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Redgauntlet

Walter Scott: Redgauntlet - Kapitel 35
Quellenangabe
pfad/scott/redgaunt/redgaunt.xml
typefiction
authorWalter Scott
titleRedgauntlet
publisherVerlag von Carl Zieger
seriesWalter Scott's sämmtliche Werke
volumeZweiundzwanzigster Band
translatorKarl Weil
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110418
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Einundzwanzigstes Kapitel

Erzählung von Allan Fairford

Unsere Leser werden sich erinnern, daß Fairford durch Dick Gardener von Fairladies nach dem Gasthofe des alten Vater Crackenthorp geführt worden war, damit er hier, wie ihm der geheimnißvolle Pater Buonaventura gesagt hatte, seinem Wunsche gemäß mit Mr. Redgauntlet zusammentreffen, und wegen der Freiheit seines Freundes Darsie mit ihm sprechen könne. Sein Führer hatte ihn auf besondere Anweisung des Mr. Ambrosius durch eine Hinterthüre in den Gasthof geführt, und dem Wirthe aufgetragen, ihm ein besonderes Zimmer einzuräumen, und ihn mit aller Höflichkeit zu behandeln, doch aber ein Auge auf ihn zu haben, und sich sogar seiner Person zu versichern, wenn er irgend Verdacht haben sollte, er sei ein Spion. Er war indessen keinem eigentlichen Zwange unterworfen, sondern wurde in ein Zimmer geführt, wo er auf die Ankunft des Edelmanns, mit dem er eine Zusammenkunft wünschte, warten solle; dieser würde, wie Crackenthorp ihn mit einem bedeutenden Winke versicherte, gewiß im Laufe einer Stunde eintreffen. Unterdessen empfahl er ihm, mit einem andern bedeutenden Wink, sein Zimmer zu hüten, »weil Leute im Hause seien, die sich gern um Anderer Angelegenheiten bekümmerten.«

Allan Fairford befolgte die Anweisung, so lange er es für gut fand; als er aber unter mehreren Reitern, die sich dem Hause näherten, Redgauntlet erblickte, den er unter dem Namen Mr. Herries von Birrenswork gesehen hatte, und der sich durch seine hohe, kraftvolle Gestalt leicht von den andern unterscheiden ließ, hielt er es für angemessen, sich hinunter vor das Haus zu begeben, in der Hoffnung, seinen Freund Darsie unter der Truppe zu entdecken, wenn er sie näher betrachtete.

Der Leser erinnert sich, daß er dadurch Darsie's Fall von seinem Quersattel herab verhinderte, ob er gleich wegen der Verkleidung und Maske seinen Freund nicht erkannte. Man wird sich ebenfalls erinnern, daß, während Nixon Miß Redgauntlet und ihren Bruder eilig in's Haus hineinbrachte, ihr Oheim etwas aufgebracht über die unvermuthete und unbequeme Unterbrechung mit Fairford im Gespräch blieb, der ihn schon abwechselnd mit dem Namen Herries und Redgauntlet angeredet hatte, von denen er keinen, so wenig als die Bekanntschaft mit dem jungen Rechtsgelehrten, in diesem Augenblick anzuerkennen Willens schien, obgleich eine angenommene stolze Gleichgültigkeit einen Verdruß und seine Verlegenheit nicht verbergen konnte.

»Wenn wir durchaus mit einander bekannt werden sollen, Sir,« sagte er endlich, »wovon ich die Nothwendigkeit gar nicht einsehe, besonders da ich jetzt ganz vorzüglich gesonnen bin, unbekannt zu bleiben, so muß ich Euch bitten, mir schnell zu sagen, was Ihr zu sagen habt, und mir zu erlauben, wichtigeren Dingen mich zu widmen.«

»Meine Angelegenheit,« sagte Fairford, »ist in diesem Brief enthalten (hier überlieferte er den von Maxwell); ich bin überzeugt, daß, unter welchem Namen es Euch auch jetzt gefallen mag, aufzutreten, in Eure Hände, und in Eure allein dieser Brief überliefert werden soll.«

