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Reeder und Matrose

Ernst Willkomm: Reeder und Matrose - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleReeder und Matrose
authorErnst Willkomm
firstpub1857
year1926
publisherLeuchtfeuer-Verlag
addressHamburg
titleReeder und Matrose
pages3-13
created20050628
sendergerd.bouillon
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29

Es war nun täglich in der Familie Heidenfrei die Rede von dieser großen Unternehmung, die eine Menge umfassender Arbeiten und Vorbereitungen erforderte. Eduard studierte die vorzüglichsten Schriften über das Land, dem er seine Kräfte opfern wollte, zeichnete, entwarf Pläne und steckte auf diesen Straßen und Kanäle ab, die dereinst dem Verkehr der Kolonie dienen sollten, die man zu gründen beabsichtigte. Ferdinand blieb bei diesen Arbeiten nicht gleichgültig, nur ließ er sich weniger als Eduard von dem bloßen Reiz des großen Gedankens beherrschen. Er hatte mehr die kühl berechnende Natur des Vaters, der zwar jede Idee hochschätzte, aber nicht ohne gründliches Erforschen ihrer Tüchtigkeit sich ihr hingab. Diese verschiedene Auffassungsweise ein und desselben Gedankens führte oft zu lebhaften und lange dauernden Debatten. Alle wollten das Gute, ohne sich doch über die Mittel und Wege völlig einigen zu können, die man einzuschlagen habe. Bisweilen kam es denn auch zu kleinen Spannungen, die wieder durch Vermittlung der weiblichen Mitglieder der Familie gehoben und mit milden Worten beigelegt wurden.

Darüber vergingen Wochen. Während derselben leuchtete es allen ein, daß Augustin Hohenfels, ungeachtet seines Ideenreichtums, seiner großen Herzensgüte, seiner nichtsachtenden Opferfähigkeit, im Grunde doch ein unglaublich schwer zu behandelnder Mann sei. Selbst Eduard, der sich dem Oheim mit der vertrauenden Hingebung eines Sohnes anschloß, weil er den rastlos schaffenden Geist in ihm bewunderte und verehrte, mußte sich zuweilen Gewalt antun, um nicht in Konflikt mit ihm zu geraten.

Margaretha, die Stiefschwester des hochstrebenden Mannes, betrübte diese Entdeckung am meisten, und so oft sie mit ihrem Gatten allein war, sprach sie von ihrem Kummer um den Bruder und von den Besorgnissen, die ihr Tag und Nacht die Ruhe raubten.

»Augustin wird es nie zu einem dauernden Glück bringen«, sagte sie. »Kaum hat er etwas erreicht, so langweilt ihn dies Erreichte, oder es befriedigt ihn nicht. Und so hetzt er sich selbst ruhelos von einem Äußersten zum andern, bis er in dem Kreise, den er beschreibt, eines Tages entseelt zusammenbrechen wird. Ich wünschte, Eduard ließe sich bewegen, vorläufig noch bei uns zu bleiben.«

»Eine derartige Andeutung würde dein Bruder für die größte Beleidigung halten«, erwiderte Heidenfrei, »und in der Tat würde sie auch einer groben Perfidie gleich zu achten sein. Nein, das geht nicht. Freude an dem Unternehmen habe ich selbst auch noch nicht, es kann aber zum Glück ausschlagen und ein Grundstein unvergänglichen Ruhmes wenden. Lassen wir also deinen Bruder und unsern ältesten Sohn gewähren. Beide sind unternehmungsstark, beide stachelt der Trieb, etwas Bedeutendes zu leisten, beide endlich sind ehrgeizig und ruhmsüchtig im edelsten Sinne. Sie zurückhalten, in kleinere Kreise bannen, würde ihre seltenen Anlagen zerstören und sie selbst geistig vernichten heißen. Eduard ist mir gewiß lieb und ich behielte ihn am liebsten im Geschäft, dennoch will ich ihn lieber noch an einer Idee zu Grunde gehen, an der Unausführbarkeit eines großen Gedankens sich aufreiben, als ihn trübselig hier verkümmern sehen. Menschen wie Hohenfels und Eduard müssen ins Große, ins Unabsehbare hineinarbeiten. Sie sind eigentlich zu gewaltig für unsere kleine Zeit. Wäre es erlaubt, mit einer Handvoll unerschrockener Männer an irgend einer Küste zu landen, so würden Männer wie unser ältester Sohn und dein Bruder ein neues Reich erobern, oder legten sie sich mit der ganzen Innerlichkeit ihres Wollens auf die religiöse Seite, so stifteten sie entweder eine neue Religion oder wenigstens einen Mönchsorden, der mehr zu tun bekäme, als nur einen Tag um den andern so und so viele Messen zu lesen und Paternoster abzubeten.«

Gespräche dieser Art wiederholten sich oft, endigten aber immer damit, daß Heidenfrei darauf beharrte, die Strebenden und in diesem Streben Glücklichen nicht weiter zu stören.

