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Reeder und Matrose

Ernst Willkomm: Reeder und Matrose - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleReeder und Matrose
authorErnst Willkomm
firstpub1857
year1926
publisherLeuchtfeuer-Verlag
addressHamburg
titleReeder und Matrose
pages3-13
created20050628
sendergerd.bouillon
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7

Es war ein Bild glücklichsten Familienlebens, das jetzt von dem terrassenartigen Vorbau hinabblickte auf den Strom, um die große Bark majestätisch und still mit ihren aufgebauschten, von der Abendsonne vergoldeten Segeln vorübergleiten zu sehen.

Der alte Heidenfrei stand zwischen seiner Tochter und Ulrike. Mit der Rechten schwenkte er grüßend seinen Hut gegen das Schiff. Ihm zur Linken hatten die beiden Brüder Platz genommen und an Elisabeths Arm lehnte sich froh lächelnd die Mutter.

Als nur noch der Wimpel des großen Mastes über den Gebüschen zu sehen war, kehrte Vater Heidenfrei sich um, indem er sagte:

»Kommt, liebe Kinder, die Luft ist feucht, und ich bin leicht gekleidet und innerlich erregt. Ein superbes Schiff, Elisabeth, dem du deinen Namen gegeben hast! Macht dirs nicht auch Freude, solch einen stolzen Bau unter deinem Namen über die Weltmeere schwimmen zu wissen?«

»Gewiß freut es mich, Väterchen«, versetzte Elisabeth, sich schmeichelnd und liebkosend an den Arm des Vaters hängend, »ich möchte nur auch bald erfahren, welche Abenteuer das Fahrzeug und seine Bewohner erlebt haben mögen.«

Die Familie betrat die zum Gartensalon führende Freitreppe. Der Reeder schloß die Glastür und sagte, dem in der Ecke angebrachten Divan zuschreitend: »Sieh', Elisabeth, laß uns hier so lange ruhen und plaudern, bis der Abendtisch angerichtet ist. Ich hoffe, Mutter läßt uns nicht lange warten, denn ich habe – mit Erlaubnis gesagt – einen ganz martialischen Appetit. Die ostindische Post hat meine Kräfte heute gar zu sehr in Anspruch genommen.«

Vater Heidenfrei machte beim ersten Anblick keinen besonders vorteilhaften Eindruck. Von Gestalt kaum mittlerer Größe, war er fast zart gebaut. Dabei hager und ohne angeborenen Sinn für Eleganz, trug er zwar feine, aber jederzeit schlecht sitzende Kleider. Am liebsten kleidete er sich nachlässig, weil ihm dies bequemer war und es ihm widerstand, auf Äußerlichkeiten großes Gewicht zu legen. Nur dem schönen Geschlecht gab er das Recht, sich fein, möglichst geschmackvoll und mit größter Sorgfalt kleiden zu dürfen. Männer hatten seiner Ansicht nach Wichtigeres zu bedenken. Sein dunkelbrauner, schlottriger Rock, der fast bis auf die Knöchel herabreichte, und die Lederschuhe, deren Schleifen sich gelöst hatten, gaben Heidenfrei etwa das Ansehen eines den Sonderling spielenden alten und an Veraltetem hängenden Sprachlehrers.

Wer freilich den Kopf dieses Mannes ins Auge faßte und sich einigermaßen auf Physiognomik verstand, der mußte alsbald zu der Überzeugung kommen, daß er in Heidenfrei einen ungewöhnlich begabten Menschen vor sich habe. Diese hohe, gewölbte, sonnenklare Stirn, diese großen, sprechenden Augen, die tief dunkelblau waren und doch häufig schwarz erschienen, je nachdem Heidenfrei von irgend etwas mehr oder weniger angeregt war, die feinen, fast durchsichtigen Züge des kleinen Kopfes, den nur noch eine schmale Krone dünnen grauen Haares schmückte, imponierten jedermann. Man konnte nur bedauern, daß ein so schöner Kopf auf einem so gebrechlich aussehenden und überdies sehr einfach gekleideten Körper saß.

Das Geklapper von Tassen und ein einladendes Wort Frau Margarethas rief jetzt die Familie an den Teetisch. Heidenfrei erhob sich vom Divan und nahm seinen gewöhnlichen Platz zwischen Mutter und Tochter ein. Ulrike, ein schlankes Mädchen von auffallender Schönheit und dunklem Haar, reichte dem Hausherrn eine Tasse Tee, welche dieser mit freundlich dankendem Lächeln annahm, ohne ein mit den Söhnen angeknüpftes Gespräch, das eine rein kaufmännische Angelegenheit betraf, zu unterbrechen. Erst als Heidenfrei den Tee prüfend gekostet hatte, wandte er sich ihr zu und sagte, nochmals freundlich nickend:

»Superbe, liebe Ulrike, ganz superbe!«

Als bald darauf der Vater das Gespräch mit seinen Söhnen abbrach, sagte Elisabeth: »Kann man wohl erfahren, Väterchen, womit das schwimmende Gebäude, das ich mit meinen schwachen Armen, damals fast noch ein Kind, aus der Taufe heben mußte, beladen ist? Bringt es aus der neuen Welt garnichts mit, an dem auch ein Mädchenauge sich ergötzen kann? Eine niedliche Kleinigkeit für mein Boudoir, etwa einen besonders schönen Spiegel, oder etwas für den Salon, wünschte ich wohl von meinem Patenschiffe, für das ich mich ungemein lebhaft interessiere, als Andenken an seinen ersten Ausflug zu erhalten.«

»Ja, mein liebes, kleines Närrchen«. versetzte Heidenfrei scherzend, indem er der Tochter, die eine frappante Gesichtsähnlichkeit mit dem Vater hatte, nur daß sie bei aller Zartheit voll und mädchenhaft rosig erschien, einen Teller abnahm, »darauf kann ich dir heute keine bestimmte Antwort geben. Die Hauptladung besteht aus Kaffee, Reis und Rohzucker. Was der Kapitän unterwegs nebenbei eingenommen hat, weiß ich im Augenblick selbst noch nicht. Ich bin vorerst froh, das Schiff wieder glücklich im Hafen zu wissen. Es hat sich als tüchtig bewährt, was mich auch veranlassen wird, von demselben Baumeister den Kiel zu einer Fregatte noch in diesem Jahre legen zu lassen. Drei heftige Stürme, die es überstehen mußte, und von denen der letzte bei den Azoren es in die gefahrvollste Lage brachte, konnten ihm nichts anhaben. Und das, meine Tochter, das ist hervorragend!«

»Wer ist denn der Glückliche, der es über das Meer führte?« fragte Elisabeth.

