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Redgauntlet

Walter Scott: Redgauntlet - Kapitel 36
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pfad/scott/redgaunt/redgaunt.xml
typefiction
authorWalter Scott
titleRedgauntlet
publisherVerlag von Carl Zieger
seriesWalter Scott's sämmtliche Werke
volumeZweiundzwanzigster Band
translatorKarl Weil
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110418
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

(Fortsetzung.)

Redgauntlets erster Gang war nach dem Zimmer seines Neffen. Er entriegelte die Thüre, trat in's Zimmer, und fragte, was er wolle, daß er einen so entsetzlichen Lärm mache.

»Ich will meine Freiheit,« sagte Darsie, der sich zu einer Leidenschaftlichkeit hinaufgeschraubt hatte, in welcher seines Oheims Zorn allen Schrecken für ihn verlor; »ich will meine Freiheit haben, und der Sicherheit meines geliebten Freundes, Allan Fairford, gewiß sein, dessen Stimme ich soeben gehört habe.«

»Eure Freiheit sollt Ihr binnen einer halben Stunde erhalten, – Euer Freund soll gleichfalls zu gehöriger Zeit in Freiheit gesetzt werden, und Ihr selbst sollt Erlaubniß haben, den Ort seines Gewahrsams zu betreten.

»Das genügt mir nicht,« sagte Darsie; »ich muß meinen Freund augenblicklich sehen; er ist hier, und um meinetwillen allein in Gefahr; ich habe heftige Ausrufungen und Schwertergeklirr gehört. Ihr werdet nichts über mich gewinnen, wenn ich mich nicht mit eigenen Augen von seiner Sicherheit überzeuge.«

»Arthur, theuerster Neffe,« antwortete Redgauntlet; »mach mich nicht rasend! Dein eigenes Schicksal, das deines Hauses, das von Tausenden, das von Britannien selbst, stehen in diesem Augenblick auf der Spitze, und du bist bloß um die Sicherheit eines armen unbedeutenden Zungendreschers besorgt!«

»Er hat also Unrecht erlitten von Euern Händen?« fragte Darsie stolz. »Ja, ich weiß es; aber ist dem so, so soll selbst unsere Verwandtschaft Euch nicht schützen.«

»Still, du undankbarer, hartnäckiger Thor,« erwiderte Redgauntlet; »doch halt – wirst du zufrieden sein, wenn du diesen Allan Fairford, deinen werthgeschätzten Freund, gesund und wohl siehst? – wirst du zufrieden sein, sage ich, ihn vollkommen wohl zu sehen, ohne es zu versuchen, ein Wort mit ihm zu sprechen? – Nehmt meinen Arm denn,« sagte Redgauntlet, »und Ihr, Nichte Lilias, nehmt den andern; Sir Arthur, seid auf Eurer Hut, Euch ordentlich zu betragen!«

Darsie mußte nachgeben, vollkommen überzeugt, daß sein Oheim ihm keine Unterredung mit einem Freunde gestatten würde, dessen Einfluß gewiß gegen seine ernstlichsten Wünsche benutzt werden würde; einigermaßen war er durch die Versicherung von Fairfords persönlicher Sicherheit zufrieden gestellt.

Redgauntlet führte sie durch einige Gänge (denn das Haus war, wie oben bemerkt wurde, sehr unregelmäßig und zu verschiedenen Zeiten gebaut), bis sie an ein Zimmer kamen, wo ein Mann mit geschultertem Karabiner Wache hielt, aber sogleich den Schlüssel drehte zu ihrem Empfang. In diesem Zimmer fanden sie Allan Fairford und den Quäker, augenscheinlich in tiefem Gespräche mit einander. Sie blickten auf, als Redgauntlet und seine Begleiter eintraten. Allan nahm seinen Hut ab und machte eine tiefe Verbeugung, welche die junge Dame, die ihn erkannte, obgleich er sie wegen ihrer Maske nicht erkennen konnte, mit einiger Verwirrung erwiderte, welche wahrscheinlich an der Erinnerung an den kühnen Schritt, den sie mit ihrem Besuche bei ihm gethan hatte, entstand.

Darsie wünschte zu sprechen, aber wagte es nicht. Sein Oheim allein sagte: »meine Herren, ich weiß, Ihr seid eben so bekümmert um Darsie Latimer, als er es um Euch ist. Ich bin von ihm beauftragt, Euch zu sagen, daß er sich so wohl befindet, als Ihr. Ich hoffe, Ihr werdet Euch Alle bald treffen. Indessen sollt Ihr, obgleich ich Euch nicht die Freiheit geben kann, in Eurer einstweiligen Gefangenschaft so gut behandelt werden als möglich.«

Ohne die Antworten anzuhören, welche der Rechtsgelehrte und der Quäker zu geben sich beeilten, ging er weiter, winkte nur zum Abschiede mit der Hand, und entfernte sich mit der wirklichen und mit der scheinbaren Dame, die er am Arme führte, durch eine Thüre am obern Ende des Zimmers, welche eben so verschlossen und bewacht war, wie die, durch welche sie eingetreten waren.

Redgauntlet führte sie nun zunächst in ein sehr kleines Zimmer, woran, durch eine Wand geschieden, ein größeres grenzte: denn sie hörten das Getrappe der schweren Stiefel, wie man sie damals trug, als ob mehrere Personen auf und ab gingen, und leise und ängstlich einander zuflüsterten.

»Hier,« sagte Redgauntlet zu seinem Neffen, indem er ihn von Reitrock und Maske befreite, »hier gebe ich Euch Euch selbst zurück und hoffe, daß Ihr alle weibische Gedanken mit dieser weiblichen Kleidung ablegt. Erröthet nicht, eine Verkleidung getragen zu haben, zu der schon Könige und Helden ihre Zuflucht nehmen mußten. Nun wenn weibliche List und weibliche Feigheit ihren Weg finden in einem männlichen Busen, mag derjenige, der solche Gesinnungen hegt, sich ewig, ewig schämen, es gethan zu haben. Folgt mir, Lilias bleibt hier; ich will Euch nun bei denen einführen, die ich als Eure Genossen in dem ruhmvollsten Unternehmen zu sehen hoffe, in dem diese Hand je ein Schwert gezogen hat.«

