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Reeder und Matrose

Ernst Willkomm: Reeder und Matrose - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleReeder und Matrose
authorErnst Willkomm
firstpub1857
year1926
publisherLeuchtfeuer-Verlag
addressHamburg
titleReeder und Matrose
pages3-13
created20050628
sendergerd.bouillon
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25

Heidenfrei ruhte entkräftet im Sofa. Er sah bleich und angegriffen aus, dennoch drang er darauf, daß man den Arzt nicht rufe, überhaupt möglichst wenig von seinem Unwohlsein spreche, das sich nach einiger Zeit von selbst wieder verlieren werde.

Die Söhne, welche den Vater einer Ohnmacht nahe getroffen hatten, waren in größter Bestürzung. Auch Hohenfels schien der Zustand des bejahrten Schwagers bedenklich, weshalb er vorschlug, er möge erlauben, daß man seine Frau und Tochter in Kenntnis setze. Davon jedoch wollte der Reeder vollends nichts wissen. Er verneinte heftig, wünschte mit seinen Söhnen und Hohenfels allein zu bleiben und befahl Ferdinand, die Tür zu verschließen.

Als man diesem Wunsch des aufgeregten Mannes willfahrt hatte, schien er ruhiger zu werden. Er bedeutete den Anwesenden, sie möchten in seiner Nähe Platz nehmen, er habe ihnen eine Mitteilung von Wichtigkeit zu machen. Gespannt horchten alle auf.

»Ich bin nicht krank, ihr Lieben, ich bin nur angegriffen«, hob Heidenfrei mit halblauter Stimme an. »Die Verhandlungen, die leider kein günstiges Resultat ergaben, haben dies nicht bewirkt, obwohl sie meinen Ansichten und meinen Erwartungen sehr wenig entsprachen. Eine Nachricht, die mich erst später erreichte, hat mich, weil sie unerwartet kam, erschüttert. Ich bin nämlich in große Verluste geraten, und wenn alles sich bestätigt, so wäre das Schlimmste denkbar.«

Als Heidenfrei dies harte Wort ausgesprochen hatte, fühlte es sich leichter. Seine Söhne standen sprachlos und alle Farbe wich aus ihren Wangen. Hohenfels dagegen blieb ruhig.

»Sind ein paar der ersten Häuser gefallen?« fragte er.

»Noch nicht«, versetzte Heidenfrei, »man vermutet nur ihren Fall. Sollte er eintreten, so weiß ich nicht, wie ich mich halten soll, denn mehr als zwei Drittel meiner Habe schwimmt auf dem Meere.«

»Wir müssen uns unverweilt Gewißheit zu verschaffen suchen und dann umsichtig, aber auch rasch handeln«, sagte Hohenfels. »Wie hoch belaufen sich deine Verbindlichkeiten?«

Heidenfrei nannte die Summe. Es fehlte wenig an einer Million. »Und wieviel davon kannst du decken?« forschte der Schwager weiter. Der Reeder zuckte die Achseln. Es wird wenig genug sein, denn, wie gesagt, mein Vermögen gehört Wind und Wogen und ich habe es vorgezogen, weder die Schiffe noch die Waren zu versichern. Wenn jetzt ein Unglück geschieht –«

»Es darf nicht geschehen«, fiel der energische Hohenfels dem Schwager ins Wort. »Ich weiß, oder was dasselbe ist, ich schaffe Rat.«

»Du? Wie vermöchtest du eine solche Summe herbeizuschaffen!« sprach Eduard.

»Ein entschlossener Mann vermag viel«, versetzte Hohenfels. »In vorliegendem Fall ist ohnehin, dünkt mich, leichter Rat zu schaffen, da nur Vermutungen vorhanden sind, nur Befürchtungen laut werden.«

»Gerade diese Befürchtungen lassen mich das Schlimmste ahnen«, sagte Heidenfrei. »Der Ruf eines Hauses, das solche Befürchtungen zuläßt, ist schon verloren, nur der Beweis des Gegenteils kann ihn vollständig wiederherstellen.«

»Welche Schiffe erwartest du?« fragte Hohenfels, ohne auf diese letzte Bemerkung zu achten.

