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Reeder und Matrose

Ernst Willkomm: Reeder und Matrose - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleReeder und Matrose
authorErnst Willkomm
firstpub1857
year1926
publisherLeuchtfeuer-Verlag
addressHamburg
titleReeder und Matrose
pages3-13
created20050628
sendergerd.bouillon
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2

Es war um die neunte Morgenstunde.

Auf der Elbe wiegte sich ein zierlich gebauter Schoner. Auf allen Schiffen wehten Flaggen zur Feier des Sonntags. Auch der Schoner hatte seine Farben gehißt und war weithin als ein hamburgisches Schiff zu erkennen.

Eben läutete die Glocke in der Schiffskirche, als aus den Reihen der hoch emporragenden Schiffskörper eine kleine Jolle in das bewegtere Wasser des Stromes schoß. Ein junger Mann in Matrosentracht, in jeder Hand ein Ruder, trieb gewandt und sicher das kleine Fahrzeug quer durch den Strom dem draußen liegenden Schoner zu. Als er noch etwa zwanzig Fuß vom Bord desselben entfernt sein mochte, rief den Mann in der Jolle eine laute Stimme vom Hinterdeck des Schoners an.

»Bei Gott, du bist es!« sagte die Stimme, welche den Matrosen etwas unwirsch aufblicken machte. »Wer hat dir erlaubt, Miguel, die ganze Nacht am Lande zuzubringen? Ein Glück, daß der Kapitän nichts von deinen Streichen wittert, ich fürchte sonst, er könnte dir die Schärpe, die ohnehin knapp genug um deine Hüften schließt, so eng zusammenschnüren, daß wir eine Ration Essen für einen Tag profitieren.«

Diese mit guter Laune in spanischer Sprache an den Matrosen gerichteten Worte kamen aus dem Munde des Steuermannes, der in schmucker Seemannstracht, ein rotseidenes Tuch lose um den Hals geschlungen, das vorn unter dem Kinn ein einfacher Goldreif zusammenhielt, über die Schanzkleidung herabsah. Der Angeredete grüßte mürrisch, ließ die Jolle dicht an das Fallreep treiben, kettete sie an und sprang behend die steil herabhängende Stiege hinauf an Bord des Schoners.

»Wo hast du Don Alonso gelassen und Master Papageno?« fragte der Steuermann den flinken Burschen, dessen gedrungene, aber elastische Gestalt Kraft und Gewandtheit verriet, und dessen Gesichtszüge und dunkles Haar südliche Abkunft erkennen ließen.

»Sie folgten mir beide auf dem Fuße«, erwiderte der Matrose. »Sie waren noch nicht müde genug und mußten deshalb noch einen kleinen Umweg machen.«

»Hab' mir gedacht, daß es so kommen würde«, lachte der Steuermann. »Ich kenne das aus Erfahrung. Wer zwei Monate lang zur See gewesen ist und allerhand Strapazen durchgemacht hat, kennt weder Zeit noch Stunde, sobald er wieder festes Land unter seinen Füßen fühlt.«

Noch während dieser Auslassung erschien zwischen den Reihen der Schiffe ein größeres Boot, von zwei Männern geführt, die ebenfalls mit langen Ruderschlägen dem Schoner zustrebten.

»Wahrhaftig, da kommen sie!« fuhr der Steuermann fort, indem er seinen Platz auf dem Hinterdeck verließ und sich der Mitte des Schiffes zuwandte.