Darsie hielt an; »Oheim,« sagte er, »meine Person ist in Eurer Hand; erinnert Euch aber, daß mein Wille mein bleibt. Erinnert Euch daran, was ich schon gesagt habe, was ich jetzt wiederhole, ich will zu keinem wichtigen Entschluß mich fortdrängen lassen; nur nach vollkommener Ueberzeugung werde ich einen wichtigen Schritt thun.«

»Du thörichter Knabe, kannst du denn dich überzeugen, ohne die Gründe anzuhören und zu verstehen, nach denen wir handeln?«

Mit diesen Worten faßte er Darsie am Arme und führte ihn in das anstoßende Gemach, – ein großes Zimmer, welches zum Theil mit verschiedenen Handelswaaren, besonders mit Contreband, gefüllt war; unter Ballen und Fässern gingen verschiedene Herren auf und ab, deren Benehmen und Aussehen weit über der einfachen Reitkleidung schienen, die sie trugen. Eine ernste und finstere Besorglichkeit lag auf den Gesichtern, als sie sich bei Redgauntlets Eintritt aus ihren besonderen Gruppen um ihn her drängten, und ihn mit einer Formalität grüßten, welche etwas von einer bedeutungsvollen Melancholie an sich trug. Als Darsie im Kreise herumsah, glaubte er nur wenig Züge jener kühnen Hoffnung zu entdecken, welche Männer bei verzweifelten Unternehmungen zu erfüllen pflegt, und begann zu glauben, die Verschwörung würde sich in sich selbst auflösen, ohne daß er genöthigt sein würde, einem so heftigen Charakter, wie der seines Oheimes war, sich gerade entgegensetzen, und einer Gefahr preisgeben zu müssen, womit eine solche Widersetzung verbunden sein müßte.

Mr. Redgauntlet indeß sah oder wollte nichts von solchen Zeichen der Niedergeschlagenheit unter seinen Genossen sehen, sondern trat ihnen mit fröhlichem Gesichte und einem warmen Willkommen entgegen: »mich freut, Euch hier zu finden, Mylord,« sagte er, sich gegen einen schlanken jungen Mann tief verbeugend. »Ich hoffe, Ihr kommt mit den Unterpfändern Eures edlen Vaters von B...., und seinem ganzen loyalen Hause. – Sir Richard, was gibt es Neues im Westen? Man hat mir gesagt, Ihr hättet 200 Mann auf den Beinen gehabt, als der unglückliche Rückzug von Derby begann. Wenn die weiße Fahne wiederum entfaltet wird, so soll sie nicht so leicht sich rückwärts wenden, weder durch die Gewalt ihrer Feinde, noch die Falschheit ihrer Freunde. – Doktor Grumball, ich beuge mich vor dem Repräsentanten von Oxford, der Mutter der Gelehrsamkeit und Loyalität. – Pengwhion, Ihr Alprabe, hat dieser gute Wind Euch nach Norden geblasen? – Ach! meine tapfern Cambro-Britten, wann ist Wallis das Letzte gewesen auf dem Pfade der Ehre?«

Diese und ähnliche Komplimente theilte er rings umher aus, die meist nur mit stillen Verbeugungen aufgenommen wurden, als er aber einen seiner Landsleute mit dem Namen Mac Kellar, und Maxwell von Summertrees mit dein Namen Pate – in – Peril begrüßte, erwiderte der Letztere: »wenn Pate nicht ein Narr wäre, würde er Pate – in – Safety (in Sicherheit) sein«; und der Erstere, ein magerer alter Edelmann, in einen Rock mit verblichner Stickerei gekleidet, sagte gerade heraus: »Wahrhaftig, Redgauntlet, ich bin hier, gerade wie Ihr selbst; ich habe wenig zu verlieren, – die, welche mir in der letzten Zeit meine Güter nahmen, mögen mir auch das Leben nehmen, denn das ist Alles, wofür ich zu sorgen habe.«

Die englischen Edelleute, die noch im Besitz ihrer väterlichen Güter waren, sahen einander zweifelhaft an, und man hörte ein Geflüster unter ihnen von dem Fuchse, der seinen Schwanz verloren habe.

Redgauntlet wandte sich rasch an sie und sagte: »Ich glaube, ich kann mir diesen Anschein von Traurigkeit erklären, die sich unter Männern eingeschlichen hat, die zu einem so edlen Zweck versammelt sind. Unsere Anzahl scheint freilich zu klein und unbedeutend, um die befestigte Usurpation eines halben Jahrhunderts zu erschüttern. Man muß uns aber nicht nach den Körpern schätzen, sondern darnach, was unsere Aufforderungen unter unsern Landsleuten bewirken können. Unter dieser kleinen Anzahl sind Männer, welche Bataillone errichten, und solche, die sie bezahlen können. Und glaubt nicht, daß unsere abwesenden Freunde kalt und gleichgiltig gegen die Sache sind. Laßt uns nur einmal das Feldzeichen aufstecken, und es wird begrüßt werden von Allen, welche die Stuarts lieben, und von der noch größern Anzahl, welche den Kurfürsten hassen. Hier habe ich Briefe von ...«

Sir Richard Glendale unterbrach den Sprecher: »Wir Alle vertrauen auf Eure Tapferkeit und Geschicklichkeit, – wir bewundern Eure Ausdauer, und wahrscheinlich konnte nichts, als Eure angestrengten Bemühungen und die durch Euer edles und uneigennütziges Benehmen erweckte Nacheiferung so Viele von uns, die zerstreuten Ueberreste einer entmuthigten Partei, bewegen, noch einmal zu einer feierlichen Berathung hier zusammen zu kommen; denn ich nehme an, meine Herren,« sagte er rund um sich blickend, »daß dieß nur eine Berathung ist.«

»Nichts weiter,« sagte der junge Lord.

»Nichts weiter,« sagte Doktor Grumball, seine große akademische Perücke schüttelnd.

Und »nur eine Berathung« war das Echo der Andern.

