungen, hoch aufgeschossenen Manne in Seemannstracht, der beim Gehen etwas hinkte.

»Guten Morgen, Jacob«, redete Heidenfrei den redlichen Arbeitsmann an. »Nun, alles wohlauf daheim? Hat sich die Mutter wieder erholt von ihrem Fall auf der Treppe? Wie geht's der schmucken Tochter? Ah, sieh, sieh, wer ist denn der Patron da mit den frischroten Backen? Ist er's wirklich, dein Paul?«

Der Reeder richtete alle diese Fragen so rasch nacheinander an Jacob, daß dieser nicht zu Worte kam, sondern jede einzelne nur mit stummem Kopfnicken beantworten konnte.

»Ja, Herr Heidenfrei«, sagte er jetzt. »Es ist der Paul, den ich ihnen da vorstellen will. Die zwei Jahre, die er draußen auf der See herumgeschwalgt ist, haben ihn gestreckt, aber auch stark gemacht. Er ist ein ganzer Mann geworden und gelernt hat er auch etwas, Herr. Mir trats Wasser in die Augen und Mutter Doris dazu, wie ich ihn so von Bord der ›Marie Elisabeth‹ abstoßen und mit drei, vier gewaltigen Riemenstrichen gerade auf die Landungstreppe zusteuern sah. Als er aber aus dem Boot sprang und die Treppe heraufstieg, erschraken wir beide ein wenig, denn er hinkte stark, und das tat er nicht, als er vor zwei Jahren geheuert ward.«

Heidenfrei reichte dem jungen Matrosen die Hand und schüttelte sie mit Herzlichkeit.

»Willkommen in der Vaterstadt, willkommen im guten, alten, lieben Hamburg«, sprach er freundlich. »Du bist brav gewesen, Paul, das ist superbe. Hab' schon ein paarmal Gutes von dir gehört und werde mir das merken. Läuft die Fregatte vom Stapel, die ich jetzt zimmern lasse, und hat Kapitän Ohlsen, der dich lieb gewonnen hat, Lust, sie statt der ›Marie Elisabeth‹ auf ihrer ersten Reise zu kommandieren, so kannst du vielleicht bis dahin das Untersteuermanns-Examen machen und ihn als solcher dann begleiten. Kommst dabei mehr in der Welt herum, kannst dir die Niederlassungen der Engländer in Kanton ansehen, die Zopfflechterei der Chinesen studieren und wenn du wiederkommst, belehrende Vergleiche anstellen zwischen den Zöpfen der Mandarine und dem Wuchs in unserer – Gott erhalte sie noch lange – Freien und Hansestadt. Lernen kann nichts schaden, und zur guten Stunde einen Mißbrauch rügen, ist superbe, hilft oft mehr, als langes Debattieren. Also nochmals Willkommen! Aber du hinkst, sagt der Vater. Bist du gefallen?«

»Es hat nichts zu sagen, Herr Heidenfrei«, versetzte Paul mit Freimut und ohne die geringste Befangenheit. »Als uns zwischen den kanarischen Inseln und den Azoren der furchtbare Sturm packte und uns zwischen letztere Inselgruppe verschlug, traf mich das Ende einer brechenden Spier, die einzige Beschädigung, welche die vortrefflich segelnde Bark erlitt, die dem Winde dient, wie ich es kaum gesehen habe. Das schwere Stück Holz schrammte mir nur den Knöchel des linken Fußes, und jedenfalls hätte ich garkeine weiteren Beschwerden davon gehabt, wäre ich selbst vorsichtiger gewesen. Ich schonte mich aber nicht, obwohl der Kapitän mich mehrmals ermahnte, es zu tun. So entzündete sich die leichte Wunde und es bildete sich ein schmerzhaftes Geschwür, das selbst den Knochen anzugreifen drohte. Ich war nun genötigt, ruhig in meiner Koje zu bleiben, die ich erst gestern verließ, nachdem wir Glückstadt passiert hatten. Beim Aufsegeln an Ihrem Landhause stieg ich zum ersten Male wieder die Wanten hinauf und setzte mich rittlings auf die große Raa. Ich hab Sie gar wohl erkannt, Herr Heidenfrei, Sie und Ihre Herren Söhne. Auch den Damen hab ich recht von Herzen grüßend zugewinkt und der ›Marie Elisabeth‹, die uns so treu über die Meere getragen, bei dem Böllerschuß ein dreimaliges Vivat gerufen. Möge sie noch recht oft für das Haus Peter Thomas Heidenfrei die Salzflut durchfurchen und immer so glücklich und mit so reicher Ladung in Hamburgs Hafen einlaufen, wie bei der Heimkehr von ihrer ersten Reise!«

