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Redgauntlet

Walter Scott: Redgauntlet - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/scott/redgaunt/redgaunt.xml
typefiction
authorWalter Scott
titleRedgauntlet
publisherVerlag von Carl Zieger
seriesWalter Scott's sämmtliche Werke
volumeZweiundzwanzigster Band
translatorKarl Weil
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110418
projectid75ceb586
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Vierter Brief.

Derselbe an den Denselben.

Shepherd's Busch.

Ich erwähnte in meinem Letzten, daß, als ich meine Angelruthe als einen unnützen Zeitvertreib verlassen hatte, ich über die offenen Dünen, welche mich von dem Ufer des Solways trennten, einherschritt. Als ich das Ufer des großen Meerbusens erreichte, war die Fluth von einer breiten, sich weit erstreckenden Sandebene zurückgewichen, durch welche sich ein jetzt schwacher, seichter Strom einen Weg zum Ocean gebahnt hatte. Die ganze Landschaft war von den Strahlen der untergehenden Sonne matt beleuchtet, welche wie ein Krieger, der sich zur Verteidigung rüstet, die röthliche Stirne über ungeheure Bastionen und aufgethürmte Wälle von scharlachrothen und schwarzen Wolken zeigte, die wie eine unermeßlich große gothische Festung schienen, in die sich der Herr des Tages zurückzog. Die untergehenden Strahlen schimmerten glänzend wieder auf der nassen Oberfläche des Sandes und in den unzähligen Wassergruben, mit denen sie bedeckt war, und welche die Ebbe in dem ungleichen Boden zurrückgelassen hatte.

Die Scene war durch eine Anzahl von Reitern, welche sich mit der Salmjagd beschäftigten, noch mehr belebt. Ja, Allan, erhebe nur Hand und Auge, wie du willst, ich kann dieser Art zu fischen keinen andern Namen geben; denn sie erjagten die Fische im vollen Galopp und packten sie mit ihren krumm gebogenen Spießen, wie man auf alten Tapeten Jäger Bären todtstechen sieht. Natürlich geht es mit dem Salmen leichter, als mit dem Bären; doch sind sie so schnell in ihrem Elemente, daß, um sie auf diese Weise zu verfolgen und zu fangen, ein tüchtiger Reiter, ein scharfes Auge, eine feste Hand und Gewandtheit, Pferd und Waffe zu regieren, erforderlich sind. Das Geschrei der Bursche, wenn sie bei ihrer lebhaften Beschäftigung hinauf und hinunter jagten – das schallende Gelächter, wenn einer von ihnen stürzte – das laute Beifallrufen, wenn einer einen Meisterstreich mit der Lanze ausführte – gaben der Scene so viel Leben, daß auch mich die Begeisterung der Jäger ergriff, so daß ich mich eine bedeutende Strecke in den Sand hinein wagte. Besonders erweckten die Thaten eines Reiters so häufig das lärmende Beifallsrufen seiner Gefährten, daß die fernsten Ufer davon wiederhallten. Es war ein schlanker Mann, der ein schönes schwarzes Pferd ritt, welches er, wie ein Vogel in der Luft, wenden und drehen konnte; er trug einen längeren Speer als die Anderen und eine Pelzkappe mit einer kurzen Feder darauf, welches ihm im Ganzen ein stattlicheres Ansehen als den übrigen Fischern gab. Er schien ein gewisses Ansehen unter ihnen zu genießen und leitete öfters ihre Bewegungen mit Hand und Stimme; dann schien mir seine Haltung Ehrfurcht einflößend, seine Stimme ungewöhnlich wohltönend und gebietend.

Schon zogen sich die Reiter an das Ufer zurück, schon verschwand nach und nach das Anziehende der Scene, und immer noch verweilte ich aus den Dünen, hinschauend mit sehnsuchtsvollen Blicken nach meines Englands Ufern, welche, vergoldet vom letzten Strahle der untergehenden Sonne, kaum eine Stunde von mir entfernt schienen. Die ängstlichen Gedanken, die ich nähre, stiegen mit erneuerter Kraft auf in meinem Busen, langsam und mir selbst unbewußt näherte sich mein Fuß absichtslos dem Flusse, der mich von dem verbotenen Bezirke trennte. Da erreichte plötzlich der Klang eines Pferdes im gestreckten Galopp mein Ohr, und als ich mich umwendete, rief mir der Reiter (derselbe Fischer, dessen ich früher erwähnte) laut und barsch entgegen: »O ho: Bruder, es ist zu spät, noch heute Nacht Bownehs zu erreichen – die Fluth wird sogleich eintreten.«

Ich wandte den Kopf und sah ihn an ohne zu antworten, denn sein plötzliches Erscheinen (besser gesagt, sein unerwartetes Herannahen) im wachsenden Schatten und im dämmernden Lichte, hatte für mich etwas Wildes und Schauerliches.

»Seid Ihr taub,« schrie er, »oder toll? – oder habt Ihr Lust nach der künftigen Welt?«

»Ich bin ein Fremder,« antwortete ich, »und wollte nur dem Fischfange zusehen. – Ich will eben nach dem Orte zurückgehen, woher ich kam.«

»So eilt Euch denn so sehr Ihr könnt!« sagte er. »Wer am Ufer des Solway's träumt, kann in der andern Welt erwachen. Der Himmel droht mit einem Sturme, der in einem Augenblick die Wellen drei Fuß hoch treiben wird.«

Indem er es sagte, wandte er sein Pferd und ritt davon, während ich, beunruhigt über das was ich gehört hatte, schnell dem schottischen Ufer zueilte; denn die Fluth nimmt auf diesem verzweifelten Sande so reißend zu, daß selbst wohlberittene Reiter alle Hoffnung auf Rettung aufgeben, wenn sie, selbst schon eine Strecke vom Ufer entfernt, von Weitem die weiße Brandung sich nahen sehen.

