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Reeder und Matrose

Ernst Willkomm: Reeder und Matrose - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleReeder und Matrose
authorErnst Willkomm
firstpub1857
year1926
publisherLeuchtfeuer-Verlag
addressHamburg
titleReeder und Matrose
pages3-13
created20050628
sendergerd.bouillon
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13

Es ist gegen Mitternacht. Auf dem Deck eines von den Küsten Südamerikas kommenden Schoners, der die Bremer Flagge führt, lehnt außer dem Mann am Steuer und der Wache am Bug, nur noch ein Mann auf der Leeseite und blickt über die Schanzkleidung hinaus bald auf die endlose Wasserwüste, bald empor zum Sternenhimmel. Noch glüht dort im Süden, aber nur wenige Mondbreiten über dem Horizont, das wunderbarste aller Sternbilder, das südliche Kreuz. Auf dieser Hieroglyphe des Himmels, die kein Europäer erblickt, ohne tief ergriffen und in eine anbetende Stimmung versetzt zu werden, ruht lange der Blick des Einsamen, der, wie jeder Seemann, in grober bequemer Jacke einhergeht, statt der üblichen Kopfbedeckung der Matrosen aber einen breitrandigen Pflanzerhut trägt.

»Schiff in Sicht, Süd-Süd-Ost zu Ost!« ruft die Wache, und der Passagier wendet das Auge der angedeuteten Gegend zu. Gleichzeitig tritt, das Fernrohr in der Hand, der Kapitän auf Deck. Er beobachtet, über das Quarterdeck schreitend, den schnell sich nähernden Segler, dessen Masten schon sichtbar werden und das Fahrzeug als eine große, schnell segelnde Bark erkennen lassen. Eine Flagge ist noch nicht zu sehen und würde auch kaum erkennbar sein, da das helle Mondlicht blendet und die Segel breite, fliegende Schatten werfen. Nach mehrmaligem Auf- und Niedergehen wendet sich der Kapitän zu dem fast regungslos die Woge, den Nachthimmel und das herannahende Schiff still beobachtenden Passagier.

»Wieder schlaflos, Herr?« redet er ihn im Vorübergehen an. »Werden Ihrer Gesundheit schaden. Die Nacht ist kühl, der Tau feucht und durchdringend. Können sich das Fieber holen.«

»Fürchte ich nicht, Kapitän«, erwiderte der Passagier. »Ich kenne das Klima dieser Breiten und bin gegen alle Wettereinflüsse unempfindlich.«

»Aber die menschliche Natur bedarf des Schlafes, um nicht zu ermatten.«

»Sagen Sie lieber, die Natur der meisten Menschen. Es gibt auch Ausnahmen. Lassen Sie mich für eine solche gelten.«

Der Kapitän ging kopfschüttelnd nach dem Vorderteil des Schiffes und überließ den seltsamen Passagier sich selbst und seinen Gedanken.

Das fremde Schiff war inzwischen so nahe gekommen, daß man an Bord des Bremer Schoners bereits die ganze Takelage, ja die Zahl der Segel, die es aufgesetzt hatte, erkennen konnte.

Dem wachthabenden Matrosen mochte die Zeit lang werden, weshalb er erst nur leise ein Seemannslied summte, dann aber einen damals sehr beliebten Matrosengesang mit heller, volltönender Stimme zu singen begann, daß es weithinaus verhallte.

Der Kapitän stand wieder beim Mann am Steuer, warf einen Blick auf die Bussole unter der Laterne und sagte: »Einen halben Strich mehr Backbord, will das Schiff sprechen.«

Klirrend ließ der Steuermann das Rad um ein paar Speichen abfallen, die Wogen brausten und schlugen gegen Bug und Stern, der Schoner wiegte sich langsam, wie ein Reiter im Sattel eines stark austrabenden Renners, die Segel bauschten stärker auf, daß Raaen und Spieren ächzten, und das fremde Fahrzeug kam näher in Sicht. Noch einige Minuten und der ganze Rumpf hob sich aus dem leuchtenden Schaum der sprühend verwehenden Flut.

