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Reeder und Matrose

Ernst Willkomm: Reeder und Matrose - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleReeder und Matrose
authorErnst Willkomm
firstpub1857
year1926
publisherLeuchtfeuer-Verlag
addressHamburg
titleReeder und Matrose
pages3-13
created20050628
sendergerd.bouillon
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23

Am nächsten Tage bestiegen Jacob und Miguel, denen sich Ferdinand Heidenfrei anschloß, einen offenen holsteinischen Stuhlwagen und traten ihre Reise nach Moisling bei Lübeck an. Es war dies wirklich eine Reise zu nennen, denn in damaliger Zeit gab es zwischen den beiden großen Schwesterstädten noch keine Chaussee. Der Kommunikationsweg, welcher die alte Königin der Ostsee mit der Handelsmetropole der Niederelbe verband, war ein so abscheulicher Sandweg durch Steingeröll, mooriges Sumpfland und Knüppeldämme unterbrochen, daß viel Zeit zu solcher Fahrt gehörte. Die Reisenden machten sich deshalb auch auf wenigstens vier Tage gefaßt.

Der Reeder begab sich gleichzeitig in seine Villa, um einen ganzen Tag ungestört daselbst zu verweilen. Es war nötig, die Seinigen auf das Kommende vorzubereiten, sowie Elisabeth in schonender Weise das mitzuteilen, was sie erfahren mußte. Es geschah liebevoll, väterlich mild, und Elisabeth nahm es mit Ruhe auf. Sie weinte nicht, als sie aus den Erzählungen des Vaters deutlich heraushörte, daß Don Gomez bei allen liebenswürdigen Eigenschaften doch kein Mann sei, dem ein gebildetes Mädchen ihr Herz schenken könne. Es kam eine stille ernste Ruhe über die blühende Jungfrau, die ihr etwas Unnahbares gab. Alle Fröhlichkeit verlor sich, aber sie blieb dabei freundlich gegen jeden, und wer sie nicht früher in ihrer mädchenhaften Ausgelassenheit gekannt hatte, würde geglaubt haben, dieser Ernst sei ihr angeboren.

Von Don Gomez wurde nicht mehr gesprochen. Er selbst hatte nach seiner letzten Zusammenkunft mit Ferdinand die Familie des Reeders gemieden. Sein ganzes Benehmen bewies, entweder daß er sich schuldig fühlte, oder daß er, durch die ausweichende Antwort des Reeders verletzt, seine Absichten für immer aufzugeben entschlossen sei.

Heidenfreis Mitteilungen riefen auf der Villa eine vermehrte Tätigkeit hervor, die wohltuend auf Elisabeth wirkte. Die erwartete Ankunft des Oheims gab viel zu bedenken, zu besprechen. Es mußten für den lang Entbehrten Zimmer eingerichtet werden. Beide Mädchen hatten zu sorgen, daß nicht die kleinste Bequemlichkeit fehle, daß die Zimmer den freundlichsten Anblick boten und den Eintretenden festhielten. Darum berieten sie mit dem Gärtner über die Blumen, welche die Zimmer schmücken sollten, mit dem Tapezier über den Stoff, die Farbe und Anordnung der aufzuhängenden Gardinen. Das alles gab eine unterhaltende Zerstreuung und übte einen wohltuenden, beruhigenden Einfluß auf Elisabeths Gemütsstimmung. Augustin Hohenfels hätte zu keiner passenderen Zeit seine Ankunft melden können.

Auch in der städtischen Wohnung machte sich der Eintritt von etwas Ungewöhnlichem bemerkbar. Das Personal war durch den Reeder persönlich von der Rückkehr seines Schwagers, den man längst für tot gehalten, unterrichtet worden. Weitere Auslassungen unterblieben, weshalb die auf dem Kontor Beschäftigten Stoff zu zahllosen Vermutungen erhielten. Die Meisten kannten kaum den Namen Hohenfels, da mit dem Ableben des Vaters die Firma erloschen, das Geschäft selbst aber auf Heidenfrei übergegangen war. Von dem jetzt plötzlich wieder auftauchenden so nahen Verwandten konnte begreiflicherweise im Geschäftsleben nie oder doch nur zwischen denen die Rede sein, welche Augustin früher gekannt und mit ihm in Verbindung gestanden hatten.

Zwei Tage währte diese erwartungsvolle Unruhe.

