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Redgauntlet

Walter Scott: Redgauntlet - Kapitel 34
Quellenangabe
pfad/scott/redgaunt/redgaunt.xml
typefiction
authorWalter Scott
titleRedgauntlet
publisherVerlag von Carl Zieger
seriesWalter Scott's sämmtliche Werke
volumeZweiundzwanzigster Band
translatorKarl Weil
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110418
projectid75ceb586
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Zwanzigstes Kapitel

Erzählung von Darsie Latimer

(Fortsetzung.)

Jon Crackenthorps Gasthof war noch niemals, seit sich seine Schornsteine an den Ufern des Solway erhoben, von so verschiedenartigen Leuten besucht worden, als diesen Morgen. Mehrere von ihnen waren Leute, deren Rang weit höher schien, als ihre Kleidung und Art zu reisen andeutete. Die begleitenden Diener widerlegten schon die Schlüsse, die man aus dem Anzug ihrer Herren hätte machen sollen, und nach der Sitte der Ritter vom Regenbogen Der Livreebedienten, so genannt wegen ihrer oft sehr bunten Kleidung. gaben sie manche Winke, sie wären nicht die Leute, irgend Jemand zu bedienen, als Männer vom ersten Rang. Diese Herren, welche hauptsächlich hieher gekommen wären, um mit Mr. Redgauntlet zusammenzutreffen, schienen verdrießlich und ängstlich, gingen mit einander auf und ab, scheinbar in tiefe Gespräche verwickelt, und vermieden allen Verkehr mit andern Reisenden, welche der Zufall diesen Morgen an denselben Erholungsplatz geführt hatte.

Als ob das Schicksal es sich vorgenommen hätte, die Plane der jacobitischen Verschwörer in Verwirrung zu bringen, waren die zuströmenden Reisenden ungewöhnlich zahlreich und gemischt, und füllten das öffentliche Zimmer des Gasthofs, während die politischen Gäste bereits die meisten innern Zimmer des Hauses eingenommen hatten.

Unter andern war auch der ehrliche Josua Geddes angekommen, der – wie er sagte, umherreisete in Betrübniß seines Herzens, und trauernd um das Schicksal Darsie Latimers, als wäre dieser sein erstgebornes Kind. Er war an der ganzen Küste des Solway hingezogen, hatte dabei noch mehrere Abschweifungen in das Innere des Landes gemacht, und es bei solchen Gelegenheiten nicht vermieden, sich dem Gelächter der Spötter, ja selbst persönlichen Gefahren auszusetzen, da er die Schlupfwinkel der Schmuggler, Roßtäuscher und anderer Leute dieses Gelichters besuchte, welche ihn mit mißtrauischen Blicken ansahen, und geneigt waren, ihn eher für einen Accise-Beamten in Quäkerkleidung zu halten. Allen diesen Mühseligkeiten und Gefahren hatte er sich aber vergeblich unterzogen. Keine Nachforschung hatte ihm auch nur die geringste Spur von Darsie Latimern gezeigt, so daß er zu fürchten begann, der arme Jüngling möchte weggeführt worden sein, denn der Menschenraub war damals, namentlich auf den westlichen Küsten Großbritanniens, nicht selten; auch konnte sein Schicksal wohl noch kläglicher und blutiger gewesen sein.

Mit schwerem Herzen gab er sein Pferd, seinen Salomon, an den Hausknecht ab, ging in den Gasthof, und verlangte von dem Wirthe Frühstück und ein besonderes Zimmer. Quäker und solche Wirthe, wie der alte Vater Crackenthorp, sind keine verwandte Geister; der Letztere sah ihn daher verächtlich über die Schulter an und erwiderte: »wenn Ihr ein Frühstück wollt, so eßt es hier, wie andere Leute auch!«

»Und warum kann ich nicht,« sagte der Quäker, »für mein Geld ein Zimmer für mich haben?«

»Weil Ihr warten müßt, Meister Jonathan, bis bessere Leute bedient sind, oder mit Euresgleichen essen wollen.«

Josua Geddes sprach nicht weiter über diesen Punkt, sondern setzte sich ruhig nieder auf den Stuhl, den ihm Crackenthorp anwies, verlangte eine Maas Bier nebst Brod, Butter und holländischem Käse, und begann seinen Hunger zu stillen, den die Morgenluft ungewöhnlich rege gemacht hatte.