Der Kapitän setzte sein Sprachrohr an den Mund und rief:

»Schiff ahoi! Aus welchem Hafen? Wohin bestimmt?«

Es vergingen wieder ein paar Minuten, dann wippte ein dunkler Gegenstand am hintern Mast auf zur Gaffel und gleichzeitig dröhnte über das Meer herüber die dumpfe Antwort:

»Hamburger Bark ›Marie Elisabeth‹, Kapitän Ohlsen, nach Buenos-Aires.«

Der Bremer Kapitän nannte jetzt den Namen seines Schiffes und als Bestimmungsort Bremen selbst. Es kam von Rio. Von der Hamburger Bark klang es wieder zurück:

»Alles wohl an Bord. Nichts Neues.«

Es wurden noch einige Worte zwischen den Führern beider Schiffe gewechselt, dann mußte man die flüchtige Unterhaltung einstellen, denn die frische Brise trennte die Fahrzeuge ebenso schnell wieder wie sie sie einander nahe geführt hatte.

Der Kapitän sah nach seinem Chronometer.

»Zwanzig Minuten nach zwölf«, sagte er, einen Blick auf den Himmel und den Mond werfend, der in ungetrübter Klarheit seine Bahn wandelte. »Die Nacht bleibt schön«, fuhr er mit sich selbst sprechend fort. »Morgen Vormittag aber wird der Wind wahrscheinlich umlaufen und uns weniger gutes Wetter bringen.«

Er näherte sich nochmals dem immer noch an derselben Stelle lehnenden Passagier, der den bläulich glänzenden Wasserstrudeln folgte, welche der Kiel des Schiffes aufrührte und die oft ein wunderbar schönes Farbenlicht entwickelten.

»Wollen Sie mich begleiten, Herr?« fragte er. »Mitternacht ist vorüber.«

»Sie sind gütig, Herr Kapitän, doch bitte ich, nicht auf mich warten zu wollen.«

»Gute Nacht denn. Morgen erreichen wir die Kap Verdischen Inseln.«

»Gute Nacht«, erwiderte höflich der Passagier, hüllte sich fester in seine Jacke, verschränkte beide Arme über der Brust und sah wie früher, unverwandt in das Rollen, Schäumen, Strudeln und Sprühen der Wogen hinab, die in vielgestaltigen Formen, bald bebende Hügelreihen bildend, bald als wogende Täler dem Schiff nahend, an den festen Planken des Schoners zerbarsten.

Es mochten wohl zwanzig Minuten vergangen sein, da sah man von der Hamburger Bark nur noch die obersten Segel über den Wogen schimmern. Ein Seufzer entrang sich der Brust des Passagiers, der jetzt seinen Standort verließ, noch ein paarmal die Länge des Schiffes mit großen festen Schritten durchmaß, den Steuermann stumm grüßte und sich endlich ebenfalls zurückzog.

Stark und muskulös von Körperbau, zeigte das ganze Äußere des Fremden, daß ein Leben voll Strapazen ihn nicht eben sanft gewiegt haben mochte. Die Züge seines sehr dunkelbraunen, große Energie verkündenden Gesichts waren streng, hart, tief gefurcht, mit vielen Narben bedeckt. Das etwas struppige Haar, auf dessen Pflege sein Besitzer schwerlich viel Zeit verschwendete, zeigte eine fahlgraue Farbe, der aller Glanz natürlichen Haares fehlte. Man konnte den Mann gern für sechzig Jahre halten, obwohl er möglicherweise jünger war, denn die stramme Haltung seines nervigen Körpers, der geierartige Blick seiner großen, in tiefen Höhlen liegenden dunkelblauen Augen verrieten, daß es ihm weder an physischen Kräften noch an einer unverwüstlichen Gesundheit mangele.

In der Kajüte brannte die gewöhnliche von der Decke herabhängende Lampe, deren gedämpftes Licht gerade hinreichend war, um den kleinen Raum zu erhellen.

