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Reeder und Matrose

Ernst Willkomm: Reeder und Matrose - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleReeder und Matrose
authorErnst Willkomm
firstpub1857
year1926
publisherLeuchtfeuer-Verlag
addressHamburg
titleReeder und Matrose
pages3-13
created20050628
sendergerd.bouillon
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26

Es war um die Zeit, wo die ersten Fischewer den Baum passierten und die Brotverkäufer bereits von ihrem Morgengang zurückkehrten, als einer der letzteren, ein untersetzter Mann von munterem Aussehen, in der engen Mattentwiete etwas unsanft einen ihm rasch entgegenkommenden jungen Seemann mit seinem Korb anstieß.

»Stop«, sagte der Seemann, sich zur Seite biegend. »Steckt ein Licht aus, wenn ihr auf schmalem Fahrwasser steuert, sonst gibts Kollision.«

Die Stimme kam dem Brotmann bekannt vor. Er kehrte sich um und blickte in ein wohlbekanntes Gesicht.

»Bist du's wirklich, Andreas?« sagte er, dem Steuermann die Hand reichend. »Wie lange bist du mir nicht mehr zu Gesicht gekommen! Besuche mich bald. Trudchen hat hundertmal nach dir gefragt, und die alte blinde Pate deines in so vornehme Gesellschaft geratenen Schützlings sehnt sich auch, ein verständiges Wort von dir im Vertrauen zu hören.«

Andreas erwiderte den kräftigen Händedruck.

»Sobald ich mit Christines Vater gesprochen habe, ehrlicher Peter Krume, siehst du mich, seis bei dir, seis bei der alten blinden Silberweiß. Ich komme direkt aus London, wohin ich im Auftrag Heidenfreis ging, um die Wahrheit über gewisse Angelegenheiten zu ermitteln.«

»Hoffentlich hast du sie ermittelt.«

»Vollkommen. Meine Auftraggeber können und werden zufrieden sein.«

Die enge und belebte Twiete gestattete den beiden Bekannten keine längere Unterhaltung. Mit nochmaligem freundlichen Augenwink trennten sie sich, Peter Krume, um seine Wohnung hinter den Böden aufzusuchen, der Steuermann Andreas, um auf Umwegen dem Hause des reichen Reeders zuzuschreiten. Als er dies nach einer guten halben Stunde erreichte, fand er die geräumige Diele voll arbeitender Menschen, unter denen der derbe David mit seinen schrecklichen Flüchen der lauteste, aber auch der unermüdlichste war. Andreas fragte nach Jacob, und erhielt von David unter zugegebenem »Gottverdammich« die Antwort, daß er den Quartiersmann auf dem obersten Speicherboden antreffen werde. Der junge Herr sei mit ihm hinaufgestiegen.

Der Steuermann traf Ferdinand Heidenfrei, den Quartiersmann und einige Arbeitsleute bei der Luke, um nach Amerika bestimmten Flachs zu verladen. Ferdinand erwiderte mit Freundlichkeit den Gruß Andreas', während Jacob ihn wie einen Menschen empfing, dem man großen Dank schuldig ist.

»Ihre Briefe haben den Vater sehr befriedigt«, sagte der junge Heidenfrei. »Alles, was bis dahin noch unklar war, ist damit erledigt worden. Auch ich danke für Ihre Bemühungen. Es hängt jetzt nur von Ihnen ab, ob Sie Ihre bisherige Stelle behalten oder ob Sie auf unserer neu erbauten Fregatte, die nächstens in See gehen soll, als Obersteuermann eintreten wollen. Bis Sie einen bestimmten Entschluß gefaßt haben, bleibt Ihnen dieser Posten reserviert.«

Andreas dankte. ging mit Jacob auf die Seite und sagte ihm leise ins Ohr: »Heute Abend erfährst du, was du zu wissen brauchst. Ich komme eigens deshalb hierher, um aller Ungewißheit ein Ende zu machen, weil ich weiß, daß sie am peinigendsten ist. Es hängt jetzt größtenteils nur von dir und deiner Frau ab, die Sache zu Ende zu führen und ihr die günstigste Wendung zu geben.« Jacob nickte schweigend mit dem Kopfe, sein Blick aber war trüb, fast finster und es schien, als setze er in die Worte des Steuermannes wenig Vertrauen. Indes sagte er zu und dieser entfernte sich wieder.

»Jacob«, sagte Ferdinand Heidenfrei, als der größte Teil verladen war, »auf ein paar Worte!«

Der Quartiersmann folgte dem jungen Herrn.

»Wenn du es noch nicht wissen solltest, Jacob«, sagte hier Ferdinand, »so will ich es dir mitteilen. Jeder Zweifel, daß Miguel nicht der Sohn meines Oheims sein möge, ist durch die Erkundigungen, welche wir einziehen ließen, behoben. Miguel ist mein leiblicher, rechter Vetter, der einzige Sohn Augustin Hohenfels'. Alles, was er uns über das frühere Leben des Mexikaners erzählt hat, ist ebenfalls Wort für Wort wahr, und so dürfen wir uns ja wohl alle aufrichtig freuen.«

»Ich habe das immer vermutet«, versetzte Jacob, »und hielt deshalb die Nachfragen eigentlich für überflüssig. Aber ich errate den wahren Grund und konnte es dem Herrn darum auch nicht verdenken. Wenn Sie aber meinen, mir persönlich, meiner Familie, meiner Tochter sei damit groß gedient, so muß ich mir erlauben, zu bemerken, daß ich mich dieser Ansicht nicht anschließen kann.«

