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Reeder und Matrose

Ernst Willkomm: Reeder und Matrose - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleReeder und Matrose
authorErnst Willkomm
firstpub1857
year1926
publisherLeuchtfeuer-Verlag
addressHamburg
titleReeder und Matrose
pages3-13
created20050628
sendergerd.bouillon
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37

Ein Diener Heidenfreis kam nach der Wohnung des Quartiersmannes, wo Frau Doris von drei Näherinnen umgeben, inmitten eines Berges seiner Leinwand saß.

»Guten Tag, Franz«, sagte sie. »Mein Mann ist schon längst ausgegangen. Ich glaube, er ist heute am Pinnas beschäftigt. Hast du was zu bestellen?«

»Nur einen Brief abzugeben«, erwiderte dieser, »und von Fräulein Christine soll ich der Frau Mama die schönsten Grüße bringen.«

»Ist der Brief an mich?« fragte Frau Doris. »Ich kann nicht mehr gut lesen.«

»Er ist an Mann und Frau«, versetzte lächelnd der Bediente.

»Und was enthält er?« forschte sie weiter.

»So viel ich weiß, kann es nur eine Einladung zu dem Fest sein, das Herr Heidenfrei nächstens geben wird.«

»Um Gott! Und da soll ich mit dabei sein und mein Alter auch?«

»Warum nicht?« versetzte Franz. »Da Fräulein Tochter in die Familie des Reeders heiratet, dürfen die Eltern der Braut doch am Hochzeitstage nicht bei den Festlichkeiten fehlen. Nur nicht ängstlich, Frau Behnke! Es fährt mancher in einer Karosse, der in seiner Jugend auf Holzpantoffeln zur Schule ging. Haben Sie's etwa nicht verdient, im Alter ein seidenes Kleid zu tragen und vornehm an einer herrschaftlichen Tafel zu essen? Das kommt alles auf Gewohnheit an, Frau Behnke, und nichts auf der Welt lernt sich leichter, als das vornehme Leben in einem großen Hause. Bei Ihnen, Frau Behnke, ist's noch viel leichter. Sie sind Gast, Sie ehrt man, denn Sie gehören zu den Hauptpersonen, und wenn Sie sich nur recht ordentlich auftakeln lassen von der Friseurin unserer Madame, so weiß Sie kein Mensch von einer vornehmen Frau Konsul zu unterscheiden.«

»Wo denkst du hin, Franz!« erwiderte Frau Doris. »Ich mich mit einer Frau Konsul messen! Wenn ich nun, falls eine von den Vornehmen mich anredete, im ersten Schreck eine platte Antwort gäbe? Aber sag' mir, Franz, ist's wirklich so, wie man erzählt? Will man drei Fliegen mit einer Klappe treffen?«

»Es wird wohl nicht anders werden«, erwiderte der Diener. »Den Vorrichtungen nach muß man's glauben. Die Reise nach Amerika ist auch schon aufgeschoben. Herr Hohenfels kommt zurück aus Bremen, obwohl er es nicht gern tut, und um eben alles auf einmal abzumachen, wird das Fest so glänzend, und die Verlobungen werden zugleich mit der Hochzeit gefeiert.«

Der Diener wendete sich zum Gehen. Frau Doris rief ihn nochmals zurück.

»Du könntest mir einen Gefallen tun, Franz! Spring hinüber zu der alten Silberweiß und erkundige dich nach ihrem Befinden. Ich habe keine Seele, die ich schicken könnte. Paul ist auf der neuen Fregatte beschäftigt, die nächstens ihre erste Reise antreten soll. Die alte Frau wird sehr schwach. Seit den Schrecken der Wassersnot will sie sich nicht mehr recht erholen.«

»Soll geschehen, adjüs!« erwiderte Franz, und verließ, noch einen forschenden Blick auf die Jüngste der Näherinnen werfend, die Wohnung des Quartiersmannes.

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