Redgauntlet biß sich in die Lippen. »Ich hatte gehofft,« sagte er, »die Unterredungen, die ich mit den meisten von euch von Zeit zu Zeit hielt, sollten etwas Besseres zur Reife gebracht haben, als eure Worte andeuten, und glaubte, wir könnten hier eben sowohl ausführen, als berathen; wir sind ja vorbereitet. Ich kann mit einem Winke fünfhundert Mann aufstellen.«

»Fünfhundert Mann!« sagte einer der Squires aus Wallis; »Gott steh' uns bei! was könnten denn fünfhundert Mann thun?«

»Was das Zündkraut bei der Kanone thut, Mr. Meredith,« antwortete Redgauntlet; »es setzt uns in den Stand, Carlisle zu nehmen, und Ihr wißt, was unsere Freunde in diesem Falle versprochen haben.«

»Ja, aber,« sagte der junge Edelmann; »Ihr müßt uns nicht zu schnell fortreißen, Mr. Redgauntlet, wir meinens, glaube ich, Alle so redlich und treu mit der Sache, als Ihr, aber wir wollen uns nicht blindlings forttreiben lassen. Wir sind uns und unsern Familien sowohl, als denen, die wir hier zu vertreten ermächtigt sind, Vorsicht in dieser Sache schuldig.«

»Wer reißt Euch denn fort, Mylord? Wer würde diese Versammlung blindlings vorwärts treiben wollen? Ich verstehe Euer Herrlichkeit nicht,« sagte Redgauntlet.

»Nun,« sagte Sir Richard Glendale, »laßt uns nur nicht den alten Vorwurf verdienen, daß wir unter uns selbst nicht einig sind. Was Mylord meint, Redgauntlet, ist, daß wir diesen Morgen gehört haben, es sei ungewiß, ob Ihr die Leute aufbringen könnt, worauf Ihr rechnet. Euer Landsmann, Mr. Mac Kellar, schien gerade vor Eurem Eintritt zu zweifeln, ob sich Eure Leute sammeln würden, wenn Ihr nicht die Vollmacht Eures Neffen aufweisen könnt.«

»Ich möchte fragen,« erwiderte Redgauntlet, »welches Recht Mac Kellar oder irgend Jemand hat, daran zu zweifeln, ob ich meine Versprechungen erfüllen könnte? – Aber unsere Hoffnungen bestehen in der Einigkeit. – Hier ist mein Neffe. – Meine Herren, ich stelle euch meinen Verwandten, Sir Arthur Darsie Redgauntlet von Redgauntlet, vor.

»Meine Herren,« sagte Darsie mit klopfender Brust, denn er fühlte sich in einer sehr peinlichen Lage; »erlaubt mir, daß ich den Ausdruck meiner Gesinnungen über diesen wichtigen Gegenstand aufschiebe, bis ich die Meinung der Versammlung vernommen habe.«

»Fahrt fort in Euern Berathungen, meine Herren,« sagte Redgauntlet; »ich will meinem Neffen solche Gründe zur Beruhigung vorhalten, daß alle Bedenklichkeiten schwinden, die seinen Geist noch umnebeln.«

Doktor Grumball hustete, schüttelte seine ambrosischen Locken und redete die Versammlung an: »Die Grundsätze Oxfords sind wohl bekannt, da sie von Allen zuletzt sich dem Usurpator hingab, – da sie durch ihr gebietendes Ansehen die gotteslästerlichen, atheistischen und anarchischen Lehrsätze Locke's und anderer Verführer des öffentlichen Geistes verdammte. Oxford wird Menschen, Geld und Ansehen für die Sache des rechtmäßigen Monarchen hingeben. Aber wir sind oft betrogen worden von fremden Mächten, die unsern Eifer benützten, um bürgerliche Uneinigkeiten zu erregen, aber nicht zum Vortheil unseres gesegneten, obwohl verbannten Monarchen, sondern um Unruhen anzuzetteln, wobei sie gewinnen, und wir zu Grunde gehen. Oxford wird sich daher nicht erheben, wenn nicht unser Souverain selbst kommt, um unsere Treue in Anspruch zu nehmen, in welchem Falle Gott verhüte, daß wir ihm unsern vollständigen Gehorsam versagen sollten.«

»Das ist ein guter Rath,« sagte Mr. Meredith.

»In Wahrheit,« sagte Sir Richard Glendale, »das ist der wahre Schlußstein unseres Unternehmens, und die einzige Bedingung, unter der ich selbst, und Andere je daran gedacht haben, die Waffen zu ergreifen. Kein Aufstand, wenn nicht Carl Eduard selbst an der Spitze ist, wird länger dauern, als bis eine einzige Compagnie Rothröcke aufmarschirt, um sie zu zerstreuen.«

»Das ist auch meine Meinung und die meiner ganzen Familie,« sagte der oben erwähnte junge Edelmann; »und ich gestehe, daß ich etwas erstaunt bin, zu einer so gefährlichen Zusammenkunft aufgefordert worden zu sein, ehe über diesen wichtigsten Präliminarpunkt irgend Etwas bestimmt ist.«

»Verzeiht, Mylord,« sagte Redgauntlet, »ich bin nicht so ungerecht, weder gegen mich, noch gegen meine Freunde; – ich hatte ohne die größte Gefahr einer Entdeckung keine Mittel, unsern entferntern Verbündeten mitzutheilen, was einigen meiner ehrenwerthen Freunde bekannt ist. So muthig und entschlossen wie vor zwanzig Jahren, wo er sich in die Wildnisse von Moidart warf, hat Carl Eduard sogleich die Wünsche seiner getreuen Unterthanen erfüllt. Carl Eduard ist in diesem Lande, – Carl Eduard ist in diesem Hause! – Carl Eduard wartet nur auf Euern jetzigen Entschluß, um die Huldigung derjenigen zu empfangen, die sich stets seine treuen Vasallen genannt haben. Der, welcher jetzt seine Gesinnung ändert, muß es unter den Augen, seines Souverains thun.«

Hier entstand eine tiefe Pause; diejenigen Verschworenen, welche die bloße Gewohnheit oder der Wunsch, ihren Gesinnungen treu zu bleiben, in die Sache verwickelt hatten, sahen jetzt mit Schrecken ihren Rückzug abgeschnitten, und andere, welche die vorgeschlagene Unternehmung in der Ferne hoffnungsreich angesehen hatten, zitterten, als der Augenblick, wirklich daran Theil zu nehmen, so unerwartet und fast unvermeidlich sie überraschte.

