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Reeder und Matrose

Ernst Willkomm: Reeder und Matrose - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleReeder und Matrose
authorErnst Willkomm
firstpub1857
year1926
publisherLeuchtfeuer-Verlag
addressHamburg
titleReeder und Matrose
pages3-13
created20050628
sendergerd.bouillon
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21

»Wir sind Ihnen zu Dank verpflichtet, junger Freund«, redete Heidenfrei den Matrosen jetzt wieder an, und Sie dürfen versichert sein, daß wir es nicht bei leeren Worten bewenden lassen werden. Eine genauere gegenseitige Bekanntschaft kann nur dazu dienen, uns fester zu verbinden. Sie äußerten im Verlauf Ihrer Erzählung, daß Don Gomez Ihr persönlicher Feind sei, daß Ihnen das Recht zustehe, einen anderen Namen zu führen. Halten Sie es nicht für ungebührende Zudringlichkeit, wenn ich die Bitte an Sie richte, uns näheres über Ihre Vergangenheit, über Ihr Verhältnis zu Don Gomez mitzuteilen. Vor allem veranlaßt uns zu dieser Bitte der Name, den Sie führen, er gibt uns sogar ein Recht dazu; denn dieser Name ist schon geraume Zeit der Gegenstand angestrengter, leider aber bis jetzt erfolglos gebliebener Nachforschungen gewesen. Jedenfalls sind Sie diejenige Person, welche am sichersten Nachweise geben, vielleicht uns ganz neue Aussichten eröffnen kann.«

Miguel hatte dieser Anrede mit steigender Aufmerksamkeit zugehört. Es überraschte ihn, daß so fern von seiner Heimat ein bekanntes Haus seinen Namen kannte.

»Ich werde die Herren längere Zeit um Gehör bitten müssen, wenn ich sie, soweit ich dies überhaupt vermag, in den Wirrnissen meiner Vergangenheit umherführen soll.«

»Gerade diese Wirrnisse wünschen wir kennen zu lernen, darum zögern Sie nicht«, fiel Eduard ein, »sind wir erst eingeweiht in Ihre Lebensschicksale, dann ist es uns vielleicht vergönnt, die Partien, die Ihnen dunkel geblieben sind, durch unsere Mitteilungen zu erhellen.«

»Das Land und den Ort meiner Geburt habe ich so wenig gekannt, wie meine Eltern. Ich bin früh, als Kind von wenigen Wochen schon Waise geworden. Wer mich aufgezogen hat, weiß ich nicht. Nur wie im Traum schwebt mir eine endlos lange Reise vor, die ich in Begleitung eines Mannes machte, in welchem ich später meinen Oheim kennen lernte. Ich muß damals ein Kind von höchstens drei Jahren gewesen sein.«

»Kennen Sie den Namen Ihres Oheims?« forschte der Reeder.

»Ich hörte ihn nie anders, als Don Ottavio nennen und nannte ihn auch selbst so. Ottavio mußte viel Trübes erlebt haben. Mein Verhältnis zu Ottavio war übrigens eigentümlich genug. Er liebte mich zuweilen leidenschaftlich und überschüttete mich dann mit Liebkosungen; wieder anders gestimmt, zeigte er eine Abneigung gegen mich, die sogar momentan in ausgesprochenen Haß überging. Ich bin vollkommen überzeugt, daß er mich nur in einer so haßerfüllten Stimmung des Augenblicks gänzlich verstieß, mich für eine Summe Geldes, die ihm damals gerade angeboten wurde, einem reichen Pflanzer in Texas, wohin sich mein Oheim schon wenige Monate nach unserer Ankunft in Louisiana mit mir gewandt hatte, gewissermaßen als Sklaven verkaufte.«

»In Texas?« sagte Eduard. »Seltsam, seltsam!«

»Verließ Sie denn Ihr Oheim für immer und hörten Sie nie wieder von ihm?« fragte Heidenfrei den jungen Mann.