»Kapitän Lars Ohlsen.«

»Der Sylter, der vor drei Jahren die merkwürdige Rettung mehrerer Schiffbrüchiger in der Elbmündung mit so großem Mut und so staunenswerter Geistesgegenwart bewerkstelligte?«

»Derselbe, mein liebes Kind. Ich sage dir, das ist ein Seemann! Mir gilt er mehr als der siegreichste General.«

»Es ist in der Tat verwunderlich«, fiel Eduard ein, dem Vater aus sein geschliffener Karaffe ein Glas alten französischen Haut-Sauterne einschenkend, »daß die ›Marie Elisabeth‹ so jungfräulich unbescholten an allen verborgenen Riffen und Klippen vorübergesegelt ist. Dafür verdienen Kapitän und Mannschaft volle Anerkennung und unsern ganz besondern Dank.«

»So ist es«, sagte Heidenfrei, »sie sollen auf beides nicht lange warten. Übrigens bin ich begierig, Ohlsen persönlich zu sprechen. Es ist mir in der letzten Zeit so manches zu Ohren gekommen, was mich momentan unruhig, sogar unsicher macht. Die Verhältnisse auf der andern Welthälfte gehen einer Umgestaltung entgegen, sind vielleicht zum Teil schon jetzt ganz andere geworden. Die Konkurrenz häuft sich dort, und zwar nicht nur die kaufmännische, auch die Konkurrenz der Nationalitäten. Sonst hatten wir es allein mit den Yankees, im mexikanischen Golf höchstens noch mit gewinnsüchtigen Neuspaniern zu tun, jetzt, ja, du lieber Gott, wer zählt und nennt alle die Völkerableger, die gegenwärtig auf amerikanischer Erde neue Keime treiben und womöglich auch einen neuen Volksstamm großziehen möchten! Engländer, Franzosen, Italiener, Holländer, Russen, Dänen, Schweden, ferner Abkömmlinge aller slavischen Stämme, endlich gar Mongolen und Malaien kämpfen drüben mit allen Kräften des spekulierenden Geistes um den Preis, den der alte Gott Merkur dem glücklich Wagenden ausgestellt hat! Da gilt es aufmerken, fein fühlen, dreimal klug und neunmal energisch sein, wenn man nicht von Aufmerksameren und mit noch feineren Nerven Begabten verdrängt, vielleicht gar in böse Kalamitäten verlockt sein will. Dies erschwert das große überseeische Handelsgeschäft schon jetzt außerordentlich. Wenn man darüber bei Zeiten grau und alt wird, so ist's kein Wunder. Die Sorge, die Erwartung, die Spannung und fieberhafte Unruhe, in der wir ununterbrochen leben, reibt auf und macht nervös reizbar. Ehe ein Schnellsegler von jenen fernen Küsten über das Meer zu uns herüberschwimmt, vergehen selbst im glücklichsten Falle doch immer ein paar Monate. In einer so langen Zeit kann das sicherste Geschäft unsicher werden, die vorsichtigste und scheinbar klügste Unternehmung in das volle Gegenteil umschlagen. Ja, wenn wir fliegen oder uns mit der Schnelligkeit des Gedankens unterhalten könnten! Engländer und Amerikaner haben allerdings viel Neues und Gutes ausgeklügelt, ich fürchte jedoch, es geht damit bald zu Ende. Dem Forschen und Grübeln des Menschengeistes ist ein Ziel gesetzt, über das hinaus er nicht weiter vordringen kann, um die Geheimnisse der Schöpfung seinem Egoismus und seinen Leidenschaften, vielleicht gar seinen Lastern dienstbar zu machen.«

»Dennoch, glaube ich, stehen wir gerade jetzt an einem merkwürdigen Wendepunkt«, bemerkte Ferdinand. »Es ist wahr, die Welt wird von Tag zu Tag prosaischer, den Menschen interessiert am meisten das, was sich berechnen läßt.«

»Ich wollte noch die Frage an dich richten«, versetzte Eduard, »ob du noch immer so wenig Vertrauen auf die Anwendung der Dampfkraft zur Fortbewegung von Schiffen hast?«

»Mit euern Dampfschiffen!« erwiderte Heidenfrei achselzuckend. »Als Versuche lasse ich sie gelten, auch ihre Vorteile, besonders in der Flußschiffahrt, will ich nicht ganz in Abrede stellen, auf dem Meere aber und zumal bei stürmischem Wetter und hohem Seegang werden sie es mit Segelschiffen nie und nimmer aufnehmen können.«

»Und ich bin vom Gegenteil überzeugt«, meinte Ferdinand.

»Weil du ein halber Yankee geworden bist während deiner amerikanischen Lehrjahre.«

»Das bin ich nun zwar nicht«, versetzte Ferdinand, »ebensowenig wie der Bruder, obgleich es dir Vergnügen macht, uns scherzweise häufig so zu nennen, aber gelernt haben wir etwas von den Amerikanern. Amerika ist das Treibhaus der Welt, in welchem jegliches Gewächs rasch Keime, Blüten ansetzt und eine Menge unreifer Früchte trägt, Europa verpflanzt diese Gewächse auf seine nicht mehr jungfräuliche Erde, bedarf etwas mehr Zeit, um ihr Wachstum befördern zu helfen, bricht aber dafür alsbald bessere und saftigere Früchte. Mit der neuen Erfindung der Dampfschiffe wird es ebenso gehen. Bemächtigen wir uns jetzt derselben und suchen wir sie mit der uns angeborenen zähen Ausdauer immer mehr zu vervollkommnen, so wird uns Europäer die Geschichte dereinst als die größten Meister in der Benutzung eines glücklichen Gedankens aufführen, und wer anders als wir und die alte Welt werden den größten Nutzen davon haben?«

»Jugendträume, die in den nächsten zehn Jahren verfliegen«, sagte Heidenfrei abwehrend. »Ich will in diese neue Spekulation kein Geld stecken, obwohl ihr beiden mir schon oft dazu geraten habt. Dem Wind und Wetter werden, so lange es Salzwasser gibt und unser Herrgott sich die Herrschaft über die Winde vorbehält, zuletzt doch alle Schiffe dienen müssen. Dem Segel beugt sich auch das schwerfälligste Fahrzeug oder das Segel reißt und zerflattert im Sturm. Euer Schaufelrad aber, mögt ihr es auch noch so stark machen, zerbricht ein stürmendes Meer, und wenn dann das Ding, was im Wasser rührt und quirlt, zersplittert ist, was fangt ihr dann an mit einem Schiffsrumpf ohne Segel und Tauwerk? Geht mir, ich lobe mir ein gut gebautes Segelschiff. In ihm feiert der menschliche Erfindungsgeist seinen größten Triumph.«