»Wie nun, Mylords und meine Herren!« sagte Redgauntlet; »ist es Freude und Entzücken, das euch stumm macht? Wo ist das freudige Willkommen, das unserem rechtmäßigen König dargebracht werden sollte, der zum zweiten Mal seine Person der Sorge seiner Unterthanen anvertraute, unabgeschreckt durch die schrecklichen Gefahren und Entbehrungen seiner ersten Unternehmung? Ich hoffe, hier ist kein Edelmann, der nicht bereit wäre, in seines Fürsten Gegenwart das Pfand der Treue einzulösen, das er in seiner Abwesenheit anbot?«

»Ich wenigstens,« sagte der junge Edelmann entschlossen und die Hand am Schwert, »will dieser Feigling nicht sein. Wenn Carl an diese Ufer gekommen ist, so will ich zuerst ihn bewillkommen, und Leben und Vermögen seinem Dienste weihen.«

»Bei Gott,« sagte Mr. Meredith. »ich sehe, daß uns Mr. Redgauntlet nichts Anderes zu thun übrig gelassen hat.«

»Halt,« sagte Summertrees, »da ist noch eine andere Frage. Hat er irgend einen von den irischen Räubern mitgebracht, welche unserem letzten glorreichen Unternehmen den Hals brachen?«

»Nicht einen Mann davon,« sagte Redgauntlet.

»Ich hoffe,« sagte Doktor Grumball, »daß keine katholischen Priester in seiner Gesellschaft sind. Ich will mich zwar nicht in die Gewissenssachen meines Souverains mischen, aber als ein unwürdiger Sohn der englischen Kirche ist es meine Pflicht, ihre Sicherheit in Acht zu nehmen.«

»Kein papistischer Hund oder Katze ist hier, welche um Sr. Majestät bellen oder miauen könnte,« sagte Redgauntlet. »Selbst der alte Shaftesbury könnte sich keinen Fürsten wünschen, der so von Papisterei frei wäre, – welches jedoch vielleicht nicht die schlechteste Religion in der Welt wäre. – Noch mehr Bedenklichkeiten, Ihr Herren? lassen sich keine haltbareren Gründe auffinden, um der Erfüllung unserer Pflicht und der Vollziehung unserer Eide und Versprechungen auszuweichen? Unterdessen wartet euer König auf Eure Erklärung, bei meiner Treue! er hat einen frostigen Empfang!«

»Redgauntlet,« sagte Sir Richard Glendale ruhig, »Eure Vorwürfe sollen mich zu nichts bewegen, was meine Vernunft nicht billigt. Daß ich meine Verpflichtung so wohl beachte als Ihr, ist daraus klar, daß ich hier bin, bereit, sie mit meinem Blute zu besiegeln. Aber ist der König wirklich ohne alle Begleitung eingetroffen?«

»Er hat keinen Mann bei sich, außer den jungen ... als Adjutanten und einen einzigen Kammerdiener.«

»Keinen Mann, – aber, Redgauntlet, so wahr Ihr ein Edelmann seid, hat er kein Weib bei sich?«

Redgauntlet schlug seine Augen zu Boden und sagte: »Es thut mir leid, ja sagen zu müssen.«

Die Gesellschaft blickte einander an und blieb einen Augenblick schweigend. Endlich fuhr Sir Richard fort: »Ich brauche Euch, Redgauntlet, nicht zu wiederholen, was die wohlbegründete Meinung der Freunde Sr. Majestät in Hinsicht auf die unglückliche Verbindung ist; es ist nur ein Gedanke, eine Gesinnung unter uns über diesen Gegenstand. Darf ich annehmen, daß unsere unterthänigen Vorstellungen durch Euch, Sir, dem König mitgetheilt worden sind?«

»In den nämlichen starken Ausdrücken, in denen sie ausgesprochen wurden,« erwiderte Redgauntlet; »ich liebe Sr. Majestät Sache mehr, als ich sein Mißfallen fürchte.«

»Offenbar aber haben unsere demüthigen Vorstellungen keine Wirkung gehabt. Diese Dame, die sich in sein Herz geschlichen, hat eine Schwester am Hofe des Kurfürsten von Hannover, und wir wissen wohl, daß er jede, auch die geheimste Mittheilung von uns ihr anvertraut.«

» Varium et mutabile semper foemina,» sagte Doktor Grumball.

»Sie steckt ihre Geheimnisse in ihren Arbeitsbeutel,« sagte Maxwell, »und da fliegen sie heraus, wenn sie ihn öffnet. Wenn ich gehangen werden soll, so wünschte ich doch an einen bessern Strick zu kommen, als der aus den Bündern einer – gedreht ist.«

»Seid auch Ihr ein feiger Abtrünniger, Maxwell?« sagte Redgauntlet flüsternd.

»Ich nicht,« erwiderte Maxwell; »laßt uns darum fechten, und sie gewinnen durch unsere Arbeit; aber betrogen zu werden von einer – –, wie diese – –«

»Mäßigt Euch, Ihr Herren,« sagte Redgauntlet; »die Schwachheit, über die Ihr Euch beklagt, ist stets die der Könige und Helden gewesen; gewiß wird der König auf die unterthänige Bitte seiner besten Diener sie überwinden, und wenn er sie bereit sieht, ihr Alles in seiner Sache zu wagen auf die leichte Bedingung hin, die Gesellschaft einer geliebten Frau aufzugeben, deren er, wie mir scheint, seit einiger Zeit selbst überdrüssig geworden ist. Laßt uns ihn aber mit unserem gutgemeinten Eifer nicht zu schnell drängen. Er hat einen fürstlichen Willen, wie es seiner fürstlichen Geburt zukommt, und wir, meine Herren, die wir Royalisten sind, sollten doch die letzten sein, aus den Umständen Vortheil zu ziehen, die Ausübung desselben zu beschränken. Ich bin so erstaunt und betroffen, als Ihr sein könnt, daß er sie auf dieser Reise zur Gefährtin nahm, und dadurch die Gefahr des Verraths und der Entdeckung vermehrte. Laßt uns edelmüthig handeln gegen unsern Souverain, und wenn wir gezeigt haben, was wir für ihn thun wollen, so werden wir besser im Stande sein, zu bestimmen, was wir von ihm als Opfer fordern sollen.«

»Es ist doch in der That Schade,« sagte Mac Kellar, »daß so viele wackere Edelleute hier versammelt sind und wieder auseinander gehen sollen ohne einen Schwertschlag.«

»Ich würde dieses Herrn Meinung sein,« sagte Lord ..., »hätte ich bloß mein Leben zu verlieren, aber ich gestehe offen, daß, wenn die Bedingungen, unter denen meine Familie beitrat, in diesem Falle unerfüllt bleiben, ich nicht das ganze Vermögen unseres Hauses an die zweifelhafte Treue eines listigen Weibes wagen mag.«

»Es thut mir Leid zu sehen,« sagte Redgauntlet, »daß Euer Herrlichkeit einen Weg einschlägt, der eher Eures Hauses Reichthum sichert, als seine Ehre vermehrt.«

»Wie soll ich diese Sprache verstehen, Sir?« sagte der junge Edelmann stolz.

