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Reeder und Matrose

Ernst Willkomm: Reeder und Matrose - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleReeder und Matrose
authorErnst Willkomm
firstpub1857
year1926
publisherLeuchtfeuer-Verlag
addressHamburg
titleReeder und Matrose
pages3-13
created20050628
sendergerd.bouillon
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22

David brachte einen ganzen Packen Briefe, die er von den verschiedenen Posten abgeholt hatte.

»Aus Bremen!« sagte Ferdinand, einen der Briefe aufhebend. »Und diese Handschrift? Wahrlich, er kommt von ihm, von dem heimgekehrten Onkel! – Treufreund, he Treufreund!« rief er mit lauter Stimme, sein Kontor verlassend.

»Was beliebt?« sagte der ›Schatten‹, den Kopf vorstreckend.

»Ein Brief aus Bremen – Sie wissen, von unserm wiedererwachten Korrespondenten!«

»Ists möglich!« sprach Treufreund, vor Freude erblassend. »Er ist auf deutschem Boden angekommen!«

»Folgen Sie mir zum Vater«, fuhr Ferdinand fort. »Der Bruder muß sogleich kommen. Dieser Tag, scheint es, wird ein entscheidender, ein epochemachender in unserer Familie. Auch Moses hat sich melden lassen und wird, wie ich fest überzeugt bin, sicher gute Nachricht bringen. Sie haben Ihre Sachen vortrefflich gemacht.«

Heidenfrei der Ältere befand sich seit der Zusammenkunft mit Miguel in einer aufreibenden Gemütsstimmung. Alles, was der junge Mann ihm mitgeteilt hatte, konnte vollkommen wahr sein. Der junge Matrose selbst machte nicht den Eindruck eines Abenteurers oder gar eines Betrügers. Dazu trat er zu unbefangen auf, und sein Auge blickte zu ehrlich und stolz in die Welt. Dennoch konnte er sich vielfacher Zweifel, die, je länger er mit sich zu Rat ging, in ihm aufstiegen, nicht entschlagen. Miguel haßte Don Gomez, und der Haß erfindet oder vergrößert doch gern geschehene Dinge, der Charakter des Mexikaners war – das ließ sich kaum bestreiten – kein völlig reiner, – nur eines Verbrechens hielt er den fein gebildeten, mit so seltenen Talenten begabten Mann nicht für fähig. Die strenge Gerechtigkeitsliebe, der gerade, redliche Bürgersinn gestatteten nicht ohne weiteres eine Verurteilung des Angeklagten. Gerade diese Zweifel veranlaßten Heidenfrei auch, nicht gar zu rasch dem jungen Matrosen unbedingtes Vertrauen zu schenken. Er wollte zuvor prüfen und je nachdem diese Prüfung ausfallen würde, einen unumstößlichen Entschluß fassen.

Seine Söhne billigten dies zögernde Hinhalten ihres Vaters nicht ganz. Zwar waren sie auch nicht so gegen Don Gomez eingenommen, daß sie ihn für einen Ausbund aller Schlechtigkeiten gehalten hätten, aber sie wünschten eine baldige Erledigung der äußerst fatalen Angelegenheit schon der leidenden Schwester wegen. Der Brief des Oheims konnte, so hoffte Ferdinand, möglicherweise eine solche Beschleunigung herbeiführen, und darum war er begierig, den Inhalt desselben zu erfahren.

Heidenfrei behielt das Schreiben einige Minuten sinnend in der Hand, ehe er das Siegel zu lösen wagte.

»So ein Brief ist wie ein mit Glücksloosen gefülltes Rad«, sprach er. »Man kann eine ganze Welt voll Freude und einen unergründlichen Jammer darin finden. – Doch, da kommt Eduard. Wir haben mithin keinen Grund, uns selbst länger auf die Folter zu spannen.«

Mit raschem Druck brach Heidenfrei das Siegel, entfaltete das Schreiben und trug es mit seiner klaren, volltönenden Stimme gemessen den Anwesenden vor:

 

Bester Schwager!