Und als sei nie von so schwer ernsten Fragen die Rede gewesen, wandte sich Heidenfrei zu den bis jetzt schweigsam gebliebenen Frauen, indem er Elisabeth und Ulrike gleichzeitig anblickend sagte:

»Was mag wohl unser Seladon machen? Hat er sich hier nicht wieder sehen lassen?«

Die jungen Mädchen errieten sogleich, wer mit dieser Bezeichnung gemeint war, und Ferdinand wechselte verstohlen einen vielsagenden Blick mit Eduard.

»Vorgestern fuhr er mit seinem braunen Bedienten am Gartentor vorüber«, antwortete Elisabeth. »Er schickte äußerst neugierige Blicke zu uns herein, ohne auch nur den Schatten eines Bändchens von uns entdecken zu können, was uns viel Vergnügen gewährte.«

»Wir haben deshalb gewettet«, bemerkte Ulrike.

»Gewettet? Wie das?« fragte Heidenfrei.

»Ja, sieh, Väterchen!« erzählte in heiterster Laune Elisabeth, »ich war der Meinung, wenn wir uns nicht sehen ließen, falls es dem vornehmen Don einfallen sollte, seine Spazierfahrten hier in der Gegend zu wiederholen, so würde er auch seine Abendbesuche früh genug einstellen. Dagegen behauptete Ulrike, gerade unser Nichtsehenlassen würde ihm zu häufigerem Kommen Anlaß geben.«

»Und da habt ihr gewettet?«

»Ja, bester Vater!«

»Und wie steht diese Wette, wenn man fragen darf?«

Die Mädchen erröteten jetzt sichtbar.

»Ich meines Teils wette, ihr habt es auf irgendeine Schelmerei abgesehen«, sagte Heidenfrei.

»Nicht doch«, erwiderte Ulrike. »Behalte ich Recht – so lautet unser Abkommen – dann muß Elisabeth Don Alonso Gomez auffordern, sie zu einem Liede zu begleiten, und gewinnt meine liebe Freundin, so habe ich dasselbe zu tun.«

»Wir kennen jetzt Eure Geheimnisse«, sagte Margaretha mild, aber doch in so bestimmtem Ton, daß die jungen Mädchen fühlten, sie würden sich dem Ausspruch der Matrone ohne Widerrede fügen müssen. »Gleich viel, ob Elisabeth oder Ulrike das kleine Spiel gewinnt. Jedenfalls werdet Ihr es mir überlassen, den Don statt eurer aufzufordern, uns wieder einmal durch seine Kunst zu ergötzen.«

»Recht so, Mama«, stimmte Heidenfrei bei. »Mädchen sollen nicht wetten, und tun sie's dennoch, so darf es nicht gelten. Aber ich sage dir, Eduard, du wirst staunen über die merkwürdige Meisterschaft dieses mexikanischen Krösus in Spiel und Gesang. Wer ihn hört, ist bezaubert. Er ist überhaupt für sein Alter ein ganz charmanter Mann, superbe im Spiel, superbe in all' seinen Manieren.«

»Ich habe den Namen dieses Fremden bereits von mehreren Seiten nennen hören«, versetzte Eduard, »und bin nun selbst begierig, dies Wunder persönlich begrüßen zu können. Ist Don Gomez in Geschäften hier?«

»Wenigstens nicht in kaufmännischen Geschäften«, erwiderte Heidenfrei. »Zum Kaufmann würde sich Don Gomez auch nicht eignen. Ein guter Kaufmann muß immer ruhig, kalt, berechnend sein, wie ein guter Diplomat; er darf das Herz weder mit der Zunge, noch den Kopf mit dem Herzen davonlaufen lassen. Wäre Don Gomez in Europa geboren, gewiß würde er dann ein Virtuos geworden sein.«

Die Hausglocke wurde zweimal stark angezogen.

»Der hat es eilig«, sagte Ferdinand, »wenn er noch stärker schellte, würde er den Glockenzug abreißen. Man könnte glauben, es sei ein Unglück passiert.«

»Nicht doch«, fiel Heidenfrei beruhigend ein. »Ich habe vergessen, euch zu sagen, daß mir die südamerikanische Post, die noch nicht ausgegeben war, als ich die Stadt verließ, nachgeschickt werden sollte. Wahrscheinlich hat Treufreund das Portefeuille dem handfesten David übergeben, der ans Laufen gewöhnt ist und dessen plumpe Manieren ganz seinen ungehobelten Ausdrücken entsprechen. Was der Mensch anfaßt, das bricht.«

Der Bediente trat ein und überreichte dem Hausherrn wirklich die erwartete Post. Auf dem Vorplatz ließ sich die rauhe Stimme Davids hören, der vernehmbar zu irgendeinem der Dienstboten sagte:

»Ich wollte, der Herr hätte nichts Dringendes in der Stadt zu bestellen, denn ich bin müde wie ein Droschkenpferd, und möchte am liebsten die Nacht in Neumühlen verbringen. Da gibts Musik, und wenn man dazu ein wenig springen kann, werden einem die von dem verfluchten Pflastertreten steifen Glieder wieder gelenkig.«

Gutmütig rief Heidenfrei, die Sendung öffnend, dem Hausknecht zu:

»Schon gut, David, geh nur und tanze. Dann schlaf' aus und sei morgen um neun Uhr pünktlich wieder mit wohl eingerenkten Gliedern auf der Diele. Viel Vergnügen!«

»Gott verdamm' mich, der Herr hat's gehört!« brummte der plumpe David, riß die Tür des Vorzimmers auf und schlug sie so heftig wieder zu, daß sie zitterte.

