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Reeder und Matrose

Ernst Willkomm: Reeder und Matrose - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleReeder und Matrose
authorErnst Willkomm
firstpub1857
year1926
publisherLeuchtfeuer-Verlag
addressHamburg
titleReeder und Matrose
pages3-13
created20050628
sendergerd.bouillon
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35

»Gib mir von deiner besten Regalia, lieber Anton, und bitte, lasse das Predigen sein«, sagte Julius, sich auf dem bequemen Sopha im Zimmer des Freundes die seinem wohlbeleibten Körper angenehmste Lage gebend. »Du kennst jetzt meine Not, mein Unglück, Vorwürfe ändern daran nichts, das kann nur der Rat und die tatsächliche Hilfe eines oder mehrerer Freunde.«

»Rede doch mit Kurt, mit unserm Buchhalter oder mit dem langhalsigen Emil«, erwiderte Anton. »Das waren ja den ganzen Winter hindurch deine Kumpane. Oder geh dem Makler zu Leibe, von dem du gelernt hast, eine neue Austernsauce mit Burgunder zu bereiten. Leute, die so viel Geld aufgehen lassen, müssen sehr, sehr reich sein.«

Julius rauchte mit großem Behagen und blies den Rauch langsam durch die Nase.

»Mit dem Pump also wäre es nichts«. begann er nach kurzem Schweigen das Gespräch abermals. »Na, gezwungen kann, soll und darf niemand werden, decken aber muß ich die Schuld. Es wären nun, um dies zu bewerkstelligen, noch zwei Wege einzuschlagen. Entweder ich verkaufe Uhr, Ringe und Brillantnadel, oder ich gehe zum Juden. Was hältst du für das Bessere?«

»Soll ich meine wahre Meinung sagen?«

»Ungeniert! Ich kann alles anhören, wenn ich auch nicht alles tue, was andere sagen.«

»Gehe zu deinem Oheim und gib ihm ein gutes Wort.«

»Ich will es nicht wieder tun, bester Onkel, Verzeihung! Nicht so? – Aber beim Himmel, du hast Recht!« rief Julius hoffnungsvoll aus, »und mein Oheim mag ein Dickkopf sein, seine Anschauungsweise ist doch keineswegs gemein. Da, alter Freund, meine Hand darauf, ich gehe zu Diek-Johann! Und nun von etwas anderem. Was mag Wahres sein an dem Gerücht, das jetzt von Mund zu Mund läuft?«

»Welches meinst du?«

»Daß sich Miguel Hohenfels-Saldanha mit Don Alonso Gomez ausgesöhnt habe.«

»Freund«, versetzte Anton, »das ist ein Gegenstand, den ich ungern berührt sehe. Die große Flut hat viel Trauriges geschaffen, viel Unvermutetes herbeigeführt. Warum sollte sie nicht auch ein paar Menschen einander näher bringen, die sich früher ziemlich fern standen?«

»Kommt der Mexikaner nicht wieder hier ins Haus?«

»Nein«, sagte Anton kalt, »es wäre auch höchst überflüssig.«

»Aber man kennt doch die stattgefundene Versöhnung?«

»Kümmere mich nicht darum.«

»Die andern auch nicht?«

»Mir einerlei.«

Julius stand auf und trat zu dem mürrischen Freunde. Er sah ihn forschend an, dann drehte er sich lachend auf dem Absatz herum und rief aus:

»Also doch richtig gefangen! Hab mir's gedacht! – Und darum edler Philister, Schwärmer für solide Leute? Darum pünktlichster Börsenbesucher und liederlichster, unzuverlässigster Freund? O, das ist himmlisch, göttlich! Das müssen Kurt und der langhalsige Emil erfahren. Dieser Neuigkeit wegen muß der stiernackige Oheim in der Marsch ein Dutzend Spezies mehr herausrücken!«

Julius nahm seinen Hut und ging lachend fort. Anton sah dem leichtfertigen Freunde verstimmt nach.

