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Reeder und Matrose

Ernst Willkomm: Reeder und Matrose - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleReeder und Matrose
authorErnst Willkomm
firstpub1857
year1926
publisherLeuchtfeuer-Verlag
addressHamburg
titleReeder und Matrose
pages3-13
created20050628
sendergerd.bouillon
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14

In derselben Nacht waren zwei Männer an Bord der Bark ›Maria Elisabeth‹, von denen der eine fast noch dem Jünglingsalter nahe stand, in ein ernstes Gespräch vertieft. Der Jüngere der beiden Männer handhabte das Steuerrad. Außer dem wachhaltenden Matrosen, der im Vorderteil des Schiffes auf- und abging. störte niemand die nächtliche Ruhe an Bord. Diese Ruhe, der sternbeglänzte Himmel, die leuchtende See, deren sanftwogende Fläche die wunderbarsten Farbenspiele enthüllte, waren wohl geeignet, die Herzen Befreundeter zu erschließen.

»Mir bangt vor meinem Vater«, sagte Paul Behnke, der sein Steuermannsexamen gemacht hatte und zum ersten Male als Untersteuermann nach Südamerika fuhr. »Leicht gibt der Vater sich nicht, denn er hat einen starken Willen und seine Natur kann auch etwas ertragen; wenn aber Tag für Tag ein Wurm an unserm Herzen frißt, und der Kummer nie mehr die Schwelle unseres Hauses verläßt, da schwindet zuletzt auch die rüstigste Kraft. Und stirbt man auch nicht gleich vor Gram und Kummer, so wird man doch hinfällig, siech, elend davon.«

»Es ist und bleibt eine merkwürdige Geschichte‹, versetzte Kapitän Ohlsen, »und noch bis auf diesen Augenblick bin ich der Meinung, die Schuldigen sind ganz wo anders zu suchen, als wo man sie vermutet.«

»Meine Schwester kannte doch niemand«, warf Paul ein.

»Desto mehr war sie gekannt«, sagte Ohlsen. »Sieh, mein Junge«, fuhr er vertraulich fort, »ich kann dir nicht verschweigen, daß wir alle, die wir alter Gewohnheit gemäß, gegen Abend das Baumhaus zu besuchen pflegen, ein liebes Auge auf deine Schwester hatten, wenn wir ihrer ansichtig wurden. Und dies Glück hatten wir häufig, als Christine noch daheim verweilte. Etwas Schlimmes hatte von uns freilich sicherlich niemand im Sinne, obwohl sich mancher eine so herzige, schöne, anmutige Frau wünschen mochte. Du weißt aber, lieber Junge, es gibt in Hamburg verschiedene Sorten von Menschen. Eine der schlimmsten und gefährlichsten für jedes junge Mädchen sind jene reichen, vornehmen Wüstlinge, die vor lauter Übermut nicht wissen, was sie beginnen, wie sie sich die Zeit vertreiben sollen. Glaubst du, ein so auffallend schönes Mädchen wie deine Schwester, sei den ewig umherspürenden Augen dieser Lüstlinge entgangen? Denk' nicht daran! Warum sonst brachte sie dein Vater in das Haus des reichen Reeders?«

»Ich kenne die Gründe des Vaters«, erwiderte Paul, »und weil der Vater offen mit mir über Christine sprach, mir auch nicht verschwieg, daß ein junger Ausländer ihr im Ernst Anträge machte, billigte ich die Ausführung seines Vornehmens.«

»Warum aber mußte Christine gerade in das Heidenfreische Haus?«

»Warum?« wiederholte Paul. »Konnte es denn irgendwo sonst für ein junges Mädchen von anziehendem Äußern einen bessern Zufluchtsort geben?«