Redgauntlet wandte den Brief in der Hand hin und her, las ihn, blickte dann wieder auf den Brief, und bemerkte finster: »das Siegel ist erbrochen, war das schon geschehen, als der Brief Euch übergeben wurde?«

Fairford verabscheute jede Falschheit so sehr, als irgend Jemand, – außer vielleicht, wie Tom Turnpennny gesagt haben würde »im Geschäftswege.« Er antwortete daher schnell und fest: »das Siegel war ganz, als mir der Brief von Mr. Maxwell von Summertrees überliefert wurde.«

»Und wagtet Ihr es, Sir, einen Brief aufzubrechen, der an mich gerichtet war?« fragte Redgauntlet, »vielleicht erfreut, einen Streit beginnen zu können, der mit dem Inhalt des Briefs in keiner Verbindung stand.«

»Ich habe nie das Siegel eines Briefs erbrochen, der mir anvertraut worden war,« sagte Allan; »nicht aus Furcht vor denen, an die der Brief gerichtet war, sondern aus Achtung gegen mich selbst.«

»Gut gesagt, mein junger Herr Advokat,« erwiderte Redgauntlet, »und doch zweifle ich, ob Eure Delikatesse Euch verhinderte, meinen Brief zu lesen, oder den Inhalt anzuhören, nachdem ihn eine andere Person geöffnet hatte.«

»Allerdings hörte ich den Inhalt vorlesen,« sagte Fairford, »und er hat mich nicht wenig in Erstaunen gesetzt.«

»Nun dann,« sagte Redgauntlet, »das halte ich in foro conscientiae für eben so viel, als ob Ihr das Siegel selbst erbrochen hättet. Ich halte mich für entschuldigt, wenn ich mit einem so treulosen Boten nicht weiter verkehre, und Ihr habt es Euch selbst zuzuschreiben, wenn Eure Reise erfolglos geblieben ist.«

»Haltet an, Sir,« erwiderte Fairford, »und vernehmet, daß ich ohne, ja gegen meinen Willen mit dem Inhalt des Briefs bekannt geworden bin; denn Mr. Buonaventura ...«

» Wer?« fragte Redgauntlet in einem wilden und beunruhigten Tone. » Wen habt Ihr genannt?«

»Pater Buonaventura,« sagte Allan, – »ein katholischer Priester, wie ich befürchte, den ich bei den Miß Arthurets zu Fairladies sah.«

»Miß Arthurets! – Fairladies! – ein katholischer Priester? – Pater Buonaventura, sagte Redgauntlet, indem er die Worte Allans mit Erstaunen wiederholte. »Ist es möglich, daß menschliche Unbesonnenheit einen solchen Grad von Thorheit erreichen kann? – Sagt mir die Wahrheit, ich beschwöre Euch, Sir! – Ich habe das größte Interesse daran, zu wissen, ob dieß mehr ist, als ein leeres Geschwätz, blos vom Hörensagen in der Gegend umher zusammengestoppelt. Ihr seid ein Rechtsgelehrter, und kennt die Gefahr, die ein katholischer Priester läuft, den seine Pflicht an diese blutigen Ufer führt.«

»Ja wohl bin ich ein Rechtsgelehrter,« sagte Fairford, »aber eben diese achtungswerthe Beschäftigung bürgt dafür, daß ich weder ein Aufpasser, noch ein Spion bin. Hier ist ein hinreichender Beweis, daß ich den Pater Buonaventura gesehen habe.«

Er übergab Redgauntlet Buonaventura's Brief, und beobachtete ihn während des Lesens genau. »Tolle Bethörung!« murmelte er für sich mit Blicken, in denen sich Kummer, Aengstlichkeit und Mißfallen ausdrückten. »Bewahre mich der Himmel vor der Unbesonnenheit meiner Freunde,« sagte der Spanier, »gegen meine Feinde kann ich mich selbst schützen.«

Er las sodann den Brief aufmerksam, und blieb zwei oder drei Minuten lang in Gedanken verloren, indeß irgend ein wichtiger Plan aufzudämmern und auf seinem Gesichte sich zu lagern schien. Er hob den Finger gegen seinen Trabanten, Christal Nixon, der sein Signal durch einen raschen Wink erwiderte, und sich dann mit einigen aus dem Gefolge Fairford so sehr näherte, daß dieser fürchtete, sie würden Hand an ihn legen.

