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Reeder und Matrose

Ernst Willkomm: Reeder und Matrose - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleReeder und Matrose
authorErnst Willkomm
firstpub1857
year1926
publisherLeuchtfeuer-Verlag
addressHamburg
titleReeder und Matrose
pages3-13
created20050628
sendergerd.bouillon
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36

So munter und aufgelegt zu Scherzen hatte man Heidenfrei lange Zeit nicht gesehen. Es war besonders in den letzten Monaten häufig vorgekommen, daß bei Tisch eine drückende Stille herrschte.

Die schweren Verluste, welche die Verwüstungen der großen Sturmflut dem Reeder zugefügt hatten, konnten diese Mißstimmung wohl noch steigern. Aber Heidenfrei war kein ängstlicher Mann und blieb deshalb ruhig bei Verlusten, welche höhere Gewalt ihm bereitete. Die Flut schenkte ihm durch die Hand treuer Diener den einen seiner Söhne wieder, und ließ ihn tiefe Blicke tun in das Seelenleben zweier Männer, von denen der eine ihm durch Bande des Bluts verwandt, der andere durch Schicksalsfügungen in seinem Hause und seiner Familie so nahe gerückt worden war, daß seine Gestalt noch lange wie ein leichter Schatten durch dasselbe gleiten mußte. Und diese Erkenntnis war eine beruhigende.

»Ich habe euch zwei wichtige Neuigkeiten mitzuteilen«, sagte der glückliche Reeder, mit kunstfertiger Hand einen Puter zerlegend, den der Diener soeben aufgesetzt hatte. »Ein Mann, den ihr alle kennt, dessen Namen ich aber nicht nennen will, hat alles Unrecht gegen uns und manchen andern dadurch gut gemacht, daß er sein früheres Handeln jetzt selbst verdammt. Er ist schon jetzt aus einem toll wirtschaftenden Verschwender ein solider Mann geworden. Seine Schulden sind durch meine Vermittlung bezahlt, und eine feste Stellung ist ihm durch Miguel gesichert, der, ebenfalls unter meinem Beistand, einen, wie ich glaube, ganz vorteilhaften Kontrakt mit dem Mexikaner abgeschlossen hat. In den nächsten Wochen schon reist der Gebesserte nach Kuba ab. Sein persönliches Erscheinen verhinderten viele Umstände, die sich nicht beseitigen ließen. Er bittet deshalb alle und jeden einzelnen wieder besonders, ihm diese scheinbare Unhöflichkeit verzeihen und ihm auch in der Ferne ein freundliches Andenken bewahren zu wollen.«

»Und worin, Vater, besteht denn deine zweite Neuigkeit?« fragte Elisabeth, der es nicht ganz gelingen wollte, eine in erhöhtem Rot ihrer Wangen sich kundgebende Befangenheit den Blicken der Beobachtenden zu verbergen. »Hast du Christines Bruder den Obersteuermannsposten auf deiner neuen Fregatte übertragen?«

»Erraten«, versetzte Heidenfrei, »aber der treffliche Junge weiß noch nichts davon. Ich habe mir vorgenommen, ihn zu seinem Geburtstag damit zu überraschen. Auch sein Vater lebt noch in völliger Unkenntnis. Ich bitte mir deshalb aus, daß man allerseits mein Geheimnis zu ehren weiß und als Geheimnis behandelt.«

Das Auge des Reeders streifte bei dieser letzten Bemerkung die lächelnde Christine, die bejahend nickte.

»Dem zukünftigen Obersteuermann der Fregatte ›Christine!‹« sprach Eduard, sein Glas füllend. »Möge er stets auf allen seinen Reisen so treu von gutem Glück begleitet werden, wie bisher!«

Keiner unterließ, das Wohl des Seemannes zu trinken, dem Eduard und Miguel vorzugsweise ihre Errettung aus der augenscheinlichsten Todesgefahr zu verdanken hatten. Eduard mußte unwillkürlich wieder jener schrecklichen Situation gedenken und sah still und starr in sein Glas.