Während der ehrliche Quäker so beschäftigt war, trat ein anderer Fremder in's Zimmer, und setzte sich nahe an den Tisch, auf welchem dessen Lebensmittel standen. Er sah häufig nach Josua hin, leckte sich die trockenen und aufgesprungenen Lippen, als er den guten Quäker sein Brod und Käse verarbeiten sah, und machte die Bewegung des Trinkens, wenn Mr. Geddes das Glas zum Munde führte, als ob diese körperlichen Verrichtungen bei einem Andern auch bei ihm die nämlichen auf eine unwiderstehliche Art weckten. Endlich, als ob er seinem Appetit durchaus nicht mehr widerstehen könne, fragte er in einem unsichern Tone den vierschrötigen Wirth, der in aller Heftigkeit, die seine Corpulenz zuließ, durch das Zimmer schritt, ob er nicht eine Plack-Pie haben könne?

»Herr, von einem solchen Ding habe ich nie gehört,« sagte der Wirth, und wollte sich weiter schieben, der Gast aber hielt ihn zurück, und sagte in einem starken schottischen Accente: »Habt Ihr nicht sonst was, Buttermilch oder einen Kloß von Schwarzmehl?«

»Ich weiß nicht, was Ihr wollt,« sagte Crackenthorp.

»Habt Ihr denn kein Frühstück, das einen Schilling schottisch kostet?«

»Das ist ein Pfennig Sterling,« sagte Crackenthorp mit spöttischem Lachen. »Nein, Sawney, Ein Spottname, den man den Schotten gab. so kann ich keins geben, aber ich will Euch satt machen aus Mitleiden –«

»Ein ordentliches Anerbieten schlage ich niemals aus,« sagte der arme Teufel von Gast, »und wenn auch die Engländer Teufel sind, so kann man sie doch höflich heißen gegen Edelleute, die unter Verkappung reisen.«

»Edelleute! – Hum!« – sagte Crackenthorp – »doch keine Blaukappe unter ihnen, die nicht auf diesem Fuße hinkt.« Dann nahm er eine Schüssel, die noch einen bedeutenden Rest von einem Ding enthielt, das einmal eine herrliche Schöpsenfleisch-Pastete gewesen war, und stellte sie auf den Tisch vor den Fremden mit den Worten: »Hier, Meister Edelmann, hier ist Etwas, das alle Plack-Pies, wie Ihr sie nennt, werth ist, welche jemals aus einem Schafkopfe gemacht wurden.«

»Nun, ein Schafkopf ist immer ein gut Ding,« erwiderte der Gast, sprach aber nicht so laut, daß es den gastlichen Wirth hätte beleidigen können, sondern der Ausruf konnte so für eine Abwehr der Verachtung gelten, womit man sich über dieß gewöhnliche Gericht der Schotten zu äußern pflegte.

Hierauf begann er sogleich das Schöpsenfleisch und die Pastetenrinde von der Schüssel an den Mund zu bringen, aber in so ungeheuern Stücken, als erlabte er sich nach dreitägigem Fasten, und wolle sich noch für eine ganze kommende Fastenzeit versorgen.

Josua Geddes betrachtete ihn dagegen mit Erstaunen, da er nie einen solchen Ausdruck von Heißhunger beim Essen bemerkt zu haben glaubte. »Freund,« sagte er, nachdem er ihn einige Minuten beobachtet hatte, »wann du so in dich hineinstopfst, so wirst du sicherlich noch ersticken. Willst du nicht einen Zug aus meinem Kruge thun, um deiner trockenen Speise hinabzuhelfen?«

»Meiner Treu!« sagte der Fremde, indem er im Essen anhielt und den freundlichen Einlader betrachtete, »das ist keine schlechte Eröffnung, wie man in der Generalversammlung zu sagen pflegt; ich habe schlechtere Motionen von weiseren Räthen gehört.«

»Mr. Geddes ließ ein Quart Bier für unsern Freund Peter Peebles kommen, denn der Leser hat wohl schon errathen, daß dieser unglückliche Prozeßkrämer der in Frage stehende Wanderer ist.

