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Redgauntlet

Walter Scott: Redgauntlet - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/scott/redgaunt/redgaunt.xml
typefiction
authorWalter Scott
titleRedgauntlet
publisherVerlag von Carl Zieger
seriesWalter Scott's sämmtliche Werke
volumeZweiundzwanzigster Band
translatorKarl Weil
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110418
projectid75ceb586
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Fünfter Brief.

Allan Fairford an Darsie Latimer.

Ich habe, mein theurer Darsie, deine zwei letzten Episteln erhalten, und die dritte erwartend, war ich nicht sehr eilig, sie zu beantworten. Glaube nicht, daß mein Stillschweigen meinem Mangel an Interesse daran zuzuschreiben wäre, denn wahrlich sie übertreffen (und das war doch gewiß schwer) deine gewöhnlichen Vortrefflichkeiten. Seit dem ersten Mondkalb, das in einem erlöschenden Waldfeuer Miltons Pandemonium entdeckte, seit dem ersten erfinderischen Knaben, der Seifenblasen aus Wasser und Seife blies, hast du, mein bester Freund, den höchsten Grad der Kunst erlangt, aus einem Nichts Geschichten zu schmieden. Hättest du im Ammenmärchen die Bohne zu pflanzen gehabt, du würdest es schon beim ersten Keimen errathen haben, daß auf dem Gipfel das Riesenschloß seine Wälle erheben würde. Alles, was dir begegnet, erhält von deiner lebhaften Vorstellungsgabe einen Anstrich des Wundervollen und Erhabenen. Hast du wohl schon ein Claude-Lorrain-Glas gesehen, wie die Künstler es nennen, das der ganzen Landschaft, welche man dadurch sieht, einen ganz eigenen Anstrich verleiht? Dir erschienen nun die gewöhnlichen Begebenheiten durch eben solch' ein Zauberglas.

Ich habe die Facta, welche dein langer Brief enthält, sorgfältig geprüft, und siehe da, ich finde sie sehr ähnlich mit denen, die einem kleinen Taugenichts von der hohen Schule begegnen könnten, der am Strande der Leith spazieren ging, Hosen und Schuhe durchnäßte, und zuletzt aus Mitleid von einem Fischerweibe heimgetragen ward, welche während der Zeit dem Taugenichts flucht, der ihr die Mühe verursacht.

Ich bewundere die Figur, die du gemacht haben mußt, als du, um dein theueres Leben zu fristen, dich an den Rücken des alten Gesellen anklammertest – deine Kinnbacken schnatternd vor Furcht, deine Muskeln krampfhaft bewegt vor Angst. Noch eher möchte das abscheuliche Abendessen von geröstetem Salm (das mir auf ein Jahr lang den Alp zuziehen könnte) ein wirkliches Unheil genannt werden; aber was den Sturm von Donnerstag (denn da war es, glaub' ich) betraf, so tobte, heulte, lärmte und stöhnte er eben so arg in den alten Schornsteinspitzen von Cadlemaker-Tow, als er es nur an den Ufern des Solway's konnte, denn eben dieser Wind – teste me per totam noctem vigilante! – Ja selbst noch den folgenden Morgen, als – Gott stehe dir in deiner sentimentalen Delikatesse bei – du dem armen Manne Lebewohl sagtest, ohne ihm einen halben Kronenthaler für Abendessen und Logis anzubieten.

Du lachst mich aus, daß ich einem alten Manne einen penny gab – (obgleich du genau genommen sechs Pence sagen müßtest) den du, im hohen Schwünge deiner Begeisterung nüchtern heimgeschickt hättest, weil er dem Solon oder Belisarius glich. Aber du vergaßest, daß die sogenannte Beleidigung von dem alten Bettler als eine Wohlthat aufgenommen wurde, der sich in Segenswünschen über den großmüthigen Geber ergoß, während er weit entfernt gewesen wäre, dir, Darsie, für deine trockene Ehrfurcht vor seinem Barte und Anstand zu danken. Ferner lachst du über meines guten Vaters Flucht von Falkirk, gerade als wäre es unziemend für einen Mann, sich aus dem Staube zu machen, wenn drei oder vier Bergschlingel mit gezogenem Flamberg und Fersen, so gewandt wie ihre Finger, ihm nachspringen, und » furinish« rufen. Du erinnerst dich wohl noch, was er sagte, als der Laird von Bucklivat ihm erklärte, daß furinish so viel heißt, als: »bleib' doch einmal stehen«.