»Ohne Abschied zu nehmen, ging er von mir«, fuhr Miguel fort. »Ich wußte nicht einmal, daß ich meine Freiheit verloren hatte, daß ich der Willkür, den Launen eines mir gänzlich Fremden machtlos verfallen war. Wir lebten schon ein paar Jahre auf der Pflanzung des Don Romerio Gomez, eines sehr begüterten Mannes, dem mein Oheim sich nützlich machte. Ein bis zweimal des Jahres besuchte ihn dessen Cousin, ein Mexikaner von Geburt, der vor früheren Jahren reich gewesen war, ein ungemein verschwenderisches Leben geführt und erst spät sich mit einer schönen Dame aus dem ältesten Adel Mexikos verheiratet hatte. Dieser Ehe war ein einziger Sohn entsprungen, der von beiden Eltern überzärtlich geliebt, aber auch maßlos verzogen ward. Er lebte mit der Mutter in Mexiko, denn aller Liebe der beiden Gatten ungeachtet, scheinen sie vereint doch kein sehr friedliches Leben miteinander geführt zu haben. Dieser Mexikaner, den ich immer nur Don Gonsalvo Gomez nennen hörte, versprach seinem Vetter, Romerio, ihm das kleine Besitztum, welches er bewohnte, bei seinem Tode abzutreten, was auch kurz vor meinem Wegzug aus Texas geschah. Den Sohn dieses Mannes, Alonso, sah ich nie, desto mehr hörte ich schon damals von ihm. Es ist derselbe, den Sie gegenwärtig als Don Alonso Gomez kennen, und der alles Glück, das er bis jetzt hatte, nur seinem elastischen Geist und seinen glänzenden Naturanlagen dankt.«

»Wie konnten Sie mit diesem Manne, der ja keinerlei Interesse für Sie hatte, in Feindschaft geraten?« fragte Heidenfrei.

»Veranlassung dazu hat Don Romerio Gomez gegeben. Dieser Mann, dem ich aus meiner Abneigung gegen ihn nie ein Geheimnis machte, weil ich es ihm nicht verzeihen konnte, daß er mich gekauft hatte, betrachtete mich als sein Eigentum. Als Sache gehörte ich gewissermaßen zum Inventar der Pflanzung. Nun aber setzte ich allen seinen Befehlen solchen Widerstand entgegen, daß Don Romerio mehr Ärger und Schaden als Nutzen von mir hatte.

Sicherlich bin ich dem Mann dadurch lästig geworden, weshalb er mich auf gute Manier loszuwerden versuchte. Gelegenheit dazu fand sich bald. Ein Schiffsreeder und Plantagenbesitzer auf Kuba, der dann und wann New-Orleans und einige Küstenstriche von Texas besuchte, kam zufällig auf die Pflanzung des Don Romerio Gomez. Er sah mich und ich gefiel ihm, vielleicht gerade durch mein störrisches Wesen. Er drang in den Pflanzer mich freizugeben, er wolle einen Seemann aus mir machen. Beide Herren einigten sich, unter welchen Bedingungen, das kümmerte mich nicht. Ich war froh, einer tyrannischen Behandlung entrissen zu werden und schloß mich deshalb mit einer meinem Charakter von Natur nicht eigenen Unterwürfigkeit an meinen Befreier an, sodaß dieser mich wahrhaft liebgewann. Er sorgte väterlich für meine vernachlässigte Erziehung, gab aber den Gedanken, einen Seemann aus mir zu bilden, niemals auf. Wie hätte ich einen solchen Mann, der wohlwollend von Gesinnung, gebildet, nach größerer Bildung strebend, dabei reich war, an mir hing, mich stets bevorzugte und auszeichnete, nicht wieder lieben sollen? Don Pueblo y Miguel Saldanha ward mir Vater, ich ihm Sohn. Er besaß keine Kinder und als er starb, vom gelben Fieber hingerafft, ernannte er mich zu seinem Universalerben. Schon vier Jahre früher hatte er mich gesetzlich adoptiert.