»Das weiß ich so genau nicht«, versetzte Ohlsen, »ich denke nur, gerade in damaliger Zeit war ein gar zu großer Zusammenfluß von Menschen im Hause des Reeders, und wollte jemand etwas Ungewöhnliches unternehmen, so ließ sich dies inmitten einer zahlreichen, glänzenden Gesellschaft, die vorzugsweise ihre ganze Aufmerksamkeit dem Genuß zuwendete, am leichtesten, sogar ohne allzu große Gefahr, entdeckt oder auf der Tat ertappt zu werden, ausführen. Bedenke nur, welch ein Schwarm junger reicher Herren, unter denen ich verschiedene als solche bezeichnen könnte, deren sittlicher Ruf nicht gar fein ist, waren an jenem Abend zugegen!«

»Es ist aber doch erwiesen, daß nicht ein einziger von allen Gästen, ja nicht einmal einer der jüngeren Hausgenossen um die Zeit, wo meine Schwester verschwand, die Gesellschaftsräume verlassen hatte. Ließe sich auf irgend jemand ein Verdacht werfen, so würde man die strengste Untersuchung gegen den Verdächtigen eingeleitet haben. Wir aber wissen, du selbst nicht ausgenommen, daß bis zum Tage unserer Abreise niemand eines derartigen Verdachtes bezichtigt werden konnte.«

»Du scheinst demnach die Ansicht derer zu teilen, die, wie ja auch dein Vater, entweder Andreas oder den rätselhaften Miguel, vielleicht gar beide in einer Person für Christines Räuber halten?‹

»Wird man nicht dazu gezwungen?« erwiderte Paul. »Deutet nicht alles darauf hin, daß diese beiden zu Freveln aufgelegten Unbesonnenen die verbrecherische Tat vollbracht haben? Beide hatten meine Schwester gewissermaßen verfolgt, beide liebten sie vielleicht, beide waren im Hause meiner Eltern, nachdem Christine es verlassen, und bestürmten erst den Vater, später, als dieser sie kurz und derb abwies, die Mutter mit Bitten, ihnen doch nur von Zeit zu Zeit, alle drei oder vier Wochen, einmal den Anblick Christines zu gönnen. Sehr verstimmt, sich nur mit Mühe lauter Drohungen enthaltend, verließen sie unsere Wohnung, da ihnen auch dies Verlangen mit Entschiedenheit abgeschlagen wurde. Keiner kehrte zurück; Andreas wendete meinem Vater den Rücken, wenn er ihm zufällig begegnete. Er wollte ihn nicht mehr kennen und zürnte ihm offenbar als nachtragender, auf Rache sinnender Feind. Noch auffälliger benahm sich der leidenschaftliche Miguel. Dieser knüpfte mit einem als bösartig bekannten Malayen an, der mancher schlechten Streiche wegen schon ein paar Mal bestraft worden war, trieb sich, was er früher nie tat, in den besuchtesten Tanzsalons auf dem Berge herum, und benahm sich ganz wie ein Mensch, dem man alles zumuten darf. Endlich aber haben mehr denn zwanzig Personen Andreas und Miguel einige Tage vor dem Fest teils flüsternd vor dem Hause des Reeders stehen, teils zu verschiedenen Malen in einem Boot den Kanal, welcher dessen Speicher bespült, befahren sehen. Und damit beinahe aller Zweifel beseitigt werde, verschwinden die Verdächtigen gleichzeitig mit der Geraubten, und nie wieder hat eines Menschen Auge weder meine arme Schwester, noch ihre wahrscheinlichen Entführer gesehen!«

»Dies alles, mein Freund, verdächtigt sie sehr stark, kann sie aber noch lange nicht überführen. Wo in aller Welt sollen zwei junge Leute, die kein Vermögen besitzen, mit einem jungen, zierlich gekleideten Mädchen bleiben, das noch dazu nur mit Gewalt zurückgehalten werden kann? Verschwinden, unsichtbar machen können sie sich doch allesamt nicht. Irgendwo also müssen sie doch geblieben sein. Nun haben aber alle Nachforschungen, wie wir leider wissen, zu gar keinem Resultat geführt, weshalb man folgerichtig zu dem Schluß gekommen ist, die drei Verschwundenen hätten ihr Heil wahrscheinlich auf dem Wasser gesucht und in einem überseeischen Lande den Arm deutscher Gerechtigkeit nicht weiter zu fürchten.«

»Mir scheinen diese Voraussetzungen und Vermutungen sehr wohl begründet zu sein«, sagte Paul.