Meine Angst stieg in jedem Augenblick, und statt vorsichtig zu gehen, fing ich an so schnell als möglich zu laufen; ich fühlte, oder glaubte doch wenigstens zu fühlen, daß jeder Wasserpfuhl, durch den ich wadete, immer tiefer und tiefer wurde. Zuletzt schien die Oberfläche des Sandes immer häufiger mit Gruben und Löchern, welche mit Wasser gefüllt waren, bedeckt zu sein, sei es nun, daß die Fluth wirklich sich der Bucht näherte, oder hatte ich mich, wie es eben so leicht möglich ist, in der Eile und Verwirrung meines Rückzugs in Schwierigkeiten verwickelt, welche ich bei ruhigerer Ueberlegung hätte vermeiden können. Wie dem auch sei, stets verzweifelter ward meine Lage, immer lockerer ward der Sand, kaum hatte ich meinen Fußstapfen verlassen, als er sich auch schon mit Wasser füllte. Da befielen mich wunderliche Gedanken von der Sicherheit des Wohnzimmers deines Vaters, und von dem festen Tritt, den das Pflaster von Brown's Square und Scott's Close gestattet, als mein guter Genius, der schlanke Fischer, wieder nah an meiner Seite erschien; er und sein schwarzes Pferd gigantisch groß im Schatten der Dämmerung.

»Seid Ihr toll,« sagte er mit demselben tiefen Tone, der früher in meinem Ohre tönte, »seid Ihr toll oder des Lebens überdrüssig? Ihr werdet den Augenblick in den Triebsand gerathen.« Ich bekannte, daß ich des Weges unkundig wäre, worauf er blos antwortete: »Es ist keine Zeit zum Schwatzen – steigt hinter mir auf.«

Er erwartete wahrscheinlich, ich würde vom Boden aus hinauf springen können, eine Gewandtheit, welche die Gränzbewohner durch stete Uebung in allen Reiterkünsten erlangt haben; aber da ich unschlüssig stehen blieb, streckte er seine Hand aus und indem er die Meinige faßte, befahl er mir, meinen Fuß auf die Spitze seines Stiefels zu setzen, und so erhob er mich in einem Nu auf den Rücken seines Pferdes. Kaum saß ich sicher, als er schon die Zügel seines Pferdes schüttelte, welches augenblicklich vorwärts sprang, aber wahrscheinlich durch die ungewöhnliche Last scheu gemacht, bedrohete es uns mit zwei oder drei Sprüngen, wobei es eben so oft mit den Hinterfüßen ausschlug. Der Reiter saß fest wie ein Thurm, obgleich mich die unerwarteten Sprünge des Pferdes auf ihn geworfen hatten. Sporn und Zaum brachten das Pferd bald wieder in den gehörigen Gehorsam, so daß es im gestreckten Galopp davon eilte; schnell war der Umweg zurückgelegt, den der Reiter nach Norden hin einschlug, um dem Triebsande auszuweichen.

Mein Freund, fast möchte ich ihn meinen Erretter nennen; – denn für einen Fremden war meine Lage mit wirklicher Gefahr verbunden – fuhr fort in tiefer Stille auf gleiche Weise fortzueilen, und ich war zu besorgt, um ihn mit Fragen zu belästigen. Zuletzt kamen wir an eine Stelle des Ufers, welche mir völlig unbekannt war, wo ich abstieg und ihm, so gut als ich es vermochte, für den wichtigen Dienst, den er mir eben geleistet hatte, dankte.

Der Fremde antwortete mir nur mit einem ungeduldigen »Pah«, und wollte eben weiter reiten, mich meinen eigenen Hülfsquellen überlassend, als ich ihn bat, seine menschenfreundliche Handlung zu vollenden, und mir den Weg nach Shepherd's Busch zu zeigen, welches, wie ich ihm sagte, mein gegenwärtiger Aufenthaltsort sei.

»Nach Shepherd's Busch?« sagte er, »sind es zwar nur drei Stunden, kennt Ihr aber das Land nicht besser als den Sand, so könnt Ihr den Hals brechen, ehe Ihr hinkommt, das ist in einer dunklen Nacht kein Weg für träumerische Knaben; überdieß gibt es Bäche und Sümpfe zu durchwaten!«

Bei der Kunde so vieler Schwierigkeiten, mit denen zu kämpfen ich nicht gewöhnt war, erschreckte ich nicht wenig. Schon wieder dachte ich an deines Vaters traulichen Camin; und gerne hätte ich meine romantische Lage sammt der glänzenden Unabhängigkeit, in welcher ich mich in diesem Augenblick befand, gegen die gemüthliche Behaglichkeit des Eckchens beim Camine vertauscht, wäre ich auch genöthigt gewesen, meine Augen auf Erskine's Commentar der Institutionen zu heften.

Ich frug meinen neuen Freund, ob er mich nicht für heute Nacht in irgend ein öffentliches Gasthaus geleiten könne; und da ich vermuthete, daß er wahrscheinlich selbst ein armer Mann wäre, so fügte ich, mit der selbstbewußten Würde eines wohlversehenen Taschenbuchs Bekanntlich zahlt man in England und Schottland fast Alles mit Banknoten. Anm. d. Uebers. hinzu, daß ich im Stande wäre, solch' eine Mühe wohl zu belohnen. Da der Fischer keine Antwort gab, so wandte ich mich anscheinend gleichgültig von ihm weg und schlug den Weg ein, von welchem ich glaubte, daß es der wäre, den er mir gezeigt hatte.