»Ein entsetzlich klotziger Mensch«, sagte Margaretha. »Wie magst du diesen Bär behalten!«

»Weil er treu und ehrlich ist und trotz seiner groben, ja unverschämten Redensarten. die er aus schlechter Angewohnheit immer im Munde führt, doch ein grundbraver, gutmütiger Kerl ist, der auf mich und mein Haus nichts kommen läßt und sich mir zu Liebe eher totschlagen lassen, als fortgehen würde. Solche Leute sind selten und darum muß man sie festhalten und der rauhen Schale wegen nicht den edeln Kern, den sie umschließt, verkennen.«

Heidenfrei betrachtete oberflächlich Adresse und Poststempel der Briefe und reichte mehrere seinen Söhnen. Aus fast allen größeren Hafenplätzen Südamerikas waren Schreiben an den Handelsherrn eingelaufen, dessen Verbindungen so ziemlich den ganzen Erdkreis umspannten. Nur die aus Rio de Janeiro und Buenos-Aires angekommenen Briefe legte Heidenfrei neben sich auf den Tisch, ließ die Briefe noch einmal durch seine Hände laufen, erbrach einige, auf deren Eintreffen er mit Sehnsucht gewartet hatte, durchflog ihren Inhalt und steckte sie dann befriedigt zu sich.

Eduard und Ferdinand reichten zugleich mit den gemachten Notizen die gelesenen Briefe ihrem Vater, der nur einen Blick auf die Notizen seiner Söhne warf, die Briefe selbst aber unbesehen in die weite Brusttasche seines schlotterigen braunen Rockes schob.

»Kennt einer von euch die Hand da?« sagte Heidenfrei, einen aus Rio eingelaufenen Brief mit größerer Aufmerksamkeit betrachtend. »Sie kommt mir bekannt vor und doch kann ich mich nicht besinnen, wem diese langen, steifen Schriftzüge angehören. Es muß ein alter Korrespondent sein, der lange Zeit geschwiegen hat.«

Die Söhne musterten ebenfalls den Brief und gaben ihn dann dem Vater mit dem Bemerken zurück, daß ihnen die Handschrift völlig unbekannt sei.

Heidenfrei löste darauf das Siegel, entfaltete das Schreiben und sah nach der Unterschrift.

»Mein Gott«, rief er verwundert, überrascht und doch froh bewegt aus, »die Toten stehen auf! Wißt ihr, wer da an mich schreibt, nachdem wir ihn schon seit siebenzehn Jahren zu den Toten gezählt haben?«

Die Brüder, ebenso Elisabeth und Ulrike, blickten den Vater erwartungsvoll, aber schweigend an, nur Margaretha, welche die Farbe wechselte, sprach kaum hörbar:

»Doch nicht mein verschollener Stiefbruder?«

»Augustin Hohenfels, kein anderer«, sagte Heidenfrei, das Schreiben mit zitternder Hand vollends entfaltend. »Doch laßt uns vernehmen, wie es ihm geht, welche seltsame Verkettung von Umständen ihn so lange Jahre abgehalten hat, uns auch nur ein Lebenszeichen zukommen zu lassen.«

*

Augustin Hohenfels, ein jüngerer Bruder Margarethas aus der zweiten Ehe ihrer Mutter, war, nachdem er den Kaufmannsberuf erlernt hatte, nach Amerika gereist, nicht in der Absicht, sich dort für immer niederzulassen, sondern lediglich, um Verbindungen, die sein damals noch lebender Vater angeknüpft hatte, eine weitere Ausdehnung zu geben und womöglich Schritte zur Anlegung eines Zweigkontors des Hauses Hohenfels an einem der regsamsten Plätze Südamerikas zu tun. Augustins Bestrebungen gelangen über alles Erwarten gut, so daß schon nach Ablauf kaum eines Jahres in Rio de Janeiro die Firma Hohenfels & Comp. allgemein bekannt und geachtet dastand. Dies schnelle Gelingen, das dem Hamburger Mutterhause nur Segen bringen konnte, machten es dem glücklichen Begründer der amerikanischen Filiale wünschenswert, länger und zwar auf unbestimmte Zeit in der neuen Welt zu bleiben, deren reiche Natur und prachtvolle Vegetation den phantasievollen jungen Mann ohnehin mit ungeahnten Zauberbanden festhielt Drei volle Jahre blühte das Geschäft, an dem sich auch Heidenfrei, welcher sich vier Jahre vor Augustins Abreise mit dessen älterer Halbschwester Margaretha vermählt hatte, beteiligte. Im vierten Jahre stellten sich einige Verluste ein, die jedoch niemand auffielen und mit kaufmännischer Ruhe ertragen wurden. Den Vater Hohenfels beunruhigte es nur, daß sein Sohn immer seltener und dann regelmäßig in arger Verstimmung schrieb. Er glaubte anfangs die Veranlassung dazu in der erschlaffenden Einwirkung des Klimas suchen zu müssen, worunter alle Einwanderer zu leiden haben. War doch Augustin nicht einmal von der Pest dieser paradiesischen Länder, vom gelben Fieber verschont geblieben. Er sprach jedoch unumwunden aus, daß er nicht mehr daran denke, seinen jetzigen Aufenthalt je wieder mit Europa zu vertauschen. Er liebe seine neue Heimat, er schwärme für sie, und da sein ganzes Herz jetzt an diesem Lande hänge, wolle er auch daselbst leben und sterben.

Nach diesem in offenbar ungewöhnlich aufgeregter Stimmung geschriebenen Briefe mußten den Vater des Abwesenden Besorgnisse mancherlei Art beschleichen. Das Geschäft machte dem äußern Anscheine nach die besten Fortschritte, es blühte, setzte viel um, und doch rentierte es nicht. Man zog also unter der Hand vorsichtig Erkundigungen ein, deren Ergebnisse nach vielen Monaten die Familie Augustins in tiefe Bekümmernis stürzte. Augustin war vermählt, nicht aber in gesetzlich erlaubter Weise. Er hatte die junge Frau eines unbemittelten Beamten, deren Schönheit ihn bestochen, entführt und, ohne daß eine Scheidung erfolgt war, sich heimlich durch einen bestochenen Priester mit ihr trauen lassen. Ein offenes Geständnis dieses Vergehens seinen Eltern abzulegen und um deren Vermittlung zu bitten, hinderten ihn Stolz und leidenschaftliche Liebe. Augustin Hohenfels griff daher zu einem anderen Mittel. Er suchte mit Geld gut zu machen, was sein Herz gefehlt und eine unüberlegte rasche Tat zu einem offenbaren Verbrechen gestempelt hatte. So erklärte sich die geringe Rentabilität des von Natur doch glänzenden Geschäftes.

