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Reeder und Matrose

Ernst Willkomm: Reeder und Matrose - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleReeder und Matrose
authorErnst Willkomm
firstpub1857
year1926
publisherLeuchtfeuer-Verlag
addressHamburg
titleReeder und Matrose
pages3-13
created20050628
sendergerd.bouillon
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4

Miguel sah düster in die Wellen. Vom Kai herüber hallte Gesang, zahllose Lichtpunkte glänzten aus den langen Häuserreihen, über denen riesenhoch der Turm der Michaeliskirche emporstieg. Eine Hand berührte sanft die Schulter des jungen Menschen. Miguel kehrte sich um.

»Wieder allein und immer still und ernst?« fragte ihn der Steuermann Andreas. »Du hast deine ganze Natur verändert, seit wir im Hafen liegen. Gefällt dir Hamburg denn gar nicht?«

»Nein!« lautete die kurze Antwort des finstern Jünglings.

»Und warum?«

»Weil ich mich langweile.«

»Ein triftiger Grund, dem indes bald abzuhelfen wäre.«

»Wie das?«

»Man geht ans Land und amüsiert sich.«

»Wo soll ich mich amüsieren?« fragte beinahe verwundert der junge Matrose.

»Das ist freilich eine höchst wunderliche Frage«, erwiderte Andreas. »Als ich in deinem Alter war, Miguel, freute ich mich mit meinen Kameraden auf die Stunde, wo wir in einem belebten Hafenort vor Anker gehen würden. Matrosen sind in der Regel leicht zufrieden zu stellen, wenn sie am Lande nur ein volles Glas, ein gefälliges, hübsches Kind und Tanzmusik finden. Solltest du, der Sohn des heißblütigen Südens, ganz allein eine Ausnahme machen? Sieh da links hinüber. Kennst du die Häuser dort am hohen Uferrande? Wenn du ein leidlich gutes Gehör besitzest, vernimmst du selbst hier den Jubel, der von dort herab aus hundert offenen Fenstern hallt. Auf dem Hamburger Berge stirbt nie die Freude, so lange das Jahr währt. Dort findest du auch Landsleute genug, denen du, wenn dich etwas drückt, dein Herz öffnen kannst.«

Miguels schwarze Augen glühten. »Ich hasse die Freuden dieses Berges«, sagte er heftig.

»Ja, mein lieber Junge«, versetzte Andreas zutraulich, »da muß ich schon wieder nach dem Grunde dieses Hasses fragen.«

»O über euch grundliebende Deutsche«, seufzte Miguel ungeduldig.

»Bist du betrogen worden?«

»Laßt mich, Andrea«, erwiderte der Matrose, »und freut euch, daß ihr nicht mein Leid zu tragen habt.«

Der Steuermann entfernte sich, kehrte aber bald wieder zu dem mürrischen Burschen zurück, der wie eine Bildsäule unbeweglich auf dem Deck stand und bald in die Flut, bald ostwärts auf die hohen Häusermassen der Stadt sah.

»Du vermißt doch nicht Don Alonso Gomez?« redete Andreas den Schweigsamen abermals an. »In der letzten Zeit unserer Fahrt war er dir ja beinahe zuwider.«

Miguel kehrte sich um und zeigte Andreas ein eisenhartes kaltes Gesicht, dem nur der starke Glanz seiner großen ausdrucksvollen Augen Leben verlieh.

»Es ist, wie ihr sagt, Sennor Andrea«, versetzte er, »und dennoch vermisse ich ihn.«

»Dann geh' zu ihm und nimm Dienste.«

»Carajo!« rief Miguel, mit dem Fuße stampfend, durch die Zähne, indem er zugleich verächtlich ausspuckte. »Ich und ihm dienen! – Erwürgen will ich ihn lieber; es würde mir dann wohler sein.«

»Man mordet niemand ohne Veranlassung«, sagte der Steuermann.

»Ich hätte mehr als eine Veranlassung und könnte eure Neigung, für alles Gründe zu erfahren, recht gut befriedigen, aber ich will nicht.«

»Traust du mir nicht?«

»Mehr als mir selbst.«

»Dann kannst du mir auch die Gründe deines Hasses oder deiner Abneigung gegen Don Alonso Gomez sagen.«

»Es nützt nichts.«

»Aber es kann deinen Kummer erleichtern.«

»Schwerlich.«

»Dennoch wär' es möglich.«

»Don Gomez ist reich, ich bin arm; er ist ein freier Mann, ich bin gebunden.«

»Und deshalb möchtest du ihn erwürgen?« sagte Andreas. »Nein, lieber Miguel, das ist es nicht. Don Alonso Gomez' Reichtum und Unabhängigkeit mögen dir unangenehm und unbequem sein, das gebe ich zu, dein heftiger Haß aber, den du seit einigen Tagen gar nicht mehr zu verbergen weißt, gründet sich darauf allein nicht. Soll ich dir sagen, was dich kränkt, was dich so wild macht?«

»Ihr könnt nicht in meiner Seele lesen«, erwiderte Miguel ausweichend.