Seine tiefe Stimme tönte mir augenblicklich nach, um mich zurückzurufen. »Halt, junger Mann, halt – Ihr habt schon den falschen Weg eingeschlagen. – Ich wundere mich, daß Eure Freunde solch' einen unvorsichtigen Jüngling ohne Aufsicht eines Klügeren hinausschickten, der auf ihn wachen könnte.«

»Wahrscheinlich wäre es auch nicht geschehen,« sagte ich, »wenn ich einen Freund hätte, der sich darum kümmerte.«

»Hört, Herr,« sagte er, »es ist meine Art nicht, Fremden mein Haus zu öffnen, aber Eure Lage ist wirklich gefährlich; denn außer den Gefahren, mit welchen der schlechte Weg, Sümpfe und Abgründe, und die Nacht, welche schwarz und düster hineinsieht, Euch bedrohen, gibt es zuweilen auch noch böse Gesellschaft auf dem Wege – wenigstens steht er nicht im besten Rufe, und Manchen widerfuhr schon Uebels darauf; darum muß ich wohl meine Regel Eurer Noth aufopfern und Euch in meiner Hütte Nachtherberge geben.«

Woher mag es wohl gekommen sein, Allan, daß ich mich eines unwillkürlichen Schauders nicht erwehren konnte, als ich eine Einladung empfing, welche so sehr an ihrem Platze war und meinem natürlichen Forschungsgeiste zusagen mußte? Doch leicht unterdrückte ich dieses unzeitige Gefühl, drückte ihm meinen Dank und die Hoffnung aus, daß ich seiner Familie nicht zur Last fallen würde; dabei ließ ich wieder einen Wink fallen, daß ich wünschte Gelegenheit zu bekommen, die Unruhe, die ich ihm verursachen möchte, wieder mit Etwas gut zu machen. Ganz kalt erwiderte er mir: »Ohne Zweifel wird Eure Gegenwart, Sir, mich stören, aber auf eine Art, die Eure Börse nicht vergüten kann; mit einem Worte, willige ich auch ein, Euch als meinen Gast zu empfangen, so bin ich doch kein Wirth, der um's Geld beherbergt.«

Ich bat ihn wieder um Verzeihung und setzte mich, auf sein Bitten, wieder hinter ihm auf das Pferd, welches rasch davon eilte, wie zuvor. – Wenn dann der Mond die Wolken, die ihn umhüllten, durchdringen konnte, so erschien der lange Schatten des Thieres mit seiner doppelten Bürde schauerlich auf dem wilden, kahlen Boden, über den wir eilten.

Magst du immerhin lachen bis daß der Brief dir aus den Händen fällt, aber es erinnerte mich an den Zauberer Atlantes auf seinem Hippogryph, mit einem Ritter hinter sich auf, so wie Ariost ihn uns beschrieb. Ich weiß es wohl, du bist prosaisch genug, eine gewisse Verachtung gegen das bezaubernde, herrliche Gedicht zu heucheln; aber glaube nur nicht, daß ich, um deinem schlechten Geschmacke zu schmeicheln, irgend eine passende Citation unterlassen werde, die mir hie und da daraus einfallen möchte.

Fort ging's, indem der Himmel sich schwarz umwölkte, und der Wind eine so wilde, schauerliche Melodie dazu blies, daß sie trefflich mit den tiefen Tönen der herannahenden Fluth harmonirte, welche ich in der Ferne hörte, gleich dem Brüllen eines furchtbaren Ungeheuers, dem man seine Beute raubt.

Endlich führte uns unser Weg durch eine tiefe Schlucht oder Hohlweg, welcher bei dem oft verhüllten Schein des Mondes abschüssig, steil und von Baumstämmen unterbrochen schien, obgleich im Allgemeinen Bäume ziemlich selten an diesem Ufer zu finden sind. Der Weg, durch den wir durch die Schlucht kamen, war jäh, abschüssig und holperig, man mußte zwei- oder dreimal neben tiefen Abgründen umwenden. Aber weder Gefahr noch Finsterniß konnten die raschen Bewegungen des Rappen hemmen, der den Engpaß mehr auf seinen Hüften herunter zu gleiten als zu galoppiren schien, indem er mich wiederholt gegen die Schultern des athletischen Reiters warf, welcher dadurch keinerlei Beschwerlichkeit leidend, das Pferd mit den Sporen antrieb und zugleich mit dem Zügel zurückhielt, bis wir in Sicherheit den Fuß des Abhangs erreichten, was mich, wie du, Freund Allan, leicht denken kannst herzlich erfreute.

Kurz nach dieser halsbrechenden Reiterei erreichten wir zwei oder drei Hütten, von welchen die eine, wie ein abermaliger vorübergehender Mondschein mich belehrte, um ein Bedeutendes ansehnlicher schien als die in diesem Theile des Landes gewöhnlichen schottischen Bauernhäuser; denn die Fenster waren verglast, und im Dache waren sogenannte Sturmfenster angebracht, welche ein Zeichen der Pracht eines zweiten Stockwerks schienen. Die Lage schien sehr anziehend, denn die Wohnung und der Hof lagen auf einem Werder von ungefähr zwei Acker, welchen ein Bach, der seinem Rauschen nach nicht unbedeutend schien, an der linken Seite des kleinen Thals bildete; während er seinen Lauf nach der fernen Meeresküste richtete, welcher von Bäumen beschattet und verdunkelt zu werden schien. Der ebene Raum daneben erfreuete sich einiger Mondblicke, so wie die stürmische Nacht sie gewähren konnte.

