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Reeder und Matrose

Ernst Willkomm: Reeder und Matrose - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleReeder und Matrose
authorErnst Willkomm
firstpub1857
year1926
publisherLeuchtfeuer-Verlag
addressHamburg
titleReeder und Matrose
pages3-13
created20050628
sendergerd.bouillon
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18

In einem niedrigen Keller am Binnenhafen saß eine Anzahl vergnügter Leute aus dem Volk beim Wein und Abendimbiß. Es waren Ewerführer, Besitzer oberelbischer Milch- und Torfewer, Quartiers- und Arbeitsleute, Hausküper und dergleichen. Das Gespräch war laut und sehr lebhaft und wurde ausschließlich in plattdeutscher Mundart geführt. Da alle diese Leute in guten Verhältnissen lebten, viel verdienten und mithin Nahrungssorgen sie in keiner Weise drückten, so waren sie allesamt zum Feierabend in heiterster Stimmung.

Alle Anwesenden ergötzten sich noch über die Erzählung eines Schalks, der längst schon in dem Rufe stand, die amüsantesten Dönchens zu erfinden, als der Eintritt eines neuen Gastes und dessen laute Stimme die allgemeine Aufmerksamkeit diesem zuwendete. Der neue Ankömmling war kein anderer, als der seiner Grobheit wegen bekannte Hausknecht David aus Heidenfreis Geschäft.

»Gott verdamm mich«, rief der wüste Mensch, sich heftig auf einen Schemel werfend und mit der Faust auf den Tisch schlagend, daß die Gläser klangen. »Ich will ein Schuft sein, wenns nicht größere Schurken gibt unter den Vornehmen als unter den Geringen.«

»Was ist denn dir wieder in die Krone gefahren?« versetzte der Wirt, dem, wie es schien, heftig aufgeregten Manne ein Glas reichend. »Ists neue Tau an der Speicherwinde schon wieder gerissen oder hat Herr Treufreund das Tintenfaß für die Streusandbüchse angesehen? So was Großes muß vorgefallen sein.«

»Ich will gehangen werden, und zwar in knieender Stellung«, beteuerte David, »wenns jetzt nicht besser wird!«

»Bei dir oder in Hamburg?« fragte der Wirt.

»Überall, sag ich. Aber ihr müßt weit abliegen von der Neuigkeitsstraße, wenn ihr alle nichts gehört habt von dem, was vorgegangen ist?«

»Es gibt doch kein Unglück?« fragte Smalbeer, ein Ewerführer.

»Gott sei Dank nein«, erwiderte David, »vielmehr wird bald großer Jubel sein in mehr als einem Hause. Ihr kennt unsern Quartiersmann?«

»Wer kennt den ehrlichen Jacob nicht!« meinte ein Vierländer. »Er wäre der glücklichste, zufriedenste Mann ohne die fatale Geschichte, von der man lieber nicht spricht.«

»Kann jetzt gern davon gesprochen werden, wird hoffentlich noch recht viel davon gesprochen. Wetten wir ein paar Buddel, daß die verschwundene Tochter Jacobs in acht Tagen wieder im Hause des Reeders lebt?«

»Das wäre! – Süh so! – Kiek, wat's dat!« riefen mehrere zugleich und drangen mit Ungestüm in David, er solle erzählen, was vorgefallen sei; man würde ihn nicht eher von dannen lassen, bis er alles, was ihm in dieser wunderlichen Angelegenheit bekannt geworden, ganz genau wisse. Die beiden Buddel könnten gleich jetzt und zwar auf Abschlag für noch Besseres und für Überbringung noch interessanterer Neuigkeiten verbraucht werden.

David machte keine Einwendungen. »Das Kurze und Lange von der Geschichte ist, Gott verdamm mich, so wunderlich, daß ein Gelehrter zu tun haben würde, wollte er sie zu Papier bringen. Ich kann nichts berichten, als was ich weiß. Der Prinzipal erhielt gestern Besuch. Darauf gab es große Unruhe im Hause. Die jungen Herren waren fast außer sich. Etwas später mußte ich den Jacob holen. Mit dem hatte Herr Heidenfrei eine lange Unterredung unter vier Augen und bei verschlossenen Türen. Ihr könnt denken, daß wir neugierig waren. Hätt ich mich nicht geschämt und wärs keine Schande, die Geheimnisse seiner Herrschaft zu belauschen, ich hätt, Gott verdamm mich, horchen können! Aber ich tats nicht, obwohl die Jule, das Stubenmädchen, es verlangte. Nanu! Als endlich der Alte wieder zum Vorschein kommt, sieht er ganz verjüngt aus, sein ganzes Gesicht strahlt vor Freude, und Herr Heidenfrei drückt ihm die Hand wie ein Bruder und spricht: Es wird alles gut, mein lieber Jacob, verlaß dich drauf. Christine kehrt so schuldlos in deine Vaterarme zurück, wie sie von dir gegangen ist, dem Miguel aber haben wir offenbar Unrecht getan. Wir müssen zusehen, daß wir dies auf andere Weise wieder ins Gleiche bringen.«

»Da werde nun einer klug draus«, versetzte der Ewerführer.

»Wer ist denn der Miguel?« fragte der humoristische Vierländer.

»Wer der ist, das weiß keiner genau. Ich hab nur immer gehört, daß man ihn und ein paar seiner Genossen, unter denen sich ein Hamburger befinden soll, für Christines Räuber hielt.«

»Und sie sinds nicht?«

»Nein. Gott verdamm mich!« beteuerte David.

»Dann angestoßen auf das Wohl des alten Jacob, seiner Tochter und derjenigen, denen es gelungen ist, die Verschwundene zu entdecken!«

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