In diesem Augenblick hörte man einen Lärm aus dem Innern des Hauses, und plötzlich stürzte Peter Peebles heraus, verfolgt von Nanty Ewart mit gezogenem Hirschfänger, und dem würdigen Quäker, der mit eigener Gefahr fremdes Unheil zu verhüten suchte.

Eine sonderbarere und zugleich komischere Gestalt kann man sich nicht denken, als die des Peter Peebles, der so schnell, als seine ungeheuren Stiefel es zuließen, daherstolperte, und völlig einer wandelnden Vogelscheuche glich, während die dünne abgemagerte Figur Nanty Ewarts, mit der Todtenblässe auf seinen Wangen, und dem Feuer der Rache in seinen Augen einen schauderhaften Contrast mit dem lächerlichen Gegenstand seiner Verfolgung bildete.

Redgauntlet warf sich zwischen sie. »Was ist denn das für eine Tollheit?« sagte er. »Steckt Euern Hirschfänger ein, Kapitän! Ist jetzt die Zeit, sich zu betrinken, und Händel anzufangen, oder ist so ein erbärmlicher Kerl ein passender Gegner für einen Mann von Muth?«

»Ich bitte um Verzeihung,« sagte der Kapitän, seine Waffe einsteckend; – »ich bin wohl ein wenig zu weit gegangen, – aber um die Veranlassung zu verstehen, müßte man in meinem Herzen lesen können, und dieß wage ich kaum selbst zu thun. Aber der Elende ist sicher vor mir, der Himmel hat sich an uns Beiden gerächt.« –

Während er so sprach, begann Peter Peebles, der aus Furcht anfangs hinter Redgauntlet gekrochen war, seine Geister wieder zu sammeln. Er zupfte seinen Beschützer am Aermel. »Mr. Herries, Mr. Herries,« flüsterte er hastig, »Ihr habt mir einen großen Dienst geleistet, und wenn Ihr mir in meiner Bedrängniß noch einen andern leisten wollt, so will ich das Fäßchen Branntwein vergessen, das Ihr und Kapitän Sir Henry Redgauntlet damals ausgetrunken habt. Ihr sollt eine Quittung dafür und noch eine große Belohnung haben, und wenn ich Euch auch auf dem Kreuzplatz in Edinburg herumgehen, oder vor dem hohen Gerichtshof stehen sähe, so sollten nicht einmal die Daumschrauben mir in's Gedächtniß zurückbringen, daß ich Euch an jenem Tage die Waffen tragen sah.«

Er begleitete dieß Versprechen mit einem so starken Zupfen an Redgauntlets Rock, daß dieser sich endlich umdrehte: »Dummkopf, sag' auf einmal, was du willst.«

»Gut, gut! auf einmal denn,« sagte Peter Peebles; »ich habe einen Verhaftsbefehl gegen diesen Mann hier, Allan Fairford mit Namen und seines Gewerbs ein Advokat; ich kaufte ihn von Mr. Nikolas Faggot, dem Schreiber des Herrn Friedensrichter Foxley, um die Guinee, die Ihr mir gegeben habt.«

»Ha!« sagte Redgauntlet, »hast du wirklich einen solchen Verhaftsbefehl? laß mich ihn sehen. – Sieh genau nach, daß Niemand entkommt, Christal Nixon.«