»Was ist dir?« fragte Ferdinand. »Bist du unwohl?«

»Im Gegenteil,« erwiderte Eduard. »Ich sah mich nur wieder auf dem zusammenbrechenden Strohdach treiben und fühlte einen Augenblick die Todesschauer, die mich damals durchbebten. In jenen verhängnisvollen Minuten, wo das Leben von fünf Menschen nur an einem Faden hing, wo ein zu rascher Ruderschlag, eine etwas schnelle Wendung des heranrollenden Bootes unsere Zuflucht zertrümmern, uns alle begraben konnte, habe ich den Wert eines tüchtigen Matrosen erst ganz schätzen gelernt. Nur der praktisch geschulte, in zahlreichen Stürmen wetterfest und willensstark gewordene Matrose vermag zu leisten, was bei der roten Tonne der wackere Paul leistete. Und so ist es immer und überall, auf allen Meeren, in jedem Sturm. Wo der Matrose nicht ein Mann ist in der vollsten Bedeutung des Wortes, da sind Schiff, Ladung und Besatzung schon beim Auslaufen aus dem Hafen ein Spiel der Launen des Windes geworden. Der Kapitän allein kann ein Schiff nicht retten, ebensowenig der Steuermann. Die Matrosen sind es, die jeden Sieg gegen Stürme erfechten. Und ohne zuvor ein guter Matrose gewesen zu sein, wird kein Seemann ein tüchtiger Pilot, kein Steuermann ein zuverlässiger Kapitän! Mithin liegt mehr oder minder auch das Glück, das Eigentum der Reeder, der Nationalreichtum aller miteinander Handel treibenden Völker in der Hand des Matrosen.«

»Sind Sie auch dieser Meinung, lieber Anton?« sagte Heidenfrei, den jungen Korrespondenten mit merkwürdigem Blick treffend. »Ich habe kaum je ein so vollkommen glückliches Antlitz zu bewundern Gelegenheit gehabt, als Sie es seit einer Stunde zeigen, wenn Sie mit Ihrer Nachbarin zur Rechten sprechen. Selbst den materiellen Genuß, den, wie Sie wissen. ich selbst durchaus nicht verachte, scheinen Sie ganz und gar über Ihr Glück zu vergessen. Wie kommt das wohl? Könnten Sie uns darüber beruhigende Aufschlüsse geben?«

Heidenfreis Stimme klang übermütig scherzend, dennoch fühlte sich Anton etwas davon in Verlegenheit gesetzt. Er stotterte einige unverständliche, unzusammenhängende Sätze, aus denen niemand klug werden konnte. Selbst die so ernsthafte Margaretha, Elisabeths Mutter, mußte lächeln.

»Wißt ihr was, Kinder«, nahm Heidenfrei abermals das Wort, »da fällt mir ein, daß ich kurz vor Tisch noch eine weitere Neuigkeit erfahren habe. Wenn ich wüßte, daß ich nicht anstieße bei der Person, die mir dieselbe anvertraut hat, so wäre ich jetzt gerade in der Laune, sie nur unter uns, die wir uns ja alle sehr genau kennen, auszuplaudern. – Ihr horcht? Ihr seht mich schweigend, ein Paar, ich möchte beinahe sagen, verblüfft an? Nun, da muß ich zu einem andern Auskunftsmittel meine Zuflucht nehmen! Wir wollen doch sehen, was mächtiger ist, die Überzeugung, im Besitz eines vollkommenen Glückes sich sicher zu wissen oder der Wunsch, dies Glück heimlich, von niemand gekannt, zu genießen. Weigert sich auch nur eine einzige Person, ein Glas von diesem ganz superbe perlenden Champagner anzunehmen, so schweige ich wie das Grab und jedem soll es freigestellt bleiben, das Glas auszutrinken oder auszugießen. Machen Sie die Runde, Franz!«

Der Bediente, welcher auf einen stummen Wink des Reeders die Kelchgläser inzwischen gefüllt hatte, kam dem erhaltenen Befehl nach. Es fand sich indes keine weigernde Hand.

»Es ist mir, wie ich sehe, erlaubt zu sprechen«, sagte Heidenfrei mit einer gewissen Feierlichkeit. »Wohlan denn! Ich leere dies Kelchglas auf das Wohl, das irdische Glück und die Lebenswohlfahrt zweier Menschen, die mir und allen hier Anwesenden unaussprechlich teuer sind, und die sich entschlossen haben, dereinst immer nur eine und dieselbe Straße zu wandeln. Mit einem Wort: das neueste Brautpaar soll leben! Es gibt sich soeben durch magnetisches Kopfneigen zu erkennen.«

»Elisabeth und Anton!« sprach Treufreund, sein Glas hebend und es der schönen Braut zum Anstoß darreichend. »Wer hätte das im vorigen Jahre gedacht! – Elisabeth und Anton!«

Ein jubelndes Hoch übertönte das Klingen der Gläser. Der glückliche Anton dankte mit hochklopfendem Herzen seiner ihm freundlich zulächelnden Schwiegermutter die Hand küssend.

Heidenfrei schüttelte Anton wiederholt die Hand und sagte: »Sobald die Verlobung mit meiner Tochter publiziert ist, treten Sie als Kompagnon in das Geschäft. Die Firma wird künftighin heißen: ›Peter Thomas Heidenfrei und Söhne.‹«

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