»Vergiß nicht, Jacob, daß du die Zusage meines Vaters hast. Zweifelst du an seinem Wort, an der Redlichkeit eines Heidenfrei?«

»Nein, Herr, mich drücken ganz andere und viel schlimmere Bedenken.«

»Laß sie mich kennen lernen, vielleicht kann ich dich beruhigen.«

Jacob schwieg nachdenklich, dann sagte er: »Daß meine Christine von Ihrem Vetter geliebt wird, weiß ich, und daß meine Tochter sich schwerlich weigern würde, einem Manne die Hand fürs Leben zu reichen, der mehr für sie getan hat, als ein Bruder tun könnte, davon bin ich überzeugt. Was aber wäre damit gewonnen? Meine Tochter käme durch eine Heirat mit Herrn Miguel Hohenfels-Saldanha freilich in eine große Familie, ihr Vater aber und ihre Mutter, meine schlichte ehrliche Doris, würden dadurch weder vornehm noch gesellschaftsfähig. Das taugt nichts, Herr Heidenfrei, glauben Sie mir! Das ruiniert das Zutrauen zwischen Eltern und Kindern, macht diese hochmütig und jene mißmutig, und wenn dann ein kleiner Zwist kommt, wie's ja auch in der glücklichsten Ehe passieren mag, so kommt der verschiedene Stand zur Sprache, es gibt Vorwürfe und wie lange dauerts, so ist das Unglück fertig.«

Ferdinand hatte die Banken des Quartiersmannes ruhig angehört, jetzt lächelte er und versetzte, die Hand zutraulich auf Jacobs Schulter legend:

»Ehrlicher, braver Jacob, wenn diese Bedenken allein dir Kummer verursachen, so kann ich dich beruhigen. Wahr mag es freilich sein, daß weder du noch deine Frau in einem Salon unter vornehmen Damen und reichen Matadoren der Gesellschaft eine besonders angenehme Rolle spielen oder euch glücklich fühlen würdet. Aber ist denn das nötig? Begehrst du in diese Zirkel zu treten? Gewiß nicht. Unser Haus aber, Jacob, das kennst du und wenn es dem Vater einfällt, eine Familienmahlzeit zu geben, meinst du, daß es dann unschicklich wäre, dich deshalb mit einzuladen, weil du zufällig besser mit einer Speicherwinde als mit der Feder umzugehen weißt? Bist du etwa nicht bewandert in den Angelegenheiten, welche die Mehrzahl der Kaufleute interessiert? Du bist uns ebenso unentbehrlich wie der Kaufmann es wiederum dir und deinen Genossen ist.«

Jacob war immer noch nicht beruhigt. Er ließ etwas von Mißheirat verlauten und sprach von den traurigen Folgen solcher Ehebündnisse, die immer erst dann sich herausstellten, wenn es zu spät wäre und an eine Änderung nicht mehr gedacht werden könnte.

»Woran stößt du dich jetzt noch? Fürchtest du, deine Tochter werde stolz werden und mit Geringschätzung auf dich herabsehen?«

»Nein, lieber Herr, das fürcht ich nicht«, erwiderte Jacob mit Lebhaftigkeit. »Dazu hat sie ein zu weiches Gemüt. Nein, nein, stolz und hochmütig wird mein Mädel nicht, aber –«

»Wieviele Aber tanzen denn noch auf deiner Zungenspitze?« warf Ferdinand lächelnd ein.

»Mir ist nur bange um den Herrn Vater.«

»Um meinen Vater?«

»Nein, behüte Gott, um den Vater des Herrn Miguel.«

»Um Hohenfels? Wie kommst du darauf, Jacob? Hast du denn ganz und gar vergessen, was mein Oheim erlebt hat? Wie jedes Vorurteil, falls solche in ihm vorhanden waren, von den Erfahrungen, die er machte, getötet worden ist?«

»Das alles macht mich nicht bange«, sagte Jacob; »was mich stört, ist sein düsteres, unzufriedenes Wesen. Ich fürchte, der gute Herr fühlt sich noch jetzt nicht glücklich und wird es überhaupt nie werden. Jetzt hat er freilich wieder etwas, das seine Gedanken beschäftigt, und da mag es wohl eine Weile gehen. Wenn aber sein Sohn sich wieder mehr von ihm wendet, was bei einem jungen Ehemanne ja gar nicht anders sein kann, dann wird er wieder umschlagen und ins Grübeln versinken und immer unglücklicher werden. Denk ich daran, Herr, und muß ich mir sagen, daß ich an solchem Unglück mittelbar doch die Schuld hätte, weil es ja eigentlich nur durch meine Tochter entstanden ist, so wäre es mir lieber, Christine kehrte in mein Haus zurück und träfe eine Wahl, wobei alle diese Bedenken von selbst wegfielen.«

»Das nenne ich gewissenhaft sein«, versetzte Ferdinand sehr heiter. »Vorläufig, lieber Jacob, sorgte dich nicht um das Kommende und überlasse denen, die dir und deiner Familie wohlwollen, die Ordnung einer Angelegenheit, die ich meinesteils schon für ziemlich geordnet halte. Der Mißmut meines Oheims hat, dünkt mich, ganz andere Gründe. Lassen diese sich beseitigen, so verliert er sich wohl auch nach und nach.«

Mit diesen beruhigenden Worten entließ Ferdinand den besorgten Quartiersmann, der zwar still, aber doch etwas heiterer als zuvor sich seiner gewohnten Tätigkeit wieder hingab.

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