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Reeder und Matrose

Ernst Willkomm: Reeder und Matrose - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleReeder und Matrose
authorErnst Willkomm
firstpub1857
year1926
publisherLeuchtfeuer-Verlag
addressHamburg
titleReeder und Matrose
pages3-13
created20050628
sendergerd.bouillon
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15

Sechs Monate hatten in der Familie Heidenfrei keine wesentlichen Veränderungen hervorgebracht. Schon seit Wochen lebten die Frauen wieder auf dem malerisch gelegenen Landsitz an der Elbe, während der Chef des Hauses und dessen Söhne es vorzogen, ihren bleibenden Aufenthalt in der Stadt beizubehalten. Nur des Abends kam gewöhnlich der Vater mit einem seiner Söhne zu den Seinigen aufs Land, das beide schon am frühen Morgen wieder verließen. Der einzige Tag, welcher die ganze Familie zusammenrief, war der geschäftsfreie Sonntag. Heidenfrei vermied es, von den Vorgängen jener Nacht zu sprechen, die ein so beklagenswertes Ende genommen. Er selbst wußte sich so frei von Schuld wie alle übrigen Hausgenossen. Der wackere Behnke war vom ersten Augenblick an, wo ihm die Trauerkunde überbracht wurde, fest überzeugt gewesen, es habe kein anderer als Miguel die räuberische Hand nach seinem Kinde ausgestreckt. Diese Ansicht trug sehr viel auf den ganzen Gang der angestellten Nachforschungen bei, die natürlich diejenige Richtung verfolgten, welche von den am nächsten Beteiligten als die wahrscheinlichste und am ehesten zu einem günstigen Resultat führende bezeichnet wurde.

Anfangs wurde jeden Tag von Christine gesprochen. Als aber Wochen und Monate vergingen, ohne daß der Aufenthalt der Verschwundenen entdeckt werden konnte, gedachte man ihrer selten, zumal das rege Geschäftsleben und eine Menge großer, weitgreifender Unternehmungen, welche die Zeit und Aufmerksamkeit aller im Kontor des Reeders Beschäftigten ausschließlich in Anspruch nahmen, das Vergangene weit in den Hintergrund zurückdrängten. Nur Elisabeth und Ulrike sprachen häufig über Christine, deren Gegenwart ihnen überall fehlte. Sie ließen auch nicht nach, unter der Hand zu forschen und nachzufragen, und in diesem löblichen Streben fanden sie ganz in der Stille bereitwillige Unterstützung bei Anton, namentlich aber bei Treufreund, der seit Christines Verschwinden einen Hang zur Schwermut nicht mehr ganz loswerden konnte.

Diese beiden Herren waren auch eine Augenweide und ein wahrhaft erhebender Trost für Jacob, der rastlos arbeitete, unverdrossen auf den Vorteil Heidenfreis sah, dessen Haar aber unter dem Kummer sichtlich erbleichte.

So oft der alternde, um vieles magerer gewordene Quartiersmann in das Kontor trat, fand einer oder der andere Gelegenheit, ihm ein paar freundliche Worte zuzurufen, ihm für einen geleisteten Dienst oder einen rasch und pünktlich vollzogenen Auftrag zu danken. Nach und nach hatte sich die Kunde von dem Wiedererwachen Augustin Hohenfels', des Verlorenen, auch unter den Kontoristen verbreitet, und zwar nach dem ausdrücklichen Wunsch Heidenfreis, da es diesem zweckmäßig schien, dem Bruder seiner Frau mit der Zeit abermals den Eintritt in das Geschäft zu eröffnen. Er konnte das jetzt um so eher tun, als Hohenfels durch schwere Erfahrungen milder und leidenschaftsloser geworden sein mußte, und in der Person einer seiner Söhne demselben immer eine Art Moderator an die Seite gegeben werden konnte, falls Augustin, wie Heidenfrei hoffte, in Amerika bleiben werde.

Die einleitende Schritte zu treffen überließ der Reeder seinen Söhnen. Beide kannten Amerika und auf beide war, wie man dies so häufig zu beobachten Gelegenheit hatte, ein Zug des Onkels übergegangen, der, in einem jugendlichen Herzen Sprache gewinnend, den schwer geprüften Mann eigentlich ergreifen und für Heidenfreis größere Zwecke einnehmen mußte.