»Wer weiß«, sagte mit teilnehmender Freundlichkeit der Steuermann. »Wenn ich nun annehme, du hättest ein paar merkwürdig glänzende Sterne von blauem Feuer entdeckt und seist in deren genauerer Beobachtung durch das kecke Dazwischentreten des reichen Don behindert worden, würde ich mit dieser Annahme wohl fehlgehen?«

Der Matrose warf Andreas einen jener scharfen, harten und vielsagenden Blicke zu, mit denen er gewöhnlich eine laute Antwort zu umgehen suchte.

»Verstelle dich nicht, Miguel«, fuhr der Steuermann fort. »Es ist, wie ich sage, und wenn du in mir deinen Freund erkennen willst, so verspreche ich dir Schutz. Es soll mir ganz recht sein, wenn der gar zu übermütige Mexikaner ein wenig gedemütigt werden kann.«

Miguel reichte Andreas seine Rechte.

»Habt ihr Zeit?« fragte er.

»So lange du willst.«

»Dann möchte ich in eurer Begleitung an Land gehen.«

»Gern, aber wohin, kleine Eifersucht?«

»Ich werde euch führen. Wollt ihr mir folgen?«

»Du hast mein Wort, und Seemannswort gilt bei uns zu Lande oft mehr, als eines hochgeborenen Ritters Ehrenwort.«

»So laßt uns eilen. Ihr werdet eure Freude an dem Anblick haben, den ich euch verschaffen will, zugleich aber auch einsehen, daß es mir in eurer Vaterstadt unmöglich gefallen kann.«

Erwartungsvoll bestieg Andreas mit dem Matrosen ein Boot. Die Freunde ruderten dem Lande zu. Hier ergriff Miguel den Arm des Steuermannes und ging mit diesem die Vorsetzen entlang über den Baumwall nach dem Brook.

»Wir sind gleich zur Stelle«, sagte der Matrose, dessen Blut lebhafter durch die Adern zu rollen begann. »Dort, wo die trübe Laterne über der schmalen Eingangstür brennt, ist der Ort.«

Andreas ließ sich schweigend weiter führen. Jetzt erreichten sie die bezeichnete Tür. Miguel trat in einen finstern Gang, den er langsam durchschritt. Ein geräumiger, von hohen Gebäuden umschlossener Hof nahm sie auf. Auf einer Seite desselben glänzte Lichtschein aus einer Kellerwohnung. Vor dem einzigen Fenster stand ein hoher alter Lindenbaum, dessen Stamm stark genug war, um einem schlanken Manne als Versteck zu dienen. Hierher winkte jetzt Miguel seinen neugierigen Begleiter und deutete dann auf das Fenster des Kellers, dessen Inneres man von diesem Standort aus vollkommen übersehen konnte. Während Andreas den bezeichneten Platz einnahm, lehnte Miguel mit gekreuzten Armen an der Wand, oft schwer und tief Atem holend, wie ein Mensch, der von großer Angst befallen ist und vergebens nach Luft ringt.

Der Anblick, welchen Andreas von seinem Versteck aus hatte, fesselte und entzückte ihn zugleich. An einem sehr einfachen Tisch saßen drei Personen, ein Kind von etwa acht Jahren, ein junges Mädchen, das eben das jungfräuliche Alter erreicht hatte, und ein steinaltes Mütterchen mit Haaren, weiß und glänzend wie Silber.

Das junge Mädchen las der greisen Frau aus einem großen Bilderbuch vor, und aus den Handbewegungen der Greisin ließ sich vermuten, daß sie dem Gehörten Bemerkungen hinzufügte, so oft die Lesende innehielt. Das Kind hörte aufmerksam zu, spielte aber gleichzeitig mit einer schön gefleckten Tigerkatze, die, als verstehe sich das von selbst, neben dem Buche der Lesenden auf dem Tische saß.

Andreas heftete seine scharfen Augen auf die Vorleserin. Es war eine Blondine von seltener Schönheit, mit reichem hellbraunen Haar, das sie vorn auf der Stirn gescheitelt trug und das in starken Zöpfen den zierlich geformten Kopf umwand.

»Was sagt ihr zu diesem Bilde?« flüsterte jetzt Miguel seinem Freunde zu.

