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Reeder und Matrose

Ernst Willkomm: Reeder und Matrose - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleReeder und Matrose
authorErnst Willkomm
firstpub1857
year1926
publisherLeuchtfeuer-Verlag
addressHamburg
titleReeder und Matrose
pages3-13
created20050628
sendergerd.bouillon
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19

Heidenfrei betrachtete nachdenklich einen vor ihm liegenden Brief, den er vor kurzem erhalten und gelesen hatte. Obwohl äußerlich ruhig, verriet doch das lebhaft bewegte Auge, daß eine Nachricht von Bedeutung seinen Geist ungewöhnlich stark beschäftigen müsse. Nach einiger Zeit trat der alte Treufreund in sein Zimmer.

»Sie haben mich rufen lassen, Herr Heidenfrei?« sagte in etwas schüchternem Ton der gewesene Buchhalter.

»Bitte, nehmen Sie Platz, lieber Treufreund«, erwiderte Heidenfrei, den treuen Diener freundlich auch durch eine Handbewegung zum Sitzen einladend. Zögernd folgte der Buchhalter.

»Ich bin genötigt, lieber Treufreund, Ihnen eine Mitteilung zu machen, die Sie wahrscheinlich überraschen, ebenso sehr erschrecken, als erfreuen wird. Behalten Sie ruhig Platz – es ist nichts Unangenehmes, nur etwas sehr Ungewöhnliches, etwas beinahe Wunderbares.«

Heidenfrei schwieg einige Augenblicke und Treufreund, dem vor gespannter Erwartung bald heiß, bald kalt wurde, trocknete sich wiederholt mit seinem seidenen Taschentuch die Glatze ab.

»Ich darf es Ihnen unter vier Augen wohl sagen, lieber Treufreund«, begann der Reeder aufs neue, »ohne zu besorgen, Sie möchten sich deshalb überheben, daß ich Sie als meinen erprobtesten Mitarbeiter in unserm weitverzweigten Geschäft stets hochgeschätzt habe. In früheren Jahren waren Sie häufig die Seele desselben, namentlich des überseeischen transatlantischen Teiles –«

»Womit das Haus Peter Thomas Heidenfrei wenig Glück hatte«, warf Treufreund ein. »Es waren traurige Verhältnisse, unglückliche Konjunkturen. –«

Der ehemalige Buchhalter seufzte und betupfte in großer Unruhe seine Glatze. Heidenfrei warf einen scharfen, forschenden Blick auf den redlichen Diener.

»Damals hatten wir alle, sowohl ich wie mein seitdem verstorbener Schwiegervater und noch mancher andere diese Ansicht, nur eines einzigen Mannes weiß ich mich zu erinnern, welcher anders urteilte. Kennen Sie diesen Mann, lieber Treufreund? Er lebt noch.«

Der Buchhalter rückte unruhig und in größter Verlegenheit auf dem Polsterstuhl hin und her. Statt einer Antwort machte er ein paar tiefe Verbeugungen, die etwas Komisches hatten.

»Sie haben wahrlich keine Ursache, sich jetzt, nach zwei Jahrzehnten zu schämen, daß Sie damals unter allen Urteilsfähigen der Urteilsfreieste waren. Wenn ich Ihnen dies heute erst offen sage, so hole ich nur etwas längst Versäumtes nach. Sie allein, lieber Treufreund, beurteilten damals die Sachlage richtig, wir andern waren voreingenommen und darum befangen, unfrei, einseitig in unserm Urteil. Es ist dies sehr zu beklagen und wir haben, wie Sie ja wissen, hart genug dafür büßen müssen.«

»Jawohl, jawohl!« sagte Treufreund, die Hände faltend. »Am meisten von allen aber litt er, der Arme –«

Er konnte nicht weiter sprechen. denn die hervorbrechenden Tränen erstickten seine Stimme. Auch Heidenfrei schwieg eine Weile.

»Ich sagte Ihnen, lieber Treufreund, daß ich Ihnen eine merkwürdige Mitteilung zu machen habe«, begann der Reeder wieder, als er sah, daß der alte Buchhalter seine Fassung wieder gewonnen hatte. »Sie beweinten den Verschollenen, als das große Unglück geschehen war, und sein Vater streng befahl, nie mehr davon zu sprechen.«

»Es war ein böses, hartes Wort, das unglücklichste Wort, das jemals über Herrn Hohenfels sen. Lippen gekommen ist!«

»Es hat ihn auch getötet! – Aber wir haben kein Recht, ihn anzuklagen, über einen Verstorbenen, der das Gute wollte. selbst wenn er irrte, ja frevelte, Gericht zu halten. Darum Friede seiner Asche! Nur den Überlebenden, den noch Lebenden unsere ganze Aufmerksamkeit, unsere vollste Teilnahme und Liebe zuzuwenden, sind wir verpflichtet, zumal dann, wenn dadurch früheres Unrecht einigermaßen wieder gut gemacht werden kann.«

Treufreund richtete sich erstaunt auf und blickte den Chef ungläubig fragend an.