»Und ich gestehe ganz offen«, fuhr Ohlsen fort, »daß ich mir etwas Unwahrscheinlicheres gar nicht denken kann.«

»Weil du Andreas gern weiß brennen möchtest«, erwiderte etwas gereizt der junge Steuermann. »Er war dir befreundet, ihr habt eine Zeitlang zusammen in Lima gelebt und seid vergnügt gewesen; du gewannst ihn lieb und denkst gern das Beste von einem Bekannten. Das ist ehrenwert, das achte ich, kann aber die Verdachtsgründe, die nun einmal in überwiegender Menge gegen Miguel und Andreas vorliegen, bei mir nicht abschwächen.«

»Ich begreife dein Vorurteil und fühle deinen Schmerz!« versetzte vollkommen ruhig auf diese hastig gesprochenen Worte Pauls der Kapitän, »indes ließe sich nicht der Fall denken, daß nicht nur deine Schwester entführt sei, sondern daß gleichzeitig die beiden Bewunderer dieser Schönheit dem nämlichen Schicksal verfallen seien?«

Paul frappierte dieser Einwurf Ohlsens dergestalt, daß er einen Augenblick die Speichen des Rades gleiten ließ. Der Kapitän drehte sie zurück und zwang das leicht abfallende Schiff in den eingehaltenen Kurs.

»Eine kühne und wirklich ganz neue Idee«, sprach nach einer Weile Paul mit finsterer Miene.

»Kühn?« versetzte der Kapitän. »Nicht im geringsten. Neu mag ich sie auch nicht nennen; wenn aber meine Vermutung richtig wäre, so müßte man zugeben, daß sie einem sehr klug berechnenden Kopf ihre Entstehung zu verdanken haben würde.«

»Um so schlimmer!« seufzte Paul. »Je schlauer der oder die Räuber sind, desto gewisser ist die Unglückliche verloren!«

»Verloren geb ich nur das, was ich wirklich in Trümmern, zerbrochen und zerschlagen vor mir liegen sehe. Überdies ist deine Schwester weder feig, noch leicht zu lenken. Vor ihr bangt mir wenig, besonders, wenn meine Vermutung richtig ist. Denn daß ichs offen sage: ich glaube, Christine lebt noch heute so gut wie deine Eltern in oder bei Hamburg, und derjenige, der das Wagestück unternahm, müht sich vergebens ab, die widerspenstige Ariadne zu versöhnen, ihre Gegenliebe zu gewinnen.«

Paul richtete noch mehre Fragen an Ohlsen, um zu erfahren, ob dieser für seine Vermutungen Gründe angeben könne, der Kapitän jedoch weigerte sich entschieden, weil ihm zur Zeit noch nicht hinreichende Verdachtsgründe vorlägen, um eine bestimmte Persönlichkeit namhaft zu machen. Nur die Behauptung stellte er, sie scharf betonend, noch einmal auf, daß die Entführer aller Wahrscheinlichkeit, ja, seiner vollsten Überzeugung nach, in den höchsten Kreisen der Gesellschaft, nicht unter verliebten Seeleuten und Matrosen ohne Mittel und ohne reich bezahlte Helfershelfer, zu suchen sein müßten.

Paul versank in schweigendes Nachdenken, sein Augenmerk nur auf die Führung des Steuers und auf die Bussole richtend, deren nie ruhende Nadel dem Schiff in der tropischen Nacht die Wandelbahn zeigte. Ohlsen überließ den jungen Mann, von dem er für die Zukunft Großes erwartete, seinen eigenen Gedanken. Er hatte, da Paul von selbst das Gespräch auf die mysteriöse Geschichte brachte, es für seine Pflicht gehalten, ihm unverhohlen seine Ansicht darüber mitzuteilen, da er glaubte, der Bruder der Verschwundenen werde nicht verfehlen, schon im nächsten Hafen etwas über das Vernommene an die Seinigen zu berichten.

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