Beim Eintritt war der Passagier, der einzige auf dem ganzen Fahrzeuge, das außer dem Kapitän neun Mann Besatzung hatte, sehr behutsam, um den Kapitän in seiner Koje nicht zu stören. Erst, als er diesen mehrmals laut husten hörte, tat er sich weniger Zwang an. Er öffnete mit einigem Geräusch die zum Zurückschieben eingerichteten Türen, eines kleinen, ihm nur zu seinem Gebrauch überlassenen Seitenraumes, der außer einem bequemen Lager, noch verschiedene Utensilien für den täglichen Gebrauch, einige Bücher, einen sehr großen Koffer und einen stark mit Stahlbändern umlegten und verschlossenen Koffer enthielt.

»Wird es Ihnen doch endlich zu kühl auf Deck?« fragte der teilnehmende Kapitän aus seiner Koje, dem das merkwürdig ruhelose Wesen seines ziemlich einsilbigen Passagiers fast unheimlich vorkam. »Suchen Sie die Ruhe, denn ich sage Ihnen, Herr, in der nächsten Nacht wird uns der Wind schwerlich schlafen lassen.«

»Ist mir sehr gleichgültig«, erwiderte der Passagier. »Ich kann schlafen, wenn ich will, also, wenn ich das Bedürfnis dazu fühle, und ich kann wachen, sobald ich mir sagen darf, daß nutzloser Schlaf ein freiwilliger Totschlag ist, den leider sehr, sehr viele Menschen an ihrer eigenen Seele begehen.«

Der Kapitän war durchaus kein philosophisch gebildeter Kopf. Er hütete sich deshalb wohl, eine Bemerkung zu machen, die seinen wunderlichen Passagier vielleicht zum Sprechen bewogen hätte. Brummend vielmehr kehrte er sich in seiner Koje um und überließ dem Fremden für den Rest der Nacht die Kajüte zu beliebiger Benutzung.

*

Dieser erschloß jetzt seinen Koffer und entnahm demselben ein Paket. Dann setzte er sich auf das kleine schmale Sofa, welches an der Rückwand angebracht war, und löste die es umwindenden Schnüre. Außer einem Heft Papiere und einigen Briefen enthielt das Paket auch noch zwei in Gold gefaßte Medaillons. Der Fremde betrachtete eins derselben, eine zarte, ungemein liebliche Frauengestalt darstellend, in deren großen dunkeln Augen Schwärmerei und Leidenschaft sich begegneten, lange. Sein Mund zuckte krampfhaft während dieses Beschauens, die buschigen Augenbrauen, welche seine tief liegenden Augen überschatteten, zogen sich schmerzbewegt zusammen, und ein paar Tränen fielen nieder auf die braunen, gefurchten Wangen des Fremdlings. Er küßte das Bild und legte es tief aufseufzend bei Seite. Jetzt warf er auch auf das zweite Medaillon, auf dem sich das Brustbild eines in vollster Jugendkraft stehenden Mannes befand, einen Blick. Dieser Mann mußte schön gewesen sein und viele Augen auf sich gezogen haben. Aus dem blitzenden, freien Blick sprachen Selbstgefühl und Intelligenz; die hohe gewölbte Stirn verkündete Gedankenreichtum und Unternehmungsgeist. Auch dies Bild war lange Gegenstand ernster, wehmütiger Musterung. Plötzlich erhob sich der Fremdling, kehrte sich um, daß er sein eigenes Antlitz in dem über dem Sofa hängenden Spiegel betrachten konnte, und ballte im nächsten Augenblick seine Hand um das Medaillon, während er in ein heiseres, markerschütterndes Lachen ausbrach.