Die großen Summen, welche Augustin opfern mußte, um sich das Stillschweigen seiner Helfershelfer zu erkaufen, den Behörden den Mund zu stopfen und endlich den so schwer beleidigten Gatten der Entführten zu beruhigen, verschlangen die Gewinne mehrerer Jahre, ohne doch das erstrebte Ziel wirklich zu erreichen.

Augustin gewahrte bald, daß seine mit so großem Opfern erkaufte Frau heimlich beobachtet und den ihr schlau gelegten Schlingen schwerlich entgehen werde. Dies veranlaßte den von Furcht, Mißtrauen und Eifersucht gequälten jungen Mann mit Dolores unbemerkt zu verreisen und sie aus einem versteckt liegenden Landhause, das Augustin auf einige Jahre mietete, etwa sechs Meilen von der Hauptstadt entfernt und in paradiesischer Waldeinsamkeit gelegen, den Augen ihrer und seiner Feinde für immer zu entziehen. Auf diesem Landhause, welches der liebende, seine junge Gattin anbetende Augustin mit allem Komfort ausstattete, dessen er habhaft werden konnte, gebar ihm einige Monate später Dolores einen Sohn, das Ebenbild seiner Mutter. Der glückliche Vater jubelte vor Freude und wähnte im Augenblick der Aufregung, nunmehr würden für ihn die schwersten Tage vorüber, die aufregendsten Kämpfe überstanden sein. Da erreichte ihn ein Brief seines Vaters, der in etwas barscher Weise Rechenschaftsablegung verlangte, einen genauen spezifizierten Auszug aus den Handelsbüchern forderte und nach Aufzählung und Vorhaltung der ihm gemachten Eröffnungen nur die einfache Frage an den Sohn richtete: ob er das ihm Schuld Gegebene einfach als Lüge bezeichnen und die Unwahrheit der Berichte anderer nachweisen könne? Sei dies nicht der Fall, so sehe sich die alte, unbescholtene Firma der Hohenfels ihrer kaufmännischen Ehre wegen in die betrübende Notwendigkeit versetzt, sich unter der Belassung der eingezahlten Kapitalien von der südamerikanischen Tochterfirma zu trennen. Nur aus Humanitätsrücksichten und um auch nicht den Schein der Härte auf sich zu laden oder gar die Welt ahnen zu lassen, daß im Schoße der Familie Hohenfels ein unheilbarer Bruch erfolgt sei, werde man die kommerziellen Beziehungen mit der alsdann für eigene Rechnung weiter arbeitenden Firma in Südamerika fortsetzen.

In dem ganzen, äußerst kühl gehaltenen Schreiben des Vaters an seinen Sohn stand kein Wort des Vorwurfs. Es war genau so kaltverständig, so einfach klar abgefaßt, wie der sterilste Geschäftsbrief. Gerade diese fürchterliche Kälte aber, dieser farblose Geschäftsstil traf den leidenschaftlichen, nervös reizbaren Augustin wie ein Donnerschlag. Sein erster Blick sagte dem Bedauernswerten, daß jedes Band zwischen ihm und seinen stolzen Verwandten in der Heimat für immer durchschnitten sei, und daß er sich selbst und zwar sich ganz allein die Schuld davon beizumessen habe. Das gerade machte ihn vollends unglücklich und brachte ihn fast dem Wahnsinn nahe.

Es wäre jedenfalls noch eine Verständigung zwischen Vater und Sohn denkbar gewesen, hätte Letzteren die Leidenschaft nicht gänzlich verblendet. Anstatt reuig dem Vater seine Schuld zu bekennen und die etwaigen Entschuldigungsgründe mit anzuführen, die einen jungen, leicht erregbaren Mann wohl in arge Verlegenheiten bringen und unter Umständen sogar zu einer verbrecherischen Handlung verleiten können, setzte sich Augustin in der heftigsten Erbitterung hin, um buchstäblich dem Verlangen des Vaters Genüge zu leisten. Seine Schuld gestand er offen ein, beiläufig meldete er seinen Eltern auch die Geburt eines Enkelsohnes, ein Wort der Bitte aber, der Rechtfertigung ging ebensowenig über seine Lippen als es der Feder entfloß. Die gewünschte Abrechnung ward ebenfalls durch seinen Buchhalter besorgt. Zum Erstaunen Augustins, der sich von Stund an als einen Verstoßenen betrachtete, stellte diese sich mehr als er zu hoffen wagen durfte, zu seinen Gunsten. Das Mutterhaus in Hamburg blieb ihm noch eine ganz erkleckliche Summe schuldig, mit der sich, sobald sie bar einging, schon etwas anfangen ließ.

Als Augustin Hohenfels so seiner kaufmännischen Ehre vollkommen genügt hatte, expedierte er die erforderlichen Papiere und Dokumente und wartete nun das Weitere mit Ruhe ab.

Hohenfels, der Vater, wollte lange Zeit nicht an die Wahrheit der ihm zugekommenen Mitteilungen über seinen Sohn und dessen Aufführung in Rio glauben. Er zögerte deshalb mehrere Wochen, ehe er, von den Seinigen gedrängt, zu dem erwähnten Schreiben sich entschloß. Nicht Herzlosigkeit, sondern Berechnung ließ ihn den kühlen trocknen Ton des Geschäftsmannes wählen. Er hoffte mit Zuversicht, Augustin werde, falls er der Schuldige sei, daran erkennen, daß er die ganze Angelegenheit vom geschäftlichen Gesichtspunkte aus behandelt wissen wolle, und daß, gerade weil diese Ansicht in der Heimat die vorherrschende sei, eine Verständigung leichter sich anbahnen lassen müsse, als wenn nur die Herzen oder altpatrizischer Dünkel das große Wort führten.

In seiner Leidenschaftlichkeit verkannte Augustin leider diese wohlwollende Absicht der Seinigen, und anstatt zu versöhnen, stieß er seine ganze Verwandtschaft durch die Hast, mit welcher er ›das Geschäft‹, wie er sich selbst ausdrückte, ohne Umschweife abmachte, gänzlich von sich.

Die schon bejahrte Mutter überlebte diesen harten Schlag, der ihr den einzigen Sohn raubte, nur wenige Monate, der Vater ward schwermütig, konnte sich aber doch nicht entschließen, nochmals ein mildes Wort an den Sohn zu richten. Aber Hohenfels, der Ältere, stand nicht verlassen da. Seine Stieftochter Margaretha und deren rüstiger Gatte Heidenfrei trösteten den unglücklichen, bejahrten Mann und redeten ihm so lange zu, bis er dem Schwiegersohn Erlaubnis gab, als Vermittler aufzutreten.