Bald nach dem Abgang des Schreibens Eduards, das Augustin Hohenfels veranlaßte, eine Reise nach Europa anzutreten, wurden Heidenfrei sehr vorteilhafte Anerbietungen in einem großartigen Getreidegeschäft gemacht. Kaufmännisch betrachtet konnte es nicht leicht ein lukrativeres Unternehmen geben, denn schlug es ein, wofür fast untrügliche Anzeichen vorhanden waren, so wurden binnen wenigen Monaten enorme Summen verdient. Freilich aber konnte auch durch ein plötzliches Umschlagen der Konjunkturen ebensoviel verloren gehen.

Heidenfrei war in allen Unternehmungen ein besonnener, leidenschaftsloser, kalt berechnender Geschäftsmann. Diesen Eigenschaften verdankte er sein auffallendes Glück. Er hatte bisher immer höchst vorteilhaft spekuliert, so daß mancher seiner Kollegen ihm ein eigentümliches kaufmännisches Ahnungsvermögen, eine Art merkantiler Prophetengabe zuerkannten. Dies sichere Zugreifen machte ihn zuversichtlich, und da er in der Tat einen großen kaufmännischen Blick besaß und sich niemals an Kleinigkeiten stieß, so wagte er nicht selten mehr als andere, die über gleich große Mittel verfügen konnten und selbst den Rückschlag eines verunglückten Unternehmens nicht zu fürchten brauchten.

Um nicht in den Verdacht übereilten Handelns zu geraten, besprach er die ihm gemachte Offerte mit seinen Söhnen, die er, seit beide mündig waren, stets bei jedem großen Unternehmen zu Rate zog. Zu Heidenfreis großer und freudiger Genugtuung gingen diese mit Lebhaftigkeit darauf ein, und so wurde denn der Abschluß des Geschäftes beschlossen.

Als Vermittler hatte das Haus Heidenfrei mit einem bekannten, sehr reichen Hofbesitzer in der Kremper Marsch zu verhandeln, der zuweilen, doch nur, wenn er mußte, seinen gewaltigen Hof verließ und persönlich nach Hamburg kam. Dieser Mann namens Diek-Johann, der in früher Zeit wohl ein Spitzname gewesen sein mochte, bis die Besitzer ihn sich wirklich beilegten, war ein naher Anverwandter des lebenslustigen Julius, dessen Mutter ebenfalls aus der Marsch stammte, und Julius hatte zuerst dem Hause Heidenfrei einen Wink durch seinen Freund Anton von dem gewinnverheißenden Unternehmen gegeben. So kam es, daß auch Antons Ansicht, wenigstens beiläufig, gehört wurde, die natürlich nur ermunternd ausfallen konnte.

Es war ein nebelgrauer, kalter, windiger Tag Anfang März. Die Elbe trieb noch vereinzelte Eisschollen, die mit dem hohen Oberwasser aus dem Innern des Landes herabkamen. Die Unterelbe war schon mehrere Tage eisfrei und die Schiffahrt bereits wieder eröffnet.

Der Marschbauer Diek-Johann hatte durch seinen Verwandten Julius bei dem Reeder anfragen lassen, wann es diesem genehm sei, das bereits halb und halb abgemachte Geschäft vollends zum Abschluß zu bringen.

Heidenfrei bestimmte dem gewichtigen und als eigensinnig bekannten Mann eine Stunde und gab Befehl, ihn nicht ins Kontor, sondern in sein Privatzimmer zu führen. Er zog es vor, das Unternehmen nur im Beisein seiner Söhne abzuschließen, damit nicht jeder davon Kenntnis erhielt. Konnte man doch ohnehin nicht wissen, ob der harte Dithmarscher Kopf sich leicht den Vorschlägen fügen werde, welche der Handelsherr ihm zu machen gedachte.