Matt zusammenbrechend, entfiel das Bild seiner Hand. Er achtete nicht darauf. Die Hände ineinandergeflochten und über die Stirn gelegt, saß er schwer atmend da. Er war das verkörperte Unglück, das einsam, freundlos, ungekannt, in tiefer Nacht auf dem Ozean treibt, nachdem es zehnmal Schiffbruch gelitten im Leben und darin alles verloren. Ihn störte nicht das Rasseln und Klirren der Steuerkette, er achtete wenig auf den dumpfen Schall der Tritte, die von Zeit zu Zeit, wenn die Wache das Deck beschritt, hörbar wurden. Das Schiff flog unbehindert rasch über die Wogen, die es leicht, bald stärker, bald schwächer schaukelten, und diese wiegende Bewegung war dem einsamen Passagier eher angenehm als unangenehm.

Als der Fremde seinen Schmerz überwunden hatte und wieder Herr über sich selbst geworden war, ließ er die Hände sinken, raffte beide Medaillons auf, ohne sie noch einmal eines Blickes zu würdigen, wickelte sie ein und legte sie wieder in das Paket. Hierauf griff er nach den Briefen, von denen er einen sehr langen, mehrere Seiten füllenden entfaltete. Am Ende desselben stand der Name Eduard Heidenfrei.

»Nun, vielleicht wird es dennoch besser!« sprach der Fremdling, sich selbst ermutigend, »vielleicht blüht mir in meinem Alter noch jenes Glück, das nach dem Willen Gottes und dem Gesetze der Natur nur die Jugend zu pflücken und wirklich zu genießen berufen ist. Jetzt meinen sie es redlich mit mir; daß sie auch früher, als ich noch stark, willenskräftig, freimütig und unternehmend war, nur mein Bestes gewollt haben, will ich annehmen. Es nützt ja doch nicht, die lebendige Gegenwart mit dem Stickstoff der toten, verwesenden Vergangenheit zu vergiften.

Den Brief entfaltend, begann er zu lesen:

Bester Oheim!

Über deine Antwort auf unsern ersten Brief haben wir uns alle sehr gefreut; vor allem beruhigte es die Mutter, zu erfahren, daß deine kräftige Natur gesiegt und du wieder in voller Gesundheit den Stürmen entgegentreten kannst, die etwa noch in der Zukunft drohen mögen.

Der Vater, mit welchem wir Brüder deinetwegen, bester Oheim, lange und ernste Unterredungen gepflogen haben, ist keineswegs abgeneigt, auf deine Pläne einzugehen, nur wünscht er sie zuvor ihrem ganzen Umfang nach kennen zu lernen; du darfst ihm das nicht verdenken, Vater kennt Brasilien nicht aus eigener Anschauung, er kennt es nur aus deinen feurigen Schilderungen und unsern prosaischen Erzählungen. Auch liegt eine gewisse Wahrheit in der Behauptung des Vaters, daß es dir nach so langen Irrfahrten schwer fallen werde, ein umfassendes kaufmännisches Geschäft mit all der Liebe und eisernen Ausdauer zu leiten, die nun einmal zu dessen Gedeihen unerläßlich sind. Lasse dich trotzdem nicht abschrecken, der Vater willigt doch ein, denn es liegt ihm selbst zu viel an dieser Unternehmung, ja, er kann sie kaum mehr entbehren, weil sie der Christophorus des heimischen Geschäftes sein wird. Im nächsten Sommer besucht dich einer von uns Brüdern. Dann bereisen wir mit dir das Land, schließen mit der Regierung ab und tun den ersten Spatenstich zu der Kolonie, die keinen andern Namen als deinen eigenen tragen soll. Dort sollst du dann leben, regieren, unabhängiger und freier, als jeder König in Europa. Du wirst herrschen über die Herzen eines Volkes, dem dein Unternehmungsgeist Boden gegeben, dem du eine Zukunft gegründet, eine Heimat erobert hast. Man wird dich lieben, verehren, anbeten, wie einen segenspendenden Apostel, und in dem Bewußtsein, dies Erlösungswerk aus der Knechtschaft des Arbeitsdruckes, aus der Qual des Hungers für Tausende durch deine Energie begonnen zu haben, wirst du all die Schmerzen vergessen, welche deine Seele so tief verwundeten und dich verzweifeln ließen an der Menschheit!