Es blieb mir wenig Zeit übrig Betrachtungen anzustellen, denn auf das letzte Pfeifen meines Gefährten, welchem ein eben so lautes Hallo! folgte, erschien augenblicklich an der Thüre des ansehnlichsten Gebäudes ein Mann und eine Frau, denen zwei große neufundländische Hunde folgten, deren lautes Bellen ich schon eine Strecke weit gehört hatte. Ein oder zwei kreischende Windhunde, welche in das Concert eingestimmt hatten, waren augenblicklich stille, sobald sie meinen Führer sahen, wedelten, winselten und sprangen auf ihn. Das Frauenzimmer entfernte sich, als sie einen Fremden erblickte, der Mann aber, der eine brennende Laterne trug, näherte sich, empfing ohne weitere Bemerkung das Pferd aus den Händen meines Wirthes, und ich folgte meinem Führer in das Haus. Als wir durch die Hausflur gegangen waren, traten wir in ein nett aussehendes Zimmer mit reinlichem Boden van Backsteinen, wo in einem gewöhnlichen schottischen Camine mit einem Vorsprung, zu meiner großen Freude, ein helles Feuer flackerte. Rings herum waren steinerne Bänke angebracht, gewöhnliche Hausgeräthe, Fischspeere und andere zum Fischfang nöthige Werkzeuge hingen an den Wänden. Das Frauenzimmer, welches zuerst an der Thüre erschienen war, hatte sich nun in ein Nebenzimmer zurückgezogen. Jetzt folgte ihr mein Führer, nachdem er mir zuvor stillschweigend einen Sitz bezeichnet hatte; an ihrer Stelle erschien eine ältliche Frau, in einem grauen stoffenen Kleide, mit bunter Schürze und Kaputze, sichtlich eine Dienerin, obgleich sie zierlicher gekleidet war als es in ihrem wahrscheinlichen Stande gebräuchlich ist, ein Vortheil, dem ein höchst abschreckendes Aeußere die Spitze bot. Der auffallendste Theil ihres Anzugs aber war – in dieser erzprotestantischen Gegend – ein Rosenkranz, an welchem die kleineren Knöpfe von schwarzem Holze, diejenigen aber, welche das pater-noster anzeigten, von Silber waren, mit einem Crucifix von demselben Metall.

Diese Person machte Vorbereitungen zum Abendessen, indem sie auf einen großen eichenen Tisch ein zwar grobes, aber doch reinliches Tischtuch ausbreitete, Gedecke und Salz darauf stellte, und das Feuer zurecht legte, um einen Bratrost darauf hinstellen zu können. Ich sah ihren Bewegungen stille zu, denn sie schien weder mich bemerken zu wollen, noch reizten mich ihre auf eine eigene Weise zurückstoßenden Blicke, ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen.

Als die Duenna alle diese Vorkehrungen getroffen hatte, nahm sie aus der wohlgefüllten Tasche meines Begleiters, welche er über die Thüre gehängt hatte, einen oder zwei Salme oder Grilsen, wie man hier zu Lande die kleinere Art nennt, wählte die besten heraus, zerschnitt sie in Stücke und bratete sie auf dem Rost; mich aber ergriff der duftende Geruch des Gerichtes so mächtiglich, daß ich herzlich wünschte, es möchte kein Hinderniß zwischen der Platte und den Lippen entstehen.

Als dieser Wunsch in mir aufstieg, kam der Mann, der das Pferd in den Stall geführt hatte, in das Zimmer und zeigte mir eine noch unempfehlendere Miene, als die des alten Weibes war, welche mit so vieler Geschicklichkeit die Verrichtungen eines Koches übernommen hatte. Er mochte ungefähr sechzig Jahre alt sein; doch war seine Stirne noch nicht stark gefurcht, und sein noch schwarzes Haar war durch das Alter nur ein wenig ergraut, aber durchaus nicht gebleicht worden. Alle seine Bewegungen verkündeten eine noch unversehrte Stärke; obgleich von mittlerer Statur, hatte er doch breite Schultern, war regelmäßig gebaut, schlank in den Hüften, und verband augenscheinlich mit diesem Riesenkörper Muskelkraft und Thätigkeit; letztere durch die Jahre vielleicht ein wenig geschwächt, doch die erstere noch in voller Blüthe. Harte, schroffe Züge – die Augen tief liegend unter den hervorstehenden Augenbrauen, die wie sein Haar zu ergrauen begannen – ein weiter Mund von einem Ohr bis zum anderen mit zwei Reihen unverdorbener, schneeweißer Zähne besetzt, welche so groß und breit waren, daß sie in die Kinnlade eines Menschenfressers gepaßt hatten, setzten dem köstlichen Bilde die Krone auf. Er war wie ein Fischer gekleidet, in einer blauen Jacke und weiten Hosen von dem blauen Zeuge, welches die Seeleute gewöhnlich zu tragen pflegen, ein großes holländisches Käsemesser, dem der Hamburger Schiffer ähnlich, stak in einem breiten ledernen Gürtel, welcher aussah, als konnte er bei Gelegenheit auch Waffen enthalten, welche minder zweideutig auf Gewaltthätigkeit berechnet sind.

Dieser Mann warf mir einen forschenden und, wie mich's däuchte, drohenden Blick zu, als er in das Zimmer trat; aber ohne weitere Notiz von mir zu nehmen, bemächtigte er sich des Amtes den Tisch zu ordnen, welches die alte Dame verlassen hatte um Fische zu kochen, und stellte, mit mehr Gewandtheit als ich ihm, seinem rauhen Ansehen nach, zugetraut hatte, zwei Sessel an das obere Ende des Tisches und zwei Stühle an das untere; bereitete vor jedem Sitze ein Couvert, welches er mit Gerstenbrod und einem kleinen Kruge versah, den er aus einem großen, schwarzen Schlauch mit Bier füllte. Drei Krüge waren von gewöhnlichem Thon, zu dem Gedecke rechter Hand am oberen Ende des Tisches stellte er aber ein silbernes Flacon, reich mit Wappenschildern versehen. An dem oberen Ende des Tisches stand ein Salzfaß von Silber, schön gearbeitet, mit Salz von blendender Weiße, Pfeffer und anderen Gewürzen. Eine zerschnittene Citrone ward ebenfalls auf einer kleinen silbernen Platte vorgestellt. Die zwei großen Wasserhunde, welche diese Vorbereitungen vollkommen zu begreifen schienen, setzten sich jeder auf einer Seite des Tisches, und machten sich bereit, ihre Portion von der Mahlzeit zu erhalten. Nie sah ich schönere Thiere, die mehr an ein gewisses Gefühl des Anstands gewohnt waren, nur wenn der Duft vom Camin bis zu ihrer Nase drang, erregte er ihnen ein lüsternes Schnuppern. Die kleinen Hunde aber nahmen ihren Platz unter dem Tische ein.

