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Reeder und Matrose

Ernst Willkomm: Reeder und Matrose - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleReeder und Matrose
authorErnst Willkomm
firstpub1857
year1926
publisherLeuchtfeuer-Verlag
addressHamburg
titleReeder und Matrose
pages3-13
created20050628
sendergerd.bouillon
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12

Die Lüster brannten, die Säle waren geöffnet und von duftendem Aroma durchzogen. Ein ganzer Wald lebendiger Blumen, unter denen sich kostbare exotische Gewächse von seltener Schönheit befanden, war zu geschmackvoller Verzierung, sowohl der Gesellschaftszimmer wie der Korridore und der breiten Doppeltreppe, verwendet worden. Teppiche bedeckten die Treppenstufen und die weite Diele, auf welcher Heidenfrei eine Anzahl Büsten berühmter deutscher Gelehrter, Dichter und Komponisten hatte aufstellen lassen. Selbst bis auf die Straße hinaus erstreckten sich diese Teppiche, damit die zarte Fußbekleidung der zum Fest geladenen Damen nicht die feuchten Steine berührte; denn das Wetter war keineswegs angenehm. Es stürmte und regnete, und der Himmel war so dicht mit grauen Wolken verhangen, wie man ihn gewöhnlich an Novembertagen im nördlichen Deutschland sieht. Trotz dieses unfreundlichen Wetters aber sammelte sich doch ein Trupp Neugieriger an dem Heidenfreischen Hause, als eine Equipage nach der andern heranrollte und aus fast allen geschmückte Damen in blitzenden Kleidern, von Edelsteinen und Blumen strahlend, ausstiegen, und leichten Fußes die Stufen hinaufhüpften nach der von vielen geschäftigen Dienern erfüllten Diele.

Don Alonso Gomez verwandte heute Abend die größte Sorgfalt auf seine Toilette, und als sie beendigt war, mußte er sich mit lächelndem Auge selbst gestehen, daß er Sensation erregen und viele schöne Augen auf sich ziehen werde. Dies war auch sein Wunsch, denn das gewöhnliche Alltagsleben in der großen reichen Handelsstadt fing an, ihn wirklich zu langweilen, weil ihm die Leute zu ernsthaft waren und selbst das Heitere, Scherzhafte ernsthaft betrieben. Das war nicht nach dem Geschmack des heißblütigen, die Veränderung liebenden Südamerikaners.

Heute jedoch, im Hause seines Gönners Heidenfrei, versprach er sich Genuß und Zerstreuung. Obwohl er seine Vorschläge für die Festfeier mannigfach hatte modifizieren müssen, seiner Gewandtheit gelang es dennoch, einiges, woran ihm gerade am meisten gelegen war, durchzusetzen. So war es ihm denn auch geglückt, in mehreren Gruppen, welche die Gesellschaft als ›lebende Bilder‹ unterhalten sollten, sich eine Rolle zu sichern, und zwar waren dies solche, wo er den vorteilhaftesten Gebrauch von seinen Naturgaben machen konnte. Er hatte dabei das Vergnügen, dreimal als Liebender aufzutreten, und als solcher, wenn auch nur stumm, drei verschiedenen jungen Mädchen seine Liebe zu erklären, oder doch, was man ihm ja nicht verwehren konnte, die eine oder andere durch seine Blicke ahnen zu lassen, was er für sie fühle.

Um gleich bei seinem Eintritt in die Gesellschaft alles Augenmerk auf sich zu richten, beschloß er, so spät wie möglich zu erscheinen. Vornehme und hochgestellte Personen lassen warten. Don Gomez ließ nun nicht warten, weil er sich ebenfalls zu den Vornehmen zählte, sondern weil er zu genau wußte, daß sein Nichtkommen die ganze Familie Heidenfrei in eine fieberhafte Spannung versetzen werde; denn gerade der musikalische Teil des Festes, in welchem der bevorzugte Fremdling am meisten zu glänzen hoffte, war von ihm selbst so geordnet, daß man ihn nicht beginnen lassen konnte, bis es ihm beliebte, die Harrenden und Sehnenden durch seinen Eintritt zu beruhigen, wo nicht zu beglücken.

Als Don Gomez endlich glaubte, es sei spät genug, rief er seinen Diener, der ihn bis an das Haus begleiten sollte. Ein Wagen harrte schon geraume Zeit und nahm jetzt die beiden Männer auf.

»Ich darf also gewiß sein, daß du alle meine Befehle pünktlich und buchstäblich vollzogen hast?« fragte Don Alonso den Mulatten.

»Sie sind vollzogen.«

»Und du bist schweigsam gewesen, wie das Grab?«

»Der Tod selbst kann nicht stummer, nicht kälter, nicht unerbittlicher sein«, versetzte Master Papageno.

»Es ist gut«, sagte Don Gomez zufrieden. »Du wirst sehen, daß ich erkenntlich bin.«

In diesem Augenblick hielt der Wagen, der Schlag ward aufgerissen und Don Gomez schwang sich leicht und elastisch wie der geübteste Ballettänzer heraus. Als man ihn erkannte, rief man sofort seinen Namen, damit er den ungeduldig des spät kommenden Gastes Harrenden unverweilt gemeldet werde. Ein stolzes, zufriedenes Lächeln überglänzte einen Augenblick lang das Gesicht des Mexikaners, der sich innerlich freute, eine so wichtige, so unentbehrliche Person geworden zu sein.

Ein paar Minuten später trat Don Gomez, von dem Hausherrn freundlichst empfangen, in die Gesellschaft. Zu seiner größten Genugtuung bemerkte er sogleich, daß alle, namentlich aber die Damen, ihn scharf fixierten. Sein verspätetes Kommen suchte er in der liebenswürdigsten, ungezwungensten Weise durch eine gut erfundene Lüge zu entschuldigen.