»Nein, meine Herren, laßt Freunde keinen Streit beginnen,« sagte Doktor Grumball vermittelnd; »wir Alle sind voll Eifer für die Sache, aber in der That, obwohl ich weiß, was die Großen in diesen Gegenständen für eine Freiheit in Anspruch nehmen, und ich auch darin gebührend nachsehe, so ziemt es sich doch in der That nicht für einen Fürsten, der die Treue der Kirche von England in Anspruch nimmt, in solchem Geschäfte in solcher Begleitung anzukommen, – si non caste, caute tamen.»

»Ich wundere mich, wie die Kirche von England ihrem lustigen alten Namensvetter so zugethan ist,« sagte Redgauntlet.

Sir Richard Glendale nahm sodann die Frage auf als ein Mann, dessen Ansehen und Erfahrung ihm ein Recht gab mit Nachdruck zu sprechen.

»Wir haben keine Zeit zu verlieren,« sagte er; »wir müssen uns entschließen, was wir thun wollen. Ich fühle so sehr, wie Ihr, Mr. Redgauntlet, was für ein delikater Punkt es ist, mit unserem Souverain in seiner jetzigen Lage zu unterhandeln. Aber ich muß eben so an den gänzlichen Sturz der Sache, an den Güterverlust und an das Blutvergießen denken, das unter den Anhängern stattfinden wird, und dieß Alles bloß durch die Bethörung, mit der er einem Weibe anhängt, das von dem jetzigen Minister besoldet ist, wie sie vor Jahren in Walepole's Sold stand. Laßt Sr. Majestät sie auf den Kontinent zurücksenden, und das Schwert, an das ich jetzt meine Hand lege, soll augenblicklich entblößt werden, und, wie ich hoffe, noch viele hundert im nämlichen Augenblick.«

Die Uebrigen drückten ihre völlige Zustimmung zu dem aus, was Sir Richard Glendale gesagt hatte.

»Ich sehe, ihr habt euern Entschluß gefaßt, meine Herren,« sagte Redgauntlet; »aber nicht weislich nach meiner Ansicht, weil ich glaube, daß ihr durch ein milderes und edelmüthigeres Benehmen die Sache weiter geführt haben würdet, welche ich für eben so wünschenswerth halte, als ihr. Aber was ist zu thun, wenn Carl mit der Unbeugsamkeit seines Großvaters euer Verlangen nicht erfüllt? Wollt ihr ihn dann seinem Schicksal überlassen?«

»Gott verhüte!« sagte Sir Richard hastig; »und Gott vergebe Euch, daß Ihr so was habt denken können. Nein! Ich für meine Person will mit aller Ergebenheit und Unterthänigkeit ihn wieder zu seinem Schiff zurückbringen, und mit meinem Leben gegen jeden Angreifer vertheidigen. Aber wenn ich seine Segel ausgebreitet sehe, so wird denn das Nächste sein, daß ich für meine eigene Sicherheit sorge, indem ich mich nach meiner Heimath zurückziehe; sollte aber, wie es nur zu wahrscheinlich ist, unser Vorhaben ruchbar geworden sein, so übergebe ich mich dem nächsten Friedensrichter, und stelle Sicherheit, daß ich hernach ruhig leben und mich der herrschenden Gewalt unterwerfen will.«

Wiederum bezeugten die Uebrigen ihre Übereinstimmung mit der Meinung des Sprechers.

»Nun denn, meine Herren,« sagte Redgauntlet; »ich will mich der Meinung Keines von euch widersetzen, und ich muß euch die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß der König in diesem Falle eine Bedingung nicht erfüllt hat, die ihm in ganz bestimmten Ausdrücken vorgelegt worden ist. Die Frage ist nun, wer soll ihn mit dem Ergebniß unserer Zusammenkunft bekannt machen? Denn ich nehme an, ihr werdet ihm nicht in Gesammtheit aufwarten wollen, um ihm den Vorschlag zu machen, daß er als Preis unserer Treue eine Person aus seiner Familie entlassen soll.«

»Ich denke, Mr. Redgauntlet sollte diese Eröffnung machen,« sagte Lord – –, »da er zweifelsohne unsern Vorstellungen Gerechtigkeit hat wiederfahren lassen, indem er sie dem König mittheilte, so kann Niemand mit solchem Nachdrucke die natürlichen und unvermeidlichen Folgen darstellen, wenn jene nicht beachtet werden.«

»Ich aber denke, daß Jene, welche den Einwurf machen, ihn auch vortragen müssen. Denn ich bin versichert, der König wird es kaum glauben, wenn es ihm nicht der Erbe des loyalen Hauses von B... versichert, daß er der Erste ist, der seinem Versprechen auszuweichen sucht, sich an ihn anzuschließen.«

»Ausweichen, Sir,« erwiderte Lord – – stolz. »Ich habe schon zu viel von Euch ertragen, und dieß will ich nicht dulden. Vergönnt mir Eure Begleitung dort nach den Dünen.«

Redgauntlet lachte verächtlich, und war im Begriff, dem feurigen jungen Manne zu folgen, als Sir Richard wiederum dazwischen trat. »Wollen wir denn,« sagte er, »das letzte Zeichen der Auflösung unserer Partei geben, indem wir unsere Schwerter gegen einander kehren? – Seid ruhig Lord – –; bei solchen Zusammenkünften muß Vieles ohne Folgen vorübergehen, was anderwärts stets zur Ausforderung führte. Es gibt ein Privilegium der Parteien, wie des Parlaments; man kann in dringenden Fällen die Worte nicht wägen. Meine Herren, wollt ihr euer Vertrauen auf mich so weit ausdehnen, so will ich Sr. Majestät aufwarten, und ich hoffe, Mylord – – und Mr. Redgauntlet werden mich begleiten. Ich hoffe, die unangenehme Sache soll zu aller Zufriedenheit sich auflösen, und wir werden durch nichts gehindert sein, unserem Souverän unsere Huldigung ohne Einschränkung darzubringen; ich werde sodann der Erste sein, in diesem gerechten Kampfe Alles auf's Spiel zu setzen.«