»Danke, Paul, danke!« sagte Heidenfrei. »Hoffentlich geht dein ehrlicher Wunsch in Erfüllung. Man sagt ja immer, ein Schiff, das von einem jungen, unschuldigen Mädchen aus der Taufe gehoben werde, könne neun Jahre lang fahren, ohne ein Unglück zu haben. Für meine Fregatte will ich mir deshalb auch wieder ein hübsches, junges Mädchen zur Taufpatin aussuchen. Sollst die lebendige ›Marie Elisabeth‹, meine Tochter, kennen lernen, wenn du erst wieder gerade und recht stattlich auftreten kannst. Das Kind ist groß geworden, wirst dich wundern. Ist zwar fünf Jahre jünger als du, aber schon vollkommene Dame. Kannst englisch mit ihr sprechen, wenn du's Herz dazu hast. Sie plappert gern und hört noch lieber von fremden Völkern und Sitten erzählen.«

Paul ward von dieser ungewöhnlichen Freundlichkeit des Reeders fast etwas in Verlegenheit gesetzt, weshalb er nur wenig darauf erwiderte. Heidenfrei wandte sich jetzt an den Vater des jungen Matrosen, richtete einige Fragen rein geschäftlichen Inhalts an diesen und sagte nach erhaltener Antwort:

»Hattest du nicht vor einiger Zeit in dem Wirtschaftskeller unter deinem Hause mit fremden Matrosen einen verdrießlichen Handel?«

»Ach«, erwiderte gutmütig lächelnd der Quartiersmann. »Es war nicht schlimm und die ganze Sache ist mir längst aus dem Gedächtnis entschwunden. Mich kanns nur ärgern, daß ich dabei einen andern Mieter bekomme. Wer weiß, ob ich nicht fehl greife und später noch bereue, daß ich der dummen Nacht wegen zur Kündigung schritt.«

»Waren die Sänger nicht Spanier?« fragte in Gedanken versunken Heidenfrei weiter, der kaum auf die Erwiderung Jacobs hörte, während er ein Paket älterer Briefschaften öffnete und eine Anzahl vergilbter Papiere aus demselben hervorsuchte.

»Spanien und Holländer, wohl auch Amerikaner«, versetzte Jacob. »Selbst der vornehme Herr, der nun schon seit Wochen so großes Aufsehen macht und so nobel wohnt, als wäre sein Vater ein indischer Prinz und seine Mutter eine Kaiserstochter, soll mit von der Partie gewesen sein.«

»Superbe! rief Heidenfrei lachend. »Ähnlich sieht das dem etwas überlustigen Gesellen. Aber ich mag es doch leiden. Es beweist, daß er das Volk nicht verachtet, daß er Kenntnisse zu sammeln sich angelegen sein läßt und daß er sich in alle Verhältnisse zu schicken weiß.«

Jacob brummte kopfschüttelnd.