Dieser Unglücksfall ereignete sich an der Küste von Texas, nahe bei der Insel Galveston. Kurz vor seinem Tode hatte mir mein Wohltäter die betreffenden Papiere eingehändigt, die mich als Erben legitimierten. Etwas früher war auch mein früherer Gebieter in Texas, Don Romerio Gomez gestorben. Auf der Pflanzung desselben lebte seit einigen Jahren sein Verwandter Alonso Gomez, dessen Vater ebenfalls gestorben war. Ob Don Romerio diesem Verwandten seine reiche Pflanzung wirklich vererbte oder ob der unternehmende junge Mann nur auf Umwegen deren Besitz sich aneignete, mag dahingestellt bleiben. Zum Unglück findet er unter den Papieren des verstorbenen Don Romerio den Kaufbrief, kraft dessen ich dessen Eigentum geworden war. Dies stachelte den nach Reichtum lüsternen Mann an, seine Ansprüche auf mich geltend zu machen. Meines Adoptivvaters Verhältnisse waren bekannt, der schlaue Mexikaner wußte, daß außer Länderbesitz auch ein beträchtliches Barvermögen vorhanden sei.

Eines Tages, ich wollte eben die Anker lichten und nach Kuba, meiner nunmehrigen Heimat unter Segel gehen, erhalte ich ein Billet, dessen Inhalt mich veranlaßte, nach New-Orleans zu reisen. In demselben zeigte mir nämlich Don Alonso Gomez an, daß er mir eine Mitteilung von größter Wichtigkeit zu machen habe. Arglos reiste ich nach New-Orleans, meine Papiere und mein Vermögen mit mir nehmend. Ich finde Don Gomez, der außer seinem Mulatten noch einen schlauen Amerikaner, Master Greatstring, bei sich hatte. Lachend zeigte er mir den gefundenen Kaufbrief, der von Ottavio unterzeichnet war und mich auf Lebenszeit Don Romerio Gomez und dessen Erbe als Eigentum zusprach.

Ist das nicht lustig, Sennor? sagte höhnisch lächelnd Don Alonso. Wenn ich Gebrauch davon machen wollte, müßten Sie mir als Sklave dienen. Das Recht dazu habe ich. Ich denke aber, wir vergleichen uns. Sie sind reich und wissen am Ende nicht, was Sie mit Ihrem großen Vermögen anfangen sollen. Mir wäre mit einigem Zuschuß gedient, denn mein lieber Vetter, Ihr Herr, hat in den letzten Jahren nicht gut gewirtschaftet. Wissen Sie was? Dies Stück Papier hier, das mir Sie erb- und eigentümlich zuspricht, zerreiße und verbrenne ich, wenn Sie mir freiwillig und sogleich das bare Vermögen des verstorbenen Pueblo y Miguel Saldanha ausliefern. Es beträgt, ich weiß es, nahezu hunderttausend Dollar.

Das Geschäft ist einfach. Ein kurzes Ja Ihrerseits macht Sie frei. Sprechen Sie es aus.

Ich antwortete nicht, sondern kehrte dem frechen Mann verächtlich den Rücken.

Sie wollen nicht? rief mir der Mexikaner nach.

Niemals! erwiderte ich.

Dann mache ich Gebrauch von diesem Papiere und Sie werden mir als gehorsamer Diener zu folgen das Vergnügen haben. Das Gesetz wird mich, nicht Sie schützen. Ist amerikanischer Grund und Boden hier.

Ist ein Fact! beteuerte trocken der Yankee.

Auch auf diese Drohung gab ich keine Antwort. Ich verließ den Ort unserer Zusammenkunft, ein Kaffeehaus nahe dem Hafen. Es war spät am Abend, der Himmel bewölkt. Kaum war ich hundert Schritt gegangen, so fühlte ich mich von hinten umschlungen. Ich werde zu Boden geworfen – ich erkenne in dem Manne, der mir die Hände hielt, Greatstring; der Mulatte entriß mir den größten Teil meines Vermögens und bemächtigte sich meiner Papiere. Darauf riefen mir beide lachend gute Nacht zu und überließen mich meinem Schmerz.