»Guten Morgen, Don Alonso, guten Morgen, Master!« rief er heiter den beiden Ankömmlingen zu. »Beschleunigt Eure Schritte, damit ich beim Frühstück erfahre, welch' seltsame Abenteuer Ihr in der ersten Nacht erlebt habt, die Ihr auf deutschem Boden zubringt. – Wie gefällt Euch Hamburg? Ist's nicht ein Ort, wo sich's vortrefflich leben läßt, und hat der echte Hamburger Junge wohl Recht, wenn er voll Selbstbewußtsein und den Kopf stolz in den Nacken werfend ausruft: ›Dat gift man een Hamborg in de Welt‹.«

Während dieser in heiterster Stimmung und mit einem gewissen Übermut gesprochenen Worte waren die beiden jungen Männer an Bord gekommen und folgten dem Steuermann in die Kajüte, wo schon ein Frühstück bereit stand. Don Alonso Gomez stammte aus Mexiko. war reich und unabhängig und besuchte Europa nur zu seinem Vergnügen. Der junge Mexikaner, der einer altspanischen Familie angehörte, die seit der Eroberung in Mexiko begütert war, konnte für einen schönen Mann gelten. Hoch von Wuchs, von edler Gesichtsbildung und feurigen Auges, hatte die Natur ihn auch noch mit einer unvergleichlichen Tenorstimme ausgerüstet. In seiner Vaterstadt lebte keine schöne Sennorita, welche die Stimme Don Alonsos und sein meisterhaftes Guitarrespiel nicht kannte. Der lebhafte junge Herr war Virtuose im Spiel wie in der Improvisation, und wäre er weniger flatterhaft, weniger genußsüchtig gewesen, und hätte nicht immer pikanten Abenteuern nachgejagt, so würde er längst schon das schönste Mädchen Mexikos als Gattin heimgeführt haben. Don Alonso Gomez aber liebte den Wechsel, die Veränderung. Zu mannigfach konnte sich der Genuß des Lebens für ihn nie gestalten. Er bedauerte nur den gebrechlichen Bau des menschlichen Körpers, der nicht jegliche Last ertragen kann und unter fortgesetzten Genüssen oft vor der Zeit zusammenbricht.

Dieser unbändige, von frühester Jugend auf durch eine nur zu nachsichtige Erziehung genährte Hang nach unbegrenztem Genuß trieb den jungen und begüterten Mann von Land zu Land. In Texas hatte er kurze Zeit eine Pflanzung besessen, weil ihm aber der Verkehr mit Sklaven, die er nicht entbehren konnte, zuwider war, veräußerte er sie sehr bald wieder. Darauf ging Don Alonso nach New-Orleans, wo die schönen und graziösen Kreolinnen ihn ein ganzes Jahr lang fesselten. Eine dieser unwiderstehlichen Sirenen flößte ihm sogar eine sehr ernsthafte Neigung ein, und vielleicht wäre es ihr wirklich gelungen, den flatterhaften Mexikaner für immer an sich zu ketten, hätte nicht das furchtbare gelbe Fieber dies Herzensbündnis für immer gelöst. Don Alonsos Geliebte starb an der schrecklichen Seuche und der Mexikaner floh aus New-Orleans, als würde er von den Furien verfolgt. Er rettete sich, nur von seinem treuen Diener, Master Papageno, begleitet, den er schon aus Mexiko mit nach Texas gebracht hatte, auf ein hamburgisches Schiff, das segelfertig im Hafen lag, und trat, schnell entschlossen, leichtblütig und auch das letzte trübe Ereignis rasch vergessend, voll neuer Hoffnungen und Erwartungen eine Reise nach Europa an.

Master Papageno, wie sein Herr ihn scherzweise nannte, war ein Mulatte mit nicht eben sehr einnehmenden Gesichtszügen. Einige Jahre älter als sein Gebieter, fügte er sich doch mit sklavischer Unterwürfigkeit in alle Launen desselben, und lieh nur zu oft Unternehmungen seinen Beistand, die besser unterblieben wären. Den Namen Papageno hatte Don Alonso ihm deshalb beigelegt, weil der Mulatte sich am liebsten in schreiend bunte, gewöhnlich nicht mit einander harmonierende Farben kleidete. Er trug feuerfarbene, weite Beinkleider, gelbe Stiefel, eine himmelblaue Jacke, die Hüften umwand eine breite schwefelgelbe Schärpe und auf seinem dicken, wolligen Haar saß der breitrandige Sombrero der Andalusier mit zwei sehr großen Rosetten an Kopf und Rand.