Redgauntlet schritt auf einmal vorwärts und sagte: »Mylord, wenn mein Eifer mich etwas sagen ließ, das im geringsten beleidigend war, so wünsche ich es nicht gesagt zu haben, und bitte Euch um Verzeihung. Ein Edelmann kann nicht mehr thun.«

»Ich hätte nicht einmal so viel von Mr. Redgauntlet verlangen können,« sagte der junge Edelmann, willig Redgauntlets dargebotene Hand ergreifend. »Ich weiß keinen Menschen, von dem ich ohne ein Gefühl von Herabwürdigung so viel Tadel ertragen könnte, als von ihm.«

»Laßt mich also hoffen, daß Ihr mit Sir Richard und mir zur Aufwartung gehen werdet. Euer warmes Blut wird unsern Eifer befeuern, unsere kältere Ueberlegung Eure Hitze mäßigen.«

Der junge Lord lächelte und schüttelte seine Hand. »Ach! Mr. Redgauntlet,« sagte er; »ich bin beschämt, sagen zu müssen, daß Ihr an Eifer uns Alle übertrefft; ich will diese Sendung nicht ablehnen, wenn Ihr Sir Arthur, Eurem Neffen, gestattet, uns zu begleiten.«

»Mein Neffe!« sagte Redgauntlet, und schien einen Augenblick unentschlossen. »Ganz gewiß. Ich hoffe,« sagte er mit einem Blick auf Darsie, »er wird mit Gesinnungen vor seinem Fürsten erscheinen, wie sie der Gelegenheit angemessen sind.«

Es schien aber, er hätte lieber Darsie zurückgelassen, wenn ihm nicht die Befürchtung gekommen wäre, die unentschlossenen Verbündeten würden in seiner Abwesenheit einen Einfluß auf ihn, oder er auf sie äußern.

»Ich will gehen,« sagte Redgauntlet, »und um Gehör bitten.«

In einem Augenblick kehrte er zurück, und deutete, ohne zu sprechen, dem jungen Edelmann an, vorauszugehen. Ihm folgten Sir Richard Glendale und Darsie, Redgauntlet schloß den Zug. Ein kurzer Gang und eine kleine Treppe führten zu der Thüre des einstweiligen Audienzzimmers, in welchem der königliche Wanderer ihre Huldigung empfangen sollte. Es war der obere Raum eines jener Bauernhäuser, die einen Anhang zu dem alten Gasthof ausmachten, ärmlich ausgerüstet, staubig und in Unordnung; denn für so unbedachtsam man das Unternehmen auch ansehen mochte, so hatte man doch Sorge getragen, die Aufmerksamkeit der Fremden nicht durch besondere Anordnung für die Bequemlichkeit des Fürsten zu erregen. Er saß, als die Abgeordneten seiner noch übrig gebliebenen Anhänger eintraten, und als er sich erhob, vorwärts kam und sich verbeugte, um ihre Begrüßung zu erwidern, so that er dieß mit einer so würdevollen Artigkeit, daß sie den Mangel des äußeren Pomps ersetzte, und die elende Bauernstube sich in einen der Veranlassung würdigen Salon verwandelte.

Es ist unnöthig hinzuzufügen, daß es die nämliche Person war, die der Leser schon unter dem Namen Pater Buonaventura kennt. Seine Kleidung war die nämliche, die er damals trug, außer einem weiten Reitrock, unter dem er statt des kleinen Degens ein zu Hieb und Stoß gerechtes Schwert trug und ein Paar Pistolen.

Redgauntlet stellte ihm nach und nach den jungen Lord – – und seinen Verwandten, Sir Arthur Darsie Redgauntlet, vor, welcher zitterte, als er sich verbeugte und des Fremden Hand küßte, denn er sah sich zu seinem Erstaunen in eine Handlung des Hochverrats hineingerissen, die zu vermeiden er kein Mittel wußte.

Sir Richard Glendale schien Carl Eduard persönlich bekannt, welcher ihn mit einer Mischung von Würde und Liebe empfing, und die Thränen mit zu empfinden schien, die dem Edelmann in die Augen traten, als er Se. Majestät in seinem Reiche willkommen hieß.

»Ja, mein guter Sir Richard,« sagte der unglückliche Fürst in einem melancholischen, doch entschlossenen Tone, »Carl Eduard ist noch einmal bei seinen Freunden, – vielleicht nicht mit seinen frühern fröhlichen Hoffnungen, welche die Gefahr verringerten, aber mit der nämlichen Verachtung des Schlimmsten, was ihm begegnen kann, wenn er seine und seines Vaterlands Rechte geltend macht.«

»Ich freue mich, Sir, und doch – ach! ich muß auch trauern, Euch noch einmal an den brittischen Küsten zu sehen,« sagte Sir Richard Glendale; er hielt inne, die widersprechendsten Empfindungen hinderten ihn, weiter fortzufahren.

»Es ist der Ruf meines treuen und leidenden Volks, der allein mich bewegen konnte, noch einmal das Schwert zu ergreifen. Was mich betrifft, Sir Richard, wenn ich bedachte, wie viele meiner loyalen und ergebenen Freunde durch das Schwert und die Acht fielen, oder arm und vernachlässigt in fremden Ländern starben, so schwur ich oft, daß keine Aussicht auf persönliche Vergrößerung mich je wieder verleiten sollte, einen Titel geltend zu machen, der meinen Anhängern so theuer zu stehen kam. Aber seit so viele würdige und ehrenwerthe Männer der Meinung sind, daß die Sache Englands und Schottlands mit der Carl Stuarts verkettet sei, so muß ich ihrem tapfern Beispiele folgen, alle andern Betrachtungen zur Seite legen, und noch einmal als ihr Befreier auftreten. Ich bin indessen auf Eure Einladung hieher gekommen, und da Ihr so vollständig mit den Umständen bekannt sein müßt, denen mich meine Abwesenheit völlig fremd gemacht hat, so muß ich ein blindes Werkzeug in den Händen meiner Freunde sein. Ich weiß wohl, daß ich mich nie redlicheren Herzen und verständigeren Köpfen anvertrauen kann, als Herries Redgauntlet und Sir Richard Glendale. Gebt mir also einen Rath, wie ich verfahren soll, und entscheidet über das Schicksal Carl Eduards.«

Redgauntlet blickte auf Sir Richard, als wollte er sagen: »könnt Ihr in einem Augenblick, wie dieser, auf einer unwesentlichen und unangenehmen Bedingung bestehen?« Und der andere schüttelte sein Haupt, und blickte nieder, als wäre sein Entschluß unverändert, und als fühle er dennoch ganz das Delikate dieser Lage.