Ich war anfangs wie vom Donner gerührt, gab mich aber doch noch nicht verloren. Noch besaß ich mehrere tausend Dollar, die Brigantine war ebenfalls mein Eigentum, allein, ohne zuvor in den Besitz der mir geraubten Papiere gekommen zu sein, konnte ich das rechtmäßig mir zukommende Erbe meines verstorbenen Adoptivvaters nicht antreten. Von Don Alonso wußte ich, daß er lustig zu leben gedachte. Er hatte Monate in der Louisiana verschwelgt, sich verlobt, wollte heiraten und dann eine Reise nach Europa antreten. Im Besitz reicher Mittel und meiner Papiere konnte er, seinem ganzen Charakter nach, diesen Plan nicht aufgeben. Unverweilt schrieb ich, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren, an den wirklichen Kapitän der Brigantine und zeigte ihm an, daß dringende Geschäfte mich möglicherweise lange in der Union zurückhalten würden; er solle deshalb nach Kuba steuern und dort meine Rückkunft oder weitere Befehle abwarten. Dann versteckte ich mich, beobachtete, überwachte jeden Schritt des Mexikaners, und als die Seuche Don Alonso die Braut geraubt und er aus Furcht, gleichem Schicksal zu erliegen, sich auf dem hamburgischen Schoner einschiffte, ließ ich mich als überzähligen Matrosen aufnehmen. Auf See trat ich wie ein Geist vor Don Gomez. Er erschrak zwar, seine Keckheit aber überwand schnell diese Überraschung und er behandelte mich oft übermütig wie mein Herr und suchte sich dadurch in nicht geringen Respekt bei der Schiffsmannschaft zu setzen.

Dies die Geschichte meines Lebens«, schloß Miguel seine Erzählung, »dies die Ursache meiner stillen, aber unermüdlichen Verfolgung des Mannes, den ich noch nicht zu überführen vermochte. Ich werde aber nicht eher ruhen, bis ich in Besitz der mir entwendeten Papiere gekommen bin. Das Geld kann mich nicht glücklich machen. Ich habe es nicht erworben. Ich opfere es gern, könnte ich mir dafür nur die Liebe Christines erobern!«

Es war spät geworden über diesen Mitteilungen, welche die Zuhörer in immer größere Spannung versetzten. Dann und wann während Miguels Erzählung warf Heidenfrei einen Blick in die Briefe, die vor ihm lagen, gegen das Ende hin aber steckte er diese wieder zu sich.

»Ihre Offenheit, junger Freund«, sprach jetzt der Reeder zu Miguel, »fordert von uns, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Sie haben Viel und Schreckliches erlebt. Vielleicht aber waren diese Schicksalsschläge nur Vorbereitungen zu einem ruhigeren, gesicherten Dasein, das die Vorsehung Ihnen bestimmt hat. Sie sind uns durch ein wunderbares Zusammentreffen von Umständen näher gerückt, in gewissem Sinne, möchte ich sagen, verwandt geworden. Kehren Sie oft zu uns zurück. Die Fragen, deren ich vorhin gedachte, werde ich nach einigen Tagen an Sie richten. Mich dünkt, sie können Ihnen nützen und zu Fingerzeigen werden, die Ihnen die Spuren Ihrer wirklichen Abstammung aufsuchen helfen.«

Miguel wußte sich diese rätselhaft klingenden Worte nicht zu deuten, gern aber gab er die Zusage, wieder zu kommen; denn auch in ihm setzte sich der frohe Gedanke fest und bildete sich aus zum Glauben, daß die Zeit der schwersten Prüfungen überstanden sei und eine heitere, glücklichere Zeit seiner wartete.

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