Das Opfer der Themis hatte nicht sobald den Krug erblickt, als er ihn mit derselben Energie ergriff, die er bei der Verarbeitung der Pastete entfaltet hatte, – er blies den Schaum mit solcher Gewalt von sich, daß ein Theil davon an Mr. Geddes Kopf flog, und dann sagte er, als erinnere er sich, was die Höflichkeit erheische: »Auf Euer Wohlsein, Freund; was! seid Ihr zu vornehm, mir Antwort darauf zu geben, oder hört Ihr nicht gut?«

»Ich bitte dich, trink dein Bier, Freund!« sagte der gute Quäker; »du willst höflich gegen mich sein, wir kümmern uns aber nicht um leere Förmlichkeiten.«

»Was? Ihr seid ein Quäker, seid Ihr?« fragte Peter, und führte dann ohne weitere Ceremonie den Krug an den Mund, von dem er ihn auch nicht eher wieder wegzog, als bis kein Tropfen von diesem Gerstengebräu mehr darin war. »Wohl bekomm' es Euch und mir,« sagte er, und seufzte, als er den Krug niedersetzte. »Aber zwei Maß Bier unter Zweien ist ein gar zu kleines Maß! was sagt Ihr zu einem andern Kruge? oder wollen wir uns eine derbe schottische Pinte auf einmal geben lassen? das wäre so unrecht nicht!«

»Du magst so viel kommen lassen, als du willst, auf deine eigene Rechnung, Freund,« sagte Geddes; »ich habe willig beigetragen, deinen natürlichen Durst zu stillen, aber ich fürchte, es möchte nicht so leicht sein, deine erworbene und künstliche Trinklust zu befriedigen.«

»Das heißt mit deutlichen Worten, Ihr nehmt Eure Bürgschaft bei den Leuten des Hauses zurück? Ihr Quäkervolk seid doch leidige Tröster! Aber da Ihr mich veranlaßt habt, so viel Kaltes zu trinken, was ich am Vormittag gar nicht gewohnt bin, so denke ich, – Ihr könntet mir eben so gut ein Glas Branntwein oder Sekt anbieten; ich bin eben nicht wählig, und kann alles trinken, was naß ist, und über die Zähne geht.«

»Nicht einen Tropfen auf meine Kosten, Freund,« sagte Geddes; »du bist ein alter Mann, und hast vielleicht einen beschwerlichen und langen Weg vor dir; du bist überdem mein Landsmann, so viel ich aus deiner Sprache schließe, und ich will dir nicht die Mittel geben, deine grauen Haare in einem fremden Lande zu entehren.«

»Graue Haare!« sagte Peter mit einem Wink an die Umstehenden, welche die Unterredung zu interessiren anfing, und die hofften, daß der Quäker tüchtig verspottet werden würde von dem schäbigen Bettler, denn dieß schien Peter Peebles zu sein. – »Graue Haare! der Herr gebe Euch bessere Augen, daß Ihr graue Haare von einer Flachsperrücke unterscheiden lernt!«

Dieser Spaß erzeugte ein schallendes Gelächter, und, was noch besser war, als ein trockener Beifall, ein Mann, der daneben stund, rief: »Vater Crackenthorp, bringt ein Fläschchen Branntwein. Ich will dem Burschen da ein Schlückchen reichen, wäre es auch nur um des einzigen Worts willen!«

Der Branntwein wurde augenblicklich gebracht von einer Magd, welche als Aufwärterin diente, und Peter füllte mit behaglichem Grinsen ein Glas, stürzte es hinunter, und sagte dann: »Gott verzeih' mir's, ich bin so unhöflich gewesen, nicht auf Eure Gesundheit zu trinken. Ich glaube, der Quäker hat mich mit seinem ungezogenen Wesen angesteckt;« er war im Begriff, ein zweites Glas zu füllen, als er seine Hand von seinem neuen Freund zurückgehalten sah, welcher sagte: »Nein, nein, Freund, ehrliches Spiel ist das beste; Geduld ein wenig, wenn's gefällig ist.« Er füllte das Glas für sich selbst, und leerte es so tapfer, als Peter es nur immer hätte thun können. »Was sagt Ihr dazu, Freund?« fuhr er fort, indem er sich zu dem Quäker wandte.