Es entstand eine Pause, welche durch den unglücklichen Repräsentanten einer unglücklichen Dynastie mit einem Anschein von gereizter Stimmung endlich unterbrochen wurde. »Es ist sonderbar, meine Herren,« sagte er: »Ihr habt mich aus dem Schooße meiner Familie herbeigerufen an die Spitze einer zweifelhaften und gefahrvollen Unternehmung, und nun, da ich komme, scheint Ihr selbst noch unentschlossen. Ich hatte dieß nicht von zwei solchen Männern erwartet.«

»Was mich betrifft, Sir,« sagte Redgauntlet. »der Stahl meines Schwertes ist nicht zuverlässiger, als meine Gesinnung und Denkart.«

»Mylords – – – und meine sind es nicht minder,« sagte Sir Richard, »aber Ihr war't beauftragt, Mr. Redgauntlet, Sr. Majestät unser Begehren in Verbindung mit einigen Bedingungen vorzutragen.«

»Und ich entledigte mich meiner Pflicht gegen Se. Majestät und Euch,« sagte Redgauntlet.

»Ich achtete auf keine Bedingung, meine Herren,« sagte ihr König mit Würde, »außer auf die, welche mich berief, meine Rechte in Person zu behaupten. Die habe ich erfüllt mit nicht gewöhnlicher Gefahr. Hier stehe ich, mein Wort zu halten, und erwarte nun von euch, daß ihr dem Eurigen getreu seid.«

»Es war aber noch etwas in unserem Vorschlage, oder hätte es wenigstens sein sollen, wenn Ew. Majestät erlauben. Es war eine Bedingung damit verknüpft.«

»Ich sah sie nicht,« antwortete Carl ihn unterbrechend. »Aus Liebe gegen die edlen Herzen, die ich so hoch achte, wollte ich nichts lesen oder sehen, was meine Liebe oder Achtung gegen sie hätte vermindern können. Bedingungen können nicht stattfinden zwischen Fürst und Unterthanen.«

»Sir,« sagte Redgauntlet auf ein Knie niedersinkend; »ich lese auf Sir Richards Gesicht, er mißt mir die Schuld bei, daß Ew. Majestät nicht zu wissen scheinen, was Ihre Unterthanen Ew. Majestät mitgetheilt zu sehen wünschten. Um des Himmels willen! um aller meiner frühern Dienste und Leiden willen, laßt nicht diesen Flecken auf meiner Ehre. Die Note Numero D., wovon dieß hier eine Abschrift ist, bezog sich auf den unangenehmen Gegenstand, auf welchen Sir Richard wiederum Eure Aufmerksamkeit richtet.«

»Ihr drängt mir,« sagte der Fürst hoch erröthend, »Erinnerungen auf, die ich gerne aus meinem Gedächtniß verbannt hätte, da ich sie Eurem Charakter für fremd halte. Ich glaubte nicht, daß meine getreuen Unterthanen so kleinlich denken würden, um meine gedrückten Umstände zu benützen, sich in meine häuslichen Angelegenheiten zu drängen, und mit ihrem König über Dinge zu unterhandeln, worin die geringsten Menschen das Recht haben, nach eigenem Willen zu handeln. In Staatsangelegenheiten und in öffentlichen Geschäften werde ich mich durch die Ansichten meiner weisesten Räthe leiten lassen, wie es einem Fürsten zukommt, was meine persönlichen Neigungen und meine häuslichen Angelegenheiten betrifft, da nehme ich die nämliche Willensfreiheit in Anspruch, die ich allen meinen Unterthanen gestatte, und ohne welche eine Krone weniger werth wäre, als eine Bettlermütze.«

»Erlauben Ew. Majestät,« sagte Sir Richard Glendale; »ich sehe, es ist mein Loos, gegen meinen Willen Wahrheiten zu sagen; aber glaubt mir, ich thue es mit eben so großem Bedauern, als mit tiefer Ehrfurcht. Es ist wahr, wir haben Euch an die Spitze einer mächtigen Unternehmung gerufen, und Ew. Majestät haben eingewilligt, unser Führer zu werden, die Ehre der Sicherheit vorziehend, und die Liebe zu Eurem Lande Eurer eigenen Bequemlichkeit. Aber wir setzten ebenfalls als einen nothwendigen und unausweichlichen, vorbereitenden Schritt zu Ausführung unseres Planes fest, – und ich muß es sagen, sogar als eine bestimmte Bedingung unserer Verpflichtung dabei – daß eine Person, von der man annimmt, – ich weiß nicht mit welchem Rechte – daß sie Ew. Majestät innigstes Vertrauen besitze, und von welcher man glaubt, – ich will nicht sagen aus unumstößlichen Gründen, sondern aus einem sehr wahrscheinlichen Verdacht, – daß sie fähig sei, dieß Vertrauen an den Kurfürsten von Hannover zu verrathen, von Ew. Majestät Hofhaltung und Gesellschaft entfernt werden möge.«

»Das ist zu unverschämt, Sir Richard!« sagte Carl Eduard. »Habt Ihr mich herbeigeschmeichelt in Eure Gewalt, nur um mich auf eine so ungeziemende Weise zu behandeln? Und Ihr, Redgauntlet, warum ließet Ihr die Sachen bis zu diesem Punkte kommen, ohne mich näher darauf aufmerksam zu machen, welche Beleidigungen man mir zufügen würde?«

»Mein gnädiger Fürst,« erwiderte Redgauntlet, »ich bin hierin nur in soweit zu tadeln, daß ich nicht glaubte, ein so geringes Hinderniß, als die Gesellschaft einer Frau, könnte wirklich ein Unternehmen von solcher Wichtigkeit unterbrechen. Ich bin ein gerader Mann, Sire, und spreche offen. Ich ließ es mir nicht träumen, daß nicht in den ersten fünf Minuten unserer Unterredung entweder Sir Richard und seine Freunde von einer Ew. Majestät so unangenehmen Bedingung abstehen, oder Ew. Majestät diese unselige Neigung dem gesunden Rathe oder auch dem überängstlichen Verdachte so vieler getreuer Unterthanen aufopfern würden. Ich erblickte in dieser Schwierigkeit kein Hinderniß, das nicht von beiden Seiten gleich einem Spinngewebe hätte durchrissen werden können.«

