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Redgauntlet

Walter Scott: Redgauntlet - Kapitel 32
Quellenangabe
pfad/scott/redgaunt/redgaunt.xml
typefiction
authorWalter Scott
titleRedgauntlet
publisherVerlag von Carl Zieger
seriesWalter Scott's sämmtliche Werke
volumeZweiundzwanzigster Band
translatorKarl Weil
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtzehntes Kapitel.

Erzählung von Darsie Latimer.

(Fortsetzung.)

»Das Haus Redgauntlet,« sagte die junge Dame, »lag seit Jahrhunderten, wie man glaubt, unter einem Fluche, welcher seinen Muth, seine Talente, seine Ehrliebe und seine Weisheit unnütz machte. Oft spielte es eine Rolle in der Geschichte, sie sind stets in der Lage von Menschen gewesen, die mit verzweifelter Kraftanstrengung und beharrlichem Erdulden alles Ungemachs gegen Wind und Wetter kämpfen, aber doch bei aller Kraft und Entschlossenheit nicht im Stande sind, ihren Lauf weiter fortzusetzen. Man behauptet, dieses unglückliche Geschick gründe sich auf eine Sage, die ich Euch in weniger beschäftigten Augenblicken erzählen will.«

Darsie sagte, er habe die tragische Geschichte Sir Alberick Redgauntlet's bereits gehört.

»Ich brauche also nur zu sagen,« fuhr Lilias fort, »daß unser Vater und Oheim dieß Familienschicksal in vollem Maaße fühlten. Beide besaßen ein beträchtliches Vermögen, das durch unsers Vaters Heirath noch bedeutend vermehrt wurde, und Beide hatten sich dem Dienst des unglücklichen Hauses Stuart gewidmet: aber Familienrücksichten würden, wie unsere Mutter wenigstens glaubte, ihren Gatten zurückgehalten haben, an den Scenen des Jahrs 1745 offenen Antheil zu nehmen, hätte ihn nicht der große Einfluß, welchen der jüngere Bruder durch die entschiedenere Energie seines Charakters über den ältern besaß, zu diesem Unternehmen fortgerissen.

Als nun das Unternehmen zu dem unglückseligen Ausgang kam, der unsern Vater seines Lebens beraubte und seinen Bruder zum Exil verurtheilte, floh Lady Redgauntlet aus dem Norden Englands, entschlossen, alle Verbindung mit der Familie ihres Gemahls, besonders aber mit seinem Bruder, abzubrechen, da sie dieselben wegen ihres unsinnigen, politischen Fanatismus als die Ursache seines frühzeitigen Todes betrachtete, und beschloß, uns Beide in den Gesinnungen der Anhänglichkeit an die herrschende Dynastie aufzuziehen. Vielleicht war sie zu rasch in diesem Entschluß, zu furchtsam ängstlich, einem mit uns so nahe verbundenen Verwandten, als unsers Vaters einziger Bruder war, wo möglich auch den Ort zu verbergen, wo wir uns befanden. Doch müßt Ihr auch das bedenken, was sie gelitten hatte. Sieh, Bruder,« sagte sie, den Handschuh abstreifend, »diese fünf Blutflecken auf meinem Arme sind ein Zeichen, das die geheimnißvolle Natur einem ungebornen Kinde aufdrückte, als eine Erinnerung an seines Vaters gewaltsamen Tod und seiner Mutter Unglück.

»Ihr waret also noch nicht geboren, als mein Vater umkam?« fragte Darsie.

»Ach! nein,« erwiderte sie, »auch waret Ihr noch nicht ein Jahr alt. Es war auch nicht zu verwundern, daß meine Mutter, die so erschütternde Scenen erlebt hatte, eine unbesiegbare Angst wegen ihrer Kinder empfand, und besonders wegen ihres Sohnes; um so mehr, als ihr Gemahl bei der Berichtigung seiner Angelegenheiten die Aufsicht sowohl über die Person ihrer Kinder, als über ihre Güter, unabhängig von denen, welche in der Confiscation begriffen waren, seinem Bruder Hugo anvertraute, auf welchen er ein unbegrenztes Vertrauen setzte.«

»Aber meine Mutter hatte keinen Grund, die Wirkung dieser gerichtlichen Handlung zu fürchten, da sie zu Gunsten einer geächteten Person abgefaßt war,« sagte Darsie.

»Richtig,« erwiderte Lilias, »aber unsers Oheims Aechtung konnte ausgehoben werden, wie so viele andere; unsere Mutter, die ihn fürchtete und haßte, lebte darum in ewiger Angst, sie möchte den, welchen sie für den Urheber des Todes ihres Gemahls hielt, kommen sehen, bewaffnet mit gesetzlicher Gewalt, und fähig, sie anzuwenden, um ihre Kinder ihrem Schutze zu entreißen. Obgleich ihrem Schwager, Hugo Redgauntlet, immer noch die gesetzliche Gewalt abging, so fürchtete sie doch seinen kühnen und hartnäckigen Sinn, sich der Person ihrer Kinder zu bemächtigen. Auf der andern Seite wurde unser Oheim, dessen stolze Gemüthsart vielleicht durch offenes Vertrauen von ihrer Seite besänftigt worden wäre, gegen das mißtrauische und argwöhnische Verfahren seiner Schwägerin gegen ihn aufgebracht. Niedriger Weise, sagte er, mißbrauchen sie seine unglückliche Lage, um ihn von dem Schutze und der Erziehung dieser Kinder auszuschließen, von diesem Vorrecht, das Natur, Gesetz und der Wille ihres Vaters ihm übertragen habe, und er schwor, sich einem solchen Unrecht nicht zu unterwerfen. Lady Redgauntlet erfuhr diese Drohungen, und ihre Furcht stieg, die nur allzuwohl begründet war. Während wir Beide in einem Alter von zwei bis drei Jahren mit einander in einem ummauerten Garten spielten, welcher dicht an unserer Mutter Aufenthaltsorte lag, der seit einiger Zeit Devonshire war, erstieg mein Oheim plötzlich die Mauer mit mehreren Männern, ich wurde ergriffen und in ein Boot gebracht, welches ihrer wartete. Meine Mutter flog indessen zu Eurer Rettung herbei, und da sie Euch fest umschlang, so konnte mein Oheim, wie er mir nachher sagte, sich Eurer Person nicht bemächtigen, ohne gegen seines Bruders Wittwe unmännliche Gewalt zu üben. Dessen war er nicht fähig, und da auf meiner Mutter Geschrei viele Leute herbeikamen, entfernte er sich, nachdem er auf Euch und sie einen jener schrecklichen Blicke geworfen hatte, welche, wie man sagt, ein unglückliches Erbtheil unserer Familie von unserem Ahnherrn, Sir Alberick, sind.«

