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Reeder und Matrose

Ernst Willkomm: Reeder und Matrose - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleReeder und Matrose
authorErnst Willkomm
firstpub1857
year1926
publisherLeuchtfeuer-Verlag
addressHamburg
titleReeder und Matrose
pages3-13
created20050628
sendergerd.bouillon
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16

Ein leises Klopfen störte Don Gomez in erbaulichen Gedanken. Er hatte jedoch nichts gegen jegliche Störung, denn was es auch immer sein mochte, es war doch etwas Neues, den Augenblick auf irgendeine Weise anders beleuchtend. Er rief deshalb mit vernehmbarer Stimme: Herein! und sah zugleich erfreut und verwundert ein Männchen ins Zimmer schlüpfen, das sich schüchtern näherte.

Don Gomez hatte dies schmächtige Männchen schon früher gesehen und erkannte sofort, daß er einen spekulierenden Sohn aus dem Stamme Juda vor sich habe.

»Der gnädige Herr wollen verzeihen«, sagte das Männchen, aus großen, schwarzen Augen dem schönen Mexikaner einen klug aufleuchtenden Blitz zuwerfend, »ich komme nicht um Profit, ich komme, um zu machen dem Herrn eine Mitteilung.«

Hier dämpfte der vorsichtige Israelit seine Stimme, sah sich im Zimmer um und fuhr in leis flüsterndem Ton fort:

»Sind wir allein, gnädiger Herr? Kann uns hören kein Dritter oder Vierter?«

»Es ist niemand zugegen, mein Herr«, versetzte, Verdacht schöpfend, der auf diesen Besuch durchaus nicht gefaßte Mexikaner. »Die nächsten Zimmer gehören, wie dieses, mir persönlich und mein Diener ist ausgegangen.«

»So kann ich also sprechen offen und sagen ohne Furcht, was ich mitzuteilen habe dem Herrn, ohne zu haben davon Verdruß?«

»Wenn Sie es vor Ihrem Gewissen verantworten können und Ihr Auftrag oder Ihre Mitteilung ist wirklich für mich persönlich bestimmt, was ich ja nicht weiß, so reden Sie ungeniert. Horcher gibt es hier nicht.«

Der Jude trat zagend einen Schritt näher, scheue Blicke auf den Spiegeltisch werfend, an welchem Don Gomez lehnte, und wo ihm der kostbare Griff eines niedlichen Dolches nicht entgangen war.

»Sind Sie ja doch der vornehme Herr aus Mexiko, Don Alonso Gomez.«

»Don Alonso Gomez ist mein Name, Sie wissen es«, sagte der Mexikaner kühl, den Juden scharf fixierend und den Dolch wie zum Tändeln aufnehmend.

Das kleine, schmächtige Männchen mit den großen Augen fuhr unwillkürlich beim Anblick des blanken Stahls ein paar Schritte zurück. Da der Mexikaner indes regungslos seinen Platz behielt, trat der Jude wieder näher und sagte, immer nur halblaut sprechend:

»Komme ich doch von Cuxhaven, wo ich habe gehabt Geschäfte viel und verdient wenig Geld, und bin ich zusammengetroffen mit einem Manne, der mich kennt genau und hält auf mich viel, weil ich ihm hab geholfen aus mancherlei Nöten. Der hat gesagt zu mir in freundschaftlichem Ton und mir drückend die Hand wie ein Freund, dem die Worte kommen vom Herzen: Moses, ich hab dich kennen gelernt als einen ehrlichen Mann, und weil ich weiß, daß du bist ehrlich und treu, will ich dir anvertrauen eine große Sache. Du mußt sie aber vollführen pünktlich, denn ich werde auch bezahlen pünktlich, und da hat er mir gegeben einen ganzen Portugalöser, an dem hat kaum gefehlt ein Achtel Gran! Ist's nicht nobel, gnädiger Herr?«

»Mich dünkt, es war ein Handel, wie Sie ihn besser nicht abschließen könnten«, versetzte Don Gomez.