»Ich hab's gedacht«, sagte er. »Verborgen konnte es nicht lange bleiben, seit ich mich erklärt und eine befriedigende Antwort erhalten habe. Ich bin selbst Schuld daran, aber es wäre doch ganz abscheulich, wenn der nutzlose Mensch eine bloße Vermutung als ausgemachte Wahrheit seinen geschwätzigen Kollegen im Alsterpavillon erzählte. Die ganze Familie wäre blamiert, durch mich blamiert, und Gott weiß, wie die Sache endigte! Dem muß vorgebeugt werden und zwar auf der Stelle. Es ist heute Sonntag, Herr Heidenfrei ist bei vortrefflicher Stimmung, denn Treufreund befindet sich wohler. Ich wag's!«

Zu einem festen Entschluß gekommen, machte Anton ausgesucht feine Toilette und ließ sich bei dem Reeder melden. Dieser nahm seinen Korrespondenten sehr wohlwollend auf und hatte eine lange, beinahe zwei Stunden dauernde Unterredung mit ihm, in der er sich nicht einmal von Ferdinand unterbrechen ließ, der den Vater zu sprechen wünschte. Der Sohn wurde abgewiesen und hatte nichts Eiligeres zu tun, als diese überraschende Nachricht lächelnd seiner Schwester Elisabeth mitzuteilen, die mit einer Stickerei beschäftigt war. Sie erschrak darüber dergestalt, daß sie sich in den Finger stach.

»Das ist gut«, sagte Ferdinand schalkhaft. »Du wirst, wenn der Volksmund wahr spricht, heute noch geküßt werden.«

»O, du bist abscheulich«, erwiderte Elisabeth, raffte ihre Stickerei zusammen und ging mit Ulrike, die sie rief, in Treufreunds Zimmer, wo sich die Mitglieder des Hauses gewöhnlich kurz vor Tisch zu versammeln pflegten. Hier fanden sie bereits Eduard, Miguel mit Christine und Mutter Margaretha.

Der frühere Buchhalter saß in einem Rollstuhl. Er war blaß und sehr hager geworden und hatte beinahe alle Haare verloren. Das bunte Mützchen, das er noch immer trug, bedeckte kaum noch die große Glatze, welche sich bis weit auf den Hinterkopf erstreckte. Seine stark verwundeten Hände waren zwar geheilt, schmerzten ihn aber noch immer. Schlimmer noch erging es ihm mit dem verstauchten Fuß. Dieser bekam trotz aller Bemühungen des Arztes seine Elastizität nicht wieder. Er blieb stumpf, fast gefühllos und hinderte Treufreund an aller freien Bewegung. Die Ärzte erklärten das Übel für unheilbar und wollten ein gänzliches Erlöschen aller Nerven- und Muskeltätigkeit darin erkennen.

So wurde der alte redliche Diener des Hauses durch seine körperliche Schwäche zu andauernder Untätigkeit verurteilt. Im Kontor vermißte man den ›Schatten‹ am meisten, was früher niemand geglaubt haben würde. Man merkte jetzt, daß der alte erfahrene Mann überall fehlte, daß er durchaus nicht überflüssig gewesen sei und jeder mehr, denn einmal seine Ratschläge oder Winke habe benützen können.

Wer von den Mitbewohnern des Hauses irgend Zeit gewinnen konnte, der beeilte sich, dem alten Herrn etwas Angenehmes zu sagen, eine Gefälligkeit zu erzeigen, und, da jeder den andern in diesem löblichen Eifer zu überbieten suchte, fehlte es Treufreund nie an Unterhaltung und Zeitvertreib. Abends las Anton am liebsten vor, bald ein Zeitungsblatt, bald ein Buch, und als dankbare Zuhörerinnen fehlten die jungen Mädchen dann nur selten. Der Reeder kam in der Regel erst später, da er nach Tisch auf ein paar Stunden seinen Klub zu besuchen pflegte.