»Ich erinnere mich einigermaßen des Auftritts,« sagte Darsie, »und ich glaube, es war mein Oheim selbst, der den Umstand mir bei einer neuern Gelegenheit in's Gedächtniß zurückrief. Ich kann mir jetzt die ängstliche Abgeschlossenheit erklären, unter welcher meine arme Mutter lebte, ihre vielen Thränen, ihre krampfhaften Anfälle und ihre fortdauernde, tiefe Melancholie. Arme Mutter, was war dein Loos, und was müssen deine Gefühle gewesen sein, als es sich seinem Ende nahte!«

»Damals ergriff sie,« sagte Lilias, »jede Vorsichtsmaßregel, welche ihre Erfindsamkeit ihr eingeben konnte, um auch Euer Dasein vor dem gefürchteten Manne, ja vor Euch selbst, zu verbergen, denn sie fürchtete, wie sie sich öfters ausgedrückt haben soll, das feurig wilde Blut der Redgauntlet's würde Euch antreiben, Euer Geschick mit dem Eures Oheims zu vereinigen, der noch immer mit politischen Intriguen sich beschäftigte, welche die meisten andern Menschen als verzweifelt betrachteten. Auch war es möglich, daß er so gut, als Andere, Verzeihung erhielt, da die Regierung von Jahr zu Jahr sich milder gegen die Rechte der Jacobiten bewies, und dann konnte er als gesetzlicher Vormund die Aufsicht auf Eure Person ansprechen. Beide Fälle betrachtete sie als den geraden Weg zu Eurem Verderben.«

»Ich wundre mich, daß sie mich nicht unter den Schutz der Chancery stellte,« sagte Darsie, »oder mich der Sorge eines mächtigen Freundes anvertraute.«

»Sie stand,« sagte Lilias, »mit ihren Verwandten wegen der Heirath mit unserem Vater nicht auf dem besten Fuße, und hielt es für sicherer, Euch durch Verborgenheit gegen unsers Oheims Versuche zu bewahren, als durch irgend einen Schutz, den die Gesetze gewähren konnten. Vielleicht handelte sie unklug, aber sicher war ihr Verfahren sehr begreiflich, da sie durch so manches Unglück und so viele Unruhe äußerst reizbar geworden war. Samuel Griffiths, ein ausgezeichneter Banquier, und ein würdiger Geistlicher, der jetzt todt ist, waren, glaube ich, die einzigen Personen, denen sie die Ausführung ihres letzten Willens anvertraute, und mein Oheim glaubt, daß sie Beide schwören ließ, über Eure Geburt und Ansprüche das tiefste Stillschweigen zu beobachten, bis zu Eurer Großjährigkeit, und Euch unterdessen auf das Verborgenste zu erziehen, damit Ihr der Beobachtung meines Oheims um so eher entzogen würdet.«

»Und ich zweifle nicht,« sagte Darsie, »daß sie durch Aenderung des Namens und der Wohnung ihren Zweck vollständig erreicht hätten, ohne den glücklichen oder unglücklichen Zufall, ich weiß nicht, wie ich ihn nennen soll, welcher mich nach Brocken-Burn und mit Mr. Redgauntlet in Berührung brachte. Ich sehe nun auch, warum man mich vor England gewarnt hat, denn in England – –«

»In England allein, wenn ich recht verstand,« sagte Miß Redgauntlet, »könnten die Ansprüche unsers Oheims auf die Bewahrung Eurer Person mit Gewalt behauptet werden, falls er in seine gewöhnlichen bürgerlichen Rechte entweder durch die Milde der Regierung oder durch eine Veränderung derselben wieder eingesetzt würde. In Schottland, wo Ihr kein Eigenthum besitzt, hätte man seiner vormundschaftlichen Gewalt widerstehen und Maßregeln ergreifen können, Euch unter den Schutz der Gesetze zu stellen. Aber haltet es nicht für ein Unglück, daß Ihr nach Brocken-Burn gekommen seid, ich fühle, daß die endlichen Folgen glücklich sein müssen; haben sie nicht bereits uns Beide zusammengeführt?« Bei diesen Worten streckte sie die Hand gegen ihren Bruder aus, der sie mit einer Zärtlichkeit drückte, die sehr gegen die Art abstach, womit er sie diesen Morgen zum ersten Mal ergriffen hatte. Es entstand eine augenblickliche Pause, während welcher beider Herzen von dem Gefühl der Geschwisterliebe überfloßen, einem Gefühl, dem die Umstände sie bisher entfremdet hatten.