Vor wenigen Stunden bin ich hier angekommen, und es ist mir, als hätte ich eine neue Welt entdeckt oder erwachte aus einem langen, langen, schweren Traum und sähe mich wieder zurückversetzt in die vergessene Zeit heiterer Jugendtage. Wie ganz anders ist es doch in dem Lande, das uns geboren hat, wo wir herangereift sind zum strebenden Manne! Ich hätte nie geglaubt, daß ich in meinen vorgerückten Jahren, mit der Bergeslast meiner Erlebnisse auf dem Herzen, doch noch so fröhlich aufjauchzen könnte, wie ich es wirklich getan habe, als ich die ersten Marschhöfe mit ihren langen, grauen Strohdächern, am Giebel das altsächsische Roß, neben dem Schornstein das struppige Storchnest, wiedersah. Viel fehlte nicht, und ich hätte die Hände ausgestreckt, wie ein Kind, das noch keine Vorstellung von Zeit und Raum hat. Niederknieen, beten hätte ich mögen beim Anblick dieses Heimatbildes. Es war nach endlos langen Jahren wieder der erste wahre Pulsschlag der Heimaterde, dessen Widerhall ich im Innersten meines Herzens fühlte . . .

Doch will ich nicht in Empfindungen schwelgen.

Von meiner Reise kein Wort. Sie verlief sehr glücklich. Wir sind sechs Wochen unterwegs gewesen. – Heute will ich mich hier ausruhen, mich auch zivilisiert kleiden. Ohnehin sehe ich barbarisch aus, auch wenn ich mich noch so schön frisieren lasse. Den tropischen Sonnenbrand wäscht keine Seife fort, und die Narben, welche das Leben mir ins Gesicht gerissen hat, vermag keine Schminke zu übertünchen. Mach' dich also darauf gefaßt, lieber Heidenfrei, in mir einen Menschen wieder zu sehen, der innerlich ein weißer Europäer geblieben ist, äußerlich aber vielleicht Ähnlichkeit mit einem Patagonier hat.

Gesund bin ich, nur etwas müde. Übermorgen gedenke ich abzureisen. Darauf richte dich ein. Stören möchte ich nicht gern, weder in der Familie noch im Geschäft. Ich verspreche, mich still zu verhalten. Noch eine Bitte, liebster Schwager! Bringe meine Rückkehr nicht aus! Ich habe einen wahren Abscheu vor der Geschichte vom verlorenen Sohne. Bin ich auch, streng genommen, kein solcher, es sieht doch so aus und die Leute meinen, es sei nicht anders.

Noch immer keine Spur von meinem Sohn? Daß er lebt, weiß ich jetzt bestimmt, auch daß er einige Jahre auf Kuba gelebt hat. Desgleichen hat es seine Richtigkeit mit dem Namen des Mannes, den ich dir genannt habe. Die Börse kann ihn nicht kennen, denn er betrieb nie persönlich kaufmännische Geschäfte. Beteiligte er sich an solchen, was er häufig getan haben soll, so bediente er sich dazu fremder Hände. Ein ganz kleines, aber untrügliches Merkmal, an dem mein Junge zu erkennen ist, teile ich dir mündlich mit. Vom Himmel herabfallen wird er nicht; wir werden ihn vermutlich erst nach langem Suchen finden. Dies soll vorerst die nächste Aufgabe meines Lebens sein.

Herzensgrüße an dein Weib und deine Kinder

dein Schwager

Augustin Hohenfels.

 

Heidenfrei atmete freudig auf. »Gott Lob«, sprach er, »diese Last, die schwer auf mich drückte, wäre denn endlich abgewälzt! Wir werden ihn wiedersehen, und dem heimkehrenden Vater, hoffe ich, wird dann auch einst der Sohn folgen!‹

Es klopfte. Ferdinand öffnete die Tür.

»Sogleich«, rief er hinaus, die Tür wieder schließend.

»Moses wünscht dich zu sprechen. Er darf doch kommen?«

»Ohne Frage«, sagte Eduard. »Das Glück, das von selbst anpocht, darf man nicht abweisen, sonst verscheucht man es für lange Zeit, wenn nicht für immer.«

Heidenfreis Auge leuchtete heller als gewöhnlich und indem er dem Sohne zuwinkte, den draußen stehenden Juden hereinzurufen, rieb er sich, wie er stets in sicheren Augenblicken des Glücks zu tun pflegte, die Hände und sprach mehrmals schnell hintereinander: »Superbe, ganz superbe!«

*

Unter vielen, tiefen Bücklingen trat der jüdische Landkrämer ein, sein scharfes Auge mehr auf die eleganten Mobilien heftend, als auf die Personen, mit denen er sprechen wollte. Er trat dem Reeder etwas näher, hob die Hand auf und sagte:

»Wenn Sie auch nicht sind der größte von den Herren, die ich sehe hier stehen um mich, bin ich doch dafür gut und weiß, daß ich mich nicht kann irren, wenn ich Sie nenne den Herrn von diesem Haus und den Mann, der mit seinen Gedanken übersieht viele und macht gewaltige Geschäfte. Großer Gott, ich bin gerührt, daß ich soll sehen vor mir stehen den Mann, welcher ausmacht die stolze Firma: Peter Thomas Heidenfrei.«

»Man hat mir Sie von jeher als einen Mann von großer Vorsicht, nicht minder als einen Freund der Wahrheit und des Rechtes bezeichnet«, versetzte der Reeder, um das ganze Vertrauen des schlauen Juden zu gewinnen. »Ist es Ihnen also gelungen, in der betreffenden Angelegenheit, von welcher Sie dieser Herr hier, mein Freund, unterrichtet hat, etwas Zuverlässiges zu erfahren, so werden wir außer dem Dank, den wir im Herzen tragen, Ihnen auch die zugesicherte Belohnung für einen so menschenfreundlichen Dienst gern entrichten.«

»Was sollte mir nicht gelungen sein!« erwiderte Moses mit selbstzufriedener Miene. »Hat mir auseinandergesetzt dieser Herr da, Moses, hat er gesagt, 's ist passiert eine böse Geschichte, die kosten wird dem, der sie hat angezettelt, viel Geld, wo nicht gar die Freiheit. Und es soll haben, hat er noch gesagt, eine große Belohnung derjenige, welcher bietet die Hand als ein redlich denkender Mann, damit gemacht werden kann aus Unrecht wieder Recht. Er hat gesagt ferner, Moses, wir sind gemeint, ich und ein anderer Mann, der höher steht als ich und mehr gilt an der Börse als wir beide zusammen und noch ein halb Dutzend unseres Schlages dazu, daß Sie sind vor allen derjenige, der uns helfen könnte mit seiner Klugheit aus der Patsche. Na, hab ich da nicht geantwortet drauf: Was Moses nicht kann, das kann keiner?«

»So ist es, Moses«, sprach Treufreund, »und eben weil Sie so bereitwillig Ihr Wort verpfändeten, sind wir begierig, die Resultate Ihrer Nachforschungen gegen pünktliche Erfüllung der eingegangenen Verpflichtungen unsererseits zu erfahren.«

»Resultate! Was ist Resultate? Ist das Mädchen aufgehoben gewesen so gut wie der Augapfel, den Gott der Allmächtige hat gesetzt in ein knöchernes Gehäuse und drüber gehängt den schimmernden Vorhang seidener Wimpern, damit er abhalte den Staub und den grellen Schein brennender Sonnenstrahlen. Hat sie doch gelebt in der Familie eines armen, aber gerechten Mannes, und lebt sie noch dort, zusammen mit ihrem Bruder, der sie hütet. Was soll also sein 's Resultat als daß sie blüht, wie eine Rose im Juni und springt, wie ein Lämmlein auf der Weide?«

»Aber wo, Moses, wo?« fiel fragend Eduard ein.

»Gott, Gerechter! Wie kann doch der Mensch sein so vergeßlich, daß er überspringt die Hauptsache und sich aufhält länger als notwendig bei Nebendingen. Christine und der junge Mensch, den man hält für den Bruder der jungen Schönheit, seit sie gegangen ist aus diesem Hause und ausgestiegen aus dem Kahne, in dem es sie schüttelte vor Frost und wohl auch ein wenig vor Furcht, haben gelebt und leben noch glücklich und zufrieden im Hause meines leiblichen Verwandten, des Jacob Joel Acher in Moisling.«

In dieser Richtung die Vermißten zu suchen, war niemand in den Sinn gekommen, wie auch keiner auf den Gedanken verfallen konnte, Christines Räuber habe sich jüdischer Helfer bedient. Heidenfrei erkannte darin die fein berechnende Klugheit des Mexikaners und begriff erst jetzt, welch großen Dienst der aufmerksame, mißtrauische Miguel ihnen, wie dem Quartiersmann geleistet hatte.

»Es bleibt also dabei, Moses«, sagte Heidenfrei fest und bestimmt »Sobald die Vermißten wohlbehalten hier ankommen, klingen die Portugalöser auf dem Zahlbrett. Adieu, auf baldiges Wiedersehen!«

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