Genau zur angegebenen Stunde hielt der offene, mit zwei prächtigen Füchsen bespannte Stuhlwagen des Hofbesitzers vor Heidenfreis Haus. Diek-Johann besuchte Hamburg immer nur im eigenen Wagen, der zwar nicht besonders elegant, dafür aber desto dauerhafter und gut gehalten war.

Ein untersetzter, breitschultriger Mann, mit einem wahren Stiernacken und feistem Gesicht, aus dem zwei kleine, graue, stechende Augen unter starken Brauen fest und sicher in die Welt blickten, stieg aus. Er trug über seiner gewöhnlichen Kleidung noch einen festen, steifen Regenmantel, wie ihn die Lotsen führen, und statt des üblichen runden Hutes einen niedrigen, mit breiter Krempe, dessen Wachstuchüberzug die Nässe abhielt. Die Füße steckten in bequemen, an den Knieen niedergeklappten Wasserstiefeln.

Das war der reiche Diek-Johann, ein pfiffiger Getreidehändler. Es war diesem feisten, stramm auftretenden Dithmarscher anzusehen, daß, wer ihn übervorteilen wollte, früh aufstehen müsse.

Heidenfrei kannte indes seinen Mann und war als vorsichtig handelnder Kaufmann längst mit sich im Reinen über die Bedingungen, die er dem Händler bieten könne. Ihm war die Zeit der Ablieferung und die Qualität des Getreides, von dem er Proben besaß, die Hauptsache.

Diek-Johann hätte kein Dithmarscher Bauer sein müssen, wären ihm Gewinn und Verlust gleich gewesen. Verdienen, möglichst viel verdienen, das war für ihn der Zweck des Lebens, wer andere Gedanken hegte, andere Bedürfnisse kannte, den verachtete er gründlich. Er ließ ihn kaum für einen vollen Menschen gelten und würde ihn schwerlich lange neben sich geduldet haben. Knauserig aber war Diek-Johann nicht. Wie er es liebte, gern viel Geld zu verdienen. so ließ er auch gern etwas draufgehen.

Vom Reden hielt er wenig, deshalb war er meist schweigsam und machte wenig Worte. Er war aber geduldig im Anhören der Reden anderer, und konnte ohne eine Miene zu verziehen, Viertelstunden lang einen Dritten sich abmühen lassen. Hatte er wirklich eine Einwendung zu machen, so unterbrach er den Redner mit einem stereotypen:

»Süh so! Hoal stop!« Und dann legte er mit wenigen klaren Worten seine eigene Ansicht offen dar.

Die Unterhandlungen Heidenfreis und seiner Söhne mit diesem originellen Mann verliefen viel rascher, als der Reeder erwartet hatte. Diek-Johann sah auf der Stelle, daß er einen Kaufmann großen Stils vor sich habe, der nicht um Kleinigkeiten feilsche, und so war das rein Geschäftliche erledigt, ehe beide Parteien es vermuteten. Ganz zufrieden und doch auch halb verwundert schloß der Dithmarscher das für ihn so rentable Geschäft mit seinem Wort: »Süh so! Hoal stop!« Er reichte dem Reeder wie dessen Söhnen zur Bekräftigung der Abmachungen die Hand und erklärte sich mit den kaufmännischen Formalitäten, deren Heidenfrei noch erwähnte, vollkommen einverstanden.

Der Reeder freute sich, diesen Mann, von dem er schon oft gehört hatte, näher kennen gelernt zu haben, und überschlug schon jetzt die Vorteile, welche sich aus dieser neuen Bekanntschaft für ihn ergeben könnten.

Diek-Johann war nicht weniger zufrieden und lud den Kaufmann ein, ihn in der Marsch zu besuchen.