Sieh, bester Oheim, Bruder Ferdinand und ich, wir haben so unsere eigenen Pläne und tragen uns, wenn wir eine Stunde allein sind, mit wunderbaren Gedanken. Uns hat es immer verdrossen, daß so zahllose Menschen, denen es doch sonst weder an natürlichem Verstand noch an Kenntnissen fehlt, mit einer gewissen Geringschätzung auf den Kaufmann herabsehen. Da wirft man immer und immer wieder mit ›Pfeffersäcken‹ um sich, um das grob Gemeine recht roh auszudrücken, das angeblich leitendes Prinzip aller Kaufleute sein soll. Nun, ich will gern zugeben, daß es sehr, sehr viele eigennützige, gewinnsüchtige Naturen unter den Kaufleuten gibt. Kann aber diese im Verhältnis zum Ganzen doch immerhin geringe Anzahl den Stand selbst herabsetzen?

Ich meinesteils habe von dem Handel und von denjenigen, welche dem Handel ihre Kräfte, ihr Leben aus innerem Triebe widmen, einen ganz andern Begriff. Wer mich ›Pfeffersack‹ schimpft, soll es tun auf sein Gewissen und seine Verantwortung hin.

Ich sehe ein Lächeln über dein Gesicht gleiten, du Vielgeprüfter, das dem jugendlichen Schwärmer gilt, den du vielleicht bemitleidest. Ja, ich bin ein Schwärmer, und ich wünsche es zu bleiben, wenn Schwärmen nichts anderes ist, als Bausteine sammeln für das zukünftige Geschlecht. Aber ich will und muß abbrechen, da ich noch vielerlei anderes auf dem Herzen und dir mitzuteilen habe. – – 

Der Lesende legte hier das Schreiben nieder und stützte sinnend die gebräunte Stirn in seine Hand. Kein Lächeln erhellte seine hart gewordenen Züge. Die großen, tiefen Augen richteten sich nach oben, als suchten sie dort an dem ungewissen Lichtgeflimmer der Lampe, die ihren matten Schein über das Deckengebälk der Kajüte ausgoß, eine Antwort zu lesen auf still hingeworfene Fragen.

Nach einiger Zeit nahm der Einsame den Brief wieder auf und las weiter:

Unser Familienleben, bester Oheim, ist seit dem Feste, das ein so betrübendes Ende nahm, stiller und einförmiger geworden als früher. Der Vater mißtraut jetzt fast allen Menschen, die er nicht ganz genau kennt, und erst, wenn er untrügliche Beweise von Treue oder Zuverlässigkeit in Händen hat, erschließt sich sein großes, menschlich gutes Herz, und von neuem leben alle Pläne der Vergangenheit wieder in ihm auf. Am meisten drückt den Vater der stille Kummer seines langjährigen Quartiersmannes um die noch immer nicht wieder gefundene Tochter. Wäre anzunehmen, daß sie verunglückt sei, so würde der brave Alte sich trösten und resolut fassen, wir sind aber durch unermüdetes Forschen zu der traurigen Überzeugung gekommen, daß sie höchst wahrscheinlich lebt, vielleicht in harter Gefangenschaft, vielleicht in glänzenden, aber entwürdigenden Verhältnissen. Ein frevle Hand hat die Unglückliche geraubt. Der meiste Verdacht ruht bis jetzt auf einem Matrosen, Namens Miguel, einem jungen Manne von höchst zweifelhaftem Charakter, und auf dessen Freunde, dem Steuermanne Andreas vom Schoner ›Adolphine‹. Beide jungen Leute waren befreundet und stellten dem jungen Mädchen, noch ehe dasselbe als Gesellschafterin unser Haus betrat, nach. Miguel, der von unbekannter neuspanischer oder halbportugiesischer Abkunft ist – seine wirkliche Heimat ist nicht bekannt – hatte sogar wiederholt in leidenschaftlichen Worten beteuert, daß er ohne Christine nicht leben könne. Auffallend ist es nun, daß sowohl Andreas wie Miguel in der Nacht, wo Christine aus unserm Hause geraubt wurde, ebenfalls verschwunden und zwar spurlos verschwunden sind. Gegen neun Uhr holte Andreas seinen Freund Miguel von seinem Schlafbaas ab. Sie flüsterten lebhaft miteinander, ehe sie fortgingen, und Andreas bat sogar den Baas, er möge bis nach Mitternacht auf sie warten, da sie erst um diese Zeit zurückkommen würden. Der Baas hat späterhin ausgesagt und seine Aussage sogar eidlich erhärtet, daß Miguel sehr finster, fast gefährlich wild ausgesehen und außer seinem gewöhnlichen Messer, das er stets bei sich getragen, noch einen kleinen zierlichen Dolch in die Falten seiner Schärpe gesteckt habe. Diese Anzeichen deuten auf eine Entführung des jungen Mädchens durch die genannten beiden jungen Männer. Etwas Weiteres, Verfänglicheres ist aber nicht ermittelt worden. –