»Was Teufel auch,« schrie er, seine presbyterianische Strenge ob der unvernünftigen Forderung bei solchen Umständen vergessend, »haben die Spitzbuben denn gedacht, ich sollte stehen bleiben, um mir den Kopf abschneiden zu lassen?«

Denke dir solch' ein Gefolge hinter dir, Darsie, und frage dich dann selbst, ob du alsdann deine Schenkel nicht eben so in Anspruch genommen hättest, als du es thatest zur Zeit, wo du vor der Fluth vom Ufer des Solway's flüchtetest. Und dennoch sprichst du meinem Vater allen Muth ab. Ich aber sage dir – er hat Muth genug, das Rechte zu thun und das Unrechte zu verfolgen – Muth genug, mit Hand und Börse eine gerechte Sache zu vertheidigen, und die Sache des Armen gegen seinen Dränger zu führen, ohne die Folgen für sich selbst zu fürchten. Das ist Bürgermuth, Darsie, und wahrscheinlich in unserem Zeitalter, und in unserem Vaterlande, ist es für die meisten Menschen höchst unwichtig, ob sie militärischen Muth besitzen oder nicht.

Glaube aber nicht, daß ich böse auf dich wäre, obschon ich es versuche, deine Meinung über meinen Vater zu verbessern. Ich weiß es nur zu gut, daß im Ganzen ich ihn kaum mit mehr Ehrfurcht betrachte als du. Und, da ich doch einmal ernst gestimmt bin (was wahrlich schwer ist, wenn man mit Jemanden spricht, der stets reizt, über ihn zu lachen), so bitte ich dich, bester Darsie, laß dich doch von deinem Eifer nach Abenteuern nicht mehr in so gefährliche Lagen bringen, wie die an den Dünen des Solway. Der übrige Theil der Erzählung ist bloße Einbildung; wohl aber hätte die stürmische Nacht werden können, wie der Narr zum Lear sagt: »eine böse Nacht darin zu schwimmen.«

Doch wenn du übrigens aus alten, querköpfigen Fischern geheimnißvolle, romantische Helden machen kannst, warum sollte nicht auch ich mich mit den Metamorphosen unterhalten dürfen? Doch halt, selbst da, da noch muß man bedächtig zu Werke gehen. Eben der weibliche Kaplan – du sprichst so wenig von ihm, so viel von allen Anderen, daß einiger Zweifel darob in meinem Gemüth entsteht.

» Sehr schön ist sie, wie es scheint« – und das ist Alles, wovon mich deine Verschwiegenheit in Kenntniß setzt; nun gibt es aber Fälle, wo das Stillschweigen andere Dinge als eine Einwilligung bedeutet. Schämtest du dich, oder warest du erschreckt, Darsie, daß du es nicht wagtest, das Lob der schönen Gracias-Sprecherin zu verkünden? – So wahr ich lebe, du erröthest! Ach, kenne ich dich denn nicht für einen eingefleischten Kavalier aller Damen? Genoß ich nicht schon dein Zutrauen? Ein zierlicher Ellenbogen, den du sahst, wenn selbst die ganze übrige Gestalt in einen Mantel gehüllt war, oder ein wohlgeformter Knöchel, den du zufällig erblicktest, wenn die Inhaberin nach Old Ahsembly Close ging, konnten dir auf acht Tage den Kopf verdrehen. Schon war, wenn ich mich recht erinnere, einst dein Herz von einem Blicke eines unvergleichlichen, einzigen Auges gefangen, und als die Schöne den Schleier zurückschlug, siehe – da war es wirklich einzig im buchstäblichen Sinne des Worts. Warst du nicht zu einer anderen Zeit in eine Stimme verliebt – in eine bloße Stimme, welche sich in der alten, grauen Brüderskirche in die Psalmen gemischt hatte – bis daß du entdecktest, daß die Besitzerin des süßen Organs Miss Dolly Mac Izzard war, die vorn und hinten einen Buckel hatte?