Außer der bedeutenden Anzahl fremder Gäste waren als Teilnehmer zu diesem Familienfest auch sämtliche im Kontor Beschäftigten geladen, die sich pflichtschuldigst zur bestimmten Stunde eingefunden hatten. Der redliche Treufreund fehlte natürlich nicht, obwohl der stumpf und steif gewordene alte Herr wenig Sinn für so großartige Feste hatte.

Zu Anton und den jüngeren Kontoristen im Heidenfreischen Hause gesellten sich auch dessen Freunde Julius und Kurt, die beide in Häusern engagiert waren, welche in engster Verbindung mit dem Reeder standen. Außerdem gehörten beide alten, geachteten Familien an und verkehrten daher viel in den ersten Zirkeln.

Noch vor der Ankunft des Mexikaners, der diesen jungen Männern schon längst keine unbekannte Erscheinung mehr, wohl aber keine besonders gern gesehene war, hatte der übermütige Anton seine ebenfalls lustigen Freunde in gewisse Heimlichkeiten des Hauses Heidenfrei eingeweiht und schließlich eine so komische Schilderung von dem ›Schatten‹ entworfen, der leider heute ganz verloren ging, daß es den Zuhörern schwer fiel, ernsthaft zu bleiben.

Es war ein Glück, daß gerade bei Beendigung dieser Eröffnungen Antons der Bediente den Neuspanier meldete, der ihm auf dem Fuße folgte.

Der Anschlag eines Akkordes auf dem Piano machte jeder Unterhaltung ein Ende. Jeder suchte einen bequemen Platz zu erobern, was bei der großen Menge der Anwesenden nicht ganz leicht war und vielen nicht gelang. Inzwischen ordneten sich die Musikalischen, um die Gesellschaft durch ihre Vorträge zu unterhalten.

Musik läßt sich nicht beschreiben; aber sämtliche nur von Dilettanten aufgeführten Vorträge entzückten in ihrer Art selbst musikalisch schwer zu Befriedigende. Rauschenden Beifall ernteten Elisabeth und Ulrike für ihre spanischen Lieder, die Don Gomez auf der Zither schmelzend und meisterhaft begleitete.

Nicht so glücklich fiel ein dramatischer Versuch aus, obwohl ihn die Gesellschaft nachsichtsvoll beklatschte. Es fehlte die Einheit, der innere geistige Zusammenhang der heiter gehaltenen dramatischen Kleinigkeit, die aus dem Charakter der Humoreske sich einige Male in lyrische Sentimentalität verirrte. Dies ging ganz natürlich zu. Anton hatte nämlich mit leidlichem Geschick die Verse mit männlichen Reimen niedergeschrieben. Um diese Eintönigkeit zu verwischen, drechselten Ferdinand und Elisabeth einige in weiblichen Reimen ausgehende Verse dazu, die beim Lesen sich ganz allerliebst ausnahmen, nur leider aller humoristischen Färbung entbehrten, sonst aber zum Ganzen paßten. Bei gemeinsamer Durchsicht und Überarbeitung aller drei Poeten bemerkte Anton, der einen gesunden kritischen Scharfblick besaß, diesen bedenklichen Fehler und erlaubte sich, auf das Gefährliche desselben bei der Aufführung hinzudeuten. Er fand aber merkwürdigerweise ungläubige Zuhörer, und so blieb das interessante Produkt mit sehr geringen Veränderungen ganz, wie es war.

Über dies halbe Fiasko des dramatischen Spieles, das vor einem streng richtenden Publikum unrettbar zu einem ganzen sich gesteigert haben würde, triumphierte Treufreund. Schon während der Aufführung ließ er Bemerkungen seinen höhnisch lächelnden Lippen entschlüpfen, die den Ohren des Autors nicht angenehm klingen konnten. Schade nur, daß der kritisierende ›Schatten‹ Recht hatte! Als nun aber der Vorhang des mit seinem Geschmack aufgeschlagenen kleinen Theaters fiel, prickelte es den alten Herrn, sein Mütchen zu kühlen. Er hing sich mit der freundlichsten Miene an Antons Arm und sagte lächelnd, wie ein Satyr, dem es gelungen ist, eine badende Nymphe zu belauschen:

»Das gute, alte, derbe, deutsche Sprichwort: Schuster, bleib bei deinem Leisten! hat man auf dem vornehmen Institut, wo Sie Ihre ausgezeichnete Bildung erhielten, wohl nicht gekannt? Es geschieht Ihnen Recht, ganz Recht geschieht Ihnen. Warum ließen Sie sich durch Selbstüberschätzung verblendet, überreden, den Poeten ins Handwerk zu pfuschen?«

Anton zuckte die Achseln. »Haben wir uns blamiert, mein Verehrtester«, versetzte er, »so tragen wenigstens drei zusammen daran. Eine so geteilte Last, die noch dazu teils auf den zarten Schultern einer liebenswürdigen, jungen Dame ruht, ist immer süß. Ich zweifle indes nicht, daß Sie weit befugter dazu waren, als ich, denn Sie haben ja in wirklicher poetischer Begeisterung zwei Gedichte gemacht.«

Das war dem ›Schatten‹ zu viel, er machte ein gewaltig grimmiges Gesicht, indem er sich tief verbeugte und mit den Worten fortging: »Mit dem Bilderfirlefanz hat es wohl noch einige Zeit. Da will ich mal eine Inspektionsreise antreten, das ist als ältester Angestellter ohnehin gewissermaßen meine Pflicht. Wenn die Engel tanzen, lachen die Teufel. Adieu, meine Herren, auf Wiedersehen!«