Heidenfrei war nicht müßig. Er entwarf einen langen Brief, der unter Vermeidung jeglichen Vorwurfes dem fernen Schwager die traurige Gemütsverstimmung des Vaters, den kummervollen Tod der Mutter schilderte, und schließlich dringend um Um- und Heimkehr bat. Von der Gattin Augustins war in diesem Schreiben allerdings nur die Rede, als er andeutete, es werde auch dieser übereilte Schritt volle Verzeihung finden, wenn Augustin nur erst bekenne, daß er gefehlt habe und dem schwer beleidigten Vater das erste Wort gönne. Gleichzeitig mit Heidenfrei schrieb auch Margaretha an ihren Halbbruder, nicht, um Neues zu sagen, sondern den Bitten ihres Gatten noch mehr Nachdruck zu geben.

Beide Briefe kamen zu spät an ihren Bestimmungsort, um eine schon längst vorbereitete Katastrophe abwenden zu können.

Der frühere Gatte der Dolores, Gonsalez, ein Portugiese jähzornigen Charakters, vermochte den ihm angetanen Schimpf nicht zu vergessen und schmiedete deshalb in aller Heimlichkeit Rachepläne gegen Augustin Hohenfels. An käuflichen Subjekten der verschlagensten Gattung konnte es dem Eingeborenen gegenüber dem Eingewanderten, dem verhaßten, unternehmenden Deutschen, nicht fehlen. Es gelang ihm daher, das Versteck der jungen Frau früher auszuspüren, als Augustin, der wohl zuweilen dies fürchtete, die Möglichkeit des Gelingens eines solchen Versuches ahnte. Einmal so weit gelangt, war alles Fernere leicht zu bewerkstelligen. Der Betrogene, nach Rache lechzende Brasilianer wartete die ihm günstigste Stunde ab, wo er Augustin abwesend wußte. Dann umstellte er das einsame Landhaus mit zuverlässigen Leuten, drang ein, bemächtigte sich der entsetzten Dolores und ihres Säuglings, tötete die Wärterin und führte beide ins Innere des Landes.

Augustin Hohenfels erfuhr erst am nächsten Morgen dieses furchtbare Unglück, und nur der Gedanke, es sei ein Fatum, ein ihm bestimmtes Verhängnis, verbunden mit der Hoffnung, den Räuber seines Weibes und Kindes aufzufinden, gab ihm Kraft. Mit wenigen flüchtigen Worten meldete er seinem Schwager Heidenfrei das Vorgefallene, indem er hinzufügte, daß er ausführliche Nachrichten senden werde, sobald er über das Schicksal der Seinigen Gewißheit erhalten habe. Die Fortführung der Geschäfte übertrug Augusten seinem erprobten Buchhalter, einem seit langen Jahren in Rio lebenden und mit den dortigen Handelsverhältnissen vollkommen vertrauten Deutschen. Durch diesen sollte auch die fernere Verbindung mit der Vaterstadt aufrecht erhalten werden. Dies alles ward von dem in Angst und Entsetzen lebenden jungen Manne nur angedeutet, denn er hatte keine Zeit zu verlieren, wollte er den frechen Räubern seines Weibes und Kindes auf die Spur kommen.

Diese wenigen und offenbar in der furchtbarsten Aufregung geschriebenen Zeilen Augustin Hohenfels' waren das letzte sichtbare Zeichen seiner Existenz. Nie erhielten die in Europa lebenden Verwandten des beklagenswerten, talentvollen Mannes je wieder Kunde von ihm oder auch nur eine Hinweisung auf seine spätern Schicksale. Sein Stellvertreter und damals Chef der Handlung in Rio blieb ebenfalls ohne Nachricht. Er führte die Handlung unter großen Sorgen und Mühen noch einige Jahre fort, sah sich aber dann genötigt, sie ein paar rüstigen, jungen Männern, zwei Brüdern abzutreten, da seine angegriffene Gesundheit ein zurückgezogenes Leben von allen Geschäften verlangte.

So erlosch die Firma Hohenfels Sohn für immer, und wie sein Name in der brasilianischen Hauptstadt unter der dortigen Kaufmannswelt verschwand, so ging er auch bald im Gedächtnis der Lebenden diesseits und jenseits des atlantischen Ozeans verloren. Wenn später auch dann und wann einer oder der andere des so gänzlich Verschollenen gelegentlich einmal gedachte, so drängte man die Erinnerung an ihn gewöhnlich geflissentlich wieder zurück, da man ja doch nur alte, schon vernarbte Wunden damit noch einmal aufriß, ohne Geschehenes ungeschehen machen und einen sicherlich längst Verstorbenen und Begrabenen dem Leben wieder geben zu können.

Die Familie Heidenfrei wurde von diesem düstern Verhängnis schwer betroffen, und wie sehr auch ein seltenes Glück die immer riesenartiger sich gestaltenden Unternehmungen des Hauses begünstigte, oft drängte sich das Bild des Verlorenen wie ein dunkler, drohender Schatten in die sonnenhellsten Tage. Am meisten litt Margaretha darunter, die in der prunkvollen Herrlichkeit ihrer Häuslichkeit mehr als andere, von den Geschäften des Tages in Anspruch genommene, von dem Schattenbilde des unglücklichen Bruders umschwebt wurde.

Die Kinder Heidenfreis erinnerten sich nur dunkel jener trüben Tage, wo sich das ganze Hans in Schwarz hüllte, um den Verschollenen als einen Toten zu betrauern. Der wahre Vorgang und die traurige Veranlassung zu Augustins unheimlichem Schicksal blieb allen verborgen. Selten hörten die Heranwachsenden in spätern Jahren des Onkels Augustin gedenken, der wie eine Mythe in die lebensfrische Gegenwart der Familie hereinragte.