»Meinst du nicht?« sagte Heidenfrei. »Nun dann wars vielleicht bloß Marotte von dem Mexikaner.«

»Wird vermutlich so sein«, bestätigte der Quartiersmann. »Vornehmtun und herablassendes Wesen vertragen sich selten gut miteinander. Vornehm aber ist der reiche Don, und über die Achsel sieht er gern alle an, die nicht eben so reichlich mit Dublonen gesegnet sind, wie er selber. Das läßt er namentlich gern seine Landsleute fühlen.«

»Leben deren hier einige?«

»Kanns nicht sagen, Herr Heidenfrei.«

»Du hast ja eben davon gesprochen.«

»Das heißt«, sagte sich verbessernd der Quartiersmann, »ich meinte damit eigentlich nur einen einzigen.«

»Den du kennst?«

»Nun ja, Herr, eigentlich wäre es mir lieber, daß ich ihn nicht kennte.«

»Deine Reden machen einen ja ganz konfus. Erkläre dich deutlicher, daß ich verstehe, was du sagen willst.«

Jacob räusperte sich und faßte sich ein Herz: »Nun, herausrücken muß ich ja doch, wenn ich meine Sache dem Herrn vortragen will. Das heißt, ich möchte nicht mißverstanden werden und nicht zudringlich erscheinen. Weil aber der Herr doch so freundlich zu meinem Paul gesprochen hat, da dachte ich, es könnte doch nicht schaden. wenn man sacht anfragte von wegen.«

Jacob drehte seinen Hut und sah den aufmerksam zuhörenden Heidenfrei mit verschmitzten Augen an. Der ›Schatten‹ kam aus dem Kontor, warf einen Blick in das Privatgemach des Prinzipals, zog respektvoll sein buntes Käppchen und zeigte, sich tief verbeugend, seine Glatze.

»Guten Morgen, lieber Treufreund«, sagte Heidenfrei dankend. »Bitte, nehmen Sie hier diese drei Briefe und geben Sie dieselben Herrn Anton zu sofortiger, kurzer Beantwortung. Die Notizen sind beigefügt.« Er sah nach der Uhr. »In einer halben Stunde müssen sie beantwortet sein.«

»Sehr wohl«, sprach Treufreund, die Briefe empfangend. Dann eilte er mit kurzen, stampfenden Schritten zurück, um den erhaltenen Auftrag unverweilt auszurichten.

»Also anfragen wolltest du?« sagte Heidenfrei zu Jacob. »Weshalb?«

»Ich habe, wie Sie wissen, eine Tochter, ein Mädel, das sich sehen lassen kann, sollte ich meinen.«

»Kenne sie und mag sie leiden. Ist sauber, flink, anstellig, gescheit, bescheiden, mit einem Wort: ganz superbe.«

»Früher wusch sie die feine Wäsche für die Herren Kontoristen«, fuhr der Quartiersmann fort, »denn weil das Kind brav ist, wollte es auch was verdienen, um es mir und Mutter etwas leichter zu machen. Und abends unterhielt sie dann ihre alte Pate, die Gertrud Silberweiß, durch Vorlesen, denn die arme Frau ist blind und hat nichts als ihre Katze und ihr Enkelkindchen, das Semmel-Trudchen, wie wir sie nennen, weil der Vater als Brotmann sich den Lebensunterhalt ehrlich verdient. Ein hübsches, liebes Kind, voller Leben und Schelmerei, Herr Heidenfrei.«

»Zur Sache, Jacob, zur Sache!« drängte der Kaufmann, abermals seine Uhr ziehend. »Die Bankzeit naht und ich habe vorher noch viele Dispositionen zu treffen.«

»Also das Mädchen möchte ich gern in einem angesehenen Hause als angehende Köchin oder als Gehilfin einer solchen oder auch als Kammerjungfer der Herrschaft unterbringen.«

»Warum soll Christine denn nicht bei Euch bleiben? Kann sie der Mutter nicht zur Hand gehen und ihr die Führung der Wirtschaft abnehmen?«

Jacob drehte abermals seinen Hut.

»Das könnte sie freilich nicht nur, sie kann es sogar«, sagte der Quartiersmann, »'s geht aber man doch nicht.«

»Da werde nun einer klug aus dir!« rief Heidenfrei etwas verstimmt. »Ich bitte dich nochmals, Jacob, machs kurz, oder ich schicke dich mitsamt deinem Anliegen in die Schute, um hinauszufahren an Bord der ›Marie Elisabeth‹.