Ich fühle wohl, daß ich mich bei geringfügigen, gewöhnlichen Umständen aufhalte, und daß ich wahrscheinlich deine Geduld dadurch ermüde. Aber denke dich an meiner Stelle, allein an diesem abgelegenen Orte, der, nach dem allgemeinen Stillschweigen zu urtheilen, der Tempel des Harpocrates selbst zu sein schien – erinnere dich daran, daß es mein erster Ausflug von Hause war, vergiß dabei nicht, daß die Weise, wie ich hieher kam, etwas Abenteuerliches hatte, daß ein geheimnißvoller Schleier alles das zu umgeben schien, was ich bisher gesehen hatte; und dann wirst du, glaube ich, nicht mehr überrascht sein, daß an und für sich geringfügige Umstände mir seiner Zeit auffielen, und meinem Gedächtnisse auch späterhin eingeprägt blieben.

Daß ein Fischer, der dem Fischfang wahrscheinlich ebensowohl seines Vergnügens als seines Nutzens wegen nachgeht, besser beritten ist, bequemer wohnt als die niedere Classe der Bauern, nun, das ist freilich nichts Bewundernswerthes; aber Alles, was ich sah, schien anzudeuten, daß ich mich eher in der Behausung eines zurückgekommenen Edelmannes, der noch an den Formen und Gebräuchen seines früheren Standes hing, befände, als in dem Hause eines gewöhnlichen Bauern, der sich von seinen Standesgenossen nur durch verhältnißmäßig größeren Wohlstand auszeichnete.

Außer dem schon erwähnten Silbergeschirr stellte der alte Mann nun eine silberne Lampe, Cruisie, wie ihr Schotten sie nennt, auf den Tisch und zündete sie an. Sie war mit geläutertem Oel gefüllt, welches, als man die Lampe anzündete, einen lieblichen Duft verbreitete; sie gab mir Gelegenheit, die Wände des Zimmers, welche ich bisher nur bei dem schwachen Lichte des Feuers gesehen hatte, genauer zu betrachten. Der Küchenständer mit seiner gewöhnlichen Anordnung von Zinn- und Irden-Geschirr, pünktlich und sorgfältig gereinigt, strahlte auf der einen Seite des Zimmers freundlich wieder im Scheine der Lampe. In einem Erker, den die Nische des gewölbten Fensters bildete, stand ein großer Schreibpult von Nußbaumholz, seltsam eingelegt; über demselben Gefächer von demselben Holze, auf welchen einige Bücher und Papiere lagen. Auf der Seite, welche dem Erker gegenüber war, waren, so viel ich unterscheiden konnte (denn sie lag im Schatten, und von meinem Platze aus konnte ich es nur unvollkommen betrachten), eine oder zwei Flinten, Schwerter, Pistolen und andere Waffen aufgehäuft – eine Sammlung, die in einer armen Hütte und in einer so friedlichen Gegend nicht allein sonderbar, sondern sogar etwas verdächtig schien.

Du kannst dir wohl vorstellen, daß ich alle diese Bemerkungen schneller machte als erzählte, oder als du (wenn du sie nicht überschlagen hast) im Stande warst, sie zu lesen. Schon waren sie beendigt, und ich dachte darauf, wie ich eine Unterhaltung mit den stummen Einwohnern des Gebäudes anknüpfen sollte, als mein Führer in der Seitenthüre, durch welche er abgegangen war, wieder erschien.

Er hatte jetzt seine grobe Reitermütze und seinen engen Jockey-Rock abgeworfen, und stand vor mir da in einer grauen, enganliegenden, schwarz besetzten Jacke, welche seine breite, nervige Gestalt zeigte, und seine Beinkleider von lichterer Farbe lagen so enge an dem Körper an, wie die Hochländer sie zu tragen pflegen. Sein ganzer Anzug war von feinerem Tuche, als der des alten Mannes, und seine Wäsche – so genau merkte ich auf – rein und unbeschmutzt. Sein Hemd hatte keine Streifen und war am Halse mit einem schwarzen Bande befestigt, über das sich sein starker muskulöser Nacken, gleich dem eines alten Herkules, erhob. Der Kopf war klein, mit einer hohen Stirne und gut geformten Zähnen. Er trug weder Perücke noch Haarpuder, und die kastanienbraunen Locken, welche wie bei einer Statue von seinem Kopfe herabfielen, trugen nicht die geringste Spur des Alters, obschon er über Fünfzig sein mußte.

Seine Züge waren so erhaben und kräftig, daß man schwankte, ob man sie rauh oder schön nennen sollte. Doch gab das funkelnde dunkle Auge, die Adlernase, der wohlgeformte Mund seiner Physiognomie Adel und Ausdruck. Ein Zug von Niedergeschlagenheit oder von Strenge, oder von beiden zugleich, schienen ein melancholisches, hochstrebendes Gemüth zu verrathen. Ich konnte mich nicht enthalten, die Helden der Vorwelt vor meinem Geiste vorübergehen zu lassen, um einen zu finden, mit dem ich die edle Gestalt und Haltung vor mir vergleichen könnte. Er war zu jung, schien sich zu wenig in sein Schicksal gefunden zu haben, um dem Belisarius zu gleichen. Näher mochte ihm Coriolanus am Herde des Tullus Aufidius kommen, aber der düstere, hochmüthige Blick des Fremden war mehr der des Marius, sitzend auf den Ruinen des zerstörten Karthagos.

Während ich nun, verloren in meinen Traumbildern, saß, stand mein Wirth am Feuer und betrachtete mich mit derselben Aufmerksamkeit, die ich ihm widmete, bis ich, durch seine Blicke in Verlegenheit gesetzt, mich entschloß, auf jede Gefahr hin, das Stillschweigen zu brechen. Aber das Abendessen, das man nun auftrug, erinnerte mich an ein gewisses Gefühl, welches ich bei meinem Staunen über die schöne Gestalt meines Führers fast vergessen hatte. Endlich sprach er, und fast erstarrte ich vor dem tiefen, vollen Ton seiner Stimme, obgleich er mich nur einlud, mich zu Tische zu setzen. Er selbst nahm den Ehrenplatz ein, neben welchem das silberne Flacon stand, und winkte mir, mich neben ihn zu setzen.

