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Reeder und Matrose

Ernst Willkomm: Reeder und Matrose - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleReeder und Matrose
authorErnst Willkomm
firstpub1857
year1926
publisherLeuchtfeuer-Verlag
addressHamburg
titleReeder und Matrose
pages3-13
created20050628
sendergerd.bouillon
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33

Am Morgen des dreiundzwanzigsten Februar boten die Ufer der Niederelbe und die Küstenränder der Nordsee einen herzzerreißenden Anblick. Wo am Tage vorher noch weite Strecken fruchtbarer Ländereien lagen, da sah man jetzt meilenweit nichts wie einen schmutziggelben Wasserspiegel, auf dem zwischen Häusertrümmern und Gerätschaften aller Art zerstoßene Leichen, ertrunkenes Vieh, zerbrochene Wagen, Bettstellen, Wiegen, Heudiemen und zahllose andere Gegenstände schwammen. Stehen gebliebene Wohnungen ragten mit den Dächern, höhere auch mit dem halben Geschoß über das jetzt langsam ablaufende Wasser empor. Auf vielen solcher Häuser saßen frierende, von den erlebten Schrecken stier blickende Menschengruppen. Aus manchem Gesicht blickte der Wahnsinn, aus andern sprach die kalte Ruhe der Verzweiflung. Es gab Männer, die mit fest gefalteten Händen auf die Verwüstung rund umher, auf diesen weiten, im Winde zitternden Kirchhof hinabsahen und bei diesem Anblick in unaufhaltsames Schluchzen ausbrachen. Andere zählten ihre Lieben und vermißten ein oder das andere Haupt. Eine Mutter, die ihr halbjähriges Kind in ein leeres Storchnest gebettet hatte, dann nochmals hinabgestiegen war in die Kammer, deren Fenster die Flut schon zerbrach, kniete jetzt neben dem Nest und suchte vergebens nach dem Säugling. Der Sturm hatte das Nest zerstört und das hilflose Kind in die Wogen geschleudert.

Szenen solcher Art kamen nicht vereinzelt vor, sie gehörten in jenen Schreckensstunden zu den gewöhnlichen Begebenheiten.

Wo am Morgen nach der großen Flut kein Wasser die verheerten Gegenden bedeckte, da lag jetzt fußhoher Sand oder schwerer Lehmboden, oder dicker, zäher Schlamm. Auch in diesem entdeckte man Leichen, und als die Flut wieder stieg, sickerte abermals schmutziges Wasser über das verschlammte Erdreich, denn die Elbe ergoß ihre Wogen durch die gebrochenen Deiche.

Vereinzelt sah man zwischen den Deichen in den überschwemmten Landesteilen Kähne fahren, um die auf Bäume und Dächer Geflüchteten zu retten und sie, nun das Wasser sie verschont hatte, nicht der qualvolleren Pein des Hungertodes auszusetzen. Andere waren auf den Deichen beschäftigt, die schon angetriebenen, oder nach und nach anschwimmenden Leichen der Ertrunkenen zu bergen und sie den ihrigen zur Bestattung zu übergeben. Oft freilich mußte nur die Gemeinde die Bestattung übernehmen, denn gar viele Familien waren gänzlich umgekommen. Und doch konnte das Los solcher noch ein beneidenswertes genannt werden gegenüber den jammernd umherlaufenden Kindern, die vergebens nach den vermißten Eltern riefen und diese erst nach langem Suchen, in Schutt und Schmutz begraben, als starre, verstümmelte Leichen wiederfanden.

Ein fahles, kupferfarbiges Rot säumte die düsteren Wolken, die noch immer ziemlich rasch südostwärts zogen. Die Sonne brach nur selten durch, und wenn es geschah, beleuchteten ihre Strahlen ein Gemälde, das keines Menschen Hand zu schildern vermöchte.