Endlich brach Darsie das Stillschweigen, und sagte: »ich bin beschämt, meine theuerste Lilias, daß ich Euch so lange über Gegenstände sprechen ließ, die nur mich betrafen, während ich in völliger Ungewißheit über Eure Geschichte und gegenwärtige Lage blieb.«

»Die erstere ist nicht sonderlich interessant, und die letztere weder sehr sicher, noch sehr angenehm,« antwortete Lilias; »jetzt aber, mein theuerster Bruder, werde ich eine unschätzbare Stütze haben an Eurem Ansehen und Eurer Liebe, und könnten wir nur die so nahe bevorstehende furchtbare Crisis glücklich überstehen, so habe ich für die Zukunft wenig Furcht.«

»Laßt mich wissen,« sagte Darsie, »was unsere gegenwärtige Lage ist, und verlaßt Euch darauf, daß ich zu Eurer und meiner Vertheidigung das Aeußerste versuchen werde. Aus welchem Grunde kann mein Oheim wünschen, mich als Gefangenen zurückzuhalten? Wenn aus bloßem Widerstreben gegen den Willen meiner Mutter, diese ist schon so lange nicht mehr, und ich sehe nicht ein, warum er wünschen sollte, mit so viel Beschwerden und Gefahr den freien Willen eines Menschen zu beschränken, der nach wenigen Monaten das Recht erhält, für sich zu handeln.«

»Mein theuerster Arthur,« antwortete Lilias, »denn dieser Name gebührt Euch eben so wohl, als der Name Darsie, es ist ein Hauptzug in meines Oheims Charakter, daß er jede Kraft seines gewaltigen Geistes dem Dienste der verbannten Familie Stuart gewidmet hat. Der Tod seines Bruders, die Verschleuderung seines eigenen Vermögens haben seinem angeerbten Eifer für das Haus Stuart einen tiefen und fast persönlichen Haß gegen die jetzige regierende Familie beigemischt. Mit einem Wort, er ist ein politischer Schwärmer von höchst gefährlicher Art, und geht bei seinen Unternehmungen mit einer Zuversicht zu Werke, als hätte er das Gefühl, er sei der Atlas, der allein im Stande sei, eine sinkende Sache aufrecht zu erhalten.«

»Und wo oder wie, meine Lilias, habt denn Ihr, da Ihr gewiß unter seiner Leitung erzogen wurdet, über solche Gegenstände verschieden von ihm denken lernen?«

»Durch einen sonderbaren Zufall,« erwiderte Lilias, »in dem Nonnenkloster, wo mich mein Oheim hinbrachte. Obgleich die Aebtissin ganz eine Dame nach seinem Herzen war, so fiel doch meine Erziehung, als einer Kostgängerin, einer vortrefflichen Alten zu, welche die Grundsätze der Jansenisten angenommen hatte, vielleicht mit größerer Hinneigung zu den Lehren der Reformirten, als der Katholiken. Die geheimnißvolle Weise, mit der sie mir diese Lehren beibrachte, gaben ihnen bei meiner Jugend einen noch größeren Reiz, und ich ergriff sie um so lieber, je mehr sie mit den Lehren der Aebtissin, die ich wegen ihrer Strenge haßte, in geradem Widerspruche standen; ich fühlte ein kindliches Vergnügen, ihrer Aufmerksamkeit zu spotten, und in meinem Innern selbst Allem dem zu widersprechen, was ich öffentlich mit Ehrfurcht anhören mußte. Freiheit der religiösen Meinung führt, wie ich glaube, politische Glaubensfreiheit mit sich, denn ich hatte nicht so bald die Unfehlbarkeit des Papstes aufgegeben, als ich die Lehre vom erblichen und unantastbaren Rechte zu bezweifeln begann. Kurz, so sonderbar es auch scheinen mag, ich trat aus einem Pariser Kloster nicht gerade als vollendete Whig und Protestantin, doch mit so großer Neigung dazu, als wäre ich in den protestantischen Schulen in Edinburg erzogen worden.«

»Vielleicht noch mehr,« erwiderte Darsie; »denn je näher der Kirche – – das Sprichwort ist schon etwas abgenutzt. Aber wie vertrugen sich Eure freisinnigen Meinungen mit den gerade entgegenstehenden Vorurtheilen meines Oheims?«

»Sie würden sich vertragen haben wie Feuer und Wasser,« antwortete Lilias, »hätte ich die meinigen blicken lassen; da sie mich aber fortwährendem Tadel und Vorwürfen oder noch etwas Schlimmerem ausgesetzt hätten, so hielt ich sie möglichst geheim, so daß gelegentlicher Tadel wegen Kälte oder Mangel an Eifer für die gute Sache das Schlimmste war, was ich zu erfahren hatte, doch dieß war schlimm genug.«

»Ich lobe Eure Vorsicht,« sagte Darsie.

»Ihr habt wohl recht,« erwiderte seine Schwester, »denn ich erhielt, als ich kaum eine Woche mit ihm bekannt war, einen so schrecklichen Beweis von meines Oheims entschlossenem Charakter, daß ich belehrt wurde, wie gefährlich es sein würde, ihm zu widersprechen. Ich will Euch den Umstand erklären, denn Ihr werdet daraus besser, als aus irgend etwas Anderem, was ich von seiner Keckheit und Schwärmerei anführen könnte, seinen romantischen und entschlossenen Charakter kennen lernen.«

»Ich hatte mich manches lange Jahr im Kloster befunden, da wurde ich zu einer hagern, alten, schottischen Dame von hohem Rang, der Tochter eines Unglücklichen, gebracht, dessen Haupt im Jahr 1715 im Temple-Bar aufgesteckt worden war. Sie lebte von einer kleinen Pension vom französischen Hofe und gelegentlichen Geschenken der Stuarts, wozu das jährliche Kostgeld, das für mich bezahlt wurde, einen wünschenswerthen Beitrag bildete. Sie war weder übellaunisch noch geizig, sie schlug mich nicht, und ließ mich nicht fasten, aber sie war so vollkommen von Rangsucht und Vorurtheilen eingenommen, so furchtbar gründlich in der Genealogie, und so schneidend bitter in Sachen der britischen Politik, daß ich oft dachte, es sei Schade, daß die Hannoveraner, welche ihrem gewöhnlichen Ausdruck zu Folge ihren armen theuern Vater ermordet hatten, seine theure Tochter im Lande der Lebendigen ließen. Deßhalb war ich erfreut, als mein Oheim erschien, und mir plötzlich sein Vorhaben ankündigte, mich nach England zu führen. Meine ausschweifende Freude bei dem Gedanken, Lady Rachel Rougedragon zu verlassen, wurde etwas gemäßigt, als ich den düstern Blick, das stolze Benehmen und den befehlenden Ton meines nahen Verwandten bemerkte. Er unterhielt sich indessen auf der Reise mehr mit mir, als sich mit seinem sonstigen verschlossenen Wesen vertrug, und schien sehr begierig, sich von meinem Charakter, besonders in Hinsicht des Muths, genau zu unterrichten. Ob ich gleich nur eine ziemlich zahme Redgauntlet bin, so besitze ich doch so viel von unserm Familiengeiste, um mich in Gefahren so gefaßt, als die meisten meines Geschlechtes, zu benehmen, und bei zwei Gelegenheiten im Laufe unserer Reise – einem drohenden Räuberangriff und einem Umsturz unsers Wagens – war mein Benehmen der Art, meinem Oheim eine sehr vortheilhafte Idee von meiner Unerschrockenheit beizubringen. Wahrscheinlich munterte ihn dieß auf, den sonderbaren Plan, mit dem er umging, in Ausübung zu bringen.