»Ja, mein Lieber«, erwiderte Heidenfrei auf diese Einladung, »es wäre mir ganz angenehm, Ihr Gewese in Augenschein zu nehmen. Wären nur die Wege in Ihrem gesegneten Lande etwas besser. Von diesen Marschwegen aber habe ich so viel Schlimmes erzählen hören, daß uns Stadtbewohnern Angst werden kann.«

Zum ersten Male erheiterten sich die Züge des reichen Marschbauern. Er nickte zustimmend mit dem Kopf und sagte:

»Man hat die Wahrheit gesagt. Unsere Wege gehören nicht zu den besten. Damen in feinem Schuhwerk und elegante Herren führen bei uns einen bannig schlechten Wandel. Hat aber sein Gutes, meine ich. Wer stecken bleibt in unserm Kleiboden, der muß aushalten, bis jemand kommt und ihn frei macht. Gab letzthin eine nette Geschichte das – haben viel darüber lachen müssen abends beim Tricktrack. – Süh so, hoal, stop!«

Diek-Johann pustete, daß sein gewaltiger Brustkasten dröhnte, denn eine gleich lange und zusammenhängende Rede hielt er selten und tat er es, so war dies ein sicheres Zeichen, daß er ungewöhnlich gut bei Laune war. Hätte dies jemand bezweifeln wollen, so würde das herzhafte und zugleich herzliche Lachen ihn eines Besseren belehrt haben.

»Darf man nicht Mitwisser dieser Geschichte sein?« fragte Heidenfrei, um noch etwas von dem originellen Hartkopf aus der Marsch erzählen zu hören.

»Warum nicht, Herr Heidenfrei«, versetzte Diek-Johann, »will erzählen, was ich noch davon weiß.« – Er dachte eine Weile nach, dann begann er aufs Neue.

»Recht, so war es; besinne mich deutlich. Ist mir, als sei's erst vorgestern passiert.«

Er hustete, holte tief Atem und pustete, ehe er weiter sprach.

»Mitte November – der Tag ist mir entfallen – war ein bannig grimmiges Nebelwetter. Es regnete fein und doch so dicht, als wäre der ganze Himmel ein großes Haarsieb und das halbe Weltmeer brandete von oben hinein. Auch wehte es scharf aus Südwest, daß ein einzelner Mensch auf dem Seedeich schier wuchtig auftreten mußte. Wer aber mit Wind und Wasser, mit Sumpf und Kleiboden nicht umgehen kann, der mag wohl in der fetten Erde, die uns Eingeborenen gut gefällt, zu Schaden kommen. Meine, es wäre passiert, ohne mein und meiner Nachbarn tätliches Einschreiten.«

»Es handelt sich um eine Lebensrettung?« fragte Heidenfrei aufmerksamer.

»Ungefähr läuft es auf so was hinaus. War aber doch zu spaßig anzusehen, wie sie so im Dreck saßen und einander bannig wilde Gesichter schnitten.«

»Wer befand sich denn in einer so fatalen Situation?« fragte Ferdinand.

»Wer?« fuhr Diek-Johann fort. »Darauf mag der Wind Antwort geben. – Aber süh so – das wars . . . Ich sitze gerade beim Mittagessen, da tritt eine der Mägde herein und sagt: ›Baas, an der Bohnenkoppel, wo der Fußsteig nach dem Binnendeich über drei Gräben führt, heults, als ob ein paar Teufel mit verdammten Nixen sich zankten.‹ Dachte mir gleich, es möchten ein paar Verunglückte sein. Stehe also auf, stülpe mir einen Hut auf den Kopf, nehme Springstock und ein paar Taue mit und trete hinaus ins Freie. War bannig scharfes Novemberwetter – hörte die Elbe hinter dem Deich toben. Viel Wasser vom Oberland, alle Gräben zum Überlaufen voll. – Wie ich nun so stehe und horche, und der Wind mir Nebel und Regen gerade ins Gesicht peitscht, sehe ich beide Nachbarn ebenfalls aus ihren Höfen kommen und den gleichen Weg wie ich einschlagen. Horch – da rufts – grauenhaft wild – ein Schrei, der wie ein Todesschrei klang – in der Luft heulte er fort, als röchelten böse Geister – und die Krähen flogen auf und kreischten. Es ward mir fast grauserlich, liebe Herren, aber ich mußte doch Mann bleiben und so faßte ich meinen Stock, schwinge mich über den nächsten Graben und bin mit wenigen Schritten bei den Nachbarn. – Uns ansehen und verstehen, das war Eins. Indem heults wieder in der Luft und der Ton klingt hohl, wie der eines Erstickenden oder doch eines Menschen, der ein sicheres, jammervolles Ende vor Augen sieht.