Wenn ich diese Facta wohl erwäge, und dagegen dein feines Schweigen über deine Nereide vergleiche, so muß ich dich bitten, in deinem nächsten Schreiben ausführlicher darüber zu sein, wenn ich nicht den Schluß ziehen soll, daß du mehr davon denkst, als du zu sagen für gut findest. Du wirst keine großen Neuigkeiten von hier erwarten, da du die Einförmigkeit meines Lebens kennst und wohl weißt, daß es gegenwärtig nur einem ununterbrochenen Studium gewidmet ist. Du hast es mir ja tausendmal gesagt, ich würde meinen Weg nur durch Nachgrübeln machen, also – nachgegrübelt muß werden!

Mein Vater scheint jetzt deine Abwesenheit schmerzlicher zu fühlen, als das erste Mal. Er bemerkt, wie es mir scheint, daß unseren einsamen Mahlzeiten das Licht fehlt, mit welchem deine heitere Laune sie erhellte, er empfindet Schwermuth, so wie sie manche Menschen fühlen, wenn die Sonne die Landschaft nicht mehr beleuchtet. Nach seinen Gefühlen kannst du erst auf die meinigen schließen, und denken, wie herzlich ich deinen Streifzug beendigt, und dich wieder als unsern Hausgenossen zu erblicken wünschte.

*

Nach einem Zeitraume von einigen Stunden ergreife ich von Neuem die Feder, um dich von einer Begebenheit in Kenntniß zu setzen, auf welche du hundert Luftschlösser bauen wirst, und auf die – so wenig Geschmack ich an grundlosen Erdichtungen finde – ich selbst sonderbare Vermuthungen gründen muß.

Mein Vater hat mich seit Kurzem häufig mitgenommen, wenn er in die Gerichtssitzung ging, um mich in den praktischen Geschäftsgang einzuweihen. Ich fühle wohl, daß seine allzugroße Aengstlichkeit uns beide lächerlich macht. Aber was hilft Widerstreben? Mein Vater schleppte mich zu seinem rechtsgelehrten Anwalt, – »Sind Sie bereit heute zu plaidiren, Mr. Crossbide, – Das ist mein Sohn, er ist für die Schranken bestimmt – Ich bin so frei, ihn heute mit in die Rathsversammlung zu nehmen, bloß damit er sehe, wie man diese Dinge behandelt.«

Mr. Clossbide lächelt, verbeugt sich, wie ein Jurist dem Clienten zulächelt, der ihn gebraucht, beißt sich auf die Zunge, und flüstert der ersten besten großen Perücke, die bei ihm vorbeigeht, in's Ohr: »Was der Teufel will der alte Fairford, daß er seine Brut auf mich losläßt?«

Ich aber stand daneben, zu ärgerlich über die kindische Rolle, die ich spielen sollte, als daß ich aus den trefflichen Argumenten des Mr. Crossbide großen Nutzen hätte ziehen können, vielmehr beobachtete ich einen ältlichen Mann, der meinen Vater immer fest im Auge behielt, als warte er nur das Ende des Geschäfts ab, in welchem er verwickelt war, um ihn anzureden. Mir schien es, als liege in dem Aeußeren des Mannes etwas, das Aufmerksamkeit errege. Doch war seine Kleidung nicht nach dem gegenwärtigen Geschmack, und obgleich einst prachtvoll, schien sie nun veraltet und unpassend. Sein Rock war von gestreiftem Sammt, mit Seide gefüttert, die Weste von violettfarbigem Seidenzeuge, reich gestickt, die Beinkleider von demselben Stoffe wie der Rock. Er trug fast viereckige Schuhe mit hohen Absätzen, und seine seidenen Strümpfe waren an den Knieen zusammengerollt, wie man es auf alten Gemälden oder hie und da an Originalien sieht, die einen Stolz darin suchen, sich nach der Mode zu den Zeiten Methusalah's zu kleiden. Ein Chapeaubas und ein Degen mußten natürlich den Anzug vollständig machen, welcher, wenn schon außer Mode, dennoch einen Mann von Stand bezeichnete.

Kaum hatte Mr. Crossbide seine Rede geendigt, als der Herr auf meinen Vater zukam: »Ihr Diener, Herr Fairford – es ist lange her, seitdem wir uns nicht sahen!«

Mein Vater, dessen pünktliche und förmliche Höflichkeit du kennst, verbeugte sich, hustete, gerieth in Verlegenheit, gestand zuletzt, daß, da der Zeitraum, seit welchem er ihn nicht gesehen habe, so groß sei – obgleich er sich des Gesichtes vollkommen erinnere – daß es ihm leid thäte – daß er wirklich seinen Namen vergessen habe.