»Ehe wir London erreichten, änderten wir die Art unsers Fortkommens, so wie den Weg, auf welchem wir uns der Stadt näherten, mehr als einmal; dann machten wir gleich einem Hasen, der wiederholt in einiger Entfernung von dem Sitze, den er einzunehmen gedenkt, abschweift, und endlich aus der größten Entfernung, die er mit einem Sprunge zurücklegen kann, in denselben hineinschlüpft, eine angestrengte Tagreise, und langten in einer stillen und dunkelen Wohnung in einer kleinen alten Straße von Westminster, nicht weit von der Abtei, an.

»Am folgenden Morgen ging mein Oheim aus, und kehrte erst nach einigen Stunden zurück. Unterdessen hatte ich keine andere Unterhaltung, als auf das mannigfache Geräusch zu hören, das auf einander folgte, oder verwirrt durch einander den ganzen Morgen über herrschte. Ich hatte Paris für die geräuschvollste Hauptstadt in der Welt gehalten, aber Paris schien im Vergleich mit London eine schweigende Mitternacht. Kanonen donnerten nah und fern, Trommeln, Trompeten und militärische Musik jeder Art, tönten ohne Unterlaß durch einander. Um das Conzert vollständig zu machen, klangen auch ohne Unterlaß die Glocken von hundert Thürmen. Von Zeit zu Zeit hörte man den Zuruf einer unermeßlichen Menschenmenge, gleich dem Tosen des Meers, und bei allem dem war ich nicht im Stande, mir den geringsten Begriff von dem zu machen, was vorging, denn die Fenster unsers Zimmers gingen auf einen großen, öden Hinterhof. Meine Neugierde stieg ungemein, denn ich wurde endlich gewiß, daß eine Festlichkeit vom ersten Range solch' ein immerwährendes Getös verursache.

»Mein Oheim kam endlich zurück, und mit ihm ein Mann von einem sonderbar abstoßenden Aeußern. Ich brauche ihn Euch nicht zu beschreiben, denn – seht Euch nicht um – er reitet in diesem Augenblicke hinter uns.«

»Diese respektable Person war vermuthlich Mr. Christal Nixon?« fragte Darsie.

»Der Nämliche,« antwortete Lilias, »macht keine Bewegung, die ihm verrathen könnte, daß wir von ihm sprechen.«

Darsie gab durch Zeichen zu erkennen, daß er sie verstanden habe, und sie fuhr in ihrer Erzählung fort.

»Sie waren Beide in voller Kleidung; mein Oheim nahm einen Bündel aus Nixon's Hand, und sagte zu mir: Lilias, ich komme, dich an einen Ort zu führen, wo du eine große Feierlichkeit sehen wirst; lege, so schnell du kannst, die Kleidung an, die du in diesem Paket findest, und bereite dich, mir zu folgen. Ich fand eine prächtige und geschmackvolle weibliche Kleidung, die aber etwas an die antike Form gränzte. Es kann englische Mode sein, dachte ich, ging voll Neugierde auf mein Zimmer, wo ich mich in Eile ankleidete.

»Mein Oheim betrachtete mich mit Aufmerksamkeit: Sie kann für eines von den Blumenmädchen gelten, sagte er zu Nixon, der bloß mit einem Kopfnicken antwortete.

»Wir verließen mit einander das Haus, und ihre Kenntniß der Gassen, Höfe und Nebenwege war so groß, daß diejenigen, durch welche wir gingen, still und verlassen waren, obgleich in den Hauptstraßen das Getöse einer Menschenmasse sich vernehmen ließ; die Straßenläufer, denen wir begegneten, würdigten uns, ermüdet durch das Anschauen schönerer Gestalten, kaum eines vorübergehenden Blicks, obgleich wir zu jeder andern Zeit unter diesem Vorstadt-Pöbel eine beunruhigende Aufmerksamkeit erregt haben würden. Endlich gingen wir über eine breite Straße, wo viele Soldaten Wache hielten, während andere, erschöpft, durch schon gethane Dienste, aßen, tranken, rauchten und neben ihren zusammengestellten Waffen schliefen.

»Eines Tags, Nixon,« sprach leise mein Oheim, »wollen wir schon die Rothröcke lehren, wachsamer bei ihren Waffen zu sein.«

»Oder es wird um so schlimmer für sie sein,« entgegnete sein Gefährte mit einer Stimme, so widrig, wie sein Gesicht.