Peter brachte eine große, schmierige, lederne Brieftasche hervor, zu schmutzig, um die ursprüngliche Farbe noch zu entdecken, und angefüllt mit allerlei Bemerkungen, Erinnerungsblättern und der Himmel weiß, was sonst noch. Aus dieser kostbaren Masse brachte er ein Papier heraus, übergab es Redgauntlet oder Herries, wie er ihn fortwährend nannte, und sagte dabei: »es ist ein förmlicher und gültiger Verhaftsbefehl, ausgestellt auf meine eidliche Versicherung, daß der genannte Allan Fairford in meinem Dienste gesetzlich beschäftigt war, aber davon gegangen, und über die Gränze geflohen ist, und nun da und dort herumschweift, um seiner gegen mich übernommenen Pflicht zu entgehen; daher wird den Konstabeln und Andern aufgetragen, nachzusuchen, und ihn zu ergreifen, damit er vor den ehrenwerthen Friedensrichter Foxley zur Untersuchung, und, wenn es nöthig ist, zur Verhaftung gebracht werde. Ob nun gleich dieß Alles ganz ordentlich hier niedergeschrieben ist, wie ich Euch sage, so weiß ich doch nicht, wo ich einen Beamten finden soll, um diesen Verhaftsbefehl auszuführen in einem Lande, wie dieß, wo Degen und Pistolen beim ersten Wort in Bewegung kommen, und das Volk sich um den Frieden König Georgs so wenig kümmert, als um den des alten Königs Coul? Da ist der betrunkene Seemann und der nasse Quäker, die haben mich diesen Morgen in das Gasthaus gelockt, und da ich ihnen nicht so viel Branntwein geben wollte, bis sie völlig betrunken worden wären, fielen sie über mich her, und waren daran, mich sehr übel zu behandeln.«

Während Peter so fort schwatzte, überlas Redgauntlet den Verhaftsbefehl, und sah sogleich, daß dieß nichts, als ein Streich von Nikolas Faggot sei, um dem armen tollen Burschen seine einzige Guinee aus der Tasche zu spielen. Aber der Friedensrichter hatte in der That unterschrieben, wie er alles unterschrieb, was ihm sein Schreiber vorlegte, und Redgauntlet entschloß sich, zu seinem eigenen Zwecke davon Gebrauch zu machen.

Er ging daher, ohne dem Peter Peebles eine bestimmte Antwort zu geben, feierlich auf Fairford zu, der ruhig das Ende einer Scene erwartete, in welcher zu seinem nicht geringen Erstaunen sein Client, Mr. Peebles, eine thätige Rolle gespielt hatte.

»Mr. Fairford,« sagte Redgauntlet, »es sind viele Gründe vorhanden, die mich bewegen könnten, dem Verlangen oder vielmehr dem Befehle des trefflichen Pater Buonaventura Genüge zu leisten, daß ich mit Euch mich über die jetzige Lage meines Mündels, den Ihr unter dem Namen Darsie Latimer kennt, besprechen solle; aber Niemand weiß besser, als Ihr, daß man den Gesetzen gehorchen muß, auch wenn sich unsere Gefühle dagegen sträuben; dieser arme Mann nun hat einen Verhaftsbefehl erhalten, um Euch vor einen Friedensrichter zu stellen, und ich fürchte, Ihr müßt der Nothwendigkeit nachgeben, wenn auch zum Nachtheil des Geschäfts, das Ihr mit mir haben mögt.«

»Ein Verhaftsbefehl gegen mich!« sagte Allan unwillig; – »und auf Veranlassung dieses elenden Menschen hier? Dieß ist ein bloßer Kniff, ein purer, handgreiflicher Kniff.«

»Das kann sein,« erwiderte Redgauntlet mit großem Gleichmuth; »zweifelsohne wißt Ihr das am besten. Aber der Befehl scheint regelmäßig ausgestellt, und bei der Achtung gegen die Gesetze, welche ein herrschender Zug in meinem Leben gewesen ist, kann ich nicht umhin, meine geringe Hülfe zur Vollziehung eines gesetzlichen Verhaftsbefehls zu leihen. Seht selbst hin, und überzeugt Euch, daß es kein Kniff von mir ist.«