Diek-Johann hatte, gleich allen Bewohnern der Marsch, eine schwere, sorgenvolle Nacht durchlebt. Wenn er auch in seiner Art ein Mann des Vergnügens war und sich körperlich nichts abgehen ließ, so folgte er doch stets dem Ausspruch des weisen Salomo: Alles hat seine Zeit. Arbeitete Diek-Johann, so gab es für ihn, wie für alle, die in seinen Diensten standen, nichts als eitel Arbeit. Und der reiche Hofbesitzer war ein strammer Arbeiter, der etwas leisten konnte. Pflegte er der Ruhe, so ließ er sich darin auch nicht gern stören. Wer es wagte, den bediente er mit sehr unhöflichen Redensarten, gleichviel wer es war. Es kam wohl vor, daß Bekannte und Freunde dem allzu rücksichtslosen Manne seines Benehmens wegen Vorwürfe machten und ihm zu bedeuten suchten, es sei weder möglich noch vorteilhaft, mit dem Kopfe gegen die Wand zu rennen. Diek-Johann änderte indes trotz solcher freundschaftlichen Ermahnungen sein Betragen nicht. Er sagte ganz trocken auf die letzte Bemerkung der Ratgeber: das kommt auf den Kopf an, warf die Lippe nur noch trotziger auf, als sonst, zog den Kopf tief in die Schultern, wie eine Schildkröte, wenn man sie berührt, und blieb genau so, wie ihn alle Welt von jeher kannte.

Als in der vergangenen Nacht der Sturm losbrach und zum Orkan anwuchs, warf Diek-Johann sich in sein schwarzes Regenkostüm, griff nach Hacke und Schaufel, band sich den geteerten Südwester unterm Kinn fest und sagte zu allen männlichen Bewohnern des Marschhofes: »Es gibt diese Nacht eine Sturmflut. Wir müssen wach bleiben und den Deich schützen, sonst sind wir morgen früh allesamt ersoffen wie die Mäuse.«

Da half keine Widerrede. Diek-Johann war der erste auf dem Deich, dessen schwächste Stellen er genau kannte. An die gefährlichste Stelle stellte er sich selbst mit seinen Leuten und arbeitete, daß ihm der Schweiß von der Stirn troff. Die Nachbarn folgten seinem Beispiel und so gelang es den Anstrengungen vereinter Kräfte, den Deich gegen die Flut glücklich zu verteidigen. Erst als das Wasser fiel, begab Diek-Johann sich beruhigt und zufrieden zurück in seine Wohnung. Wie furchtbar auch noch der Nordweststurm brauste, wie wild die Wogen sich an dem Steingeripp des Deiches brachen, ihn kümmerte die Wut der Elemente jetzt nicht mehr. Er war von der angestrengten Arbeit hungrig geworden und ließ sich deshalb nunmehr das Essen schmecken. Alles hat ja seine Zeit! – Morgen konnte es abermals alle Hände voll zu tun geben, und wer soll und kann tüchtig zugreifen, wenn ihm der Hunger den Magen zuschnürt?

Nach dem sehr späten Abendessen schlief er nur zwei Stunden, frühstückte in Ruhe, warf abermals sein Regenzeug über und war wieder der Erste auf dem Deich.

Langsam beschritt der Marschbewohner den Kamm des Deiches, immer den noch stark bewegten Strom betrachtend, der jetzt bei dem Wiedereintritt der Flut heftig gegen den Deich brandete. Andere gesellten sich zu Diek-Johann, wechselten einige Worte mit ihm und gingen dann schweigend weiter, da sie nur kurze, mürrische Antworten erhielten.

Die Blicke des reichen Marschbauern waren meistenteils auf den Strom gerichtet, der ausgestorben zu sein schien. Nirgends sah man ein Schiff, nirgends einen Ewer, deren doch sonst an jedem Morgen zahlreiche von allen Uferorten auslaufen, um nach Hamburg aufzusegeln.

Er blieb stehen, stützte sich auf seinen Springstock, den er diesmal statt der Schaufel mitgenommen hatte, und sagte, dem Zug der Wellen folgend, mit eine, leichten Seufzer:

»Ja, ja, der Strom ist still und wird's heute und morgen, vielleicht wohl auch übermorgen noch bleiben; denn die Leute, die ihn sonst befahren, haben anderes zu tun. Sie begraben ihre Toten! – Solch eine Sturmnacht ist eine Schlacht, die Gott der Herr der sündhaften Menschheit liefert. Er hat nichts, was Menschen erfanden, womit sie sich verteidigen. Seine alleinige Waffe ist eine Mütze voll Wind. Damit löscht er allen Witz und Verstand in den gescheitesten Köpfen der nach seinem Ebenbilde gemachten Menschen aus, und schlägt sie zu Hunderten und Tausenden nieder. Das ist die Macht des Herrn, und so oft er der Menschheit eine solche Schlacht liefert, muß ich immer an den Apostel Paulus denken, der von sich sagte, damit andere sich an seinem Tun ein Beispiel nähmen: Nicht, daß ich's schon ergriffen hätte oder schon vollkommen sei, ich jage ihm aber nach, ob ich's ergreifen möge! – Nun, will's Gott, und kann ich meinen schwachen Willen durchsetzen, so denk' ich, der starre Apostel, der kein Faselhans war, soll mir in Zukunft ein Beispiel bleiben, das ich beherzigen werde, so viel ich kann.«

Diek-Johann sprach diese Worte laut vor sich hin, wie er so dastand am äußersten Deichrande, der Wind in seinen Haaren wühlte und der feuchte Dunst des rauschenden Stromes um sein Antlitz fächelte. Unten am Fuße des Deiches, wo sonst ein breiter Streif hohes Schilf bei gewöhnlichem Hochwasser noch über die Flut emporragte, lag jetzt ein Knäuel Schlamm, Erde und Steintrümmer, und zwischen diesem Flutgeröll schaukelten die Wellen ein schönes, großes Mutterschaf.

Das gegenüberliegende Ufer war kaum zu erkennen. Wie ein schmaler, brauner Saum nur hob es sich über das düstere Grau der Wogen, auf denen die verschiedensten Gegenstände trieben.

Es war Flutzeit und die Strömung ging rückwärts. Wie nun Diek-Johann so hinaussah auf die breite Wasserfläche und seine Miene immer ernster wurde bei den Gedanken, die in ihm aufstiegen, bemerkte er in sehr großer Entfernung vom Ufer eine hohe treibende Masse auf dem Wasser. Er konnte nicht klug aus diesem Gegenstand werden, den er bald für einen hohen Schober Heu, bald für ein Haus hielt. Auch kam es ihm vor, als bewege sich auf dessen höchster Spitze etwas Lebendiges.

Es werden Aaskrähen sein, dachte der Marschbauer, sah dem Steigen der Flut noch eine Weile zu, um sich einen Maßstab zu bilden für die Höhe, die sie wahrscheinlich erreichen werde, und verließ dann den Deich wieder, um seine besorgten Hausgenossen zu beruhigen, die noch immer in Angst schwebten und ein abermaliges bedrohliches Steigen der Gewässer fürchteten.

*

Um dieselbe Zeit war im Hause des Reeders große Freude. Die Nacht war der Familie Heidenfrei unter schweren Ängsten vergangen. Das Ausbleiben des Vaters, der Schreckensruf der Menschen, der Deich sei gebrochen und die Elbe habe alles Land weithin überflutet, Häuser fortgeschwemmt und zahlreichen Menschen den Tod gebracht, mußte die Angst aufs Höchste steigern. Sie sahen freilich ein, daß im Augenblick keine sichere Nachricht zu erlangen sei. Die Flut trennte Hunderte, und die finstere Sturmnacht machte jede Rettung, selbst alles Nachforschen völlig unmöglich. Man mußte das Sinken des Wassers und die Morgendämmerung abwarten, um mit nur einiger Aussicht auf Erfolg das Rettungswerk beginnen zu können.

Ein Trost für die geängsteten Frauen war der Steuermann Andreas. Dieser sprach allen Mut zu, blieb gelassen, ja beinahe heiter und beteuerte mehrmals, es sei nicht so gefährlich, wie es aussehe. Seine wahre Herzensmeinung freilich verbarg er oder äußerte sie nur gegen Jacob.

Am unruhigsten von allen zeigte sich Treufreund. Als die anderthalb Stunden vergangen waren, in denen er die Rückkehr des Reeders erwartet hatte, hielt es den wackern Alten an keinem Ort länger, als fünf Minuten. Bald stand er, sein gesticktes Mützchen in der Hand drehend, vor Frau Margaretha, unzusammenhängende Fragen an die so schon schwer geängstete Matrone richtend, bald versuchte er mit Elisabeth und Ulrike zu scherzen, die, um ihre Herzensangst nicht merken zu lassen, mit einer früher nie gekannten Emsigkeit arbeiteten. Dann stieg er eine Treppe hoher, klopfte an Christines Zimmer und fühlte, als verstände er etwas von ärztlichen Dingen, der immer schwächer werdenden alten Silberweiß den Puls. Auch mit Trudchen, die noch immer ihre Katze liebkoste, ließ sich der ›Schatten‹ in ein Gespräch ein, erhielt aber von dem ängstlich gewordenen Kind keine Antwort.