Diese beiden Fremdlinge saßen jetzt dem Steuermanne in der Kajüte des Schoners gegenüber, um den guten Dingen zuzusprechen, welche der Schiffskoch für sie aufgetragen hatte. Der Steuermann Andreas, ein Hamburger, der schon seit seinem vierzehnten Jahre zur See fuhr, lachte unmäßig über die lustigen Erzählungen seines muntern Gastes.

»Und wo habt Ihr denn all dies dumme Zeug angegeben?« fragte Andreas.

»Da fragt Miguel, den widerspenstigen Schlingel«, versetzte der Mexikaner. »Ich habe mich ganz himmlisch unterhalten, und das genügte mir. Die Gesellschaft war allerdings nicht die feinste – wenigstens geht es in den Tertulias Mexikos vornehmer und geistreicher her – aber das kümmert mich wenig. Die Leute vergaßen ihren Grog, wenn ich meine Guitarre erklingen ließ und eins meiner ihnen gänzlich unverständlichen Liedchen anstimmte. Zur Abwechselung mußte dann noch Master Papageno schnarren, was er ja meisterhaft versteht, und Miguel, der sich seit Kurzem auf die Bauchrednerei gelegt hat, sprach dazwischen wie ein Papagei, der das Reden gern lernen möchte, was das versammelte halbtrunkene Schiffsvolk beinahe toll machte. Denn sie glaubten steif und fest mitsamt dem feisten und nicht sehr klugen Wirt, einer von uns trüge ein solches Tier in seiner Kleidung verborgen. Ich habe mich göttlich unterhalten und bin mit Vivat und Hurra geehrt worden wie ein Fürst.«

Andreas fiel abermals in sein ausgelassenes Lachen. »Nimm dich in Acht, Freund Alonso«, sagte er, den Finger warnend gegen ihn erhebend.

»Wo bleibt denn aber Miguel?« fragte jetzt Don Alonso. »Der Bursche fängt an, aufsässig zu werden. Weshalb das?«

»Weil er es nicht vertragen kann, wie ein Knecht behandelt zu werden«, versetzte Andreas.

»Was frage ich danach«, sagte Don Alonso mit der ganzen unnachahmlichen Erhabenheit eines Hidalgo von altkastilischem Blute. »Er ist der einzige unter den Matrosen, mit dem ich mich ungeniert unterhalten kann. Ich bin nicht karg gegen ihn; im Gegenteil, er bekommt viele und bedeutende Geschenke von mir. Dafür kann er sich doch wohl auch meinen Launen und Neigungen fügen?«

»Kann? Gewiß, aber er will nun einmal nicht.«

»Und ich sage dir, Freund, er soll es!« rief trotzig Don Alonso.

»Sei vorsichtig und verletze seinen Stolz nicht.«

»Wie kann ein kaum zum Matrosen aufgestiegener Kajütenjunge Stolz besitzen«, warf verächtlich der Mexikaner ein.

»Er kann nicht bloß, er muß es sogar«, erwiderte in ernsterem kühlen Tone Andreas dem hochfahrenden Don. »Wir Alle, die wir uns dem Seewesen widmen, waren einst Kajütenjungen. Unser Stolz besteht gerade darin, daß wir von unten auf gedient, daß wir uns keiner Arbeit, keiner Dienstleistung geschämt haben, um uns durch Gehorsam einer höheren Stellung würdig zu machen. Auf den zahllosen Schiffen, welche Deutschlands Kaufmannschaft in alle Weltgegenden entsendet, lebt auch nicht ein einziger Kapitän, der nicht aus eigener Erfahrung wüßte, wie es einem Schiffsjungen in seiner Haut zu Mute wäre. Es kennt jeder seine Pflicht und tut sie gern, darum darf auch ein Kajütenjunge stolz sein.«

»O, über Euch deutsche Pedanten!« lachte der Mexikaner. »Da bekomme ich gleich eine ganze Abhandlung zu hören, die, offen gestanden, außer meiner Begriffsfähigkeit liegt.«

Andreas reichte dem übermütigen Passagier gutmütig die Hand.