Fairford überlief schnell die eidliche Aussage und den Verhaftsbefehl, und rief noch einmal aus, »das sei ein unverschämter Betrug, und er wolle gegen die, welche auf einen solchen Verhaftsbefehl hin handelten, auf höchsten Schadenersatz klagen. Ich errathe Eure Beweggründe, Mr. Redgauntlet,« sagte er, »weßhalb Ihr ein so lächerliches Verfahren billigt. Aber seid versichert, daß in diesem Lande eine Handlung ungesetzlicher Gewalt durch eine zweite nicht entschuldigt oder gut gemacht wird. Als ein Mann von Verstand und Ehre könnt Ihr unmöglich behaupten, daß dieß ein gesetzlicher Verhaftsbefehl sei.«

»Ich bin kein Rechtsgelehrter, Sir,« sagte Redgauntlet, »und maße mir nicht an zu wissen, was Gesetz ist, und was nicht, – dieser Befehl ist nach der Form richtig, und das ist genug für mich.«

»Hat jemals irgend ein Mensch gehört,« sagte Fairford, »daß ein Advokat zu seinen Geschäften zurückzukehren gezwungen wurde, wie ein Arbeiter in Kohlen- oder Salzwerken, der seinem Meister entlaufen ist?«

»Ich sehe keinen Grund, warum nicht,« sagte Redgauntlet trocken; »es müßte denn sein, daß die Dienste der Advokaten weit kostbarer, und doch nicht so nützlich sind, als jene.«

»Das könnt Ihr nicht im Ernste meinen,« sagte Fairford, »Ihr könnt nicht die Absicht haben, eine so armselige Erfindung zu benutzen, um das von Eurem Freunde und Eurem geistlichen Vater verpfändete Wort zu umgehen. Ich mag ein Thor gewesen sein, so leichtsinnig zu trauen, aber bedenkt, was müßt Ihr sein, wenn Ihr mein Zutrauen auf solche Art mißbrauchen könntet. Ich bitte Euch, zu bemerken, daß ich mich dann aller Versprechungen entledigt glaube, dasjenige geheim zu halten, was ich nur für sehr gefährliche Umtriebe erklären kann, und daß – – –«

»Hört, Mr. Fairford,« sagte Redgauntlet; »Ich muß Euch hier um Eurer selbst willen unterbrechen. Ein Wort des Verraths von dem, was Ihr gesehen oder vermuthet haben möcht und Eure Gefangenschaft hat entweder ein sehr fernes oder ein sehr nahes Ende, in beiden Fällen aber ein sehr unerwünschtes. Jetzt seid Ihr sicher, in wenig Tagen frei zu werden, vielleicht noch viel früher.«

»Und mein Freund,« sagte Allan Fairford, »um dessentwillen ich mich in diese Gefahr begab, was ist aus ihm geworden? Finsterer, gefährlicher Mann,« rief er aus, und erhob seine Stimme, »ich lasse mich nicht wieder durch trügerische Versprechungen kirren, – – –«

»Ich gebe Euch mein Ehrenwort, Euer Freund befindet sich wohl,« unterbrach ihn Redgauntlet, »vielleicht erlaube ich Euch, ihn zu sehen, wenn Ihr Euch nur ruhig einem Schicksal unterwerfen wollt, welches unvermeidlich ist.«

Aber Allan Fairford, welcher bedachte, daß sein Vertrauen zuerst von Mr. Maxwell, dann von dem Priester getäuscht worden sei, erhob seine Stimme und rief alle Unterthanen des Königs, die ihn hören konnten, an, ihn gegen angedrohte Gewalt zu schützen. Augenblicklich wurde er von Nicon und zwei Nebenstehenden ergriffen, die ihn bei den Armen hielten, und sich bemühten, ihm den Mund zuzuhalten, und eiligst hinweg zu führen.