Treufreund verließ unbemerkt die Gesellschaft, ging die Treppe hinab über die jetzt stille Diele, und verfügte sich in das Kontor. das Allerheiligste des Hauses, wie er es nannte. Eine kleine Lampe anzündend, wanderte er langsam, in alle Ecken blickend, an jedem Pult kurze Zeit verweilend, durch sämtliche Zimmer. Erst auf seinem eigenen morschen und zersessenen Stuhl nahm Treufreund Platz, um auszuruhen. Er stellte die matt brennende Lampe mit dem grünen Schirm vor sich hin, daß sie ihr bleiches Licht über die ganze Breite des Schreibpultes ergoß. Wie oft hatte er an diesem Pult gesessen, jetzt freudig bewegt, stolz im Gefühl der Buchhalter eines Hauses zu sein, das, nicht um zu prahlen und etwa tote Schätze auf tote Schätze zu häufen, sondern um der Menschheit zu nützen, gemeinnützigen, die Zivilisation und europäische Bildung fördernden Zwecken zu dienen, Millionen wagte; dann wieder von schweren Sorgen und bangen Befürchtungen niedergedrückt, gelähmt an Leib und Seele. In diesen braunen, so unschön aussehenden Räumen waren große Pläne entworfen worden, große Entschlüsse zur Reife gediehen. Aber die Welt, die nur das Strahlende, das laut und pomphaft Verkündete kennt, wußte wenig oder nichts davon. Das Haus Peter Thomas Heidenfrei liebte es nicht, mit seinen Plänen zu prunken, erst die gelungene Tat machte es einfach bekannt, weil sie in ihren Wirkungen doch nicht lange verborgen bleiben konnte.

Welch ein Abstand zwischen diesen jetzt so leeren, schweigsamen, ja toten Zimmern und dem Glanz und Leben, das über denselben bunt flimmernd rauschte! Wenn der weltmüde Mensch sich aus dem Lärm des Menschengewirres zurückzieht und Ruhe sucht in der Einsiedlerhütte zwischen rauschenden Bergtannen oder auf der Höhe eines unzugänglichen Felsengrates, kann ihm nicht wohler sein, kann er in der beschaulichen Stille seiner Einsamkeit nicht süßere Wonneschauer sein Herz durchbeben fühlen, als jetzt der alte Buchhalter, wie er in dem mürben Stuhl lehnte, dem Ticken der Totenuhr im morschen Holz zuhörte und sein vergangenes Leben in einer Reihe heiterer, ernster und schreckhafter Schildereien an seiner Seele vorübergehen ließ. Er saß lange so, ohne sich zu rühren, nur mit seinen Gedanken beschäftigt. Zuweilen glaubte er das Rascheln einer Maus zu vernehmen, oder hinter den alten, losen Tapeten bröckelte Sand von der Mauer und rieselte zischend nieder. Dann kam es ihm wieder vor, als regten sich die Blätter in den bei Seite gestellten Büchern, die mit Staub bedeckt waren. Was flüsterten sich wohl jetzt die großen Zahlen in den alten Büchern zu? Erzählten sie sich vergessene Geschichten? Sprachen sie wie hundertjährige Diener von den schweren, mühevollen Tagen, von den Arbeitslasten, welche das Haus Heidenfrei so groß, so reich, so mächtig gemacht hatten?

Treufreund konnte sich das Vergnügen nicht versagen, eins dieser für ihn ehrwürdigen Bücher aufzuschlagen und sich in die Aufzeichnungen zu vertiefen, die sie enthielten. Da lag sie vor ihm, die Zeit vergangenen Glückes, freudigen Hoffens! Von den Küsten der neuen Welt herüber rauschten die Palmenhaine, Kolibris umflatterten ihn mit blitzendem Gefieder, rätselhafte, seltsam geformte Blumen leuchteten und glühten, und es war ihm, als sähe er das Wachsen der Diamanten Brasiliens, wo all das Seltene und Herrliche, von dem er wachend träumte, etwas Alltägliches war.

Armer, armer Hohenfels! seufzte der alternde Mann und in seinen geröteten Augen glänzte eine Träne. Wo bist du hingekommen mit deinem großen, die ganze Welt umschließenden Herzen! Wer mag dich gepflegt, getröstet haben in den schweren Stunden, welche das Unglück über dich brachte und die Hartherzigkeit der Menschen? – Ja, wärest du am Leben und Chef der brasilianischen Filiale geblieben, die so große Erfolge verhieß, dann wäre auch hier manches anders und ich glaube sogar noch besser, als es jetzt ist. Auch ich selber, dein alter Freund, dein zuverlässigster und längster Korrespondent, wäre nicht so zeitig ergraut und stumpf geworden. Ohne dein grauenvolles Schicksal, armer, verlorener, hundertmal von mir beweinter Freund, hätte ich meine Kräfte gespart und weiser hausgehalten! Als sie dich aber alle aufgaben und mir auch die Handelskorrespondenz mit dir untersagt ward, da fühlte ich, daß mein Herz krank wurde, und ich gab mir ordentlich Mühe, es noch kränker zu machen. Was galt mir das Leben ohne dich, ohne den Balsamhauch deiner Briefe, die immer Engelsmelodien meinem Ohre vorsangen und wahres Manna waren für meinen Geist. – Armer, armer Augustin! – – O, wenn sie wüßten, die Glücklichen, im Glück Schwelgenden, die jetzt da oben in den Prunkgemächern sich gedankenlos vergnügen, mit wieviel Tränen die Erde gedüngt werden mußte, um all diese Herrlichkeit hervorzubringen, es erkaltete wohl manchem die Hand an dem erhobenen Glase, und die Geister der Vergangenheit schwebten unsichtbar und doch von allen geahnt, über den Häuptern der Geschmückten durch die Säle! – Das ist's, was mich zuweilen drückt, was schwer auf mir lastet, was mich schmerzt. – Es ist der einzige, nicht ganz helle Punkt auf der so makellosen Firma dieses Hauses, in dessen Diensten ich grau und steif geworden bin. Ich gäbe gern den Rest meiner Jahre dahin, könnte ich auch diesen Flecken austilgen, aber ich kann es nicht, und Heidenfrei, den im Grunde keine Schuld trifft, kann es ebensowenig. So bleibe denn begraben, du großer Mensch mit den starken Leidenschaften, und wenn dein Geist noch meiner gedenkt, dann gib mir ein Zeichen, damit ich stark bleibe und an ein dereinstiges Wiedersehen glauben darf!