Da auf einmal hieß es: »Er ist da!«

»Wer?« fragten alle den gerade eintretenden David.

»Gott verdamm' mich, der Herr aus Südamerika.«

»Wo? – Wie sieht er aus?« erscholl es von verschiedenen Pulten her.

»Soll mich der Donner zerschmeißen, wenn ichs weiß«, erwiderte der grobe Hausknecht.

Damit erreichten vorläufig die Fragen und Erkundigungen ein Ende. Es kamen und gingen Geschäftsleute, mit denen zu sprechen war, die Auskunft begehrten oder brachten, und so konnte aus Mangel an Zeit niemand der Beschäftigten seine Gedanken an das heften, was in der obern Etage, in den Gemächern des Reeders vorgehen mochte.

Dort saß der Reeder nebst Eduard und Treufreund im Gespräch vertieft mit Augustin Hohenfels.

Die Unterredung hatte weit über eine Stunde gedauert, da unterbrach sie Heidenfrei mit den Worten:

»Ich muß Briefe unterzeichnen, lieber Augustin. Ich denke, du begleitest mich und siehst dir die Räume an, wo du früher ja so oft weiltest. Du wirst sie leicht wieder erkennen, denn ich habe nur wenig daran verändern lassen. Außer einer Teilung meines eigenen Zimmers, die ich für zweckmäßig hielt, ist, glaube ich, bis auf die Pulte und Sessel alles geblieben, wie es war. Doch nein, die Fenster sind etwas vergrößert und statt der kleinen Scheiben, die immer ein so falsches Licht gaben, große eingesetzt worden. Es läßt sich jetzt ganz superbe arbeiten, selbst bei dicker Nebelluft.«

Augustin erklärte sich bereit zu diesem Gang. Er nahm den Arm seines Neffen und ein Seufzer entrang sich seiner Brust.

»Mein Sohn!« sagte er. »Wär mirs doch vergönnt, auch mit dem Sohn dereinst so Arm in Arm über die Straße zu gehen! Wo er wohl weilen mag, der mich so wenig kennt, wie ich ihn, der von meinem Dasein nicht einmal eine Ahnung haben kann?«

»Diese Zeit, glaube es meiner ahnenden Seele, Augustin, wird kommen, wird bald kommen!« sprach Treufreund. Es waren die ersten Worte, die seit dem Bewillkommnungsgruß über seine Lippen kamen.

Hohenfels schüttelte ungläubig das Haupt.

»Lieber, treuer, brüderlich-treuer Freund«, versetzte er, »ich danke dir für diesen neuen Beweis deiner unergründlichen Liebe und innigen Teilnahme, die auch diese lange Zeit der Trennung zwischen uns, der Glaube an meinen Tod in deinem Herzen nicht hat abschwächen können. Leider aber ist die Wirklichkeit nur gar zu oft der Narr unserer besten Wünsche, der sie mit der Peitsche totschlägt und wenn sie nicht gleich daran sterben wollen, noch obendrein, einen schlechten Witz reißend, lustige Bocksprünge auf ihnen macht. Einen verlorenen Sohn wiederfinden ist beinahe ebenso schwer, wie das Herz eines Mädchens entdecken, an dem man das eigene vertrauensvoll ausruhen kann. Es gibt solche Glücksfälle, gewiß, aber sie sind so rar, wie die Menschen, welche nur bisweilen wissentlich, um nicht zu sagen, mit Vorsatz, fehlen.«

Bei den letzten Worten seines Schwagers öffnete Heidenfrei die Tür zum Kontor. Sämtliche Angestellten, welche den Schritt des Prinzipals genau kannten und aus den lauten Worten des Sprechenden vermuteten, daß er in Begleitung komme, wandten sich neugierig nach der Tür um, wo ihnen die imponierende Gestalt Hohenfels' mit den markigen, braunfarbigen Gesichtszügen sogleich ausfallen mußte. Wie auf ein Kommandowort erhoben sich alle.

Heidenfrei, der gerade im Geschäftslokal am wenigsten redselig war, hielt es für schicklich, dem ganzen Personal seinen Verwandten ein für allemal mit bündigen Worten vorzustellen. Er sagte daher, wie ein Feldherr alle Kontoristen mit scharfem Auge streifend:

»Mein Schwager, Herr Augustin Hohenfels aus Rio!«

Damit war der Förmlichkeit genügt und dem Personal zugleich angedeutet, daß jeder Einzelne ungestört in seinen Arbeiten fortfahren möge.