Der ehrliche Quäker, der bisher Redgauntlet nicht zu Gesicht gekommen war, trat nun kühn vor, und sagte: »Freund, du thust mehr, als du verantworten kannst; du kennst mich wohl, und weißt, daß du in mir einen Nachbar tief beleidigt hast, der in Ehrbarkeit und Einfalt des Herzens in deiner Nähe wohnte.«

»Schweig, Jonathan,« sagte Redgauntlet, »und rede nicht zu mir, denn weder die List eines jungen Advokaten, noch die Einfalt eines alten Heuchlers werden mich von meinem Vorsatz abbringen.«

»Meiner Treu,« sagte der Kapitän, der nun seinerseits vorwärts kam; »das ist nicht löblich, General, und ich zweifle, ob es der Wille meiner Schiffsherren ist, an einem solchen Verfahren Theil zu nehmen. – Nun, spielt nicht so mit Eurem Schwertgriff, sondern heraus damit, wie ein Mann, wenn Ihr einen Gang machen wollt.« Er zog den Hirschfänger und fuhr fort: »Ich will weder meinen Kameraden Fairford, noch den alten Quäker beleidigt sehen: Zum Teufel mit allen Verhaftbefehlen, falsch oder wahr, zum Henker mit den Friedensrichtern, und nieder mit allen Konstabeln! hier steht der kleine Nanty Ewart, um zu vertreten, was er gesagt hat, trotz allen Adeligen und Bürgerlichen, und trotz allen Hufeisen in der Welt.«

Der Ruf »zum Teufel mit allen Verhaftsbefehlen!« war bei der Wirthshaus-Militz sehr beliebt, und Nanty Ewart nicht weniger. Fischer, Hausknechte, Seeleute, Schmuggler, Alles begann sich herumzudrängen. Crackenthorp bemühte sich vergebens, den Mittler zu machen. Die Begleiter Redgauntlets begannen ihre Gewehre zu spannen, ihr Herr aber winkte sie zur Ruhe, zog rasch wie der Blitz sein Schwert, stürzte auf Ewart mitten in seiner Rede ein, und schlug ihm den Hirschfänger mit solcher Gewalt aus der Hand, daß er drei Schritte weit wegflog. In demselben Augenblick stieß er ihn mit Heftigkeit zu Boden, schwang das Schwert über seinem Haupte, zum Zeichen, daß er gänzlich in seiner Hand sei.

»Nun, Ihr Trunkenbold, Ihr Vagabund,« sagte er; »ich schenke Euch das Leben, – Ihr seid kein schlechter Kerl, wenn Ihr es nur lassen könntet, unter Euern Freunden Händel anzufangen. – Aber wir kennen Alle Nanty Ewart,« sagte er zu der umherstehenden Menge mit einem verzeihenden Lächeln, welches vereint mit dem Schrecken über seine Kühnheit die wankende Unterwürfigkeit schnell wieder befestigte.

Sie riefen laut: »es lebe der Laird!« während der arme Nanty sich von der Erde erhob, wohin er so unsanft gestoßen worden war, seinen Hirschfänger suchte, ihn aufhob, abwischte; und während er ihn in die Scheide steckte, zwischen den Zähnen murmelte: »es ist wahr, was sie von ihm sagen, und der Teufel läßt seinen Freund nicht, bis seine Stunde kommt; ich trete ihm nie wieder in den Weg.«

Mit diesen Worten drängte er sich durch den Haufen, entmuthigt und gebeugt durch seine Niederlage.