Nun begab sich Treufreund wieder ins Kontor, dessen Fußboden von Drängwasser feucht war, von da in den anstoßenden Speicher, wo unter Jacobs Aufsicht und Leitung noch immer rastlos gearbeitet wurde. Dann beobachtete er wieder den Flug der Wolken, horchte auf das Heulen des Sturmes, auf das Rauschen des Wassers, faltete die Hände, schüttelte sein kahles Haupt und sagte wohl hundert Mal im Laufe der Nacht: »Eine böse, böse Zeit! Man könnte graue Haare davon bekommen, wenn noch welche vorhanden wären.«

Andreas um seine Ansicht zu fragen, der unermüdlich tätig war, wagte Treufreund nicht. Er hatte das vollste Zutrauen zu dem kräftigen, entschlossenen jungen Mann, nur gefielen ihm heute dessen Gesichtszüge nicht, wenn er meinte, er werde von andern nicht beobachtet. Drang er nun ernsthaft in Andreas, so besorgte er eine erschreckende, niederschlagende, vielleicht eine ganz hoffnungslose Antwort zu hören, und eine solche, das fühlte der ehemalige Buchhalter, hätte er in diesen schweren Prüfungsstunden nicht überlebt. Er wollte deshalb lieber in quälerischer Ungewißheit bleiben, sich mit schattenhaften, haltungslosen Annahmen und Möglichkeiten aufrecht erhalten, als durch ein trostloses Wort ganz zu Boden geschmettert werden. Sah er sich unbemerkt, so machte er sich wohl von Zeit zu Zeit mit dem Stoßseufzer Luft: »Unglücklicher Heidenfrei! Arme, arme Familie!«

Den Gipfel tiefster Seelenangst sollte Treufreund erst ersteigen, als Andreas plötzlich ungestüm in das Kontor trat, wo der alte Buchhalter sich wieder etwas zu schaffen machte und nach ein paar Knechten fragte, die im Speicher beschäftigt waren. Treufreund wies den Steuermann dahin.

»Gehen Sie, werter Herr«, versetzte Andreas, »ich habe keine Zeit. Das Gewölk hebt und teilt sich, eines Seemanns Auge sieht scharf und jetzt gerade dürfte es hohe Zeit sein, denen, die etwa noch auf Errettung hoffen können, diese zu bringen. Rufen Sie unverweilt die Knechte! Sie verstehen einen Riemen zu handhaben, sind unerschrocken und besitzen Ausdauer. Solche Leute gerade brauche ich, denn wir werden ein hartes Stück Arbeit haben.«

›Der Schatten‹ vermochte jetzt nicht mehr an sich zu halten. Er nahm seine Mütze ab, strich sich mit der Hand über die Glatze und sagte:

»Ich gehe schon, Herr Steuermann – ich bin schon fort. Ich denke, Gott wird seine Hand über Herrn Heidenfrei –«

»Wenn Sie nicht laufen und mir die Knechte zur Stelle schaffen«, unterbrach ihn Andreas, »so wird unser Herrgott weder an dem großen Reeder, noch an sonst jemand Wunder tun. Menschenleichen sind in den nächsten Tagen billig, darauf können Sie fluchen, wenn Ihnen das Beten nicht über die Zunge gehen will, und ob Reeder, ob Matrose, wenn der Wind seine Tyrannenlaune hat, ist ihm alles einerlei. Ist Herr Heidenfrei nicht schon ersoffen, so sollen Sie ihn lebendig wieder haben, oder ich will kein Salzwasser mehr sehen!«

Treufreund erstarb das Wort auf der Zunge. Er stierte den ungeduldig drängenden Steuermann wie ein Blödsinniger an, rannte, als folge ihm die Flut auf dem Fuße, aus dem Kontor in den Speicher und rief die begehrten Knechte laut schreiend wiederholt bei Namen. Dann setzte er sich auf eine leere Kiste neben dem Tau, das durch die Luke von den verschiedenen Böden herablief, faltete die Hände über dem Knie, beugte sein tief bekümmertes Haupt und begann bitterlich zu weinen.