Von deinem Sohn, den du in Europa, ja sogar in Deutschland vermutest, haben wir bis zu dieser Stunde keine Spur zu entdecken vermocht. Die havanesische Firma muß entweder erfunden sein oder seit längerer Zeit nicht mehr bestehen. Man kennt sie nicht. Auf diesem Wege also wird die Ermittlung kaum möglich werden. Ja, wenn du irgendein Merkmal angeben könntest, das sich nicht verwischen läßt. Aber du bist ja kaum je im Besitz deines Kindes gewesen und hast also wahrscheinlich auch nicht darauf geachtet.

Bitte, bester Oheim, schreibe unmittelbar nach Empfang dieses Briefes wieder und laß uns wissen, was du beschlossen hast. Wir müssen uns bald sprechen, womöglich noch in diesem Jahre. Die Wiederaufrichtung der Handlung drüben in Rio oder an einem andern Platz steht fest. Einer von uns Brüdern tritt die Reise dahin an, sobald du gesprochen und einen unumstößlichen Entschluß gefaßt hast.

Von den Eltern, Bruder Ferdinand und meiner kleinen Schwester viele Grüße.

Lebe wohl, bester Onkel, und lies dir aus diesem endlosen Schreiben so viele Grüße eines dir treu ergebenen Herzens heraus, als du brauchst, dich in deiner Einsamkeit zu stärken.

Dein aufrichtiger Neffe

Eduard Heidenfrei.

*

Die Lektüre dieses Briefes mußte Augustin Hohenfels, den einsamen Passagier, etwas beruhigt haben. Er sah heiterer, fast glücklich aus, und aus seinen großen Augen brach das sprühende Licht zündender Gedanken.

Das Schreiben seines Neffen, den er persönlich ebensowenig kannte, wie manchen anderen, von welchem die Rede darin war, hatte des eigentümlichen Mannes ganzen Beifall. Augustin liebte Eduard, nicht weil er sein Neffe, das Kind seiner Schwester war, sondern weil aus den Worten des jungen, strebenden, denkenden Kaufmannes ihm sein eigenes Wollen und Ringen in frischer, schöner Jugendblüte entgegenschlug. Hohenfels fühlte sich gehoben und gestärkt durch die Mitteilungen seines Neffen, der jetzt gereifte Mann, den so viele Stürme nicht zu brechen vermochten, glaubte, sein Leben und Wollen könne doch nicht ein ganz verfehltes genannt werden.

Augustin Hohenfels legte das Schreiben zu den beiden Medaillons und ergriff jetzt das starke Konvolut dicht beschriebener Papiere. Unschlüssig, ob er es öffnen solle oder nicht, saß er eine kleine Weile, dann löste er mit raschem Griff die Umhüllung und entfaltete ein Manuskript, das die Überschrift trug: › Aufzeichnungen aus meinem Leben.