»Es müssen in den nächsten Wochen zwei Briggschiffe, eine Fregatte, eine Schonerbrigg und drei Kuffs teils hier, teils in Bremen und Antwerpen einlaufen. Alle sind gemeldet, die Ladungen sind wertvoll und der Gewinn ein bedeutender, wenn mir das Glück treu bleibt. Stürzen aber die beiden englischen Häuser, mit denen ich liiert bin, so fehlen mir die baren Mittel, und es ist sehr fraglich, ob ich in diesen ohnehin geldarmen Zeiten meinen Kredit so hoch anspannen kann, daß ich mich halte, ohne Verdacht zu erregen.«

»Du bist gerettet«, sprach Hohenfels zuversichtlich. »Vertraue jetzt einmal mir, dem Schwärmer«, fuhr er lächelnd fort, als er die heiter werdende Miene des niedergeschmetterten Mannes sah. »In einem Falle, wie dieser, ist es gerade die Idee, die am sichersten Hilfe bringt. Darum steht mir eine große Idee so hoch, darum ist sie mir unter Umständen mehr Wert, als das größte klingende Kapital. Ihr verlacht unsere Ideen, die ihr ziel- und sinnlos nennt, und doch ist jeder Wechsel, den ihr trassiert, auch nur eine Idee, und der Kredit, ohne welchen aller Handel aufhören müßte, ist die kühnste aller Ideen. Solange der Glaube an eine Idee währt, solange ist sie gut. Habt also die Güte, meinen Ideen Glauben zu schenken und ihr könnt ohne Bedenken Wechsel darauf ziehen und Kredit darauf eröffnen.«

Heidenfrei sah mit seinen scharfen, hellen Augen den Sprechenden groß an.

»Du könntest Recht haben«, versetzte er, »und so will ich, obwohl es gegen mein Prinzip verstößt, auf eine bloße Idee, die bisweilen mit Chimäre gleichbedeutend ist, Kredit geben. Du bist zu ehrlich, als daß du mich, meinen Namen, mein ganzes Haus einer Idee zu Liebe ins Unglück stürzen kannst. Vor zwanzig Jahren, ich bekenne es offen, hätte ich dir solchen Glauben nicht geschenkt. Damals warst du mir zu schwärmerisch hochfahrend. Jetzt bist du mir an Lebenserfahrungen überlegen, stehst frei und vorurteilslos da, hast persönlich keine Verbindlichkeiten, brauchst dich vor niemand zu beugen und hast deshalb ein Recht, den Kopf ein wenig hoch zu tragen, wenn andere Miene machen, dich übersehen zu wollen. Ich will sogar, damit du siehst, daß ich kein Gegner deiner Pläne bin, wenn ich sie auch nicht mit Überzeugung zu den meinigen machen kann, nicht einmal fragen, auf welche Weise du mir im Fall der wirklich eintretenden Gefahr Rettung bringen willst.«

Dieses unbegrenzte Vertrauen rührte und entzückte Hohenfels, der, unbeachtet seiner trüben Erlebnisse, sich einer gewissen Schwärmerei stets von neuem warm und innig hingab.

»Ich danke dir«, sagte er, ganz wieder Vertrauen und vollkommen versöhnt. »In wenigen Tagen werde ich dir die Belege übergeben, welche dich unter allen Umständen sicher stellen. Vielleicht tragen sie mehr als meine feurigsten Worte dazu bei, dich und deine allernächsten Freunde meinen Vorschlägen geneigter zu machen. Auch damit würde ich schon zufrieden sein, denn aus der Geneigtheit entwickelt sich später die Lust zu wagen, und schon das erste sogenannte Wagnis wird – ich bin davon überzeugt – ein Triumph der Idee sein, von der ich nicht lassen kann, die mich nun einmal einzig und allein noch in der Welt festhält, weil ich in ihr einen neuen Prometheusfunken die Völker der Erde mit frohem Lebensfeuer durchglühen sehe.«

Heidenfreis Aufregung verlor sich während dieser Unterredung und gleichzeitig kehrte dem entschlossenen Mann seine physische Kraft zurück. Niemand im Hause erfuhr von dem Inhalt des Gesprächs, nur die besorgten Mienen der Söhne wollten manchem auffallen, da sich beide Brüder gewöhnlich heiter und hoffnungsvoll zeigten.