»Ihr waret im Irrthum, Sir,« sagte Carl Eduard, »völlig im Irrthum, so wie Ihr es noch seid, wenn Ihr in Eurem Herzen glaubt, meine Weigerung, in diesen übermüthigen Vorschlag einzugehen, sei von einer kindischen und romanhaften Leidenschaft für diese Person diktirt. Ich sage Euch, Sir, ich könnte mich morgen ohne die mindeste Reue von ihr trennen, ja ich habe schon daran gedacht, sie aus Gründen, die mir schon bekannt sind, von meinem Hofe zu entlassen; aber ich werde nie meine Rechte als Souverän und als Mann verrathen, um mir die Gunst irgend eines Menschen zu sichern, oder eine Treue zu erkaufen, welche, wann Ihr sie mir überhaupt schuldig seid, als ein angeborenes Recht mir zukommt.«

»Es thut mir leid,« sagte Redgauntlet, »ich hoffe Ew. Majestät und Sir Richard werden ihre Entschlüsse noch einmal überlegen, oder die Erörterung unter so dringenden Umständen aufschieben. Ich hoffe, Ew. Majestät werden bedenken, daß Sie sich auf feindlichem Boden befinden; daß unsere Vorbereitungen nicht so unvermerkt getroffen werden konnten, um jetzt mit Sicherheit unser Vorhaben wieder aufgeben zu können; ja ich sehe mit der größten Besorgniß sogar für Eure königliche Person Gefahr voraus, wenn Sie Ihren Unterthanen nicht großmüthig das gewähren, was sie nach Sir Richards Meinung mit so vieler Hartnäckigkeit verlangen.«

»Und groß muß in der That Eure Besorgniß sein,« sagte der Fürst. »Erwartet Ihr, unter diesen Umständen einer persönlichen Gefahr einen Entschluß zu erschüttern, der sich auf das Gefühl dessen gründet, was mir als Mann oder Fürst gebührt. Wenn das Beil und das Schaffot mich unter den Fenstern von Whitehall erwarteten, ich würde lieber denselben Weg betreten, wie mein Urgroßvater, als in dem geringsten Punkt nachgeben, der meine Ehre betrifft.«

Er sprach diese Worte in einem entschlossenen Tone, und blickte in der Gesellschaft umher, von denen Alle (Darsie ausgenommen, der hier ein glückliches Ende einer höchst gefahrvollen Unternehmung zu sehen glaubte), in der höchsten Angst und Bestürzung zu sein schienen. Endlich sprach Sir Richard in einem feierlichen und melancholischen Tone:

»Stünde die Sicherheit des armen Richard Glendale allein auf dem Spiele, ich habe mein Leben nie so hoch geschätzt, um es gegen den geringsten Punkt im Dienste Ew. Majestät in die Wage zu legen. Aber ich bin ein Botschafter, – ein Beauftragter, der seine Pflicht erfüllen muß, und über den tausend Stimmen Ach und Weh schreien würden, erfüllte ich sie nicht mit Treue. Alle Eure Anhänger, Redgauntlet selbst, sehen den gewissen Sturz dieser Unternehmung voraus, – die größte Gefahr für Ew. Majestät Person, die völlige Zernichtung Eurer ganzen Partei, wenn sie nicht auf dem Punkte bestehen, den unglückseligerweise Ew. Majestät nicht bewilligen wollen. Ich spreche mit einem Herzen voll Bekümmerniß, – unfähig meine Bewegungen auszudrücken, – aber sie muß ausgesprochen werden die unglückliche Wahrheit, daß wenn Eure königliche Güte uns ein Gut nicht gewährt, das wir für unsere und Eure Sicherheit nothwendig halten, Ew. Majestät mit einem Worte 10,000 Mann entwaffnen, die bereit sind für Ihre Sache das Schwert zu ziehen, oder, um noch deutlicher zu reden, Ihr vernichtet den letzten Schein einer königlichen Partei in Großbritannien.«

»Und warum fügt Ihr nicht hinzu,« sagte der Fürst verächtlich, »daß die Leute, welche bereit waren, die Waffen für mich zu ergreifen, mich dem Schicksal überliefern werden, das so viele Proklamationen mir bestimmt haben, um ihren Verrath gegen den Kurfürsten wieder gut zu machen? Bringt meinen Kopf nach St. James, ihr Herren, und ihr werdet eine dankenswerthere und ehrenvollere Handlung ausüben, als wenn ihr in dieser Lage, worein ihr mich verlockt habt, und die mich so völlig in eure Gewalt gibt, euch selbst durch Bedingungen entehrt, welche mich entehren.«

»Mein Gott, Sire!« rief Sir Richard aus, indem er die Hände voll Ungeduld zusammenschlug, »welches großen, nicht zu sühnenden Vergehens müssen Ew. Majestät Vorfahren sich schuldig gemacht haben, daß sie dafür in ihrer ganzen Nachkommenschaft mit Blindheit gestraft worden sind! Diese Worte hat Mr. Namara wirklich an Carln gerichtet, als er seine Geliebte, Mrs. Wallenshaw, nicht entlassen wollte. Die ganze Scene hier scheint sich auf einen ziemlich authentischen Bericht des Dr. King in seinen geheimen Memoiren, die 1819 erschienen sind, zu gründen. Walter Scott hat blos Ort und Personen verändert. A. d. Uebers. – Kommt Mylord – – Wir müssen zu unsern Freunden.«

»Mit Eurer Erlaubniß, Sir Richard,« sagte der junge Edelmann, »nicht eher, als bis wir wissen, welche Maßregeln für die persönliche Sicherheit Sr. Majestät getroffen werden können.«

»Kümmert Euch nicht um mich, junger Mann,« sagte Carl Eduard; »als ich mich in Gesellschaft hochländischer Räuber und Viehdiebe befand, war ich sicherer, als unter den Repräsentanten des besten Bluts in England. – Lebt wohl, meine Herren, – ich werde für mich selbst sorgen!«

»Das darf nicht geschehen,« sagte Redgauntlet; »laßt mich, der Euch in diese Gefahr gestürzt hat, wenigstens für Euren sichern Rückzug sorgen.«

Mit diesen Worten verließ er hastig das Zimmer, und sein Neffe folgte ihm. Der Reisende, seine Augen von Lord – – und Sir Richard Glendale abwendend, warf sich in einen Stuhl am obern Ende des Gemachs, während diese in tiefer Besorgniß in einiger Entfernung beisammen standen, und flüsternd sich unterredeten.

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