»Wer sind diese Leute und wie hast du sie gefunden?« fragte Andreas.

»Wer sie sind?« versetzte Miguel. »Fragt den Himmel, wo ihr die Gottheit antreffen könnt, er wird euch eben so leicht Antwort geben! – Wer sie sind! Es ist eine heilige Familie, das Bild der heiligen Dreieinigkeit, die unsere Kirche anbetet. Hier die Weisheit, da die lehrende Milde, dort die fromme gläubige Kindlichkeit! Und wie ich sie gefunden habe, wollt ihr wissen? Ach, das, mein Freund Andrea, das ist ein beschämendes Geständnis für mich. Die Langweiligkeit eurer nebelreichen Vaterstadt verlangte, daß ich mich nach Zerstreuung umsehen sollte. Ich lief straßauf, straßab immer tiefer in eure schmutzige Stadt hinein. Da begegnete ich diesem Madonnengesicht, dem ich wohl eben so auffallend und des Ansehens wert erscheinen mochte, wie das herrliche Mädchen es mir war. Ich grüßte und redete das reizende Kind an, erhielt aber als Antwort nur ein köstlich klingendes Lachen, weil sie mich nicht verstand. Dann nickte sie freundlich und lief schnell vor mir her, nicht, ohne noch ein paar Mal sich mit den klugen, heiligen Himmelsaugen nach mir umzukehren. Es war sehr lebhaft in allen Straßen, welche das Mädchen durchschritt, und durch die ich ihr, ganz von ihrem Anblick bezaubert, folgte. So entdeckte ich dies entlegene, still verborgene Paradies, nach dem ich seitdem ein paar Mal geschlichen bin, um mich an seinem Anblick zu weiden.«

»Ich würde dich bedauern, wenn ich dich nicht beneidete«, sagte Andreas, noch immer ganz vertieft in das liebliche Familienbild, das so unerwartet seinem Blick enthüllt worden war.

»Daß ich den Besitz dieses reizenden Engels entbehren muß«, fuhr Miguel fort, »wäre noch zu ertragen. Mir kommt das Recht nicht zu, nach so großem Glück meine Hand auszustrecken. Das Meer ist mein Tummelplatz, meine weite, unendliche Heimat; es wird dereinst auch mein Brautbett werden.«

»Unnütze, finstere Phantasien«, versetzte der Steuermann. »Fort damit! Sie kommen und belästigen uns noch früh genug. Aber du hast noch etwas auf dem Herzen. Ich seh's am Zucken deiner Lippen, die wohl am liebsten mit denen da unten recht innige Bekanntschaft machen möchten.«

»Ich bete nicht allein diese kindlich fromme Madonna an«, fuhr Miguel mit gepreßter Stimme fort. »Ein anderer, angelockt von ihrer Anmut, von dem Reiz ihrer blendenden Gestalt, verfolgt sie, stellt ihr nach; und ich fürchte, das unerfahrene Kind wird dem Köder nicht lange zu widerstehen vermögen, den dieser geübte Eroberer auszuwerfen versteht.«

»Don Alonso Gomez?« fragte erregt Andreas.

»Derselbe.«

»Wie hat er sie kennen gelernt?«

»In seiner jetzigen Wohnung.«

»Was sucht die kleine Unschuld dort?«

»Geschäftsgänge führen sie dorthin.«

»Beruhige dich, Miguel. Die kleine Landsmännin soll dem Mexikaner nicht zum Opfer fallen. Mein Wort darauf! Zum Glück ist der Teufelsjunge der deutschen Sprache so wenig mächtig, wie du; der Ton seiner Worte, nicht deren Sinn könnte also höchstens auf das Herz des Mädchens Eindruck machen. Ich werde von heute an aufpassen und mich schon morgen nach dem lieben Kinde erkundigen. Ihre Mutter kann die ehrwürdige Blinde nicht sein, vermutlich also ist es ihre Großmutter. Von ihr werde ich erfahren, wer das Kind ist, ob sie Eltern hat, wie ihre sonstigen Verhältnisse beschaffen sind, und dann sollen den etwaigen Nachstellungen des lüsternen Halbindianers so viele und scharfe Fußangeln gelegt werden, daß ihn bei jedem Schritt solch ein Fangeisen beißt.«

»Halt!« rief in diesem Augenblick eine kräftige Männerstimme, und eine schwere Hand legte sich unsanft auf die Schulter des Steuermannes. Dieser aber, jung, gewandt und von nicht gewöhnlicher Körperstärke, schüttelte die Hand rasch ab, sprang ein paar Schritte zurück in die Dunkelheit des Hofes und suchte die Gestalt des unberufenen Angreifers. Mit zwei Sätzen war Miguel an der Seite seines Freundes, in seiner Hand funkelte der zweischneidige Stahl eines in der Schärpe stets verborgen getragenen Dolches.