Du weißt, daß deines Vaters genaue und treffliche Hauszucht mich daran gewöhnt hat, einen Segen sprechen zu hören, ehe wir das tägliche Brod brechen, um das wir bitten. – Ich schwieg einen Augenblick, und obschon ich es nicht sagte, so vermuthe ich doch, daß meine Bewegungen meine Gedanken verrathen haben müssen. Die beiden Diener oder Untergebenen saßen schon, wie ich es hätte früher bemerken sollen, am unteren Ende des Tisches, als mein Wirth dem alten Manne einen ausdrucksvollen Blick zuwarf, indem er dabei fast spöttisch lächelnd hinzufügte: »Christal Nixon, sprich doch das Gebet – der Herr scheint es zu erwarten.« – »Der böse Feind werde Meßgehülfe und sage Amen, wenn ich Kaplan werde,« brummte die angeredete Person in einem Tone entgegen, der einem sterbenden Bären wohl geziemt hätte; »ist der Gentleman ein Whig, so mag er sich selbst seine Maskerade spielen. Mein Glaube besteht nicht in Wort und Schrift, wohl aber in Gerstenbrod und Braunbier.«

»Mabel Moffat,« sagte mein Führer, indem er auf das alte Weib schaute, und wahrscheinlich, weil sie harthörig war, seine tönende Stimme erhob, »kannst du einen Segen über unsere Speisen sprechen?«

Die alte Frau schüttelte den Kopf, küßte das Kreuz, das an ihrem Rosenkranze hing und schwieg.

»Mabel will das Gracias für keinen Ketzer sagen,« erwiderte der Herr vom Hause mit demselben höhnischen Lächeln in Gesicht und Ausdruck. In demselben Augenblick öffnete sich die schon erwähnte Seitenthür, und das junge Frauenzimmer, welches ich zuerst am Thore der Wohnung erblickte, trat einige Schritte vor, dann aber blieb sie stehen, als hätte sie bemerkt, daß ich sie betrachte, und frug den Herrn des Hauses, »ob er gerufen habe?«

»Ich sprach nur so laut, damit die alte Mabel mich hören konnte,« erwiderte er, »und doch,« fügte er hinzu, als sie sich umwandte, um wieder zu gehen, »es ist eine Schande, daß ein Fremder ein Haus sehen soll, wo nicht einer aus der Familie das Gebet sprechen könnte oder wollte – sei du unser Kaplan!«

Das Mädchen, welches wirklich schön war, nahete sich mit schüchterner Bescheidenheit und, wie es schien, ohne zu wissen, daß sie eine hier ungewöhnliche Handlung verrichte, sprach sie den Segen mit einem Tone gleich dem einer silbernen Glocke, mit rührender Einfachheit aus – ihre Wangen rötheten sich dabei so viel, daß sie anzudeuten schienen, bei minder feierlicher Gelegenheit würde sie verwegener geworden sein.

Wenn du nun eine schöne Beschreibung dieses jungen Frauenzimmers erwartest, Allan Fairford, um dich mit mir zu necken, daß ich eine Dulcinea in der Bewohnerin einer Fischerhütte im Meerbusen von Solway gefunden hätte, so sollst du für dieses Mal getäuscht werden; denn wenn ich sage, daß sie ein hübsches, liebes, gewandtes Geschöpf zu sein schien, so ist das Alles, was ich sagen kann. Sie verschwand, als der Segen gesprochen war.

Mein Wirth brummte etwas von der Kälte unseres Rittes und von der rauhen Luft der Solway-Küste in einer Art, als wolle er es nicht beantwortet haben, und belud dann meinen Teller mit Mabels Grillade, welche, nebst einer großen hölzernen Schüssel voll Kartoffeln, unser ganzes Mahl ausmachte. Einige Tropfen aus der Citrone gaben dem Salm einen höheren Wohlgeschmack, als die gewöhnliche Zubereitung mit Essig, und ich versichere dir, die Gefühle, die mich bis dahin ergriffen hatten, Neugierde sowohl als Verdacht, nichts hinderte mich, tüchtig zuzugreifen, und es mir recht wohl schmecken zu lassen. Auch fiel während dieser Zeit nichts Erhebliches zwischen mir und meinem Gesellschafter vor, außer daß er mir die gewöhnlichen Ehrenbezeugungen des Tisches (die honneurs de la table) zwar mit Höflichkeit, doch nicht mit jener herzlichen Gastfreundschaft erzeigte, welche Leute seines (anscheinenden) Standes bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich zeigen, selbst wenn sie sie wirklich nicht fühlen. Im Gegentheil, seine Manieren schienen die eines höflichen Wirthes gegen einen unerwarteten, ja selbst unwillkommenen Gast zu sein, welchen er seines Ansehens wegen höflich, doch weder gut noch bereitwillig empfängt.

Frägst du, woraus ich es schließe, so kann ich dir es wahrlich nicht sagen; ja, wenn ich dir selbst die unbedeutenden Gespräche, die zwischen uns gewechselt wurden, der Länge nach herschriebe, so würden sie auch diese Bemerkung nicht rechtfertigen können. Genug, wenn er seine Hunde fütterte, welches er von Zeit zu Zeit mit großer Freigebigkeit that, so schien er eine erfreulichere Pflicht zu erfüllen, als wenn er seinem Gaste dieselbe Aufmerksamkeit widmete. Im Allgemeinen machte er auf meinen Geist den schon erwähnten Eindruck.