»Habt Ihr den Herries von Birrenswork vergessen?« sagte der Herr; mein Vater verbeugte sich noch tiefer als zuvor, wenn es mir gleich schien, als habe der Empfang des alten Freundes etwas von der ehrfurchtsvollen Höflichkeit verloren, die dem unbekannten vergönnt worden war. Nun schien es mehr Lippenhöflichkeit zu sein, welche, hätte die Ceremonie es erlaubt, das Herz nicht erzeigt haben würde.

Indessen verbeugte sich mein Vater sehr tief, und hoffte, er würde sich doch wohl befinden.

»So wohl, mein Freund,« sagte Mr. Herries von Birrenswork, »daß ich in der Absicht hierherkam, meine Bekanntschaft mit einem oder zwei alten Freunden, und vorzüglich mit Ihnen, zu erneuen. – Ich logire in meinem alten Absteigequartier. Sie müssen heute mit mir bei Taterson im Pferdekopf essen – es ist nahe bei Ihrer neumodischen Wohnung; ich habe Geschäfte mit Ihnen zu verhandeln.«

Mein Vater entschuldigte sich ehrfurchtsvoll, doch nicht ohne Verlegenheit – »er wäre zu Hause überschäftigt.«

»Dann esse ich mit Ihnen, mein guter Mr. Fairford; ein paar Minuten, welche Sie mir nach Tisch schenken, werden für mein Geschäft hinlänglich genug sein, denn ich will Sie nicht von den Ihrigen abhalten. – Auch bin ich kein Flaschenfreund.«

Du hast oft bemerkt, daß mein Vater, der die Regeln der Gastfreundschaft gewissenhaft beobachtet, sie doch mehr der Pflicht als des Vergnügens wegen ausübt, und wahrlich, hieße ihm nicht sein Gewissen den Hungrigen zu speisen und den Fremden zu empfangen, so würde sich seine Thüre den Fremden noch seltener öffnen, als es der Fall ist. Nie sah ich ein stärkeres Beispiel dieser Eigenheit (die ich sonst deiner Beschreibung nach für eine Carricatur gehalten hätte), als in der Art, wie er die Selbsteinladung des Mr. Herries aufnahm. Die verlegene Miene und das erzwungene Lächeln, welches das: »Wir werden die Ehre haben, Sie um 3 Uhr in Brown's Square zu erwarten,« begleitete, konnte Niemanden trügen, und imponirten dem alten Laird durchaus nicht.

Mit zornigem Blicke erwiderte er: »ich entlasse Sie also bis dahin, Mr. Fairford,« dabei schien sein ganzes Wesen sagen zu wollen: »Ich habe nun Lust bei dir zu essen, und kümmere mich nicht darum, ob ich dir willkommen bin oder nicht.«

Als er sich wegwandte, frug ich meinen Vater, wer das wäre.

»Ein unglücklicher Edelmann,« antwortete er.

»Er sieht doch bei seinem Unglück ganz gut aus,« erwiderte ich, »ich hätte nicht gedacht, daß eine so fröhliche Außenseite ein Mittagessen nöthig hatte.«

»Wer hat dir denn gesagt daß es so ist,« versetzte mein Vater, »er ist omni suspicione major, so weit es sich von weltlichen Umständen handelt – hoffentlich wird er einen guten Gebrauch davon machen; obgleich es – wenn er es thäte – zum ersten Mal in seinem Leben wäre.«

»Er hat also unregelmäßig gelebt?« sagte ich.

Mein Vater erwiderte mit seinem berüchtigten Lieblingsausdruck, mit welchem er alle unzeitigen Fragen, welche sich auch nur im Entferntesten auf die Fehler des Nächsten beziehen, beschwichtigt. – »Wenn wir nur unsere eigenen Fehler verbessern, Allan, so haben wir genug zu thun, ohne über Andere zu Gericht zu sitzen.«

Da war ich also wieder nicht recht angekommen; aber ich knüpfte von Neuem an und bemerkte, er habe das Ansehen eines Mannes von hohem Rang und hoher Familie.