›Dort drüben ist's‹, sagt Nachbar Sootspring. ,Es müssen Fremde sein, die sich vom Deich im Nebel verirrt haben. Ein Glück für sie, daß es just erst dämmert. Wär's Nacht, so kämen sie um im Schilf und morgen früh hätte sie der Schlamm für ewige Zeiten begraben.‹

So gehen wir also zu Dreien dem Schreien vorsichtig nach, springen über vier, fünf Gräben, geben den Angstrufen Antwort in unserer Weise, und finden nach einer Viertelstunde die Stelle, war – Gott verdamm mich – ein Anblick zum Entsetzen, und doch auch wieder zum Lachen, den wir an jenem Novembernachmittag hatten!«

»Zum Lachen?« erwiderte Eduard.

»Sage, zum Lachen, Herr«, fuhr Diek-Johann in gemächlichster Weise fort. »Steckten zwei Menschen, die einander spinnefeind waren, im leimzähen Kleiboden bis an die Knie, zerrten einander hin und her, bald einen Kleidzipfel fassend, bald einer des andern Haare zausend; – riefen, schrien und schimpften dabei wie Besessene, und konnten alsobald merken, daß sie garnicht aus Furcht und um Hilfe herbeizurufen, so grimmig gezetert hatten, sondern weil die Wut, der gegenseitige Haß Besitz genommen von ihren Herzen, und einer den andern hinunterarbeiten wollte in Sumpf und Modergrund.«

»Wer aber waren die Unseligen«, fragte Heidenfrei, »und was ist aus ihnen geworden, da nun durch Euer friedensrichterliches Einschreiten der Kampf beider doch wohl ein Ende fand?«

»Süh so, stop!« pustete Diek-Johann, tief aufatmend. »Kümmern wir uns in der Marsch wenig um anderer Leute Angelegenheiten. Bringt selten Vorteil, öfter Schaden, verursacht Kosten, Lauferei und macht immer Verdruß. Haben wir also die beiden Menschen, von denen der eine einige und dreißig und der andere einige und zwanzig Jahre zählen mochte, weder nach Taufschein und Legitimation noch nach dem Grunde gefragt, aus dem sie sich takelten und sich im Klei zertreten wollten. War das nicht unseres Amtes.«

»Gewiß aber versuchtet Ihr die Streitenden zu trennen und durch verständiges Zureden zu versöhnen«, meinte Ferdinand.

»War bannig naßkalt und schlecht stehen im sinkenden Marschboden«, versetzte Diek-Johann, »und das ist keine passende Zeit zu langen Unterredungen. Auseinander brachten wir die giftigen Ringer, getrennt für immer jedoch und versöhnt haben wir sie nicht.«

»Weshalb nicht?« fragte Eduard.

»Weil der eine, der Jüngere, ein wildfremder Kerl war, den wir platterdings nicht verstanden. Der große Lange, ein schieläugiger Amerikaner, wie er sagte, konnte sich gut auf Platt ausdrücken, und der erzählte uns, daß der untersetzte Kleine, ein spanisches Blut, ihn unterwegs hinterrücks angefallen habe, um ihn zu berauben, später gar zu töten. Da sei das Ringen losgegangen, die Mordwaffe dem Miguel entfallen –«

»Miguel?« riefen Vater und Söhne wie aus einem Munde.

»So nannte der Yankee den wildblickenden Spanier, der auch wirklich wie ein in Wut geratener, gelb gekochter Teufel aussah und gegen uns ebenso drohend und immerfort fluchend die Hände ballte und die Zähne fletschte, wie gegen den Amerikaner. Hatte prächtig weiße Zähne, das gelenke Kerlchen.«

»Der junge Spanier hieß also Miguel?« unterbrach Heidenfrei den Marschbauer nochmals mit scharfer Frage, während Eduard und Ferdinand Arm in Arm, lebhaft, aber leise sprechend, im Zimmer auf und nieder gingen.