Der ehemalige Buchhalter schlug das Buch wieder zu und starrte mit merkwürdig glänzenden Augen in das Kontor. Der Schein seiner Lampe bildete an der Decke einen hellen Reif. Durch diesen Reif zog jetzt langsam ein Schatten, anfangs formlos, später etwas mehr Gestalt annehmend.

Treufreund erschrak und hätte sich beinahe entsetzt, denn mit wie großer Liebe er auch an dem verloren geglaubten Hohenfels hing, ein Heldengeist wohnte nicht in seiner Brust und mit Geistern sich herumzuschlagen hatte er ebensowenig Mut, als eine geladene Pistole auf jemand, und wäre es sein Todfeind, abzudrücken. Er glaubte aber wirklich, sein aus tiefster Seele geflüsterter Seufzer sei von den dunkeln Mächten erhört worden und der Geist des Toten trete in seine eigenste Lebensatmosphäre. Er sprang auf und stieß dabei den Stuhl um, daß ein Stück der alten morschen Lehne davon abbrach. Der Schatten im Lichtschein an der Decke war verschwunden.

»Tor, der ich bin!« rief Treufreund sich ermutigend zu, und hob den Sessel wieder auf. »Wie kann man doch verständig und nebenbei auch so kindisch, so hasenherzig sein! Wie oft habe ich ganze Nächte durch allein an diesem Pult zugebracht, ein Geist ist mir nie erschienen. Aber woher der Schatten kam, das möchte ich doch wissen.«

Treufreund heftete seinen Blick fest an die Decke, bückte sich, folgte dem Lichtstrahl mit den Augen, entfernte sich selbst vom Pult und näherte sich dem nach dem Kanal hinaussehenden Fenster.

Nach kurzem Verweilen daselbst hörte er ein dumpfes Rauschen, wie wenn eine Jolle von raschen Ruderschlägen getrieben, das Wasser durchbricht, nur Ruderschläge vernahm er nicht. Zu seinem nicht geringen Erstaunen glitt fast gleichzeitig der ungestalte Schatten wieder, diesmal aber äußerst schnell, durch den hellen Lichtschein an der Decke.

Diese auffallende Erscheinung reizte Treufreunds Neugierde. Er ging zurück zu seinem Pult, ergriff die Lampe und löschte sie aus. Dann schlürfte er weiter durch die übrigen Zimmer und trat hinaus auf die hell erleuchtete Diele. Noch vernahm er an dem lauten Durcheinander vieler Sprechenden, daß die Vorbereitungen zu den ›lebenden Bildern‹ noch nicht beendigt sein konnten. Es blieb ihm deshalb Zeit, noch eine kleine Inspektion vorzunehmen, obwohl ihn persönlich der Verlust eines oder des andern Bildes, von dem man soviel im voraus gesprochen hatte, nicht geschmerzt haben würde. Nur um jegliche Störung während dieser Darstellungen zu vermeiden, wünschte Treufreund vor Beginn derselben wieder in die Gesellschaft zurückzukehren.

Das Heidenfreische Haus war, wie dies bei vielen alten Gebäuden in Hamburg der Fall ist, an der Kehrseite mit einer sogenannten ›Laube‹ versehen, die als breiter Gang über dem Fleet hing. Hier wurden Geschirre aller Art, wenn man sie gereinigt und geputzt hatte, ausgestellt, auch Wäsche zum Trocknen aufgehängt, und im Sommer wurde der obere Teil der Laube mit einer Reihe Blumentöpfe besetzt, was dem an sich wenig anziehenden Raume etwas Anmutiges verlieh. An dem einen Ende dieses Anbaues führte eine auf die Vorsetzen sich stützende Treppe hinab, deren unterste Stufen zur Zeit der Flut, blieb diese eine normale, vom Wasser überspült wurden. Herr Heidenfrei hatte diese Vorrichtung zu seiner eigenen Bequemlichkeit machen lassen, denn war seine Anwesenheit im Hafen nötig, so konnte er gleich hier in eine Jolle springen und sich rasch auf die Elbe hinausrudern lassen. Oft indes benutzte er der unbequemen Passage wegen diese Gelegenheit nicht, und in den letzten drei oder vier Jahren war es niemand mehr eingefallen, von der Laube aus in eine Jolle zu steigen. Dagegen bedienten sich ihrer die Schutenführer häufig, teils um auf der Treppe sitzend, ihr Frühstück zu verzehren, teils um über dieselbe nach dem Kontor zu gelangen, wenn sie hier irgendetwas zu besorgen hatten.