»Das mag wohl sein,« sagte mein Vater, »da Mr. Herries von Birrenswork aus einer Nebenlinie der großen, einst so mächtigen Familie der Herries abstammt, wovon die ältere Branche in dem Hause Nithesdale mit dem Tode des Lord Robin, des Philosophen, Anno Domini 1667 ausstarb.«

»Ist er denn noch im Besitze des diesem Hause gehörigen Majorats?«

»Nein,« erwiderte mein Vater, »denn schon zu seines Vaters Zeiten war es ein bloßer Titel, In Großbritannien nämlich sind die Titel des hohen Adels an das Majorat geknüpft. Der Verlust des Letzteren zieht auch den des Ersteren nach sich. Anmerk. des Uebers. da die Güter des Hauses schon im Jahre 1615 eingezogen wurden, als Herbert Herries seinem Verwandten, dem Grafen von Derwentwater, in der Schlacht von Preston folgte. Immer aber noch behalten sie den Titel bei, da sie ohne Zweifel hoffen, ihre Ansprüche zu einer Zeit erneuern zu können, die für Jacobiten und Papstthümler günstiger wäre als die unsrige; Leute aber, welche keineswegs ihre thörichten Launen und Hoffnungen theilen, lassen ihnen die Thorheit unangefochten hingehen, ex comitate, wenn nicht ex misericordia. Aber wäre er auch der Papst und der Prätendent zugleich, so müssen wir doch ein Mittagessen für ihn richten, da er es für gut gefunden hat, sich selbst einzuladen. Eile also heim, mein Bursche, und befehle der Hanna, dem Koch Epps und dem James Wilkinson, ihr Möglichstes zu thun, und hole du ein oder zwei Nössel vom besten Macwell herauf – er liegt im fünften Verschlag – da sind die Schlüssel zum Weinkeller, laß sie aber nicht stecken, du kennst ja des armen James schwache Seite, obgleich er bei jeder andern Versuchung ein braver Kerl ist – ich habe nur noch eine oder zwei Bouteillen von dem alten Branntwein – wir müssen ihn für allenfallsige Krankheiten aufheben, Allan.«

Ich ging weg – machte meine Vorbereitungen – die Mittagsstunde kam, und so auch Mr. Herries von Birrenswork.

Besäße ich jetzt die Größe deiner Einbildungskraft, oder die Gabe zu schildern wie du, mein Darsie, ich wollte dir von diesem Fremden ein so schönes, dunkles, mysteriöses, Rembrandt-artiges Gemälde machen, daß er sich zu deinem Fischer verhalten sollte, wie ein Panzerhemd zu einem Fischernetze. Ich versichere es dir, er bietet genug Stoff zu Beschreibungen dar; aber da ich meine Schwäche in der Malerei kenne, so kann ich nur sagen, daß ich ihn im höchsten Grade unangenehm finde, und für schlecht erzogen halte. – Nein, schlecht erzogen ist nicht der rechte Ausdruck, er schien, im Gegentheil, die Regeln des Wohlanstandes genau zu kennen, aber zu glauben, der Rang seiner Gesellschaft enthebe ihn der Mühe, sie auszuüben – eine Ansicht, die viel beleidigender ist, als wäre sein Betragen eine Folge natürlicher Roheit oder Mangel an Bildung. Während mein Vater das Gebet sprach, pfiff der Laird, und als ich, auf meines Vaters Wunsch, das Dankgebet hersagte, zog er seinen Zahnstocher heraus, als hätte er diesen Augenblick abgewartet, um ihn zu gebrauchen.

So ging es mit der Kirche – mit dem Könige aber ging's noch schlimmer. Du weißt, daß mein Vater voller Ehrerbietung gegen seine Gäste ist, und im vorliegenden Fall schien er mehr als gewöhnlich geneigt, jedem Anlasse zum Streit auszuweichen. Er ging sogar so weit, daß er seine Rechtlichkeit umging, und den ersten Toast nach Tisch blos: »Dem Könige« darbrachte, statt der gewöhnlichen pathetischen Form »dem König Georg.« Unser Gast machte eine Bewegung mit dem Glase, so daß es auf die andere Seite des Wasserkrugs zu stehen kam, der neben ihm stand, und fügte hinzu: »jenseits des Wassers!«

Mein Vater erröthete, doch stellte er sich, als höre er es nicht. Noch größeren Mangel an Aufmerksamkeit und an gebührender Ehrfurcht zeigte der Fremde in seinen Manieren und in dem Ton seiner Unterhaltung, so daß ich kaum meinen Vater entschuldigen zu können glaube, daß er so stille die Frechheit duldete, mit welcher der aufdringliche Gast ihn an seinem eigenen Tische behandelte; wenn ich schon seine Vorurtheile für Rang und hohe Geburt kenne, und obgleich ich weiß, daß sein sonst männlicher Geist nie der sclavischen Ehrfurcht vor den Großen der Erde ganz entsagen konnte, welche in seinen Jugendjahren das Regiment führten.