»Unbefragt und unaufgehalten gingen wir durch die Wachen hindurch, und Nixon klopfte dreimal an eine kleine Hinterpforte in einem ungeheuren alten Gebäude, welches gerade vor uns stand. Die Thüre ging auf, und wir traten ein, ohne daß ich bemerkte, wer uns eingelassen hatte. Durch ein paar enge und dunkle Gänge gelangten wir endlich in einen ungeheuern gothischen Saal, dessen Pracht ich unmöglich beschreiben kann.«

»Er war durch viele tausend Wachskerzen erleuchtet, deren Glanz anfangs meine Augen blendete, da wir gerade aus dem dunkeln und geheimen Eingang traten. Als mein Gesicht aber seine volle Kraft wieder erlangt hatte, wie soll ich beschreiben, was, ich sahe? Unten standen ungeheure Tische, an denen Prinzen und Edle saßen, in ihren Staatskleidern, Großbeamte der Krone in ihrer Amtskleidung und andern Abzeichen ihrer Würde, – ehrwürdige Prälaten und Richter, die Weisen der Kirche und des Gesetzes in ihren einfachern, doch nicht minder feierlichen Gewändern, – nebst manchen andern, deren alterthümliches und auffallendes Kostüme ihre Bedeutsamkeit ankündigt, obgleich ich nicht errathen konnte, wer sie sein möchten. Auf einmal aber wurde mir Alles klar, – es war das Krönungsfest, wie mir auch das Gemurmel um mich her bestätigte. An einer Tafel, die höher war, als die übrigen, und sich über das ganze obere Ende des Saals erstreckte, saß auf dem Throne, der junge Herrscher selbst, umgeben von den Prinzen vom Geblüt und andern Würdenträgern, und empfing die Huldigung und Verehrung seiner Unterthanen. Herolde und ihre Gehülfen, schimmernd in ihrer phantastischen, aber glänzenden Wappentracht, und Ehrenpagen wunderlich aussehend in der Tracht alter Zeiten, standen aufwartend hinter den speisenden Fürsten. In den Gallerien, womit der geräumige Saal umgeben war, glänzte alles, je mehr, als meine arme Einbildungskraft an glänzendem Reichthum oder bezaubernder Schönheit ersinnen konnte. Zahllose Reihen von Damen, deren Diamanten, Juwelen und glänzender Anzug ihren geringsten Reiz ausmachten, sahen, hinab von ihren hohen Sitzen auf die reichste Scene unten, und boten selbst wieder einen Anblick dar, so blendend und schön, als der, dessen Zuschauer sie waren. Unter diesen Gallerien und hinter den Tischen der Speisenden befanden sich eine Menge Edelleute, gekleidet, als wenn sie am Hofe aufwarteten, deren Anzug aber, obgleich reich genug, ein königliches Paradezimmer zu schmücken, sie bei einer Scene, wie diese, nicht auszeichnen konnte. Unter diesen nun wandelten wir einige Minuten unausgezeichnet und unbemerkt umher. Da ich mehrere junge Personen wie mich gekleidet sah, so war ich wegen meiner sonderbaren Kleidung nicht verlegen, und freute mich nur, am Arm meines Oheims hängend, des magischen Glanzes einer solchen Scene, und über seine Güte, daß er mir dieß Vergnügen verschafft habe.

»Nach und nach bemerkte ich, daß mein Oheim einige Bekannte unter denen hatte, die sich unter den Gallerien befanden, und wie wir selbst, nur Zuschauer der Feierlichkeit zu sein schienen. Sie erkannten einander an einem einzigen Worte, oft nur an einem Griff der Hand, tauschten ohne Zweifel besondere Zeichen aus, und bildeten allmälig eine kleine Gruppe, in deren Mittelpunkt wir uns selbst befanden.

»Ist es nicht ein großer Anblick, Lilias?« sagte mein Oheim. »Alle Edlen, alle Weisen und alle Reichen Großbritanniens sind hier versammelt.«

»Es ist in der That Alles,« sagte ich, »was meine Phantasie von königlicher Macht und Glanz sich denken, konnte.«

»Mädchen,« lispelte er, und mein Oheim kann seinem Lispeln einen so schrecklichen Nachdruck geben, als seiner Donnerstimme, »alle Edeln und Würdigen in diesem schönen Lande sind hier versammelt, aber nur um gleich Sklaven und Schmarozern vor dem Thron eines neuen Usurpators zu kriechen.«

»Ich blickte ihn an, und das finstere Erbzeichen unseres unglücklichen Ahnherrn war schwarz auf seiner Stirne.

»Um Gottes Willen, Sir, bedenkt, wo wir sind.«

»Fürchte nichts,« sagte er, »wir sind von Freunden umgeben.« Als er vorwärts schritt, schütterte seine starke, nervigte Gestalt zusammen durch die unterdrückte Gemüthsbewegung. »Siehe,« sagte er, »dort bückt sich Norfolk der Abtrünnige vom katholischen Glauben, dort steht der Bischof von –, der Verräther der Kirche von England, und – o Schande der Schande! dort beugt der riesenhafte Errol das Haupt vor dem Enkel dessen, der seinen Vater ermordete! Aber ein Zeichen soll gesehen werden diese Nacht unter ihnen, – Mene, Mene, Takel, Upharsin, soll auf diesen Mauern gelesen werden, wie es einst die gespenstige Hand mit deutlichen Zügen auf die Mauern Belsazars schrieb!«

»Um Gottes Willen,« sagte ich in schrecklicher Unruhe, »es ist unmöglich, daß Ihr hier an Gewalt denken könnt in dieser Gegenwart.«

»Wer denkt denn daran, Närrin?« erwiderte er, »auch nicht der mindeste Unfall kann uns begegnen, wenn du nur deinen gerühmten Muth zusammennehmen und meiner Leitung folgen willst. Aber thue es mit kaltem Blute und schnell, denn hundert Leben sind auf dem Spiele.«

»Himmel, was kann denn ich thun?« fragte ich tödtlich erschrocken.

»Nur rasch meinen Befehl vollziehen,« sagte er, »es gilt nur einen Handschuh aufzuheben. – Hier, nimm diesen in die Hand, bedecke ihn mit deinem Kleide, sei fest besonnen und schnell – oder ich trete auf jeden Fall selbst hervor.«

»Wenn hier keine Gewaltthätigkeit beabsichtigt wird,« sagte ich, und nahm mechanisch den eisernen Handschuh in meine Hand.