»Was Euch betrifft, Josua Geddes,« sagte Redgauntlet, indem er sich dem Quäker näherte, der mit aufgehobenen Händen und Augen die Scene der Gewalt mit angesehen hatte; »ich nehme mir die Freiheit, dich in Verhaft zu nehmen wegen Friedensbruch, der mit deinen angeblichen Grundsätzen gar nicht übereinstimmt, und ich glaube, es wird dir vor dem Gerichtshof und vor der Gesellschaft der Freunde, wie sie sich nennen, schlecht gehen, denn sie werden es nicht gut aufnehmen, den ruhigen Ton ihres heuchlerischen Wesens durch ein so gewaltthätiges Verfahren gekränkt zu sehen.«

»Ich gewaltthätig!« sagte Josua; » ich etwas thun, das mit den Grundsätzen der Freunde nicht übereinstimmt! Ich beschwöre dich, und fordere dich auf, als einen Christen, nicht meine Seele mit solchen Beschuldigungen zu belästigen; es ist schon traurig genug für mich, solche Gewaltthätigkeiten gesehen zu haben, die ich nicht hindern konnte.«

»O Josua, Josua!« sagte Redgauntlet mit einem sardonischen Lächeln; »du Licht der Gläubigen in der Stadt Dumfries und der Gegend umher, willst du so von der Wahrheit abfallen. – Hast du nicht vor uns Allen versucht, einen Menschen den Wirkungen eines gesetzlichen Verhaftbefehls zu entziehen? Hast du nicht diesen trunkenen Burschen ermuthigt, sein Gewehr zu ziehen, und hast du nicht selbst deinen Stock geschwungen in der Sache? Denkst du, daß die Eide des beleidigten Peter Peebles und des gewissenhaften Christal Nixon neben denen der Herren da, die diese sonderbare Scene mit ansahen, die nicht nur einen Eid schwören, wie sie ein Kleid anziehen, sondern denen Eide in Zollangelegenheiten das rechte Essen und Trinken sind, – glaubst du nicht, daß die Eide dieser Leute hier mehr in der Sache thun werden, als dein Ja und Nein?«

»Ich schwöre auf Alles,« sagte Peter; »Alles ist recht, wenn es zu einem Eid ad litem kommt.«

»Ihr thut mir sehr Unrecht,« sagte der Quäker, unerschüttert von dem allgemeinen Gelächter; »ich habe nicht aufgemuntert, die Waffen zu ergreifen, ob ich gleich einen ungerechten Mann durch Gründe zu bewegen suchte; ich habe keinen Stock geschwungen, obgleich es sein kann, daß der alte Adam in mir kämpfte und bewirkte, daß meine Hand meinen eichenen Stab fester als gewöhnlich ergriff, als ich die Unschuld von der Gewalt zu Boden geworfen sah. – Doch, was spreche ich von Wahrheit und Recht zu dir, der du von Jugend auf ein Mann der Gemalt warest? Laß mich lieber zu dir die Sprache sprechen, die du begreifen kannst. Uebergib diesen jungen Mann mir,« sagte er, als er Redgauntlet ein wenig aus der Menge hinweggeführt hatte, »und ich will dich nicht nur befreien von der schweren Verbindlichkeit zum Schadenersatz, die du durch deinen Angriff auf mein Eigenthum auf dich geladen hast, sondern ich will dir auch noch einiges Lösegeld für ihn und mich selbst geben. Was könnte es dir nützen, dem Jüngling noch durch längere Gefangenschaft Uebel zu thun?«

»Mr. Geddes,« sagte Redgauntlet in einem weit achtungsvolleren Tone, als er bis jetzt gegen den Quäker angenommen hatte; »Eure Sprache ist uneigennützig, und ich achte die Treue Eurer Freundschaft. Vielleicht haben wir Beide uns mißverstanden über unsere Grundsätze und Beweggründe; wenn aber auch, so haben wir jetzt nicht Zeit zur Erklärung. Seid nur ruhig, ich hoffe Euern Freund Darsie Latimer zu einer Ehrenstufe emporzuheben, worauf Ihr ihn mit Vergnügen sehen sollt, – nein, versucht es nicht, mir zu antworten. Der andere junge Mann wird nur auf wenige Tage Zwang leiden, vermuthlich nur wenige Stunden, es ist nicht mehr als billig, denn warum hat er sich in Sachen gemischt, die ihn nicht angingen. Mr. Geddes, seid so klug, setzt Euch zu Pferde, und verlaßt einen Ort, der je länger, je weniger zum Aufenthaltsorte für einen Mann des Feindes paßt. Ihr könnt den Ausgang ruhig zu Mount Sharon abwarten.«