Du kannst es einem Reisenden in demselben Wagen wohl verzeihen, wenn er dir zufällig oder selbst aus Nachlässigkeit auf die Zehen tritt; aber ein großer Unterschied ist es, wenn er, die zarte Beschaffenheit dieses Theils kennend, dennoch fortfährt, mit seinen Hufen darauf herum zu tappen. Meiner schwachen Meinung nach – und ich bin doch gewiß friedlich gesinnt – kannst du in diesem Falle nur mit Mühe eine Kriegserklärung vermeiden.

Ich glaube, mein Vater las meine Gedanken in meinen Augen denn er zog die Uhr und sagte: »halb fünf, Allan, – du solltest zu dieser Zeit auf deiner Stube sein – Birrenswork wird dich entschuldigen.«

Unser Gast nickte nachlässig, und ich hatte keinen füglichen Grund zu bleiben. Als ich aber das Zimmer verlassen wollte, hörte ich den Magnaten von Nithesdale deutlich den Namen Latimer aussprechen. Ich zauderte; doch endlich befahl mir ein deutlicher Wink meines Vaters, mich zurückzuziehen; als ich eine Stunde später zum Thee gerufen wurde, hatte unser Gast uns verlassen. Er hatte diesen Abend in der hohen Straße Geschäfte, und konnte sich selbst die Zeit nicht nehmen, Thee zu trinken. Ich konnte die Bemerkung nicht unterdrücken, daß sein Weggehen mich erfreute, da es uns von Unhöflichkeiten befreite. »Wer hat ihn berufen,« sagte ich »uns die Veränderung unserer Wohnung von einem unbequemen in ein besseres Stadtviertel vorzuwerfen? Was geht es ihn an, wenn wir die Bequemlichkeit, ja selbst den Luxus eines englischen Wohnhauses nachahmen, statt zusammengepackt wie die Häringe zu leben? Gibt ihm denn seine patricische Geburt oder sein aristokratisches Vermögen ein Recht, diejenigen zu tadeln, welche die Früchte ihres eignen Fleisses nach ihrem Gutdünken verwenden?«

Mein Vater nahm eine Prise Tabak, und nachdem er sie langsam geschnupft hatte, erwiderte er: »Recht brav, Allan, wahrhaftig, recht brav. Ich wünschte, Mr. Crossbide oder der Rath Pest hätten dir zugehört; sie hätten gestehen müssen, daß du Anlagen zur gerichtlichen Beredtsamkeit besitzest; es möchte ganz und gar nicht unnützlich sein, wenn du zur Uebung manchmal zu Hause versuchtest, einen kühnen, kräftigen Vortrag zu bekommen. Was aber den Gegenstand der langen Rede betrifft, der ist keine Prise Tabak werth. Glaube nur nicht, daß ich mich um Mr. Herries von Birrenswork auch nur im Geringsten mehr bekümmere, als um jeden Andern, welcher Geschäfte wegen zu mir kömmt, wenn ich ihn auch nicht an der Kehle packte, als er so gänsemäßig schwatzte. Aber genug von ihm, ich muß Darsie Latimers gegenwärtige Adresse haben, denn es ist möglich, daß ich ihm selbst einige Zeilen schreiben muß – doch weiß ich es noch nicht gewiß – auf jeden Fall gib mir seine Adresse.«

Ich that es; wenn du also von meinem Vater etwas gehört hast, so weißt du wahrscheinlich vom Gegenstand dieses Briefes mehr als ich, der ich ihn schreibe. Ist das nicht der Fall, so habe ich die Pflicht des Freundes erfüllt; indem ich dich davon in Kenntniß setze, daß zwischen dem zurückstoßenden Laird und meinem Vater etwas im Werk ist, das dich höchlich interessirt.

Lebe wohl! und obgleich ich dir Stoff zu Träumereien gab, so baue doch kein zu schweres Schloß auf das Fundament, welches für jetzt nur auf dem Worte: » Latimer« beruht, welches im Gespräche eines Edelmanns von Dumfries-Shire und eines königl. Schreibers ausgesprochen wurd – Caetera prorsus ignoro.

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