»Ich konnte mir seine Absicht nicht vorstellen, bei dem exaltirten Gemüthszustande aber, in dem ich ihn sah, war ich überzeugt, daß Ungehorsam zu einem wilden Ausbruch führen würde. Die dringenden Umstände erzeugten in mir plötzlich eine Geistesgegenwart, daß ich mich entschloß, Alles zu thun, um Gewalt und Blutvergießen abzuwenden. Ich blieb nicht lange in Ungewißheit. Ein lauter Trompetenstoß und die Stimme der Herolde vermischten sich mit dem Hufschlag der Rosse, und ein Kämpfer, vollkommen wie die bewaffnet, von denen ich in Romanen gelesen hatte, begleitet von Knappen, Pagen und dem ganzen Gefolge des Ritterthums, ritt mit Gepränge vor auf einem Berberrosse. Seine Ausforderung gegen alle Diejenigen gerichtet, welche das Recht des neuen Herrschers anzutasten wagten, wurde laut einmal und zum zweitenmal vorgelesen.

»Rasch vorwärts beim dritten Ruf,« sagte mein Oheim zu mir, »bring' mir des Ausforderers Handschuh und laß den meinigen dafür zurück.«

»Ich sah die Möglichkeit davon nicht ein, denn von allen Seiten war ich von Menschen umgeben; aber beim dritten Klang der Trompeten öffnete sich, wie auf ein Kommandowort, eine Gasse zwischen mir und dem Kämpfer, und ich hörte meines Oheims Stimme: » jetzt, Lilias, jetzt!«

»Mit raschem, aber festem Schritt, und mit einer Geistesgegenwart, die ich mir nachher gar nicht erklären konnte, entledigte ich mich meines gefährlichen Auftrags. Ich glaube, ich wurde kaum gesehen, als ich die Pfänder des Kampfs austauschte, und in einem Augenblick zurückkehrte. »Gut gemacht, mein Mädchen,« sagte mein Oheim, an dessen Seite ich mich wieder fand, umgeben wie zuvor durch die Menge der Umstehenden. »Deckt unsern Rückzug, meine Herren,« sagte er leise zu den Umstehenden.

»Raum wurde vor uns gelassen, bis wir der Mauer uns nahten, und wieder in die dunkeln Gänge kamen, durch die wir eingetreten waren. In einem kleinen Vorzimmer hielten wir an, und hastig hüllte mich mein Oheim in einen Mantel, welcher da lag; – wir gingen durch die Wachen, schritten dann durch das Labyrinth der kleinen Gassen und Höfe, und erreichten unsere abgelegene Wohnung, ohne im geringsten Aufmerksamkeit zu erregen.«

»Ich habe oft gehört,« sagte Darsie, »daß ein Weib, das man für einen verkappten Mann ansah, – und doch, Lilias, habt Ihr eben nicht viel Männliches an Euch, – des Kämpfers Handschuh bei der Krönung des jetzigen Königs aufgenommen, und dafür ein Kampf angenommen wurde, vorausgesetzt, daß ein gehöriges Feld dazu eingeräumt werde. Ich habe dieß unterdessen für ein Mährchen gehalten, und dachte nicht daran, wie nahe mich die angingen, welche bei diesem kühnen Auftritte handelten. Wo nahmt Ihr den Muth dazu her?«

»Hätte ich Zeit zum Nachdenken gehabt,« antwortete seine Schwester, »so würde ich es theils aus Grundsatz, theils aus Furcht nicht gethan haben. Ich unternahm es, wie viele Leute, welche kühne Thaten thun, weil ich nicht Zeit hatte, zurückzutreten. Die Sache wurde wenig bekannt, und der König soll jede weitere Nachforschung verboten haben, aus Klugheit und Milde, wie ich glaube, obgleich mein Oheim diese Mäßigung des Kurfürsten von Hannover, wie er ihn nennt, theils dem Kleinmuth, theils einer übermüthigen Verachtung der Partei, welche sein Recht nicht anerkennt, zuschreiben will.«

»Sind Eure spätern Handlungen bei diesem unsinnigen Schwärmer eben so gefährlich gewesen?« fragte Darsie.

»Nein, auch nicht so wichtig,« sagte Lilias, »ob ich gleich oft Zeuge von den sonderbaren und verzweifelten Umtrieben gewesen bin, wodurch er trotz aller Hindernisse, und mit Verachtung aller Gefahren den Muth einer gelähmten Partei wieder zu beleben strebt. Ich habe in seiner Gesellschaft ganz England und Schottland durchreist, und den sonderbarsten und widersprechendsten Auftritten beigewohnt; jetzt wohnten wir in den Schlössern des stolzen Adels von Cheshire und Wales, wo die zurückgezogenen Aristokraten mit Grundsätzen, so alt als ihre Wohnungen und ihre Sitten, noch immer jakobitische Meinungen hegen; die nächste Woche vielleicht brachten wir unter geächteten Schmugglern oder hochländischen Räubern zu. Ich habe oft meinen Oheim als einen wahren Helden, oft als einen gemeinen Verschwörer handeln, und mit der erstaunlichsten Beweglichkeit sich in alle Formen schmiegen sehen, um seiner Sache Anhänger zu erwerben.«

»Ich glaube, er wird finden, daß dieß in jetziger Zeit kein leichtes Unternehmen ist,« sagte Darsie.