Hohenfels würde sich auch wenig haben stören lassen. Er bekümmerte sich in keiner Weise weder um die Meinung anderer, noch ließ er sich irgend einen Rat erteilen. Ganz so schroff, wie er es in seinen jüngeren Jahren gewesen war, trat er jetzt wieder auf, sodaß ihn bald die meisten lieber gehen als kommen sahen. Von seinem Standpunkt aus war er ohne Frage unbestreitbar im Recht. Er ragte geistig so hoch über die Masse empor, daß sie ihm wohl unbedeutend erscheinen mochte, aber als gleichberechtigtes Individuum einer großen Gesellschaft strebender und wirkender Menschen, verging er sich unverantwortlich an dem Geist der Assoziation. Die Größe seines Talents, die Macht seines Willens, die Federkraft seines Geistes isolierten ihn. Der isolierte Mensch, und besäße er hundertfache Kräfte, ist aber doch ein verlorner Posten im allgemeinen Kampf der Menge. Daß Hohenfels dies nicht einsah oder nicht einsehen wollte, war sein größtes Unglück. Er repräsentierte den Nationalfehler der ganzen deutschen Nation, deren Schwächen er doch so ganz kannte, die er tief beklagte, die er durch sein eignes Streben, so weit möglich, paralysieren wollte. So schlägt die Kraft, die sich selbst überhebt, in Ohnmacht um, und statt zu beglücken und dem großen Ganzen nützlich zu werden, verkohlt sie langsam in der Flamme ihres eigenen Geistesfeuers.

Die Jahreszeit war zu weit vorgeschritten, um die beabsichtigte Reise noch im alten Jahre zu unternehmen. Augustin Hohenfels mußte sich deshalb bequemen, einen deutschen Winter in Umgebungen zu verleben, die ihm fremd geworden waren und denen er sich nicht fügen mochte. Es wunderte ihn nichts mehr, als daß sein Sohn Miguel sich anscheinend ohne Schwierigkeit dem Zwang der Gesellschaft fügte, und es fehlte wenig, so wäre es zwischen Vater und Sohn zu unliebsamen Erörterungen gekommen. Hohenfels übersah bei seinem Sohne das Wichtigste, seine Liebe zu Christine.

Außer Eduard war Treufreund des seltenen Mannes liebster Umgang. Der frühere Buchhalter widersprach ihm nie, weil seine Verehrung so unbegrenzt war, daß er alles bei Augustin Hohenfels bewunderte. Auch das Sonderbarste fand Treufreund, sprach es Hohenfels aus oder verteidigte er es, ganz vortrefflich, und darum hielt dieser sich gern zu dem Jugendfreunde.

Das übrige Personal seines Schwagers war dagegen nicht nach seinem Geschmack. Der Süd-Amerikaner – wie alle Kontoristen den hochfahrenden Mann nannten – fand hier nur Antipathien und wurde von den jungen Leuten unbarmherzig seiner Schroffheit wegen kritisiert. Gleichzeitig bedauerten alle, daß Eduard sich so ganz diesem Gedanken-Abenteurer anschloß, freuten sich der Zurückhaltung des ruhigen, immer klaren Ferdinand, und setzten auf den nahe bevorstehenden Eintritt desselben in die Handlung große Hoffnungen.

Um Miguel kümmerten sich nur wenige. Anton war der einzige, der häufig mit dem aufgeweckten jungen Manne verkehrte, der sich mit Eifer auf Mathematik legte und alles tat, um ein tüchtiger Seemann zu werden. Die stille Verlobung Miguels mit Christine, die Weihnachten öffentlich bekannt gemacht werden sollte, erweckte eine gute Meinung für ihn, denn der alte Jacob war ein Liebling aller, und wollte Anton den im Grunde von allen doch nur verkannten Hohenfels in Schutz nehmen, so führte er an, daß gerade er derjenige gewesen sei, der die Verlobung seines Sohnes mit der unbemittelten Tochter des Quartiersmannes betrieben habe. Dies war allerdings kein ganz geringes Verdienst. Es charakterisierte den Mann und stellte ihn in das volle Licht des schönsten Freisinns. Unmöglich war es nicht, daß gerade die Billigung dieser Wahl, die freilich auch von der Familie Heidenfrei befürwortet wurde, dem heimgekehrten Hohenfels manchen geheimen Gegner erweckte, denn Miguel mit seinem bedeutenden Besitztum auf Kuba war ein ganz respektabler Mann und konnte die größten Ansprüche machen.

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