»Nichts, Freund,« erwiderte Josua, »es ging deine Kehle hinab, nicht die meinige, und ich habe nichts über das zu sagen, was mich nichts angeht, wenn du aber menschlich bist, so wirst du diesem armen Menschen nicht die Mittel zur Schwelgerei reichen. Bedenke doch, daß sie ihn von der Thüre stoßen werden, wie einen heimath- und herrenlosen Hund, und daß er dann auf der Straße oder an dem Ufer sterben kann. Wenn du ihn durch deine Mittel unfähig gemacht hast, sich selbst zu helfen, so wirst du nicht unschuldig sein an seinem Blut.«

»Meiner Treu, Breitkrämpe, du hast Recht, glaube ich, und der alte Herr da in der Flachsperücke soll nichts mehr von diesem Tröster erhalten. Ueberdieß haben wir heute Geschäfte vor, und dieser Bursche, so dumm er aussieht, kann doch eine Nase haben, um das Alles zu riechen. Hört, Vater, wie ist Euer Name, und was führt Euch in diese abgelegene Ecke?«

»Meinen Namen mag ich nun nicht gerade nennen,« sagte Peter, – »und was mein Geschäft betrifft, – aber hier ist ja noch ein Tröpfchen Branntwein im Glase, es wäre unrecht, es der Aufwärterin zu lassen, die lernte nichts Gutes dabei.«

»Nun, du sollst meinetwegen den Branntwein haben, und dann geh zum Henker, aber sagen sollst du mir, was du hier machst.«

»Ich suche einen jungen Advokaten, Namens Allan Fairford, der mir einen so abscheulichen Streich gespielt hat, als man einen nur in einem Rechtsstreit spielen kann,« sagte Peter.

»Einen Advokaten, Mensch!« antwortete der Kapitän der springenden Jenny, denn der war es, und kein Anderer, der Mitleid mit Peters Trinklust gehabt hatte, »nun, Gott helfe dir, du bist auf der unrechten Seite des Solway, wenn du Advokaten suchst; dieß sind ja schottische Rechtsgelehrte, und keine englischen.«

»Englische Rechtsgelehrte!« rief Peter aus; »zum Teufel alle Rechtsgelehrten in England.«

»Ich wünsche von ganzer Seele, es möchte wahr sein, aber wie Teufel kommt Euch das jetzt zu Sinne?«

»Nun, bei Gott, mir hat einer ihrer Attorneys schön an den Beutel gegriffen, und mir gesagt, daß es außer ihm keinen Rechtsgelehrten in England gebe, der die Natur eines verwickelten Prozesses kenne. Und als ich ihm sagte, wie der Schuft, der Allan Fairford, mir es gemacht habe, antwortete er mir, ich könne eine Klage über den Fall anstellen, gerade als ob der Fall nicht so viele Klagen schon hätte, als ein Fall nur immer tragen kann. Auf meine Ehre, es ist eine gute Sache, und sie hat ihrer Zeit schon viele Prozeßsäcke getragen, aber wenn man einem Müllerpferde zu viel aufladet, bricht ihm der Rücken endlich ein, und mit meiner Erlaubniß soll man ihm nichts mehr auflegen.«

»Aber dieser Allan Fairford?« fragte Nanty, – »kommt, trinkt den Tropfen Branntwein vollends aus, sagt mir mehr von ihm, und ob Ihr ihn in Gutem oder Bösem aufsucht.«

»Zu meinem Besten, und nicht zu seinem Schaden, das versichere ich Euch,« sagte Peter; »denkt einmal, er verließ meinen Prozeß gerade zwischen Gewinn und Verlust, und ist nach Cumberland gezogen, um einem wilden Burschen, Namens Darsie Latimer, nachzuspüren.«