»Ich verstehe Sie nicht, Herr Heidenfrei. Wie soll ich Ihre rätselhaft klingenden Worte deuten? Sie sprechen von Überlebenden und noch Lebenden.«

»Ich hätte sagen sollen«, fiel der Reeder ein, »Wiederauferstandenen.«

Treufreund wechselte die Farbe. Heidenfrei ergriff den vor ihm liegenden Brief.

»Sie ahnen jetzt, lieber Freund, welche Veröffentlichung Ihrer harrt. Der Mann, den wir für tot hielten, den wir betrauerten, dessen unglückliches Schicksal tiefe Wunden in unsere Herzen riß; er ist nicht tot, er lebt.«

»Mein Gott – Augustin Hohenfels lebt! – Mein edler, großer Freund lebt!« rief Treufreund aus, während Freudentränen seine krankhaft geröteten Augen füllten. »Und wir wußten es nicht!«

»Seit länger als einem halben Jahr war ich davon unterrichtet«, sagte der Reeder. »Wenn ich dennoch Ihnen die mir gewordene Kunde verheimlichte, so geschah dies nur aus Schonung. Die ersten mir zugehenden Nachrichten lauteten wenig tröstlich. Mein Schwager war siech, hinfällig; der Tod konnte ihn ereilen, ehe er Rückantwort von uns erhielt. Wäre es da nicht grausam gewesen, Sie, lieber Treufreund, mit einer bloßen frohen Hoffnung zu täuschen? Ich wollte Gewißheit haben, ehe ich Sie in Kenntnis setzen durfte. Diese Gewißheit ist jetzt eingetreten. Augustin Hohenfels lebt nicht bloß in neu erstarkter Kraft, wenn auch sehr verändert, er gedenkt sogar uns wiederzusehen.«

»Möchte ich diese selige Stunde erleben! Ich wollte dann zufrieden das Hauptbuch meines Daseins abschließen, die Bilanz ziehen und mich ruhig in die kühle Erde betten lassen . . . Mein lieber, lieber Augustin! . . . O, verzeihen Sie, Herr Heidenfrei! Ich bin wie ein Kind – das Herz läuft mit mir davon . . . Ich kann wahrhaftig nicht dafür, aber ich könnte vor Freude springen und tanzen. Hielt ich ihn doch schon hier in diesen meinen Armen!«

»Hoffentlich geht Ihnen dieser Wunsch bald in Erfüllung. Mein Schwager schreibt, daß er wenige Tage nach Absendung dieses Briefes sich nach Europa einzuschiffen gedenke.«

»Augustin Hohenfels wieder auf europäischem Boden!« sprach Treufreund, den Gedanken, daß der Freund ihm so nahe sei, daß er ihn alsbald wiedersehen solle, kaum fassend. »Wird er hier bleiben?«

»Wer mag das jetzt schon bestimmen!« erwiderte Heidenfrei. »Das Herz, die Sehnsucht treiben ihn zu uns. Nicht allein alte Freunde, seine nächsten Verwandten wünscht er wieder zu sehen, er glaubt auch irgendwo in Deutschland den einzigen Sohn wieder zu finden, den ihm Dolores gebar und den ihm Gonsalez entriß.«

»Auch dieser lebt?«

»Augustin glaubt es, ob er sich geflissentlich täuscht, wer weiß es?«

Heidenfrei fühlte sich von einer großen Last befreit, seitdem auch der redliche alte Diener, der mit aufopfernder Liebe stets an dem leidenschaftlichen Augustin Hohenfels gehangen, von dessen Wiedererwachen Kenntnis erhalten hatte.

Für Treufreund war dieser Tag einer der wichtigsten seines ganzen Lebens. Er feierte ihn deshalb auch in einer ihm eigentümlichen Weise, indem er sich in seinem kleinen dunklen Kontorraum einschloß, nichts, was um ihn her vorging, beachtete, sondern sich ganz in seine Gedanken versenkte.

Zuvörderst nahm er seinen Kalender, unterstrich den Tag dreimal grün und schrieb als Note an den Rand: ›Augustin Hohenfels ist heute von den Toten erstanden.‹

Dann nahm er die alten Handlungsbücher vor, um auch hier ähnlich lautende Notizen zu machen. Endlich vertiefte er sich in die Briefe des Freundes, die ihn schon oft in trüben Stunden getröstet hatten.

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