Als das Abendessen geendigt war, ward eine kleine Umhängflasche mit Branntwein in einem seltsamen Gestell von geflochtener Silberarbeit den Gästen dargereicht. Ich hatte schon ein kleines Glas Liqueur getrunken, da konnte ich mich, als Mabel und Christal sich dessen bedient hatten, und die Flasche wieder heraufgereicht wurde, nicht enthalten, das Wappen genauer zu betrachten, welches auf dem silbernen Gestelle eingegraben war. Als aber mein Auge dem meines Wirthes begegnete, bemerkte ich augenblicklich, daß ihm meine Neugierde im höchsten Grade mißfiel; er runzelte die Stirne, biß sich in die Lippen, und zeigte so deutliche Spuren der Ungeduld, daß ich die Flasche sogleich hinstellte und mich zu entschuldigen versuchte. Doch er würdigte mich keiner Antwort, ja er schien nicht einmal darauf zu hören, und auf ein Zeichen von seinem Herrn entfernte Christal den Gegenstand meiner Neugierde sowohl als die Schale, worauf das Wappen gestochen war.

Nun erfolgte ein drückendes Stillschweigen, welches ich dadurch zu brechen versuchte, daß ich bemerkte: »ich fürchtete, meine Zudringlichkeit hätte seiner Familie Unannehmlichkeiten verursacht.«

»Ich hoffe, Ihr seht keine Spur davon, Sir,« erwiderte er mit kalter Höflichkeit, »welche Unannehmlichkeiten auch eine so zurückgezogene Familie, wie die unserige, durch einen unerwarteten Gast erleiden mag, so sind sie doch sehr gering, in Vergleichung mit dem, was der Gast selbst durch den Mangel an gewohnter Bequemlichkeit erduldet. So weit sich nun unsere Bekanntschaft ausdehnt, steht also unsere Rechnung gleich.«

Dieser entmuthigenden Antwort ungeachtet, machte ich, wie es in solchen Fällen gewöhnlich geht, eine Thorheit, und indem ich höflich scheinen wollte, war ich wahrscheinlich in Wirklichkeit gerade das Gegentheil. »Ich fürchtete,« sagte ich, einen Blick auf die Seitenthüre werfend, »meine Gegenwart hätte Jemand von der Familie vom Tische verdrängt.«

»Wenn,« erwiderte er kalt, »ich das junge Frauenzimmer meinte, welches ich im Zimmer gesehen hätte, so könnte ich ja wohl bemerken, daß Platz zum Sitzen und Speise zum Essen genug für sie da wäre. Ich könnte daher überzeugt sein, daß sie mitgegessen haben würde, wenn sie es gewünscht hätte.«

Jetzt konnte ich aber bei diesem oder einem andern Gegenstande nicht länger verweilen; denn mein Wirth bemerkte, indem er die Lampe ergriff, daß meine nassen Kleider mich wohl für heute Nacht mit ihrer Sitte aussöhnen würden, früh zu Bette zu gehen; daß er gezwungen wäre, morgen mit Tagesanbruch fortzureiten, und daß er mich zu derselben Zeit abholen würde, um mir den Weg zu zeigen, den ich einschlagen müßte, um nach Shepherd's Busch zurückzukommen.

Somit ließ er mir keine Gelegenheit zu ferneren Erläuterungen, oder zu den gewöhnlichen Höflichkeitsbezeugungen; denn da er weder nach meinem Namen frug, noch den geringsten Antheil an meinem Stand verrieth, so durfte auch ich es nicht wagen, ihn mit solchen Fragen zu belästigen.

Er ergriff die Lampe und führte mich durch die Seitenthüre in ein sehr enges Zimmer, wo in der Eile ein Bett für mich aufgeschlagen worden war, und indem er die Lampe hinstellte, wies er mich an, meine nassen Kleider vor die Thüre zu hängen, damit sie während der Nacht am Feuer trocknen könnten. Dann verließ er mich, indem er etwas vor sich hinbrummte, das wahrscheinlich so viel als: »gute Nacht« heißen sollte.

Ich gehorchte seiner Anweisung, meine Kleider betreffend, um so viel mehr, da trotz der geistigen Getränke, welche ich zu mir genommen hatte, meine Zähne schnatterten und ich durch ängstliche Gefühle Winke erhielt, daß ein in der Stadt erzogener Jüngling, wie ich, nicht ungestraft plötzlich die Mühseligkeiten ländlicher Unterhaltungen theilen könnte. Aber mein Bett, wenn schon grob und hart, war doch trocken und reinlich, und bald dachte ich so wenig an Hitze und Frost, daß ich mit Aufmerksamkeit auf einen schweren Tritt horchte, der meinem Wirthe anzugehören schien, welcher in dem Zimmer über mir auf und ab ging. Sobald ich meine Lampe ausgelöscht hatte, schimmerte Licht durch die rohen Balken, und da das Geräusch des langsamen, feierlichen und regelmäßigen Schrittes nicht aufhörte, und ich wohl unterscheiden konnte, daß die Person sich immer wieder umwandte, sobald sie das Ende des Zimmers erreicht hatte, so schien es mir klar, daß der Gehende keine häusliche Beschäftigung verrichtete, sondern lediglich und allein zu seinem Vergnügen auf und ab spazierte. Eine närrische Unterhaltung ist das, dachte ich, für Jemanden, der wenigstens einen Theil des verflossenen Tages in heftiger Leibesbewegung zugebracht hat, und der davon redet, den nächsten Morgen beim Anbruch der Dämmerung aufzustehen.

Unterdessen begann der Sturm, der schon den ganzen Abend dumpf brauste, mit entsetzlicher Wuth loszubrechen; ein Getöse, ähnlich dem in der Ferne rollenden Donner (wahrscheinlich das Brausen der Wellen, die sich am Ufer brachen) vermischt mit dem Rauschen des nahen Stromes, dem Aechzen, Knarren und Krachen der Bäume der Schlucht, in deren Aeste der Wirbelwind sauste. Im Hause selbst klapperten die Fenster, die Thüren fielen zu, ja selbst die Mauern, obgleich für ein solches Gebäude fest genug, schienen vom Sturm zu zittern.