So traf ihn Jacob, der Quartiersmann. Alles Zureden desselben konnte den treuen Diener nicht beruhigen.

»Es geht zu Ende mit mir, ich fühl' es«, sprach Treufreund. »Hohenfels verläßt mich wieder, die Jugend spricht mich nicht an und nun begräbt ihn, der alles zusammenhielt, die Flut!«

»Aber wer sagt denn das, Herr Treufreund!« erwiderte Jacob. »Der Herr Prinzipal ist ein vorsichtiger Mann, der sicherlich nicht mit geraden Beinen ins Wasser hineinspringen wird, und Herr Anton gehört zu den Leuten, die das Pulver noch erfinden könnten, wenns nicht schon erfunden wäre. Der wird den Herrn Prinzipal nicht im Stich lassen.«

Treufreund erwiderte nichts auf diese Bemerkungen. Er blieb im Speicher, erstieg den obersten Raum und sah aus der Luke hinunter nach dem Kanal. »Wer da hinabfällt«, murmelte er mit wunderlichem Zucken der Augenbrauen, »der hat's bald überstanden. Er kann das Genick brechen, noch ehe er zum Ertrinken kommt!«

Nach und nach entfernten sich die letzten Arbeiter aus dem Speicher und Treufreund war allein. Die Einsamkeit tat ihm wohl. Sie gestattete ihm einen Rückblick in die fernste Vergangenheit, dem sich der alte Mann jetzt auch willig hingab. Dies Versenken in das einst Dagewesene machte ihn die peinigende Gegenwart vergessen, und ein paar Stunden vergingen ihm verhältnismäßig ziemlich schnell. Aus seinem stillen Hinbrüten weckte ihn erst ein Geräusch vieler Stimmen im Nebenhause, das immer stärker wurde, das bald in frohlockenden Jubel überging, und offenbar ein glückliches Ereignis verkünden mußte. Treufreund trat horchend an die offene Luke in der Mitte des Speichers und erfaßte das herabhängende Tau. Da hörte er deutlich, wie die grobe Baßstimme des unhöflichen David rief: »Vivat hoch Herr Heidenfrei! Es lebe Herr Anton und Steuermann Andreas, die ihn gerettet, hoch! Und abermals hoch!«

Andere Stimmen wiederholten den Jubelruf; Treufreund aber war von dieser ihn überraschenden Nachricht dergestalt beglückt, daß ihn seine gewohnte Ruhe verließ. Er wollte nur den verehrten Prinzipal wiedersehen, ihm die Hand drücken, ihm, sei's auch bloß durch Blicke, sagen, daß er ganz, ganz glücklich sei. In seiner Aufregung erfaßte er das Tau mit beiden Händen, schwang sich über die Öffnung und fuhr blitzschnell auf die Diele des Speichers hinab. Der Ärmste verbrannte sich jämmerlich die weichen, an derartige Turnübungen nicht gewöhnten Hände und verstauchte sich obendrein noch den linken Fuß. Zum Glück trat Jacob gerade ein, um dem alten Buchhalter die frohe Kunde von der glücklichen Rettung des Prinzipals mitzuteilen. Er schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als er die schwer beschädigten Hände des armen, aufgeregten Mannes sah.

»Mein Gott, Herr Treufreund«, rief er, »wie konnte Ihnen auch so etwas einfallen!«

»Tut nichts, tut garnichts, Jacob«, versetzte dieser, die blutenden Hände in sein Taschentuch hüllend. »Hilf mir nur auf und schleppe mich hinüber zur Familie! Eine zerschundene Hand und ein verstauchter Fuß heilen wieder, und dann gehören beide auch einem Menschen, der nichts zu bedeuten hat, von dem die Welt nichts weiß, wenn aber Herr Heidenfrei einen Schluck Elbwasser zu viel getrunken hätte, wäre er nie wieder zu sich gekommen, und mehr als tausend redliche Menschen würden eine Flut von Schmerzenstränen vergossen haben.«

Dem Quartiersmann trat selbst eine Träne ins Auge, als er den verwundeten Mann aufhob und, ihn stützend, unter heitern Scherzen über den ihm zugestoßenen Unfall in die Wohnung des Reeders geleitete.

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