»Ich habe dir noch eine wichtige Mitteilung zu machen«, sagte er weitergehend zu Hohenfels. »Von meinen Söhnen wirst du erfahren haben, daß sich im vorigen Herbst eine höchst ärgerliche Geschichte hier zutrug. Die Sache überraschte mich damals dergestalt, daß ich Mühe hatte, meine Ruhe zu behalten. Kein Mensch vermochte mit einiger Gewißheit den eigentlichen Zusammenhang, viel weniger noch den wahren Hergang zu erraten, der mitten aus dem fröhlichen Leben einer zahlreichen Gesellschaft ein junges, hübsches Mädchen spurlos verschwinden ließ.«

»Die Tochter deines Quartiersmannes«, fiel Hohenfels ein. »Ganz recht, ich entsinne mich. Eduard, glaub' ich, hat mir über dies auffallende Ereignis ziemlich ausführlich geschrieben. Der Verdacht fiel auf ein paar junge Seeleute, nicht wahr? Hat man sie entdeckt, und sind sie der frechen Tat geständig?«

»Der Entführer oder vielmehr deren Anstifter ist entdeckt«, versetzte Heidenfrei, »es ist aber ein ganz anderer, als die wir anfangs für schuldig hielten. Gerade jener Matrose, ein Fremdling aus Süd- oder Mittel-Amerika war es, dem wir die Entdeckung des wirklichen Täters verdanken. Die Geraubte befindet sich, Gott sei Dank, leiblich und geistig im besten Wohlsein. Ihr Entführer hat von seinem romantisch-kecken, nach unsern Rechtsansichten höchst strafbaren Unternehmen nichts als den Schimpf und eine total ruinierte gesellschaftliche Stellung. Über seine Persönlichkeit sollst du später weiteres von mir hören. Gegenwärtig wollte ich dir nur sagen, daß Christine soeben von ihrem Vater aus dem bisher geheim gehaltenen Versteck abgeholt und zu meiner Familie auf dem Lande gebracht worden ist. Du sollst das Mädchen später kennen lernen und wirst es, hoffe ich, lieb gewinnen. Der junge Mann, welcher uns den Täter näher bezeichnete, wartet meiner, um mir Bericht abzustatten. Es ist derselbe, den wir früher für den wirklich Schuldigen hielten. Hast du Lust, seine Bekanntschaft zu machen? Er ist ja als geborener Brasilianer halb und halb dein Landsmann.«

»Wie nennt er sich?«

»Ja, das mag der gute Mensch so ganz genau wohl selbst nicht wissen. Nach seinem Familiennamen haben wir ihn nicht einmal gefragt.«

»Er nennt sich Miguel«, sagte Treufreund, »er glaubt in Südamerika geboren zu sein, ist aber sehr frühzeitig erbarmungslos in die Welt hinausgestoßen worden und hat wunderbare Schicksale gehabt.«

»Miguel!« sagte Hohenfels sinnend. »Miguel heißen viele Menschen. Ich muß, wenn ich diesen Namen höre, immer an Pueblo y Miguel Saldanha denken.«

»Du könntest vielleicht den Matrosen nach diesen Manne fragen«, warf Heidenfrei ein. »Mir ist es noch nicht eingefallen oder richtiger, ich bin nicht dazu gekommen, da uns die Entdeckung des Aufenthaltsortes der armen Entführten ausschließlich bei unsern seitherigen Zusammenkünften beschäftigte.«

»Das will ich auch«, sprach Hohenfels entschlossen. »Ist dieser Matrose ein Brasilianer von Geburt, hat er längere Zeit in den Küstenstrichen des mexikanischen Golfs und auf den Inseln gelebt, so muß dieser Name ihm mehr als einmal zu Ohren gekommen sein, denn der Mann, welcher ihn führte, war, wie ich durch unablässige Nachfragen erfahren habe, eine überall gekannte und beliebte Persönlichkeit.«

Auf dem Korridor erwartete der Quartiersmann den Reeder. Das Gesicht des in den letzten Monaten stark gealterten Mannes strahlte vor Freude.