»So schwer,« erwiderte Lilias, »daß ich glaube, er ist zu Zeiten durch den völligen Abfall der Einen und die Kälte Anderer so verdrießlich geworden, daß er auf dem Punkt stand, sein Unternehmen aufzugeben. Wie oft habe ich ihn ein heiteres Aeußere annehmen sehen, wenn er sich bei den Spielen des Adels oder den Belustigungen des gemeinen Volkes befand, um eine vorübergehende Popularität zu erwerben, während ihm das Herz brechen wollte über der Entartung der Zeiten, wie er es nannte, über die Abnahme der Thätigkeit unter den Alten und den Mangel an Eifer unter der heranwachsenden Generation. Wenn nun der Tag in den härtesten Anstrengungen vorübergegangen war, brachte er die Nacht damit zu, in seinem einsamen Zimmer auf und ab zu gehen, den Verfall der Sache beweinend, oder wünschend, daß ihn Rodens Kugel oder Belmerino's Axt getroffen haben möchte.«

»Sonderbare Täuschung,« sagte Darsie: »ist es nicht zu verwundern, daß er der Macht der Wirklichkeit nicht nachgibt?«

»Ach!« erwiderte Lilias, »die Wirklichkeiten der letztern Zeit schienen seinen Hoffnungen zu schmeicheln. Die allgemeine Unzufriedenheit mit dem Frieden, – die Unpopularität des Ministers, welche sich selbst auf seinen Herrn ausdehnte, – die verschiedenen Aufstände, welche den Frieden der Hauptstadt störten, und der allgemeine Zustand von Erbitterung und Mißvergnügen, welcher die Nation ergriffen zu haben scheint, haben die erlöschenden Hoffnungen der Jakobiten auf eine ungewöhnliche Weise ermuthigt, und sowohl am römischen Hofe, als an dem des Prätendenten, wenn man diesen so nennen kann, manche verleitet, den Einflüsterungen derjenigen, welche, wie mein Oheim, noch hoffen, wenn alle andere die Hoffnung längst verloren haben, ein geneigteres Ohr zu leihen. Ich glaube auch in der That, daß sie in diesem Augenblick auf einen verzweifelten Versuch bedacht sind. Mein Oheim hat in der letzten Zeit Alles gethan, um die Zuneigung jener wilden Gemeinden zu gewinnen, die am Solway wohnen, über welche unsere Familie oberherrliche Rechte besaß vor der Zeit der Aechtung, unter welchen auch im Jahr 1745 die Anhänglichkeit an unseren unglücklichen Vater, so wie an ihn selbst, eine beträchtliche Truppenmasse aufbrachte. Sie wollen aber seinen Aufforderungen nicht länger Gehör geben, und führen unter anderem zu ihrer Entschuldigung Eure Abwesenheit, als ihres natürlichen Oberhaupts und Führers an. Dieß hat seinen Wunsch noch erhöht, sich Eurer zu bemächtigen, und wo möglich Euch zu vermögen, daß Ihr seinen Unternehmungen Eure Billigung ertheilt.«

»Diese wird er nie erhalten,« antwortete Darsie; »meine Grundsätze und meine Klugheit verbieten gleichmäßig einen solchen Schritt. Ueberdieß wäre er für sein Vorhaben völlig unzureichend. Was immer diese Leute verwenden mögen, um Eures Oheims Zudringlichkeiten zu entgehen, sie können jetzt doch nicht mehr wünschen, ihren Nacken wieder unter das Feudaljoch zu beugen, das durch die Akte von 1748, welche die Vasallenverhältnisse und die Erbgerichtsbarkeit aufhob, zerbrochen wurde.«

»Ja, dieß betrachtet aber mein Oheim als die Handlung einer usurpatorischen Regierung,« sagte Lilias.

»Wahrscheinlich genug mag er so denken,« erwiderte ihr Bruder, »denn er ist der Lehnsherr, und verliert durch diese Akte sein Ansehen. Die Frage aber ist, was die Vasallen davon denken, welche Befreiung von der Feudalsklaverei gewannen, und jetzt seit vielen Jahren sich der Freiheit erfreuen? Indessen, um die Sache kurz abzubrechen, wenn ich durch das Aufheben meines Fingers fünfhundert Mann aufbringen könnte, so würde ich meinen Finger nicht für eine Sache erheben, die ich mißbillige, und worauf mein Oheim rechnen mag.«

»Aber Ihr könnt ja temporisiren,« sagte Lilias, auf welche der Gedanke an ihres Oheims Unwillen offenbar einen starken Eindruck machte – »Ihr könnt ja temporisiren, und die Blase selbst aufbrechen lassen, wie die meisten Edelleute in diesem Lande thun, denn es ist ausfallend, wie wenige von ihnen es wagen, sich meinem Oheim geradezu zu widersetzen. Ich bitte Euch, nicht offen mit ihm zu brechen, Euch, das Haupt des Hauses Redgauntlet, sich gegen die Familie Stuart erklären zu hören, würde entweder sein Herz brechen, oder ihn zu einer verzweiflungsvollen That treiben.«

»Ja, Lilias, Ihr vergeßt aber, daß die Folgen einer solchen Gefälligkeit machen könnten, daß das Haus Redgauntlet und ich mit einem Schlage ihr Haupt verlören.«

»Ach,« sagte Lilias, »ich vergaß diese Gefahr; ich bin mit gefährlichen Umtrieben so vertraut geworden, wie man von den Wärterinnen in Pesthäusern sagt, daß sie an die Luft um sie her so gewöhnt würden, bis sie sogar das gefahrvolle derselben vergäßen.«

»Und doch,« sagte Darsie, »wenn ich mich in Freiheit setzen könnte, ohne es zu einem öffentlichen Bruch kommen zu lassen – sage mir, Lilias, hältst du es für möglich, daß er einen augenblicklichen Versuch im Sinne haben kann?«

»Die Wahrheit zu gestehen,« antwortete Lilias, »ich kann daran nicht zweifeln. Eine ungewöhnliche Bewegung ist unter den Jacobiten dieses Landes gewesen. Sie bauen Hoffnungen, wie ich Euch gesagt habe, auf Umstände, welche mit ihrer eigenen Stärke in keinem Zusammenhang stehen. Kurz, ehe Ihr in diese Gegend kamt, wurde meines Oheims Wunsch, Euch zu finden, lebhafter, als je; er sprach von Leuten, die im Augenblick zusammengebracht werden sollten, von Eurem Namen und Eurem Einfluß, um sie in Aufstand zu bringen. Zu derselben Zeit fand Euer erster Besuch zu Broken-Burn statt. Eine Vermuthung erhob sich bei meinem Oheim, Ihr möchtet der Jüngling sein, den er suchte, und diese wurde bestätigt durch Papiere und Briefe, die der schurkische Nixon aus Eurer Tasche zu nehmen keinen Anstand nahm. Indessen hätte eine Täuschung einen unglücklichen Ausgang haben können, und mein Oheim ging darum nach Edinburg, um den Faden, den er erhalten hatte, weiter zu verfolgen, und wußte von dem alten Fairford genug herauszulocken, um sich gewiß zu machen, daß Ihr die gesuchte Person wäret. Unterdessen suchte ich durch ein eigenes, und vielleicht zu kühnes Unternehmen Euch durch Euern Freund, den jungen Fairford, warnen zu lassen.«

»Ohne Erfolg,« sagte Darsie erröthend unter seiner Maske, als er sich erinnerte, wie sehr er seiner Schwester Meinung verkannt hatte.

