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Reeder und Matrose

Ernst Willkomm: Reeder und Matrose - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleReeder und Matrose
authorErnst Willkomm
firstpub1857
year1926
publisherLeuchtfeuer-Verlag
addressHamburg
titleReeder und Matrose
pages3-13
created20050628
sendergerd.bouillon
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30

Anton war sehr verdrießlich. Es ging ihm heute alles verquer. Der Chef des Hauses hatte ihm ein paar unfreundliche Worte gesagt, die eigentlich ihm selbst garnicht galten, sondern die Folge eines Gespräches waren, das Herr Heidenfrei in Assekuranz-Angelegenheiten gehabt hatte und das, aller Wahrscheinlichkeit nach, einen ärgerlichen Prozeß nach sich zog. Unangenehmer noch berührte es den Korrespondenten, daß er vergebens nach einer, seiner Ansicht nach, gelungenen Federzeichnung suchte, die er von Elisabeth entworfen. Er wußte ganz bestimmt, daß sie in seiner Schreibmappe lag, die er Tags vorher eigenhändig in sein Pult verschlossen hatte. Und jetzt war sie fort, verschwunden! Wie ging dies zu? Gab es Nachschlüssel zu seinem Pult? Lebte man unter Dieben? Er hätte fluchen mögen, um nur die Galle los zu werden. Es blieb jedoch nichts übrig, als den Ärger still hinunterzuschlucken und sich entschlossen in die Arbeit zu stürzen.

Das tat nun auch Anton, aber freilich mit Widerstreben und alle Augenblicke eine nochmalige Untersuchung der Mappe vornehmend. Dann schielte er hinüber nach Treufreunds Platz, denn er traute dem ›Schatten‹ schon lange nicht mehr und hatte ihn stark in Verdacht unbefugter Zuträgerei. Direkt zur Rede stellen konnte er ihn allerdings nicht, da keine Beweise vorlagen. Dennoch setzte sich in dem argwöhnischen Anton die Meinung fest, daß Treufreund das wohlgetroffene Bild Elisabeths genommen hätte.

»Der alte Narr ist verliebt bis über die Ohren«, sagte er, »und Alter schützt vor Torheit nicht. Ein Glück nur, daß er nicht gefährlich werden kann. Insofern darf man sich beruhigen. Ich muß aber doch wissen, ob es hier einen Schlüssel gibt, der mehr als ein Pult öffnet. Heute um die Börsenzeit werde ich mir etwas zu schaffen machen, um das in Erfahrung zu bringen.«

Bald darauf machte Herr Heidenfrei einen jener Inspektionsgänge, die jedermann kannte. Nach Beendigung des vormittäglichen Ganges pflegte der Reeder zu frühstücken und dann die Börse zu besuchen. Während einer Stunde blieb dann das Kontor meist geschlossen oder es hielt sich nur einer der Hausknechte darin auf. Solch ein Späher war leicht zu entfernen, und deshalb hatte Anton sich vorgenommen, gerade in dieser ihm günstigen Pause einige Schlüssel an seinem Pult zu erproben, die ein paar im Kontor befindliche Schränke erschlossen.

Zu seinem größten Verdruß aber bedeutete Herr Heidenfrei ihm schon jetzt, er wünsche vor der Börse noch einige Worte mit ihm zu sprechen, und damit sie ungestört blieben, ersuchte er ihn, nach dem Fortgange der übrigen Herren seine Rückkunft abzuwarten.

Eine derartige Bitte war ein Befehl, dem Folge geleistet werden mußte.

»Der Teufel ist los oder ich bin behext«, brummte er. »Alles geht schief. Die Federn spritzeln, das Papier ist rauh, man schickt mir tolle Briefe zu, und nun will der Alte auch noch zum Überfluß vertraulich werden, damit ich ja nicht imstande bin, belehrende Untersuchungen über die Kunst, englische Schlösser ungesehen zu öffnen und andern ihr wohlerworbenes Eigentum zu entfremden, anstellen zu können.«

Mit steigendem Ärger sah er einen seiner Kollegen nach dem andern um die gewohnte Zeit fortgehen. Um sich keine Blöße zu geben, stellte er sich ungemein stark beschäftigt und schrieb noch eifrig, während alle übrigen schon ihre Hüte aufgesetzt hatten. Endlich war er allein. Er holte tief Atem und sah sich mit einer Mischung von Neugier und Bosheit in den Räumen um, wo er sich augenblicklich als Alleinherrscher fühlte. Schon wollte er mit den Schlüsseln, die ihm in die Augen stachen, einen Versuch machen, als er den schlürfenden Gang des Prinzipals auf der Diele hörte. Er blieb deshalb sinnend und nachlässig an sein Pult gelehnt stehen und erwartete dessen Eintritt.