»Freund,« erwiderte Josua, »ich kann mir deinen Rath nicht gefallen lassen; ich will hier bleiben, auch als dein Gefangener, wie du eben gedroht hast, ehe ich den Jüngling, der durch mich und meine Unfälle so viel gelitten hat, in einer noch zweifelhaften Lage verlasse, darum will ich mein Pferd Salomon nicht besteigen, noch will ich mein Haupt wenden nach Mount Sharon, bis ich das Ende dieser Sache erblicke.«

»Ein Gefangener müßt Ihr dann sein,« sagte Redgauntlet; »Ich habe keine Zeit, die Sache weiter mit Euch zu besprechen; aber sagt mir, warum heftet Ihr Eure Augen so aufmerksam auf meine Leute dort drüben?«

»Die Wahrheit zu sagen,« antwortete der Quäker, »ich wundere mich, unter ihnen einen kleinen Taugenichts, Namens Benjie, zu entdecken, dem, glaube ich, der Satan die Gewalt gegeben hat, sich überall hin zu verfügen, wo es ein Unheil geben soll, so daß man in Wahrheit von ihm sagen kann: es geschieht nichts Schlimmes im Lande, wo er nicht den Finger, wenn nicht die ganze Hand darin hat.«

Der Bube, welcher sah, daß ihre Augen beim Gespräche auf ihn gerichtet waren, schien in Verlegenheit und beinahe begierig, sich davon zu machen, aber auf ein Zeichen von Redgauntlet näherte er sich, indem er den schaafsmäßigen Blick und die bäurischen Sitten annahm, worunter der kleine Schurke seine Pfiffigkeit und Spitzbüberei verbarg.

»Wie lange bist du denn bei den Leuten hier, Bursche?« fragte Redgauntlet.

»Seit der Geschichte mit den Stecknetzen!« sagte Benjie, den Finger im Munde haltend.

»Und warum bist du uns gefolgt?«

»Ich wagte nicht daheim zu bleiben, wegen der Constablen,« erwiderte der Bube.

»Und was hast du denn während der Zeit gethan?«

»Gethan, Sir? – ich weiß nicht, was Ihr unter »Thun« versteht; ich habe nichts gethan,« sagte Benjie; da er aber in Redgauntlets Augen etwas sah, womit sich nicht spaßen ließ, so setzte er hinzu: »nichts, als daß ich dem Mr. Christal Nixon aufwartete.«

»Hum! wirklich?« murmelte Redgauntlet. – »Muß Mr. Nixon sein eigenes Gefolge in's Feld führen? – das muß ich doch sehen.«

Er war eben im Begriff, seine Untersuchung fortzusetzen, als Nixon selbst mit dem Ausdruck ängstlicher Eile kam – »der Pater ist gekommen,« sagte er leise, »und die Herren sind beisammen in dem größten Zimmer des Hauses und wünschen Euch zu sehen. Drüben ist auch Euer Neffe und macht einen Lärm, wie ein Mensch im Tollhause.«

»Ich will gleich nach Allem sehen,« sagte Redgauntlet; »hat der Pater die Wohnung erhalten, wie ich befahl?«

Christal nickte bejahend.

»Nun dann, zum endlichen Versuche,« sagte Redgauntlet; er faltete seine Hände, blickte aufwärts, kreuzigte sich, und nach dieser frommen Handlung (beinahe die erste, die irgend Jemand bei ihm bemerkt hatte) befahl er Nixon, gute Wache zu halten, – »Pferde und Leute auf jeden Fall in Bereitschaft zu haben, nach genauer Verwahrung der Gefangenen zu sehen, sie aber zu gleicher Zeit gut und höflich zu behandeln.« Nach Ertheilung dieser Befehle ging er eilig in das Haus.

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