»Hab' ich doch zu mir gesagt dasselbe, und darum bin ich gewesen bereit zu allem. Und der Herr, den ich kenne genau, wie er mir gibt das Zeugnis, daß ich sei ehrlich, hat mir eingehändigt ohne Bedenken einen Schreibebrief und hat gesagt zu mir: Moses, hat er gesagt, gehe hin nach Hamburg, wo da werden gemacht große Geschäfte und drunter manche, die da sind faul durch und durch, und bei denen geht pleite ganz und gar, der sie macht, gehe hin und mache ab für dich und mich und noch ein paar andere Leute ein Geschäft und laß dir zahlen dafür noch zwei Portugalöser, an denen fehlen soll auch nicht der achte Teil von einem Achtelgran. Gott, der Gerechte, gnädiger Herr, soll mich strafen, wenn ich nicht sage genau, wie der Mann, den ich kenne ganz und der kennt mich wie sich selber, sich hat ausgedrückt in seiner liebevollen Gesinnung zu mir! Und da hab ich genommen den Schreibebrief, hab ihn eingewickelt sauber in ein seidenes Tüchlein, das ich gebrauche zu garnichts, damit er nicht benetzt werde vom Regen oder von dem Schweiß meines Leibes, was leicht wäre möglich, da ich gehe Tag und Nacht immer zu Fuß, es mag regnen oder schneien, oder es mögen scheinen die Sonne oder Mond und Sterne. Und als ich gekommen bin vor zwei Stunden hier an, habe ich doch nichts eiliger gehabt zu tun, als zu gehen in diesem schlechten Wetter, das mir macht nasse und kalte Füße, was ich nicht kann vertragen, von den Kohlhöfen, wo ich wohne, durch die Neustraße und A-B-C-Straße bis an den Jungfernstieg, um zu übergeben eigenhändig, wie ausbedungen, den Brief an den gnädigen Herrn. Und als ich gehandelt hab als ein ehrlicher Mann, was beurteilen mögen der gnädige Herr selber, bitte ich untertänigst mir auszuzahlen den Botenlohn, den ich nicht finde zu hoch für den Weg von Cuxhaven bis hierher in einem Wetter, wo man nicht gern jagt hinaus einen räudigen Hund!«

Während dieses langen, aber eiligst gesprochenen Sermons hatte Moses aus seinem Rock ein sorgsam zusammengefaltetes Tuch gezogen und mit größter Behutsamkeit einen Brief daraus hervorgezogen, den er jetzt unter tiefer Verneigung dem erstaunt zuhörenden Mexikaner überreichte.

Don Gomez empfing das Schreiben, betrachtete die Adresse, und da ihm die Handschrift bekannt war, riß er es ziemlich ungestüm auf. Sein Blick ward finster, seine Gesichtsfarbe gelblich, während er den Brief las. Heftig mit dem Fuß stampfend riß er den Dolch aus der Scheide, daß der ängstliche Israelit laut aufschreiend bis zur Tür lief. Nach beendigter Lektüre zerknüllte Don Gomez den Brief, zog seine Börse und schleuderte dem Überbringer statt zwei Portugalöser deren drei zu, zugleich mit Donnerstimme rufend: »Fort, du Sohn eines Hundes! laß dich nie wieder vor mir blicken.«

Erst als die Schritte des seltsamen Boten verhallt waren, entfaltete Don Gomez nochmals den empfangenen Brief, der nicht geeignet war, seine ohnehin schon mißvergnügte Stimmung aufzurichten.

Das Schreiben rührte von einem Manne her, der sich Jack Charles Greatstring unterzeichnete, und war aus Cuxhaven datiert.

Zu seinem eigenen Glück hörte er bald darauf Master Papageno ins Nebenzimmer treten. Don Gomez rief laut seinen Namen und entbot den Mulatten augenblicklich zu sich.