»Ich wundere mich nicht, daß die Warnung fruchtlos war,« sagte sie, »die Sache sollte so kommen. Euer Entkommen würde indessen schwer gewesen sein, denn Ihr wurdet die ganze Zeit, die Ihr in Shepherds Busch und in Mount Sharon waret, durch einen Spion, der Euch kaum einen Augenblick verließ, genau bewacht.«

»Der elende kleine Benjie!« rief Darsie aus; »ich drehe dem Affen den Hals um, sobald ich ihm begegne.«

»Er war es in der That,« sagte Lilias, »der Christal Nixon unaufhörlich Nachricht gab von dem, was Ihr vornahmt.«

»Und dem Christal Nixon dazu,« sagte Darsie; »ich bin ihm ohnehin noch ein Tagwerk in der Ernte schuldig; denn ich müßte mich sehr irren, oder er ist es gewesen, der mich zu Boden schlug, als ich unter den Aufrührern zum Gefangenen gemacht wurde.«

»Sehr wahrscheinlich, denn er ist zu jeder Schlechtigkeit bereit und willig. Mein Oheim war sehr ungehalten darüber, denn obgleich der Aufstand erregt war, um eine Gelegenheit zu haben, Euch in der Verwirrung hinwegzuführen, so wie auch um die Fischer in Zwiespalt mit den Gesetzen zu bringen, so wäre es doch sein letzter Gedanke gewesen, Euch auch nur ein Haar zu krümmen. Aber Nixon hat sich in alle Geheimnisse meines Oheims eingedrängt, und einige von diesen sind so finsterer und gefährlicher Art, daß ich zweifle, ob er es wagt mit ihm in Streit zu kommen, obgleich es wenig Dinge gibt, die er nicht wagt. Und doch ist das, was ich von Christal weiß, der Art, daß es meinen Oheim bewegen könnte, ihm den Degen durch den Leib zu jagen.«

»Um's Himmels Willen, was ist das?« fragte Darsie, »ich bin ganz besonders begierig, das zu wissen.«

»Der alte brutale Tollkopf, dessen Gesicht und Seele eine Schandschrift auf die menschliche Natur sind, hat die Frechheit gehabt, die Nichte seines Herrn als eine Person zu betrachten, der er seine Huldigung darbringen dürfe, und als ich ihm den Unwillen und die Verachtung zeigte, die er verdiente, murmelte der Elende etwas her, als ob er das Schicksal unserer Familie in der Hand hätte.«

»Ich danke Euch, Lilias,« sagte Darsie lebhaft, – »ich danke Euch von ganzem Herzen für diese Mittheilung. Ich habe als Christ mir Vorwürfe darüber gemacht, daß ich von dem ersten Augenblicke an, wo ich diesen Schurken sah, ein unbegreifliches Verlangen in mir fühlte, ihm eine Kugel durch den Kopf zu jagen; jetzt aber habt Ihr mir diesen löblichen Wunsch vollkommen erklärlich gemacht und gerechtfertigt. Ich wundere mich nur, daß mein Oheim bei dem mächtigen Geist, den er nach Eurer Beschreibung besitzt, den Schurken nicht durchschaut.«

»Ich glaube, er hält ihn mancher Schlechtigkeiten fähig,« antwortete Lilias, – »für selbstsüchtig, verhärtet, roh und menschenfeindlich. Dann weiß er aber wieder, daß er die zu einem Verschwörer nothwendig erforderlichen Eigenschaften besitzt, – unerschrockenen Muth, eine unerschütterliche Kaltblütigkeit und Geschicklichkeit, und eine unverletzliche Treue. An dem letzten Punkt kann er sich irren. Ich habe gehört, daß man Nixon tadelte wegen der Art, wie unser armer Vater nach der Schlacht bei Culloden gefangen genommen wurde.«

»Ein anderer Grund für meinen angeborenen Haß,« sagte Darsie, »aber ich will auf meiner Hut sein gegen ihn.«

»Seht, er beobachtet uns nahe,« sagte Lilias; »was ist es doch für eine Sache um das Gewissen. Er weiß, daß wir jetzt von ihm sprechen, obgleich er kein Wort von dem hören konnte, was wir sagten.«

Es schien, als hätte sie richtig vermuthet; denn Christal Nixon ritt in diesem Augenblick an sie heran, und sagte mit affektirter Lustigkeit, die seinem finstern Gesichte schlecht stand: »kommt, junge Damen, ihr habt diesen Morgen Zeit genug gehabt zu eurem Geplauder, und eure Zungen müssen, denke ich, müde sein. Wir gehen jetzt durch ein Dorf, und ich muß bitten, euch zu trennen, – Ihr, Fräulein Lilias, reitet ein wenig hinten, – und Ihr, Frau, Fräulein oder Herr, wie Ihr Euch lieber nennen hört, Ihr reitet ein wenig vorwärts.«

Lilias wandte sogleich ihr Pferd, ohne zu sprechen, doch nicht, ohne ihrem Bruder einen ausdrucksvollen Blick zugeworfen zu haben, der ihm Vorsicht empfahl, diesen erwiderte er durch ein Zeichen, welches andeutete, daß er sie verstanden habe, und ihr Verlangen erfüllen wolle.

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