Unmittelbar an die Laube stieß ein nicht großes, aber nett eingerichtetes Zimmer, das früher ausschließlich als Garderobe benutzt worden war, seit der Aufnahme Christines in die Familie aber dieser zur Unterbringung ihrer Habseligkeiten eingeräumt wurde. Das einzige, hohe und breite Fenster desselben sah hinaus auf die Laube. In diesem Zimmer hatten am Festabend alle Herren ihre Mäntel und Überwürfe abgelegt, weshalb es jedem zugänglich war.

Treufreund ging an diesem Gemach vorüber, stieg ein paar Stufen hinauf, öffnete die unverschlossene Tür und trat hinaus auf die Laube. Noch immer regnete und stürmte es, und die Luft war so dick, daß selbst scharfe Augen wenig sehen konnten. Die himmelhohen Giebel der Speicher, die krumme Richtung des Kanals, dessen träge Wellen jetzt schwarz aussahen, und das Pfeifen des Windes, der mit Fensterläden klappte und die alten Wetterfahnen kreischend auf ihren rostigen Spillen drehte, gewährten einen fast schauerlichen Anblick. Es überlief den alten Buchhalter kalt, als er so einsam hinunterstierte in die trübe, gurgelnde Flut, während einzelne Regentropfen eisig kalt auf seinen nackten Schädel fielen.

Er mochte ein paar Minuten so gestanden haben, als er wirklich eines Bootes ansichtig ward, das drei bis vier Häuser weiter, unter einer Laube an den Vorsetzen angekettet sein mußte. Denn es tanzte auf dem stark bewegten Wasser und blieb doch auf derselben Stelle. Bemannt jedoch war es offenbar nicht.

Treufreund durchfröstelte die Nachtluft; auch fühlte er sich nicht verpflichtet zu untersuchen, wem dieses Boot wohl gehören möge und zu welchem Zwecke man es dahin geschafft habe. Es waren ja hundert Gründe denkbar, und viele Schiffer und Jollenführer ließen mit Absicht ihre Fahrzeuge in stürmischen Nächten an geschützten Stellen auf den Kanälen liegen. Zugleich vernahm er Rufen und schnelles Hin- und Herlaufen der Diener, woraus er schloß, die Vorstellung werde sogleich beginnen, das erste lebende Bild vielleicht schon hinter der bergenden Gardine gestellt sein. Er verließ deshalb seinen kühlen, windigen Ausschau und eilte heruhigter und in sich heiterer gestimmt, zur Gesellschaft zurück, als er sie früher verlassen hatte. Gerade bei seinem Eintritt in den Salon erklang die silberne Schelle des die Vorstellung leitenden Direktors, eine Rolle, welche Eduard zugefallen war, die Gardine flog auf und die Gesellschaft erblickte, sogleich in stürmischen Applaus ausbrechend, das schmucklose Zimmer Clärchens, der Geliebten des Grafen Egmont, in jenem entzückenden Moment, wo Clärchen, nachdem sie bewundernd die reiche spanische Tracht des teuern Mannes betrachtet, zu seinen Füßen sich niederläßt, in seinem Anblick schwelgend. Dieser Egmont war ein Mann von wahrhaft hinreißender Schönheit, dennoch aber verdunkelte er nicht das zu seinen Füßen hingesunkene, durch ihr wunderbares Entzücken gleichsam verklärte Bürgermädchen, in dem jeder sofort Elisabeth Heidenfrei, die gefeierte Tochter des Hauses erkannte. Den Grafen verriet schon der etwas dunkle Teint als Südländer. Don Alonso Gomez, der kaum eine glücklichere Wahl hätte treffen können, war ihm daran gelegen, unerfahrene Herzen unruhiger klopfen zu machen und mehr als eine Einbildung mit süßem Köder zu vergiften, repräsentierte den ritterlichen Grafen mit vollendeter Grazie. Als der Vorhang niederrollte, ließ Heidenfrei selbst, der in der vordersten Reihe der Zuschauer neben seiner Gemahlin saß, ein lautes Bravo erschallen und gab damit das Signal zu neuem, nicht enden wollenden Applaus.

»Wie gefällt dir der Bursche?« fragte Anton seinen Kollegen Kurt. »Mich dünkt, es kann niemand einen Grafen besser spielen, wenn er nicht zufällig schon von Geburt zum Grafen gestempelt worden ist.«

»Es freut mich, daß ich keine Schwester habe«, erwiderte der Gefragte.

Anton sah ihn groß und ernsthaft an.

»Ja gewiß«, fuhr Kurt fort, »ich meine es, wie ich's sage. Einem Mädchen, das einigemale mit diesem Pseudografen das Pseudo-Clärchen spielte, könnte es passieren, sich plötzlich, ohne es zu wollen und zu wissen, in das wirkliche Clärchen mit all ihren Schmerzen verwandelt zu sehen.«

»Du hast schauerliche Einfälle«, sagte Anton ganz verstimmt. »Doch horch, die Schelle gebietet Ruhe und fordert zur Aufmerksamkeit auf.«

Hinter dem aufrollenden Vorhang zeigte sich jetzt die junonische Gestalt der Jungfrau von Orleans in dem begeisterten Augenblick, wo sie, aus dem Schatten des Druidenbaumes hervortretend, Bertrand den Helm mit den Worten entreißt:

»Mein ist der Helm und mir gehört er zu.«

Die Repräsentantin dieser Jungfrau war eine vollendete Schönheit. Sie zeigte ein Ebenmaß der Glieder, eine schlanke Fülle der Formen, ein so edel geschnittenes Gesicht, wie man in solcher Vollkommenheit sie nur selten antrifft. Der Beifall der Zuschauer gab sich in einem leisen, bewundernden Ah! kund, die Darstellerin selbst aber erkannte oder kannte niemand. Nur einige wenige Eingeweihte wußten, daß dies beneidenswerte, schöne Mädchen Christine, die Tochter eines Quartiersmannes sei, sie waren aber vorsichtig und schwiegen, was unter der Damenwelt Anlaß zu den kühnsten Vermutungen gab, und auch die Herren stark beunruhigte; denn jene wollten doch um jeden Preis erfahren, wo eine Blume von so ungewöhnlicher Schönheit sich versteckt halte, und diese fühlten mehr oder weniger das Bedürfnis, dem schönen Mädchen Huldigungen darzubringen.