»Schöne Neuigkeiten«, raunte er dem erprobten Diener zu, ihm den Brief ins Gesicht schleudernd. »Da lies, kaufe dir einen Strick und hänge dich selber auf, damit niemand unnötige Mühe hat, dich Dummkopf aus der Welt zu schaffen!«

Papageno war an derartige Grobheit schon so gewöhnt, daß sie ihn persönlich wenig rührte. Er hob deshalb das zu Boden gefallene Papier gemächlich auf, blies den daran haftenden Staub ab, lehnte sich über die Lehne eines Stuhles, mit der linken Fußspitze die Diele klopfend und begann, während Don Gomez ununterbrochen schimpfte, die schlechte Handschrift mit großer Seelenruhe zu entziffern. Als er endlich fertig war, ließ er den Brief fallen und sah seinen Herrn mit so kalten, stieren Augen an, als beherberge sein Körper garkeine Seele.

»Nun, du glotzäugiger Stier«, fuhr Don Gomez ihn an, »was hast du jetzt in deinem schuftigen Gehirn für Ratschläge?«

»Was halten Ew. Gnaden von Master Greatstring?«

»Daß er zu hängen verdiente.«

»Wenn alle Schufte gehängt würden, was sollte dann in der Welt aus dem Amüsement werden!«

»Mache einen vernünftigen Vorschlag und laß das Moralisieren sein«, sprach Don Gomez, unruhig im Zimmer auf- und abgehend. »Miguel ist fort, es wird nicht lange dauern. so schnüffelt der Bursche wieder hier herum. Das wäre mehr als gefährlich; denn erführe Heidenfrei die volle Wahrheit, so scheiterten alle meine Pläne.«

»Sind Sie wirklich verliebt in eine dieser schlanken und weißen, deutschen Elfen, die nie reizender aussehen, als unter sonnenbeglänztem Buchenlaub oder im Mondschein. Ich sehe sie gern spazieren gehen, lieben aber könnte ich sie nicht.«

»Du brauchst dich um meine Herzensangelegenheiten nicht zu kümmern«, sagte der Mexikaner ärgerlich. »Tu, was du sollst, halt mir die Spürhunde vom Leibe, sorge für Zerstreuung und biete all deinen Witz, all deine Niederträchtigkeit auf, um den Starrsinn dieser Widerspenstigen zu brechen.«

»Kann nichts nützen, Herr«, erwiderte Papageno gelassen. »Ich habe es satt, mich immer brutal behandeln zu lassen, und das Mädchen dauert mich, das hundertmal ehrenwerter ist, als unsere vornehmsten Sennoritas. Gebt sie auf, schenkt ihr die Freiheit und laßt sie zuvor schwören, daß sie niemand verrät, wo sie so lange gewesen ist. Schwört sie erst, so hält sie auch ihren Schwur, denn sie ist fromm und gläubig, ehrlich und tugendhaft wie die keuscheste Nonne.«

»Mich dünkt, du wirst mehr als lässig in deinem Dienst. Vergißt du ganz der Gefahr, der wir uns aussetzen, wenn das so lange vermißte Mädchen plötzlich wieder erscheint und in anderer Umgebung mir entgegentritt? Gesetzt, sie schwiege, wird sie durch ihre Miene, durch ihr Zusammenfahren bei meinem Anblick nicht sich und uns verraten? Es wäre mehr als Torheit, es wäre Wahnsinn, Christine früher hier auftreten zu lassen, ehe ich glücklich meine Hochzeitsreise angetreten habe.«

»Und Miguel?« warf der Mulatte ein. »Soll er leben?«

»Ich will ihn nie wieder sehen!« rief der Mexikaner voll Abscheu. »Du darfst meiner unbegrenzten Dankbarkeit versichert sein, wenn du ihn aufspüren und von hier fernhalten kannst, bis ich irgendwo ein neues Leben beginne. Wie du das anfangen willst, welcher Mittel du dich bedienst, soll mich nicht kümmern. Du hast völlig freie Hand. Über meine Börse darfst du verfügen. Ich aber will sehen, ob es Zeit wird, die längst vollkommen eingeschlossene Festung in raschem Anlauf zu erstürmen. Ein glücklicher Sturm läßt keine weitere Unterhandlung zu. Der Besiegte pflegt sich dann unbedingt, also auf Gnade und Ungnade zu ergeben.«

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