»Du bringst gute Nachricht, ich sehe es dir an«, sprach Heidenfrei. »Superbe! Aber wo hast du deinen jungen Begleiter? Er ist doch nicht etwa mit deinem Willen durchgegangen?«

»Alles in Ordnung, Herr«, versetzte Jacob. »Moses hat uns ausgezeichnet bedient für die schönen Portugalöser, die Sie ihm so gnädig zugesagt. Ich weiß gar nicht, wie ich das wieder gut machen soll mit meinen beiden Händen. Arbeiten kann ich wohl, aber mit Arbeit allein kann auch der redlichste Mann genossene Wohltaten nicht vollständig abverdienen.«

»Still, still, Jacob«, unterbrach ihn der Reeder. »Du bist schon sehr nachsichtig gegen mich und mein Haus, wenn du mir erlaubst, daß wir nach dem, was alles geschehen ist und wenn fortan deine Tochter in meinem Hause bleibt und Unterricht genießt, wie ihre natürlichen Anlagen ihn verlangen, mit einander einfach aufheben. Abarbeiten! Pfui, Jacob! Wie magst du solchem Gedanken dich hingeben! Nichts mehr davon! Jetzt aber sieh dich um und sag mal, ob du das Gesicht da kennst oder ob es dir doch bekannt vorkommt.«

Der Reeder öffnete bei diesen Worten die Tür seines Zimmers, durch welche das volle Licht des Tages in den dunkeln Korridor und auf die Gruppe der hier Stehenden fiel. Jacob prallte erschrocken und verwundert zurück beim Anblick Augustins, von dessen naher Ankunft er zwar gehört hatte, dessen er sich aber nur dunkel erinnern konnte.

»O Gott, o Gott!« rief er aus, die Hände faltend. »Wie hab' ich mich erschrocken! Da ist ja Er! Nur etwas älter und härter von Zügen, aber ganz Er.«

Treufreund betastete bald seine Glatze, bald trocknete er sich die tränenden Augen, während er innerlich frohlockend das Haupt hin und herwiegte.

»Von wem spricht der Mann?« fragte sichtlich aufgeregt Hohenfels. »Wem sehe ich oder wer sieht mir ähnlich?«

Ehe noch jemand darauf antworten konnte, rief eine jugendlich-frische Stimme den Namen Jacob und eilige Schritte ließen sich auf der Treppe hören.

»Komm, komm, mein Junge!« versetzte Jacob. »Heute gibt es Freude auf Erden und Frohlocken im Himmel! Komm her und laß dich angucken, damit man erfährt, wo du heimisch bist und wem du angehörst!«

Miguel trat rasch ins Zimmer, durch dessen Fenster goldiger Sonnenglanz schimmerte. Ihm gerade gegenüber stand Augustin Hohenfels, seine scharfen Augen auf den hochgewachsenen, kräftigen Jüngling heftend, der jetzt mit freudestrahlendem Antlitz ihm entgegentrat.

»Himmel, was ist das!« rief der von so schweren Schicksalen heimgesuchte Mann, an allen Gliedern zitternd aus. »Dieser Junge heißt Miguel? Ich will Gewißheit. Gib her die Linke, und wehe mir, ein Fluch, ein Fluch auf diese Stunde, wenn du mich so fürchterlich täuschest!«

Hohenfels warf einen schrecklichen Blick, aus dem das Feuer des Wahnsinns zuckte, gen Himmel, dann faßte er wild die Linke Miguels, riß das blaugestreifte Baumwollenhemd, das eng am Knöchel schloß, auf, streifte es zurück bis zum Ellenbogen und betrachtete hier die innere Seite des Armes. Ein feines, granatfarbenes Blatt von schönster Zeichnung schimmerte ihm als Mal entgegen.

»Das Granatblatt! O Gott, das Granatblatt, dessen Fall meine Dolores so sehr erschreckte, als sie ihn unter dem Herzen trug!«

Augustin Hohenfels brach in ein konvulsivisches Gelächter der Freude aus, öffnete beide Arme, riß Miguel an seine Brust und sank mit ihm zugleich, wiederholt die Worte rufend: »Mein Sohn! Mein Schmerzenskind! Kind meiner gemordeten, ewig geliebten, unvergeßlichen Dolores!« bewußtlos auf den Divan.

Die Zeugen dieses Wiederfindens verstummten im Anblick eines Glückes, das denen, die es genossen, eben so leicht den Tod bringen, wie neues, frohes Leben schenken konnte. Treufreund aber kniete neben Vater und Sohn nieder, bewegte sprachlos die Lippen und legte seine weiße, zitternde Hand, als wolle er sie segnen, auf beider Scheitel.

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