Man glossierte noch darüber, als die Enthüllung eines dritten Bildes angekündigt wurde. Diesmal zeigte sich der schöngeformte Balkon eines südeuropäischen Palastes mit Oleandergebüsch, Myrten- und Orangenbäumen. Zwischen diesen stand eine feine Mädchengestalt mit reichen, dunklen Locken, die das schwärmerisch-milde Gesicht weich umhüllten. Sie beugte sich herab über den Balkon, um einem Jüngling, der in sehnsüchtiger Liebesglut zu der Göttlichen aufblickte, zum Abschied die zarte Hand zu reichen. Schöner, idealer und doch so ganz naturwahr konnte der Abschied Romeos von Julia, als der Anbruch des Morgens die Liebenden nötigt, ihr süßes Geplauder abzubrechen, nicht im Bilde dargestellt werden. Niemand erinnerte sich jemals auf dem Theater eine so kindlich naive und doch wieder so edle Julia gesehen zu haben, jeder gestand es offen zu, daß, wäre dem wirklichen Darsteller des Romeo ein Anstand und eine Äußerlichkeit verliehen, wie man ihn jetzt eben bewunderte, der Eindruck eines solchen Glücklichen auf die Zuschauer ein völlig unberechenbarer sein müsse. Die gewinnende Julia stellte Ulrike dar, und daß Romeo kein anderer sein konnte, als der unentbehrliche Don Gomez, das hatte dieser bevorzugte Mann diesmal mehr noch seiner Abstammung als der Gunst der Verhältnisse und den Wünschen derer zu verdanken, die bei Verteilung der einzelnen Rollen doch vorzugsweise gehört und auch möglichst erfüllt werden mußten. Eduard behauptete später, er habe nie geglaubt, daß weiblicher Eigensinn so sich verschwistern und treulich zusammenhalten könne mit verführerischem Bitten frommer Augen und klug versteckter Schelmerei.

Die nächstfolgenden Bilder, ebenfalls Szenen und Situationen aus den Werken verschiedener Klassiker des In- und Auslandes vorführend, machten weniger allgemeines Aufsehen, obwohl sie alle gefielen.

Endlich war das letzte Bild angekündigt. Neugierig heftete jeder den Blick auf die sich langsam hebende Gardine. Vor aller Augen lag das Innere der Hexenküche, wie sie Goethe im Faust beschreibt, Junker Satan mit dem Wedel in der Hand, saß höhnisch grinsend auf seinem Throne, Faust näherte sich dem geheimnisvollen Zauberspiegel, der beim Aufrollen des Vorhangs noch verhüllt, jetzt sich plötzlich erleuchtete, und in überirdischem Ätherglanz strahlend das entzückende Bild eines vollendet schönen Weibes in antiker Gewandung zeigte. Es war ohne Frage das gelungenste aller vorgeführten Bilder. Unter den Mitwirkenden erkannte man im Faust abermals den gefeierten Löwen der Gesellschaft, Don Alonso Gomez, während die Gesichtszüge der weich hingegossenen Frauengestalt auf die Darstellerin der Jungfrau von Orleans deuteten. Mephistopheles hatte sich zu gut maskiert, um erkannt werden zu können. Es war aber niemand anders hinter dem Schalk versteckt, als Anton.

»Superbe!« sprach aufstehend Herr Heidenfrei und rief den schon verschwundenen Darstellern noch ein lautes Bravo nach.

Nach und nach traten die bisher unsichtbar gewesenen Mitglieder der Gesellschaft wieder ein, die jetzt neues Leben, neue Unterhaltung in die schon ermüdeten Gruppen brachten. Von den Meisten aus Überzeugung, von einigen. die wenig Sinn für künstlerische Darstellungen und gar kein Urteil besaßen, aus Galanterie mit Lobsprüchen überhäuft, ernteten Elisabeth und Ulrike und besonders der Mexikaner, der mit siegesgewissem Übermut königlich stolz auftrat, den Dank für ihre aufopfernden Bemühungen. Nur die Schönste der Schönen, die ›Jungfrau von Orleans‹ und die Gestalt des Weibes im Zauberspiegel ward nicht sichtbar. Selbst wiederholte Fragen und der bestimmt ausgesprochene Wunsch einzelner, man möge doch der Gesellschaft dies seltene Geschöpf vorstellen, blieben wirkungslos. Die Meisten vermuteten in der Unbekannten eine fremde Künstlerin, und als Elisabeth endlich das Versprechen gab, man würde sie bei Tisch kennen lernen, wünschten alle das Zauberwort, welches die Flügeltüren des Speisesaales zu erschließen pflegt, das Wort: es ist angerichtet! zu vernehmen.

Auch dieser Augenblick erschien. Die Paare ordneten sich, und erwartungsvoll trat die Gesellschaft in den prächtig dekorierten Speisesaal. Neugierig wartete man auf die verheißene Erscheinung der Unbekannten, die schon geraume Zeit in einfacher Tracht sich unter den Aufwartenden befand, in dieser verbergenden Hülle aber von niemand gesucht und entdeckt wurde. Die Überraschung, das Staunen war daher allgemein, als Heidenfrei selbst diese Dienerin als ›Jungfrau von Orleans‹ bezeichnete. Man fand diesen Scherz ganz allerliebst, glaubte aber doch, daß sich hinter der scheinbaren Dienerin eine Berühmtheit ersten Ranges verberge, die nur nicht bekannt sein wolle, um später, wenn sie öffentlich auftreten werde, desto größeres Aufsehen zu machen und jubelnden Applaus zu ernten.