»Darsie Latimer,« sagte Mr. Geddes hastig; »wißt Ihr etwas von Darsie Latimer?«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht,« antwortete Peter; »ich will nicht alle Fragen beantworten, wenn sie nicht gerichtlich und gesetzlich sind, besonders wenn die Leute so viel Aufhebens machen um einen Schluck Branntwein. Was diesen vornehmen Herrn anbetrifft, der sich so gezeigt hat beim Frühstück, und sich so zeigen wird beim Mittagessen, so will ich mich über alle Punkte auslassen, die die Sache zu Ende bringen können.«

»Alles, was ich von Euch wissen will, Freund, ist, ob Ihr diesen Allan Fairford in Gutem oder Bösem sucht; wenn in Gutem, so könnt Ihr ihn zu sprechen bekommen, wenn in Bösem, so will ich Euch hinüber weisen über den Solway, mit der gut gemeinten Warnung, in solcher Absicht nicht zum Zweitenmal zu kommen, sonst möchte es Euch schlimmer ergehen.«

Das Benehmen und die Sprache Ewarts waren der Art, daß Josua Geddes beschloß, vorsichtig zu schweigen, bis er deutlicher entdecken könne, ob Jener ihm in seinen Nachforschungen nach Darsie Latimer behülflich oder hinderlich sein werde. Er beschloß daher, aufmerksam darauf zu hören, was zwischen Peter und dem Seemann vorgehe, und auf eine Gelegenheit zu warten, den erstern zu fragen, sobald als er von seiner neuen Bekanntschaft getrennt sein würde.

»Ei,« sagte Peter Peebles, »ich wollte dem armen Burschen, Allan Fairford, nicht das geringste Uebel anthun, er hat manche Guinee von mir verdient, wie sein Vater vor ihm, aber ich will ihn zu meinen und seinen Geschäften zurückhaben, und dann will ich in meiner Klage auf Schadenersatz nicht weiter gehen, als daß er die Kosten erstattet, und ein jährliches Interesse von dem Kapital zahlt, von dem Tage an, wo es mir hätte ausgeliefert werden sollen, und zwar bei Heller und Pfennig; Ihr seht, daß dieß das wenigste ist, was ich nomine damni verlangen kann; ich will dem Burschen an Leib und Leben nichts thun, – man muß leben und leben lassen, – vergeben und vergessen.«

»Der Teufel hole mich, Freund Breitkrämpe,« sagte Nanty Ewart zu dem Quäker, »wenn ich heraus bringe, was die alte Vogelscheuche will. Wenn ich es für passend hielte, daß ihn Mr. Fairford sähe, so könnte es vielleicht geschehen. – Wißt Ihr etwas von dem alten Burschen da? Ihr scheint doch eben Euch seiner anzunehmen.«

»Nicht mehr, als ich Jedem im Unglück gethan hätte,« sagte Geddes, dem es nicht unangenehm war, in's Gespräch verflochten zu werden; »aber ich will versuchen, was ich thun kann, um herauszubringen, wer er ist, und warum er in dieser Gegend sich befindet. Aber sind wir nicht zu sehr beobachtet in diesem offenen Zimmer?«

»Richtig,« sagte Nanty, und auf seinen Befehl wies die Aufwärterin den Sprechenden ein Seitenzimmer, Peter aber folgte ihnen, in der instinktartigen Hoffnung, daß er bei ihnen noch etwas zu trinken bekommen würde. Kaum hatten sie sich niedergesetzt, als sie in dem eben verlassenen Zimmer eine Geige hörten.

»Da muß ich wieder hin,« sagte Peter wieder aufstehend, »dort hör' ich eine Geige, und wo Musik ist, gibt es etwas zu essen oder zu trinken.«

»Ich will gleich etwas hieher bringen lassen,« sagte der Quäker; »aber indessen, habt Ihr irgend einen Anstand, uns Euern Namen zu sagen?«

»Durchaus keinen, wenn Ihr ihn braucht, um mich beim Zutrinken mit dem Vor- und Zunamen zu nennen; denn sonst möchte ich lieber Euern Fragen ausweichen.«

»Freund! es ist nicht deiner Gesundheit wegen,« sagte der Quäker; »denn du hast schon genug getrunken; indessen, hier, Mädchen, bring mir ein Gill Sherry.«

»Sherry ist ein leichtes Getränk, und ein Gill nur ein kleines Maaß für zwei Leute, die auf ihre neue Bekanntschaft trinken wollen. – Aber laßt uns doch Euern filzigen Gill Sherry versuchen,« sagte der arme Peter, und streckte seine ungeheure Hand aus, um das winzige zinnerne Gefäß zu ergreifen, welches nach der Sitte der Zeit den edlen Trank frisch vom Fasse weg enthielt.