Andreas sah einen stämmigen, breitschultrigen Mann von bürgerlich ehrbarem Ansehen neben der Linde stehen. Die derben Schuhe, die bequeme Jacke von dunkelfarbigem Tuch, mit den vielen großen, silbernen Knöpfen sagten ihm, daß er einen Mann der arbeitenden Klasse vor sich habe.

»Ich frage euch«, sprach dieser Mann, unerschrocken den beiden Freunden sich nähernd, »was ihr hier wollt? Weshalb ihr euch hinter Baumstämme und Mauervorsprünge drückt und euch flüsternd in einem Kauderwelsch unterhaltet. Wenn ich nicht Lärm machen und euch ohne viel Federlesens als vermutliche Einschleicher festnehmen lassen soll, so steht mir Rede! Hütet euch aber, mir was vorlügen zu wollen! Ich bin nicht leichtgläubig. Nun, wird's bald?«

Andreas beschwichtigte den ungestümen Miguel, der große Lust zeigte, mit dem ruhigen Bürger Händel anzufangen. Dann sprach er:

»Wir sind Seeleute, lieber Mann, und befinden uns hier in durchaus keiner bösen Absicht.«

»Das versteht sich«, erwiderte lachend der Bürger. »Jeder Storch klappert, wenn er sein Nest gefunden hat, ich bin nun aber kein Liebhaber, fremde Störche in mein Nest steigen zu lassen.«

»Seid ihr etwa der Vater des jungen Mädchens, das so eifrig der greisen Frau da unten vorliest?« forschte Andreas.

»Aha«, erwiderte der Bürger, »ich merke jetzt, daß ihr das Ehrwürdige liebt und es darum gern aufsucht. Es ist das Seemannssitte, ich kenne es. Sollte euch aber nebenbei auch der Mund wässern nach weniger ehrwürdigen Gegenständen, so muß ich euch ohne Umschweif sagen, laßt euch den Appetit darauf vergehen, sonst könntet ihr nicht mit einer, aber mit ein paar hundert Fäusten Bekanntschaft machen. Jetzt wißt ihr Bescheid, und habt ihr sonst noch was zu bestellen, so stehe ich gern zu Diensten. Mein Name ist Jacob Behnke, Quartiersmann!«

»Behnke! Jacob Behnke?« rief im heitersten Ton der Steuermann und stand neben dem erstaunten Quartiersmann, dessen Rede so verdrossen und giftig klang. »Kennst du mich nicht mehr, Alter? Mein Vater war ja dein Schulkamerad!«

»Beim Himmel, du bist's! Andreas Wohlers! Und dort der bräunliche Junge, mit den blinkenden Augen?«

»Ein Freund von mir, gut, aber unglücklich. Er hat da einen Fund gemacht, der sein Herz abdrückt. Weißt du, Alter? Die Kleine im Keller!«

»So – so – so!« sagte Behnke gedehnt. »Hm! hm! Weißt du was, Andreas? Ich denke, es wird gut sein, daß wir nach so langer Zeit ein Gläschen miteinander trinken. Was wir uns dann zu sagen haben, läßt sich dabei bequem abmachen. Dein Freund kann mitkommen. Ich will ihn gern ehren, weil er dein Freund ist, diese Liebäugelei aber vom Hofe in den Keller hinunter, und noch dazu am späten Abend, muß aufhören. Verstehst du mich, Andreas? Es ist mein voller Ernst.«

»Ich weiß es, Alter!«

»Dann rede mit deinem unheimlich blickenden Spaniolen dort«, sprach Behnke. »Mach's aber kurz, denn ich habe wenig Zeit. Ehe ihr mich begleitet, will ich nur noch zwei Worte mit der sprechen, die für den fremden Jungen eine so gewaltig große Anziehungskraft besitzt.«

Hierauf stieg Behnke die schmale, steile Treppe hinab, welche zur Kellerwohnung führte, und Andreas teilte mit fliegenden Worten dem mißtrauisch dreinschauenden Miguel mit, welche Entdeckung er gemacht habe, und daß jetzt Hoffnung zu einer Verständigung vorhanden sei, falls Miguel sich entschließen könne, Hamburg zu seiner zweiten Heimat zu wählen.

Dieser hörte schweigend und überrascht zu. Noch ehe er sich zu einer Antwort entschließen konnte, stand der rüstige Quartiersmann wieder neben den Freunden und nahm den Arm des jungen Matrosen, verließ den Hof und schlug direkt den Weg nach seiner nicht fernen Wohnung ein.

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