In dieser Annahme wurden sie noch bestärkt durch das aufmerksame, ja fast an Huldigung streifende Benehmen Don Alonsos, der zwischen Elisabeth und Ulrike, die ihn so würdig unterstützten, einen beneidenswerten Platz gefunden hatte. So oft Christine in die Nähe des Mexikaners kam, sagte er dem schönen Mädchen ein paar verbindliche Worte, die sie erröten machten und dadurch nur die keusche Weiblichkeit ihres ganzen Wesens noch mehr zur Geltung brachte. Die Unterhaltung mit seinen beiden reizenden Nachbarinnen vernachlässigte Don Gomez keineswegs. Das Gespräch stockte nie und war ein Thema erledigt, so wußte der Mexikaner in ungezwungenster Weise ein anderes anzuschlagen. Da er es liebte, junge Damen anzuregen, so strebte Don Alonso immer darnach, sie in Opposition zu versetzen. Dies gelang ihm auch jetzt wieder, als er die ganz aus der Luft gegriffene Behauptung aufstellte, Goethe habe bei Ausarbeitung des Faust an Calderon gedacht und sei durch dessen Mysterien erst darauf geführt worden. Man könne dies unzweifelhaft aus einzelnen Versen in Calderon ersehen, die in ganz ähnlicher Weise sich im Faust wiederfänden.

»Sie sollen entscheiden, mein Fräulein«, sagte Don Alonso zu Elisabeth, »Sie und Ihre liebenswürdige Freundin.«

»Aber woher einen Calderon nehmen? Ich besitze seine Werke nicht.«

»Aber ich«, versetzte der Mexikaner. »Ich habe den Band mitgebracht und mir die Stelle bezeichnet, von der ich behaupte, der deutsche Dichter habe daraus Faustgedanken gesogen.«

»Wo?« fragte Ulrike. »Zeigen Sie uns diese Stelle!«

»Hier?« fragte Don Gomez. »Hier und jetzt? – Ja, wenn Sie wünschen –«

»Gewiß!« unterbrach ihn Elisabeth ungeduldig. »Wo befindet sich das Buch?«

»In meinem Mantel unten in der Garderobe. Aber wer kennt meinen Mantel, ich würde selbst –«

»Ist nicht nötig«, sagte Elisabeth. »Ich denke, da kommt jemand, der Ihren Mantel kennt.«

Christine näherte sich der Tafel.

»Wenn das herzige Kind so lange entbehrt werden kann –?«

»Warum nicht«, fiel Elisabeth ein. »Bitte, Christine«, flüsterte sie der Nahenden zu. Christine beugte sich zu dem Ohre ihrer milden, schwesterlichen Herrin und empfing freundlich nickend ihren Auftrag.

»In der linken Seitentasche«, ergänzte Don Alonso. »Ich danke Ihnen schon im voraus und küsse in Demut und Verehrung Ihre Fingerspitzen.«

Christine wurde purpurrot, Ulrike aber sagte in mißbilligendem Ton und mit bittendem Blick: »Sie quälen das arme Mädchen. Tun Sie es nicht mehr, wenn Sie mir einen Gefallen erweisen wollen, denn was soll das gutherzige Kind auf solche Worte erwidern.«

»Eine Bitte von Ihnen ist mir Befehl«, erwiderte der galante Mexikaner.

Inzwischen hatte Christine sich entfernt, die Gesellschaft in heiterster Stimmung zurücklassend. Aus einem als Gartenlaube dekorierten kleineren Zimmer ertönte jetzt Tafelmusik, die späterhin in Tanzmusik sich zu verwandeln bestimmt war. Dies angenehme Intermezzo gab den Gedanken der Gäste eine andere Richtung und es mochte wohl eine Viertelstunde vergangen sein, seit Christine nach der Garderobe geschickt worden war.

»Unsere Jungfrau von Orleans bleibt lange aus«, bemerkte Ulrike.

»Die Ärmste wird erst ein paar Dutzend Überwürfe bei Seite packen müssen, denn der Raum ist etwas beschränkt«, meinte Elisabeth.

»Vielleicht auch verlockt sie die Neugierde, ein wenig in dem Buche zu blättern«, sagte Don Gomez.

So scherzte man noch einige Zeit hin und wieder, zwischendurch den Klängen der Musik lauschend. Da aber trotz alles Wartens Christine noch immer nicht zurückkam und man sie bereits allgemein vermißte, ward Elisabeth besorgt. Vielleicht war ihr unwohl geworden und sie saß hilflos in dem dunstigen, engen Stübchen. Das gutherzige Mädchen beschlich plötzlich eine heftige Angst, sie winkte einem Bedienten und befahl ihm, sogleich hinunter in die Herrengarderobe zu gehen und nachzusehen, was Christine dort mache und wie es ihr gehe.

Schweigend entfernte sich der Bediente. Nach wenigen Minuten schon kam er allein, blaß, sichtlich bestürzt zurück.