Augustin Hohenfels ging inzwischen unverweilt ans Werk. Es erhob den ungewöhnlichen Mann, daß ihm der Zufall, und anscheinend noch dazu ein unglücklicher Zufall, der hundert andere bis zur gänzlichen Verwirrung erschreckt haben würde, Gelegenheit bot, gewissermaßen die Probe auf seine Idee zu machen. Der edle, große Charakter des viel verkannten Mannes zeigte sich jetzt in seinem glänzendsten Licht. Hohenfels schrieb mehrere Briefe an ihm bekannte Handelshäuser, die, wie die Papiere seines Sohnes auswiesen, die Verhältnisse des verstorbenen Pueblo y Miguel Saldanha, dessen Erbe sein Sohn geworden war, ganz genau kannten. Was er sonst noch hinzufügte, blieb seinem Schwager ein Geheimnis. Von der Lage Heidenfreis, wenn die mit ihm verbundenen Häuser zugrunde gingen, war in keinem dieser Schreiben die Rede, desto beredter verbreitete sich Hohenfels über seinen großen Gedankenplan, Süd-Amerika der Kolonisation zu erschließen und den Zug tüchtiger, nicht ganz unbemittelter Auswanderer nach diesen reichen Ländern zu leiten. Er drang auf Befahrung aller Meere durch Dampfschiffe, aber er kam immer wieder auf die Grundidee zurück, daß, solle eine derartige Erweiterung der Reederei von nationalem Nutzen sein und denjenigen, die sie in die Hand nähmen. den unberechenbarsten handelspolitischen und kulturhistorischen Einfluß in der neuen Welt sichern, keine andere Staaten und Nationen sich dazwischen mengen dürften. Herstellung direkter Schiffahrtslinien unter deutscher Flagge, das war in diesen Briefen das große Thema, das er predigte. Als er die Schreiben siegelte, sagte er zu sich selbst:

»Es wäre doch möglich, daß ich noch reussierte. Sind die einen schläfrig oder schwer zu einem Entschluß zu bewegen, so muß man versuchen, sie durch andere, rührigere aufwecken zu lassen. Die Konkurrenz ist eine gefährliche Waffe, die mit großer Geschicklichkeit gehandhabt sein will, soll man sich selbst nicht verwunden. Sie ist ein zweischneidiges Schwert ohne Griff, das man wirft, wie der Gallego sein im Ärmel verborgen gehaltenes Dolchmesser und das man am stumpfen Ende wieder auffangen muß. Aber sei es drum! Der Preis ist groß, der Ruhm noch größer. Dafür muß ein unternehmender Mann nötigenfalls Ehre und Kopf einsetzen.«

Hohenfels war mit sich zufrieden. Er trug die Briefe selbst auf die Post, damit niemand erfahre, wer diejenigen seien, die, wie er sich ausdrückte, eine bloße Idee als Wechsel akzeptierten und die Valuta dafür bar auszahlten. Er wußte, daß er sicher ging, und dies Bewußtsein gab ihm seine geistige Spannkraft wieder, die ihn während der kleinlich prosaischen Verhandlung mit einer Anzahl begüterter Menschen verlassen hatte, welche die Großartigkeit seiner weltbefruchtenden, völkerbeglückenden Idee über die Berechnung des abfallenden Gewinnes ganz und gar vergessen konnten.

Die Antworten auf die Briefe entzückten Hohenfels in jeder Beziehung, denn sie gewährten ihm mehr, als er zu erwarten gewagt hatte. Ein fast unbegrenzter Kredit war ihm eröffnet, sodaß Heidenfrei damit seine Verbindlichkeiten auch im Falle eines wirklich eintretenden Unglücks erfüllen konnte.

Dieser Erfolg eines Experimentes, dessen Natur Heidenfrei nicht genügend kannte, knüpfte zwischen beiden Schwägern ein neues Band festen Vertrauens. Die Söhne drangen unablässig in den Vater, den Oheim, der einen so großen kaufmännischen Blick gerade in schwierigen Angelegenheiten besitze, als Kompagnon mit in das Geschäft zu nehmen und ihm vorzugsweise die Reedereiangelegenheiten allein anzuvertrauen, die, worauf alles hindeute, binnen wenigen Jahren durch die immer zweckmäßigere Benutzung der Dampfkraft unbedingt in ein ganz neues und eigentümliches Stadium treten müßten.

Solchen Bitten, auf so triftige Gründe sich stützend. vermochte der Vater nicht länger zu widerstehen. Augustin Hohenfels trat in das Geschäft, und bald erregte es gewaltiges Aufsehen an der Börse, als eines Tages Zirkulare ausgegeben worden, welche diese wichtige Veränderung der europäischen und außereuropäischen Handelswelt bekannt machten.

Glücklicherweise erwiesen sich die Befürchtungen Heidenfreis als völlig aus der Luft gegriffen. Ein allzu vorsichtiger Korrespondent hatte das Hamburger Haus unnötigerweise, aber in guter Absicht, erschreckt. Es erfolgte nicht die geringste Stockung, sodaß Hohenfels den Kredit, der ihm bewilligt worden war, garnicht zu benutzen brauchte, wenn er nicht wollte. Mit Hilfe desselben ließen sich indes außergewöhnliche Resultate erzielen, und so strengte denn Hohenfels seine ganze geistige Kraft an, um den Ideen, die ihn ins Vaterland zurückgeführt hatten, Leben einzuhauchen.

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