»Halt, Freund,« sagte Josua, »du hast uns ja deinen Vor- und Zunamen noch nicht gesagt.«

»Verdammter Schlaukopf, der Quäker,« sagte Nanty bei Seite, »läßt ihn den Trank zahlen, ehe er ihn ihm gibt. Ich wäre so dumm gewesen, ihn trinken zu lassen, ehe ich ihm die Frage vorlegte.«

»Mein Name ist Peter Peebles,« sagte er ziemlich verdrießlich, als wolle er andeuten, daß ihm der Trank zu sparsam zugemessen worden sei, »und was habt ihr nun dazu zu sagen?«

»Peter Peebles?« wiederholte Ewart, und schien über Einiges nachzudenken, das dieser Name in seinem Gedächtniß geweckt hatte während der Quäker seine Fragen fortsetzte.

»Aber ich bitte dich, Peter Peebles, was bist du denn sonst noch? Du weißt, in unserem Lande bezeichnet man die Menschen durch ihr Gewerbe, wie Sailer, Fischer, Weber u. s. w., einige durch ihre Titel als Landbesitzer, was freilich nach Eitelkeit schmeckt. Nun, wie kann man dich denn von andern deines Namens unterscheiden?«

»Als Peter Peebles, der arme Peter Peebles mit dem großen Prozeß gegen Plainstanes, et per contra, – bin ich auch sonst über nichts Herr, so bin ich doch dominus litis

»Eine arme Herrlichkeit, denke ich,« sagte Josua.

»Ei, Mr. Peebles,« sagte Nanty, indem er die Unterredung plötzlich abbrach, »waret Ihr nicht einmal Bürger in Edinburg?«

» War ich ein Bürger? ich bin es noch,« sagte Peter unwillig, »ich habe nichts begangen, wodurch ich mein Recht verwirkt hätte, ich denke, einmal Richter, und immer Mylord.«

»Gut, Herr Bürger, sagt mir ferner, habt Ihr einiges Eigenthum in der guten Stadt?« fuhr Ewart fort.

»Das habe ich, – nämlich vor meinem Unglück gehabt; ich hatte zwei oder drei kleine Häuser in einer kleinen Gasse, außer einem Laden und der Wohnung darüber. Aber Plainstanes hat mich jetzt auf die Straße gesetzt, ich will indessen schon wieder aufkommen.«

»Habt Ihr nicht einmal ein Etablissement in der Covenanter Straße gehabt?« fragte Nanty wiederum.

»Ihr habt's getroffen, wenn Ihr gleich nicht wie ein Covenanter ausseht,« sagte Peter, – »wir wollen auf sein Andenken trinken! (das Herz ist auf den Lippen, wenn man auch nur so ein stümpiges Gläschen ausgeleert hat!) Es brachte von dem obersten Boden bis zur Hausflur ungefähr vierzehn Pfund jährlich, außer dem hübschen Keller, der an Lückie Littleworth vermiethet war.«

»Erinnert Ihr Euch nicht, daß Ihr eine alte Dame in der Miethe hattet, Mrs. Cantrips von Kittlebasket?« fragte Nanty, mit Mühe seine Bewegung unterdrückend.

»Erinnern! Wahrlich ich habe Ursache, mich dessen zu erinnern,« sagte Peter, »sie machte ja Bankerott bei mir, der alte Besen, und nach Allem, was das Gesetz thun konnte, um mich bezahlt zu machen, indem man ihre Sachen im Aufstreich verkaufte, – u. s. w. wie das Gesetz will, so rannte sie weg in's Arbeitshaus, und blieb mir zwanzig Pfund schottisch schuldig; es ist doch eine große Schande und Ungerechtigkeit, daß das Arbeitshaus Bankerottirer aufnimmt, die ihre ehrlichen Gläubiger nicht bezahlen können.«

»Mich dünkt, Freund,« sagte der Quäker, »deine eigenen Lumpen sollten dich Mitglied mit der Nacktheit Anderer lehren.«

»Lumpen,« erwiderte Peter, der Josua's Worte in wörtlichem Sinne nahm; »zieht denn ein weiser Mann auf der Reise seine besten Kleider an, wann er mit Quäkern zusammenkommt, und solch' anderem Vieh, das einem auf dem Wege aufstößt.«

»Die alte Dame starb, wie ich hörte,« sagte Nanty, indem er eine Mäßigung erkünstelte, die der leidenschaftliche Ton seiner Stimme Lügen strafte.