Immer aber noch hörte ich in dem Zimmer über mir die schweren Schritte, trotz dem Toben und Wüthen der Elemente, gleichförmig auf und nieder gehen. Mehrmals glaubte ich selbst einen Seufzer zu vernehmen, doch gestehe ich offen, daß in einer so unheimlichen Lage meine Phantasie mich irre geführt haben kann.

Oft kam ich in Versuchung, laut zu rufen, um zu fragen, ob der Sturm um uns das Gebäude nicht gefährde; aber wenn ich dann an den finsteren, ungeselligen Herrn des Hauses dachte, der menschliche Gesellschaft fliehend, selbst im Kampfe der Elemente in ungestörter Ruhe blieb, so kam es mir vor, daß wenn ich jetzt mit ihm spräche, ich den Geist des Sturmes selbst bannte, das mir es schien, kein anderes Wesen könne so ruhig und gelassen bleiben, während um dasselbe Wind und Wasser so entsetzlich tobten.

Doch mit der Zeit siegte die Ermüdung über Angst und Neugierde. Entweder der Sturm ließ nach, oder meine Sinne stumpften sich gegen seine Schrecken ab, genug, ich schlief ein, ehe noch der geheimnißvolle Schritt meines Wirthes aufgehört hatte, die Decke meines Zimmers zu erschüttern.

Man sollte glauben, das Neue meiner Lage hätte meinen Schlaf, wenn auch nicht verhindern, doch seine Ruhe stören, seine Dauer verkürzen sollen. Doch war es gerade das Gegentheil, denn nie schlief ich fester, und erwachte nur erst dann, als beim Anbruch der Dämmerung mein Wirth mich am Arm schüttelte und einen Traum störte, den ich zu deinem Glücke vergessen habe, denn sonst wärst du gewiß damit beglückt worden, in der Hoffnung, daß du dich dabei als ein zweiter Daniel zeigen würdest.

»Ihr schlaft gesund,« sagte er mit tiefer Stimme; »doch ehe noch fünf Jahre über Euer Haupt dahinschwinden, wird Euer Schlummer leichter sein – wenn Ihr dann nicht schon in dem Schlafe befangen liegt, aus dem man nie erwacht!«

»Wie,« sagte ich, indem ich mich schnell im Bett aufrichtete, »wißt Ihr etwas von mir, von meinen Verhältnissen, meinen Aussichten?«

»Nicht das Geringste,« antwortete er mit bitterem Lächeln, »aber Ihr tretet in die Welt jung, unerfahren und hoffnungsvoll, darum prophezeie ich Euch, wie ich es jedem Anderen in Eurer Lage gethan hätte. – Aber kommt, dort liegen Eure Kleider – ein Stück schwarz Brod und eine Schale Milch erwarten Euch, wenn Ihr frühstücken wollt, doch müßt Ihr Euch eilen.«

»Ich muß mir erst,« erwiderte ich, »die Freiheit ausbitten, einige Minuten allein zubringen zu dürfen, ehe ich die gewöhnlichen Tagesgeschäfte beginne.«

»Ja so, ich bitte Eure Andacht um Verzeihung,« antwortete er und verließ das Zimmer.

»Allan, es ist etwas Schreckliches um diesen Mann!«

Meinem Versprechen gemäß, folgte ich ihm in die Küche, wo wir gestern zu Nacht aßen, und fand dort, was er mir zum Frühstück angeboten hatte, nichts mehr und nichts weniger.

Während ich Brod und Milch verzehrte, ging er wieder auf und ab; und der langsame, abgemessene, schwere Tritt, schien derselbe, welchen ich die vergangene Nacht gehört hatte. Sein Schritt, bedächtig, als folge er einem Leichenzuge, schien der Ausdruck einer inneren, dunklen, verborgenen, tiefgewurzelten Leidenschaft zu sein. – Da dachte ich innerlich, wir laufen und springen neben einem lebhaften, murmelnden Bach, als wollten wir mit ihm um die Wette laufen; aber neben tiefen Gewässern, die schauerlich, einsam daherfließen, ist unser Schritt abgemessen und ruhig wie ihr Lauf. Welche Gedanken mögen jetzt wohl aufsteigen in jener tiefgefurchten Stirne, mag der schwere Tritt verkünden?

»Wenn Ihr geendigt habt,« sagte er, indem er mich mit einem ungeduldigen Blick ansah, als er bemerkte, daß ich nicht mehr aß, sondern ihn nur mit den Augen fixirte, »so bin ich bereit, Euch den Weg zu zeigen.«

Wir gingen also zusammen fort, während kein Glied der Familie, außer mein Wirth, zu sehen war. Mich verdroß es, daß ich keine Gelegenheit gefunden hatte, den Dienern, oder denen, die es schienen, etwas geben zu können. Aber dem Herrn des Hauses eine Erkenntlichkeit anzubieten, dazu fehlte mir der Muth.

Was hätte ich nicht darum gegeben, einen Theil deines gesetzten Wesens zu besitzen, der einem Manne, der dessen bedürftig schien, im Bewußtsein, eine gerechte Handlung auszuüben, ohne Weiteres einen halben Kronenthaler in die Hand gedrückt, und dich keinen Pfennig darum bekümmert hättest, ob du nicht damit das Gefühl dessen, dem du dienen möchtest, beleidigst. Ich sah dich einst einem Manne mit einem langen Barte, der seinem würdigen Aussehen nach einen Solon hätte vorstellen können, ganz kaltblütig einen penny geben. Ich hatte deinen Muth nicht, Allan, bot also auch meinem geheimnisvollen Wirthe nichts an, obgleich, trotz des Prunkens mit silbernen Gefässen, alles im Hause Dürftigkeit, ja fast Armuth verrieth.

Wir verließen also den Ort zusammen. Doch ich höre dich schon deinen Lieblingsausruf brummen: O, jam satis! das Uebrige auf eine andere Zeit. Ich werde, denke ich, meine Mittheilungen verschieben, bis ich sehe, ob du auch meine Güte anerkennst.

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