»Gnädiges Fräulein«, sagte er leise, an allen Gliedern zitternd, »es muß ein Unglück geschehen sein. Fräulein Christine ist nicht in der Garderobe, aber alles darin befindet sich in der größten Unordnung und, was das Schrecklichste ist, das Fenster steht weit offen! Es ist doch unmöglich –«

Elisabeth winkte dem Bedienten zu schweigen. Ulrike hatte ihren Platz schon verlassen, um Heidenfrei und dessen Söhne sogleich von dem Vorgefallenen zu unterrichten, obwohl sie selbst noch nicht wußte, was sich eigentlich zugetragen haben mochte. Dies alles konnte nicht ohne Aufsehen geschehen, denn ehe noch Eduard und Ferdinand die überraschende Kunde von Christines Verschwinden vernommen hatte, war Elisabeth schon dem vorauseilenden Diener gefolgt. Bald darauf trat der Vater mit den Brüdern ein, auch Ulrike erschien, später folgten Anton und selbst Don Alonso Gomez.

Bei der sofort angestellten Untersuchung war auch nicht ein auffallendes, verdächtiges Zeichen zu entdecken. Das Fenster war nicht zerbrochen, sondern von innen geöffnet worden, weil es aber offen geblieben war, mußte man annehmen, daß die Verschwundene ihren Weg durchs Fenster genommen hatte, was noch in der Versicherung mehrerer Diener ihre Bestätigung fand, die alle erklärten, die Vermißte in das Zimmer gehen, nicht aber sie dasselbe wieder verlassen gesehen zu haben.

Eine freiwillige Flucht anzunehmen, lag ganz außerhalb der Grenzen alles Denkbaren. Sie wurde gehalten, geliebt, gepflegt wie das Kind im Hause. Sie weilte gern daselbst und wünschte gar keine Änderung ihrer Lage. Es blieb also nichts übrig, als die Vermutung einer Gewalttat. Diesem Gedanken lieh zuerst der erschrockene Heidenfrei selbst Worte:

»Man hat das Kind geraubt, entführt«, sagte er bestimmt. »Arme, unglückliche Eltern! Und ich selbst, wie bin ich beklagenswert! Meiner Obhut hat der besorgte Vater sie anvertraut und dennoch – o, es ist um den Verstand zu verlieren!«

Heidenfrei war indes an ungewöhnlich eintretende Ereignisse zu sehr gewöhnt, als daß er sich lange vom Schmerz hätte bewältigen oder vom Kummer niederdrücken lassen. Rasches, energisches Handeln allein konnte möglicherweise von glücklichen Folgen sein. All' sein Denken war deshalb sogleich darauf gerichtet, die erforderlichen Schritte zu tun, um die Entführte und ihre Räuber zu greifen, ehe es ihnen gelang, das Weichbild der Stadt zu verlassen. Es hatte dies freilich deshalb große Schwierigkeiten, weil auch nicht die Ahnung irgendeines Verdachtes, viel weniger eine Spur vorhanden war.

Heftig erregt trat jetzt mitten in die Gruppe der Bestürzten, zum Teil Entsetzten der alte Treufreund. Sein Auge glänzte geisterhaft, seine schmalen Hände zitterten.

»Ich bin Schuld an dem Unglück des armen Mädchens«, rief er tief erschüttert. »Warum schwieg ich und war so unvorsichtig, statt hier Wache zu halten, wieder hinaufzueilen, um die Kurzweil mit anzusehen.«

Don Alonso Gomez warf dem schwächlichen Alten einen haßerfüllten Blick zu. Heidenfrei bestürmte ihn mit Fragen, die Treufreund kurz und gegen seine Gewohnheit sehr bestimmt beantwortete, indem er in fliegender Hast erzählte, was ihm begegnet war, was er gesehen hatte.

»Keine Frage, Christine ist entführt«, sagte Heidenfrei, »die Jolle, deren Rauschen Sie im Wasser vernahmen, hat das unglückliche Kind, Gott weiß in welche Diebshöhle, weiter befördert. Aber es ist noch gut, daß uns wenigstens dieser Fingerzeig gegeben ist. Die Jolle kann uns die Entführer verraten.«

Mittlerweile waren Eduard und Ferdinand auf die Laube hinausgetreten und hatten beim Schein einer Laterne die Treppenstufen und die Laube selbst genau untersucht. Hier gewahrten sie trotz des Regens, welcher das Holzwerk angefeuchtet hatte, deutlich die Abdrücke großer Nagelschuhe, wie sie Schiffer häufig tragen. Auch an den Stufen der Treppe konnte man bemerken, daß einige Zeit ein starkes Boot sich an denselben gescheuert haben mußte. Endlich auch fand sich ein Stück Zeug an dem vorstehenden Ast eines der Vorsetzen. Hier mußte das Kleid der gewaltsam Entführten hängen geblieben sei, als das Boot abstieß.

»Miguel!« raunte Heidenfrei verstohlen seinen Söhnen zu. »Ich weiß, dieser kecke, unternehmende Mensch hat geschworen, nicht eher zu ruhen, bis Christine in seinen Besitz gekommen sei!«

Dieser betrübende Zwischenfall störte die ferneren Freuden des Festes, das unter so glücklichen Auspizien begonnen hatte und nun in einer grellen Disharmonie endigte. Heidenfrei ersuchte zwar seine Gäste, sich von dem Vorgefallenen nicht weiter beirren zu lassen, allein die verloren gegangene Stimmung kehrte nicht wieder zurück. Bald brachen einzelne, dann mehrere auf. Auch Don Gomez empfahl sich unter warmen Versicherungen seiner innigsten Teilnahme. Master Papageno war bald nach Entdeckung des Geschehenen in Gesellschaft mehrerer anderen Bedienten im Heidenfreischen Hause angekommen, um seinen Herrn abzuholen. Eine Stunde nach Mitternacht durchwandelten nur noch die nächsten Freunde der Familie die leeren Säle.

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