Wie er diese Worte und den Tag las, an welchem er die ersten Blätter derselben niedergeschrieben hatte, überrieselten sein Herz abwechselnd Schmerzens- und Wonneschauer. Noch zögerte er, und wohl dreimal zog er die Hand zurück von diesen Aufzeichnungen, als enthielten sie Gift, dessen bloßer Duft schon lähmend, wenn nicht tödlich wirkte. Augustin kam sich wie ein Totengräber, wie ein Geisterbanner vor, und in der Tat konnte er sich aus dem Einen in den Andern verwandeln. Es war sein Grabmal, dessen Deckel er aufgebrochen hatte. Da drinnen in der vergilbten Hülle dieser Papiere lag sein ganzes vergangenes Leben begraben. Da war der Mensch, der er einst gewesen, unbemerkt vermodert, in Staub zerfallen. Ihn herausnehmen, die Atome dieses Staubes jetzt wieder in einen Körper formen, hieß seinen eigenen Leichnam zu einer verfrühten Auferstehung zwingen. Und dann war er auch Geistesbanner; denn war auch der Leib seines Lebens verwest und verweht, wie die abgelaufene Stunde, der vergangene Tag unwiederbringlich vom Schlund der Zeit verschluckt worden ist, die Seele, welche diesen Leib belebte, diese Seele glimmte noch fort, ähnlich dem Funken unter der Asche, den ein leiser Atemzug wieder zu hell auflodernder Flamme anfachen kann. Rief er diese Seele wach, so stiegen die Geister der Vergangenheit vor ihm auf und zwangen ihn noch einmal, unter Jauchzen und Zähneklappern das Leben an sich vorüberziehen zu lassen, für das er bald geschwärmt, bald gelitten und geblutet hatte.

Endlich siegte das Bedürfnis, seine Wünsche, die längst als bloße Chrysaliden der Zukunft in den Ecken seiner begrabenen Vergangenheit des belebenden Sonnenstrahles harrten, zu durchmustern, über den Widerwillen oder die Furcht, sich selbst Geißelhiebe beizubringen. Augustin Hohenfels schlug die Blätter auf und begann bald da, bald dort darin zu lesen.

Ohne den Brief seines Neffen hätte der schwer geprüfte Mann sich schwerlich dieser Papiere erinnert, denn vieles mochte ihm jetzt in einem ganz andern Licht erscheinen. Dennoch leuchtete sein Auge, wie es aus den Schriftzügen des Jünglings sein vergangenes Denken erquickend der ermatteten Seele zuströmen fühlte. Augustin Hohenfels schob jetzt das Manuskript zurück und ließ träumerisch erschöpft, halb freudig bewegt, halb in Trauer sich hüllend, das Haupt sinken.

Trümmer einer untergegangenen Welt! dachte er. Wer achtet ihrer jetzt, wo die Zeit ihren Moderschutt darüber gebreitet hat, und Nesselkraut, Distel und Dornen daraus wuchern? Es wäre besser, sie existierten nicht, denn sie wecken nur das Gefühl des Heimwehs nach einem längst Vergangenen, das nie wiederkehrt. Und nun? . . . Enttäuscht, an hundert Klippen gescheitert, treibt mich die Sehnsucht der alten Welt wieder zu, um dort einen Halt in strebender Jugend für meinen gebrechlich werdenden Willen zu finden! . . . O, möchte ich diesmal nicht getäuscht werden! Möchte der Hauch des mir verwandten Geistes, der aus Eduard Heidenfreis Brief meinem Herzen tausend neue Hoffnungsblüten zuwehte, mich nicht betrügen! Wer weiß, ob dann nicht unter den pflegenden Händen des Oheims und Neffen doch noch ein Teil der Gedankensaat keimte, blühte und reifte, die unser gemeinsames Erbteil, unsere Lebensaufgabe ist, und deren Verwirklichung wir alles, selbst Blut und Leben, zum Opfer bringen sollen . . .

Ermüdet schloß Augustin Hohenfels die vergilbten Blätter wieder in den Koffer. Der Mann am Steuer über ihm summte ein Seemannslied, der Kapitän in seiner Koje schnarchte. Hohenfels lehnte sich zurück in die Sofaecke, und seinen Gedanken sich hingebend, fiel auch der abgehetzte Wanderer alsbald in festen Schlummer.

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