»Miguel oder Michal oder so ungefähr«, sagte Diek-Johann höchst gleichgültig. »Ist uns an den Namen ebensowenig wie an dem Manne, der ihn führte, gelegen gewesen. War jedenfalls ein schlimmer Geselle, der unter ehrliche Leute nicht gehörte. – Brachten wir also die fuchswilden Menschen auseinander, halfen ihnen aus dem zähen Klei und nahmen sie mit uns. Meine Nachbarn führten den wilden Spanier, der vor Gift und Galle ordentlich schäumte, mit mir voraus ging der lange Amerikaner und erzählte mir eine wunderliche Geschichte, aus der ich nicht recht klug werden konnte. Interessierte mich sein Schnack eigentlich wenig, und glaube ich auch, der Kerl log, was die Zunge halten wollte. Nur das eine, die heftige Feindschaft des Spaniers gegen den Amerikaner, war nicht erlogen. Weil aber der letztere behauptete und viele glaubhafte Gründe dafür vorbrachte, daß der widerspenstige Spanier ein ihm entlaufener Matrose sei, der sich vor dem Tauende fürchte, sobald er ihn an Bord seines Schiffes habe, taten wir ihm den Willen, nahmen den geifernden Burschen scharf in Obacht und brachten beide auf einem Wagen nach Brunsbüttel. Dort packten wir sie in ein Boot, den schimpfenden und greinenden Miguel oder Michal mit gebundenen Händen, und nun, süh so, fort mit dem unnützen Volk auf die breite, nebelbedeckte Elbe! – Verschwand das Boot bald und hat angelegt an Bord einer amerikanischen Brigg unter dem Jubel der ganzen Mannschaft. Weiter aber ist nicht mehr von der Sache die Rede gewesen.«

Heidenfrei dankte dem Marschbauer für diese Mitteilung, fügte auch noch einige Fragen hinzu, aus deren Beantwortung sich, je nachdem sie ausfielen, mancherlei Schlüsse ziehen lassen konnten. Diek-Johann hatte aber sein Neuigkeitshorn vollkommen geleert und war aus seinem phlegmatischen ›Süh so, stop‹ nicht mehr herauszubringen. Nur seine Einladung, die Marsch zu besuchen, wiederholte er, und der Reeder stand nach dem Vernommenen nicht an, diesen Besuch dem reichen Grundbesitzer und Getreidehändler jetzt ganz bestimmt zuzusagen.

Kaum hatte sich Diek-Johann entfernt, so traten die aufgeregten Söhne zu dem Vater, diesem mehr Fragen vorlegend, als er beantworten konnte. Hatte der Marschbauer, woran nicht zu zweifeln war, die ganze Wahrheit gesagt, so konnten die so zufällig erhaltenen Andeutungen, vorsichtig benutzt und verfolgt, zu weiteren Aufschlüssen führen. Miguel, der geheimnisvolle Matrose aus dem spanischen Amerika, war dann nicht der Räuber. Diesen mußte man anderwo suchen. Wo aber war sein Freund, der Steuermann Andreas geblieben? Wie hieß der Amerikaner, der in solche Todfeindschaft mit Miguel geraten war? Und endlich, wo und in wessen Gewalt befand sich das junge Mädchen?

Die Brüder wurden durch diese Eröffnungen in die größte Unruhe versetzt. Sie berieten sich geraume Zeit mit dem Vater und man faßte endlich gemeinsam den Beschluß, vorerst Jacob von dem Gehörten Nachricht zu geben. Später wollte man unter der Hand und ganz nebenbei genaue Erkundigungen einziehen über alle um jene Zeit in See gegangenen amerikanischen Schiffe. Endlich mußte es die Aufgabe aller sein, welche teilnahmen an Christines Schicksal, auch in Erfahrung zu bringen, wo Andreas, der Freund und Gefährte Miguels, geblieben sei; denn daß die gewaltsame Fortschleppung des letzteren mit dem Verschwinden des jungen Mädchens in Beziehung stehe, davon waren jetzt die Brüder ebenso fest, wie der Vater überzeugt.

Noch an demselben Abend schrieb Ferdinand einen ausführlichen Brief an Paul, Christines Bruder, der gerade noch mit der direkten Post nach Südamerika abging und fast gleichzeitig mit der Bark ›Maria Elisabeth‹ den Hafen von Buenos-Aires erreichen konnte.

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