»Sie mag leben oder todt sein, was kümmert's mich?« antwortete Peter, der Grausame; »weßhalb soll solches Volk leben, das nicht leben kann, wie das Gesetz will, und seine rechtmäßigen Gläubiger nicht zahlt?«

»Und Ihr, die Ihr nun auf die nämliche Weise zu Boden getreten seid, bedauert Ihr nicht, was Ihr gethan habt? Reut es Euch nicht, den Tod der armen Wittwe verursacht zu haben?«

»Warum sollt' ich's bereuen?« sagte Peter; »das Gesetz war auf meiner Seite, – ein Dekret des Gerichts verordnete die Beschlagnahme der Sachen. – Alles war in der Ordnung, ich mußte die alte Schachtel durch zwei Gerichtshöfe treiben; sie kostete mich mehr, als ihre Ohren werth waren.«

»Nun, beim Himmel,« sagte Nanty; »wäret ihr im Stande, Euch mit mir zu schlagen, ich gäbe tausend Guineen darum, wenn ich sie hätte! Hättet Ihr gesagt, es thue Euch leid, so hättet Ihr es mit Gott und Eurem Gewissen ausmachen mögen, aber anzuhören, wie Ihr mit Eurer Schändlichkeit prahlt. – Haltet Ihr es denn für nichts, eine alte Dame in Hunger und Kummer, und eine junge zur Schande gebracht, den Tod der einen, das Elend der andern verursacht, und einen Mann in Verbannung und Verzweiflung getrieben zu haben? Bei meinem Schöpfer, kaum enthalte ich mich, Hand an Euch zu legen!«

»An mich? – ich trotze Euch!« sagte Peter. »Ich nehme diesen ehrlichen Mann zum Zeugen, daß ich, wenn Ihr nur den Saum meines Kleides anrührt, eine Klage gegen Euch einreichen werde, wegen Beschimpfung, Gewalt, Unterdrückung, Angriff und Schlagen. Nun das ist auch der Rede werth, wenn ein altes Weib zum Grabe geht, eine junge Dirne in die Winkel und auf die Landstraße, und ein Taugenichts über's Meer statt an den Galgen!«

»Nun, bei meiner Seele!« sagte Nanty; »das ist zu viel! und da Ihr auf eine andere Weise nicht fühlen könnt, so will ich versuchen, ob ich einige Menschlichkeit in Euern Kopf und Schultern hineinschlagen kann.«

Mit diesen Worten zog er seinen Hirschfänger, und obgleich Josua, der vergebens die Unterredung, deren gewaltsamen Ausgang er vorhersah, zu unterbrechen gesucht hatte, sich jetzt zwischen Nanty und den alten Prozeßkrämer warf, so konnte er doch nicht verhindern, daß nicht der Letztere zwei oder drei derbe Schläge mit der flachen Klinge über die Schultern bekam.

Der arme Peter Peebles, so keck er den Streit herbeigeführt hatte, so unrühmlich benahm er sich, als es auf's Aeußerste gekommen war; er schrie laut auf, rannte umher, und stürzte zu der Thüre des Zimmers und selbst zum Hause hinaus, verfolgt von Nanty, dessen Hitze sich immer vermehrte, je mehr er sich derselben überließ, so wie von Josua, der noch immer auf jede Gefahr den Mittler machen wollte, Nanty zurief, des Alters und der elenden Umstände des Beleidigers zu gedenken, so wie dem armen Peter, er solle halten, und sich unter seinen Schutz stellen. Vor dem Hause aber fand Peter Peebles einen wirksameren Beschützer, als den würdigen Quäker.

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