»Es wird dir niemand hinderlich sein, dich zu vergnügen wie du magst und kannst«, sagte er, »nur hier auf dem Schiff sei ein wenig vorsichtig und den Miguel lasse – ich bitte dich darum – in Ruhe! Er steht nicht in Deinem Dienst. Außerdem ist der Bursche ehrgeizig und, wie ich weiß, von guter Familie. Du wirst demnach einsehen, daß es ihm über die Maßen ärgerlich sein muß, sich von Dir behandelt zu sehen, als sei er ein Farbiger.«

»Ich verspreche Dir, Miguels mir unbekannte, vornehme Abstammung von jetzt an vollkommen zu respektieren«, beteuerte mit komischem Ernst Don Alonso. »Jetzt aber laß uns einen würdigeren Gesprächsgegenstand wählen. Noch bin ich unentschlossen, ob ich hier bleiben, weiter landeinwärts reisen oder je eher je lieber wieder umkehren soll. Es ist gegenwärtig Hochsommer bei Euch, wie Du sagst, und wirklich hat es den Anschein, als könne die Sonne Wärme von sich geben, vorausgesetzt, daß der Nebel, der sich bereits wieder zeigt, nicht zuviel kühlt.«

»Ich will Dir einen Vorschlag machen.«

»Laß hören.«

»Versuch's vier Wochen. Die schöne Jahreszeit, die deinem verwöhnten Leibe freilich nicht ganz zusagt, erlaubt dir, Stadt und Umgegend genügend kennen zu lernen. Bei deinen Mitteln wird es dir nicht fehlen, bald Bekanntschaften zu machen. Der Konsul deines Landes, der ja zugleich auch dein Bankier ist, wird dich in die Gesellschaft einführen. Du weißt zu leben, du bist mit einem Worte einer von den nichtswürdigen Gaunern, die mit ihrer bezaubernden Liebenswürdigkeit das größte Recht haben, sich den Eroberern beizuzählen. Nur eines bitte ich mir aus: laß dich selbst nicht etwa erobern!«

»Edler, braver Andreas, es sei, wie du sagst!« rief pathetisch der Mexikaner, dem Steuermann seine schön geformte, kleine Hand hinreichend. »Jetzt, wackerer Freund, will ich in meine Koje kriechen, denn meine Augen sind schwer. Habe ich mich durch einen langen Schlummer vollkommen gestärkt, will ich in aller Ehrerbietung den Schoner verlassen und ein Hotel beziehen. Wo wohnt man bei euch gut und elegant?«

»Das alles, Don Alonso Gomez, findet man in vorzüglichster Qualität im ›Hamburger Hof‹ am Jungfernstieg.«

»Was? Wie heißt die Straße?«

»Jungfernstieg«, wiederholte Andreas. »Und das mit Recht. Was vornehm, reich, elegant, fremd, schön und – kokett ist, das wandelt bei Sonnenschein und Sternenlicht unter den Linden des Jungfernstiegs, lechzt nach Lebensgenuß, geht auf süßen Raub aus und läßt sich zuweilen von Raubrittern, welche als Kavaliere feinster Bildung auftreten, fangen!«

»Bei der Seele meiner Mutter, das ist ja der Eingang zum Paradiese!« rief entzückt Don Alonso Gomez. »Höre auf, ich bitte dich, sonst verscheuchst du mir den Schlaf. Es ist entschieden, der ›Hamburger Hof‹ soll mein Palast sein. Auf Wiedersehen am Jungfernstieg!«

Ein spanisches Lied summend, begab sich Don Gomez in seine Koje, Andreas aber stieg wieder auf das Hinterdeck und überließ sich, hier gemütlich auf- und abgehend, seinen Gedanken, bis das Boot des Kapitäns mit dem Reeder an dem Fallreep anlegte und ihn nötigte, in die Wirklichkeit zurückzukehren.

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