»Es ist superbe von Ihnen, junger Mann«, sprach Heidenfrei, seinen bequemen Stuhl einnehmend und sein Pult aufschließend, »daß Sie meiner Weisung so pünktlich Folge leisten. Was ich mit Ihnen zu sprechen habe, liegt ganz außerhalb der Geschäftssphäre, dennoch greift es mittelbar in dieselbe ein. Ich bemerkte nämlich seit einiger Zeit, daß Sie neben Ihrer Tätigkeit als Handelskorrespondent sich auch andern Lieblingsbeschäftigungen hingeben. Ich will das nun nicht gerade schlechthin tadeln, denn die meisten Menschen haben ihr Steckenpferd, bitten aber möchte ich Sie doch, der Nebenbeschäftigung nicht zu viel Zeit zu opfern und vor allem sie etwas mehr im Stillen zu betreiben. Sie sind ein Freund und Verehrer der Künste, nicht wahr?«

Anton stand nicht nur auf Kohlen, es kam ihm vor, als schlüge ein ganzes Meer von Flammen über ihm zusammen, und es verging ihm in der erstickenden Glutatmosphäre buchstäblich Hören und Sehen. Er antwortete etwas, aber er wußte im Augenblick nicht, was er sprach, da er keines Gedankens mächtig war.

Ruhig und freundlich wie zuvor fuhr Heidenfrei fort: »Besonders lieb scheint Ihnen die Malerei zu sein und wirklich haben Sie, wie mich dünkt, ein ganz schätzenswertes Talent für die Porträtmalerei.«

Heidenfrei öffnete sein Pult und langte aus demselben eine Mappe hervor.

»Wenn diese Federzeichnung, wie ich vermute, Ihnen ihre Entstehung verdankt«, sprach er weiter, ein Blatt seines Papier der Mappe entnehmend, »so muß ich Sie wirklich loben, und Ihnen wohl verdiente Schmeicheleien Ihres Talentes wegen sagen. Die Stirn meiner Tochter, die Art, den Kopf zu tragen, ihre Locken – das alles ist Ihnen ganz superbe gelungen. Aber ich bitte Sie dringend, junger Mann, zeichnen Sie nicht zu viel und besonders unterlassen Sie künftighin die Federproben auf Ihren Papieren. Auch sollte man mit einer wohlgeratenen Arbeit behutsamer umgehen, als Sie es tun. Es zeigt wenig Achtung, mein Freund, eine junge Dame erst zu porträtieren und dann ihr Porträt nachlässig auf die Diele zu werfen. Ein Glück, daß ich es fand, und nicht ein anderer. Das würde Ihnen böse Tage bereitet haben! Hier, junger Herr, stelle ich Ihnen Ihr Eigentum wieder zu. Bewahren Sie es künftig sorgfältiger, lassen Sie aber nunmehr das fernere Abmalen ein und desselben Gegenstandes bleiben, wenn ich bitten darf. Ich empfehle Ihnen der Übung wegen sich jetzt an die Porträts meines Schwagers und Herrn Treufreunds zu wagen. Das sind ein paar superbe Köpfe, die jedem Maler von Talent in die Augen fallen müssen. Meinen Sie nicht?«

Anton hielt das Bild Elisabeths in der Hand und beantwortete die letzte Frage des Reeders nur mit einem Blick, der ebenso gut alles, wie nichts sagen konnte.

»Da Ihnen meine Tochter sicherlich nicht gesessen hat«, fuhr Heidenfrei fort, »verdient Ihre glückliche Auffassungsgabe doppeltes Lob. Sie würden sich damit im Notfall durch die Welt schlagen können. Dennoch rat ich, sich der Kunst nicht mit Leidenschaft hinzugeben. Sie pflegt launenhaft und unzuverlässig zu sein. Ein tüchtiger, solider. fleißiger Korrespondent, der seine fünf Sinne immer beisammen hat und nebenbei seine Handschrift nicht vernachlässigt, ist unter allen Umständen besser daran, als der Künstler, welcher durch die Kunst sein Brot verdienen soll. Übrigens, junger Mann, können Sie überzeugt sein, daß ich reinen Mund halten werde. Mancher andere wäre nicht so diskret. Guten Morgen!«

Der Reeder drehte rasch den Schlüssel seines Pultes um, steckte ihn zu sich, stand auf, neigte ein wenig den Kopf und ging hinaus. Anton schien es, als habe Heidenfrei warnend den Finger gegen ihn erhoben, als er die Tür ins Schloß drückte.

Der Zurückbleibende betrachtete einige Minuten sprachlos die Tür und das Pult, dann warf er einen flüchtigen Blick auf das Porträt und legte es behutsam in sein Taschenbuch. Darauf fuhr er sich mit der Hand durchs Haar, daß es sich genial aufrichtete, indem er ausrief:

»Ein verzweifelt delikater Handel! – Was nun machen! – Der Alte sieht mehr, als er sich merken läßt, aber der Teufel werde klug aus seinen Gedanken, die er so geschickt, wie ein Mädchen ihre wahren Gefühle, zu verstecken weiß! O, ich dreimal dummer, blinder Hesse!«

Er schlug sich in komischem Ärger vor die Stirn, stülpte den Hut schief auf den Kopf, warf nochmals einen langen Blick auf die bemalten Papierränder, riß sie zähneknirschend ab und verließ endlich mit einem Seufzer das Kontor.

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