»'s geht eben nicht, Herr«, wiederholte der Quartiersmann, »und wenn ich den Hals brechen soll. Das fremde Volk aus Mexiko oder wo sie sonst her sein mögen, hat es just abgesehen auf mein Mädel, läuft ihm nach, läßt das Kind nirgends in Ruhe und verfolgt es bis ins väterliche Haus. In dem Punkte sollen die Herren nicht die besten Brüder sein, hab ich mir sagen lassen. Und der Miguel, der Matrose, ist nun ganz und gar des Teufels. Damit nun nichts Unrichtiges passieren könne, soll Christine fort, und besser als in Ihrem Hause, Herr Heidenfrei, besser als unter dem Schutze der Frau Prinzipalin könnte meine Christine in Abrahams Schoß nicht aufbewahrt sein. Da wissen Sie die ganze Geschichte, nehmen Sie mirs nicht übel.«

»Was du willst, Jacob, das weiß ich«, versetzte Heidenfrei, »die ganze Geschichte aber ist mir noch so unklar, wie nur möglich, aber Licht, denk' ich, wird wohl drein zu bringen sein, wenn wir Zeit finden, uns näher darüber auszusprechen. Im Augenblick erlauben dies meine Geschäfte nicht, heute Abend aber will ich dir eine Stunde schenken. Bis dahin hast du Zeit, dich vorzubereiten, dir zu überlegen, was du mir in dieser Angelegenheit noch mitteilen mußt, und wenn ich dann irgendwie deines Kindes oder deines Hauses Wohl bedroht sehe, so verlasse dich auf Heidenfreis Wort: er trifft Vorsorge, daß man dir und den Deinen kein Haar krümmt! Am allerwenigsten sollen Ausländer, überseeische Fremde, und wären sie mit den besten Konduiten versehen, dergleichen Frevel verüben dürfen. Also auf Wiedersehen heute Abend!«

Als Jacob Behnke mit seinem Paul das Kontor verlassen hatte, wandte sich Heidenfrei zu seinen Söhnen.

»Das sind wunderliche Eröffnungen«, sagte er, »mit denen mich der redliche Mann da eben unterhalten hat. Ich bin wirklich begierig, mehr und Verständlicheres von ihm zu hören. Wer ist dieser Matrose Miguel? Steht er in Verbindung mit Don Alonso Gomez? Auf welchem Schiffe mag er dienen? Wie kommt er in das Haus des Quartiersmannes? Das alles sind Fragen, die sich schneller tun als beantworten lassen. Und doch wird es nötig sein, hier weiter, nur sehr behutsam vorzugehen. Ich muß die bekanntesten Schlafbaase ins Geheimnis ziehen. Sie allein wissen genau Bescheid unter den Matrosen, und ihrer Vermittlung kann es am leichtesten gelingen, auf der Stelle von jedem neu angekommenen Fremdling, ist er in der Musterrolle eines Schiffers aufgeführt, Kenntnis zu erhalten. Es wäre superbe, wenn des armen Hohenfels geraubter Sohn wirklich noch lebte und in Europa den Vater, den er nicht einmal kennt, wiederfände.«

Ehe Heidenfrei zur Börse ging, übergab er seinen Söhnen noch das Paket vergilbter Briefe, die längst zurückgelegte Privatkorrespondenz mit Augustin Hohenfels, deren Durchsicht jetzt unerläßlich war, um sich aller vergangenen Umstände recht deutlich wieder zu erinnern. Da Eduard und Ferdinand nur im allgemeinen die Lebensumrisse ihres Oheims kannten, empfahl ihnen der Vater jetzt die aufmerksamste Lektüre dieser nur den Angehörigen der Familien Heidenfrei und Hohenfels zukommenden Briefe. Mit dieser Weisung verließ Heidenfrei das Kontor, übertrug den Söhnen die Expedition der fälligen Posten und gab ihnen noch einige für die Börse zu beachtende Winke, um ja in der ihm unbequemen Gemütsbewegung alles zu meiden, wodurch die Ehre seines Hauses in kommerzieller Hinsicht nur im Geringsten hätte kompromittiert werden können.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.