Erst als später die beiden Brüder die andere Hemisphäre besuchten, trug der Vater ihnen auf, Erkundigungen über den Oheim einzuziehen, indem er ihnen von den bekannt gewordenen Lebensschicksalen das Nötige mitteilte. Allein auch die Brüder hatten nicht mehr Glück, als frühere vertraute Sendlinge. Augustin Hohenfels blieb verschwunden und man mußte annehmen, daß er in den unzugänglichen Wildnissen Inner-Amerikas bei Verfolgung der Räuber seines Weibes und Kindes umgekommen sei. Es war dies so wahrscheinlich und kam so häufig vor, daß niemand daran zweifelte. Dort in den unermeßlichen Savannen Brasiliens, in den undurchdringlichen Urwäldern der Tropen, in den unzugänglichen Schluchten und Tälern der Kordilleren schwärmten damals noch zahlreiche, wilde Indianerstämme, die jeden weißen Mann als einen Feind betrachteten und seine Tötung für ein ihrem Volke verdienstliches Werk hielten. Wie leicht also konnte unter solchen Verhältnissen ein nur von wenigen begleiteter kühner Mann, den Leidenschaft und Rachedurst blindlings vorwärts trieben, in einen Hinterhalt fallen und nach heldenmütigem Kampf der Übermacht erliegen! Daß gerade Augustin Hohenfels ein solches Schicksal erreicht haben möge, war umsomehr anzunehmen, als sein Gegner viele Jahre später wirklich in ähnlicher Weise erlag. Indianische Krieger erschlugen ihn und seine Gefährten auf einem Jagdzuge. Die verstümmelten Leichen der Unglücklichen entdeckte ein Trupp anderer Jäger zu spät, um die Täter verfolgen und zur Rechenschaft ziehen zu können.

Von diesem Manne nun traf jetzt nach siebenzehnjährigem Schweigen ein Brief ein. Dies Schreiben wirkte wie die Erscheinung eines Geistes und ergriff Margaretha heftig.

Als man sich etwas beruhigt hatte, trug Heidenfrei den Brief des Totgeglaubten vor. Das Schreiben war, wie das Datum auswies, weit über ein Jahr alt, doch sagte eine Nachschrift, daß es erst vor fünf Monaten in Rio de Janeiro geschlossen und daselbst zur Post gegeben worden sei. Augustin Hohenfels schrieb:

 

Geliebter Schwager!

In der Voraussetzung, daß diese Zeilen früher oder später in deine Hände kommen werden, ergreife ich noch einmal die Feder, obwohl es mir jetzt schwer fällt, sie zu führen. Von meinen persönlichen Schicksalen will ich dich nicht lange unterhalten. Ich würde beim Niederschreiben derselben nur schaudernd noch einmal in der Rückerinnerung durchleben müssen, was ich in der Wirklichkeit bis zum Überdruß ausgekostet habe. Es liegt auch wenig daran. Darum ein Schleier über die Vergangenheit und mit allen Rückwärtsgedanken hinunter in die Gruft, wo die Verwesung haust und schafft!

Über die Veranlassung meines Wegganges aus Rio de Janeiro müßt ihr unterrichtet worden sein. Leider sollte ich kein Glück haben! Die Spuren meines Todfeindes und seiner Begleiter entdeckte ich zwar nach einigen Tagen, ihm selbst aber habe ich nie wieder in das verhaßte Antlitz blicken können. Nur ein Trost, ein einziger, kurzer Trost war mir beschieden. Dolores, mein geliebtes Weib, die Mutter meines Kindes, starb in meinen Armen.

Es war eine wilde Jagd, die mich dieses Glückes teilhaftig machte. Drei Monate lang war ich durch Steppe, Wald und Wildnis geirrt, hatte reißende Bergflüsse durchwatet, gehungert und gedurstet, und immer besaß ich nichts, als die unzweideutige Spur des dreimal Vermaledeiten. Endlich, endlich entdeckte ich seinen Lagerplatz! Am Fuße der Cordillera grande, versteckt unter riesigen Farren, hatte der Schändliche Rast halten müssen, weil die zarte Dolores die Strapazen der Reise nicht mehr ertrug. Aber der unversöhnliche Räuber war vorsichtig gewesen. Seine ausgestellten Posten gewahrten uns zeitig genug, um ihm das Entkommen möglich zu machen. Auf einem Felsgrat, bis wohin ich ihm atemlos nachsetzte, sah ich ihn zum letzten Male, mein Kind auf dem Arm. Er schwang triumphierend die Büchse gegen mich und antwortete auf die Kugel, die ich ihm in der Wut nachschickte, mit einem wilden Jauchzen, wie es nur die Indianer auszustoßen pflegen.

Zurückgekehrt in das Zelt der Kranken, fand ich Dolores bewußtlos. Meine liebenden Schmeichelworte brachten sie auf kurze Zeit zu sich. Sie erkannte mich, sie schlang ihre abgemagerten, todesfeuchten Arme um meinen Nacken, drückte mich unter Küssen an sich und starb dann, wimmernd nach ihrem Kinde verlangend, an meinem Herzen. Unter Palmen habe ich sie begraben. Dann trocknete ich meine Tränen, nahm die Büchse wieder auf und zog weiter in die Wildnis der Gebirge.

Doch wozu noch mehr von meinem Elend reden. Es genügt die einfache Bemerkung, daß ich ganz Brasilien bis zum Äquator durchstreifte. Darüber vergingen Jahre. Ich gesellte mich wandernden oder mit andern Stämmen Krieg führenden Indianerhorden bei und ward unter ihnen selbst ein Halbwilder. Für einen Europäer würde mich schon damals ebensowenig jemand gehalten haben, wie ich dies jetzt verlangen möchte.

So zog ich fort, immer nordwärts, über den Orinoco hinaus nach Venezuela, wandte mich später dem Magdalenenstrome zu und erreichte das karaibische Meer. Hier bestieg ich ein Schiff der Vereinigten Staaten, denn ich vermutete, Gonsalez werde sich nach den südlichen Staaten der Union gewendet haben, da er in der Louisiana wohlhabende Verwandte besaß.

Wollte ich meine Nachforschungen mit einiger Aussicht auf Erfolg fortsetzen, so war es nötig, mich hinter die Maske eines fremden Namens zu verstecken. Ich legte mir demnach einen ganz gewöhnlichen, unendlich häufig vorkommenden, amerikanischen Namen bei, trieb Handelsgeschäfte in New-Orleans, wie sie mir eben vorkamen, hielt mich aber nur so lange daselbst wie überhaupt in der ganzen Louisiana auf, als nötig war, um mir darüber Gewißheit zu verschaffen, daß Gonsalez nicht in der Umgegend lebe.