Diese früher nicht in solcher Weise gekannte Hausordnung, dies trauliche Zusammenleben der Familie entfremdete Anton der Welt vielleicht mehr, als wünschenswert sein mochte. Die Erlebnisse in der Sturmnacht, die Todesangst, die er momentan in derselben ausgestanden hatte, die entsetzensreichen Szenen, die er nur mit halbem Auge sah, von denen er aber doch Zeuge sein mußte, waren nicht ohne tiefe Eindrücke geblieben. Er war viel ernster und konnte jetzt gern für zehn Jahre älter gelten. Seiner geistigen Heiterkeit jedoch, seinem Streben und Wirken tat diese Veränderung seines ganzen übrigen Wesens durchaus keinen Abbruch.

Heidenfrei zeichnete seinen Korrespondenten seit jener Nacht entschieden vor allen andern aus und behandelte ihn fast wie einen Mann, der mit ihm auf gleicher Stufe stand. Was Veranlassung zu solcher Aufmerksamkeit sei, blieb den Hausgenossen nicht lange verborgen. Anton hatte, das wußte bald der letzte Laufbursche, durch seine Geistesgegenwart und durch gänzliches Selbstvergessen dem Chef des Hauses nach dem Einsturz des Holzspeichers das Leben gerettet.

Treufreund erhielt früher noch als andere davon Kunde, und seitdem vergab er dem übermütigen jungen Mann alles, selbst die bisweilen etwas zu weit getriebenen, freilich harmlos gemeinten Scherze, die seiner eigenen Person gegolten hatten. Der Korrespondent wurde sein erklärter Liebling. Er verkündete sein Lob allen, die ihn besuchten.

Seit jener Zeit, die Anton einige Tage nach der Katastrophe ein hartnäckiges Wechselfieber eintrug, speiste der Korrespondent täglich am Tisch des Reeders. Dies war eine Aufmerksamkeit, deren Bedeutung Anton nicht verkannte. Er konnte sie beinahe einer völligen Aufnahme in die Familie gleich achten. Und wenn er etwas stolz auf eine solche Auszeichnung war und mancher Junggesellengewohnheit entsagte, die er früher nur schwer zum Opfer gebracht haben würde, so konnten ihm dies wohl nur junge, flatterhafte Köpfe verdenken, denen jeder Zwang ein Greuel war.

Anton ließ sich in seiner rasch veränderten Lebensweise nicht stören. Er ertrug mit Gleichmut die Hänseleien seiner Kollegen, machte gelegentlich wohl selbst einen Scherz auf sein Philisterleben, gab es aber doch nicht auf. Der Magnet, welcher Anton fortan im Hause des Reeders festhielt, war der früher nie gekannte Umgang mit edlen, gebildeten Frauen. Die Anmut holder Weiblichkeit legte unsichtbare Schlingen um Antons Fuß und endlich auch sein Herz.

Ferdinand scherzte mit Ulrike und flüsterte ihr allerhand Bemerkungen zu, die sie in Verlegenheit setzten, als der Diener meldete, daß die Tafel angerichtet sei. Gleich darauf trat Heidenfrei ungewöhnlich heiter unter die Harrenden, fragte teilnehmend nach dem Befinden des Gelähmten und gab Margaretha den Arm. Elisabeth wollte sich von Eduard in das Speisezimmer geleiten lassen, der Vater aber befahl dem hinter ihm erschienenen, sehr aufgeregten Anton, er solle seine Tochter führen, und kommandierte seinen ältesten Sohn hinter den Stuhl Treufreunds.

»Was man einen Tag, wie alle tut, langweilt zuletzt«, sagte er vorausschreitend. »Herr Anton hat nun schon länger als vierzehn Tage regelmäßig jeden Mittag den Rollstuhl unseres Freundes vor sich hergeschoben, er soll deshalb für die nächsten acht Tage diese Beschäftigung an Eduard abtreten. So – da geht alles paarweise, erst die Alten, dann die Jungen – macht sich ganz superbe!«

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