Auf die freilich ungewisse Nachricht hin, derselbe sei im Westen des Landes, in Texas, gesehen worden, solle daselbst sogar eine Besitzung gekauft haben, machte ich mich dahin auf den Weg und entdeckte wirklich Spuren seines dortigen Aufenthaltes. Ein Knabe von vier Jahren, aus dessen Beschreibung mir die Züge seiner unvergeßlichen Mutter entgegenlachten, bestärkte mich in meiner Annahme und da der Besitzer desselben nach der Westküste aufgebrochen sein sollte, richtete auch ich meine Schritte dorthin. Hier war es, wo ich an dich und den Vater schrieb, um euch wissen zu lassen, daß ich lebe und Hoffnung habe, mein Kind wieder zu finden. Nur war mein Briefbote ein wenig zuverlässiger Mensch, ein sogenannter Buschrandger, der ein Menschenleben ebensowenig achtete, wie ein Stück Papier.

Wieder lockten mich untrügliche Spuren immer weiter bis an die Felsengestade des Rio Colorado, dessen Lauf ich, hundertmal in Todesgefahren, bis zu seiner Mündung in den Golf von Kalifornien verfolgte. Hier endeten meine Nachforschungen und nie wieder, obwohl ich bis in den eisigen Norden und abermals südwärts in die La Plata-Staaten vordrang, und Leiden erduldete, wie selten ein Sterblicher sie zu überstehen Kraft und Willen besaß, sah ich mein Kind und seinen Entführer.

Kummer, geistige Aufregung, Seelenschmerzen und nie ruhende Strapazen haben mich alt und siech gemacht. Die Barmherzigkeit meiner Landsleute, die mich nicht wieder erkannten, aus meinen Erzählungen aber doch die Überzeugung gewannen, daß ich jener unglückliche Augustin Hohenfels sein müsse, den man längst für tot gehalten, hat mir im deutschen Hospital vorläufig ein Unterkommen verschafft. Und da lebe ich denn, lebe wie eine Raupe, die der Stunde harrt, wo sie sich ihr eigenes Totenkleid webt, um in dessen Umhüllung still zu sterben.

Ich hoffe nichts mehr von der Welt. Diesen Brief schrieb ich nur, um euch zu sagen, daß, wenn ich gefehlt habe, mein Vergehen durch die furchtbaren Leiden, die ich ertrug, zehnmal gesühnt ist. Endlich aber drängt es mich, euch mitzuteilen, daß mein Sohn entweder dereinst Europa und wahrscheinlich auch Deutschland besuchen wird, oder vielleicht schon jetzt irgendwo in der alten Welt lebt. Ein alter Sklave des Gonsalez, der diesen bei seiner räuberischen Unternehmung begleitete, hat auf seinem Totenbett gebeichtet, daß sein Herr den geraubten Knaben in Texas einem Pflanzer abgelassen, dieser den hübschen Jungen aber wieder einem Kaufmann auf Kuba übergeben habe, der mit allen enropäischen Hafenplätzen in enger Verbindung steht und die Eigenheit besitzt, die meisten für seine eigenen Schiffe bestimmten Mannschaften unter seinen Augen zum Schiffsdienst erziehen zu lassen. Dieser Mann heißt, wenn der Sterbende nicht gelogen hat, was kaum anzunehmen ist, Don Pueblo y Miguel Saldanha.

Lebt wohl! Gott sei mit dir, meiner Schwester und deinen Kindern! Vielleicht, obwohl ich es nicht glaube, wäre uns auf dieser qualvollen Erde doch noch die Freude eines kurzen Wiedersehens vergönnt. An diese Hoffnung klammert sich mit glaubensstarkem Herzen euer körperlich gebrochener, geistig aber noch immer ungebeugt dastehender Bruder und Schwager

Augustin Hohenfels.

 

Von der Vorlesung dieses Briefes waren alle tief ergriffen. Elisabeth und Ulrike vermochten die schon längst gewaltsam hervorbrechenden Tränen nicht mehr zurückzuhalten. Laut schluchzend umarmten beide die gefaßtere, innerlich aber vielleicht von sämtlichen Zuhörern am tiefsten erschütterte Margaretha.

Heidenfrei selbst zeigte, wie immer, äußerlich keine Spuren von starker Gemütsbewegung. Auch die Söhne behielten ihre ruhige Haltung bei, wie es Geschäftsleuten zukommt.

»Also er lebt noch«, sprach nach kurzer Pause der Vater, das umfangreiche Schreiben bedächtig zusammenfaltend und in ein besonderes Fach seines Taschenbuches legend. »Und er meint, auch sein Sohn, das Kind seiner Liebe, seiner Schmerzen sei noch am Leben? Hm, hm! Es wäre superbe, aber recht einleuchtend ist es mir nicht.«

»Sollte Don Gomez nichts von dem Kaufmanne auf Kuba gehört haben?« sagte Ferdinand. »Er war ja einige Zeit Grundbesitzer in Texas, er muß die bedeutenderen Handelsherren von den Inseln, die mit jenen Produzenten in lebhafter Korrespondenz stehen, kennen.«

»Ist sehr unwahrscheinlich«, meinte der Vater. »Ich traue überhaupt dieser ganzen Angabe und Aussage nicht, denn bei unserm starken Verkehr mit Kuba müßte doch meines Erachtens der Name Pueblo y Miguel Saldanha irgendwie einmal auf der Börse oder in einen. Briefe, als Giro auf einem Wechsel vorgekommen sein.«

»Seltsam ist's, daß diese Firma wenigstens nicht bei uns bekannt zu sein scheint«, sprach Eduard. »Indessen dies beweist noch immer nichts gegen die Existenz eines Mannes gleichen Namens. Wir werden vorsichtig Erkundigungen einziehen, wir werden vor allem dem unglücklichen Oheim freundlich antworten und ihm die erforderlichen Mittel zuweisen, um seine erschütterte Gesundheit womöglich wiederherzustellen. Inzwischen wollen wir auch Order geben, daß kein Spanier, der von den Küsten Amerikas, gleichviel wie er sich nennt, oder was er treibt, hier ankommt, unserer Nachforschung entgeht.«

»Dem stimme ich bei«, sagte Ferdinand, »und eben deshalb mag es nicht schaden, wenn wir unseren lebenslustigen Freunde behutsam auf den Zahn fühlen.«

Heidenfrei war derselben Ansicht, auch die Mutter billigte sie, nur riet sie zu größter Vorsicht, um den vornehmen Don nicht etwa zu beleidigen.

Es war darüber spät geworden, und obwohl alle sich noch in seltsamer Aufregung befanden, trennte man sich doch, da Heidenfrei ein längeres Beisammensein, das zu einer weiteren Besprechung des aufregenden Gegenstandes immer von neuem führen müsse, für störend und mithin unzweckmäßig erklärte.

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